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Full text of "Wochenschrift für die gesammte Heilkunde"

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Bayer.  Staatsbibliothek 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammtc 

HEILKUNDE. 


Herausgegeben 

vom 

Dr.  J.  L.  Casper, 

Ritter  des  roiben  Adler- Ordens  dritter  Klasse  mit  der  Schleife,  des  K.  Russ.  Stanislaus- 
Ordens  sweiter  Klasse,  des  K.  Belg.  Leopold  - Ordens  und  des  Gr.  Weira.  Falken  - Ordens, 
König!.  Geh.  Medicinal  - Rath  und  ord.  Mitglied  der  wissenschaftlichen  Deputation  für  das 
Mcdtcinal -Wesen  ira  Ministerio  der  Geistlichen,  Unterrichts  - und  Medicinal • Angelegen- 
heiten, ordentlichem  Professor  der  Heilkunde  an  der  Kiinigl.  Friedr.  Wilhelms- Universität, 
so  wie  an  der  König).  roedic.  chirurg.  Militair- Akademie,  Leibarst  Sr.  KOnigl.  Hoheit  de» 
Primen  Carl  von  Preussen,  gerichtlichem  Stadl  - Physieu»  von  Berlin  u.  s.  w. 


Jahrgang  1848. 


Berlin, 

bei  August  Hirschwald. 

1848. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesainmte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  IJ  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
tliigen  Registern  ist  auf  3J  Tlilr.  bestimmt,  woltir  sämmlliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  H ir  tchic ald. 


JM  1.  Berlin , den  1 ten  Januar  1848. 

Gerichtliche  Leichenöffnungen.  Erstes  Hundert.  Von  Casper  — 
Notizen  aus  der  Praxis.  Vom  Dr.  Schweich.  (Typischer  Schmerz 
des  ersten  Astes  des  N.  Irigeminus  —'Zur  Therapie  der  Furun- 
keln. Arsenik). 

Gerichtliche  Leichenöffnungen. 

Erste«  Hundert. 

Ausgeführt  und  analysirt 
von 

Casper. 


(Erster  Artikel.) 

Aerzte,  denen  durch  eine  öffentliche  Stellung  als  Kli- 
niker, Hospitaldirigenten,  Vorsteher  von  pathologisch  - ana- 
tomischen Sammlungen,  u.  s.  w.  ein  besonders  reiches 
wissenschaftliches  Material  fortwährend  zufliesst,  haben,  wie 
längst  allgemein  anerkannt,  die  Verpflichtung,  der  Wissen- 
schaft zurückzugeben,  was  dieser  gehört,  und  sie  zum  Bes- 
ten der  grossen  Masse,  denen  nicht  ein  solches  practisches 
Belehrungs-Material  zu  Gebote  steht,  nach  Kräften  zu  be- 
reichern. Ein  solches  Material  aber  bietet  die  Geschäfts- 
Verwaltung  des  gerichtlichen  Stadlphysicats  von  Berlin, 
welche  der  Verfasser  dieser  Blätter  seit  einer  Reihe  von 
Jahren  neben  seinen  Aemtern  als  Mitglied  der  obersten 
Jahrgang  1848.  1 


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wissenschaftlichen  Medicinal-Behörde  und  als  Professor  der 
Staatsarzneikunde  an  der  Universität  im  Interesse  eben  die- 
ser Aemter  übernommen,  im  reichsten  Maasse,wie  diesem 
Maasse  vielleicht  in  Europa  nur  noch  Wien  gleich  zu  set- 
zen ist.  Eine  auf  geringen  Raum  zusammengedrängle  Be- 
völkerung von  jetzt  nahe  einer  halben  Million  Menschen 
mit  ihren  Interessen  und  Leidenschaften  erklärt  die  reiche 
Zahl  von  civil-  wie  criminalrechllichen  Vorfällen,  die  zur 
Cognition  von  neun  verschiednen  Gerichtsbehörden  der  Re- 
sidenz und  ihrer  nächsten  Umgebungen  gelangend , nur  zu 
oft  die  Requisition  des  Gerichtsarztes  erforderlich  machen. 
Wie  mein  Vorgänger  in  diesem  Amte,  der  verewigte  Geh. 
Med.-Rath  Wagner,  so  habe  deshalb  auch  ich  dies  Material 
lur  den  öffentlichen  Unterricht  fortwährend  nutzbar  ge- 
macht, und  in  einem  eignen  „ medicinisch  - forensischen 
Practicum”  an  der  Universität  Sludirende  der  Medicin  und 
des  Rechts,  denen  sich  in  jedem  Semester  auch  immer 
mehrere  practische  Aerzle,  die  sich  für  Medicinal-Aemter 
befähigen  wollten,  anschlossen,  an  diesen  mir  amtlich  über- 
wiesenen Untersuchungen  an  Lebenden  und  an  Leichen 
Theil  nehmen  lassen,  woran  sich  Untersuchungen  von  Gif- 
ten u.  dergl.  m.  von  selbst  anknüpften.  Mil  welchem  lo- 
benswerthen  Interesse  aber  auch  die  jungen  Männer  immer 
sich  dieses  lebenswarmen  Stoffes  bemächtigten,  von  dessen 
Vorhandensein  sie  durch  die  blossen  Cathedervorträge  oft 
kaum  einmal  eine  Ahnung  gewonnen  hatten,  so  entspricht 
ein  solcher  Wirkungskreis  doch  noch  immer  nicht  der  oben 
angedeutelen  Verpflichtung  gegen  das  gesammte  wissen- 
schaftliche Publicum.  Mein  verewigter  Vorgänger  hat  des- 
halb mit  Recht  bereits  in  den  Jahren  1834  und  1835  zwei 
sehr  lehrreiche  Berichte  über  die  hauptsächlichsten  Vorfälle 
und  Erlebnisse  im  gerichtlichen  Stadtphysicaie  Berlins  durch 
den  Druck  veröffentlicht,  dieselben  aber  leiderl  später  nicht 
fortgesetzt.  Diesen  Faden  wieder  aufzunehmen,  ist  der 
Zweck  vorliegender  Zeilen,  in  denen  ich  auch  solchen  Le- 
sern derselben,  die  kein  specielleres  Interesse  an  gerichl- 
lich-inedicinischen  Fragen  nehmen,  vielleicht  manches  An- 


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ziehende,  die  allgemeine  Wissenschaft  betreffende,  milzu- 
Iheilen  in  den  Fall  kommen  dürfte. 

Zu  einer  ersten  Mittheilung  habe  ich  das  erste  Hun- 
dert im  Physicate  verrichteter  gerichtlich  - medicinischer 
Leichenöffnungen  bestimmt,  dereu  Resultate  ich  nach  den 
sorgfältigen , amtlichen  Aufzeichnungen  ( Protocollen ) in 
meinen  Manual-Acten  hier  summarisch  darzulegen  mir  er- 
lauben will,  daran  gelegentliche  Bemerkungen,  Erfahrungen, 
Beobachtungen,  kritische  Andeutungen  knüpfend. 

„Obduclion”  — nennt  alle  Welt  diese  Erforschungsme- 
thode, und  doch  ist  gar  nicht  zu  ermitteln,  woher  dieses 
ziemlich  neue  und  wenig  bezeichnende  Wort  für  die  bekannte 
Operation  in  die  Wissenschaft  gekommen?  Meinen 
Nachforschungen  wenigstens  ist  es  nicht  gelungen,  darüber 
Aufschluss  zu  gewinnen,  und  die  berühmtesten  Philologen 
und  Germanisten  an  unsrer  Universität,  die  ich  deshalb  be- 
fragt, haben  mir  gleichfalls  über  den  Ursprung  des  Wortes 
obductio  für  Leichenöffnung  Nichts  mittheilen  können.  Die 
Alten  kannten  nur  die  Bezeichnungen  inspectio,  sectio , dis- 
sectio,  und  es  muss  als  eino  wunderliche  Anomalie  erachtet 
werden,  dass  man  für  eine  Operation,  die  materiell  in  ei- 
nem Eröffnen  von  bis  dahin  Verschlossenem,  geistig  in  ei- 
nem Aufhellen,  Enthüllen  von  Verborgenem  besteht,  eine 
Bezeichnung  ( obducere ) in  Curs  gesetzt  und  als  gute  Münze 
angenommen  hat,  die  grade  das  Gegentheil  und  bekannt- 
lich ein  Umhüllen,  Verbergen,  Bekleiden,  Verhängen,  Ver- 
dunkeln bezeichnet!  Sehr  dankbar  würde  ich  demnach  sein, 
wenn  ein  geehrter  Leser  dieser  Zeilen  der  Wochenschrift 
etwanige  gewonnene  Aufschlüsse  über  den  wissenschaft- 
lichen Ursprung  des  Wortes:  obductio  für  Leichenöffnungen 
mittheilen  wollte. 

Wie  die  gerichtliche  Arzneiwissenschaft,  eine  Disciplin, 
die  je  tiefer  man  in  sie  practisch  und  wissenschaftlich  ein- 
gedrungen, desto  lebendiger  fesselt,  in  ihrer  Fortbildung 
von  der  der  Rechtswissenschaft  abhängig  ist,  so  auch  die 
Praxis  der  erstem  von  der  der  letztem.  Und  in  dieser 
Beziehung  steht  der  Praxis  der  gerichtlichen  Medicin  in 

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Preussen  eine  grosse  Reform  bevor,  die  in  Berlin  seit  an- 
derthalb Jahren  bereits  ins  Leben  getreten  ist,  durch  das 
Gesetz  vom  17.  Juni  1846,  die  Einführung  der  Oeffentlich- 
keit  und  Mündlichkeit  der  gerichtlichen  Verhandlungen 
verordnend.  Ein  grosser  Theil  der  medicinischen  Gutach- 
ten wird  danach  in  Berlin,  und  allen  Nachrichten  zufolge 
baldigst  auch  in  der  ganzen  Monarchie,  nicht  mehr  schrift- 
lich, sondern  mündlich  vor  der  Barre  des  versammelten  Ge- 
richtshofes abgegeben.  Nicht  unwesentlich  wird  eben  so 
auch  das  demnächst  zu  erwartende  neue  Strafgesetzbuch  — 
abgesehn  von  den  grossen  materiellen  Verschiedenheiten 
von  den  bisherigen  Ansichten,  die  wir  schon  früher  be- 
sprochen haben*)  — auf  die  Praxis  der  Preussischen  Ge- 
richtsärzte einwirken,  und  es  ist  z.  B.  mit  Gewissheit  vor- 
auszusehn,  dass,  um  zu  dem  hier  zu  besprechenden  Thema 
zurückzukehren,  die  gerichtlichen  „Obductionen”  künftig 
weit  seltner  verlangt  werden  werden,  was  die  neuste  Er- 
fahrung in  Berlin  bereits  bestätigt,  da  die  strenge  Beweis- 
theorie der  bisherigen  Criminalpraxis,  wobei  jeder  Zweifel 
beseitigt  werden  musste  u.  s.  w.,  der  blossen  freien  Ue- 
berzeugung  des  Richters  (öffentlichen  Anklägers)  Platz  ge- 
macht hat,  die  natürlich  einen  weitern  Spielraum  gewährt. 
Eben  so  auch  werden  ohne  Zweifel  durch  die  Bestimmun- 
gen des  neuen  Strafgesetzbuchs,  (da  nicht  zu  erwarten, 
dass  die  betreffenden  Paragraphen  des  eben  gedruckten 
„Entwurfs”  in  der  bevorstehenden  letzten  (ständischen) 
Berathung  noch  wesentlich  geändert  werden  werden),  die 
gerichtlichen  Sectionen  an  und  in  sich  sehr  wesentlich 
vereinfacht  werden.  Hierauf  wird  nach  dem  wirklichen 
Erscheinen  des  neuen  Strafgesetzbuchs  zurückzukommen 
sein. 

Die  hier  zunächst  zu  analysirenden  Hundert  Leichen- 
öffnungen betrafen  64  Individuen  männlichen  und  36  weib- 
lichen Geschlechts,  und  bezweckten  die  Feststellung  der 
Todesart: 


•)  Wochenschr.  1843.  S.  393  ff. 


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nach  Verletzungen  in  36  Fällen  (29  männl.  7weibl.) 

- Erstickung  u.  Schlag- 
fluss (incl.  Erhängen 

u.  Erdrosseln  -10  - (4  - 6-) 

- Misshandlungen  -9  - (4  - 5-) 

von  Neugebomen  - 21  (11  - 10  - ) 

- Ertrunkenen  -6  - (4  - 2-) 

nach  Vergiftungen  -8  - (5  - 3-) 

n.  angeblich.  Kunstfehlern  -5  - (4  - 1 - ) 

nach  Verbrennungen  - 4 - (3  - 1-) 

einer  Schwängern  1 Fall  ( — - 1 - ) 

100  (64  männl.  36  weibl.) 

Von  den  Organen,  die  bei  denen  durch  Verletzungen 
Getödteten  lädirt  worden  waren,  waren  betheiligt: 

der  Kopf 10  mal 

die  Lungen  ....  5 - 

die  Leber  ....  7 - 

die  j4rt.  Mac.  ext.  . . 1 - 

das  Herz 2 - 

die  Milz 2 - 

die  Carotis  u.  Jugularis  5 - 

die  Rippen  ....  4 - 

das  Zwerchfell  ...  3 - 

der  Magen  ....  1 - 

die  Extremitäten  . . 4 - 

die  Brust- Aorta  . . 1 - 

das  Brustbein  ...  1 - 

das  Rückenmark  . . 3 - 

die  Luft-  u.  Speiseröhre  2 - 

der  Darmcanal  ...  1 - 

die  Art.  micross.  . . 1 - 

wobei  die  höhere  Zahl  als  die  der  an  Verletzungen  über- 
haupt Gestorbenen  und  Secirten  nicht  auffallen  darf,  da  in 
nicht  wenigen  Leichen  gleichzeitig  mehrere  Organe  ver- 
letzt gefunden  wurden.  Bemerkenswerth  erscheint  es  hier- 
bei, auf  die  Immunität  mancher  Organe  und  Theile  gegen 
Verletzungen  aufmerksam  zu  machen:  denn  man  ersieht 


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aus  der  Zusammenstellung,  dass  in  Hundert  Fällen  nicht 
ein  Einzigesmal  verletzt  worden  sind:  Augäpfel,  Zunge, 
Bauchspeicheldrüse,  Nieren,  Bauch- Aorta,  Hohlvene,  Harn- 
leiter, Harnblase,  Gebärmutter  (bei  36  weibl.  Indiv.)  und 
äussere  Geschlechtstheile. 

Gehn  wir  nun  zur  Analyse  der  wichtigsten  Fälle  über, 
wobei  mit  den 

A.  Tödtungen  durch  Verletzungen 

als  denjenigen,  die  bei  dem  heutigen  mangelhaften  Stand- 
puncte  unsres  Strafrechts  für  die  Beurtheilung  die  schwie- 
rigsten zu  sein  pflegen  und  die  auch  überall  der  Zahl  nach 
unter  allen  Todesarten  überwiegend  sind,  der  Anfang  zu 
machen  sein  wird. 

I.  Tödtungen  durch  Ueberfahren  kamen  uns  unter 
hundert  Fällen  acht  Mal  zur  Untersuchung.  Hier,  wie  bei 
vielen  andern  Todesarten,  mussten  immer  noch  besondre 
Umstände  obwalten,  die  die  richterliche  Vermuthung  auf 
fremde  Schuld,  hier  auf  Fahrlässigkeit  des  Wagenführers 
u.  s.  w.  rege  machten,  weil  sonst  nach  den  gesetzlichen 
Bestimmungen  die  Fälle  gar  nicht  zur  gerichtsärztlichen  Er- 
mittelung gekommeu  wären. 

Die  Todesart  bei  dieser  Todesursache  war  natürlich 
eine  sehr  verschiedne,  je  nachdem  verschiedne  Körpertheile 
direct  und  zunächst  von  der  quetschenden  Gewalt  der  Räder 
getroflen  worden  waren.  Verhällnissmässig  oft  findet  man 
dabei  — Zersprengungen  innerer  Organe,  die  sich  dann 
ihrerseits  gewöhnlich  gar  nicht  äusserlich  an  der  Leiche 
kund  thun.  Diese  Erfahrung  habe  ich  oft,  und  nicht  bloss  in  den 
hier  folgenden  Fällen  gemacht,  sie  ist  aber  forensisch  von 
der  grössten  Wichtigkeit  und  nicht  bekannt  genug.  Henke 
i.  B.,  der  überhaupt  kein  Pracliker  war,  ein  Mangel,  der 
allen  seinen  Schriften  anklebt,  Henke  spricht  (Lehrbuch) 
nur  bei  den  Zersprengungen  der  Milz  davon,  dass  die- 
selben auch  ohne  äussere  Sugillation  Vorkommen  könnten: 
dasselbe  findet  aber  auch  in  Betreff  vou  Rupturen,  ja  von 
Fracturen,  und  zwar  sehr  häufig,  bei  den  mannichfachsten 


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andern  Theilen  Statt,  wie  ich  es  selbst  oft  genug  bei  den 
Nieren,  vielfach  bei  der  Leber,  dem  Herzen,  den  Lungen, 
bei  den  Rippen,  den  Wirbelbeinen  und  erst  vor  wenigen 
Wochen  noch  bei  einem  Querbruch  des  Brustbeins,  dessen 
Manubrium  ganz  abgebrochen  war,  beobachtet  habe.  Man 
sieht  hieraus,  wie  bedenklich  es  ist,  aus  der  blossen  Lcgal- 
inspection  von  Leichen  Schlüsse  auf  die  Todesart  und 
Todesursache  zu  ziehn,  und  was  von  der  stehenden  Phrase 
in  den  betreffenden  gerichtlichen  Publicationen  von  unbe- 
kannten Todtgefundenen:  „Spuren  äusserer  Gewalt  fehlten” 
zu  hallen  ist! 

1)  Ein  14  monatlicher,  starker  Knabe  war  durch  Ue- 
berfahren  getödtet  worden.  Ausser  kleinen  Hautabschilfe- 
rungen am  Hinterkopfe,  und  einer  etwa  Wall  nussgrossen 
Ecchymose  am  rechten  grossen  Trochanter  war  äusserlich 
gar  Nichts  Abnormes  an  der  Leiche  wahrzunehmen.  Der 
Kopf  namentlich  ganz  unbeschädigt,  und  deshalb,  und  ge- 
stützt auf  meine  frühem  Beobachtungen  bei  Ucbergefahr- 
nen,  diagnosticirte  ich  vor  der  Section  vor  meinen  umste- 
henden Zuhörern  eine  Ruptur  der  Leber  oder  der  Milz, 
welche  erstere  sich  auch  fand.  Der  rechte  Leberlappen 
war  durch  einen  Längenriss  fast  ganz  abgetrennt. 

2)  Ein  Arbeitsmann  war  durch  Anfahren  eines  Wagens 
umgeworfen  und  schnell  tödlich  verletzt  worden.  Ausser 
einer  handtellergrossen,  wie  verbrannt  ausschenden  Haut- 
stelle auf  der  linken  Brusthälfte  und  einer  unerheblichen 
Sugillation  am  rechten  Hüftbein,  denen  keine  innere  Be- 
schädigung entsprach,  war  am  Leichname  äusserlich 
Nichts  auffallend!  Dagegen  fand  sich  ein  completer 
Lingenriss  der  Leber,  der  sie  in  zwei  Hälften  getheilt 
hatte,  und  ein  Querbruch  der  fünften  und  sechsten  rech- 
ten Rippe,  die  unentdeckt  geblieben  wären,  wenn  nicht 
jene  unerheblichen  äussern  Verletzungen  Veranlassung  ge- 
geben hätten  zu  einer  gerichtlichen  Section  des  Leichnams. 

3)  Ein  sechsjähriger  Knabe  war  durch  Ueberfahren 
getödtet  worden.  Mit  Ausnahme  von  unerheblichen  Sugil- 
lationen  von  Bohnengrösse  am  linken  Hüftbein,  linken 


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Knie,  linken  Knöchel  und  rechtem  Stirnbein  ergab  die 
Inspection  der  Leiche  nichts  Abweichendes.  Aber  auch 
hier  fand  sich  als  Todesursache  ein  Längenriss  der  Leber, 
die  in  zwei  Theile  getheilt  gefunden  wurde. 

4)  Bei  einem  Säufer,  der  unter  einen  Wagen  gerieth, 
ging  ein  Hinterrad  über  den  rechten  Unterschenkel,  und 
verursachte  eine  Fract.  comminuta  beider  Knochen.  Der 
Verletzte  erhielt  alsbald  in  der  Charite  die  nöthige  Pflege, 
starb  aber  nach  achtzig  Stunden  am  Säuferwahnsinn.  Der 
Fall  wurde  in  die  gutachtliche  Annahme  zusammengefasst, 
dass  der  Tod  durch  eine  innere  Krankheit,  zu  welcher  de- 
natus  disponirt  gewesen,  erfolgt,  der  Ausbnich  dieser 
Krankheit  aber  durch  den  complicirten  Beinbruch  mit  ver- 
anlasst worden  sei. 

5)  Ein  Schiefbruch  der  linken  Tibia  war  durch  Ue- 
berfahren  bei  einer  Frau  entstanden,  und  die  Verletzte  14 
Tage  später  gestorben.  Interessant  war  der  Befund  eines 
Carcinoms  an  der  linken  Mamma,  und  gleichzeitig  eines 
beginnenden  Hydrops  ovarii  sinistri,  der  bereits  Apfel- 
grösse erreicht  hatte  und  ein  Hydatiden-Hydrops  war. 

ß)  Eine  gewiss  höchst  seltne  Kopfverletzung  ergab 
sich  bei  einem  sechsjährigen,  durch  Ueberfahren  getödte- 
ten  Mädchen.  Die  siebente  linke  Rippe  war  gebrochen, 
und  am  Schädel  fanden  sich  sechs  Brüche,  worunter  der 
eines  vollständigen  Bruchs  des  Zitzenfortsatzes  vom  Schlaf- 
bein! In  der  linken  Lunge  ein  drei  Zoll  langer  Riss. 

7)  Bei  einem  sechsjährigen,  auf  eben  diese  Weise 
getödteten  Knaben  war  eine  Fissur  in  der  Basis  cranii  die 
Todesveranlassung  gewesen.  Offenbar  dagegen  nicht  Er- 
stickung, denn  die  Lungen  waren  bleich,  und  nicht,  so 
wenig  als  das  rechte  Herz  und  die  grossen  Gefässe  mit 
Blut  besonders  gefüllt.  Nichtsdestoweniger  fand  sich  die 
Schleimhaut  der  Luftröhre  purpurroth  und  einige  Tropfen 
flüssigen,  aber  nicht  schaumigen  Blutes  enthaltend.  Im 
Uebrigen  fand  sich  hier  die  Thymus  noch,  in  der  Grösse 
von  zwei  Zollen,  vor,  die  ich  aber  noch  in  weit  spätem 


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Altern,  und  Einmal  bei  einem  Knaben  von  fünfzehn  Jahren 
noch  gefunden  habe. 

8)  Während,  wie  man  schon  aus  obigen  Fällen  er- 
sieht, in  den  meisten  Fällen  beim  Ueberfahren,  wenn  es 
tödtet,  sich  sehr  erhebliche  Beschädigungen  in  der  Leiche 
finden,  war  der  Fall  von  einem  achtjährigen  Knaben  unge- 
wöhnlich, der  zwei  Tage  nach  dem  Ueberfahren  gestorben 
war,  und  bei  dem  sich  Nichts  weiter  ergab,  als  eine  drit- 
tehalb Zoll  lange  Trennung  der  Hautbedeckungen  an  der 
Stirn,  und  apoplectischer  Blutandrang  (nicht  Hämorrhagie) 
in  Gehirn  und  Sinus. 

II.  Von  Verletzungen  der  grossen  Gefässe  und 
des  Herzens  kamen  unter  hundert  Fällen  elf,  und  darun- 
ter die  wichtigsten  Mordthaten  vor,  wie  sogleich  folgende 
war: 

9)  Arbeitsmann  Siegel  — früher  Scharfrichterknecht 
gewesen  — war  von  seiner  Frau  verschmäht  worden,  und 
alle  Versuche,  sie  wieder  zu  versöhnen  und  zu  bewegen, 
wieder  zu  ihm  zu  ziehn,  mislangen.  Da  beschloss  er,  ei- 
nen letzten  Versuch  zu  machen,  und  wenn  er  scheitere, 
sie  zu  tödten.  Dies  geschah,  indem  er  ihr  mit  den  Wor- 
ten: „nun,  dann  hast  du  deinen  Lohn!”  ein  Tischmesser 
in  die  Brust  stiess.  Es  drang,  wie  S.  mir  im  Gefängniss 
wiederholt  gesagt  hat,  „wie  Butter”  ein,  und  doch  hatte 
es  die  unerhörte  Verletzung  gemacht,  das  Brustbein  in 
der  Länge  eines  Zolles  ganz  zu  penetriren.  *)  Die  Wund- 
ränder im  Knochen  waren  ganz  glatt,  ohne  Spur  von  Split- 
terung, Bruch  u.  dergl.  ln  der  Brusthöhle  fand  sich  in 
beiden  Pleurahöhlen  zusammengenommen  ein  halbes  Quart 
dunkel-flüssiges,  theilweis  coagulirtes  Blut,  und  eben  sol- 
ches, geronnenes  Blut  in  der  Menge  von  acht  Unzen,  er- 
füllte den  Herzbeutel.  Es  ergab  sich , dass  der  Messer- 
stich in  die  rechte  Lunge  an  der  Insertionsstelle  der  gros- 
sen Gefässe  eingedrungen  war,  und  auch  den  Herzbeutel, 
so  wie  den  Aortenbogen,  | Zoll  von  seinem  Ursprung 


*)  S.  diese  Wochen»chr.  Jahrg.  I84‘2.  S.  I u.  f. 


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aus  dem  Herzen,  durchbohrt  hatte.  Die  Aortenwunde  hatte 
eine  leichte  halbmondförmige  Krümmung,  war  ^ Zoll  lang 
und  hatte  scharfe,  schwach  sugillirte  Ränder.  An  der  un- 
tern Wand  des  Aortenßogens  zeigte  sich  eine  ganz  ähn- 
liche sichelförmige  Wunde,  gleichfalls  mit  scharfen,  sugil- 
lirten  Rändern,  so  dass  also  der  Messerstich  den  Aorten- 
bogen wie  das  Brustbein  ganz  durchspiesst  hatte.  Die 
Verletzte  war  mit  einem  Schrei  todt  umgesunken.  Merk- 
würdig war,  wie  so  oft  in  ähnlichen  Fällen,  die  Beschaf- 
fenheit der  äussern  Wunde,  die  diese  so  unendlich  wich- 
tige innere  Verletzung  nicht  hätte  ahnen  lassen  sollen.  Ich 
erlaube  mir,  das  hierher  Gehörige  aus  der  unten  citirten 
frühem  Mittheilung  über  den  merkwürdigen  Fall  zu  wie- 
derholen. Da  nämlich  die  Getödtete  in  einer  seitlichen 
Körperwendung  verletzt  worden  war,  nun  aber  in  der 
Rückenlage  auf  dem  Sectionstische  vorlag,  so  hatten  sich 
natürlich  die  Haulbedeckungen  verschoben,  und  die  äus- 
sere Wunde  konnte  mit  der  (noch  ganz  unbekannten)  in- 
nern  nicht  correspondiren.  Jene  aber  stellte  sich  dar  als 
eine,  zwischen  der  ersten  und  zweiten  linken  Rippe,  nahe 
an  deren  Brustbeinansatz,  schräg  von  aussen  nach  innen 
verlaufende,  \ Zoll  lange,  J Zoll  breite  Wunde  mit  scharfen 
glatten,  weder  entzündeten,  noch  irgend  sugillirten 
Rändern  und  spitzen  Winkeln.  Da  auch  keine  Spur  von 
flüssigem  oder  angetrocknetem  Blute  an  oder  in  der  Wunde 
sichtbar  war,  so  zeigte  dieselbe  vollkommen  das  Ansehn 
einer,  erst  einem  Leichname  zugefügten  Verlet- 
zung. Aehnlich  verhält  es  sich  fast  in  allen  Fällen  von 
Stich-  und  Schnittwunden,  die  durch  bedeutende  Gefäss- 
verletzung  einen  augenblicklichen  Tod  zur  Folge  haben,  da 
natürlich  dem  Organismus  hier  zu  irgend  einer  Reaction 
nach  den  Wundrändern  keine  Zeit  gelassen  wird,  und  es 
sollten  deshalb  Solche,  die  gerichtlich  - mediciniscbe  Lehr- 
bücher oder  Abhandlungen  ohne  eigne  Erfahrung  schrei- 
ben, nicht  immer  wieder  nachschreiben,  dass  man  als  dia- 
gnostische Kennzeichen  der  Verletzungen,  die  im  Leben, 
von  denen,  die  erst  nach  dem  Tode  beigebracht  waren, 


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11 


Einstülpung  der  Wundränder  nach  innen,  coagulirtes  Blut 
an  denselben,  Geschwulst,  Entzündung,  Eiterung  u.  s.  w., 
betrachten  müsste,  was  so  wenig  im  vorliegenden  Falle, 
wie  in  allen  ähnlichen  von  schnell  erfolgtem  Tode,  die 
ich  gesehn,  beobachtet  wurde,  und  wovon  die  nachstehenden 
Fälle  noch  Beweise  geben  werden.  Im  Uebrigen  füge  ich 
mit  Einem  Worte  an,  dass  der  Gattenmörder  zum  Tode 
verurtheilt,  aber  begnadigt  wurde.  Sehr  ähnlich  in  Bezie- 
hung auf  die  beigebrachtc  Verletzung  gestaltete  sich 

10)  ein  Fall  eines  sehr  grausamen  Kindermordes.  Eine 
uneheliche,  zum  zweitenmal  geschwängerte  Dienstmagd 
hatte  in  der  Nacht  im  Keller  heimlich  geboren,  und  das 
Kind  zuerst  durch  mehrfache  Stiche  mit  einem  Tischmesser 
gctödtet,  und  dann  noch  das  eben  Sterbende  mit  einem 
Spaten,  mit  dem  sie  es  im  Sande  verscharrte,  äusserlich 
vielfach  verletzt.  Die  rechte  Carotis  war  in  der  Brust- 
höhle durch  Einen  Stich  angestochen  worden.  Ein  Andrer 
hatte  die  Wirbelsäule  zwischen  dem  fünften  und  sechsten 
Halswirbel  vollständig  getrennt,  und  auch  das  Rückenmark 
an  dieser  Stelle  vollständig  zerschnitten.  Die  gerichtsärzt- 
liche Beurtheilung  des  Falles  war  folglich  leicht.  Dagegen 
erregte  weniger  ein  medicinisches,  als  sehr  erheblich  ein 
juristisches  Interesse  folgender  Umstand,  und  zeigte,  wie 
wichtig  es  ist,  bei  einer  Legalsection  mit  höchster  Auf- 
merksamkeit zu  verfahren.  Die  Angeschuldigte  gab  an, 
dass  sie,  nachdem  sie  das  Kind  geboren  und  dieses  noch 
durch  die  Nabelschnur  mit  ihr  verbunden  gewesen,  nach 
der  nahen  Küche  gegangen  sei  und  ein  Tischmesser  ge- 
holt habe,  um  mit  demselben  die  Nabelschnur  zu  durch- 
schneiden,  und  dass  sie  dann  erst,  da  sie  einmal  das 
Messer  in  der  Hand  gehabt  und  von  Schreck  und  Angst 
übermannt,  plötzlich  den  Gedanken  gefasst  und  ausgeführt 
gehabt  habe,  ihr  Kind  zu  tödten.  Sonach  wäre  ihre  That 
für  den  Strafrichter  nur  ein  Todlschlag  gewesen.  Nun  war 
aber  natürlich  gleich  bei  der  Legalinspeclion , wo  man  die 
spätem  Discussionen  noch  nicht  ahnen  konnte,  genau  auf 
die  Beschaffenheit  der  Ränder  des  Nabelschnurrestes  ge- 


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12 


achtet  worden,  und  es  hatte  sich  dabei  ganz  unzweifelhaft 
durch  deren  ganz  ungleiche,  gezackte,  gezahnte  Ränder 
ergeben,  dass  der  Nabelstrang  nicht  mit  einem  scharfen 
Instrumente,  sondern  durch  Reissen  getrennt  worden  sein 
musste.  Das  von  der  Thäterin  später  recognoscirte  Mord- 
instrument war  nun  vollends  ein  sehr  scharfes  gewesen, 
und  um  so  mehr  mussten  wir,  trotz  ihrer  Angabe,  bei 
unsrer  ursprünglichen  Behauptung  stehn  bleiben.  So  ge- 
staltete sich  denn  ihr  Verbrechen  als  Mord,  denn  es  war 
zweifellos,  dass  sie  das  Messer  nicht  geholt  hatte,  um  die 
Nabelschnur  zu  trennen,  sondern  um  das  Kind,  nachdem 
der  Strang  bereits  getrennt  gewesen,  zu  tödten,  wobei  also 
die  Prämeditation  vom  Richter  angenommen  werden  musste. 
Inculpatin  wurde  übrigens,  wegen  nicht  ganz  zweifelsfreien 
Gemüthszustandes,  nur  ausserordentlich  mit  einer  vieljähri- 
gen Freiheitsstrafe  belegt.  (Fortsetzung  folgt.) 


Notizen  aus  der  Praxis. 

Mitgetheilt 

von  Dr.  Heinrich  Schweich , pract.  Arzte  zu  Kreuznach. 

1.  Typischer  Schmerz  des  ersten  Astes  des 
Nervus  trigeminus. 

Ein  42jähriger,  in  einem  Souterrain  wohnender  Strumpf- 
wirker wurde  Morgens  um  8 Uhr  von  heftigen  Schmerzen 
in  der  Augenhöhle,  den  Augenlidern,  den  Schläfen  — der 
Stirn  — und  der  Jochbeingegend  der  linken  Seite  befallen, 
wobei  sich  Thränenfluss,  Verengerung  der  Augenlidspalte 
und  eine  schwache  Röihung  der  Bindehaut,  jedoch  keine 
Lichtscheu  des  leidenden  Auges  zeigte.  Eine  gelinde  Be- 
schleunigung des  Pulses  begleitete  diese  Erscheinung,  welche 
unzweideutig  ein  Ergriifensein  des  Nerv,  lacrymalis.  fron- 
ialis,  vaso-ctliaris  und  infratrochlearis  bekundete.  Da  ich 
diesem  plötzlich  entstandnen  Leiden  ein  rheumatisches  Ele- 


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13 


ment  unterstellte,  so  verschrieb  ich  Salmiak  mit  etwas  Sal- 
peter und  Brechweinstein  in  refr.  dosi.  Nach  einigen  Stun- 
den war  der  Schmerz  verschwunden,  der  Kranke  befand 
sich  wohl,  konnte  weder  über  Schmerz  noch  irgend  eine 
functionelle  Störung  des  Körpers  klagen.  Indessen  verblieb 
er  den  ganzen  Tag  im  Bette,  um  die  gelind  erfolgende 
Diaphorese  nicht  zu  stören.  Am  folgenden  Tage  kehrten 
um  dieselbe  Stunde  die  oben  bezeichneten  Schmerzen  in 
ihrer  ganzen  Heftigkeit  zurück;  auch  heute  verschwanden 
sie  wie  am  vorigen  Tage.  Am  Nachmittage  des  zweiten 
Tages  verschrieb  ich  eine  Guajak- Emulsion  und  liess  ein 
Empl.  Canthar.  orJ.  hinter  das  linke  Ohr  legen,  welches 
eine  grosse  Blase  zog;  Alles’  vergebens.  Am  dritten  Tage 
stellte  sich  derselbe  Schmerz,  um  nichts  gelinder  aber  eine 
Stunde  später,  nämlich  um  0 Uhr  Vormittags,  wieder  ein, 
und  am  vierten  Tage  erschien  er  um  10  Uhr,  worauf  er 
jedesmal,  nach  mehrstündigem  Paroxysmus,  wieder  gänzlich 
verschwand.  Dieser  typisch  - postponirende  Charakter  des 
Leidens  forderte  zu  einem  Versuche  mit  dem  Chinin  auf. 
Nach  Darreichung  eines  durch  die  nunmehr  gastrisch  be- 
legte Zunge  gebotnen  Abführungsmittels  aus  Inf.  Sejmac 
mit  einem  Neutralsalze,  welches  der  Kranke  zwei  Tage 
hindurch  ohne  Verminderung  seines  periodischen  Schmer- 
zes, welcher  sofort  täglich  eine  Stunde  postponirte,  genom- 
men hatte,  schlug  ich  die  Behandlung  mit  Chin.  tulph.  ein, 
worauf  der  Schmerz  sich  täglich  verminderte,  bis  er  am 
vierten  Tage  nach  Beginn  der  Chinincur  gänzlich  ver- 
schwunden war.  Eine  Wiederkehr  dieser  im  Januar  1840 
beobachteten  Krankheit  ist  bis  jetzt  nicht  erfolgt,  und  eben 
so  wenig  zeigte  sich  eine  vicariirende  oder  Folgekrankheit, 
da  das  betreffende  Individuum  seit  jener  Zeit  gesund  ist. 

Der  vorstehende  Krankheitsfall  ist  wegen  der  typischen 
Form  der  Krankheit  und  ferner  deshalb  bemerkenswerth, 
weil  er  die  Abwesenheit  einer  palpablen  Grundlage  der 
vorhanden  gewesnen  Neuralgie  als  höchst  wahrscheinlich 
hinstellt. 


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Aehnliche  Fälle  sind  von  S.  Mondiere *),  F.  Haw- 
kins **),  hierbaum  ***)  und  Philipp  ****)  mitgetheilt. 


2.  Zur  Therapie  der  Furunkeln  und  der  Acne.  — 

Arsenik. 

In  Oesterleris  Jahrbb.  für  pract.  Heilk.  Bd.  i S.  101-2 
Iheilte  ich  eine  Beobachtung  über  Furunkeln  mit,  welche 
sich  häufig  bei  Frauen  am  Schlüsse  der  Menses  einzustel- 
len pflegen.  Es  giebt  aber,  wie  bekannt,  auch  viele  Män- 
ner, die  an  furunkulöser  Dyscrasie  leiden,  und  ich  sah  na- 
mentlich Männer  von  30  —50  Jahren  häufig  auf  den  Bauch- 
decken, in  den  Achselhöhlen,  in  der  Gesässspalte  und  an 
andern  Stellen  von  diesem  Leiden  befallen  werden,  welches 
durch  seine  Schmerzhaftigkeit,  wie  durch  das  Erforderniss 
eines  fortwährenden  Cataplasrairens  zu  einem  der  lästigsten 
Uebel  wird.  Vergebens  suchte  ich  diesem  Leiden  eine 
ätiologische  Seite  abzugewinnen.  Die  Leidenden  besitzen 
eine  gute  Magenverdauung,  regelmässige  Sluhlexcretion, 
und  waren,  so  viel  ich  ermitteln  konnte,  nie  scrophulös. 
Indessen  sind  wir  nicht  berechtigt,  unter  solchen  Umstän- 
den auch  eine  gesunde  Dünndarmverdauung  und  Chylifica- 
tion  anzunehmen.  Selbst  die  Abwesenheit  subjectiv  em- 
pfundner  Störungen  in  der  Magenverdauung  berechtigt  noch 
nicht  die  letztre  anticipando  als  gesund  anzunehnien,  da 
Secretionsfehler,  mit  Ausnahme  der  Pyrosis,  hier  wie  über- 
all sich  als  solche  nicht  unmittelbar  offenbaren,  sondern 
erst  durch  ihre  materiellen  Prodncte  erschlossen  werden 
müssen,  wi^z.  B.  bei  Steinbildung  in  Speichel,  Galle  und 
Harn.  Abführmittel,  besonders  die  Mittel-  und  Neutralsalze, 


*)  Archiv,  pdn  de  med.  1835.  Sehmidt'a  Jahrb.  Bd.  VIII»  S.  176. 

**J  Lond  med.  Ga s.  Vol.  XVI.  Juli  18.  1835.  Schmidt’«  Jahrb. 
Supplemtbd.  I.  S.  250. 

***)  Med.  Correspondenzblalt  rhein.  u.  westph.  Aerzte.  3ter  Jahrg. 
1844.  S.  238. 

*”•)  Jahrg.  1847.  Ko.  6 S.  88  ff.  dieser  Wochenschrift. 


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15 


verschlimmern  das  Uebel  regelmässig;  Antimonialia  und 
Kupfersalmiak  zeigen  sich  indifferent.  Dagegen  habe  ich 
durch  vorsichtige  Versuche  ein  Mittel  kennen  gelernt,  wel- 
ches bis  jetzt  alle  Fälle  von  Furunculosis  (5  Frauen  mit, 
2 ohne  Ecthyma,  und  8 Männer),  die  mir  zu  Gesichte  ka- 
men, gründlich  und  dauerhaft  beseitigt  hat,  ohne  irgend 
einen  Nachtheil  oder  eine  bemerkbare  Veränderung  im 
Verhalten  des  Kranken  zu  veranlassen;  dies  ist  der  Arse- 
nik. Ich  lasse  um  die  Mitte  des  Vormittags  und  Abends 
vor  dem  Schlafengehn  4 Tropfen  der  Solid.  Foiclert  neh- 
men, bis  eine  Drachme  der  Solution  verbraucht  ist;  die 
zweite  Drachme  wird  zu  5 Tropfen  genommen  und  die 
dritte  zu  fi.  Weiter  hinauf  brauchte  ich  die  Dosis  nie  zu 
steigern;  die  Cur  war,  bei  der  gewohnten  Diät  des  Kran- 
ken, immer  vollendet.  In  der  ersten  Woche  der  Behand- 
lung pflegen  gewöhnlich  noch  neue  Furunkelbildungen  sich 
einzustellen;  allein  der  örtliche  Process  kommt  nicht  voll- 
kommen zu  Stande,  die  Bildung  wird  abortiv,  verkümmert 
und  verschwindet  ohne  anderweitiges  Zuthun  wieder  ganz 
von  selbst.  Auch  das  Ecthyma  verschwindet  spurlos.  So 
unmerklich  als  die  Genesis  der  Dyscrasie,  so  unmerklich 
für  den  Kranken  geschieht  die  Herbeiführung  der  Eucra- 
sie  durch  den  Arsenik.  Nicht  Ein  Mal  fand  ich  bei  mei- 
nen Kranken  die  Vermehrung  des  Appetits,  die  Vogt  in 
seiner  Pharmakodynamik  dem  Arsenik  beilegt.  Ein  Recidiv 
eines  schmerzhaften  Furunkels  in  der  Gesässspalte  kam  nach 
Ablauf  von  i*  Jahren  bei  einem  32jährigen  Manne  vor, 
wurde  aber  durch  3 j der  Solut.  Fovoleri  wieder  beseitigt. 

An  die  vorstehende  Notiz  lassen  sich  einige  Bemer- 
kungen über  Acne  simplex  knüpfen , welche  man , wegen 
ihres  Sitzes  in  den  Talgdrüsen  und  ihres  knotig-pustulösen 
Charakters,  wohl  ohnu  Zwang  als  Furunkeln  en  miniature 
ansehn  kann.  Sie  zeigt  sich  am  häufigsten  bei  jungen,  un- 
verheiratheten  Männern  auf  der  Stirn  und  im  Gesichte,  und 
bei  Mädchen  in  den  ersten  Jahren  der  Geschlechtsreife 
blos  auf  der  Stirn.  Ihre  Ursachen  sind  nicht  weniger  la- 
tent als  die  der  Furunculosis,  ihre  Hartnäckigkeit  noch 


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lfi 


grösser,  wogegen  ihre  Heilungsfähigkeit  durch  den  Arsenik 
sich  in  demselben  Maasse  bewährte.  Jene  wird  jedoch 
leichter  als  die  Furunculosis  recidiv.  Der  hartnäckigste  Fall 
betraf  eine  lßjährige,  hocbgewachsene , stark  entwickelte, 
schon  seit  2 Jahren  menstruirte  Blondine;  die  Acne  war 
blos  auf  der  Stirn  und  rein  papulöser  Natur,  da  es  nir- 
gends zur  Pustelbildung  kam;  sie  musste  bis  zu  8 Tropfen 
steigen,  worauf  jedoch  die  gründliche  Heilung  erfolgte. 
Die  grösste  Entstellung  des  Gesichts  sah  ich  im  Jahre  1840 
bei  einem  21jährigen  Koch,  welcher  mehrere  Monate  lang 
täglich  Bittersalz  dagegen  genommen  hatte.  Gesicht  und 
Stirn  bildeten  Ein  Erythem,  auf  welchem  sich  Pustel  an 
Pustel  reihte.  Auch  er  wurde  binnen  3 Wochen  dnreh  die 
angegebene  Behandlung  mit  Arsenik  gründlich  und  dauernd 
und  ohne  den  geringsten  anderweitigen  Nachtheil  geheilt. 

Die  Schädlichkeit  der  Abführmittel  in  der  Furunculosit 
und  der  Acne  dürften  der  Vermuthung  Raum  geben,  dass 
die  Quelle  dieser  Dyscrasien  in  einer  specifiken  Irritation 
der  Darmschleimhaut  bestehe,  welche  durch  den  Reiz  der 
Abführmittel,  besonders  der  salinischen,  gesteigert  wird. 

(Schluss  folgt.) 


Für  diese  Wochenschrift  passende  Beiträge  werden  nach 
dem  Abschlüsse  jedes  Jahrgangs,  auch  auf  Verlangen  gleich 
nach  dem  Abdruck,  anständig  honorirt,  und  eingesandte 
Bücher,  wie  bisher,  entweder  in  kurzem  Anreigen  oder  in 
ausführlichen  Recensionen,  sogleich  zur  Kenntoiss  der  Le- 
ser gebracht.  Alles  Einruscndende  erbittet  sich  der  Her- 
ausgeber nur  portofrei  durch  die  Post,  oder  durch  den 
Weg  des  Buchhandels. 


Gedruckt  bei  J.  Petacb. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:*  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1 , bisweilen  Ij  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nii- 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Thlr.  bestimmt,  wofür  särnmtliche  Buch- 
handlangen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  II i r schien  Id. 


jys  2.  Berlin , den  8len  Januar  1848. 


Gerichtliche  Leichenöffnungen.  Erstes  Hundert.  Von  Casper.  (Fort- 
setzung.)~-^'Primärer  .Milzbrand  beim  Menschen.  Vom  Dr.  Re  hm. 
Mit  Bemerkungen  vom  Geh.  Med.-Rath  Prof.  Dr,  Hensinger. 


Gerichtliche  Leichen  Öffnungen. 

Erste«  Hnndert. 

Ausgeführt  und  analysirt 
von  Casper. 


(Erster  Artikel.) 

( Fortsetzung. ) 

11)  Einen  andern  Fall  einer  Verletzung  der  Ca- 
rotis ( externa ) bot  die  Leiche  eines  dreissigjährigen  Man- 
nes dar,  der  in  einer  Balgerei  einen  Messerstich  in  den 
Hals  davon  getragen  halte.  Die  linke  Carotis  war  in  ihrer 
vordem  Wand  angestochen,  und  die  überliegendcn  Muskeln 
und  Zellgewebe  zeigten  sich  ganz  mit  geronnenem  Blute 
infiltrirt.  Mit  einem  flüssigen  Blute  waren  Magen  und 
Speiseröhre  ganz  angefüllt,  offenbar  aus  einer  Verletzung 
des  Pharynx  zu  erklären,  welche  aber  bei  der  Leichenöff- 
nung nicht  aufgefunden  werden  konnte.  Der  Tod  war  drei 
Stunden  nach  der  Verletzung  erfolgt,  ohne  dass  irgend 
Jahrgang  1848.  2 


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- 18 


ärztliche  Hülfe  in  Anspruch  genommen  worden  war,  und 
so  erschien  cs  gerechtfertigt,  wenn  im  Gutachten,  da  doch 
noch  immer,  aber  jetzt  Gottlob!  die  längste  Zeit,  der  un- 
vollkommtte  Und  Unhaltbar#  MaoMstab  der  «engelhaften  drei 
Fragen  des  § iÖ9  der  Criin.  Ordnung  den  preussischen 
Gerichtsarzt  und  die  technischen  Behörden  binden,  die  ac- 
cidentelle  Lethalitüt  „wegen  Mangels  eines  zur  Heilung  er- 
forderlichen Umstandes”  angenommen  wurde. 

12)  Bekleidet  Und  bis  an  die  Brust  im  Sumpfe  ste- 
hend , hatte  man  einen  männlichen  Leichnam  mit  abge- 
schnittenem Halse  gefunden.  Ganz  durchschnitten  fanden 
wir  Luftröhre,  Speiseröhre,  linke  Carelis  und  jugniaris  und 
rechte  jugularts  extemal  Natürlich  war  allgemeihö  Verblu- 
tung im  Leichname,  an  welcher  jedoch  die  noch  sichtlich 
angefüllten  Gehimvenon  keinen  Theil  nahmen,  ein  Umstand, 
auf  welchen  ich  am  Schluss  dieser  Mittheilungen  noch  zu- 
rückkommen werde.  Fusssohlen  und  Handteller  des  Kör- 
pers waren  weissbläulich  und  ganz  faltig,  wie  bei  Wäsche- 
rinnen, wenn  sie  eben  gewaschen  haben.  Die  Mütze  des 
denatus  lag  am  Ufer  und  in  seinen  Taschen  fand  sich  Geld. 
Der  Selbstmord  war  hier  zweifellos,  und  eine  complicirte 
Todesart,  verhoflentliches  Niedersinken  in’s  Wasser,  wenn 
der  Schnitt  nicht  ein  rasches  Ende  herbeiführen  würde, 
gewählt,  wie  Lebensüberdrüssige  es  so  oft  thun,  um  ganz 
sicher  ihren  Zweck  zu  erreichen.  — Sehr  viel  schwieriger 
war  die  Frage  vom  zweifelhaften  Selbstmorde 

13)  bei  einem  Hutmachor,  den  man  gleichfalls  an  ei- 
ner Halsschnittwunde  gelödtet  fand.  Man  hatte  den  Mann 
noch  ziemlich  spät  in  der  Nacht  im  Zimmer  umhergefcen 
hören,  und  ihn  am  andern  Morgen  äuf  dem  Boden  dessel- 
ben in  Hemdsärmeln  und  mit  Hosen  und  Stiefeln  bekleidet, 
auch  mit  einem  dünnen  seidnen  Halstuch  angethan,  grade- 
über  dem  Spiegel  todt  liegend  gefunden.  Ringsum  War 
Alles  voll  Blut;  etwa  zwei  Fuss  vom  Todten  lag  ein  an<- 
sam  m engeklappt  es  (cingeschlagenes)  blutiges  RaSirmes- 
ser,  welches  aus  einem,  im  Fenster  stehenden  offenen  Ra- 
sirmesserfulteral  fehlte.  Nicht  weit  davon  lag  ein  frischer 


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Haufen  Menschenkoth.  Diese  Umstände,  so  wie  hauptsäch- 
lich der  Befund  ron  zwei  oberflächlichen  Hautwunden  in 
beiden  Eilenbogenbugen,  während  die  Hemdsärmel  die 
ganzen  Arme  bedeckten,  und  die  Verhältnisse  des  de- 
natus , der  mit  zwei  Concubinen  zusammcnlebte,  hatten  die 
Vermuthung  auf  eine  Mordthat  rege  gemacht.  Den  Tod 
hatte  eine  Halsschnittwunde  verursacht,  die  von  einer  Seite 
zur  andern  etwas  schräg  von  links  und  oben  nach  rechts 
und  unten  verlief  (ohne  dass  das  Halstuch  zerschnitten 
war  — ),  und  die  den  Kehlkopf  und  beide  äussern  Dros- 
selvenen durchschnitten,  und  einen  Verblutungstod  verur- 
sacht hatte,  der  sich  in  der  Blutleere  des  ganzen  Körpers 
(mit  Ausnahme  der  Gehirnvenen,  die  noch  sichtlich  Blut 
enthielten,)  documentirte.  Aber  es  ergaben  sich  noch  merk- 
würdige pathologische  Befunde,  die  gleichzeitig  die  Beur- 
teilung des  Falles  erleichtern.  Die  Luftröhre  war  fast  in 
ihrer  ganzen  Ausdehnung,  so  wie  die  Knorpel  des  Kehl- 
kopfe verknöchert;  auch  die  Bronchien  waren  verknöchert 
und  enthielten  Eiter,  das  Herz  war  um  die  Hälfte  seines 
Volumens  hypertrophisch  mit  Erweiterung  des  linken  Ven- 
trikels, und  die  Leber  zeigte  Cirrhosc.  Diese  Krankheiten 
hatten  den  Verstorbenen,  wie  durch  ärztliche  Atteste  und 
seine  Hausgenossen  festgestellt  ward,  seit  Jahren  sehr  lei- 
dend und  verstimmt  gemacht,  und  noch  am  Abend  vor  sei- 
nem Tode  hatte  er  geäussert:  „eine  Pistolenkugel,  und  Al- 
les ist  vorbei”!  Musste  man  schon  hiernach  zu  der  An- 
nahme eines  Selbstmordes  gelangen,  so  sprach  noch  der 
Umstand,  dass  die  Thür  des  Zimmers  von  innen  verrie- 
gelt worden  war,  dafür.  Auffallend  waren  nur  die  Arm- 
schnittwunden und  das  eingeschlagene  Rasirmesser,  worü- 
ber wir  uns,  wie  folgt,  äusserten.  „Diese  Verletzungen 
müssen  nothwendig  zuerst  beigebracht  worden  sein,  da 
nicht  anzunehmen,  dass  ein  Mensch,  der  sich  zuerst  eine 
solche  Halsverletzung  beigebracht,  sich  dann  noch  zwei 
Schnittwunden  in  den  Arm  habe  geben  können.  Gar  nicht 
abzusehn  ist  es  ferner,  was  etwanige  Mörder  veranlasst 
haben  könnte,  nachdem  sie  den  Hals  durchschnitten,  noch 

2* 


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20 


die  Arme  auf  die  vorgefundnc  Weise  einzuschneiden,  wie 
noch  weniger  anzunehmen,  dass  Dritte  zuerst  diese  leich- 
ten, und  dann  erst  die  tödtliche  Verletzung  beigebracht 
hätten.  Bekannt  aber  ist  es,  ^wie  häufig  Selbstmörder  zu- 
erst vergebliche  Versuche  machen,  um  zu  ihrem  Ziele  zu 
gelangen.  Höchst  wahrscheinlich  ist  auch  H.  so  verfahren, 
und  hat  sich  zuerst  jene  leichten  Schnitte  beigebracht,  die, 
da  sie  nur  ganz  oberflächlich  waren,  ihm  nicht  die  Besin- 
nung raubten,  und  ihm  Zeit  genug  Hessen,  die  Hemdsärmel 
noch  wieder  hinunter  zu  ziehn,  und  nun  einen  andern  und 
sicherem  Todesweg  cinzuschlagen.  Auffallend  ist  ferner 
das  bei  der  Leiche  gefundne  eingeschlagene,  blutige 
Rasirmesser.  Aber  es  liegt  Nichts  in  den  Umständen,  was 
diesen  Befund  mit  der  Annahme  eines  Selbstmordes  unver- 
einbar machen  müsste;  denn  es  ist  erfahrungsgemäss  nicht 
vorauszusetzen,  dass  der  Tod  durch  die  Halsschnittwunde 
etwa  urplötzlich  erfolgt  wäre,  vielmehr  hat  denatus  nach 
der  Analogie  ähnlicher,  ärztlich  beobachteter  Fälle,  zwei- 
fellos wohl  noch  mehrere  Minuten,  vielleicht  noch  länger 
gelebt,  und  kann  sehr  füglich  unmittelbar  nach  dem  Schnitt 
noch  das  Messer  zusamtncngeklappt  und  weggeworfen  ha- 
ben. Wie  auffallend  ferner  das  unverletzt  gefundne  Tuch 
um  den  Hals  auch  sein  mag,  so  spricht  doch  auch  dieser 
Umstand  mehr  für  Selbstmord,  als  für  die  Thal  eines  Drit- 
ten, da  kaum  anzunehmen,  dass  ein  etwaniger  Mörder, 
selbst  wenn  er  den  H.  im  Schlafe  überfallen  hätte,  so  be- 
hutsam und  langsam  zu  Werke  gegangen  wäre,  das  Hals- 
tuch hcrabzuziehn.  Endlich  ist  es  schwer,  einen  blossen 
Zufall  darin  zu  erkennen,  dass  die  Stelle,  an  welcher  der 
Leichnam  gefunden  worden,  grade  dem  Spiegel  gegenüber 
sich  befindet,  während  sich  die  Annahme  aufdrängt,  dass 
H.  diese  Stelle  absichtlich  gewählt,  um  dem  Spiegel  gegen- 
überstehend, das  Halstuch  herunterziehend,  den  Schnitt  aus- 
geführt habe.”  Diese  Ansicht  drang  durch,  und  wurde  noch 
durch  spätere  Vernehmungen  zur  Gewissheit  erhoben 


*)  Vgl.  den  analogen  Fall  unten  eub  No.  20. 


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21 


e 

14)  Mehrfache  und  sehr  interessante  pathologische  Be- 
funde, die  auf  lange  und  vielfache  Leiden  im  Leben,  die 
ohne  Zweifel  die  Veranlassung  zum  Selbstmorde  geworden, 
zurückschliessen  Hessen,  fanden  wir  in  einem  andern  Falle 
einer  tödtlichen  Halsverletzung,  die  die  linke  Carotis  und 
Jugularvene  ganz  durchschnitten  hatte.  Das  Herz  war  näm- 
lich ungewöhnlich  klein,  und  dabei  in  seiner  linken  Hälfte 
hyperthrophisch.  Der  Magen  lag  fast  vertikal  nach  dem 
Becken  zu,  und  war  sehr  deutlich  durch  zwei  Slricluren 
in  drei  Taschen  getheilt,  wobei  dessen  ganze  Schleim- 
haut verdickt  war.  Die  rechte  Niere,  so  wie  die  rechte 
A.  und  V.  renalis  fehlten  gänzlich.  Die  Todesursache  war 
natürlich  Verblutung  gewesen,  die  sich  in  der  allgemeinen 
Blutleere,  mit  Ausnahme  der  noch  mässig  angefüllten  smus 
dar.  malr.  documenlirte. 

15)  Eine  seltnere  Gelassverletzung  als  die  an  den 
grossen  Halsgeftissen  war  die  der  Arier.  iliaca  externa.  Ein 
lfijähriger  Fabrikarbeiter  erhielt  in  einem  Auflauf  einen 
Stich,  sank  mit  den  Worten:  „ich  bin  gestochen  — in  die 
Brust”  — zur  Erde,  und  verstarb  sehr  bald  darauf.  Der 
Leichnam  war  ganz  mit  Blut  besudelt  und  zeigte  eine  un- 
gewöhnliche Blutleere  der  Leber  und  Milz,  völlige  Leere 
der  grossen  Unterleibsvenen,  ungewöhnliche  Blutleere  der 
Lungen,  des  Herzens,  der  grossen  Venen  der  Brust,  sehr 
weniges  Blut  in  der  Schädelhöble  und  eine  Infiltration  des 
ganzen  Bauchfellzellgewebes  mit  extravasirlem  Blute.  Es 
fand  sich,  dass  die  Art.  iliaca  externa  hinter  dem  Poupart- 
schen  Ligament  fast  ganz  durchschnitten  war,  so  dass  nur 
noch  eine  linienbreite  Brücke  die  hintere  Arterienwand  zu- 
sammenhielt. Konnte  man  diese  Verletzung  im  Sinne  der 
ersten  Frage  des  § 169  der  Crim.  Ord.  für  allgemein  ab- 
solut letlial  erklären,  oder  musste  die  Möglichkeit  einer 
Unterbindung  erwogen  werden?  Grade  Fälle,  wie  dieser, 
zeigen  die  Unhaltbarkeit  dieser  antiquirten  gesetzlichen  Be- 
stimmungen. Wir  sagten  dem  Richter  im  Gutachten  darü- 
ber Folgendes,  was  wir  überhaupt  als  Grundsatz  in  Betreff 
der  Frage  vom  Einfluss  der  neuern  Unterbindungsversuche 


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auf  die  forensische  Praxis  aufslellen  müssen:  „Es  muss  hier 
angeführt  werden,  dass  die  vorgeschrittene  neuere  Chirur- 
gie auch  in  der  Praxis  der  Unterbindung  der  Pulsader- 
stämme erhebliche  Fortschritte  gemacht  hat,  wohin  hier 
namentlich  die  Versuche  gerechnet  werden  müssen,  Arte- 
rien selbst  im  Innern  der  Höhlen  der  Brust  und  des  Un- 
terleibs zu  unterbinden.  Zu  Letztem  gehört  aber  auch  die 
hier  in  Rede  stehende  Jri.  Mac.  cxt.  vor  ihrem  Durchtritt 
d.  h.  innerhalb  der  Bauchdecken,  also  an  der  Stelle,  an 
welcher  sie  bei  dem  P.  verletzt  worden.  Bis  jetzt  indcss 
sind  diese  grossen  und  schwierigen  Unterbindungsversuche 
nur  von  Meisterhänden,  in  sehr  seltnen  und  einzelnen  Fäl- 
len, mit  Vorbedacht  und  Vorbereitung,  und  trotz  aller  die- 
ser günstigen  Bedingungen  leider!  meist  ohne  endlichen 
glücklichen  Erfolg  ausgeführt  worden.  Wenn  hierzu  noch 
erwogen  wird,  dass  sie  geschehn,  nicht  um  eine  nach  Ver- 
letzung entstandne  Blutung  zu  stillen,  sondorn  um  eine 
Krankheit  (im  Gefässsysteme  u.  s.  w.)  gründlich  zu  heilen, 
so  ist  es  nicht  zu  weit  gegangen,  wenn  man  den  Satz  auf- 
stellt: dass  Unterbindungsversuche  der  geschilderten  Art, 
und  unter  diesen  Umständen  ausgeführt,  in  foro  als 
Heilmethoden,  um  eine  Blutung  aus  d ergleichen 
verletzten  Gefässen  zu  stillen,  wo  eben  durch  die 
Verletzung  und  die  begleitenden  Momente,  Zeit,  Ort  u.  s.  w. 
den  obigen  diametral  entgegengesetzte  Verhältnisse  obwal- 
ten, gar  nicht  in  Betracht  gezogen  werden  kön- 
nen. Wenn  aber,  um  auf  den  Fall  qu.  zurück zukom men, 
1)  eine  Unterbindung  der  verletzten  Arterie  selbst  dann 
hier  nicht  hätte  Erfolg  versprechen  können,  wenn  zufällig 
ein  sehr  geschickter  Wundarzt  mit  allem  nöthigen  Apparat 
ganz  vorbereitet  sich  bei  dem  Verletzten  befunden  hätte, 
weil  der  Tod  so  schnell  erfolgte,  dass  nicht  einmal  Zeit 
geblieben  wäre,  den  Verwundeten  zu  entkleiden  und  gehö- 
rig zu  lagern:  2)  aber  eine  anderweitige  Stillung  der  Blu- 
tung vollends  undenkbar  ist,  so  müssen  wir  annehmen,  dass 
diese  Verletzung  unbedingt  und  unter  allen  Umständen  für 
sich  allein  den  Tod  zur  Folge  haben  musste”.  (F.  f.) 


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23 


Primärer  Milzbrand  beim  Menschen. 

Beobachtet 

vom  Dr.  Rehm  in  Kirchheim. 

Nil  einigen  einleitenden  Bemerkungen  mitgetheilt  vom  Geh.  Med. -Halb 
Profesjor  Dr.  Heutinger  in  Marburg. 


Die  Gegend,  auf  welche  sich  meine  Thäligkeit  in  der 
klinischen  Anstalt  sowohl,  als  meine  weitere  amtliche  Wirk- 
samkeit zunächst  erstreckt,  besteht  aus  verschiednen  Thälern. 

Das  Lahnthal  oberhalb  und  ein  Paar  Stunden  unterhalb 
Marburg,  ganz  aus  buntem  Sandstein  bestehend,  mit  einem 
Flusse  von  starkem  Falle,  steinigem  Bette,  dessen  grosse 
Ueberschwemmungen  doch  nach  ein  Paar  Tagen  kaum  noch 
sichtbar  Bind,  ohne  alles  stehende  Wasser,  hat  keine  ende- 
mische Krankheit  (mit  Ausnahme  des  Kropfs  und  der  An- 
lage zum  Cretinismus  in  einem  einzigen  Dörfchen).  Vor 
einer  Reihe  von  Jahren  kam  in  einer  Mühle  an  der  Lahn, 
nachdem  die  Kühe  auf  einer  Lahninsel  geweidet  hatten,  in 
einem  Sommer  zwei  Mal  der  Milzbrand  vor;  dieses  war 
eine  Seltenheit  und  seit  jener  Zeit  jst  er  meines  Wissens 
nie  wieder  in  dem  Thale  vorgekommen. 

Aus  dem  Kreise  Frankenberg  kommen  jährlich  aus  ei- 
nigen Orten  Anzeigen  von  Milzbrand,  er  ist  indessen  nur 
sporadisch  und  die  Localitäten  sind  mir  noch  nicht  hinrei- 
chend bekannt. 

In  dem  Wettschaftthale  mit  Torfboden,  einem  Flüss- 
chen von  geringem  Falle,  sumpfigen  Wiesen,  ist  der  Pete- 
chialtyphus, der  jährlich,  besonders  in  einigen  Dörfern,  aber 
alle  8 bis  10  Jahre  epidemisch  und  in  allen  Dörfern  vor- 
kommt,  als  endemisch  zu  betrachten ; Milzbrand  kommt  aber 
niemals  in  diesem  Thale  vor. 

Dagegen  ist  das  Thal  der  Ohm  und  Zwiesterahn  der 
Sitz  einer  verderblichen  Milzbrandendetnie.  Dieses  übri- 
gens reiche  Thal  liegt  an  der  Grenze  zwischen  unsrem 
bunten  Sandsteine  und  den  basaltischen  Gebilden  des  Fus- 


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24 


ses  des  Vogelsbergs ; aus  dem  Thale  selbst  erhebt  sich  ein 
freier  Basaltberg,  die  Amönaburg;  an  der  westlichen  Thal- 
wand steigen  zwei  Basaltberge  aus  dem  bunten  Sandsteine 
in  die  Höhe,  die  östliche  Thalwand  enthält  ausgedehnte 
Lager  von  Doleriten,  lavaartigen  Gesteinen  und  Basalt. 
Durch  den  nördlichen  Theil  des  Thaies  strömt  die  Ohm, 
ein  Fluss  von  geringem  Falle,  der  häufig  überschwemmt 
und  auf  lange  Zeit  Lachen,  Tümpel  und  Pfuhle  hinterlässt, 
was  allerdings  zu  ändern  wäre,  der  südliche  Theil  enthält 
nur  einen  kleinen  im  Sommer  fast  versiechenden  Bach. 
Der  nördliche  Theil  an  der  Ohm  hat  sehr  ausgebreitet 
Thon-  und  Torfboden,  der  südliche  Theil  enthält  sehr  aus- 
gedehnte, zu  technischem  Gebrauche  ausgebeutete,  reine 
Thonlager;  die  Viehtränken  sind  überall  vernachlässigt, 
doch  besonders  im  letztem  Theile,  wo  sie  oft  stehende 
Teiche  und  Lachen  sind,  was  allerdings  sehr  leicht  zu  än- 
dern wäre  und  in  einer  reichen,  viel  Viehzucht  treibenden 
Gegend  längst  geändert  sein  sollte. 

Der  Focus  der  Milzbrandendemie  liegt  an  dem  Ohm, 
um  die  Städtchen  Kirchheim  und  Amönaburg,  den  Flecken 
Schweinsberg  und  die  benachbarten  Dörfer;  sie  erstreckt 
sich  aber  durch  den  ganzen  Ebsdorfer  Grund  hin.  Der 
Milzbrand  kommt  bei  allen  Hausthieren,  in  allen  Formen 
vor;  besonders  werden  die  Gänse  auch  oft  an  den  Füssen 
inficirt;  primärer  Milzbrand  des  Geflügels  kommt  wahr- 
scheinlich auch  vor,  doch  bin  ich  darüber  noch  nicht  sicher. 
Das  Volk  kennt  die  Krankheit  sehr  gut  und  nimmt,  wahr- 
scheinlich mit  Recht,  am  häufigsten  Pflanzenkrankheiten  als 
Ursache  an;  verdächtiges  Heu  oder  Grummet  wird  oft  bis 
in  das  Frühjahr  zurückgelegt,  und  erst  angegriffen,  wenn 
die  Noth  dazu  treibt  (daher  die  die  Aerzte  oft  beirrenden 
Ausbrüche  des  Milzbrandes  im  Winter,  am  häufigsten  ist 
er  aber  immer  im  Sommer).  — Die  Gesetze  sind  gut,  die 
Aufsicht  auch  streng  genug;  allein  die  Verheimlichungen 
bleiben  sehr  häufig,  Infectionen  von  Menschen  sind  in  jedem 
Jahre  zahlreich  genug,  und  im  Durchschnitt  kommen  wohl  auf 
jedes  Jahr  ein  oder  mehrere  Todesfälle;  doch  kennt  das  Volk 


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25 


glücklicherweise  die  Gefahr  und  selbst  die  zweckmässige 
Behandlung;  haben  sie  sogenannte  Giftblasen,  wie  sie  die 
Krankheit  nennen,  so  werden  diese  mit  ihrem  Schwefelni- 
tenwasser,  einer  Mischung  von  Schwefelsäure  und  Salpe- 
tersäure, die  sie  sich  zu  verschaffen  wissen,  tüchtig  aus- 
geätzt. *) 

Ob  ich  gleich  schon  früher  einmal  einige  Zeit  in  einer 
Gegend  lebte,  wo  der  Milzbrand  endemisch  war  (in  Flan- 
dern), so  habe  ich  mich  hier  doch  erst  von  manchen  mir 
früher  zweifelhaften  Erscheinungen  überzeugt,  wohin  ich 
folgende  rechne: 

1)  Die  Tenacität  des  Lebens  des  Milzbrandgifts.  Ich 
werde  demnächst  im  5ten  Hefte  meiner  Kschcrches  de  Pa- 
thologie comparee  Beobachtungen  zusammenstellen,  die  wenn 
sie  allein  ständen,  unglaublich  scheinen  würden,  die  fol- 
gende eigne  Beobachtung  gehört  aber  auch  dazu:  Ein  Loh- 
gerber der  hiesigen  Stadt  kam  zu  mir  mit  einer  Milzbrand- 
pustel über  dem  rechten  Handgelenke,  die  er  selbst  voll- 
kommen gut  kannte ; obgleich  sie  erst  seit  24  Stunden  be- 
stand, war  doch  bereits  der  Arm  bis  zum  Schultergelenk 
geschwollen  und  erysipelatös  geröthet,  Fieber,  Kopfweh, 
belegte  Zunge,  Neigung  zum  Erbrechen  vorhanden;  der 
Kranke  wurde  gerettet;  die  Entstehung  gab  er  folgender- 
maassen  an:  Um  die  Amönaburg  war  ein  Pferd  am  Milz- 

brand gestorben,  heimlich  die  Haut  abgezogen  worden  und 
an  einen  Juden  (wie  gewöhnlich)  verkauft  worden;  dieser 
kannte  die  Gefahr  und  Hess  die  Haut  fast  ein  halbes  Jahr 
auf  dem  Boden  hängen , dann  brachte  er  die  ganze  dürre 

*)  Manchmal  erschrecken  sie  freilich  Ober  die  Folgen.  Einst  kam 
ein  Schafmeister  mit  seinem  Jungen  zu  mir;  diesem  letztem  fehlte  die 
Haut  des  obern  Augenlides  so,  das«  der  Orbicularis  grade  wie  prä- 
parirt  da  lag;  ich  merkte  sogleich  wua  vorgegangen  war,  es  war 
aber  Nichts  herauszubringen.  Ich  nahm  den  Jungen  in  das  Hospital 
und  machte  ihn  treuherzig,  worauf  er  dann  gestand  , auf  Befehl  sei- 
nes Meisters  ein  Schaf  abgezogen  zu  haben,  was  am  Rückenblutc  ge- 
storben, dass  er  eine  Giftblase  auf  das  Auge  bekommen,  welche  ihm 
sein  Meister  mit  Wasser  bestrichen  habe;  er  würde  ihn  aber  todt 
schlagen,  wenn  er  erführe,  dass  er  das  erzählt  habe.  d.  Vf. 


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26 


Haut  dem  Gerber;  dieser  erkannte  aber  auch  die  Gefahr, 
kalkte  sie  vorsichtig  ein,  und  liess  sie  6 Woehen  in  der 
Grube  einge weicht;  dann  erst  fing  er  an,  sie  tu  bearbeiten 
und  am  zweiten  Tage  schon  erkrankte  er. 

2)  Der  verschiedne  Grad  der  Gefahr,  nach  den  Thier- 
arten die  an  Milzbrand  litten  und  von  denen  die  Infection 
der  Menschen  erfolgte.  Diese  Erfahrung  drängle  sich  mir 
sehr  bald  auf  und  sie  ist  mir  auf  Befragen  von  allen  Aerz- 
ten  in  der  Gegend  der  Endemie  bestätigt  worden.  Am 
gefährlichsten  sind  immer  die  Infectionen  vom  Pferdemilt- 
brand, sehr  schnell  treten  allgemeine  Symptome  ein,  und 
ohne  zweckmässige  Behandlung  erfolgt  bald  der  Tod.  Auch 
vom  Rindvieh  sind  die  Infectionen  noch  sehr  gefährlich,  al- 
lein doch  im  geringem  Grade  und  der  Verlauf  meist  we- 
niger acut.  — Nach  der  Infection  durch  Schafe  tritt  frei- 
ich  manchmal  auch  Gefahr  ein,  allein  gar  sehr  oft  sind  die 
Erscheinungen  nur  local,  oder  die  allgemeinen  Erscheinun- 
gen sind  mild,  und  nicht  selten  treten  Heilungen  auch  ohne 
Behandlung  ein.  Noch  geringer  ist  in  der  Regel  die  Ge- 
fahr nach  Infection  durch  Schweine.  — Dass  ein  Mensch 
einen  andern  inßcirt  habe,  davon  habe  ich  keine  einzige 
Beobachtung,  und  keiner  der  befragten  Aerzte  hat  mir  eine 
solche  miltheilen  können;  ich  selbst  gebrauche  auch  in  der 
That  bei  der  Behandlung  gar  keine  Vorsichlsmassregeln; 
doch  möchte  ich  freilich  noch  nicht  allgemein  rathen,  es 
ebenso  tu  machen,  da  entgegengesetzte  Beobachtungen 
aufgezeichnet  sind. 

3)  Die  Familie  der  Anlhrakoiden.  Es  fiel  mir  sehr 
bald  auf,  dass  da,  wo  der  Milzbrand  vorkam,  die  Furunkel- 
und  besonders  die  gewöhnliche  Carbunkel  - Bildung  sehr 
häufig  sich  zeigte;  ja  ich  bemerkte,  dass  besonders  Arbei- 
ter aus  andern  Thälern  in  dem  bezeichneten  Thale  z.  B. 
bei  dem  Loheschälen  von  sehr  grossen  Carbunkoln  befallen 
wurden;  dann  aber  kamen  mir  wiederholt  Uebergangsfor- 
men  vor  zwischen  den  gewöhnlichen  farbunkeln  und  den 
mildern  Milzbrandcarbunkeln,  wie  sie  z.  B,  nach  Infection 
durch  Schafe  Vorkommen.  Vergleicht  man  nun  noch,  was 


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27 


Beobachter  aus  der  Wallachei  (.Witt),  Egypten  u.  s.  w.  über 
die  dort  vorkommenden  Furunkel-  und  Carbunkelformen 
berichten,  so  erscheint  wohl  die  Annahme  einer  Anthra- 
koidenfamilie  gerechtfertigt. 

4)  Primärer  Milzbrand  des  Menschen  wird  in  Eslhland 
wie  in  Frankreich,  besonders  aber  in  Sibirien  beschrieben, 
(über,  die  Sibirische  Seuche  s.  den  neusten  Beobachter 
Haupt,  der  auch  die  altern  Beobachter  anführt);  iah  ge- 
stehe, dass  ich  immer  geneigt  war  anzunehmen,  die  Beob- 
achter hätten  sich  getäuscht,  obgleich  einzelne  hinreichend 
bewährte  Beobachtungen  übrig  blieben ; hier  aber  hatte  ich 
bald  Gelegenheit  mich  zu  überzeugen,  dass  da,  wo  enzoo- 
tischer  Milzbrand  bei  den  Thieren  sehr  häufig  ist,  auch 
primärer  Milzbrand  beim  Menschen,  obgleich  wohl  nicht  so 
häufig  vorkommt.  Erst  vor  ein  Paar  Wochen  kam  ein 
Mann  aus  einem  Dorfe,  wo  der  Milzbrand  derThiere  nicht 
mehr  so  häufig  ist  (Schiffelbach),  und  seine  Krankheit  selbst 
wohl  kennend,  klagte  er,  er  habe  eine  Giftblase  auf  dem 
Arme;  es  war  eine  deutliche  schwarze  Blatter,  wie  man 
diese  Form  gewöhnlich  nennt;  er  war  ein  Leinweber,  hatte 
selbst  kein  Vieh,  war  mit  keinem  Vieh  umgegangen  und 
hatte  in  mehrern  Wochen  kein  Fleisch  gegessen.  Nach  ge- 
nauer Erkundigung  war  am  Orte  kein  Vieh  krank  gewe- 
sen, nur  ein  Paar  Schweine  waren  krepirt,  wahrscheinlich 
an  Milzbrandbräune,  er  war  aber  durchaus  nicht  mit  ihnen 
in  Berührung  gekommen  und  unterwarf  sich  gleich  der  ihm 
wohl  bekannten  Behandlung  und  wusste  wohl,  dass  ihm  da- 
durch vielleicht  das  Leben  erhalten  würde.  Vor  mehrern 
Jahren  kamen  in  einem  und  demselben  Sommer  mehrere  aus- 
gezeichnete Fälle  vor,  die  damals  einem  jungen  Arzte  mit- 
getheilt  wurden,  um  sie  in  seiner  Dissertation  zu  benutzen; 
diese  ist  aber,  wie  es  oft  geht,  nie  zur  Welt  gekommen. 
Da  mich  diese  Fälle  sehr  interessirten , so  besprach  ich 
mich  mit  den  in  jenem  Distrikte  angestellten  Aerzten,  wel- 
che mir  bestätigten,  dass  ihnen  das  primäre  Vorkommen 
des  Milzbrandes  beim  Menschen  nicht  zweifelhaft  sei;  be- 
sonders erklärte  dies  der  erfahrne  Physikus  des  Kreises 


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Kirchheim,  Herr  Dr.  Rehm : da  dieser  auch  in  seinen  amt- 
lichen Berichten  wiederholt  dieses  Vorkommens  erwähnte, 
so  ersuchte  ich  ihn  im  vergangenen  Frühjahre,  mir  ihm 
wieder  vorkommende  Beobachtungen  mittheilen  zu  wollen, 
worauf  er  mir  denn  auch  die  folgende  Beobachtung  durch 
seinen  Sohn  mittheilen  zu  lassen  die  Güte  hatte. 

Ich  zweifle  kaum,  dass  manche  Aerzte  geneigt  sein 
werden,  in  diesen  Fällen  eine  Enlslehungsart  der  Krank- 
heit anzunehmen,  an  die  auch  ich  früher  allgemein  glaubte, 
nämlich  die  Mittheilung  durch  Insekten-  und  Fliegenstiche. 
Ich  bin  auch  immer  noch  geneigt,  viele  der  aus  Sibirien, 
Burgund  u.  s.  w.  mitgetheilten  Fälle  auf  diese  Art  zu  er- 
klären; allein  in  den  meisten  der  mir  vorgekommenen  Fälle 
sprechen  die  Erscheinungen  nicht  für  diese  Entstehungsart. 

Die  meisten  der  mir  vorgekommenen  Fälle  betrafen 
Leute,  die  Flachs  aus  Rösten  (fast  immer  sumpfige  Lachen) 
herausgenommen  hatten.  Auch  diese  Beobachtuug  bestä- 
tigte mir  der  oben  genannte  Kreisphysicus  Rehm.  Allein 
es  ist  doch  sonderbar,  dass  in  unserin  Thale  eben  solche 
Flachsrösten  genug  Vorkommen,  und  doch  habe  ich  da  nie 
einen  solchen  Milzbrand  gesehn. 

Aerzte,  die  nicht  viel  Milzbrand  gesehn  haben  und 
nur  die  ausgezeichnetste  Form  der  blauen  Blatter  kennen, 
könnten  vielleicht  selbst  bei  der  folgenden  Beobachtung  an 
der  Richtigkeit  der  Diagnose  zweifeln,  allein  solche  dürf- 
ten doch  nur  einige  Schriften  vergleichen,  um  sich  zu 
überzeugen. 

Die  mir  mitgetheilte  Beobachtung  des  Herrn  Kreisphy- 
sicus Dr.  Rehm  ist  nun  folgende; 

„Am  16.  Octbr.  1846  suchte  der  Schuhmachermeister 
Melchior  Michel  aus  Kirchheim,  50  Jahre  alt,  ärztliche  Hülfe. 
Derselbe  ist  ein  Mann  von  grosser,  kräftiger  Statur  und 
cholerisch-sanguinischem  Temperament.  Er  ist  verheirathet 
und  Vater  zweier  gesunder  kräftiger  Kinder. 

Michel  erzählte,  dass  er  seit  einigen  Tagen  ein  unan- 
genehmes brennendes  Gefühl  in  den  Händen  gehabt  habe, 
wonach  alsbald  auch  ein  Ausschlag  sich  gebildet  und  die 


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— 2«  — 

Schmerzen  so  heftig  geworden,  dass  er  seine  Hände  zur 
Arbeit  nicht  benutzen  konnte. 

Die  sofort  vorgenommenc  genaue  Untersuchung  der 
kranken  Hände  ergab  folgendes  Resultat:  Auf  den  Hand- 
wurzeln zeigten  sich  rothe,  unregelmässig  geformte,  ver- 
schieden grosse,  ein  Wenig  über  die  Hautoberfläche  her- 
vorragende Flecken,  die  sich  durch  einen  prickelnden 
Schmerz,  Härte  und  einen  geschwollenen  rölhlichen  Hof 
charakterisirten.  Aehnliche  Flecken,  nur  in  etwas  bedeu- 
tenderem Umfange,  und  dichter  zusammenstchend,  an  man- 
chen Stellen  mehrere  Flecken  fast  mit  einander  verschmel- 
zend, zeichneten  den  Rücken  der  Hände  aus,  während  da- 
gegen die  Volarflächen  beider  Hände  durchaus  frei  waren. 
Weiter  fortgeschritten  erschien  dieser  Ausschlag  an  einzel- 
nen Fingern.  So  begannen  mehrere  Flecken  an  den  Fin- 
gern der  linken  Hand  ihre  Epidermis  zu  erheben  und  Pus- 
teln zu  bilden,  die  ein  missfarbiges  Ansehn  hatten  und  ver- 
schieden weit  fortgeschritten  waren.  Die  Pusteln  konnten 
als  Pustulae  prominentes  in  ziemlich  bedeutender  Ausdeh- 
nung, bezeichnet  werden;  als  Pustula  depressa  dagegen 
charakterisirte  sich  nicht  eine  einzige.  Die  stärkste  und 
am  meisten  ausgebildete  Pustel  dieser  Art  befand  sich  auf 
dem  Rücken  des  Mittelfingers  der  linken  Hand,  die  nächst 
grösste  an  der  Dorsalfläche  des  Daumens  derselben  Hand. 
An  der  rechten  Hand  war  der  Zeigefinger  am  meisten  er- 
griffen. Diese  grossem  Pusteln  am  Mittelfinger  und  Dau- 
men der  linken  Hand  waren  schon  in  das  Stadium  getreten, 
wo  sich  ein  Brandschorf  zu  entwickeln  beginnt.  Michel 
hatte,  wie  er  erzählte,  wegen  des  beständigen  unerträgli- 
chen Juckens  diese  Pusteln  aufgekratzt,  und  sie  hatten  hier- 
nach eine  schmutzig-gelbliche,  aber  doch  noch  durchsich- 
tige scharfe  Jauche  entleert.  Aus  einer  Pustel  auf  der 
ersten  Phalanx  des  Zeigefingers  der  rechten  Hand  sickerte 
noch  gegenwärtig  eine  gleiche  Flüssigkeit  aus.  Die  nicht 
mit  Pusteln  oder  Flecken  besetzte  Haut  der  beiden  Hände 
zeigte  eine  blaubräunliche  oder  violette  Färbung;  die  gan- 
zen Hände  waren  stark  geschwollen,  besonders  sämmtliche 


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30 


Finger.  Die  Temperatur  der  Hände  war  brennend  heiss.  — 
Ausser  diesem,  dem  Kranken  grossen  Schmerz  verursachen- 
den örtlichen  Leiden  ergab  das  Krankenexamen  noch  meh- 
rere auf  ein  beginnendes  tieferes  Allgemeinleiden  hinwei- 
sende Symptome.  Namentlich  klagte  Patient  über  grosse 
Schwäche  iui  ganzen  Körper,  Zittern  der  Extremitäten,  das 
oft  so  zunahm,  dass  er  nicht  allein  gehn  konnte;  ferner 
beschwerte  er  sich  über  eine  sehr  grosse  Unruhe  und  häufig 
wiederkehrende  Beängstigungen,  dann  über  Schwindel  im 
Kopfe,  und  bisweilen  eintretende  Ohnmächten,  welche  An- 
fälle jedoch  jedesmal  bald  vorübergingen.  Ausserdem  klagte 
Pat.  über  sehr  heftigen  Durst,  Appetitmange!  und  Uebelkeit. 
Der  Puls  war  klein  und  unregelmässig,  die  Gesichtsfarbe 
bleich  und  missfarbig. 

Aus  diesen  Symptomen,  so  wie  der  wahrgenommenen 
Beschaffenheit  der  ergriffenen  Hände  geht  deutlich  hervor, 
dass  die  Krankheit  als  diejenige  anzusehn  ist,  welche  mit 
dem  Namen  Pustula  maligna,  Anthrax  septicus,  schwarze 
Blatter,  Milzbrandblaller  bezeichnet  wird,  und  zwar  zeigten 
sich  uns  hier  gleichsam  verschiedne  Stufen  oder  Stadien 
der  Entwicklung  der  Krankheit,  namentlich  des  Localleidens, 
was  die  Stellung  der  Diagnose  nur  erleichtern  konnte. 

Pat.  wurde  auf  das  Genauste  ausgeforscht,  ob  nicht 
irgendwie  ein  Contagiom  bei  ihm  eingewirkt  haben  könne. 
Derselbe  will  durchaus  mit  keinem  an  Milzbrand  leidenden 
Stück  Vieh  in  Berührung  gekommen  sein,  und  kann  sich 
auch  sonst  keine  Art  einer  Ansteckung  denken,  sondern 
behauptet  fest,  das  Leiden  sei  von  selbst  entstanden.  Zu 
bemerken  ist  hierbei,  dass  Michel  ein  sehr  wahrheitslieben- 
der Mann  ist,  der  gewiss  kein  Geheimniss  aus  einer  et- 
waigen Ansteckung  gemacht  haben  würde.  Wir  waren 
demnach  genöthigt,  diesen  Fall  zu  jenen  öfters  in  hie- 
siger Gegend  beobachteten  primären  Enlwicklungea 
der  Pustula  maligna  beim  Menschen  zu  zählen. 

Angeführt  verdient  hier  zu  werden,  dass  der  Kranke 
mehrere  Tage  vor  dem  Entstehn  der  Pusteln  auf  sehr  nas- 
sen sumpfigen  Wiesen  mit  Torfboden,  sich  mit  dem  Auf- 
räumen eines  Grabens  beschäftigte,  wobei  er  sehr  häufig 
mit  blossen  Füssen  in  fauligem  Wasser  stand,  wozu  noch 
die  starke  und  schädliche  Ausdünstung  dieses  Bodens  zur 
jetzigen  Jahreszeit  zu  rechnen  ist.  Die  primäre  Entwick- 
lung dieser  Krankheit  ist  besonders  beobachtet  worden  bei 
Menschen,  die  viel  in  diesen  Sumpfwiesen  zu  thun  haben, 
namentlich  bei  Mägden,  die  dort  das  Gras  holen. 


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31 


Hel  hier  ein  Contagium  Statt  gefunden,  so  könnte  es 
allenfalls  nur  durch  den  Genuss  von  Fleisch  eines  an  .Milz- 
brand leidenden  Stückes  Vieh  geschehen  sein,  was  jedoch 
aus  verschiednen  Gründen  als  unwahr  erscheinen  muss: 
Eines  Theils  hat  die  Erfahrung  in  unsrer  Gegend  hinläng- 
lich bewiesen,  dass  durch  den  Genuss  des  gekochten 
Fleisches  eines  milzbrandkranken  Thieres  noch  keine  ähn- 
liche Krankheit  in  hiesiger  Gegend  beim  Menschen  beob- 
achtet wurde,  und  unsre  Bauern  scheuen  sich  durchaus 
vor  dein  Genüsse  dieses  Fleisches  nicht,  und  lassen  ineis- 
tentheils  das  an  Milzbrand  leidende  Vieh  sofort  tödten,  um 
das  Fleisch  noch  benutzen  zu  können,  wobei  sie  jedoch  die 
Krankheit  des  Thieres  zu  verheimlichen  suchen,  was  auch 
in  der  Regel  nur  dann  zur  Kenntniss  eines  Arztes  gelangt, 
wenn  zufmlig  eine  beim  Schlachten  beschäftigte  Person  in- 
ficirt  worden  ist;  die  hiesigen  Metzger  erklären  insgesammt, 
nie  eine  Ansteckung  durch  den  Genuss  des  gehörig  ausge- 
schlachteten und  gekochten  Milzbrandfleisches  wahrgenom- 
men zu  haben.  Hierzu  kommt  noch  anderntheils , dass  zu 
jener  Zeit  in  hiesiger  Stadt  sowohl  als  der  Umgegend  nach 
den  genausten  Erkundigungen  bei  Thierärzten,  Fleischern, 
Bauern  u.  s.  w.  durchaus  kein  milzbrandkrankes  Thier  war. 
Nur  in  einem  einzigen  Dorfe,  Niederwald,  sollen  kurze  Zeit 
vor  der  Krankheit  Michels  mehrere  Ochsen  geschlachtet 
worden  sein,  welche  an  Milzbrand  litten,  doch  ist  es  sehr 
unwahrscheinlich,  dass  M.  von  diesem  Fleische  bekommen 
haben  sollte,  zumal  da  er  versichert,  seit  8 Tagen  gar  kein 
Fleisch  gekauft  zu  haben.  *—  Die  Prognose  konnte  in  einem 
solchen  Falle,  wo  die  Pustula  maligna  in  SO  grosser  Aus- 
dehnung vorhanden  war,  und  an  einzelnen  Pusteln  bereits 
Gangrän  beginnen  wollte,  jedenfalls  nur  als  eine  wenigstens 
zweifelhafte  angenommen  werden.  ~ Was  nun  die  hier  zu 
erfüllenden  Indicationen  betrifft,  so  müssen  wir  folgende 
Veränderungen  im  Organismus  hervorznrufen  suchen,  um 
die  Krankheit  zu  heilen.  Wir  müssen  zu  gleicher  Zeit  eine 
Behandlung  gegen  das  Allgemeinleidcn  und  eine  topische 
Behandlung  eimeiten.  Was  die  Behandlung  des  Allgemein- 
leidens betrifft,  so  wird  vor  Allem  der  liaemcUoscpsis  kräf- 
tig entgegenzuwirken  sein,  damit  sie  wo  möglich  verhindert 
Wird;  ZU  gleicher  Zeit  ist  hier  das  gastrische  Leiden  zu  be- 
kämpfen. — Die  topische  Behandlung  erheischte  sofort  ein 
kräftiges  Eingreifen  um  die  Verbreitung  des  Leidens  so  viel 
als  möglich  einzuschränken.  Es  WHrden  deshalb  die  am 
weitesten  vorgeschrittnen  Pusteln  ausgeschnitten  und  stark 


aogle 


32 


tnil  Höllenstein  geätzt;  sodann  griff  man  zur  Anwendung 
des  Chlors,  das  während  der  ganzen  Krankheit  beständig 
übergeschlagen  wurde  und  die  vorzüglichsten  Dienste  leis- 
tete. — Innerlich  erhielt  der  Kranke  augenblicklich  ein  Eme- 
ticum,  nach  welchem  jedoch  auch  noch  l'urgantia  nöthig 
wurden,  da  der  gastrische  Zustand  noch  nicht  ganz  getilgt 
war.  Am  folgenden  Tage  zeigte  sich  das  Leiden  trotz  des 
kräftigen  Eingreifens  an  den  Armen  bis  zu  den  Ellenbogen 
verbreitet.  Die  Axillardrüsen  waren  geschwollen  und  ver- 
ursachten lebhaften  Schmerz.  Ebenso  waren  die  ganzen 
Arme  stark  geschwollen.  Ungeachtet  der  deshalb  gegebe- 
nen Ermahnungen  war  der  Kranke  mit  den  Händen  häufig 
in  das  Gesicht  gefahren,  und  es  zeigten  sich  auch  hier  bald 
die  rolhen  här (liehen  Flecken;  an  dem  linken  Ohre  bildete 
sich  eine  starke  Puste),  die  ausgeschnitten  und  geätzt  wer- 
den musste;  auch  hier  wurden  die  Chlorüberschläge  bestän- 
dig fortgesetzt.  — Innerlich  bekam  der  Kranke  Säuren  und 
als  die  Erschöpfung  zunahm,  wurde  China  mit  Säuren  ver- 
abreicht. Als  Getränk  wurde  ihm  etwas  Wein  mit  Wasser 
gestattet.—  Die  Darmausleerungen  nahmen  einen  aashaften 
Geruch  an,  der  sich  jedoch  am  fiten  Tage  wieder  verlor. 
Ohnmächten  traten  häufig  ein,  und  besonders  Nachts  kamen 
Delirien.  — Gegen  den  7ten  Tag  der  Krankheit  begannen 
die  Symptome  des  Allgemeinleidens  nachzulassen;  das  Fie- 
ber verlor  sich  jetzt  sehr  schnell,  und  es  traten  Schweisse 
ein.  — Auch  das  topische  Leiden  zeigte  jetzt  Besserung, 
nachdem  die  einzelnen  Flecken  fast  sämmtlich  in  einander 
geflossen,  und  gleichsam  Ein  grosses  brandiges  Geschwür 
bildeten,  das  nur  durch  einzelne  gesunde  Brücken  unter- 
brochen war.  Die  Geschwulst  begann  nach  dem  7tenTage 
nachzulassen;  die  Losstossung  der  Brandschorfe  begann  von 
der  Peripherie  aus,  und  die  Heilung  schritt  auflallend  rasch 
fort,  so  dass  Pat.  schon  nach  3 Wochen  als  geheilt  aus  der 
Behandlung  entlassen  wurde”. 

Ich  füge  dieser  Beobachtung  des  Hm.  Or.  Re  hm  nur  noch  hinzu, 
dass  die  in  derselben  angeführte  Unschädlichkeit  des  Genusses  des  ge- 
kochten Fleisches  milzkranker  Thicrc  sehr  allgemein  bestätigt  wird. 
Daher  fehlt  es  denn  auch  bei  uns  so  wenig  als  anderwärts  an  auf 
diese  Beobachtung  gestützten  Sollicltationen,  den  Genuss  dieses  Flei- 
sches gesetzlich  zu  erlauben.  So  viel  mir  bekannt,  ist  indess  keine 
der  Hessischen  Regierungen  auf  diese  tadelnswerthen  Gesuche  einge- 
gangen, sondern  eingedenk  der  bekannten  grossen  Unglückatälle,  die 
wiederholt  vorgekommen  sind,  ist  das  Verbot  des  Verbrauchs  jenes 
Fleisches  streng  aufrecht  erhalten  worden. 

Gedruckt  bei  J.  Petscb. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 


Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmlliche  Buch- 
handlangen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  H i r tckwald. 


-Jtä  3.  Berlin , den  lö,en  Januar  1848. 


Ilospilalbericht  aus  Rio  Janeiro.  Vom  Dr.  Lallemant.  — lieber  die 
Beziehungen  des  N.  quinlut  zum  Gehörsinn.  Vom  Sanit.  - Rath 
Dr.  Kramer. 


Ucbcrsicht  der  vom  1.  Juli  1845  bis  Ende  Juni 
1846  in  der  Frenidenstation  des  Hospitals  da 
Mizericordia  zu  Rio  de  Janeiro  behandelten 
Krankheitsfälle. 

Mitgetheilt 

vom  Kais.  Hospitalarztc  Dr.  Lallemant  zu  Rio  de  Janeiro. 


Zu  den  35  rückständigen  Patienten  kamen  im  Verlauf 
dieses  Jahres  701,  so  dass  im  Ganzen  736  Kranke  behan- 
delt wurden.  Von  diesen  konnten  583  entlassen  werden, 
03  starben,  — in  andre  Stationen  wurden  12  abgegeben  — 
und  48  blieben  im  Hospital  am  Ende  des  Jahres. 

Nach  den  einzelnen  Nationen  geordnet,  waren  die 
Patienten : 

Jahrgang  1848.  3 


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34 


noch  in 
Behand- 

cnthisen  gestorben  abgegeben  lang 


Engländer  . . , 

140 

131  , 

5 

— 

10 

Amerikaner  . . 

Hß 

401 

7 

1 

7 

Deutsche  .... 

104 

90 

2 

2 

9 

Portugiesen  . . 

81 

54 

00 

2 

3 

Franzosen  . . . 

47 

41 

3 

— 

3 

Schweden  . . , 

47 

39 

3 

— 

5 

Italiener  .... 

32 

28 

3 

1 

Dänen  

27 

26 

.T~ 

— 

1 

Brasilianer  . . . 

17 

4 

9 

i 

3 

Belgier 

10 

10 

— 

*.  """  < ' 

1 

Spanier 

9 

8 

— 

' 

— 

Holländer.  . . . 

4 

4 

— 



— 

Schweitzer  . . . 

4 

3 

— 

1 

r — 

Russen 

3 

3 

_ 

— 

— 

Indianer  .... 

3 

3 

— 

— 

— 

Chilenen  . . . , 

3 

9 

— 

— 

*rr 

Ceilonesen  . . . 

2 

2 

— 

— 

— 

Montcvideancr  . 

o 

*» 

o 

— 

— 

— 

Polen 

i 

1 

— 

— 

TT- 

Hindu 

i 

1 

— 

— 

— 

Weisse 

(>5U 

554 

54 

8 

43 

Den  Rest  bildet  eine  nicht  unbedeutende  Anzahl  Neger 
und  Mulatten;  doch  entsteht  mir  hier  eine,  wenn  auch  kleine 
Differenz  in  den  Zahlen,  die  ich  jedoch  nicht  ausfindig 
machen  kann.  Es  müssten  an  Neger  und  Mulatten  sein: 
eingetreten  77,  geheilt  29,  gestorben  39,  abgegeben  5, 
bleibend  5.  Aus  diesen  ZahlenverhäUnissen  geht  hervor, 
dass  in  diesem  Jahre  mehr  Patienten  behandelt  wurden  als 
früher,  und  besonders,  dass  das  Verhältnis  der  Gestorbe- 
nen zu  den  Entlassenen  sich  bedeutend  gebessert  bat.  Die- 
ses Yerhältniss  stellt  sich  noch  besser  heraus,  wenn  ich 
beifolgendes  bemerke.  Die  grössere  Menge  der  Gestorbe- 
nen besteht  aus  Negern,  Portugiesen  und  Brasilianern,  zu- 
sammen Gestorbenen.  Nun  habe  iah  schon  früher  ein- 
mal angeführt,  dass  ich,  obwohl  die  Neger,  Brasilianer  und 


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35 


die  ihnen  gleichgestellten  Portugiesen  gar  nicht  in  meine 
Station  gehören,  dennoch  wegen  einiger  Localverhältnisse 
mich  genöthigt  sehe,  solche  Patienten  ohne  Ansehn  der 
Farbe  oder  Nationalität  anzunehmen,  die,  an  colliquativem 
Durchfall  leidend,  mir  entweder  direct  von  aussen  her  zu- 
kommen, oder  aus  andern  Krankenslationen  von  meinen 
Collegen  mir  zugeschickt  werden;  von  letzteren  habe  ich 
Mehrere  nur  ein  einzig  Mal  gesehn,  indem  ich  sie  am 
nächsten  Tage  ihres  Eintritts  schon  todt  vorfand.  Daher 
kommt  es,  dass  mir  von  fiü  Durchfallskranken  49  gestor- 
ben sind  und  nur  39  entlassen  werden  konnten.  Dagegen 
waren  von  den  12  oder  13  Patienten,  die  ich  in  andre 
Stationen  abgab,  10  oder  1 1 schwindsüchtig,  weswegen  sie 
bei  den  Phthisikern  aufgenommen  wurden;  2 gingen  zu 
den  Irren  ab.  — Wenn  ich  übrigens  beim  Aufaddiren  der 
Fremden,  einige  Brasilianer  mit  eingeschlossen,  mich  des 
Ausdrucks  Wcisse  bediene,  so  ist  dieser  Ausdruck  nicht 
ganz  richtig,  denn  unter  den  Amerikanern  kamen  mehrere 
freie  Neger  und  Mulatten  vor,  selbst  unter  den  Franzosen 
fanden  sich  einige  Farbige. 

Leicht  erklären  sich  die  so  günstigen  Verhältnisse  der 
Entlassenen  zu  den  Gestorbenen.  Die  Mehrzahl  der  in 
meine  Station  eintretenden  Fremden  sind  eben  Seeleute  — 
Seeleute  sind  aber  meist  Leute  von  robustem  Bau,  von  ju- 
gendlichem oder  bestem  Mannesalter,  dazu  die  Mehrzahl 
ihrer  Krankheiten  so  wenig  gefährlicher  Natur,  dass  sie 
kaum  Hospitalkrankheiten  zu  nennen  waren;  ich  habe  die- 
ses Jahr  viel  mehr  Patienten  aus  meiner  Fremdenpraxis  ins 
Hospital  geschickt  als  früher,  oft  ganz  unbedeutende  Fälle; 
denn  grade  je  leichter  die  Krankheitsfälle  sind,  desto  we- 
niger nimmt  sich  das  Volk  in  Acht,  macht  die  gröbsten 
Diälfehler  am  Bord  des  Schiffs,  läuft  umher  und  setzt  sich 
jeder  Witterung,  jeder  Arbeit  aus;  im  Hospital  sind  ihnen 
alle  diese  Extravaganzen  abgeschnitten,  aber  eben  deswe- 
gen habe  ich  auch  manchen  Verdruss  mehr  im  Hospital 
gehabt;  die  wenig  kranken  Patienten  wurden  durch  lange 
Weile  oft  zu  den  ausgelassensten  Dingen  getrieben,  auch 

3* 


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3ß 


war  häufig  Klage  über  kleine  Portionen  von  Fleisch,  Reis, 
Brod  u.  s.  w.,  so  dass  es  mir  oft  schwer  wurde,  die  aus 
so  vcrschiednen  Nationen  zusammengesetzte  Horde  in  Zaum 
und  Zügel  zu  halten.  Besonders  trifft  der  meiste  Tadel  in 
dieser  Hinsicht  die  Amerikaner;  öfter  musste  ich  Patienten 
vor  ihrer  vollkommnen  Genesung  fortjagen  , oder , wenn 
dies  nicht  zweckmässig  war,  und  die  Leute  sich  dennoch 
wie  toll  betrugen,  sie  auf  24  Stunden  zu  den  gutartigen 
Tollen  hinabschicken,  eine  höchst  unangenehme  Strafe,  die 
ich  nicht  erfunden  habe,  aber  dennoch  einige  Mal  diclirte. 

Bei  den  Engländern  und  Deutschen  ist  das  Verhältniss 
der  Entlassenen  zu  den  Gestorbenen  am  günstigsten.  Meist 
waren  es  Matrosen,  die  auf  ihren  Schiffen  gut  gehalten 
werden;  eine  andre  Zahl,  namentlich  Deutsche,  gehörte 
dem  Handwerkssland  an,  wenige  von  ihnen  sind  Herum- 
treiber und  Säufer,  wie  sie  sich  unter  den  Amerikanern 
schon  viel  häufiger  finden.  Deswegen  ist  bei  meinen  ame- 
rikanischen Patienten  das  Sterbeverhältniss  schon  etwas  be- 
deutender; die  meisten  englisch  sprechenden  Herumtreiber 
in  den  Strassen  der  Hauptstadt,  so  wie  die  grössere  Zahl 
der  Betmnknen,  die  man  an  den  (Hirns  und  Brannlweins- 
lädcn  findet,  sind  eben  Leute  aus  den  vereinigten  Staaten; 
die  meisten  Fälle  von  Syphilis,  Contusionen  und  Messer- 
stichen gehören  dieser  Nation  an,  wenn  anders  ein  gros- 
ser Haufen  zusammengelaufenen  Volks  diesen  Namen  ver- 
dient. — Einige  Krankheitsfälle  kamen  bei  Amerikanern 
jedoch  auch  in  Folge  einer  mühsamen  Arbeit,  des  Wall- 
fischfanges  vor,  so  wie  eine  Menge  Engländer  von  Guano- 
schiffen an  Scorbut  und  Guanoaffectionen  litten,  wie  ich 
nachher  noch  zeigen  werde.  Von  den  Portugiesen  waren, 
wie  ich  schon  bemerkt  habe,  die  Meisten  mir  aus  andern 
Krankensälen,  an  Durchfall  leidend,  zugeschickt  worden. 

Nehmen  wir  die  Krankheiten  selbst  als  Eintheilnngs- 
grund,  so  litten  an  colliquativein  Durchfall  BO  Patienten, 
von  denen  40  starben,  39  entlassen  und  2 wegen  hinzu- 
kommender Lungenaffection  in  die  Station  der  Schwind- 
süchtigen abgegeben  wurden.  Diese  enorme  Sterblichkeit 


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37 


erklärt  sich  übrigens  leicht  aus  dem  oben  angegebenen 
Grunde;  die  Schwierigkeit  der  Heilung  aber  ist  in  klima- 
tischen Verhältnissen  zu  suchen.  — Vereiterungen,  Ver- 
jauchungen, Ulceralionen  sind  recht  eigentliche  Attribute 
des  heissen,  feuchten  Landes;  auch  in  den  vorliegenden 
Fällen  von  Durchfall  zeigte  sich  kein  Mittel  als  besonders 
heilbringend,  wenn  auch  durch  Opiaceen,  kleine  Dosen  Ca- 
lomel,  schwefelsaurcs  Kupfer,  salpetersaures  Silber  u.  s.  w. 
einzelne  Patienten  erhalten  wurden.  Recht  häufige  Leichen- 
öffnungen wären  hier  sehr  zu  wünschen,  leider  aber  habe 
ich  dabei  viele  Schwierigkeiten  zu  überwinden,  die  beson- 
ders in  dem  Umstande  liegen,  dass  die  Fäulniss  so  schnell 
überhand  nimmt;  eine  Leichenöffnung,  über  lß  Stunden 
nach  dem  Tode  angestellt,  hat  schon  keine  volle  wissen- 
schaftliche Geltung;  wen  ich  Morgens  bei  der  Visite  ver- 
storben finde,  wird  Nachmittags  5 Uhr  beerdigt,  in  der 
Zwischenzeit  aber  muss  eine  mühsame,  weit  ausgedehnte 
Stadtpraxis  besorgt  werden;  es  ist  mir  meist  unmöglich, 
Zeit  zu  finden  zu  einer  sorgfältigen  Leichenuntersuchung, 
ln  einem  Falle,  wo  sich  zuletzt  die  heAigsten  Symptome 
von  Darmdurchlöcherung  einstellten,  fand  ich  bei  der  Lei- 
chenöffnung eine  bedeutende  Verdickung  der  Bauhmschen 
Klappe  und  des  Blinddarms,  welche  mit  cirkelrunden  Ge- 
schwürsflächen übersäet  waren;  eins  derselben  hatte  an 
seiner  Basis  den  Darm  durchbohrt;  offenbar  aber  waren 
mehrere  von  ihnen  wieder  vernarbt.  — Ich  vermuthe,  dass 
diese  runden  Darmgeschwüre  in  den  meisten  Fällen  wohl 
jene  Diarrhöen  unterhalten;  im  Larynx  und  in  der  Luft- 
röhre kommen  sie,  besonders  bei  Weibern,  häufig  vor. 

Der  Zahl  nach  am  nächsten  kamen  dem  colliquativen 
Durchfall  gastrische  Fieber,  Gastricismen  und  ein- 
fache Magenüberladungen,  Zustände,  wie  sie  bei  Seeleuten, 
die  meist  aus  dem  Norden  kommen,  und  unsre  Nahrungs- 
mittel, namentlich  unsre  Früchte,  nicht  kennen,  und  in 
grossen  Portionen  consumiren,  nicht  ausbleiben  können.  — 
Uebrigens  kam  bei  vielen  Matrosen  noch  eine  besondre 
Prüdisposilion  hinzu,  von  der  ich  weiter  unten  beim  Scor- 


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38 


but  einiges  sagen  werde.  Brechmittel,  später  Graswurzel- 
dccoct  mit  kleinen  Portionen  englischen  Salzes,  bildete  die 
ganze  Behandlung.  Eigentümlich  war  es,  dass  im  März 
und  April  diese  gastrischen  Fieber  einen  leicht  nervösen 
Charakter  annahmen,  so  dass  Nachts  bei  mehrern  Patienten 
Delirien  auflraten;  bei  einem  derselben  entwickelte  sich 
vollkommen  ein  gastrisch-nervöses  Fieber,  dem  der  Patient 
unterlag.  Ich  führe  diesen  Fall  deswegen  hier  an,  weil 
ähnliche  Fälle  selten  hier  in  Rio  Vorkommen,  — wie  wenig 
Fälle  der  Art  sind  mir  in  all  den  Jahren  vorgekommen! 

An  verschiednen  Formen  von  Syphilis  litten  63  Pa- 
tienten , besonders  amerikanische  Matrosen , die  direct  von 
den  vereinigten  Staaten  zu  uns  kamen,  offenbar  eine  Folge 
der  amerikanischen  Gewerbfreiheit  der  Mädchen,  die  leider 
auch  in  Rio  auf’s  schlimmste  nachgeahmt  wird,  so  dass 
Syphilis  recht  eigentlich  Yoikskrankheit  geworden  ist;  ein 
Trost  ist  es  freilich,  aber  keine  Entschuldigung  beim  Man- 
gel aller  polizeilichen  Aufsicht  über  Mädchen,  dass  die  Sy- 
philis ungemein  milde  aufiritt,  und  wirklich  meist  nur  des- 
wegen zuweilen  eine  so  schlimme  Gestalt  annimmt,  weif 
man  die  Patienten  mit  Hunger,  Massen  Quecksilber  und  un- 
glaublichen Decoctdosen  lange  Zeit  malt  und  hinfällig  macht. 
Diese  Maxime,  die  bei  vielen  unsrer  hiesigen  Aerzte  vor- 
kommt, ist  recht  eigentlich  Lieblingsmanöver  der  amerika- 
nischen Schiffscapitaine;  man  sollte  mindestens  das  Queck- 
silber am  Bord  der  Schiffe  verbieten,  ich  habe  nur  Miss- 
brauch davon  gesehn.  Ungemein  häufig  war  bei  solchen 
mit  Quecksilber  gemisshandelten  Leuten  ein  heftiger  Ge- 
ienkschmerz,  den  man  gewiss  eben  so  sehr  auf  Rechnung 
des  Arzneimissbrauchs  als  der  Syphilis  setzen  darf.  — Die 
Trefflichkeit  des  Jodkali  bei  allen  syphilitischen  Affectio- 
nen,  die  keine  Schleimhaut  zum  Sitz  gewählt,  bestätigt  sich 
mir  immer  mehr,  doch  ist  es  bei  blonden  Leuten  viel  wirk- 
samer als  bei  dunklem  Constitutionen,  bei  jungem  Sub- 
jecten  viel  rascher  wirkend,  als  bei  alten;  kleine  Dosen 
scheinen  die  Verdauung  mehr  anzugreifen  als  grössere.  — 
Auffallend  ist  mir,  wie  ungemein  häufig  Condylome  bei 


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39 


blonden  Leuten  vorkamen,  und  wie  nur  ganz  ausnahms- 
weise bei  Negern,  so  dass  ich  sagen  möchte,  Condylome 
kommen  bei  Negern  beinahe  gar  nicht  vor  und  seien  ein 
Product  der  Syphilis  auf  scrophulöscm  Boden ; duher  mag 
auch  die  Hartnäckigkeit  der  Condylome  herstammen. 

An  Rheumatismus,  tbeils  fieberlos,  theils  mit 
schwachem  oder  sehr  intensivem  Fieber  verbunden,  litten 
51  Patienten;  doch  mochten  manche  Rheumatische  ebenso 
sehr  zu  den  Syphilitischen  wegen  bedeutender  Sehnen-  und 
Geienkschmerzen  gehören.  Eine  nicht  unbedeutende  An- 
zahl kam  von  englischen  Guanoschiffon,  von  denen  ich  noch 
weiter  unten  reden  werde.  Im  Allgemeinen  bestand  die 
Behandlung  in  Colchicumwein  mit  Aconitextract,  oder  in 
Jodkali  in  den  fieberlosen  Fällen;  beim  rheumatischen  Fie- 
ber jedoch  meist  in  Salpeterauflösungen  und  in  sehr  ge- 
linden Blutentziehungen ; örtlich  ward  häufig  Belladonna- 
salbe eingerieben;  auch  liess  ich  in  vielen  Fällen  Bähungen 
mit  Tabacksabkochungen  oder  Absuden  der  Datura  arbo- 
rtscens  ( mit  blauen  Blumen  besonders  wirksam)  anslellen, 
welche  letztem  recht  eigentlich  Volksmittel  sind  und  sogar 
zu  Sitzbädern  benutzt  werden.  Von  narcotischer  Wirkung 
habe  ich  nie  einen  Fall  gesehn.  Unter  den  rheumatischen 
Fieberkranken  bot  ein  magrer,  reizbarer  Spanier  einiges 
Interesse  dar;  in  Folge  einer  Erkäitüng  am  Abend  bekam 
er  Fieber  mit  starkem,  höchst  schmerzhaftem  Herzklopfen, 
grosse  Angst  und  Beklemmung,  welche  durch  grosse  Brech- 
weinsteingaben,  ohne  Blutentziehung,  bedeutend  gemindert, 
und  darauf  durch  Senegaaufguss  mit  Salpeter  und  Meer- 
zwiebelessig vollends  gehoben  wurden;  am  meisten  Linde- 
rung schaffte  ihm  ein  grosses  Catapiasma,  auf  die  linke 
Brustseite  gelegt;  ich  habe  seitdem  mehrfach  bei  rheuma- 
tischen Affectionen  der  serösen  Häute  in  der  Brust  mit 
sehr  gutem  Erfolg  solche  warme  Ueberschläge  gebraucht. 

( Fortsetzung  folgt.) 


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lieber  die  Beziehungen  des  Nervus  r/uintus 
zum  Gehörsinn. 

Milgetheilt 

vom  Sanitätsrath  Dr.  JF.  Kramer , Ohrenarzt  in  Berlin. 


Bis  auf  die  neuste  Zeit  war  man  bei  aller  Verschie- 
denartigkeit der  Ansichten  über  die  physiologische  Bedeu- 
tung der  einzelnen  Bestandteile  des  Gehörorgans,  doch 
immer  darüber  einig,  dass  die  eigentümliche,  specifische 
Empfänglichkeit  für  Schalleindrücke  nur  dem  Gehörnerv 
einwohne;  dass  er  allein  es  sei,  welcher  dieselben  als  ei- 
gentümliche Sinneseindrücke  ganz  selbstständig  wahrnehme 
und  zum  Bewusstsein  bringe.  Das  äussere  und  mittlere 
Ohr  betrachtete  man  dagegen  nur  als  einen  zur  Aufnahme 
und  Fortleitung  der  Schallschwingungen  besonders  vorteil- 
haft eingerichteten  Apparat. 

Anders  lehrt  nun  neuerdings  Dr.  Vh.  H.  WolJf\  und 
zwar  zuerst  in  seiner  „nervösen  Schwerhörigkeit”  1842 
S.  7:  „Sobald  ein  Geräusch  das  Gehörorgan  IrifTt,  werden 
durch  die  excitorischen  Zweige  des  N.  quinlus  die  excito- 
motorischen  Zweige  des  N.  facialis  und  der  andern  Bewe- 
gungsnerven des  Ohres  angeregt,  die  äussern  und  die  in- 
nern  Muskeln  des  Ohres  werden  gespannt,  ja  zu  gewissen 
Bewegungen  veranlasst  und  hierdurch  dem  Sinnesnerven 
die  mehr  oder  minder  vollständige  Wahrnehmung  des  Ge- 
räusches zugeführt.  Fehlt  nun  aber  ein  Glied  in  dieser 
Kette,  so  muss  die  Function  des  Gehörorgans  abnorm,  ja 
kann  vielleicht  gar  vollkommen  aufgehoben  werden.  Dies 
ist  der  Grund,  weshalb  nach  der  Durchschneidung  des  N. 
quinlus  in  der  Schädelhöhle,  welche  Magendic  zuerst  unter- 
nahm, sowohl  das  Gesicht  als  auch  das  Gehör  verloren 

geht. Die  augenblickliche  Störung  der  Sinnesfunction 

durch  diese  Durchschneidung  kann  nur  in  dem  Umstande 
ihre  Erklärung  finden,  dass  der  N.  quintus  der  hauptsäch- 


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lichste  excitorischc  Nerv  des  Gehörorgans  wie  des  Gesichts- 
organs ist.” 

Hr.  Wolff  macht  somit  die  eigentliche  Sinneswahrneh- 
mung des  Ohres  von  der  Thätigkeit  nicht  des  Einen  Ge- 
hörnerven allein,  sondern  auch  der  sensiblen  und  motori- 
schen Nerven,  namentlich  des  mittlern  Ohres  abhängig, 
welche  Letztem  nach  ihm  sogar  den  ersten  Eindruck  des 
Schalles  empfangen  und  die  Wahrnehmung  des  Geräusches 
dem  Sinnesnerven  erst  nachträglich  zuführen  sollen.  Diese 
völlig  neue  Ansicht  von  dem  Zustandekommen  gesunder 
Sinnesthäligkeit  des  Gehörorgans,  hat  den  Urheber  dersel- 
ben ganz  natürlich  auch  zu  einer  entsprechend  neuen  Lehre 
von  den  Krankheiten,  namentlich  der  Nervenkrankheiten 
des  Ohres  geführt.  Letztre  ist  besonders  ausführlich  in 
den  „Nervenkrankheiten  des  Ohres”  1845  entwickelt,  und 
in  einem  Aufsatze  desselben  Vfs.  in  der  allgem.  medicin. 
Central-Zeitung  1847  Ocl.  13.  tß  in  der  angegebenen  Ent- 
wicklung aufrecht  erhalten. 

Hr.  W.  führt  anatomische,  physiologische  und  patholo- 
gische Beweise  für  seine  Lehre  auf.  Ich  will  versuchen, 
sie  der  Reihe  nach  zu  widerlegen. 

Hr.  W.  nennt  den  N.  quintus  den  hauptsächlichsten 
excitorischen  Nerv  des  Gehörorgans,  dessen  durch  die 
Durchschneidung  seines  Stammes  aufgehobener  Einfluss  auf 
die  motorischen  Nerven  des  Ohres  Taubheit  herbeiführe. 
Allein  an  einer  andern  Stelle  (Nervenkrankheiten  des  Ohres 
S.  23)  sagt  derselbe:  „der  N.  glossopharyngcus  ist  aller- 
dings der  hauptsächlichste  Gefühlsnerv  des  mittlern  Oh- 
res, doch  dürfen  wir  deswegen  die  Zweige  des  N.  quintus , 
welche  zu  demselben  gehn,  nicht  ausser  Acht  lassen.” 

Giebt  es  aber  im  mittlern  Ohre  zwei  hauptsäch- 
lichste Gefühls-  oder  excitorische  Nerven,  zu  denen  sich 
sogar  noch  excitorische  Zweige  des  N.  vagus  gesellen,  so 
ist  es  durchaus  unlogisch,  von  der  Durchschneidung  des 
N.  quintus  allein  schon  eine  gänzliche  Aufhebung  des  ex- 
citorischen Einflusses  auf  die  motorischen  Nerven  des  Oh- 
res und  dadurch  der  Sinneswahrnehmung  überhaupt  abhän- 


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gig  machen  und  nicht  gestatten  zu  wollen,  dass  der  aufge- 
hobene Einfluss  des  N.  quintus  in  dieser  Beziehung  durch 
den  N.  glossopharyngeus  und  tagtu  ersetzt  werde.  Die 
anatomische  Verlhciiung  der  einzelnen  Nerven  der  Trom- 
melhöhle berechtigt  somit  nicht  zu  der  Annahme  a priori , 
dass  die  Durchschneidung  des  N.  quintus  Taubheit  erzeu- 
gen müsse. 

Dies  würde  aber  gegen  eine  solche  Thalsache  selbst 
Nichts  beweisen.  Es  fragt  sich  also,  steht  es  fest,  dass 
Taubheit  nach  Durchschneidung  des  JV.  quintus  in  der  Schä- 
delhöhle  erfolgt  ist? 

Ich  erinnere  mich  noch  ziemlich  deutlich,  den  betref- 
fenden Versuch  an  lebenden  Kaninchen  von  Magendie  selbst 
in  seinem  cours  de  pht/siologie  experimentale  im  Winter  18§f 
gesehn  zu  haben,  und  zwar,  wie  ich  glaube,  nach  vorhe- 
riger Abtragung  der  Schädeldccke  mittelst  eines  starken 
Messers.  Indess,  die  Zeit  dieser  meiner  Zuhörerschaft  bei 
Magendie  liegt  schon  so  weit  hinter  mir,  dass  mein  Ge- 
dächtnis über  die  Art  der  Ausführung  der  Durchschnei- 
dung wohl  untreu  geworden  sein  kann.  Es  mag  sein,  dass 
dabei  die  Schädeldecke  nicht  abgetragen,  sondern  nur  durch 
ein  feines  Messerchen  der  gemeinsame  Stamm  des  N.  quin- 
tus durchschnitten  ward.  Jedenfalls  ist  dies  für  das  Ergeb- 
nis der  Durchschneidung  ganz  unwesentlich  und  hebt  die 
Zweifel  nicht  im  Mindesten,  welche  ich  (Beiträge  S.  23) 
gegen  dasselbe  erhoben  habe.  Ich  frage  auch  heute  noch, 
wie  hat  sich  Magendie  bei  dem  von  ihm  in  der  angegebe- 
nen Weise  operirten  Kaninchen  von  der  Vernichtung  ihrer 
Hörfähigkeit  überzeugt?  wie  ist  es  überhaupt  möglich,  sich 
hiervon  bei  Tbiercn  zu  überzeugen?  — Beide  Fragen  sind 
bis  jetzt  weder  von  Magendie  noch  von  Dr.  Vh.  H.  Wolff 
befriedigend  beantwortet  worden. 

Letztrer  scheint  im  J.  1842  in  s.  „nervösen  Schwer- 
hörigkeit” dergleichen  zweifelnde  Fragen  gar  nicht  zuge- 
lassen zu  haben,  denn  er  sagt  ja:  „dies  ist  der  Grund, 
weshalb  nach  der  Durchschneidung  — — auch  das  Gehör 
verloren  geht”.  Allein  bis  zum  Jahre  1845  muss  die- 


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ser  Glaube  doch  wankend  geworden  sein,  denn  er  sagt  (cf. 
Nervenkrankheiten  des  Obres  S.  24)  ganz  bescheiden: 
„Wir  können  nicht  genau  erkennen,  inwiefern  die 
Sinneswahrnehmnng  bei  den  Thieren,  welche  man  gewis- 
sen Experimenten  unterworfen  hat,  verändert  ist,  weil  wir 
nicht  sichre  Mittel  haben,  uns  von  der  Normalität  oder 
Abnormität  ihrer  Sinneswahrnehmungen  zu  überzeugen’’ 
und  S.  25:  „die  Versuche  — — — scheinen  mir  nicht 
vollkommen  beweisend,  weil  man  eben  nicht  klar  erken- 
nen konnte,  ob  die  Sinnesfunctionen  bei  den  Thieren,  an 
welchen  der  Versuch  gemacht  worden  war,  fortbestanden 
oder  nicht”. 

Bis  hieher  ist  Alles  ganz  verständig;  wäre  Hr.  Wolff 
bei  diesen  Zweifeln  über  die  wirklich  nach  Durchschnei- 
dung des  N.  qmüut  erfolgte  Taubheit  bis  zur  Ermittelung 
triftigerer  Beweise  stehn  geblieben,  so  würde  er  sich  so 
gut  wie  ich,  der  ich  jetzt  sein  entschiedner  Gegner  bin, 
im  vollen  Einklänge  mit  den  besten  physiologischen  Auto- 
ritäten unsrer  Zeit  befunden  habea  Ich  erinnere  nur  an 
J.  Müller  (Physiologie  I,  S.  638),  welcher  bei  Gelegenheit 
der  Durchschneidung  des  trigewürtus  in  der  Schädelhöhle 
einer  darauf  folgenden  Taubheit  gar  nicht  erwähnt,  so  we- 
nig wie  VoUhmaim  (Handwörterbuch  der  Physiologie  von 
Rtul.  Wagner  1827  S.  581),  endlich  an  Valentin  (Lehrbuch 
der  Physiologie  1844  Bd.  II  S.  671),  welcher  sich  entschie- 
den dahin  ausspricht:  „die  frühere  Annahme,  dass  der  drei- 
gelheilte Nerv  nicht  bloss  auf  die  sensiblen,  sondern  auch 
auf  die  sensuellen  Thätigkeiten  der  Sinneswerkzeuge  direct 
einwirke  ( Magmdie ),  hat  sich  weder  durch  physiologische 
noch  pathologische  Thatsachen  bestätigt.  Diese  Behauptung 
basirte  sich  vorzüglich  in  Betreff  des  Geruchs  auf  die  Ver- 
wechslung der  stechenden  Perception  des  Ammoniaks  mit 
wahrer  Geruchsempftridurtg,  während  sie  für  das  Auge  und 
das  Ohr  überhaupt  keine  sichern  Thatsachen  anzuführen 
hatte” 

Kannte  nun  Hr.  Wolff  diese  theils  negativ  theils  posi- 
tiv aber  immer  sehr  entschieden  gegen  die  Glaubwürdigkeit 


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seines  französischen  Gewährsmannes  sprechenden  Zeugnisse 
seiner  eignen  Landsleute  gar  nicht,  oder  hielt  er  sie  nicht 
für  überzeugend;  gleichviel,  schon  auf  derselben  Seile,  S. 
25,  wo  er  seine  eignen  Zweifel  an  der  Zuverlässigkeit  der 
Ergebnisse  der  Viviseclionen  ausgesprochen  hat,  thut  er 
einen  bedeutenden  Schritt  vorwärts,  um  die  bereits  1842 
aufgestellte  Theorie  der  Nervenkrankheiten  des  Ohres  an- 
nehmbar zu  machen:  „Nehmen  wir  jedoch  mit  Magendie 
„eine  gänzliche  Vernichtung  oder  mit  Longet  nur  eine 
„Schwächung  der  Sinnesfunction  an,  auf  welche  Weise 
„wollen  wir  alsdann  diesen  Einfluss  des  N.  quintus  auf  die 
Sinnesorgane  erklären?” 

Wer  fühlt  nicht  sogleich,  dass  wir  hier  an  dem  Wende- 
puncl  der  neuen  Lehre  angekommen  sind?  Die  erste  Em- 
pfindung des  Schalles  soll  in  den  sensiblen  Zweigen  des 
N.  quintus  im  Ohre  vor  sich  gehn,  durch  die  Wirkung  der- 
selben auf  die  motorischen  Zweige  des  Ohres  dann  erst 
zum  Gehörnerv  fortgepflanzt,  übertragen  werden,  wobei 
sich  Hr.  Wolff"  eben  auf  das  Ergebniss  der  Durchschneidung 
des  N.  quintus,  die  augenblicklich  eintretende  Vernichtung 
oder  Schwächung  der  Hörfähigkeit  stützt.  Diese  Letztere 
war  also  zu  erweisen.  Hr.  W.  will  aber,  im  Bewusstsein 
der  Unmöglichkeit  eines  solchen  Beweises,  den  geforder- 
ten Beweis  umgehn,  uns  zu  einer  „Annahme”  auf  Treu 
und  Glauben  bereden.  Geben  wir  thörichterweise  eine 
solche  Annahme  zu,  so  ergeben  sich  alle  daraus  gezoge- 
nen Folgerungen  ohne  Widerspruch  von  selbst.  Allein 
eine  solche  Annahme,  eine  petitio  prmcipii , ist  durch  Niehls 
gerechtfertigt,  so  dass  jeder  „Versuch,  diesen  nur  ange- 
nommenen Einfluss  des  N.  quintus  auf  die  Sinnesorgane  zu 
erklären”,  höchst  überflüssig  ist.  Hr.  TV.  macht  nichtsdesto- 
weniger diesen  Versuch  (S.  25  — 39)  mit  vieler  theoreti- 
schen Wortklauberei,  durch  mancherlei  weite  „Annahmen, 
Möglichkeiten,  Behauptungen”  und  verkündet  dann  dem  er- 
staunten Leser  (1.  c.  S.  40.  41),  dass  die  verschiednen  Func- 
tionen der  sensiblen  und  motorischen  Nerven  (hier  doch 
nur  des  Ohres?  Ref.)  durch  Versuche  an  lebenden  Thieren 


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unwiderruflich  bewiesen,  durch  die  experimentirende 
Physiologie  unumstösslich  bewiesen  worden;  dass  das  Zu- 
sammenwirken der  verschiednen  Nervenarten  zur  vollkomm- 
nen  Sinnesfunclion  nothwendig  sei. 

Es  mag  wohl  sehr  angenehm  und  beruhigend  sein, 
sich  im  Besitz  unumstösslicher  und  unwiderruflicher  Be- 
weise zu  wissen;  allein  wenn  diese  Beweise,  wie  hier  die 
nach  Durchschneidung  des  N.  qutntus  eintretende  Taubheit 
nur  auf  einer  ganz  willkührlichen  „Annahme”  ruhn,  dann 
können  selbst  unumstössiiche  und  unwiderrufliche  Beweise, 
selbst  „Nothwendigkeiten”  höchstens  bei  sehr  leichtgläubi- 
gen Personen  Eingang  finden. 

Wenden  wir  uns  nun  endlich  zu  den  pathologischen 
Beweisen  für  die  neue  Lehre,  so  führt  uns  Hr.  Dr.  PA.  //. 
Wolff"  unter  seinen  „Gefühlsneurosen’’  zunächst  die  Otalgic 
auf,  als  ein  Leiden  der  sensiblen  Nerven  des  mittlern  Oh- 
res, zu  welchem  sich  (1.  c.  S.  43)  als  Reflexerscheinung 
Contraction  der  innern  Ohrenmuskeln  gesellen,  und  dadurch 
die  Sinneswahrnehmung  geschwächt  werden  müsse,  unter 
der  Gestalt  von  Ohrentönen  und  Schwerhörigkeit;  (I.  c.  S. 
50)  „während  der  Paroxysmus  schiesst  — — — , alsdann 
entsteht  unmaassgeblich  Ohrensausen  und  damit  Schwerhö- 
rigkeit”. Offenbar  hat  Hr.  W.  hier  ganz  Unrecht;  beide 
Beschwerden  fehlen  ebenso  gut  bei  der  Otalgie,  wie  sie 
vielleicht  andre  Male  dieselbe  begleiten,  wie  man  an  fol- 
gendem Krankheitsfalle  sehn  wird. 

Frau  Schuster,  Mauerstr.  45  auf  dem  Hofe  1 Treppe 
hoch  wohnhaft,  litt  bereits  seit  0 Monaten,  nach  vorange- 
gangenen aber  sehr  bald  wieder  vergangenen  Schmerzen 
in  den  Zähnen  der  rechten  obern  Kinnlade,  an  äusserst 
heftigen  anhaltenden  Schmerzen  tief  im  rechten  Ohre  (Lei- 
den der  sensiblen  Nerven  desselben),  als  sie  am  0.  Juli 
1847  bei  mir  Hülfe  suchte.  Sie  hatte  in  der  ganzen  lan- 
gen Krankheit  niemals  Ohrensausen,  niemals  Schwerhörig- 
keit gehabt;  sie  hörte  meine  Taschenuhr  volle  30  Fuss 
weit.  Gehörgang,  Trommelfell,  Eustachische  Trompete, 
Trommelhöhle  fand  ich  in  ganz  gesundem  Zustande,  so 


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dass  an  dem  rein  nervösen  Charakter  dieser  Ohrenschmer- 
zen  gar  kein  Zweifel  aufkommen  konnte.  Als  symptoma- 
tisch wiesen  sie  sich  dagegen  aus,  indem  sie  am  jl.  Juli 
als  man  ihr  einen  cariösen  Backenzahn  der  rechten  obern 
Kinnlade  ausgezogen  hatte,  vollkommen,  dauernd,  augen- 
blicklich verschwanden.—  Warum  hat  nun  in  diesem  Falle 
das  Leiden  der  sensiblen  Nerven  des  mittlern  Ohres,  Con- 
traction  der  kleinen  Ohrenmuskeln,  Schwächung  der  Sin- 
neswahrnehmung nicht  herbeigeführt?  Doch  offenbar  nur 
deshalb  nicht,  weil  WoljjTs  Theorie  von  dem  Einflusso  der 
Hilfsnerven  des  Ohres  auf  die  Vollkommenheit  der  Sinnes- 
wahrnehmungen ganz  unbegründet,  naturwidrig  ist. 

Unter  seinen  „Bewegungsneurosen”  führt  Hr.  W.  den 
Krampf  der  Muskeln  der  Gehörknöchelchen  auf  (I.  c.  S.  70), 
welchen  er  durch  Mittheilung  folgenden  Geschiehtchens 
ausser  Zweifel  zu  setzen  gedenkt:  „Dr.  Linckc  (cf.  dessen 
Ohrenheilkde.  I,  481.482)  bemerkte  einst  im  Freien  plötz- 
lich im  rechten  Ohre  ein  starkes  Geräusch,  welches  genau 
dem  durch  das  Schlagen  der  Flügel  eines  Schmetterlings 

gegen  eine  Wand  hervorgebrachten  glich . Er  kam 

auf  die  Vermuthung(i),  dass  dies  Geräusch  von  einer  ab- 
wechselnden Spannung  und  Erschlaffung  des  Trommelfells 
in  Folge  einer  krampfhaften  Bewegung  des  Hammermus- 
kels herrühre.  Diese  Vermulbung  schien  ihm  Glauben  zu 
verdienen,  weil  er  auch  oft  nach  Erkältungen  des  Kopfes 
von  vorübergehenden  Zuckungen  der  Gesichtsmußkeln  be- 
fallen worden  sei 

Was  hier  Lincke , der  sonst  auch  kein  Held  auf  dem 
Gebiete  der  Kritik  ist,  doch  vorsichtig  als  Vermuthung  auf- 
stellt, nennt  Hr.  W,  (1.  c.  S.  70.  71 ) „mit  Recht  ein  Mit- 
ergriffenwerden der  innern  Ohrenmuskeln  vom  Krampfe  der 
Gesichtsmuskeln”.  Offenbar  aber  fehlt  dieser  neuen  Krank- 
heitsform im  W. 'sehen  Systeme,  ebenso  wie  der  Taubheit 
nach  Durchschneidung  des  iV.  quintus  nur  eine  Kleinigkeit, 
der  Beweis  ihres  Bestehens  in  der  Wirklichkeit. 

Das  System  fordert  aber  dem  Krampfe  gegenüber  auch 
eine  Lähmung;  Hr.  W.  hat  auch  (1.  c.  S.81)  eine  Lähmung 


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der  Muskeln  der  Gehörknöchelchen,  und  stützt  sich  hierbei 
sogar  auf  drei  Krankengeschichten.  Die  dritte,  „welche 
vorzüglich  die  Einwirkung  der  Verletzung  des  N.  facialis 
auf  die  Functionen  des  Gehörorgans  zu  beweisen  scheint” 
(l.c.  S.  86),  werde  ich  hier  etwas  näher  beleuchten. 

Ein  robuster  Landmann  fiel  von  seinem  Wagen  auf  die 
Strasse.  Nachdem  er  j Stunden  bewusstlos  gewesen  war 
und  in  dieser  Zeit  viel  hellrothes  Blut,  angeblich  mindestens 
1 Schoppen,  verloren  hatte,  brachte  man  ihn  auf  die  Beine. 
Pauli  fand  im  Gehörgange,  so  weit  man  denselben 
verfolgen  konnte,  keine  Verwundung;  die  ganze  Um- 
gegend des  Obres  aber  stark  angeschwollen  und  blau.  Das 
Gehör,  zumal  auf  dem  rechten  Ohre,  war  sehr  erschwert, 
mit  Ohrenklingen.  Am  Oien  Tage  wurde  das  Gesicht  stark 
verzogen,  die  rechte  Ohrenmuschel  hing  herunter.  Durch 
Anwendung  zweckmässiger  Mittel  kehrte  mit  der  allgemei- 
nen Besserung  auch  das  Gehör  vollkommen  wieder. 

Obgleich  nun  aus  der  ganzen  Mittheiiung  nicht  hervor- 
geht, ob  Pauli  das  Trommelfell  des  Kranken  gesehn,  sich 
von  einem  etwaigen  Risse  in  demselben  überzeugt,  noch 
weniger  aber  durch  Cathelerisalion  der  Eustachischen  Trom- 
pete festgestelit  habe,  ob  dieselbe  und  die  Trommelhöhle 
etwa  ausgetrocknetes  Blut  enthalten  habe  oder  nicht;  ob- 
gleich, sage  ich,  Alles  dies  nicht  berührt  ist,  so  nimmt  Hr. 
W.  dennoch  keinen  Anstand  zu  sagen:  „ Pauli  beweist  ganz 
richtig,  dass  das  Blut  von  der  Jrt.  tympanicis  und  der  Jrt. 
stylomastoidea , und  sowohl  durch  das  zerrissene  (1)  Trom- 
melfell als  auch  durch  den  canalis  Fallopii  — r—  gekommen 
sei.  Im  canalis  Fallopii  musste  aber  hierdurch  auch  der 
dort  verlaufende  N.  facialis  afiicirt  werden;  zu  Anfang 
wurde  er  wohl  nur(l)  zur  Hervorbringung  eines  Krampfes 
der  innem  Ohrenmuskeln  gereizt  u.  s.  w.” 

Nicht  zufrieden  mit  dieser  scharfsinnigen  Diagnose  ei- 
nes Krampfes  und  einer  darauf  folgenden  Lähmung  beider 
innern  Ohrenmuskeln  fühlt  sich  Hr.  W.  stark  genug,  noch 
weiter  zu  gehn  (1.  c.  S.  89)  und  selbst  Fälle,  in  denen  nur 
Einer  der  beiden  kleinen  Muskeln  der  Paukenhöhle  gelähmt 


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ist,  möchten  (!)  Vorkommen.  So  erzählt  ItarJ  einen  Fall, 
welcher  wohl  hierher  gehören  möchte.  Ein  Schauspieler 
hatte  bei  sonst  ungetrübter  Hörfahigkeit  seine  musikalischen 
Fähigkeiten  zum  Theil  verloren;  so  oft  er  nämlich  hohe  Töne 
singen  wollte,  hörte  er  dieselben  nicht  deutlich,  sondern 
erhielt  nur  eine  konfuse  Wahrnehmung  derselben,  welche 
verursachte,  dass  er  detonirte.  Vergleichen  wir  hiermit  das, 
was  Bonafont  über  die  Functionen  des  M.  stapedius  und 
maUei  internus  gesagt  hat,  so  können  wir  wohl  zu  der  An- 
sicht gelangen,  dass  in  dem  eben  berichteten  Falle  der  M. 
stapedius  gelähmt  gewesen  sein  möchte. 

, Wird  mir  Hr.  Dr.  Bh.  H.  Wolff  zürnen,  wenn  ich  und 
vielleicht  noch  manche  andre  geehrte  Leser  auch,  nicht 
zu  dieser  Ansicht  gelangen  kann?  Die  Höhe  diagnostischer 
Schärfe,  zu  welcher  dieser  Herr  auf  der  Leiter  seines  Sys- 
tems emporgestiegen  ist,  macht  mich,  offenherzig  gestanden, 
schwindeln.  Ich  kann  auch  hier  immer  nicht  vergessen, 
dass  die  Grundlage  dieses  Systems  von  der  viel  besproche- 
nen Taubheit  nach  Durchschneidung  des  N.  quintus  in  der 
Schädclhöhle , gebildet  wird,  diese  Taubheit  aber  unglück- 
licherweise von  Hm.  W.  nicht  bewiesen,  sondern  nur  „an- 
genommen” worden  ist,  so  dass  das  ganze  W.’sche  System 
sammt  den  pathologischen  Beweisen  für  dasselbe  ohne 
Grundlage  in  freier  Luft  schwebt. 

Verlangt  man  nun  aber  (cf.  Canstatt  u.  Eisenmarw,  Jah- 
resbericht u.  s.  w.  für  1845  Bd.  11  Art.  189 : Ohrenheilkunde) 
von  mir  noch  den  Beweis  vom  Gegenlheil,  d.  h.  davon, 
dass  die  sensiblen  Nerven  des  Ohres  nicht  als  Hülfsnerven 
der  Sinneswahrnehmung  durch  den  Gehörnerven,  wirken, 
so  ist  dies  eine  durchaus  unbillige  Forderung.  Nach  dem 
Grundsätze:  qui  affirmat , probet , hat  der  Gegner  einer  Theo- 
rie nur  die  Verpflichtung,  die  dafür  beigebrachten  Gründe 
als  unhaltbar  nachzuweisen;  diesen  Nachweis  der  Unhalt- 
barkeit der  WdJ)'' sehen  Theorie  glaube  ich  aber  hinreichend 
geführt  zu  haben. 


Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber : Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  ain  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmlliche  Buch* 
handlangen  und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  II i r sc h ic a hl. 


JW  4.  Berlin , den  22 ,en  Januar  1848. 


Der  Gebärmutterträger,  ein  neues  Instrument  zur  Zurückhaltung  der 
Vorfälle.  Vom  Geh.  Rath  Dr.  C.  Mayer.  — Hospitalbericht  aus 
Rio  Janeiro.  Vom  Dr.  L a llema n t.  (Fortsetzung.) — Vermischtes. 
(Die  von  Arsenik  freien  Phosphordampfe  verursachen  keine  Necrose.) 

Der  Gcbännutlerträger(7fy.s/cro/jÄor ),  ein  neues 
Instrument  zur  Zurückhaltung  des  Vorfalls  der 
Gebärmutter  und  der  Scheide. 

Erfunden  und  iditgclheiit 

vom  Geh.  Sanitäts-Rath  Dr.  C.  Mayer  in  Berlin.*) 


Der  Vorfall  der  Gebärmutter  und  der  Scheide,  Frolap- 
sus  uteri  et  voginae , ein  in  allen  Ständen,  besonders  aber 
>n  den  armem,  arbeitenden  Classen  überaus  häufig  vor- 
kommendes Leiden,  ist  schon  in  den  leichtern  Graden  und 


*)  Der  Herr  Vf.  hat  die  Güte  gehabt,  sein  neues  Instrument  und 
dessen  Anwendung  bei  einer  an  einem  vollkommncn  Prolaps,  uteri 
leidenden  Kranken  der  e.  Stosch’ sehen  Gesellschaft  für  pract.  Medicin 
zu  zeigen,  und  wir  haben  uns  bei  dieser  Gelegenheit  von  der  unbe- 
streitbaren Zweckmässigkeit  des  Instrumentes,  der  ungemeinen  Leich- 
tigkeit seiner  Anwendung  und  seines  Gebrauchs  und  der  augenblick- 
lich cintretenden  Vortheile  nach  demselben  für  die  Kranken  überzeu- 
gen können.  C. 

Jahrgang  1848.  4 


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bei  übrigens  günstigen  Verhältnissen  der  Kranken  mit  viel- 
fachen, lästigen  Beschwerden  verbunden,  aber  in  seinen 
schlimmsten  Formen,  wenn  die  seiL  Jahren  vorgefalluen 
Theile  wie  ein  grosser  excoriirter,  eiternder  Fleiscbldum- 
pen  zwischen  den  Schenkeln  liegen,  in  jeder  Stellung  der 
Kranken  unsägliche  Schmerzen  verursachen,  Stuhl-  und 
Urinausleerung  hindern,  ist  es  wahrhaft  scheusslich,  ganz 
besonders  aber  ist  es  entsetzlich  in  seinen  Folgen  bei  den 
Frauen  der  ärmern  Gassen,  weil  das  sich  mit  jedem  Tage 
verschlimmernde  Leiden  diese  endlich  zum  Erwerb  ihres 
Unterhalts  unfähig  macht,  sie  dem  Hunger  und  Elende  Preis 
giebt  und  die  Zahl  derjenigen  vermehrt,  welche  nicht  sel- 
ten in  einem  noch  gar  nicht  vorgerückten  Alter  die  Unter- 
stützung von  Seiten  der  öffentlichen  Wohlthätigkeitsanstal- 
ten  in  Anspruch  nehmen  müssen. 

Ein  so  häufig  vorkommendes,  in  seinen  Folgen  so 
wichtiges  Leiden  musste  natürlich  von  jeher  die  Aufmerk- 
samkeit der  Aerzte  auf  sich  ziehn  und  hat  denn  auch  im 
Laufe  der  Jahrhunderte  zu  einer  grossen  Zahl  von  Erfin- 
dungen und  Operationsmethoden  geführt,  von  denen  jedoch 
keine,  von  Wirpocrates  bis  auf  die  jetzige  Zeit,  den  Wün- 
schen und  Erwartungen  der  Kranken  und  der  Aerzte  voll- 
kommen entsprach.  Der  vollkommne  Gebärmutter-  und 
Scheidenvorfall  blieb  in  seinem  schlimmsten  Grade  in  der 
Mehrzahl  der  Fälle  ein  bemitleidenswerthes,  nicht  zu  be- 
seitigendes Leiden. 

Man  begnügte  sich  bekanntlich  seit  den  ältesten  Zeiten 
her,  die  vorgefallnen  Theile  durch  in  die  Scheide  einge- 
brachte  Körper,  durch  sogenannte  Mutterkränze  oder  Pes- 
sarien  von  der  verschiedensten  Gestalt  und  vom  verschie- 
densten Material,  zurückzuhalten  und  ist  bis  jetzt  von  dem 
leidigen  Gebrauch  derselben  noch  nicht  gänzlich  zurückge- 
kommen, ungeachtet  ihre  Nachtheile  so  gross,  so  überwie- 
gend sind,  dass  sie  unbedingt  ganz  und  gar  aus  der  Praxis 
verbannt  zu  werden  verdienen. 

Nicht  allein  dass  die  Pessarien,  wenn  sie  festsitzeu 
und  die  dislocirten  Theile  zurückhalten  sollen,  den  obern 


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Theil  der  Scheide  fortwährend  in  einer  widernatürlichen 
Ausdehnung-  erhalten,  sondern  sie  reizen,  entzünden,  ex- 
coriiren  nach  und  nach  Gebärmutter  und  Scheide,  vermeh- 
ren die  nalurgemässen  Absonderungen,  veranlassen  profuse, 
stinkende,  jauchige  Leucorrhöen,  bösartige  Geschwüre  und 
Wucherungen,  führen  sogar  zu  Blasen-  und  Mastdarm- 
Scheideniisteln;  — Folgen,  welche  besonders  dadurch  be- 
gründet werden,  dass  dieselben  nach  und  nach  mit  kalkar- 
tigen Massen  incrustiren,  welche  sich  aus  den  Secretionen 
der  Genitalien  absetzen  und  allmälig  eine  so  feste  Adhä- 
sion mit  der  Gebärmutter  und  der  Scheide  herbeifdhren, 
dass  solche  Pessarien  nur  durch  die  schmerzhaftesten  und 
gewaltsamsten  Operationen  wieder  entfernt  werden  können. 

Die  genannten  bösen  Folgen  werden  zwar  bei  der 
Anwendung  von  Schwämmen  und  Stützbandagen  vermieden, 
allein  diese  reichen  eben  so  wenig  wie  die  Pessarien  aus, 
die  veralteten,  oft  Kinderkopf  grossen  Vorfälle  zurückzu- 
halten; sie  können  in  solchen  Fällen  nur  bei  ganz  ruhigem 
Verhalten  der  Kranken  den  Zustand  erleichtern,  aber  sie 
genügen  keineswegs,  um  solche  unglückliche  Frauen  wieder 
arbeitsfähig  zu  machen. 

In  neurer  Zeit  versuchte  die  operative  Chirurgie,  an- 
geregt durch  die  allgemeinen  Klagen  über  die  bedeuten- 
den Nachtheile  der  Pessarien,  über  die  Unzulänglichkeit  al- 
ler bisher  bekannten  Verfahrungsarten,  mit  Hülfe  des  Mes- 
sers oder  des  Glüheisens  eine  radicale  Heilung  der  Vorfälle 
zu  bewirken;  indessen  sind  die  Erfolge  der  verschiednen 
bis  jetzt  angewandten  Operationsmothoden , im  Vergleich 
zu  ihrer  Schmerzhaftigkeit  und  Wichtigkeit,  zu  der  damit 
verbundnen  Gefahr,  zu  der  oft  langen  Dauer  und  Schwie- 
rigkeit der  Nachbehandlung,  noch  zu  wenig  befriedigend, 
als  dass  man  eine  derselben  dem  Kranken  als  ein  sichres, 
unfehlbares  Heilmittel  unbedingt  empfehlen  könnte. 

Bei  der  angegebenen  Mangelhaftigkeit  aller  bisher  be- 
kannten Hüifsmittel,  bei  dem  allgemein  gefühlten  dringen- 
den Bedürfnis  nach  einer  zweckmässigen  und  sichern  Be- 
seitigung eines  so  häufigen  in  jeder  Beziehung  unheilvollen 

4* 


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Leidens,  gewährt  es  mir  eine  ausserordentliche  Freude, 
ein  Verfahren  mittheilen  zu  können,  durch  welches  man 
endlich  in  den  Stand  gesetzt  wird,  jeden  noch  so  veralte- 
ten, noch  so  grossen  Gebärmutter-  und  Scheiden -Vorfall 
auf  eine  höchst  einfache  Weise  vollständig  in  solcher  Art 
zurückzuhallen,  dass  die  Kranken  nicht  nur  von  ihren 
Schmerzen  und  Beschwerden  befreit,  sondern  auch  ihrer 
gewohnten  Thätigkeit  zurückgegeben  und  wieder  zu 
brauchbaren  Mitgliedern  der  menschlichen  Gesellschaft  ge- 
macht werden. 

Der  dazu  nöthige  Apparat  besteht  in  einem  Fischbein- 
släbchen  von  12  bis  13  Zoll  Länge.  Es  ist  an  dem  obern 
Ende  abgerundet,  1 Zoll  breit,  wird  allmählig  schmäler,  so 
dass  es  am  untern  Ende  nur  eine  Breite  von  2 Linien  be- 
hält und  mit  einem  kaum  3 Linien  breiten  abgerundeten 
Knöpfchcn  endet ; ein  zweites  ähnliches  h'nöpfchen  befindet 
sich  etwa  1 Zoll  von  dem  ersten  entfernt.  Das  glatte  po- 
lirte,  sehr  genau  gearbeitete  Instrument  hat  überall  eine 
gleichmässige  Dicke  von  ; Linie,  sorgfältig  abgerundete 
Ränder  und  an  dem  obern  breiten  Ende,  etwa  6 Linien 
von  dem  obern  Rande  entfernt,  2 längliche  6 — 7 Linien 
lange,  etwa  2 Linien  breite  Löcher. 

Der  mit  den  Knöpfchen  versehene  Theil  des  Stäbchens 
wird  in  einen  glatten,  weichen,  cylindrisch  geschnittenen 
Waschschwmnm  von  2j  bis  3 Zoll  Länge  und  l .t  bis  2 Zoll 
im  Durchmesser,  etwaig  Zoll  lief  gesteckt,  nachdem  zuvor 
ein  Loch  in  denselben  gebohrt  ist  und  dieser  wird  mit  ei- 
nem dünnen  Bindfaden  an  den  zwischen  den  beiden  Knöpf- 
chen befindlichen  Raum  festgebunden. 

Nach  der  Reposition  des  Vorfalls  wird  der  in  Wasser 
getauchte,  ausgedriiekte,  an  dem  Stäbchen  festsitzende 
Schwamm  möglichst  zusammengedrückt  so  tief  in  die  Scheide 
gebracht,  dass  nicht  das  Mindeste  von  demselben  in  der 
Schamspalte  fühlbar  bleibt,  — dann  wird  das  Instrument 
nach  vorn  gegen  den  Unterleib  in  die  Höhe  gebogen  und 
mittelst  eines  durch  die  beiden  Löcher  gezognen,  oberhalb 
der  Hüftbeine  rings  um  den  Bauch  reichenden,  schmalen 


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53 


Bandes  fest  angebunden,  so  dass  der  breite  Theil  des  In- 
struments flach  auf  der  Linea  alba  und  Nabelgegend  liegt 
und  endlich  der  bei  diesem  Verfahren  etwa  ein  wenig  her- 
abgezogene Schwamm  nochmals  recht  tief  in  die  Scheide 
gedrückt. 

Die  schwache  Federkraft  des  so  gekrümmten  Instru- 
ments reicht  grade  hin,  um  den  Schwamm  so  stark  gegen 
das  Os  sacrum  zu  drücken,  dass  ein  Herausgleiten  dessel- 
ben unmöglich  wird  und  die  Kranken  weder  durch  Pres- 
sen, noch  durch  irgend  eine  Bewegung,  durch  Gehen, 
Steigen,  Hinsetzen  u.  s.  w.  denselben  herauszutreiben  ver- 
mögen, — auf  der  andern  Seite  ist  diese  Federkraft  wie- 
der so  gering,  dass  der  dadurch  bewirkte  Druck  auf  die 
Weichgebilde  und  das  Os  sacrum  die  Kranke  durchaus  nicht 
belästigt.  Um  das  Zerren  des  Instruments  durch  die  Klei- 
dungsstücke zu  verhüten,  muss  man  eine  gewöhnliche 
T binde  anlegen  lassen,  aber  bei  Dilacerationen  des  Peri- 
näum  leistet  eine  sogenannte  Stülzbandago,  eine  T binde 
mit  einem  kleinen  schmalen  Kissen,  welches  gegen  die  un- 
tere Commissur  der  Genitalien  drückt,  noch  bessere  Dienste. 
Das  Instrument  wird  des  Abends  im  Bett  entfernt,  der 
Schwamm  gereinigt  und  am  andern  Morgen  wieder  cinge- 
bracht,  da  sich  jedoch  das  Stäbchen  in  Folge  der  Wanne 
krümmt,  so  muss  man  dasselbe  täglich  nach  der  entgegen- 
gesetzten Seite  umbiegen,  damit  es  immer  die  nölhige  Fe- 
derkraft ausübt.  Bei  der  Urin-  und  Stuhlentleerung  ist  es 
nicht  hinderlich,  sollte  jedoch  bei  der  letztem  oder  nach 
andern  Anstrengungen  der  Schwamm  ein  wenig  herabsin- 
ken, so  dass  er  in  der  Schamspaile  fühlbar  wird  und  die 
untere  Commissur  scheuert,  so  muss  die  Kranke  ihn  wieder 
tiefer  in  die  Scheide  drücken,  im  Fall  aber  der  Schwamm 
die  Scheide  zu  sehr  reizt,  so  kann  man  denselben  in  ein 
weites,  feines  leinenes  Säckchen  stecken.  Das  Instrument 
zeichnet  sich  aus  durch  seine  grosse  Einfachheit,  Wohlfeil- 
heit, Dauerhaftigkeit  und  Zweckmässigkeit.  Es  kann  mit 
Leichtigkeit  von  der  Kranken  selbst  täglich  fortgenommen 
und  wieder  eingebracht,  der  Schwamm  täglich  gereinigt 


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werden,  während  das  Fischbein  weder  vom  Urin  noch  vom 
Vaginalschleim  verändert  wird;  — es  hält  die  grössten 
Vorfälle  vollständig  zurück  und  scheint  dieselben  sogar  nach 
längerem  Gebrauch  radical  zu  heilen,  denn  schon  die  4 bis 
6 wöchentliche  Anwendung  zeigte  bei  mehrern  in  der  Ge- 
sellschaft für  Geburtshülfe  vorgestellten  Frauen  den  über- 
raschenden Erfolg,  dass  diese  nach  Fortnahme  des  Stäb- 
chens, den  früher  mehr  als  Faust  grossen  Vorfall  nicht 
mehr  hervordrängen  konnten.  . 

Das  Fischbeinstäbchen  wird  vom  hiesigen  Instrumen- 
tenmacher Schneider,  Rosenstrasse  11)  (am  neuen  Markt) 
nach  meiner  Angabe  angefertigt  und  kostet  15  Sgr. 


Uebersicht  der  vom  1.  Juli  1845  bis  Eude  Juni 
1846  in  der  Freradenstation  des  Hospitals  da 
Mizericordia  zu  Rio  de  Janeiro  behandelten 
Krankhcitsfiillc. 

Mitgetheill 

vom  Kais.  Hospitalarzte  Dr.  iMlkmant  zu  Rio  de  Janeiro. 

(Fortsetzung.) 


An  anderweitigen  Herzaffectionen  litten  13  Patien- 
ten, von  denen  4 starben,  7 entlassen  wurden,  und  2 im 
Rückstand  blieben.  Doch  war  der  Zustand  der  Entlassenen 
fast  immer  nur  ein  Besserbefinden,  selten  eine  vollkommne 
Heilung;  bei  den  meisten  Patienten  lag  ein  organischer 
Fehler  zum  Grunde.  Bei  einem  Engländer  fand  ich  nach 
dem  Tode  eine  bemerkenswerthe  Desorganisation;  sämmt- 
liche  Aortenklappen  hatten  auf  ihrem  freien  Rande  eine 
sehr  bedeutende,  blumenkohlartig  geformte  Kalkmasse  von 
etwa  1 Zoll  Länge,  wodurch  das  Schliessen  der  Valveln 
unmöglich  gemacht  wurde.  Diese  Kalkmasse  hatte  absolut 


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dieselbe  Form  und  Gestalt,  wie  ich  schon  zweimal  Excres- 
cenzen  gefunden  habe,  die  eine  ebenfalls  auf  den  Aorten- 
klappen eines  Negerjungen,  die  andre  bedeutend  grosse  als 
Wall  um  einen  Aortenriss,  worauf  ein  Abdominalaneurysma 
gefolgt  war,  ebenfalls  bei  einem  Neger. 

Von  10  Pneumonien  endigten  2 mit  dem  Tode,  0 
Pleuresien  wurden  geheilt,  von  27  Catarrhen  gingen 
3 in  Schwindsucht  über,  und  endigten  mit  dem  Tode.  Bei 
einem  alten  deutschen  Seemann,  der  auf  dem  englischen 
Ostindien fahrer  „Old-England”  diente,  war  zugleich  Bla- 
se ncatarrh  mit  unvollkommner  Paralyse  der  Blase  und 
damit  verbundner  Urinverhaltung  vorhanden;  der  Blasenca- 
tarrh  ward  gebessert,  und  die  Trägheit  der  Muskelfasern 
gänzlich  gehoben  durch  kleine,  oft  wiederholte  Gaben  des 
Secale  comutun.  — Dieses  Blasenleiden  war  die  Ursache 
eines  höchst  sonderbaren  Verfahrens  gewesen.  Als  das 
eben  genannte  Schiff  auf  hiesiger  Rhede  ankam,  ward  es 
in  4 tägige  Quarantaine  gelegt,  weil  2 Patienten  am  Bord 
waren,  und  weil  jedes  Schiff  mit  Krankheit  unter  Aufsicht 
gestellt  wird;  am  5ten  Tage  kamen  beide  Patienten  zu  mir 
in’s  Spital,  — jener  alte  Matrose,  und  ein  Kajütenjunge  mit 
einem  einfachen  Beinbruch.  In  diesem  Falle  war  die  Hand- 
habung eines  Qiiarantainegesetzes  lächerlich,  aber  dennoch 
ziemlich  unschuldig;  doch  habe  ich  Fälle  erlebt,  wo  man 
höchst  unverantwortlich  handelte,  — unter  vielen  Fällen 
nur  folgende:  Auf  dem  Preussischen  Wallfischfänger  „Bo- 
russia” bekam  der  Steuermann  Sonnenstich,  Fieber,  Delirien 
und  complete  Raserei,  so  dass  er  gebunden  werden  musste;, 
an  einem  Dienstag  kam  das  Schiff  hier  an,  ward  in  Qua- 
rantaine gelegt,  und  konnte  den  Unglücklichen  erst  am 
Donnerstag,  da  der  Mittwoch  ein  Festtag  war,  an’s  Land 
schicken;  der  Steuermann  starb  in  Raserei  in  hiesigem 
Spital;  48  Stunden  frühere  Hülfe  hätte  ihn  vielleicht  ge- 
rettet. — Albern  war  es,  dass  man,  als  der  Kriegsdampfer 
„Growler”  und  der  „Eclair”  mit  einem  Africanischen  Fieber 
am  Bord  nach  England  kamen,  hier  in  Rio  alle  englischen 
Schiffe  ohne  Unterschied  in  Quarantaine  legte,  besonders 


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die  von  den  Capverdischen  Inseln.  Dort  sollte  jenes  Fieber 
besonders  herrschen;  nun  erinnere  ich  mich  sehr  gut,  dass, 
als  ich  vor  Ü Jahren  auf  der  Capverdischen  Insel  Boa  Vista 
war,  dort  ein  endemisches  Fieber  grassirte,  was  sich  zu- 
weilen nach  Regengüssen  in  der  Umgegend  einer  grossen 
Lache  entwickelt;  damals  legte  man  uns  nicht  in  Quaran- 
taine,  es  wäre  auch  unnütz  gewesen,  denn  die  Reise  von 
26  Tagen  von  jener  Insel  nach  Rio  ist  gewiss  die  beste 
Quarantaine.  Am  geistreichsten  verfuhr  man  vor  2 Jahren 
mit  der  Hamburger  Barke  „Therese”.  Das  Schiff  kam  mit 
200  Colonisten  von  den  Canarischen  Inseln  und  hatte  Pok- 
ken  an  Bord,  eine  Krankheit,  die  in  Rio  fast  immer  herrscht, 
und  bei  der  man  die  Patienten  niemals  isolirt;  trotzdem 
legte  man  das  Schiff  in  Quarantaine;  nach  8 Tagen  sah 
man  ein,  dass  es  unbillig  sei,  die  Gesunden  mit  den  Kran- 
ken in  einem  engen  Schiffsräume  zu  lassen;  die  erstem 
kamen  deswegen  auf  ein  abgetakeltes  Brasilianisches  Kriegs- 
schiff; die  „Therese”  selbst  blieb  draussen  bei  der  Festung 
Villegagnon  in  Quarantaine  mit  den  Pockenkranken  und  den 
Matrosen  liegen.  Sehr  bald  ward  ich  zu  den  gesunden 
Colonisten  gerufen,  weil  auch  dort  die  Pocken  ausbrachen; 
diese  Patienten  schickte  ich  ins  Hospital,  wo  alle  Welt  mit 
ihnen  communicirte,  — währenddessen  die  „Therese”  draus- 
sen ihre  Quarantaine  unverwüstlich  noch  14  Tage  fortsetzte! 

Die  Zahl  der  verschiednen  Pockenkranken  war  in 
diesem  Jahre  geringer,  und  in  den  letzten  Monaten  hatte 
ich  keinen  Patienten  an  Variolen  auf  der  Station.  Im  Gan- 
zen behandelte  ich  52  Pockenkranke,  von  denen  2 starben, 
ein  Verhältniss , was  kaum  günstiger  sein  kann,  was  aber 
offenbar  mit  einer  bedeutenden  Gutartigkeit  der  Pocken  zu- 
sammenhängt; denn  wenn  auch  sehr  viele  Fälle  nur  sehr 
leicht  waren,  so  ist  es  mir  dennoch  geglückt,  diesmal  Pa- 
tienten zu  erhalten,  welche  ich  eigentlich  verloren  glaubte; 
in  der  That  kamen  namentlich  mehrere  Neger  und  Mulat- 
ten mit  zusammenfliessenden,  chagrinartigen  Pocken  (pelle 
de  lixa),  welche  zum  Theil  entsetzlich  stanken,  auf  die 
Station;  der  Brand  der  Haut  war  bedeutend  ausgedehnt, 


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die  Zange  oft  pergamenlartig  hart  und  rissig,  das  Gesicht 
eingefallen,  — ein  sehr  schlechtes  Zeichen  bei  den  Blat- 
tern; — in  hohem  Grade  waren  diese  Zeichen  bei  den 
Patienten,  welche  der  Krankheit  unterlagen,  beide  waren 
Neger;  der  erste  war  nur  24  Stunden  im  Spital,  ja  er  lag 
eigentlich  schon  im  Sterben,  als  man  ihn  brachte;  und  viel- 
leicht mag  die  vorhergegangene  Behandlung  ebenso  schlimm 
gewesen  sein,  als  die  Pocken  selbst;  dem  Patienten  waren 
die  Beine  von  oben  bis  unten  durch  Spanische  Fliegen  auf- 
gezogen, und  die  so  blossgelegten  Stellen  lederartig  ein- 
getrocknet. Der  zweite  Patient  war  nur  2 Tage  auf  der 
Station,  und  ebenfalls  bei  seinem  Kommen  schon  verloren, 
wie  denn  überhaupt  die  meisten  Pockennegcrsklaven  nur 
dann  ins  Hospital  geschickt  werden,  wenn  sie  in  hohem 
Grade  ergriffen  sind.  — Bei  dieser  eigentümlichen  Gut- 
artigkeit der  Pocken,  die  keineswegs  von  einem  etwa  ge- 
ringem Ausbruch  herrührt,  war  es  denn  auch  erfreulich, 
dass  zwei  Indianer  mit  Pocken  glücklich  wiederhergestellt 
wurden.  Ich  führe  diese  Beiden  deswegen  hier  an,  weil 
man  allgemein  behauptet  hat,  dass  Indianer  mit  einiger- 
massen  starkem  Pockenausbruch  verloren  wären.  Der  erste 
von  Beiden  ward  am  19.  Juli  (1845)  mit  zusammenfliesscn- 
den  stinkenden  Pocken  unter  stillen  Delirien  ins  Spital  ge- 
tragen; Serpenlaria  mit  Hirschhorngeist,  vielleicht  die  beste 
Verbindung,  die  bei  fauligen  Pocken  gegeben  werden  kann, 
und  Waschungen  von  lauwarmem  Bleiessig  mit  Camphor 
zur  Reinigung  der  stinkenden  Hautwunden  besserten  bald 
den  Zustand  des  Kranken;  ein  Hodensacködem,  was  sich 
darauf  einstelite,  verschwand,  als  Araicawaschungen  ange- 
wandt wurden,  und  schon  am  5.  Sept.  konnte  der  Patient 
entlassen  werden.  Die  Pocken  des  zweiten  Indianers,  ei- 
nes Botokudenjungen,  waren  nicht  so  heftig,  doch  bewirk- 
ten sie  andre,  höchst  unangenehme  Zufälle;  gleich  in  den 
ersten  Tagen  der  Krankheit  bildete  sich  in  der  linken  In- 
guinalgegend ein  grosser  Abscess,  der  beim  Oeffnen  eine 
Menge  Jauche  lieferte;  eine  Lymphdrüse  bildete  den  Mit- 
telpunkt, sie  war  schwammig  erweicht  und  schmerzte  nicht, 


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so  dass  sie  ohne  die  geringste  Schwierigkeit  mit  den  Fin- 
gern weggenommen  werden  konnte.  Die  Beschaffenheit 
des  Abscesses  besserte  sich  auf  diese  Weise  allerdings, 
dagegen  entstanden  überall  an  den  Beinen,  wo  die  Pocken 
dicht  gedrängt  gewesen  waren,  tiefe  Vereiterungen,  welche 
den  Patienten  sehr  Angriffen,  und  nur  nach  grosser  Mühe 
und  Geduld  geheilt  werden  konnten;  dies  war  der  Grund, 
warum  der  Patient  vom  17.  Septbr.  bis  zum  12.  März  im 
Hospital  war,  also  grade  ein  halbes  Jahr. 

Bei  diesen  52  Pockenkranken  ist  nicht  ein  einziger 
Aderlass  gemacht  und  kein  Blutegel  angewandt  worden; 
über  die  Hälfte  der  Patienten  hat  keine  Arznei  bekommen; 
Serpnttaria , Angelica  und  der  Liquor  C.  C.  succinatus  hiel- 
ten in  den  heftigem  Fällen  zur  Zeit  der  Eiterung  die  Kräfte 
aufrecht,  so  wie  besonders  auch  die  kleinen  Weinportionen, 
die  ich  in  derselben  Zeit  den  meisten  Patienten  verordnete, 
(der  Hospitalwein  ist  der  sogenannte  Lissabonwein , etwas 
schwächer  als  Portwein).  Abführmittel,  mit  denen  man  in 
Rio  einen  unglaublichen  Luxus  treibt,  gab  ich  nur,  wenn 
die  Pocken  schon  beinahe  ganz  abgetrocknet  waren ; eine 
Verstopfung  von  10  — 12  Tagen  (hat  keinem  Patienten  Scha- 
den, während  ein  einfacher  natürlicher  Stuhl  oft  sehr  matt 
macht. 

Ein  leichtes  Varioloid  ist  von  den  starken  ächten  Pok- 
ken  allerdings  sehr  verschieden,  aber  es  hat  mir  dennoch 
nicht  gelingen  wollen,  zwischen  all  den  Pockenabstufungen 
eine  bestimmte  Grenze  zu  ziehn.  Geimpft  war  die  Mehr- 
zahl der  Patienten;  mit  welchem  Erfolg,  war  immer  schwer 
zu  entscheiden;  auch  wird  dies  in  Brasilien  bei  der  Menge 
von  Einwanderern  und  eingeschmuggelten  Sklaven  nie 
möglich  sein. 

An  diese  verschiednen  Blatterpatienten  reihen  sich  noch 
8 Scharlachkranke  und  1 Patient  mit  Masern,  deren 
Krankheiten  nichts  Besonders  darboten.  Gegen  Ende  Mai 
hörten  sämmtliche  acute  Hautausschläge  ganz  auf,  und  zum 
Erstenmale  in  drei  Jahren  hatte  ich  keinen  Pockenkranken 
auf  der  Station. 


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Zahlreich  waren  auch  in  diesem  Jahre  die  Patienten, 
die  mit  atonischen  Bein-  und  Fusswunden  ankamen, 
im  Ganzen  (30  Menschen.  Einer  von  ihnen  starb  nach  6- 
tägigem  Aufenthalt  im  Spital;  die  Beinwunde  bildete  einen 
3 Finger  breiten  Ring,  der  fast  durchweg  bis  auf  den 
Knochen  ging;  sie  war  trocken,  die  Sehnen  schwarz  und 
zum  Theil  mumienartig  aufgelrocknet;  die  Amputation  war 
bei  dem  elenden  Zustande  des  Patienten  für  den  Augen- 
blick contraindicirt,  aber  schon  nach  3 Tagen  war  kein 
Gedanke  mehr  an  Rettung  des  Kranken.  Er  kam  ebenfalls 
von  einem  Guanoschiffe. 

So  wie  früher  schon  manche  Amerikanische  Schiffe  auf 
der  Rückreise  von  Ichaboe  an  der  Africanischen  Küste  mit 
ihrer  Guanoiadung  hier  einliefen  und  mir  einige  Patienten 
ins  Spital  schickten,  ebenso  kamen  in  diesem  Jahre  viel 
Engländer  und  einige  Franzosen  mit  gleicher  Ladung  und 
mit  gleichen  Patienten  hier  an.  Es  liegen  an  der  Patago- 
nischen  Ostküste  etwa  unter  dem  45— 47sten  Breitengrade 
mehrere  kleine  Felsinseln,  unter  denen  von  den  Seeleuten 
die  beiden,  Scaliousisland  und  Guiadanaisland,  besonders 
namhaft  gemacht  werden.  Hier  finden  sich  grosse  Massen 
von  Guano  aufgehäuft,  eine  Masse,  von  der  man  in  Eng- 
land und  auch  schon  in  Frankreich  bedeutenden  Nutzen  für 
den  Ackerbau  gezogen  hat;  deswegen  sind  eine  Menge 
Schiffe  von  England  dorthin  abgeschickt  worden,  welche 
sich  im  letzten  Jahre  auf  jenen  Inseln  förmlich  ein  Mono- 
pol des  Ladens  angemasst  hatten,  und  mehrmals  die  Schiffe 
andrer  Nationen,  namentlich  der  Amerikaner,  mit  Gewalt 
zurückwiesen.  Vor  einigen  Monaten  ward  die  Zahl  der 
dort  an  einem  kleinen  Küstenstrich  ankernden  Schiffe  auf 
20U  angeschlagen;  eine  Menge  von  ihnen  litten  in  einem 
Orkan  Schiffbruch  und  wir  hatten  hier  in  Rio  vielfach  Ge- 
legenheit, solche  Schiffbrüchige  zu  sehn,  die  von  andern 
Schiffen  gerettet  und  nach  Rio  gebracht  wurden,  da  Bue- 
nos-Ayres  blokirt  war,  und  in  Montevideo  bei  dem  allge- 
meinen Kriegselend  wenig  Trost  für  solche  Unglückliche 
zu  holen  ist.  Diese  Guanofahrten  bieten  mannigfache  Be- 


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schwerden  dar.  Einmal  ist  die  Reise  von  England  bis  dort- 
hin nicht  klein,  die  Guanoschiffe  selbst  sind  nicht  brillant, 
die  Beschwerden  beim  Laden  unendlich.  Auf  den  kleinen 
Inseln  ist  keine  Niederlassung,  am  Ufer  lässt  sich  kein  Ur- 
einwohner sehn,  der  etwa  Nahrungsmittel  feil  böte  oder 
für  Geld  und  Branntwein,  diesen  Nectar  aller  Wilden,  mit 
beim  Laden  hülfe.  Die  wenigen  Leute  der  Besatzung  müs- 
sen das  ganze  Schiff  selbst  beladen;  in  den  letzten  Mona- 
ten war  dort  schon  vollkommne  Winterkälte  gewesen,  die 
Leute  mussten  oft  mit  den  Händen,  auf  den  Knien  liegend, 
das  Guano  zusammenscharren  und  mit  Körben  ins  Boot 
tragen,  um  es  so  an  Bord  zu  bringen;  das  Schiff  selbst 
muss  oft,  wegen  der  Gefährlichkeit  der  Küste,  fern  ab  lie- 
gen bleiben;  häufig  unterbricht  wohl  ein  Sturm  das  Laden, 
oder  das  Boot  zerschellt  an  einsamer  Klippe,  und  mancher 
Seemann  verliert  so  sein  Leben.  Oft  gehn  so  Monate  hin, 
um  die  Ladung  voll  zu  bekommen,  und  ich  habe  Matrosen 
gesprochen,  die  auf  einer  solchen  Fahrt  von  England  nach 
Scaliousisland  und  von  dort  bis  hier  8 Monate  unterwegs 
waren.  An  Nahrungsmitteln  bietet  die  Küste  dort  nur 
thranige  Seevögel  und  Fische. 

Natürlich  muss  dieses  mühsame  Leben  nachtheilig  auf 
die  Gesundheit  der  Mannschaften  einwirken;  viele  Schiffe 
laufen  deswegen  in  Rio  ein,  nehmen  frischen  Proviant  und 
lassen  kranke  Leute  hier;  mehr  als  Einmal  hatte  ich  von 
einem  Schiffe  die  Hälfte  der  Besatzung  im  Spital.  Die  Mehr- 
zahl von  ihnen  litt  an  den  Anfängen  des  Scorbuts;  die 
Beine  waren  geschwollen,  gelblich-blau  gefärbt,  die  h'nie- 
und  Fussgelenke  schmerzhaft  und  das  Zahnfleisch  geschwol- 
len und  leicht  blutend.  Häufig  kam  jedoch  auch  eine  ac- 
tive  Entzündung  der  Luftröhre,  des  Magens,  heftige  Schmer- 
zen der  Handgelenke  vor,  die  ich  sehr  geneigt  bin,  ebenso 
sehr  auf  Rechnung  des  Guano,  als  auf  die  des  Scorbuts  zu 
setzen.  Oft  ist  der  Guano  wirklich  ausserordentlich  scharf, 
beinah  ätzend,  was  gewiss  seinem  Gehalte  an  Ammoniak 
zuzuschreiben  ist;  da  nun  die  Matrosen  sich  der  Einwir- 
kung desselben  mit  blossen  Händen  und  Füssen  aussetzen, 


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den  Dunst  desselben  einathinen,  und  selbst  wohl  nach  voll- 
endeter Ladung  noch  in  ihren  Kojen  von  demselben  beläs- 
tigt werden  mögen,  so  können  wir  gewiss  manchen  Krank- 
heitsfall dem  Guano  zuschrciben.  Als  daher  neulich  in 
unsrer  mcdicinischen  Academie  die  Regierung  ein  Gutach- 
ten darüber  haben  wollte,  ob  wirklich  mit  dem  Guano  als 
Heilmittel  der  griechischen  Elephantiasis  Experimente  an- 
gestellt werden  dürften,  wie  ein  hiesiger  Arzt  sie  bereits 
angestellt  haben  wollte,  und  viele  Collegen  in  der  Anwen- 
dung dieses  Mittels  nur  eine  Charlatanerie  sehn  konnten, 
rieth  ich  sehr  dringend  zu  solchen  Versuchen,  — denn  bis 
jetzt  widerstand  das  genannte  Uebel  noch  allen  Mitteln. 
Es  wäre  in  der  Thal  ein  Segen  für  die  leidende  Mensch- 
heit in  den  Tropen,  wenn  das  stimulirende  Guano  das  ent- 
artende Hautorgan  zu  seiner  natürlichen  Beschaffenheit  zu- 
rückführen  könnte.  Bei  solchen  Versuchen  ist  übrigens 
wohl  auf  die  Qualität  des  Guano  zu  sehn.  Selbst  das  an 
der  Seeküste  abgelagerte  ist  mannigfach  verschieden  in 
seiner  Stärke  und  Güte;  ganz  abweichend  dagegen  scheint 
das  zu  sein,  was  man  zuweilen  an  grossem  Flüssen  findet; 
so  bieten  z.  B.  einige  Guanogegenden  am  S.  Francisco,  wo 
die  Masse  nicht  unbedeutend  ist,  dennoch  keinen  Vortheil 
für  den  Ackerbau  dar,  und  das  Guano  wird  wohl  nie  aus- 
geführt werden  können.  Die  Nähe  des  Meeres  und  die 
Production  durch  Seevögel  scheint  Ifauptbedingung  für  die 
Güte  des  Guano  zu  sein.  Ich  vermuthe,  dass  es  auch  et- 
was Jod  enthält. 

Gute  frische  Nahrung,  Chinadecoct  innerlich,  aromati- 
sche Waschungen  äusserlich,  zuweilen  auch  Einreibungen 
von  Jodkalisalbe,  stellten  die  Patienten  meist  ziemlich  schnell 
wieder  her.  Doch  kamen  mehrere  von  ihnen  einige  Tage 
nach  der  Entlassung  mit  gastrischen  AfTectionen  wieder, 
wozu  ihnen  in  Folge  der  überslandnen  Krankheit  und  aus 
Mangel  an  weitrer  Aufsicht  ausserhalb  des  Spitals  noch 
längere  Zeit  eine  gewisse  Anlage  blieb.  — Bei  einem  sol- 
chen Guanomatrosen  halte  sich  ein  eigenthümliches  Blut- 
spucken eingestellt.  Nachdem  die  ganze  Mannschaft  an  der 


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Palagonischen  Küste  von  scharfer  Kälte  Morgens  und  Abends 
zu  leiden  gehabt  hatte,  stellten  sich  bei  dem  genannten 
Manne  rheumatische  Schmerzen  ein  und  ein  gelinder  Blut- 
auswurf  aus  dem  Munde,  doch  ward  das  Blut  nicht  aufge- 
hustet, sondern  nur  aufgeräuspert,  auch  verrielh  kein  Zei- 
chen irgend  eine  Lungenaffection,  dagegen  war  der  Schlund 
dunkelroth  gefärbt.  Das  Haller  sehe  saure  Elixir  hob  das 
Uebel  in  wenigen  Tagen.  — Ein  ähnliches  Leiden,  freilich 
aus  andrer  Duelle  herslammend,  brachte  leider  einem  an- 
dern Patienten  den  Tod;  Ein  robuster,  höchst  muntrer 
französischer  Handwerker  kam  am  15- Mai  mit  Blutspucken, 
ohne  dass  er  je  vorher  krank  gewesen  war,  in’s  Spital. 
Nach  dem  von  mir  verordnelen  Aderlass  bekam  er  am 
Abend  einen  Blutsturz  und  erstickte  fast  in  derselben  Mi- 
nute. — Von  den  übrigen  scorbutischen  Seeleuten  erwähne 
ich  noch  einen  sonderbaren  Fall:  Ein  englisches  Schilf,  auf 
dem  sogar  eine  Dame  mit  3 Töchtern  war,  sollte  von  Eng- 
land nach  St.  Helena  gehn;  es  scheint,  dass  keiner  am 
Bord  die  Längenrecbnung  verstanden  hat,  denn  nach  4mo- 
natlicher  Reise  lief  das  Schiff,  ohne  St.  Helena  gesehn  zu 
haben,  hier  ein.  Unterwegs  hatte  man  Mangel  an  Trink- 
wasser gelitten,  und  sich  mit  Bier  geholfen,  wodurch  bei 
dem  armen,  ziemlich  ausgehungerten  Volke  beinah  jedes 
Mal  ein  Zustand  von  Berauschung  hervorgerufen  ward.  Ein 
Mann  von  ihnen  kam  mit  Scorbut  ins  Spital,  der  mir  den 
Vorfall,  der  auch  sonst  sehr  bekannt  ward,  erzählte.  Die 
kleinen  Mädchen  sah  ich  zufällig  einmal  auf  der  Strasse; 
sie  sahen  elend  aus!  — Man  möchte  solche  Vorfälle  in 
unsern  Zeiten  wirklich  für  Fabeln  halten! 

Diesen  Scorbutischen  oder  von  Guanoladung  Leidenden 
lasse  ich  eine  andre  Reihe  von  Patienten,  10  — 18  an  der 
Zahl,  folgen,  welche  an  chronischen  Affectionen  der  Leber 
und  Milz,  selbst  am  Magen  leidend,  sich  ihr  von  remitti- 
rendem  oder  verschiedenartig  intermittirendem  Fieber  be- 
gleitetes Leiden  in  notorisch  ungesunden  meist  sumpfigen 
Gegenden  geholt  hatten,  theils  von  Africa,  theils  aus  Ost- 
indien, theils  aus  Brasilianischen  Distrikten  kommend;  so 


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ela  Engländer,  der  lange  in  Macahc  hinter  Kap  Frio  auf 
einer  Plantage  arbeitete  und  an  Milzanschweliung  litt,  — 
ein  Brasilianer,  der  ebenfalls  in  einer  Sumpfgegend  bei  S. 
Gonzalver  arbeitete,  und  Durchfall  bekam,  — ein  Italiener 
mit  geschwollner  Milz,  — ein  robuster  Neger  mit  Milzan- 
schwellung und  Oedein  der  Füsse,  der  lange  an  den  Ufern 
des  S.  Francisco  gearbeitet  hatte,  — ein  Spanier  von  Ma- 
jorca, ebenfalls  mit  Milzanschwellung,  — ein  abgemagerter 
Amerikaner,  der  sich  3 Monate  in  Cabinda,  an  der  Küste 
von  Africa,  aufgehalten  hatte,  aber  trotz  seines  anämischen 
Zustandes  sich  auffallend  schnell  wieder  erholte;  — ein 
Däne  brachte  eine  geschwollne  Milz  aus  Batavia  mit,  — ein 
Sardinier  mit  remittirendem  Fieber  und  empfindlichen  Hy- 
pochondrien kam  von  Africa,  — ebendaher  ein  Amerikaner 
mit  täglichem  Wechselfieber  Morgens,  der  geheilt  entlassen 
ward,  sich  dann  umherlrieb,  auf  der  Strasse  schlief,  und 
noch  Ein  Mal  fieberkrank  in’s  Spital  kam;  — ein  Spanier 
mit  sehr  bedeutender  Milzanschwellung,  der  ebenfalls  auf 
der  Africanischen  Küste  8 Monate  in  einem  Orte  Cabomonte 
wegen  Sklavenhandel  gefangen  gehalten  war,  — und  dann 
noch  besonders  die  Mannschaft  der  Belgischen  Brigg  „Or- 
telius”,  welche  längere  Zeit  auf  der  Africanischen  Küste 
Handel  getrieben  hatte;  fast  sämmtliche  Leute  erkrankten 
dort  und  zum  Theil  noch  hier  im  Hafen;  4 von  ihnen 
mussten  in’s  Spital  gehn;  der  Erste,  ein  geborner  Schwede, 
war  an  der  Africanischen  Küste  weggelaufen  gewesen,  und 
hatte  eben  dadurch  mannigfaches  Ungemach  erlitten,  und 
hatte  sich  ein  organisches  Herzleiden  zugezogen,  so  dass 
der  undulirende  Herzschlag  die  ganze  linke  Seite  der  Brust 
einzunehmen  schien,  dazu  gesellte  sich  Athemnoth,  bleiches, 
aufgedunsenes  Gesicht  und  Fussödem.  Der  zweite  Kranke 
vom  selben  Schiff  litt  an  chronischer  Magenentzündung,  ein 
dritter  an  Dyspepsie,  ein  vierter,  der  vollkommen  einer 
Leiche  glich,  hatte  Durchfall  und  Milzanschweliung.  Zuletzt 
kam  noch  der  Capitain  selbst  mit  höchst  heftiger  Leberent- 
zündung, die  er  schon  zweimal  an  der  Afrikanischen  Küste 
gehabt  hatte. 


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Auffallend  ist  es,  wie  bei  fast  allen  solchen  in  Sumpf- 
gegenden erkrankten,  wenn  auch  an  verschicdnen  Uebeln 
leidenden  Leuten  ein  ganz  gleiches  Anschn  sich  einstellt. 
Die  Hautfarbe  ist  grauweiss,  gelblich,  manchmal  vollkommen 
wächsern,  die  Conjunctiva  leicht  gelblich  injicirt,  die  Zunge 
blass,  so  auch  die  Schleimhaut  der  Lippen  und  des  Zahn- 
fleisches, weisser  Zungenbelag,  Unterleib  fast  überall  em- 
pfindlich, besonders  in  der  Milzgegend;  die  Milz  ist  oft 
sehr  bedeutend  angeschwollen,  — der  Puls  ist  klein,  und 
meist  beschleunigt.  So  haben  besonders  die  von  Africa’s  un- 
gesunden Küsten  kommenden  Patienten  einen  eignen  Habitus, 
und  es  ist  mir  schon  oft  begegnet,  dass  ich  ohne  weitere 
Anfrage  den  Leuten  sagen  konnte,  sie  kämen  von  der 
Küste  von  Africa. 

(Fortsetzung  folgt.) 


Vermischtes. 


Die  von  Arsenik  freien  Phosphordämpfc  verur- 
sachen keine  Necrosis. 

Prof.  Dupasquier  zu  Lyon  bestreitet  den  nachtheiligen 
Einfluss  von  Phosphordämpfen  auf  das  Knochensystem  (s. 
Bohr  und  Wumlerlich’s  Archiv  Jahrg.  4 Hfl.  3 1845.).  In 
der  grossen  Phosphorfabrik  La  Guillotiere  ist  seit  8 Jahren 
ihres  Bestehens  kein  Krankheitsfall  vorgekommen,  dem  man 
diese  Ursache  hätte  unterlegen  können.  Das  einzige  durch 
die  Dämpfe  verursachte  Symptom  ist  im  Anfang  eine  leichte 
bronchitische  Affcclion,  die  jedoch  bald  weicht,  sobald  die 
Arbeiter  sich  an  die  Dämpfe  gewöhnen.  Die  entgegenge- 
setzten Beobachtungen  in  Frankreich  und  Deutschland  sucht 
D.  durch  die  Verunreinigung  des  Phosphors  mit  Arsenik  zu 
erklären,  welchem  letztem  Metalle  D.  einzig  und  allein  die 
nachtheiligen  Folgen  zuschreibt. 

Liegen.  Dr.  van  Nees. 

Gedruckt  bei  J.  Pc  lach. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 

Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1 , bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Tlilr.  bestimmt,  wofür  säminlliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hir schtcald. 


JW  5.  Berlin,  den  29,en  Januar  1848. 


Zor  Kritik  der  Fieber-  und  Typhuslehre.  Vom  Dr.  Spengler.  — 
Hospitalbericht  aus  Rio  Janeiro.  Vom  Dr.  Lallemant.  (Fort- 
setzung.) — Kritischer  Anzeiger. 


Zur  Kritik  der  Fieber-  und  Typhuslehre. 

Milgelheilt 

vom  Dr.  L.  Spengler,  pracl.  Arzt  in  Eltville  im  Rheingau. 


Wer  in  nnsern  Tagen  ein  Buch  über  Typhus  schrei- 
ben will,  hat  sich  wahrlich  keine  kleine  Aufgabe  gestellt; 
denn  kaum  sind  erst  zwanzig  Jahre  verflossen,  dass  es  uns 
möglich  ist,  eine  genauere  Definition  dieser  Krankheit  zu 
geben,  zu  der  in  früherer  Zeit,  Golt  weiss  was,  Alles  ge- 
rechnet wurde.  Und  noch  ist  der  Wirrwar  nicht  geordnet; 
ein  Knäuel  von  Ansichten  verdüstert  noch  das  ohnehin 
schlecht  beleuchtete  Gesichtsfeld.  Zu  der  Ungeheuern  Masse 
von  guten  und  schlechten  Beobachtungen  und  Forschungen 
über  den  Typhus,  die  fast  zu  einer  unübersehbaren  Masse 
angewachsen  ist  (in  meinen  durchaus  noch  nicht  vollstän- 
digen Collectaneen  zähle  ich  schon  an  Achtzehnhundert 
verschiedne  Bücher  und  Aufsätze  über  den  Typhus)  nun 
noch  ein  Buch  hinzuzuschreiben,  und  die  fast  nicht  mehr 
zu  bewältigende  Litteratur  über  diesen  Gegenstand  noch 
Jahrging  1848.  5 


zu  vermehren,  dazu  müssen  Jemanden  gewichtige  Gründe 
bestimmen.  Ein  solcher  Verfasser  muss  uns  grosse  und 
neue  Entdeckungen  mitzulkeilou  habe»,  denn  gewiss  kann 
es  noch  nicht  an  der  Zf it  sein,  aus  dum  vorliegenden  Ma- 
terial, in  dem  nur  mangelhafte  Baustücke  angehäuft  sind, 
einen  soliden  Bau  aulführen  zu  wollen,  da  wir  mit  dieser 
Krankheit  noch  lange  nicht  ins  Reine  oder  zum  Abschluss 
gekommen  sind.  — Doch  schrieb  Dr.  Heidenhain  auf  XVIH 
und  407  Seiten  ein  Buch,  das  den  Titel  führt:  das  Fieber 
an  sich  und  das  typhöse  Fieber,  physiologische,  pathologi- 
sche und  therapeutische  Untersuchungen.  Berlin,  1845.  — 
Wir  wollen  sehn,  ob  Vf.  auf  Felsen  oder  auf  Sand  ge- 
baut hat. 

Vf.  ist  seit  14  Jahren  practischer  Arzt,  und  hat  wäh- 
rend dieser  Zeit  Gelegenheit  gehabt,  eine  ungeheure  Menge 
von  Typhuskranken  (an  150  der  Zahl  nach! ) zu  behandeln, 
worunter  er  zahlreiche  (neun!)  Sectionen  gemacht  hat. 
Dies  die  Grundlage  seiner  Abhandlung.  Mit  solchen  Erfah- 
rungen ausgerüstet,  schritt  der  Vf.  muthig  an  die  Ausar- 
beitung seines  Werks,  indem  er  als  Ursache  angiebt,  dass 
eine  Sichtung  dessen,  was  man  zu  wissen  glaubt,  und  was 
wan  wirklich  weiss,  oder  doch,  ohne  von  allen  positiven 
Thatsachen  sich  zu  entfernen,  als  wahrscheinlich  hinstellen 
kann,  nicht  überflüssig  erscheinen  dürfte. 

Er  beginnt  S.  1 — 166  mit  einer  grossen,  langen  Ab- 
handlung über  das  Fieber  überhaupt.  Ihm  ist  das  Fieber 
nichts  Essentielles;  es  giebt  nur  Ein  Fieber,  und  dieses 
ist  durch  eine  Veränderung  des  Bluts  bedingt.  Er  sucht 
dies  besonders  gegen  Halle  und  Wunderlich , (Andre,  die 
derselben  Ansicht  huldigen,  wie  z.  B.  Radius  sind  nicht  er- 
wähnt; ebenso  wenig  Hohnbaum , der  in  seiner  geistreichen 
Recension  Radius  zu  widerlegen  sucht,)  die  das  Wesen  des 
Fiebers  in  einer  Affection  der  Nervencentren,  besonders 
des  Rückenmarks  gefunden,  darzuthun.  Ob  er  mit  Glück 
eine  solche  höchst  undankbare  Exposition  versucht  hat,  ist 
schwer  zu  entscheiden.  Jedenfalls  widerspricht  das  von 
Becquerel  und  Rodier  aufgestellte  Gesetz,  dass  die  sich  vor- 


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07 


findenden  Blut  Veränderungen  meist  nur  Folgczustände  der 
Krankheit  sind,  mit  nur  einzelnen  Ausnahmen,  als  der  Ty- 
phus, der  Erklärung  des  Vfs.  Es  ist  überhaupt  die  Frage, 
ob  die  Lehre  vom  Fieber  im  Allgemeinen,  wie  sie  jetzt  zu 
merkwürdigen  Auseinandersetzungen  zahlreichen  StofT  ge- 
geben hat,  nicht  eine  Extravaganz  der  neuern  Medicin  ist. 
Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  eine  künftige  Zeit,  be- 
sonders auf  die  Fortschritte  in  den  physicalischen  Wissen- 
schaften im  weitesten  Sinne  des  Worts  gestützt,  unsre  jet- 
zigen Fiebertheorien  eben  so  gut  als  verfehlt  betrachten 
wird,  wie  wir  jetzt  stolz  auf  die  Erklärungen  der  ältern 
Schule  hinabsehn;  denn,  wenn  auch  Manches  erklärt,  so 
bleibt  doch  das  Meiste  in  einer  gewaltigen,  bedauerlichen 
Verwirrung.  Wir  müssen  sowohl  die  Einseitigkeit  mancher 
Autoren,  als  auch  den  Ungeheuern  Aufwand  von  Geist, 
Gelehrsamkeit,  Zeit  und  Mühe  der  andern  wahrhaft  bedau- 
ern, die  die  allgemeine  Pathologie  mit  grossen  und  kleinen 
Aufsätzen  und  Beiträgen  über  die  Lehre  vom  Fieber  be- 
reichert zu  haben  glauben.  Schade,  dass  sie  ihre  herr- 
lichen Kräfte  einem  Gegenstände  gewidmet  haben,  der  es 
durchaus  nicht  verdiente,  den  ihr  Verstand  aus  der  Zahl 
des  Existirenden  hätte  streichen  sollen.  Lotze,  dem  vor- 
trefflichen Forscher  in  der  allgemeinen  Pathologie,  stimmen 
wir  ganz  bei,  wenn  er  behauptet,  dass  der  Name  Fieber 
ein  Unglück  war,  und  dass  das  Fieber,  und  noch  mehr 
die  Fieber  das  verwirrende  Moment  bilden  in  dem  Theil 
der  Krankheitslehre,  die  wir  Pyretologie  nennen,  und  die 
nie  zu  der  jetzigen  Gestalt  hätte  ausgebildet  werden  sollen. 
Und  so  lange  wir  noch  als  Urtypus  des  Fiebers  bald  das 
Wechselüeber,  bald  den  Typhus  aufgeführt  finden,  so  lange 
steht  es  schlecht  um  die  Lehre  vom  Fieber.  Wir  müssten 
dann  ebenso  gut  das  Fieber,  das  eine  Pneumonie  begleitet, 
als  den  Urtypus  betrachten  können.  Wir  glauben,  dass 
die  ganze  Fieberlehre  der  Pathologie  als  etwas  Fremdes 
aufgedrungen  ist,  dass  es  nur  philosophische  Speculationen 
sind,  die  sich  im  Anfänge  der  Medicin  durch  die  Unwis- 
senheit eingeschlichen  haben,  die  immer  mehr  in  den  Hin- 

5* 


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68 


t ergründ  treten  und  endlich  ganz  verschwinden  müssen,  je 
mehr  die  ächte  naturhistorische  Methode  in  der  Medicin 
sich  ausbreitet,  d.  h.  je  mehr  die  physicalischen  Wissen- 
schaften cultivirt  werden,  und  deren  Gesetze  ihre  Anwen- 
dung in  der  Medicin  finden.  Unwissenheit  und  Unkennl- 
niss  hielt  nun  diese  Namen  bei,  ja  sie  musste  sie  beibe- 
halten, weil  es  hier  ging  wie  überall,  dass  man  Worte,  oft 
nur  leere  Worte,  die  ein  müssiger  oder  henntnissloser  Kopf 
zur  Deckung  seiner  Schande  ersann,  für  Begriffe  nahm. 
In  der  neusten  Zeit  haben  dann  ausgezeichnete  Forscher 
mit  unsäglichem  Fleiss  und  der  grössten  Gelehrsamkeit  in 
diesen  Worten  wieder  einen  Begriff  zu  finden  gesucht. 
Alle  haben  hier  als  die  einzige  (?)  constanle  charakteris- 
tische Erscheinung  dargethan  eine  beschleunigte  Circulation 
des  Bluts.  Bedenken  wir  nun  das  von  Poisseuille  entdeckte 
physicalische  Gesetz,  dass  Flüssigkeiten  von  verschiednem 
Sättigungsgrade  verschieden  schnell  in  Röhren  circuliren, 
was  bleibt  dann  noch  für  das  Fieber  übrig?  Vergleichen 
wir  mit  diesem  einfachen  Gesetze  die  Confusion  von  Be- 
griffen, die  mit  dem  Namen  Fieber  verbunden  werden,  auf 
die  inan  nicht  schonungslos  genug  aufmerksam  machen 
kann,  müssen  wir  nicht  dann  mit  dem  Ausdruck  auch  den 
Begriff  von  Fieber  ganz  fallen  lassen? 

In  seiner  Zusammenstellung  über  Typhus  giebt  Hd- 
dtnhain  nicht  zu,  dass  die  anatomisch -pathologischen  Ver- 
änderungen der  Darmschleimhaut  pathognomonische  Zeichen 
dieser  Krankheit  seien,  und  behauptet,  dass  es  auch  wirk- 
lichen Typhus  gäbe,  der  bei  der  Section  durchaus  keine 
Darmgeschwüre  oder  derartige  pathologische  Producte  zeig- 
te, und  wie  vom  hohen  Throne  herab  dictirt  er,  dass  in 
Deutschland  die  Controverse  über  die  Bedeutung  der  Darm- 
verletzungen zu  allgemein  angenommenem  Resultat  gelangt 
sei,  dass  sie  nichts  Wesentliches  und  Nothwendiges  seien. 
Zu  diesem  Schluss  glaubt  sich  Vf.  besonders  durch  das  Re- 
sultat seiner  Sectionen  berechtigt;  denn  von  den  neun  von 
ihm  gemachten  Leichenöffnungen,  wo  er  im  'Leben  Typhus 
diagnosticirt  hatte,  zeigten  sich  in  vier  keine  Darmverlet- 


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69 


Zangen,  keine  Plaques,  keine  Anschwellung  der  Pey er  sehen 
oder  solitären  Drüsen.  Wir  antworten  ihm:  War  kein 
Typhus!  Um  nicht  einen  Fehler  der  Diagnose  zuzugeben, 
soll  der  Typhus  also  bald  mit,  bald  ohne  Affection  der 
Peyer' sehen  Drüsen  Vorkommen,  so  wie  man  dann  auch 
ungefähr  eine  Pneumonie  mit  und  ohne  Hepatisation  statui- 
ren  könnte.  Und  wirklich,  eine  solche  scheint  für  den  Vf. 
zu  existiren,  da  er  das  alte  Mährchen  von  febris  intermit- 
iens  pneumonica  aufwärmt.  Unter  solchen  Verhältnissen 
bliebe  allerdings  der  Typhus  ein  rälhselhaftes,  spasshaftes 
Wesen,  dazu  bestimmt,  Kranke  und  Aerzte  wie  ein  Kobold 
nach  Laune  zu  vexiren.  Credat  Judaeus  Jppella\  Wir  wol- 
len Vf.  nur  auf  den  herrlichen  Aufsatz  von  Cless  in  den 
Heidelb.  med.  Annalen,  1844,  Hfl.  2,  auf  Hamern  jk's  schöne 
Abhandlung  in  der  Prager  Vierteljahrsschrift  1846,  Hfl.  2, 
und  auf  den  in  Oesterlens  Jahrbüchern  1845  von  Cless  und 
Rösch  geführten  Streit  aufmerksam  machen.  Vielleicht  dass 
dies  hinreicht,  den  Vf.  zu  überzeugen,  dass  es  in  Deutsch- 
land noch  Viele  giebt,  die  trotz  seinem  apodiktischen  Aus- 
spruch noch  eine  andre,  entgegengesetzte  Meinung  zu  ha- 
ben und  zu  behaupten  wagen.  — Ganz  nichtig  ist  auch  die 
Meinung,  die  man  oft  einwenden  hört,  dass,  wenn  Typhus- 
geschwüre nothwendig  im  Typhus  vorhanden  sein  müssten, 
auch  öfter  die  Narben  bei  Sectionen  solcher,  die  nach 
glücklich  überstandenem  Typhus  anderweitig  zu  Grunde 
gingen,  angetroffen  werden  müssten.  Dieser  Einwurf  ist 
ganz  falsch,  denn  nicht  das  Geschwür  ist  das  Wesentliche 
des  Typhus,  sondern  die  Ablagerung  des  typhösen  Pro- 
ducts, die  Infiltration  der  Darm-  und  Mesentcrialdrüsen,  die 
nicht  nothwendig  in  Geschwürbildung  übergehn  müssen. 
Das  Exsudat  kann  aufgesaugt  werden,  dann  finden  wir  frei- 
lich keine  Narben,  die  sich  aber  immer  da  vorfinden,  wo 
wirklich  Geschwüre  waren. 

Bei  der  Geschichte  der  Entdeckung  der  Darmgeschwüre 
versündigt  sich  Vf.  schwer  gegen  die  Verdienste  der  Deut- 
schen, und  speciell  der  von  Pommers , indem  er  diesen  nur 
so  mitunter  nennt,  aber  durchaus  nicht  hervorbebt,  dass  er 


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70 


es  war,  der  zuerst  auf  die  Geschwürbitdung  im  Darm  auf-  ' 
merksam  gemacht  hat.  Nicht  war  es  Petit  und  Serres , oder 
Bretonneau,  oder  gar  Trousseau,  wie  Vf.  meint,  die  die 
Veränderungen  der  elliptischen  Plaques  zuerst  beschrieben, 
sondern  dem  würdigen  von  Pommer  gebührt  dies  Verdienst, 
denn  sein  Werk  über  den  sporadischen  Typhus  erschien 
1821,  und  das  von  Bretonneau,  sur  la  dothinenterite,  1823. 
Den  anmassenden  Franzosen  gegenüber  muss  man  nicht 
das  geringste  Zugeständniss  machen,  zumal  sie  ihre  Un 
kenntniss  des  deutschen  Wissens  verleitet,  so  arge  Lügen 
und  so  scheussliche  Verläumdungen  vorzubringen,  und  mit 
Beifall  anzuhören , wie  sie  vor  Kurzem  Malgaigne  dem 
französischen  Congress  vorgetragen  hat.  — Oder  wollte 
Vf.  weiter  gehn  und  die  zweifelhaften  Stellen  älterer 
Schriftsteller  citiren,  wie  er  z.  B.  Morgagni  citirt  hat,  so 
musste  er  wissen,  dass  man  schon  lange  vor  diesem  von 
Darmgeschwüren  bei  Typhus  zwar  gesprochen,  und  ein- 
zelne derartige  Beobachtungen  hingcstellt  hat,  er  musste 
aber  auch  wissen,  dass  die  pathologisch-anatomischen  Ver- 
änderungen bei  an  Typhus  Verstorbenen  schon  im  Anfänge 
des  17.  Jahrhunderts  gefunden  und  beschrieben  wurden  von 
de  la  iMmmoni'ere,  Obsenat.  fluxus  dysenterici  Lugduni  Qal~ 
lorum  populariler  grassantis  anno  1(525.  Lugduni  1626.  — 
Deutlich  sind  sie  ebenfalls  schon  von  Heinrich  Bass,  Obser- 
vationcs  chir.  med.  Halis  17.il.  S.  236  sqq.  beschrieben. 

Ein  Hauptgewicht  bei  Bestimmung  des  typhösem  Fie- 
bers (ein  unglücklicher  Ausdruck,  den  Heidenhain  den  Fran- 
zosen nachgeschrieben  hat,  von  dem  aber  schon  Louis  das 
Unrichtige  erkannt  hat,  weshalb  er  auch  typhöse  Aflection 
setzte)  ist  die  Dauer  von  3 Wochen,  und  die  Entscheidung 
am  21sten  Tage.  Wie  aber  Vf.  eine  so  genaue  Zeitrech- 
nung bei  seinen  Typhen  machen  kann,  ist  in  der  That  un- 
erklärlich; denn  wer  mag  es  wagen,  in  allen  Fällen  in  den 
ersten  Tagen  mit  Bestimmtheit  die  Diagnose  eines  Typhus 
zu  stellen.  Es  ist  oft  durchaus  unmöglich,  oder  vielleicht 
in  jenen  Fällen,  wo  die  Section  keine  Darmgeschwüre 
nachwies?  Schon  damit  fällt  die  Meinung,  dass  die  Krank- 


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fl 


heit  einer  21  tägigen  Dauer  zu  ihrer  Entscheidung  bedürfe. 
Der  Typhus  kann  an  jedem  Tage  enden,  d.  h.  in  Genesung 
oder  Tod  übergehn.  Freilich  ist  es  häufiger,  dass  er  erst 
nach  einigen  Wochen  tödtet  oder  mit  Gesundheit  endigt; 
allein  an  eine  bestimmte  Zeit  ist  der  Typhus  nie  gebunden; 
es  giebt  Epidemien,  wo  sogar  als  Regel  schon  gegen  den 
14ten  Tag  die  Krankheit  wie  abgeschuitien  war.  Darauf 
hätten  den  Vf.  schon  die  sehr  genauen  Beobachtungen  von 
Laikam  führen  müssen,  der  im  Jahre  1833  über  die  Dauer 
des  Typbus  Beobachtungen  angestellt  und  in  der  London 
medical  Gazette  bekannt  gemacht  hatte.  Er  wählte  sich 
unter  einer  Ungeheuern  Menge  von  Fieberkranken  297 
Kranke  aus , bei  welchen  er  ziemlich  mit  Sicherheit  den 
Eintritt  des  Fiebers  beobachtet  batte.  Allein  sein  Resultat 
war,  dass  er  durchaus  nicht  batte  wahrnehmen  können,  dass 
das  Fieber  an  einem  bestimmten  Tage  Neigung  hatte,  sich 
zu  entscheiden. 

Unter  die  Krisen,  oder  vielmehr  zu  dem  Ende  der  Krank- 
heit, zählt  der  Vf.  besonders  den  um  den  21sten  Tag  ein- 
tretenden Sehweiss.  .Bekannt  ist  allerdings,  dass  spontane 
Schweisse  eine  sehr  erwünschte  Erscheinung  sind,  allein 
die  meisten  Typhen  entscheiden  sich  gar  nicht  durch  Kri- 
sen, sondern  durch  Lysen,  und  wenn  man  erst  dann  den 
Kranken  für  reconvalescent  nehmen  will,  wenn  er  reichlich 
geschwitzt  hat,  oder  jede  Besserung,  die  ohne  Schweiss- 
eintrilt  erfolgte,  nur  für  eine  Scheinbesserung  ansehn  zu 
müssen  glaubt,  so  wird  man  oft  lange  und  doch  vergeblich 
warten  müssen.  Und  wie  Vf.  dem  Decubitus  und  den  Pa- 
rotiden  meist  eine  günstige  Bedeutung  beilegen  kann,  ist 
auffallend,  da  oft  viele  Kranke,  die  vom  Typhus  genesen, 
noch  an  Decubitus  oder  Parotiden  zu  Grunde  gehn.  Auch 
von  den  Petechien  sagt  Vf.;  dass  oft  ihr  Erscheinen  einen 
sehr  wohllhätigen  Einfluss  geäussert  habe,  und  doch  hat  er 
nur  Einmal  die  wahren  Petechien  so  auftreten  sehn,  dass 
sie  als  Vorkrise  betrachtet  werden  konnten. 

Die  Roseola  typhosa  wird  nach  Vf.  hauptsächlich  nur 
voh  französischen  Aerzten,  denen  Vf.  überhaupt  sehr  zu- 


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gethan,  als  constant  angegeben,  wahrend  die  deutschen 
Aerzte  das  Exanthem  weniger  beständig  gefunden  haben 
sollen.  Vf.  selbst  hat  es  nicht  immer  gesehn,  und  hält  es 
durchaus  nicht  für  etwas  Pathognomonisches.  Natürlich, 
dass  er  es  bei  jenen  merkwürdigen  Typhen  nicht  fand,  die 
ihm  ohne  pathologische  Veränderungen  auf  der  Darm- 
schleimhaut verlaufen  können.  Uebrigens  haben  doch  auch 
deutsche  Aerzte  die  Wichtigkeit  des  Exanthems  hervorge- 
hoben und  dessen  eonstantes  Erscheinen  beobachtet.  Vor- 
züglich waren  es  die  östreichischen  Aerzte,  und  unter  die- 
sen namentlich  Dietl  ( lieber  die  Dermatosen  des  letzten 
Jahrzehends  mit  besondrer  Berücksichtigung  der  Rötheln 
und  des  Typhusausschlags.  Med.  Jahrb.  des  oster.  Staates, 
1844.  Jan.  u.  Febr.)  und  Hamemjk,  welche  gezeigt  haben, 
dass  es  ein  ganz  charakteristisches  Zeichen  des  Typhus  sei, 
dass  oft  allein  das  Exanthem  zur  Diagnose  hinreiche. 

lieber  die  Perforation  des  Darms  bei  Typhus  geht  Vf. 
mit  ein  Paar  Zeilen  weg,  weil  meist  nach  einem  Paar  Stun- 
den der  Tod  erfolgt.  Ist  es  denn  so  leicht,  die  Perforation  ' 
mit  Sicherheit  zu  diagnosticiren,  oder  sterben  alle  mit  Per- 
foration sicher  in  einigen  Stunden?  Vf.  selbst  erzählt 
Fälle  von  geheilter  Perforation,  und  es  ist  deshalb  um  so 
wichtiger  eine  genaue  Diagnose  zu  stellen.  Denn  nicht’ 
immer  tritt,  wie  Vf.  meint,  die  Perforation  so  plötzlich  mit 
Schmerz  u.  s.  w.  auf;  oft  nur  so  unvermerkt,  dass  die 
Kranken  kaum  eine  Veränderung  ihres  Zustandes  angeben. 
Wir  vermissen  deshalb  hier  sehr  die  iScAuA’sche  objective 
Diagnose,  die  der  Ti/mpamiis  perilonaei,  der  alle  andern 
Zeichen  der  Peritonaeitis  allein  zukommen  können.  Diese 
herrliche  Entdeckung  ist  schon  1842  in  den  österr.  med. 
Jahrbüchern,  Januar,  mitgctheilt. 

S.  184  sagt  Vf.,  dass  sich'  oft  zu  Druck  und  Beklem- 
mung der  Brust  bei  Typhus  pleuritische  Stiche  hinzugcsel- 
len,  und  giebt  an,  dass  besonders  von  Hildcnbraiult  und 
Tischcndorff  dieser  erwähnten.  Die  classische  Schrift  von 
dem  trefflichen  Guggenbiihl,  der  Alpensticb,  Zürich  1838, 


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batte  den  Vf.  belehren  können,  dass  es  ganze  Epidemien 
giebt,  wo  dies  das  hauptsächlichste  Symptom  ist. 

Bei  der  Zunge,  als  diagnostisches  Mittel,  sucht  Vf.  sich 
nicht  klar  zu  machen,  wie  der  Fuh'go  entsteht,  obschon 
gute  Vorarbeiten  darüber  vorliegen.  Malcolm  hat  schon 
durch  ausgezeichnete  Versuche  in  einer  nicht  gewöhnlichen 
Arbeit  über  Typhus  dargethan,  dass  die  Kohlensäuremenge 
die  beim  Typhus  durch  die  Lungen  ausgeathmet  wird,  ge- 
ringer ist,  als  im  gesunden  Zustande.  Es  ist  nun,  wie  auch 
Zengerle  darzuthun  sucht,  nicht  unwahrscheinlich,  dass  diese 
so  veränderte  Luft  die  hauptsächliche  Ursache  der  Verän- 
derung der  Zunge  im  Typhus  ist.  Denn  der  russige  Ue- 
berzug  der  Schleimhaut  des  Mundes  und  der  Zähne  ist  bei 
jenen  Typhösen  weit  stärker,  die  mit  offnem  Munde  dalie- 
gen und  also  mehr  durch  den  Mund  athmen. 

Das  Ileocoecalgeräusch  würdigt  der  Vf.  auch  keiner 
nähern  Erklärung,  sondern  sagt,  dass  ihm  nichts  Pathogno- 
misches  zukomme,  was  bei  der  Vorliebe  des  Vfs.  für  die 
Franzosen  auflallt,  da  besonders  diese  viel  auf  dieses  gar- 
gomllcment  halten.  Es  entsteht  durch  die  Anschwellung 
der  Cöcalklappe,  wodurch  natürlich  der  Durchtritt  der  Ffi- 
ces  gehindert  ist  — drückt  man  die  untersuchende  Hand 
auf  den  Unterleib  in  die  Gegend  des  Cöcums,  so  wird  auf 
ganz  mechanische  Weise  der  Darminhalt  durch  die  Bauhm- 
sche  Klappe  in  den  Dickdarm  durcbgetrieben,  wodurch  das 
charakteristische  Kollern  entsteht.  Dieses  wird  natürlich 
fehlen,  wenn  die  Umgebung  der  Cöcalklappe,  was  freilich 
sehr  selten  sein  mag,  nicht  angeschwollen  ist. 

Ueber  das  Ausschliessungsvermögen  hat  Vf.  Nichts  ge- 
sagt, ja  er  erzählt  sogar  einen  Fall  von  Typhus,  der  mit 
einer  „Hypertrophie  des  Herzens  in  Verbindung  mit  Klap- 
penfehlern” combinirt  war,  der  aber  geheilt  wurde.  Doch 
schien  dies  Vf.  gar  nicht  zu  befremden,  und  doch  wäre, 
«'  fabula  vera,  dies  eine  grosse  Seltenheit. 

Auch  spricht  Vf.  über  die  Identität  des  Typhus  und 
der  Tuberculose,  und  meint,  dass  oft  erst  die  Necroscopie 
im  Stande  sei,  die  richtige  Diagnose  zu  stellen.  Doch  giebt 


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es  Zeichen,  die  durchaus  eine  Verwechslung  nicht  zulas- 
sen, und  höchstens  könnte  man  in  den  ersten  Tagen,  wo 
die  Diagnose  des  Typhus  überhaupt  oft  sehr  schwer,  schwan- 
kend sein.  Aber  nach  einer  kurzen  Zeit  müssen  einem 
umsichtigen  Arzte  die  Zweifel  schwinden.  — 


Ueb  ersieht  der  vom  1.  Juli  1845  bis  Ende  Juni 
1846  in  der  Fremdenstation  des  Hospitals  da 

Mizericordia  zu  Rio  de  Janeiro  behandelten 
Krankheitsfälle. 

Mitgctheilt 

vom  Kais.  Hospitalarzte  Dr.  I.  alle  man  t zu  Rio  de  Janeiro. 

{ Fortsetzung. ) 


Was  die  Behandlung  betrifft,  so  war  oft  ein  Brech- 
mittel oder  Purganzen  angezeigt,  nach  welchen  bei  den 
intermittirenden  Fiebern  zum  Chinin  übergegangen  wird. 
Oft  musste  jedoch  der  gereizte  Zustand  der  Eingeweide 
durch  Emulsionen  mit  Laudanum,  so  wie  durch  einige  Blut- 
egel und  Cataplasmen  beseitigt  werden;  bei  Milzanschwel- 
lung war  das  kohlensaure  Eisen  so  wie  auch  die  salzsaure 
Eisentinctur  vortrefflich,  äusserlich  ward  Jodsalbe  mit  Schier- 
ling eingerieben , u.  s.  w.  Wenn  auch  solche  Patienten 
nun  geheilt  entlassen  werden,  oder  bedeutend  gebessert 
aus  Ungeduld  das  Hospital  verlassen,  so  kommen  mir  den- 
noch bei  jedem  Patienten,  der  lange  Sumpfmiasmen  ausge- 
setzt war  in  heissen  Gegenden , manche  ernste  Bedenken. 
Nichts  untergräbt  wohl  so  langsam,  nichts  so  sicher  für 
immer  die  Gesundheit,  als  der  Aufenthalt  in  einer  warmen 
sumpfigen  Gegend,  besonders  dann,  wenn  bedeutende  An- 
griffe gegen  sie  gemacht  werden,  um  sie  anzubauen.  So 
lange  nur  hie  und  da  ein  einsamer  Anbauer  einen  kleinen 


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Fleck  feuchten  Landes  um  seine  Hütte  herum  urbar  zu 
machen  sucht,  so  lange  kann  er  noch  einigermassen  der 
Ungunst  des  Bodens  Widerstand  leisten.  Wird  jedoch  der 
Anhauungsversuch  in  feuchter  heisser  Brasilianischer  Nie- 
derung im  Grossen  gemacht,  wird  schnell  und  in  weitrer 
Ausdehnung  der  Boden  entblösst,  wird  namentlich  die  weit- 
hin wachsenden  MangU  nicht  geschont  (und  man  sollte  sie 
immer  schonen,  denn  der  Boden,  auf  dem  diese  Rhizophora 
wächst,  trägt  meist  sehr  wenig),  so  werden  die  Anbauer 
oft  böse  decimirt,  und  bedeutende  Striche  des  Ungeheuern 
Kaiserreichs  werden  eben  deswegen  noch  manches  Jahrhun- 
dert im  Naturzustände  liegen  bleiben. 

Diese  kleine  Andeutung  ist  von  grosser  Wichtigkeit 
für  deutsche  Auswandrer,  und  manche  Herrn  sollten  des- 
wegen etwas  weniger  das  Auswandrungsgeschäft  betreiben, 
und  nicht  die  Karte  von  Brasilien  allein  um  Rath  fragen, 
wenn  davon  die  Rede  ist,  wie  viel  Menschen  wohl  jährlich 
nach  Brasilien  wandern  könnten. 

Eine  andre  Ungunst  des  Klimas  zeigte  sich  in  den 
heissen  Monaten  December,  Januar  und  Februar  bei  13  In- 
dividuen, welche  in  Folge  der  Sonnenstrahlen  mehr  oder 
minder  an  Insolationsfieber  litten.  Bei  Einem  steiger- 
ten sich  die  Gehimzufälle  bis  zur  höchsten  Entzündung  und 
der  Patient  starb;  die  Andern  wurden  antiphlogistisch  be- 
handelt und  geheilt  entlassen.  Meistentheils  waren  es  See- 
leute aus  dem  Norden,  die  erst  wenig  Tage  im  hiesigen 
Hafen  sich  aufgehalten  hatten. 

Mehr  als  die  Sonne  jedoch  that  auch  in  diesem  Jahre 
der  Branntwein  Schaden.  Etwa  ein  Dutzend  Leute  kam 
ganz  direct  betrunken  in’s  Spital,  und  wurde  nach  1 bis  3 
Tagen  entweder  ohne  alle  Behandlung  und  nach  einigen 
kleinen  Gaben  von  kohlensaurem  Ammonium  wieder  in 
Freiheit  gesetzt.  Bei  10  andern  Patienten  war  die  nächste 
Folge  solcher  Branntweinsmasse  eine  mehr  oder  minder 
6tarke  Dysenterie,  besonders  dann,  wenn  die  Leute  ih- 
ren Rausch  im  Freien  auf  der  Strasse  oder  oben  auf  dem 
Verdeck  der  Schiffe  des  Nachts  ausschliefen ; doch  war  kein 


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Fall  hartnäckig,  sondern  alle  wichen  leicht  kleinen  Gaben 
Laudanum  in  Emulsionen.  In  wenig  Fällen  wurden  Blut- 
egel auf  den  Bauch  gesetzt,  dagegen  fast  immer  Lcinsaa- 
menmehlcataplasmen  aufgelegt. 

Von  3 Patienten,  die  am  Delirium  tremens  litten,  musste 
Einer  in  die  Irrenstation  geschickt  werden;  die  beiden  An- 
dern wurden  mit  Laudanum  und  kohlensaurcm  Ammonium 
behandelt  und  wieder  hergestellt;  beide  Mittel  waren  selbst 
in  massiger  Gabe  (40  Tropfen  l/iudanum  und  9 ii  Ammon, 
carbon.  in  24  Stunden)  schon  ausreichend.  — Bei  2 Pa- 
tienten hatte  sich  eine  vollkommne  sporadische  Cholera 
eingestellt,  die  jedoch  nur  21  Stunden  auhielt.  Dieses  Ue- 
bel,  was  seit  der  Asiatischen  Cholera  so  unendlich  gefürch- 
tet wird,  dass  man  es  kaum  mehr  diagnosliciren  darf,  kommt 
in  den  heissen  Monaten  häufig  vor,  ist  jedoch  fast  immer 
gefahrlos  und  leicht  zu  behandeln;  oft  ist  es  schon  hinrei- 
chend, dem  Patienten  trotz  des  Durstes  alles  Trinken  zu 
entziehn,  oder  einige  Tropfen  Laudanum  in  heissem  Chamil- 
lenthee  zu  geben. 

Sehr  bedeutend  war  auch  in  diesem  Jahre  die  Zahl 
der  Patienten,  welche  mit  frischen  Verwundungen  in 
die  Station  kamen.  Die  Meisten  waren  einfache  Conlusio- 
nen  in  Folge  von  Schlägereien,  geschwollne  Augenlieder 
mit  den  mannigfachsten  Färbungen,  Ecchymosen  unter  der 
Conjunctiva  u.  s.  w.  Ernster  waren  schon  einige  Messer- 
stiche, Verwundungen  des  Kopfs,  und  einige  Knochenbrüche, 
besonders  auch  so  manche  Fälle,  wo  Matrosen  von  bedeu- 
tender Höhe  aus  dem  Mast  aufs  Schiff  hinabstürzten,  oder 
vom  Verdeck  durch  die  offnen  Schiffsluken  auf  den  Schiffs- 
kiel hinschlugen.  Von  den  Messerstichen  war  einer  sehr 
bemerkenswerth.  Am  16.  Septbr.  (1845)  kamen  mehrere 
Matrosen  mit  einem  Seemann  angeschleppt,  welcher  vor 
wenig  Stunden  von  einem  Portugiesen  vor  einer  Brannt- 
weinsbude einen  kräftigen  Messerstich  erhalten  hatte;  er 
war  lautschreiend  zu  Boden  gestürzt,  hatte  das  Bewusstsein 
auf  kurze  Zeit  und  sehr  viel  Blut  verloren.  Als  der  Blut- 
fluss aufgehört  hatte,  trugen  ihn  seine  Kameraden  ins  Spi- 


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tal.  Patient  war  sehr  blass,  halb  ohnmächtig  mit  einiger 
Athemnoth , Puls  klein , sehr  beschleunigt;  die  schmale 
Stichwunde  befand  sich  mitten  auf  der  Herzgegend,  wo 
Pat.  einen  äusserst  heftigen  Schmerz  anzeigte.  Die  Wunde 
ward  mit  Heftpflaster  bedeckt,  Pat.  bekam  eine  Salpeterso- 
lution und  war  in  den  nächsten  3 Tagen  ruhig,  sehr  matt 
und  todtenblass;  der  Verband  ward  abgenommen,  die  Wunde 
war  geschlossen,  Schmerzen,  Angst  u.  s.  w.  minderten 
sich,  das  Athmen  ward  freier,  und  am  9.  Oct.  konnte  Pat. 
entlassen  werden.  Ich  vermuthe,  dass  der  Stich  das  Herz 
selbst  verwundet  habe,  eine  Vermuthung,  die  nur  durch 
eine  Autopsie  als  gewiss  hätte  aufgestellt  werden  können. 
Zu  meiner  Freude  aber  ward  Pat.  besser.  Wenig  fehlte 
jedoch,  so  wäre  der  Mann  dennoch  der  Gegenstand  einer 
Leichenöffnung  geworden;  denn  nachdem  er  sich  5 Tage 
nach  seiner  Entlassung  ruhig  verhalten  hatte,  ging  er,  um 
sich  zu  rächen,  nach  derselben  Schenke,  zog  aber  auch 
diesmal  den  Kurzem  und  ward  arg  zugerichtet.  Bei  sei- 
nem zweiten  Eintritt  ins  Spital,  am  15. Oct,  zeigte  er  be- 
deutende Contusionen  auf  der  Kopfschwarte,  beide  Augen 
waren  versteckt  unter  den  dick  geschwollenen  Lidern,  die 
Umgegend  des  linken  Auges,  besonders  nach  auswärts, 
verletzt;  ausser  mehrern  andern  Contusionen  des  Körpers 
fanden  sich  auf  der  linken  Seite  zwei  Rippenbrüche.  Der 
ganze  Mensch  war  mit  Blut,  Schmutz  u.  s.  w.  so  besudelt, 
dass  ich  ihn  eigentlich  nur  an  der  Narbe  des  Messerstichs 
wieder  erkannte.  Dennoch  stellten  sich  keine  heftigen  Zu- 
fälle weiter  ein,  und  nach  6 Wochen  ward  Pat,  entlassen. 

Zwei  Schusswunden  kamen  ebenfalls  vor  bei  2 Ame- 
rikanischen Matrosen;  die  Mannschaft  hatte  auf  offner  See 
gegen  den  Capitain  Meuterei  gemacht  und  dieser  scharf  auf 
sie  geschossen.  Dem  Einen  war  eine  Kugel  dicht  unter 
der  Schulter  ausserhalb  des  Oberarmbeins  durch  das  Fleisch 
geschlagen;  bei  dem  Andern  jedoch  hatte  die  Kugel  sich 
einen  Weg  durch  den  Zwischenknochenraum  des  Vorder- 
arms gebahnt,  ohne  dass  heftige  Blutung  eingetreten  war. 
Die  Wunden  beider  waren  beinah  schon  verheilt;  beim  Er- 


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sten  war  die  Schulterbewegung  in  hohem  Grade  gehindert; 
beim  Zweiten  fast  jegliche  Hand-  und  Fingerbewegung  ge- 
hemmt; nach  12  Tagen  wurden  sio  zur  gerichtlichen  Un- 
tersuchung entlassen. 

Auffallend  ist  es,  wenn  auch  nicht  neu,  welche  hef- 
tige Erschütterungen  bei  so  manchem  Sturz  auf  den  Kopf 
das  Gehirn  erleiden  kann,  ohne  dass  auch  nur  irgendwie 
Folgen  eintrelen.  Wie  oft  habe  ich  nun  schon  besonders 
Seeleute  gesehn,  die  12 — 18  Fuss  in  einen  leeren  Schiffs- 
raum Kopfüber  hineinstürzen,  einige  Zeit  ohne  Besinnung 
liegen  bleiben,  dann  aufwachen,  sich  übergeben,  über 
Schmerzen  klagen,  und  dennoch  nach  einigen  Tagen,  in 
denen  kaum  irgeud  eine  Fieberreaction  entstanden,  kaum 
irgend  eine  Kunsthülfe  bei  der  Gleichgültigkeit  so  mancher 
Schiffscapitaine  geleistet  worden  war,  wieder  an  die  Arbeit 
gehn.  Auch  dies  Jahr  kamen  einige  solche  Fälle  zur  Hos- 
pitalsbehandlung. Doch  liefen  sie  nicht  alle  glücklich  ab. 
So  kam  am  11.  Decbr.  ein  Engländer  auf  die  Station,  der 
vom  Mast  herabgestürzt  war,  und  ausser  andern  heftigen 
Conlusionen  besonders  die  Kreuzbeingegend  heilig  mit  Blut 
unterlaufen  zeigte.  Weniger  schien  der  Kopf  ergriffen  zu 
sein;  dagegen  schrie  er  über  heftige  Leibschmerzen  und 
starken  Drang  zum  Uriniren,  welchen  letztem  er  jedoch 
nicht  befriedigen  konnte.  Die  Unterextremitäten  waren  fast 
gefühllos  und  beinah  ganz  gelähmt.  Die  Entleerung  der 
Blaso  mittelst  des  Catheters  war  nicht  schwierig,  wenig 
schmerzhaft  und  verschaffte  grosse  Erleichterung.  Ein  an- 
gemessenes antiphlogistisches  Verfahren  besserte  den  Zu- 
stand des  Patienten  in  der  erfreulichsten  Weise,  leider 
aber  stellte  sich  am  18.  Decbr.  in  der  Kreuzbeingegend 
Gangrän  ein,  die  trotz  aller  angewandten  Mittel  so  stark 
um  sich  griff,  dass  Pat.  am  28.  Decbr.  starb.  — Ein  and- 
rer Seemann  derselben  Kation  hatte  einen  heftigen  Schlag 
mit  einem  dicken  Stock  auf  den  Kopf  erhalten;  in  den  er- 
sten Tagen  klagte  er  über  Nichts,  dann  befiel  ihn  Müdig- 
keit, Traurigkeit  und  ein  soporöser  Zustand  mit  Unterbre- 
chungen, Nachts  mit  leichten  Delirien,  lus  Spital  gebracht 


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79 


bekam  er  nach  einem  kleinen  Aderlass  einen  kräftigen  Ar- 
nicaaufguss,  dazu  ward  eine  grosse  spanische  Fliege  im 
Nacken  in  Eiterung  erhalten;  so  war  er  vom  18.  Decbr. 
bis  5.  Januar  im  Spital,  wo  er  vollkommen  geheilt  entlas- 
sen wurde. 

Bemerkenswerth  erschien  mir  folgender  Fall.  Ein  fet- 
ter, leucophlegmatischer  Schwede  kam  am  10.  Februar  ins 
Spital;  zwei  Monate  vorher  hatte  er  einen  starken  Schlag 
in  den  Nacken  bekommen,  in  Folge  dessen  sich  eine  Ent- 
zündung der  Nackenwirbel  einstellte;  sämmtliche  Wirbel 
schienen  ankylosirt  zu  sein,  und  bildeten  einen  nach  hinten 
etwas  rechts  gewölbten  Bogen,  während  das  Kinn  bis  dicht 
gegen  die  linke  Clavicula  reichte,  und  der  Kopf  nur  wenig 
Bewegung  zeigte.  Gleichzeitig  hatte  sich  dabei  eine  Er- 
weiterung des  linken  Herz  Ventrikels  eingestellt,  während 
Pat.  vor  dem  Unfall  niemals  an  irgend  einem  Herzübel  ge- 
litten hatte.  Nach  4 Wochen  verliess  er  sehr  wenig  ge- 
bessert die  Anstalt.  Es  ist  in  diesem  Falle  schwer  zu  be- 
stimmen, wodurch  das  Herzübel  hervorgerufen  ward. 

(Sehlus»  folgt.) 


Kritischer  Anzeiger 

neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Die  Rhachitis  von  Dr.  Jules  Guerin.  A.  d.  Fr.  übers,  von 
Dr.  Georg  Weber , pr.  Arzt  in  Kiel.  Nordhausen,  1847. 
40  S.  8. 

(Die  rhachitische  Verunstaltung  des  Skeletts  entwickelt 
sich  von  unten  nach  oben,  die  meisten  rhachitischen  Kno- 
chen sind  vcrhältnisstnässig  weniger  entwickelt,  als  die  nor- 
malen. Die  Textur  findet  man  verschieden,  je  nachdem 
man  die  Rhachitis  im  Stadium  der  Decubation,  der  Defor- 
mation oder  der  Resolution,  die  der  Vf.  annimmt  und  be- 
schreibt, untersucht.  Wenn  die  Krankheit  im  Erwachsenen 


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vollkommen  erloschen  ist,  zeigen  die  Knochen  eine  grös- 
sere Dichtigkeit  und  Härte,  als  im  normalen  Zustande,  was 
der  Vf.  rhachitische  Eburnation  nennt.  Die  Rhachitis  ist 
wesentlich  verschieden  von  Scrofulose  oder  Tuberculose 
der  Knochen,  so  wie  von  jeder  Art  der  Knochenerweichung 
bei  Erwachsenen.) 


Sammlung  auserlesener  innerer  und  äusserer  Receptfor- 
meln,  älterer,  mittlerer  und  neuester  Zeit.  Ein  Taschen- 
buch für  angehende  Aerzte  von  Dr.  Joseph  Schneider , 
Kurhess.  Geh.  Sied.  Rathe  u.  s.  w.  Fulda  1847.  XVI  u. 
150  S.  12. 

(Wer  „des  verstorbenen  Leibarztes  Dr.  Hufdand  wirk- 
sames Elixir  anticatarrhale ” gebrauchen  will,  oder  Schnei- 
ders „Mittel  gegen  übermässiges  Branntweintrinken”,  oder 
nach  einem  „Geheimreccpt  gegen  die  Gicht”  («cü)  Ver- 
langen trägt,  oder  auch  „des  berühmten  Zahnarztes  Hirsch 
sehr  wirksame  Zahntinctur  gegen  Beinfrass  der  Zähne”  zu 
probiren  Lust  verspürt,  der  schlage  diesen  kleinen  The- 
saurus auf.  Wir  würden  solche  Sammlung  indess  allerdings 
eher  — a b gehenden  Aerzten  als  „angehenden”  empfehlen.) 


Der  Zahnarzt.  Das  Neuste  und  Wissenswürdigste  des  In- 
und  Auslandes  über  Zahnheilkunde.  Redacleur : C.  Schme- 
dicke , pr.  Zahnarzt  zu  Berlin.  Ebds.  1847.  8. 

(Von  dieser  Zeitschrift  erscheint  monatlich  ein  kleines 
Heft  von  2 Bogen  mit  den  nöthigen  Abbildungen.  Die  uns 
vorliegenden  Hefte  zeugen  von  einem  anerkennungswerthen 
Streben  zu  einer  wissenschaftlichen  Bearbeitung  der  Zahn- 
heilkunde.) /'- 


Druckfehler. 

In  No.  3 S.  47  Z.  2 v.  u.  ist  nach  dem  Worte  „und”  einzuschallen: 
zu  sagen. 


(jedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedestnol  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  .'JJ'Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmüiche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A,  Il\r  schscald. 


JW  6.  Berlin,  den  5ten  Februar  1848. 


Die  Behandlung  des  Croup  durch  grosse  Mercnrialfrictioncn.  Vom  Dr. 
Löwenhardt.  — Hospitaibericht  aus  Rio  Janeiro.  Vom  Dr.  Lal- 
lemant.  (Schluss)  — Vermischtes.  (Herpes  Zoster  des  ersten  und 
zweiten  Lendennerven  der  rechten  Seite.  — Künstliche  MagenGstel.) 


Ueber  die  Behandlung  des  Croups  durch  grosse 
Mercurialfrictioncn,  nebst  einem  für  diese  Be- 
handlungsart sprechenden  Krankheitsfalle. 

Mitgetheilt 

vom  Dr.  I^oewenhardt,  pract.  Arzt  zu  Prenzlow. 


Es  ist,  glaube  ich,  eine  jetzt  wohl  schon  allgemein 
gemachte  Beobachtung,  dass  der  wahre  inflammatorische 
Croup  — wo  Kehlkopf  und  Luftröhre  oft  bis  in  die  klein- 
sten Verzweigungen  gemeinhin  zugleich  Sitz  des  Leidens 
sind  und  das  Blut  jene  grosse  Geneigtheit  zur  Plasticität 
und  Exsudation  in  die  betheiligten  Gebilde  hat  — eine 
sehr  seltne  Krankheit  ist,  und  dass  diejenigen  Fälle, 
welche  uns  so  oft  begegnen,  die  in  ihren  Erscheinungen 
hiermit  einige  Aehnlichkeit  haben,  und  leicht  durch  allerhand 
Mittel,  auch  oft  ohne  alle  Mittel  bewältigt  werden,  durch- 
aus nicht  hierher  gezählt  werden  dürfen. 

Durch  die  gedachte  Seltenheit,  so  wie  durch  die  leicht 
Jahrgang  1848.  Q 


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entstehende  Verwechslung  der  verschiednen  Species  jenes 
Leidens  ist  es  auch  wohl  gekommen,  dass  die  von  mir  vor 
wenigen  Jahren  in  der  medicinischen  Vereins-Zeitung  vor- 
geschlagne Behandlung  des  Croups  mit  grossen  Mercurial- 
frictionen,  wie  ich  sie  bereits  im  zweiten  Bande  meiner 
diagnostisch -practischen  Beiträge,  Prenzlau  bei  Vincent 
1835,  empfohlen  habe,  nicht  den  gewünschten  Anklang  ge- 
funden hat.  Dies  veranlasst  mich,  einen  kürzlich  vorge- 
kommenen, auf  jene  Weise  von  mir  behandelten  Fall  von 
Croup  hier  milzutheilen. 

Clara  Bullmann,  die  Tochter  meines  Hauswirths,  ein 
sechsjähriges,  gutgenährtes,  hellblondes  Mädchen,  welches 
besonders  in  den  ersten  Lebensjahren  schon  recht  hart- 
näckige Croup- Anfälle  zu  überstehn  halte,  wurde  in  der 
Nacht  vom  6.  auf  den  ,7.  Februar  v.  J.  von  Heiserkeit 
befallen,  welche  so  schnell  zunahm,  dass  das  Kind  schon 
den  7.  Vormittags  mit  röchelndem  Tone  sehr  mühsam 
alhmele  und  fast  stimmlos  war. 

Als  ich  Mittags  das  Kind  sah,  war  das  Gesicht  auf- 
getrieben, roth  und  heiss;  es  lag  auf  dem  Rücken  mit  er- 
höhtem Oberkörper  und  respirirte  mit  Anstrengung  mit  ei- 
nem sonoren,  fast  schnarchenden  Tone  und  war  so  heiser, 
dass  es  keinen  Laut  von  sich  geben  noch  husten  konnte. 
„Et  ne  tussiendi  eonalus  quidem.  adest.  llaec  quidem  est  a- 
trocissima  et  periculosissima",  sagt  Galen:  de  (perijmeumonia) 
Pleurilide.  Die  Pulse  unsrer  Kleinen  fühlten  sich  hart  an 
und  waren  sehr  frequent. 

Indem  die  Mutter  von  den  unterdess  herbeigeholten 
Kupferpulvern  Eins  reichen  wollte,  welches  unter  Sträuben 
zur  Hälfte  genommen,  indess  alsbald  wieder  rejicirt  wurde, 
trat  eine  so  starke  Athemnoth  ein,  dass  das  Kind  mit  einem 
Satz  aus  dem  Bette  sprang,  im  Gesicht  und  an  den  Lippen 
ganz  blauroth  wurde,  den  Mund  weit  aufriss  und  bewusst- 
los auf  die  Erde  fiel.  Schnell  zog  ich  die  Lanzette  heraus, 
öffnete  die  Medianvene,  und  als  eine  Tasse  voll  Blut  ge- 
flossen war,  liess  der  Erstickungsaufall  nach;  dieblaue 
Rötho  dos  Gesichts  und  der  Mundhöhle  minderte  sich,  die 


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Besinnung  kehrte  wieder,  so  wie  auch  die  Respiration  ein 
wenig  freier  als  vorher  zu  sein  schien.  Nur  sprechen  und 
husten  konnte  das  Kind  noch  nicht. 

Da  jeder  wiederholte  Versuch  zum  Einnehmen,  ja 
schon  jede  Bewegung  des  Kindes  vermehrte  Athemnoth 
hervorrief  und  erneuerte  Erstickungsanfälle  befürchten  liess, 
so  musste  ich  von  jedem  Gebrauch  innerer  Mittel  abstehn 
und  liess  daher  zweistündlich  einen  TheelöfTel  von  Ungt. 
Uydrarg.  cinerii,  und  zwar  das  erste  Mal  unterm  Halse  und 
unter  den  Oberarmen  und  sofort  auf  verschiednen  Körper- 
theilen  langsam  verreiben. 

Abends  schienen  die  örtlichen  Zufalle  nicht  ver- 
schlimmert, nur  das  Allgemeinbefinden  noch  getrübter;  die 
Einreibungen  wurden  fortgesetzt. 

Den  8.  früh  waren  sowohl  die  localen  als  die  allge- 
meinen Erscheinungen  noch  denen  vom  Tage  zuvor  gleich; 
Venäsection  von  8 Unzen  und  Fortsetzung  der  Einreibungen. 
Abends:  Husten  und  Croupton,  auch  konnte  das  Kind  leise 
sprechen.  Mit  den  Einreibungen  wurde  fortgefahren. 

Den  9.  Ausgesprochener  Crouphusten  mit  dickem 
Schleimauswurf,  auch  das  Fieber  schien  ein  wenig  ver- 
mindert. Abends  trat  ein  so  heftiges  Nasenbluten  ein, 
dass  das  hellrothe  Blut  unaufhaltsam  aus  Nase  und  Mund 
stürzte.  Dies  währte  etwa  eine  Stunde  und  man  konnte 
den  Blutverlust  auf  5 — ö Unzen  schätzen. 

Indem  sich  hierauf  ein  bedeutender  Nachlass  der  Er- 
scheinungen zeigte,  so  stand  ich  von  den  Einreibungen  ab 
und  liess  den  Körper  im  Bade  abwaschen.  Es  waren  6 
Unzen  Salbe  verrieben. 

Am  10.  Febr.  war  das  Leiden  als  gehoben  zu  be- 
trachten. Salivation  war  nicht  eingetreten,  nicht  einmal  ein 
Mercurialgeruch  aus  dem  Munde  wahrzunehmen ; nur  über 
Brennen  am  Zahnfleische,  dessen  Ränder  gerötheter  er- 
schienen, klagte  die  Kleine.  Aber  auch  dieser  Zufall  ver- 
lor sich  in  den  nächsten  Tagen,  wo  sich  auch  der  Appetit 
und  die  Kräfte  wieder  einstellten. 

Gern  wird  man  mir  die  Miltheilung  noch  einiger  ähn- 

6* 


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liehen  Fälle,  welche  ich  anf  diese  Weise  behandelte  und 
besiegte,  erlassen,  und  hoffentlich  gleich  mir  in  diesen 
Frictionen  ein  Mittel  erkennen,  durch  welches  man  in  dem 
gemeinen  inflammatorischen  Croup  ebenfalls  noch  Abhülfe 
zu  schaffen  im  Stande  ist;  ja,  ich  halte  die  Behauptung 
gerechtfertigt:  dem  man  unter  gedachten  Umständen,  ver- 
steht sich  nach  angemessenen  Blutentziehungen,  kein  and- 
res Mittel  an  die  Seite  zu  stellen  wissen  wird. 

Der  würdige  Herausgeber  dieser  Zeitschrift  (heilte 
früher  den  Fall  eines  erwachsenen  Knaben  mit,  bei  dem 
die  Anwendung  der  kräftigsten  Blutenlziehungen  sowohl, 
als  der  übrigen  antiphlogistischen  Mittel  unter  ähnlichen 
Umständen  nutzlos  blieben,  die  Obduction  aber  starke  Ex- 
sudationen bis  in  die  tiefsten  Verzweigungen  der  Bronchien 
hinein  nachwies,  und  so  wird  sich  jeder  erfahrne  Arzt  wohl 
ähnlicher  Fälle  aus  seiner  Praxis  zu  erinnern  wissen,  wo- 
bei ihn  die  gepriesensten  Mittel  im  Stich  Hessen. 

Weshalb  nun  aber  ein  Mittel  scheuen,  das  in  der  Hand 
des  geübtem  Arztes  durchaus  keine  Inconvcnienzen  mit 
sich  führt,  gewiss  aber  nicht  solche,  die  mit  dem  dadurch 
zu  erzielenden  Nutzen  irgendwie  im  Verhältnisse  ständen 
und  das  überdies  den  gleichzeitigen  Gebrauch  andrer,  etwa 
passender  Mcdicamenle  gar  nicht  ausschliesst? 

Indessen  will  ich  hier  nochmals  bemerken,  dass  ich 
die  Mercurialfriclionen  nur  gegen  den  wahren,  inflamma- 
torischen Croup  hiermit  empfohlen  haben  wollte;  gegen 
den  gewöhnlich  sogenannten  Croup  kommt  jeder  Arzt  mit 
seinen  Mitteln  und  die  Natur  auch  ohne  diese  zum  Ziele. 


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Uebcrsicbt  der  vom  1.  Juli  1845  bis  Ende  Juni 
1846  in  der  Fremdenstation  des  Hospitals  da 
Mizericordia  zu  Rio  de  Janeiro  behandelten 
Krankheitsfälle. 

Mitgetheilt 

vom  Kais.  Hospitalarzte  Dr.  JxUlemant  zu  Rio  de  Janeiro. 

(S  c h 1 U 5 5 ). 

Ziemlich  bedeutend  war  auch  die  Verletzung  eines  an- 
dern englischen  Matrosen,  der  vom  Mast  herab  aufs  Ver- 
deck gestürzt  war.  Ausser  der  heftigen  Contusion  des 
ganzen  Körpers  waren  ihm  die  Weichtheile  um  Stirn  und 
Auge  auf  der  rechten  Seite  bedeutend  zerrissen,  so  dass 
sie  mit  einiger  Mühe  vermittelst  vieler  blutiger  Hefte  zu- 
sammengenäht werden  mussten;  das  linke  Bein  war  im  un- 
tern Drittheil  quer  durchgebrochen.  Patient  hatte  viel  Blut 
verloren,  klagte  indessen  nicht  über  bedeutende  Schmer- 
zen; offenbar  aber  litt  er  noch  in  Folge  der  Erschütterung 
an  einer  Unempfindlichkeit  und  herabgesunkner  Thätigkeit 
der  Gehörfunctionen,  sein  Puls  war  langsam  und  unregel- 
mässig. Blut  wurde  ihm  nur  durch  20  Blutegel  entzogen, 
und  eine  Salpeterauflösung  gereicht.  Die  Heilung  ging 
ganz  regelmässig  vor  sich,  und  schon  am  8.  Mai  konnte 
Patient  an  Bord  seines  Schiffs  zurückgebracht  werden.  — 
Heftige  Contusionen  zeigte  auch  ein  Holländer,  der  auf  ei- 
nem sehr  grossen  Schiffe  von  der  obersten  Rah  auf  die 
Schanzkleid  er  (?)  gestürzt  war,  und  von  hier  ins  Meer,  aus 
dem  man  ihn  ziemlich  besinnungslos  herausgefischt  hatte. 
Das  doppelte  Unglück  hatte  keine  Folgen  weiter. 

Selbst  ein  alter  Spanier,  der  nach  einem  heftigen  Sturz 
in  den  Schiffsraum  hinab  mit  einer  kleinen  Kopfwunde,  aber 
mit  Delirien,  trockner,  schwacher  Zunge,  tympanitischem 
Bauch,  Crepitation  in  der  linken  Lunge  nach  unten  zu,  so 
wie  starken  Contusionen  der  linken  Bauchseite  und  Hüfte 


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in  die  Station  getragen  worden  war,  ward  nach  sehr  mas- 
siger Biutentziehung  vermittelst  20  Blutegel  auf  den  Bauch, 
und  nachdem  er  eine  Salpetermixtur  genommen  hatte,  in 
14  Tagen  geheilt  und  entlassen. 

Sanguinem  incisa  vena  nitti  novum  non  est;  sed  nullum 
pene  morbum  esse , in  quo  non  millalur,  novum  est.  Möchten 
meine  Collegen  in  Deutschland  mir  doch  gestatten,  diese 
eine  Aehnlichkeit  mit  dem  ausgezeichneten  Celsus  zu  ha- 
ben, dass  ich  wirklich  etwas  Neues  darin  finde,  dass  man 
in  unsrer  Kaiserstadt  eben  so  wie  in  jener  alten  Weltstadt 
fast  in  allen  Krankheiten  die  Venen  überall,  wo  man  ihrer 
habhaft  werden  kann,  ohne  Gnade  durchschneidet,  und  das 
Blut  laufen  lässt  bis  cs  von  selbst  aufbört.  Unter  allen 
Krankheiten  unsres  Continents  ist  in  den  Augen  eines 
deutschen  Arztes  kaum  eine  so  gefährlich  als  diese  Phle- 
botomanie,  die  besonders  von  Frankreich  eingeschleppt  zu 
sein  scheint,  und  wehe  dem  Arzte,  dem  ein  Patient  ohne 
Aderlass  stirbt;  grosses  Vertrauen  muss  ein  Arzt  in  einem 
Hause  besitzen,  wenn  er  nach  solchem  Verlust  nicht  seine 
ärztliche  Stellung  dort  einbüsst.  Hs  ist  lobenswerth,  dass 
es  bei  einem  Sterbebette  die  Umstehenden  tröstet,  wenn 
der  Leidende  mit  den  heiligen  Sacramenten  versehn  der 
Erde  anheimfällt,  aber  noch  ganz  andern  Trost  giebt  es, 
wenn  der  Patient  sangrado  stirbt,  denn  wenn  er  nach  sol- 
chem Aderlass  nicht  besser  wurde,  so  war  er  unrettbar 
verloren.  Ich  muss  diesen  Missbrauch  besonders  rügen  bei 
Gelegenheit  von  Contnsionen,  sei  es  nun,  dass  sie  im  All- 
gemeinen den  Körper  erschüttern , oder  speciell  den  Kopf 
treffen.  Hs  darf  kaum  Jemand  einen  Fall  thun,  so  muss 
er  es  mit  seinem  Blute  büssen,  wenn  der  Fall  auch  noch 
so  gering  war;  ist  der  Gefallene  gar  ein  klein  wenig  ge- 
schunden, zumal  am  Kopf,  so  fügt  man  dem  Aderlass  noch 
einige  Dutzend  Blutegel  hinzu,  und  applicirt  sehr  grosse 
spanische  Fliegen  inwendig  auf  die  Schenkel;  nach  dem 
starken  Blutverlust,  oder  in  Folge  der  Wundreizung  der 
spanischen  Fliegen  wird  der  Puls  etwas  frequenter,  und 
man  findet  eine  neue  Indication  zum  Aderlass.  — Ich  habe 


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wirklich  sehr  viele  Contusionen  und  Erschütterungen  des 
ganzen  Körpers,  viele  tüchtige  Schläge  über  den  Kopf  u. 
s.  w.  bei  Leuten  im  Hafen  und  zu  Lande  gesehn,  ich  selbst 
lag  einmal  im  Mondschein  eine  halbe  Stunde  besinnungslos 
fern  von  der  Stadt  an  der  Landstrasse  bei  Gelegenheit  ei- 
nes Unglücks  mit  einem  durchgehenden  Pferde,  — massige 
Blutenlleerungen  einmal  angestellt,  Glaubersalz  und  dann 
Nitrum,  sind  mir  immer  kostbare  Hülfen  gewesen,  — Blut- 
entziehungen auch  nur  in  bedeutendem  Fällen,  zumal 
wenn  bedeutendere  Erschütterungen  ohne  alle  Verwundung 
und  Blutverlust  vorkamen.  Ich  möchte  sogar  glauben,  dass 
der  nach  Erschütterungen  so  häufig  verlangsamte  Puls  grade 
dazu  beiträgt,  entzündliche  Zufälle  zu  vermeiden,  während 
nach  kräftigen  Blutentziehungen  die  Blulwelle  beschleunigt 
wird,  und  häufig  dadurch  zu  inflammatorischen  Reactionen 
Ursache  werden  kann. 

Unter  den  Knochenbrüchen  (9  im  Ganzen)  bot  ein 
Scbenkelhalsbruch  einige  Schwierigkeiten  dar.  Ein  deut- 
scher Schmidt  erhielt  am  27.  Juli,  als  er  von  der  Einwei- 
hung der  deutschen  Kirche  nach  Hause  kam,  von  einem 
Cameraden  einen  leichten  Stoss  in  den  Rücken,  so  dass  er 
einknickte  und  auf  die  Knie  hinfiel;  der  Fall  war  nicht  der 
Rede  werth,  und  weil  der  Gefallene,  ein  rüstiger  Dreissiger 
und  tüchtiger  Trinker,  nicht  gleich  aufstand,  trieb  der  An- 
dre den  Scherz  weiter,  und  versetzte  ihm  einige  Hiebe. 
Sehr  bald  jedoch  fand  er  es  für  besser,  einen  Arzt  zu 
holen,  da  Patient  die  rechte  Unterextremität  nicht  ansetzen 
konnte.  Der  Schenkelhalsbruch  war,  als  ich  den  Schmidt 
untersuchte,  leicht  zu  erkennen;  der  Kranke  ward  ins  Spi- 
tal getragen  und  der  Verband  auf  der  gesunden  Seite  an- 
gelegt, unten  mit  einem  Queerbrett  zur  Ausdehnung  der 
kranken  Extremität.  Da  ihm  aller  Branntwein  entzogen 
war,  bekam  er  nach  3 Tagen  das  Delirium  trem.,  was  ich 
schon  öfter  nach  Verwundungen  habe  eintreten  sehn,  wenn 
dem  Patienten  aller  Genuss  von  Spirituosen  entzogen  ist; 
und  zwar  war  dies  Delirium  so  heftig,  wie  ich  es  selten 
gesehn  habe;  der  Verband  war  in  keiner  Weise  zu  erbal- 


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ten,  weshalb  ich  ein  gut  gearbeitetes  Planum,  inclinatum 
vorzog,  worauf  die  beiden  Beine  des  Patienten  feslge- 
schnallt  und  er  selbst  in  einer  Zwangsjacke  auf  das  Bett 
festgebunden  ward.  Erst  nach  17  Tagen,  in  welchen  Pat. 
kein  Auge  zugethan  und  keine  Nahrung  zu  sich  genommen 
hatte,  ward  er  beim  Gebrauch  von  Laudanum  und  kohlen- 
saurem Ammonium  ruhig  und  schlief  gut.  Doch  war  er 
im  höchsten  Grade  matt;  indessen  ging  die  Heilung  jetzt 
ungestört  weiter,  und  am  10.  Nov.  ging  Pat.,  nachdem  er 
schon  vorher  Gehversuche  gemacht  hatte,  aus  dem  Hospi- 
tal;' die  Verkürzung  des  Beins  betrug  kaum  \ Zoll. 

Bei  dem  Kniescheibenbruch  eines  Franzosen,  der  am 
21.  Januar  in  die  Station  getragen  ward,  war  es  merkwür- 
dig, dass  die  beiden  durch  einen  Queerspalt  getrennten 
Hälften  sich  nicht  von  einander  entfernten ; sie  Hessen  sich 
unter  deutlicher  Crepitation,  wenn  auch  nur  wenig  gegen 
einander  hin  und  herreiben.  Dieser  seltsame  Umstand  kam 
beim  Verband  sehr  zu  Statten;  als  Pat.  Ende  März  die  An- 
stalt verliess,  war  keine  Spur  eine  Deformität  vorhanden. 

Drei  Patienten,  welche  mit  kürzlich  entstandnen  leicht 
reponiblen  Brüchen  sich  einstellten,  wurden  mit  Bruch- 
bändern entlassen.  Ein  vierter  Patient,  ein  Italiener,  kam  mit 
einem  eben  erst  eingeklemmten  Inguinalbruch;  alle  möglichen 
Versuche,  ihn  zurückzubringen,  waren  vergebens;  selbst 
das  Ueberhängen  der  Beine  des  Patienten  über  meine 
Schultern,  mit  dem  Repositionsversuch,  was  mir  schon 
manchmal  gute  Dienste  gethan  hat,  war  vergeblich.  Der 
Leib  war  wenig  schmerzhaft,  und  noch  kein  einziges  Ge- 
fahr drohendes  Symptom  vorhanden;  ich  verordnete  einen 
starken  Aderlass  und  ein  kräftiges  Tabacksklystir.  Wenig 
Stunden  darauf  ging  ich  wieder  ins  Spital  mit  dem  festen 
Entschluss,  die  Operation  vorzunehmen,  wenn  die  Reposition 
nicht  gelänge;  denn  nur  zu  oft  haben  wir  es  in  den  hie- 
sigen chirurgischen  Sälen  erlebt,  dass  das  Abwarten  oder 
Wiederholen  der  Repositionsversuche  ein  sehr  schlechtes 
Manöver  ist,  und  eigentlich  bei  einem  ersteingeklemmten 
Bruch  die  Operation  selten  zu  früh,  sehr  häufig  aber  zu 


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spät  gemacht  wird;  Ersteres  ist  selten  gefährlich,  Letzteres 
fast  immer  tödtlich.  Bei  meinem  Patienten  hatte  diesmal 
das  Tabackskiystir  geholfen;  unter  heftigem  Reissen  in  den 
Eingeweiden  hatte  sich  die  Bruchschlinge  von  selbst  zu- 
rückgezogen, und  mehrere  Stühle  stellten  sich  ein.  Einige 
leicht  narcotische  Erscheinungen,  die  übrigens  auch  wohl 
von  den  copiösen,  rasch  hinter  einander  folgenden  Stühlen 
und  von  der  langen  Angst  des  Patienten  herstammen  konn- 
ten, verloren  sich  nach  einer  ruhig  durchschlafenen  Nacht, 
und  nach  wenig  Tagen  ging  Patient  fort. 

Ueber  eine  Reihe  von  Tripperkranken,  Krätzi- 
gen, Leuten  mit  Furunkeln  u.  s.  w.  bemerke  ich  weiter 
nichts.  Ganz  kürzlich  ist  es  mir  geglückt,  bei  einem  Kinde 
die  Krätzmilbe  aufzufinden;  ich  habe  12  — 16  Exemplare, 
deren  Untersuchung  ich  noch  nicht  vorgenommen  habe. 

Eben  so  wenig  sage  ich  über  mehrere  Wassersüch- 
tige, die  mir  in  elendem  Zustand  zugeschickt  waren  und 
bald  nach  ihrem  Eintritt  starben. 

Sechs  Fälle  von  Harnröhrenstricturen,  zum  Theil 
mit  Urinfisteln,  verliessen  mehr  oder  wenig  gebessert  die 
Anstalt,  indem  die  Patienten,  sobald  sie  sich  besser  fühlten, 
auf  ihre  Entlassung  drangen.  Von  allen  Hospitalpatienten 
sind  diese  die  mühsamsten  und  undankbarsten. 

Hydrocelen  kamen  nur  2 Mal  vor,  was  sehr  wenig 
ist  bei  der  Frequenz  derselben  in  unsrer  Gegend.  Doch 
entziehn  sich  die  Leute  aus  der  niedern  Volksklasse  meist 
der  Operation  und  sehn  die  Geschwulst  als  ein  nothwendi- 
ges  Uebel  an.  Injectionen  mit  Wasser  und  Jodtinctur  be- 
wirkten , so  wie  in  allen  Fällen , auch  in  den  beiden  ge- 
nannten die  Heilung,  die  um  so  sichrer  zu  hoffen  ist,  wenn 
bald  nach  der  Operation  sich  eine  mässige  Orchitis  ein- 
stellt. — Ausserdem  kamen  noch  4 Fälle  von  Hodenent- 
zündung vor,  die  durch  Leinsaamenmehlcataplasmen  zer- 
theilt  wurden.  Eine  Anzahl  von  Abscessen  bot  nichts  Be- 
merkenswerthes  dar.  Eine  Mastdarmfistel  ward  durch 
Operation  geheilt. 

Von  Erysipelen  der  Extremitäten  kamen  vier  Fälle 


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vor,  bei  denen  das  Uebei  mit  Zertheiiung  endigte;  zwei 
andre  Patienten  litten  dagegen  schon  an  completer  Ele- 
phantiasis; der  Eine,  ein  alter  Portugiese,  ward  mir  aus 
einer  andern  Krankenabtheilung,  an  Durchfall  leidend,  zu- 
geschickt; seine  dicken,  harten  Beine  waren  zugleich  mit 
Ulcerationen  bedeckt,  und  verbreiteten  einen  unerträglichen 
Geruch.  Eigenthümlich  war  bei  der  rasch  zunehmenden 
Abmagerung  des  Patienten,  dass  dennoch  die  elephantischen 
Beine  nur  ganz  unmerklich  dünner  wurden;  eine  Resorp- 
tion schien  dort  gar  nicht  Statt  zu  finden.  Nach  3 Wochen 
starb  Pat.  an  Entkräftung.  Der  andre  an  Elephantiasis  Lei- 
dende war  ein  landstreichender  Preusse,  dessen  Beine, 
zwar  bis  zum  Knie  verdickt,  aber  auf  der  Haut  noch  keine 
Ulcerationen  zeigten.  Jodkali  innerlich  und  in  Salbenform 
äusserlich  besserten  den  Patienten  in  14  Tagen  bedeutend, 
doch  blieb  die  Haut  lederartig  verdickt.  Der  Hodensack 
war  ganz  gesund. 

Augenübel  kamen  mit  Ausnahme  von  Contusionen 
und  leichten  variolösen  Entzündungen  wenig  vor.  Ich  be- 
handelte einige  leichte  catarrhale  Augenentzündungen,  eine 
rheumatische,  sehr  hartnäckige  und  schmerzhafte,  und  zwei 
Irisentzündungen  mit  Syphilis  vergesellschaftet;  wenigstens 
litten  beide  Subjecte  an  Syphilis!  Ich  will  gern  bei  dieser 
Gelegenheit  gestehn,  dass  ich  noch  nicht  in  die  ungemein 
genau  und  gewiss  höchst  scharfsinnig  aufgestellten  Iritis- 
diagnosen sJmmons  habe  eindringen  können.  — Ein  schwar- 
zer Matrose  von  einem  Amerikanischen  SchifTe,  der  an  ei- 
nem Tripper  litt,  bekam  eine  höchst  intensive  Entzündung 
der  Conjuncliva,  mit  starkem  Thränenfluss  und  ausseror- 
dentlicher Lichtscheu.  Allgemeine  und  örtliche  Blutentzie- 
hungen, kräftige  Purganzen,  Salpeter  innerlich,  eine  spa- 
nische Fliege  im  Nacken  und  essigsaurcs  Blei  in  Wasser 
zum  Waschen  minderten  schnell  die  Heftigkeit  der  Entzün- 
dung; Patient  nahm  dann  Cubeben;  seine  Augen  behielten 
aber  eine  starke  Empfindlichkeit  gegen  alles  helle  Licht.— 
Ein  junger  englischer  Malrose  von  scrophulösem  Habitus 
dagegen,  der  seit  einigen  Wochen  an  Tripper,  und  seit  5 


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Tagen  bei  seinem  Eintritt  an  Gonorrhöe  der  Augen  litt, 
hatte  eine  so  heftige  Inflammation  des  Bulbus,  dass,  als 
nach  energischer  Antiphlogose  die  Entzündung  nachliess, 
die  Cornea  auf  beiden  Augen  gänzlich  aiterirt,  mit  Gefäs- 
sen  überzogen,  grauweiss  gefleckt  war,  und  weiter  nichts 
als  eine  vage  Lichtempfindung  übrig  blieb.  Obwohl  er  im 
April  schon  eingetreten  war,  blieb  er  dennoch  am  Ende 
Juni  in  Rückstand. 

Mit  Uebergehung  andrer  Einzelheiten  .will  ich  nun 
noch  zum  Schluss  Einiges  über  2 Fälle  von  Tetanus  sagen, 
die  im  verflossenen  Jahre  vorkamen.  Der  Tetanus  ist  ge- 
wiss eine  der  furchtbarsten  Krankheiten,  die  es  giebt;  ich 
kenne  kaum  eine  zweite,  die  ihren  Mann  so  sicher  zu 
Boden  wirft,  wie  diese;  denn  die  Fälle  von  glücklicher 
Heilung,  die  publicirt  worden  sind,  sind  sehr  selten  neben 
den  mit  Tod  endenden  Fällen,  die  nicht  in  Druck  gegeben 
werden.  Ich  hatte  bis  zum  September  vorigen  Jahres  etwa 
20  Fälle  der  Art  zu  behandeln  gehabt,  und  nach  und  nach 
alle  die  am  meisten  gepriesenen  Mittel  successive  ange- 
wandt, ohne  auch  nur  einen  einzigen  Patienten  gerettet  zu 
haben.  Da  begegnete  mir  im  genannten  Monate  in  meiner 
Stadtpraxis  folgender  interessante  Fall. 

Eine  robuste  schwarze  Köchin  bekam  mit  einem  Stück 
Holz  einen  Schlag  auf  den  linken  Arm,  wodurch  dicht  an 
der  untern  Sehne  des  Biceps  eine  kleine  Hautwunde  ent- 
stand. Diese  ward  nicht  weiter  beachtet,  und  die  Negerin 
arbeitete  noch  4 Tage  vor  dem  Feuerheerde.  Jetzt  bekam 
sie  Ziehen  im  Arme , den  sie  nicht  ganz  mehr  strecken 
konnte,  Ziehen  im  Nacken  und  im  Schlunde,  der  Mund 
konnte  nur  halb  so  weit  wie  im  gesunden  Zustande  geöff- 
net werden,  bei  raschen  Bewegungen,  bei  starkem  Ge- 
räusch stellte  sich  Opisthotonus  ein,  der  Anfangs  nur  ge- 
linde war,  sich  aber  in  den  nächsten  2 Tagen  bedeutender 
entwickelte.  So  ward  ich  hinzugerufen  und  bei  der  Hef- 
tigkeit des  Uebels  musste  ich  eine  schlimme  Prognose  stel- 
len, wenngleich  ein  minder  acuter  Verlauf  des  Tetanus  in 
diesem  Falle  als  in  «dien  bisher  von  mir  erlebten  unver- 


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kennbar  war,  und  einige  Hoffnung  zur  Genesung  aufsteigen 
Hess.  Schröpfköpfe  längs  der  Wirbelsäule,  starke  Queck- 
silbcrsalbecinreibungen,  bedeutende  Gaben  Laudanum  in 
steigender  Gabe  innerlich,  Klystire  aus  Taback  u.  s.  w. 
verlangsamten  den  Verlauf  etwas,  doch  ward  die  Muskel- 
rigidität immer  heftiger.  Grosse  Gaben  starken  Brannt- 
weins, den  man  häufig  hier  beim  Tetanus  anwendet,  mach- 
ten eben  so  wenig  Wirkung;  ein  noch  hinzugerufener  Arzt 
gab  die  Patientin  gradezu  auf.  Da  war  es  mir  auffallend, 
wie  Patientin  im  Augenblick  einer  Remission,  als  man  ihr 
etwas  Wasser  aus  einem  weissen  glänzenden  Gefass  in  den 
Mund  flössen  wollte,  vor  demselben  zurückschauderte  und 
eine  complete  Hydrophobie  zeigte,  welche  sich,  als  man 
ein  schwarzes,  mattes  Gefass  nahm,  nicht  einstellte.  Dies 
brachte  mich  auf  den  Gedanken,  einen  Versuch  mit  der 
Belladonna  zu  machen;  Pat.  erhielt  4 Gr.  der  gepulverten 
Wurzel  2 Mal  täglich,  am  folgenden  Tage  8 Gr.,  am  drit- 
ten 10  Gr.,  worauf  sich  starke  Belladonnazufalle  einstellten. 
Zugleich  war  in  die  Nähe  der  in  einem  sehr  kleinen  ab- 
gelegenen Zimmer  sich  aufhaitenden  Negerin  ein  flaches 
breites  Gefass  mit  heissem  Wasser  gestellt,  wodurch  der 
während  der  ganzen  Krankheit  stark  abgesonderte  Schweiss 
noch  viel  heftiger  herabfloss.  Im  selben  Maassc  als  die 
narcotischen  Wirkungen  der  Jtropa  sich  entwickelten,  Hes- 
sen die  tetanischen  Zufälle  nach  und  gingen  in  derselben 
Weise  langsam  wieder  fort,  wie  sie  sich  entwickelt  hatten, 
so  dass  der  zuerst  ergriffne  Arm  am  längsten  von  der  te- 
tanischen Spannung  litt.  Die  ganze  Krankheit  dauerte  22 
Tage.  Der  oben  erwähnte  Arzt,  ein  ausgezeichneter  Prac- 
tiker  und  rühmlich  bekannt  als  Botaniker,  Dr.  lldefonso  Go- 
mes,  hielt  den  Fall  für  höchst  interessant,  da  er  bei  der 
bedeutenden  Entwicklung  der  Krankheit  keine  Rettung  der 
Patientin  zuzulassen  schien.  — Der  folgende  Fall  von  trau- 
matischem Tetanus,  der  mir  begegnete,  endigte  bei  glei- 
cher Behandlung  mit  dem  Tode.  — Der  dritte  Patient  war 
einer  der  beiden  Hospitalfalle : Ein  Portugiese  von  etwa  30 
Jahren,  etwas  kachectisch  aussehend,  hatte  in  Folge  einer 


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kleinen  Verletzung  am  Knöchel  des  einen  Fusses  den  Wund- 
starrkrampf bekommen.  Wenigstens  schien  diese  Verlet- 
zung die  nächste  Ursache  zu  sein ; doch  war  Pat.  ein  Her- 
umtreiber, hatte  im  Essen  und  noch  mehr  im  Trinken  aus- 
geschweift, und  sich  dann  bedeutendem  Regenwetter  aus- 
gesetzt. Der  Tetanus  war  schon  in  bedeutendem  Grade 
entwickelt,  doch  konnte  Pat.  den  Mund  noch  mit  ziemlicher 
Leichtigkeit  öfTnen. 

Beim  Vorwalten  des  Saburralzustandes  ward  dem  Pa- 
tienten Brechweinstein  in  wiederholten  Gaben  gereicht, 
wodurch  Entleerungen  nach  oben  und  unten,  und  reichliche 
Diaphorese  bewirkt  wurden.  Zu  gleicher  Zeit  ward  eine 
Reihe  von  Schröpf  köpfen  zu  beiden  Seiten  der  Wirbelsäule 
gesetzt  und  zweistündlich  eine  Einreibung  der  grauen  Salbe 
mit  Belladonnaextract  gemacht.  Am  folgenden  Tage  ver- 
ordnete  ich  das  Laudanum  ( 3 ß für  24  Stunden)  um  ganz 
in  der  Weise  des  ersten  Falls  zur  Belladonna  überzugehn. 
Am  dritten  Tage  jedoch,  ehe  meine  Verordnung  ausgeführt 
werden  konnte,  starb  der  Kranke;  seine  Krankheit  hatte  im 
Ganzen  5 Tage  gedauert.  Fast  alle  Fälle  von  Tetanus,  die 
tödtlich  enden,  gehn  hier  in  Rio  nicht  über  den  fünften 
Tag  hinaus. 

Langsamer  verlief  der  rheumatische  Tetanus  bei  dem 
letzten  Patienten,  einem  rüstigen  Neger.  Derselbe  kam  am 
6.  Decbr.  ins  Spital,  litt  an  Schmerzen  in  allen  Gelenken 
und  einer  lästigen  Steifheit  der  Wirbelsäule,  so  dass  er 
sich  nur  mit  grosser  Mühe  im  Bett  herumdrehte.  Ich  konnte 
den  Fall  nur  für  ausgedehnten  Rheumatismus  halten,  und 
verordncle  dem  Patienten  Colchicumwein  mit  Aconitextract. 
Doch  schon  am  nächsten  Tage  war  der  Tetanus  vollkom- 
men ausgebildet;  dem  Patienten  ward  ein  Aderlass  ge- 
macht und  Belladonna-  und  Quecksilbersalbe  in  den  Rücken 
eingerieben.  Innerlich  nahm  derselbe  in  6 Dosen  2 Scru- 
pel  Laudanum.  Am  folgenden  Tage  unveränderter  Zustand, 
Unterleib  verstopft;  i 3 Laudanum,  Klystir  aus  Tabacks- 
aufguss.  Am  dritten  Tage  keine  Besserung;  4 Gr.  Bella- 
donnawurzel in  Pulver,  Abends  dieselbe  Gabe.  Am  vierten 


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Tage  dieselbe  Behandlung.  Am  fünften  Tage  6 Gr.  Rad. 
BeUadormac,  Abends  dieselbe  Dosis.  Am  sechsten  Tage 
dieselbe  Behandlung;  das  Uebel  war  nicht  heftiger  gewor- 
den. Am  siebenten  und  achten  Tage  Morgens  und  Abends 
jedesmal  8 Gr.  Rad.  Beilad.  Am  neunten  Tage  10  Gr.; 
Abends  dieselbe  Dosis.  Am  zehnten  Tage  Belladonnaer- 
scheinungen: Pupille  in  hohem  Grade  erweitert,  Funken- 
sehn; die  Telanuszufälle  sind  in  bedeutendem  Grade  ver- 
mindert, die  Extremitäten  biegsam.  4 Gr.  Belladonna  2 Mal 
täglich;  nach  3 Tagen  wird  die  Belladonna  ganz  ausge- 
setzt. Am  28.  Decbr.  verlässt  Pat.  das  Hospital. 

Somit  glaube  ich  von  diesen  4 Tetanuspatienten,  von 
denen  nur  2 starben,  die  beiden  geretteten  ganz  besonders 
durch  starke  Bclladonnagaben  erhalten  zu  haben.  Gewiss 
verdient  das  Mittel,  dass  es  öfter  beim  Tetanus  angewandt 
werde,  indem,  wie  ich  schon  bemerkte,  der  Tetanus  viel 
gefährlicher  ist,  als  man  nach  statistischen  Angaben  schlies- 
sen  möchte,  indem  manche  geheilte  Fälle  zur  Oeffentlich- 
keit  gelangten,  aber  eine  Unzahl  von  Todesfällen  nie  pu- 
blicirt  wurden. 


Vermischtes. 


1.  Herpes  zoster  des  ersten  und  zweiten  Lenden- 
nerven der  rechten  Seite. 

Als  ich  in  den  Michaelisferien  1845  meine  Bemerkun- 
gen über  das  Vorkommen  des  Zosters  für  diese  Blätter 
niederschrieb,  bemerkte  ich,  dass  ich  merkwürdige  Formen 
dieser  Krankheit  an  den  Extremitäten,  und  offenbar  nach 
dem  Verlaufe  der  Hautnerven  der  Extremitäten  noch  nicht 
selbst  gesehn  hätte.  Es  erging  mir  wie  schon  manchmal, 
bald  darauf  sollte  ich  eine  recht  merkwürdige  Form  dieser 
Art  sehn.  Es  kamen  seit  jener  Zeit  in  der  klinischen  An- 
stalt 4 Fälle  von  Zoster  vor,  3 in  den  gewöhnlichen  For- 
men am  Rumpfe;  der  vierte  Fall  aber  ist  folgender: 


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Johannes  Leng  aus  Marburg,  Schneidergeselle,  19  Jahre 
alt,  erschien  am  29.  März  in  der  Klinik  und  klagte,  er 
habe  seit  etwa  8 bis  10  Tagen  einen  Ausschlag,  der  nach 
und  nach  ausgebrochen  sei,  den  er  Anfangs  nicht  beachtet 
habe;  allein  er  verursache  ihm  jetzt  ein  unerträgliches 
Prickeln,  welches  ihn  Nachts  nicht  schlafen  lasse. 

Vorn  am  Unterleibe  erschienen  von  der  Gegend  der 
äussern  Oeffnung  des  Canalis  inguinalis  bis  zur  Mittellinie 
am  Mons  veneris  ö bis  8 Gruppen  von  Herpesbläschen  auf 
leicht  rothem  Grunde,  die  sich  unverkennbar  als  Zoster- 
bläschcn  zeigten;  ausserhalb  dieser  Stelle,  von  der  Mün- 
dung des  Canalis  inguinalis  bis  über  die  Spina  anterior  sup. 
des  Hüflbeinkainms  ist  von  vorn  auch  nicht  eine  Spur  von 
Rothe  oder  Bläschen  zu  erkennen;  ohne  dass  er  weiter 
klagte , drehte  ich  aber  den  Kranken  auf  der  Stelle  um, 
und  siehe  da,  dieselbe  Erscheinung  zeigte  sich  von  der 
Mittellinie  am  Heiligbein  längs  des  Hüftbeinkamms  bis  un- 
gefähr J hinter  der  Spin,  antcr.  sup.  der  Crista  oss.  il., 
und  abwärts  bis  gegen  das  Ende  der  Glutäen;  auf  diesem 
Raume  stehn  dieselben  Herpesbläschen  in  Gruppen  auf  ro- 
them Boden. 

Wem  nun  die  Ausbreitung  der  Hautnerven  gegen- 
wärtig ist,  oder  wer  gute  Abbildungen  zu  Hülfe  nehmen 
will  (.Stean,  Bock  u.  s.  w.)  wird  sich  die  Erscheinung  so- 
gleich erklären:  Der  vordere  Theil  des  Zosters  entspricht 
vollkommen  der  Ausbreitung  des  Ramus  culaneus  nervi  ileo- 
hypo gastrici , der  hintere  Theil  eben  so  der  Ausbreitung 
des  Nervus  culaneus  glutaeus  superior  posterior.  Diese  bei- 
den Nerven  entstammen  aber  dem  Nervus  lumbalis  primus 
und  secundus',  dagegen  die  Haut,  welche  frei  von  Aus- 
schlag ist,  von  der  der  Mündung  des  Canalis  inguinalis  bis 
zum  zweiten  Dritthcil  des  Hüftbeinkamms,  wird  von  Dorsal- 
nerven versorgt. 

Am  10.  April  war  übrigens  der  ganze  Ausschlag  ab- 
getrocknet und  alle  Schmerzen  verschwunden;  die  Krank- 
heit hat  also  nur  3 — 4 Wochen  gedauert.  Der  Kranke  hatte 
nur  etwas  Fulvis  Doweri  Abends  erhalten. 


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Ich  habe  dies  Mal  nicht  ohne  Absicht  den  Ausdruck 
Herpes  Zoster  gebraucht,  denn  eine  aufmerksame  Beob- 
achtung mehrerer  achter  Herpesformen,  namentlich  Herpes 
ememnatus , hat  mir  den  Verdacht  rege  gemacht,  dass  die 
Aehnlichkeit  dieser  Krankheiten  vielleicht  nicht  bloss  eine 
äussere  formelle,  sondern  auch  eine  entsprechende  innere 
sein  möchte. 

Marburg.  Geh.  Med. -Rath  Prof.  Dr.  Heusinger. 


2.  Künstliche  Magenfistel. 

Sedillot  macht  den  Vorschlag  zu  einer  neuen  Opera- 
tion für  die  Fälle,  in  denen  der  Uebergang  der  Speisen  in 
den  Magen  auf  dem  natürlichen  Wege  durchaus  verhin- 
dert ist,  und  der  Kranke  mit  einem  unvermeidlichen  Tode 
bedroht  wird.  Diese  Operation,  die  er  „Gastrotomie  fistu- 
leuse"  nennt,  besteht,  wie  der  Name  andeutet,  in  der  Bil- 
dung einer  künstlichen  Magenßstel.  Er  gründet  die  Aus- 
führbarkeit dieser  Operation:  1)  auf  durch  Zufall  entstandne 
MagenOsteln,  bei  denen  das  Leben  erhalten  wurde  und  die 
Kranken  nach  Willkühr  die  Fistel  mit  Charpie  schliessen 
konnten;  2)  auf  Versuche  bei  Hunden,  bei  denen  die  Ope- 
ration vollkommen  glückte,  und  die  bei  der  künstlichen 
Fütterung  sehr  gesund  blieben.  ( Compte t rendus  de  l'acad. 
des  Sciences,  Juillet  1846.) 

Lingen.  Dr.  van  Nets. 


^ Für  diese  Wochenschrift  passende  Beiträge  werden  nach 

dem  Abschlüsse  jedes  Jahrgangs,  auch  auf  Verlangen  gleich 
nach  dem  Abdruck , anständig  honorirt,  und  eingesandte 
Bücher,  wie  bisher,  entweder  in  kürzern  Anzeigen  oder  in 
ausführlichen  Reccnsionen,  sogleich  zur  Kenntniss  der  Le- 
ser gebracht.  Alles  Einzusendende  erbittet  sich  der  Her- 
ausgeber nur  portofrei  durch  die  Post,  oder  durch  den 
Weg  des  Buchhandels. 


Gedruckt  bei  J.  Petach. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3|  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämintliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hirtchicald. 


7.  Berlin,  den  12 ,e*  Februar  1848. 


Gerichtliche  Leichenöffnungen.  Erstes  Hundert.  Von  Casper.  (Forts.)  — 
Notizen  aus  der  Praxis.  Von  Dr.  Schweich-  (Schluss)  (Quer- 
bruch der  Tibia  nach  zwölf  Tagen  geheilt.  7-  Palliativoperation  -Jtf' 
der  Uydrocele.  — Geschichte  einer  Geburt.  Anwendung  der 
Kopfzangc  nach  Excerebration. — Epidemischer  Abortus.)  — Kri- 
tischer Anzeiger. 


Gerich  tlic  h e L eichen  Öffnungen. 

Eratea  Hundert. 

Ausgeführt  und  analysirt 

von  Casper. 


(Erster  Artikel.) 

( Fortsetzung. ). 

iß)  Ein  junger  Bösewicht,  dessen  unheimliche  Phy- 
siognomie ich  nicht  vergessen  habe,  ermordete  seinen  32 
Jahre  alten  Lehrherrn,  während  dieser  schlief,  mit  zwei- 
unddreissig  in  wüthiger  Hast  folgenden^  Messerstichen! 
Lungenwunden  waren  die  eigentliche  Todesursache  ge- 
worden. Im  obern  Lappen  der  rechten  Lunge  fand  sich 
eine  | Zoll  lange  Wunde,  eine  zweite  “ Zoll  lange  nicht 
weit  davon  entfernt,  und  zwei  Quart  Blut  waren  in  diesem 
Cavum  pleurae  ergossen.  Unter  dem  linken  Schlüsselbein 
Jahrgang  1848.  7 


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ergab  sich  eine  \ Zoll  lange,  weitklaffende  Wunde  der 
Pleura  mit  sugillirten  Hindern,  und  eine  wenig  tief  in  die 
Spitze  der  linken  Lunge  eindringende,  j Zoll  lange  Ver- 
letzung, aus  welcher  ein  halbes  Ouart  rothllüssiges  Blut 
ergossen  war.  Der  Herzbeutel  war  ' Zoll  lang  angestochen. 
Im  Wege  der  Gnade  wurde  die  erkannte  Todesstrafe  ge- 
gen den  jugendlichen  Verbrecher  in  Zuchthausstrafe  ge- 
mildert. ) 

17)  Eine  andre  Lungerwunde  lödtete  einen  vierzehn- 
jährigen Knaben,  der  von  seiner  erzürnten  Stiefmutter  ei- 
nen Messerstich  in  den  Rücken  bekommen  hatte,  worauf 
er  nach  sieben  Stunden  starb.  Im  linken  Pleurasack  fanden 
wir  vier  mcd.  Pfund  dunkelflüssigen,  einige  Coagula  ent- 
haltenden Blutes.  Der  Stich  war  anderthalb  Zoll  lang  in 
den  untern  Lappen  der  linken  Lunge  eingedrungen.  Mit 
Ausnahme  einer  doppelt  so  grossen  Milz  als  gewöhnlich, 
wie  man  sie  gewiss  nur  selten  in  diesem  Alter  findet  (viel- 
leicht Folge  hartnäckigen  Wechselfiebers?),  und  der  allge- 
meinen Blutleere  im  Körper,  an  welcher  jedoch  das  Gehirn 
und  die  sinus  keinen  Theil  nahmen,  war  der  übrige  Be- 
fund der  normale. 

18)  Eine  34  jährige  Frau  wurde  augenblicklich  durch 
eine  Herzwunde  getödtet,  die  ihr  mit  einem  scharf  ge- 
schliffenen , dreikantigen  Instrumente  beigebracht  worden 
war,  das  den  linken  Ventrikel  ganz  durchbohrt  hatte.  Aus- 
serdem fanden  sich  der  vordere  Rand  der  linken  Lunge 
eingestochen  und  das  Zworchfell  durchbohrt.  Auffallend 
war  eine  Einklemmung  der  Zunge  zwischen  die  Zähne,  die 
man  beim  Verblutungslod  nicht  hätte  erwarten  sollen.  Wir 
werden  auf  den  Werth  dieses  Zeichens  als  gerichtlichen 
Seelionsbefund  noch  unten  zurückkommen. 

19)  Einer  der  allerseltensten  Leichenbefunde  ist  ge- 
wiss ein  ganz  abgerissenes  Herz!  Ein  24 jähriger 
Glashändler  fuhr  in  strenger  Winterkälte  Nachts  die  An- 
höhe von  Spandau  mit  einem  schwer  mit  Glaskislen  bela- 
denen Wagen  hinab,  und  war  abgestiegen,  um  die  Pferde 
besser  leiten  zu  können.  Der  Wagen  kam  aber  in’s  Rollen 


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und  der  Unglückliche  wurde,  unstreitig  mit  grösster  Ge- 
walt, gegen  eine  Pappel  der  Chaussee  geschleudert,  an 
welcher  man  ihn  noch  in  derselben  Nacht,  da  der  leer  in 
Charlottenburg  einfahrendc  Wagen  sogleich  Nachsuchung 
veranlasst  batte,  todt  liegend  fand.  Bei  den  allergrössten 
innern  Beschädigungen  fand  sich  auch  hier  wieder  bei  der 
äussem  Besichtigung  der  Leiche — Nichts  als  eine  kleino 
Hautabschilferung  auf  dem  rechten  Jochbogen,  und  eine 
eben  solche  auf  dem  linken  Oberarm.  Wer  hätte  den  in- 
nern Befund  ahnen  sollen!  Am  und  im  Kopfe  fand  sich 
nichts  Bemerkenswerthes , nur  dass  der  stnus  transvrrstu 
„mehr  als  gewöhnlich  blutreich”  war.  Beim  Oeffnen  des 
Rückenmarkes  am  Halse  floss  allinälig  ein  Quart  dunkelflüs- 
sigen Blutes  aus  dem  Canal  hervor.  Der  Proc,  sjrinosus 
des  ersten  Brustwirbels  war  ganz  abgebrochen,  und  lag 
lose  in  den  weichen  Theilen.  Die  Kückenmuskeln  waren 
in  der  Tiefe  in  der  ganzen  Rückenlänge  sugillirt,  die  Me- 
dulla  aber  war  unverletzt.  In  der  linken  Brust  fanden  sich 
dreissig  Unzen  dunkelflüssigen  Blutes,  und  es  fiel  sogleich 
auf,  dass  man  an  der  gewöhnlichen  Stelle  kein  Herz  sah, 
und  dasselbe  vielmehr  lose  ganz  nach  hinten  und  in  der 
Tiefe  gelagert  war!  Der  Herzbeutel  war  nämlich  in  seinem 
ganzen  Durchmesser  zerrissen.  Das  Herz  war  von  den 
grossen  Gefässen  ganz  und  gar  abgerissen,  so  dass  es  fast 
frei  in  der  Brusthöhle  lag.  Die  beiderseitigen  Endungen 
der  grossen  Gefässe,  namentlich  die  der  Pulmonararter.  und 
der  Aorta,  konnten  in  der  Brusthöhle  deutlich  verfolgt  wer- 
den. Das  Gewebe  des  Herzens  war  übrigens  fest  und  derb  und 
das  Herz  enthielt  in  beiden  Hälften,  namentlich  in  den  Ven- 
trikeln, noch  viel  dunkles,  coagulirtes  Blut.  Auch  die  linke 
Lunge  war  in  ihrem  mitüern  Einschnitt  fast  ganz  durchge- 
rissen, und  endlich  fanden  wir  im  rechten  Leberlappcn  noch 
einen  2 Zoll  langen,  £ Zoll  tiefen  Einriss!!  Und  Nichts 
äusserlich  an  der  Leiche  Wahrnehmbares!  *) 


*)  Mim  vergleiche  was  oben  (S.  6)  bei  Gelegenheit  der  lieber- 

gefahrnen  bemerkt  ist. 


7* 


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III.  Tödtliche  Schusswunden  gaben  unter  den  hier 
betrachteten  hundert  Fällen  dreimal  Veranlassung  zu  ge- 
richtlichen Leichenöffnungen.  Die  interessanteste,  und  zwar 
wieder  wegen  zweifelhaften  Mordes  oder  Selbstmordes,  be- 
traf folgenden  Fall. 

20)  Ein  48jähriger  Mann  wurde  im  Januar  bekleidet 
im  Wasser  todt  gefunden.  Sein  Rock  und  Ueberrock  wa- 
ren bis  an  den  Hals  zugeknöpft,  Kleider  und  Hemde 
unverletzt.  Man  zweifelte  nicht  einen  Ertrunkenen  vor  sich 
zu  haben,  und  begreiflich  ist  die  Ueberraschung  der  Poli- 
zeibeamten, die  nun  beim  Entkleiden  — eine  Schusswunde 
in  der  Herzgegend  fanden!  Bei  der  hierauf  verfügten  Ob- 
duction  ergab  sich,  dass  der  Schuss  in  die  Brust  einge- 
drungen war,  das  Zwerchfell  und  die  Milz  durchbohrt 
hatte,  und  an  der  Wirbelsäule  in  den  Muskeln  stecken  ge- 
blieben war.  Die  Lungen  waren  gesund  und  enthielten 
kein  Wasser,  die  Luftröhre  kaum  etwas  blutigen  Schaums, 
das  rechte  Herz  war  überfüllt,  das  linke  leer,  der  linke 
Pleurasack  enthielt  anderthalb  Tassen  Blut,  die  Zunge  war 
etwas  eingeklemmt.  Im  Kopfe  fand  sich  grosser  Blutan- 
drang in  den  Venen  und  tmut,  im  Magen  eine  Tasse 
schmutzig  braunen  Wassers,  im  Uebrigen  Alles  normal,  nur 
eine  ungewöhnliche  Obesität  am  ganzen  Leichnam.  Am 
frühen  Morgen  hatte  man  in  dem,  dem  Teiche  nahe  ste- 
henden Hause  die  Hunde  bellen  hören,  und  man  konnte 
von  einer,  vom  Teiche  nicht  sehr  entfernten  Stelle,  wo  der 
Schnee  mehr  aufgewühlt  war,  in  demselben  deutlich  Fuss- 
trittc  bis  zum  Teiche  verfolgen.  Die  Beurtheilung  des 
sehr  ungewöhnlichen  Falles  war,  wie  man  sieht,  nicht  ganz 
leicht.  Es  wurde  im  Gutachten  judicirt,  dass  die  Schuss- 
wunde (im  Sinne  der  ersten  Frage  des  § 169  C.  0.)  eine 
absolut  lethale  gewesen.  Diese  noth wendige  Tödtlichkeit 
sei  jedoch  keine  nothwendig  augenblickliche  gewesen,  und 
der  Geschossene  habe  damit  füglich  noch  einige  Schritte 
bis  zum  nahen  Wasser  gehen  können,  und  hier  bald  seinen 
Tod  gefunden,  wie  wenigstens  mehrere,  im  Leichnam  ge- 
fundne  Zeichen  des  Ertrinkungstodes  bewiesen.  Was  die 


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Frage  von  der  Thäterschaft  beträfe,  so  müsse  Selbstmord 
angenommen  werden,  da  nur  so,  in  Betracht  der  Möglich- 
keit eines,  noch  kurze  Zeit  fortdauernden  Lebens  mit  Be- 
sinnung nach  dem  Schüsse,  der  Befund  der  ganz  zuge- 
knöpften Kleidungsstücke  zu  erklären  sei.  Ein  Mörder 
hätte,  da  Kleider  und  Hemde  unverletzt  waren,  den  dena- 
tu*  nackt  vor  sich  haben  müssen,  und  dann  sei  wieder  die 
volle  Bekleidung  in  der  die  Leiche  gefunden  worden,  fast 
unerklärlich.  Endlich  spräche  auch  der  Umstand,  dass  der 
Tod,  noch  bevor  die  tödtliche  Schusswunde  ihre  letzte 
Wirkung  geäussert,  durch  Ertrinken  erfolgt,  gegen  Mitwir- 
kung dritter  Thäter.  Dass  das  abgeschossene  Pistol  in  der 
Rocktasche  der  Leiche  gefunden  worden,  konnte  als  be- 
weisend nicht  erachtet  werden,  da  möglicherweise  auch 
ein  Mörder,  um  die  Vermuthung  eines  Selbstmordes  rege 
zu  machen,  dasselbe  absichtlich  hineingesteckt  und  zurück- 
gelassen haben  konnte.  Wohl  aber  sprächen  analoge  Fälle 
von  Selbstmördern  endlich  noch  für  unsre  Ansicht.  — Spä- 
ter wurde  ermittelt,  wer  der  bisher  Unbekannte  gewesen, 
(ein  fremder  Kaufmann,)  und  dann  durch  die  Umstände  un- 
ser Urtheil  durchaus  bestätigt. 

21)  Eine  andre  Schusswunde,  die  einen  38jährigen 
Wilddieb  getödtet  hatte,  halte  folgenden  Verlauf  genommen. 
Die  Kugel  war  in  die  linke  Hand  eingedrungen,  am  Radius 
herausgegangen  und  dann  in  die  linke  Schulter  eingedrun- 
gen. Sie  halte  die  erste  und  zweite  Rippe  zerschmettert, 
war  unterhalb  des  Schlüsselbeins,  ohne  dessen  Gefässe  zu 
treffen,  in  die  linke  Brusthöhle  eingedrungen,  hatte  die 
Spitze  der  linken  Lunge  zerrissen,  war  in  den  Körper  des 
dritten  Brustwirbels  eingedrungen,  hatte  die  vordere  Fläche 
des  Rückenmarkes  eingerissen  und  war  dann  wieder  aus- 
getreten und  in  den  Weichtheilen  des  Rückens  stecken  ge- 
blieben, wo  sie  in  der  Leiche  gefunden  wurde.  Die  Be- 
urtheilung  des  Falles  war  natürlich  leicht. 

22)  Eben  so  wenig  Schwierigkeit  bot  die  Beurtheilung 
einer  andern  Schusswunde  dar,  eines  Falles,  der  mehr  in 
psychologischer  Beziehung  als  in  chirurgisch  - forensischer 


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selten  und  bemerkenswert  war.  Der  Maurergeselle  Klebe 
lebte  mit  einer  Zuhälterin,  und  halle  Verdacht  gegen  sei- 
nen ältesten  (21  jährigen)  Sohn  aus  früherer  Ehe  geschöpft, 
dass  er  ihm  seine  Geliebte  zu  seinem  eignen  Besten  ab- 
wendig machen  wollte.  Er  beschloss  sieh  an  ihm  zu  rä- 
chen, und  beging  am  eignen  Sohne  einen  Mord  aus 
Eifersucht!!  Der  Augenblick  der  That  bot  eine  Scene 
dar,  wie  sio  die  ausschweifendste  Phantasie  kaum  ertinden 
mag.  Der  Sohn  schlief  mit  dem  jungem  Bruder,  einem 
kleinen  Knaben,  in  Einem  Belte,  und  hielt  denselben  zufäl- 
lig im  Schlafe  umschlungen.  Da  nähert  sich  in  der  Nacht 
der  Vater  seinen  schlafenden  Kindern,  eine  kleine  Lampe 
in  Einer,  ein  geladenes  Pistol  in  der  andern  Hand,  biegt 
sich  über  den  Knaben,  um  diesen  nicht  zu  verletzen,  hin- 
über, setzt  das  Pistol  dem  altern  Sohne  in  die  Lebergegend 
an,  drückt  los  und  tödtet  ihn  auf  der  Stelle!  — . Bei  der 
Section  fand  sich  die  Leber  so  zermalmt,  dass  nur  noch 
der  lob.  Spigel.  erhalten  war.  Die  ganze  übrige  Substanz 
mit  der  Gallenblase  war  in  einen  blutigen  Brei  verwandelt. 
Zwei  Pfund  dunkelflüssiges  Blut  lagen  frei  in  der  Bauch- 
höhle, Die  Kugel  war  von  der  Leber  aus  noch  in  die  Milz 
gedrungen,  hatte  diese  an  ihrem  innern  Bande  durchbohrt, 
und  war  dann  in  den  achten  Rückenwirbel  gegangen,  in 
welchem  sie  steckend  gefunden  wurde  — . Der  unnatür- 
liche Verbrecher,  der  später  im  Gefängniss  eine  grosse  • 
Zerknirschung  und  religiöse  Fassung  zeigte  (oder  erheu- 
chelte?), wurde  hingcrichlet. 

IV.  Durchdringende  Unterleibsverletzungon. 
Ausser  denjenigen,  die  schon  oben  erwähnt  wurden,  sind 
noch  folgende  Fälle  hervorzuheben. 

23)  Eine  Verletzung  des  Zwerchfells,  der  Leber  und 
des  Magens  durch  einen  Messerstich  lödtetc  nach  zwölf 
Stunden.  Die  äussern  und  innern  Ränder  der  Stichwunde 
fanden  sich  sugillirt.  Das  Diaphragma  war  in  seinem  mus- 
culösen  'l'heil,  dicht  neben  dem  sehnigen  Spiegel,  1 Zoll 
lang  eingeschnitten,  und  die  Ränder  dieser  Wunde  zeigten 
sich  sehr  stark  sugillirt.  Der  scharfe  Rand  des  linken  Le- 


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berlappens  war  § Zoll  lang  eingeschnitlen  und  in  der  vor- 
dem Fläche  des  Magens  fand  sich  eine  | Zoll  lange  Wunde. 
Sämm  Hiebe  Wundränder  waren  stark  sugillirt.  Eine  patho- 
logisch-anatomische Seltenheit  in  der  Leiche  bot  die  Schild- 
drüse dar.  In  der  rechten  Seite  fand  sich  nämlich  eine 
Wallnussgrosse  Verknöcherung,  die  eine  Höhle  umschloss, 
welche  theils  mit  Knochenstückchen,  theils  mit  Speckpar- 
tikeln  ausgefüllt  war,  also  eine  osleosteatomatöse  Kropfge- 
schwulst. 

24)  Endlich  schliesst  sich  an  die  vorbeschriebenen 
Fälle  ein  trauriger,  und  leiderl  in  Beziehung  auf  die  Mör- 
der ganz  unaufgeklärt  gebliebener  Fall  von  Darmverlet- 
zungen an.  Ein  (jSjühriger  Mann,  der  Abends  harmlos  in 
seinem  Stübcbca  am  Ofen  sass,  wurde  von  zwei  eindrin- 
genden Räubern  überfallen,  nach  seinem  Gelde  befragt,  und 
als  er  sich  zur  Wehre  setzte,  von  Einem  derselben  im 
Fliehen  mit  einem  Dolch  — für  ein  spitzes,  zweischneidi- 
ges Instrument  mussten  wir  nämlich  das  unaufgefundene 
Mordwerkzeug  erklären,  und  ein  solches,  ein  neuer  Dolch, 
wurde  auch  nach  Monaten  bei  einem  der  That  sehr  Ver- 
dächtigen, der  aber  nicht  überführt  werden  konnte,  aufge- 
fuodea  — in  den  Unterleib  gestochen.  Zwei  Stunden  spä- 
ter fand  ihn  ein  Arzt  bei  völligem  Bewusstsein,  mit  nor- 
malem Puls,  Neigung  zum  Erbrechen,  und  (bis  zu  seinem 
Tode)  über  heftige  Schmerzen  in  der  Magengegend 
klagend,  während  doch  die  Stichwunde  im  linken  Hyjtogas- 
trnm  war.  Die  Nacht  verging  sehr  unruhig.  Eine  Aus- 
leerung war  auf  keine  Weise  au  erzielen.  Früh  um  6 Uhr 
trat  Metcortsntus  ein,  der  Puls  wurde  fadenförmig,  und  un- 
ter fortwährenden  Wehklagen  und  Ohnmächten  erfolgte  der 
Tod  26  Stunden  nach  der  Verletzung.  — Es  fand  sich  das 
CWen  tfescendems  an  beiden  (vordem  und  hintern)  Wänden 
und  das  £ romanu #»  an  der  vordem  Wand  durch  Stich- 
SchniUwunden  von  i bis  £ Zoll  Länge  durchbohrt,  das  ganze 
Bauchfell  hochroth  entzündet,  und  zehn  Unzen  Blut  in  die 
Bauchhöhle  ergossen.  Wer  wollte  wohl  daran  zweifeln, 
dass  eine  solche  Verletzung  nothwendig  den  Tod  herbei- 


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fahren  musste?  Nichtsdestoweniger  muss  das  forensische 
Gutachten  bei  der  Herrschaft  der  drei  gesetzlichen  Fragen 
grosse  Umwege  und  unnütze  Ausführungen  machen,  um 
dem  Defensor  den  etwanigen  Einwand,  dass  Darmwunden 
an  sich  nicht  so  zu  nennende  absolut  lethale  Verletzungen 
seien,  abzuschneiden. 


V.  Noch  weit  mehr  tritt  diese  Schwierigkeit  ein,  noch 
weit  entscheidender  tritt  die  gänzliche  Verwerflichkeit  aller 
und  jeder  Annahme  von  Lcthalitätsgraden,  die  absolute  Un- 
haltbarkeit  der  drei  Fragen  des  § 169  Cr.  0.  hervor  in 
solchen  Fällen,  in  welchen  nach  beigebrachten  Verletzungen 
der  Tod  erst  nach  längerer  Krankheit,  nach  voran- 
gegangenen  chirurgischen  Operationen,  Trepanation,  Ampu- 
tation u.  s.  w.,  überhaupt  nach  Einwirkung  einer  langem 
Reihe  von  mitwirkenden  Zwischenursachen  erfolgt  war. 
Wie  diese  in  ihrer  Mannichfaltigkeit  gar  nicht  unter  be- 
stimmte allgemeine  Cathegorien  subsumirt  werden  können, 
wie  dabei  dor  verschiednen  ärztlichen  Ansicht  freier  Spiel- 
raum gegeben  ist,  so  ist  denn  auch  erklärlich,  was  die 
tägliche  Erfahrung  lehrt,  warum  in  solchen  Fällen  in  den 
drei  gesetzlichen  technischen  Instanzen,  Physicat,  Provinzial- 
Medicinal-Collegium  und  wissenschaftliche  Medicinal-Depu- 
tation  im  Ministerio,  nicht  selten  drei  ganz  verschieden  aus- 
laufende  Gutachten  erstattet  werden.  Wir  wiederholen,  dass 
wir  mit  Verlangen  dem  Erscheinen  des  neuen  Strafgesetz- 
buchs entgegenschn,  dessen  Entwurf,  den  neuern  gereinig- 
ten Ansichten  der  Strafrechts-  und  der  gerichtlichen  Arz- 
neiwissenschaft entsprechend,  die  alte  absurde  Lethalitäts- 
lehre  mit  Stumpf  und  Stil  ausrottet,  und  in  dessen 
$ 233.  Abschn.  I Tit.  XII  es  wörtlich  heisst: 

„der  Thatbestand  der  Tödtung  ist  als  vorhanden  an- 
zunehmen, ohne  Rücksicht  darauf,  ob  der  tödt— 
liehe  Erfolg  einer  Verletzung  durch  zeitige  und 
zweckmässige  Hülfe  hätte  verhindert  werden  kön- 
nen, oder  ob  eine  Verletzung  dieser  Art  in  andern 
Fällen  durch  Hülfe  der  Kunst  geheilt  worden,  im- 


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gleichen  ob  die  Verletzung  nur  wegen  der  eigen- 
thümiichen  Leibesbeschaffenheit  des  Getöd- 
teten,  oder  wegen  der  zufälligen  Umstände, 
unter  welchen  sie  zugefügt  wurde,  den  tödtlichen 
Erfolg  gehabt  hat”. 

Folgende  acht,  an  sich  zum  Theil  höchst  denkwürdige  Fälle 
würden,  bei  solchen  gesetzlichen  Bestimmungen,  der  Beur- 
teilung weniger  Schwierigkeiten  dargeboten  haben. 

25)  Durch  einen  Säbelhieb  war  das  rechte  Ellenbogen- 
gelenk eines  Mannes  getroffen  und  verletzt  worden.  Zwölf 
Stunden  nach  der  Verletzung  wurde  er  in  der  Charite  am- 
putirt.  Bald  nach  der  Amputation,  die  nach  dem  Charite- 
journal dringend  indicirt  war,  stellten  sich  fieberhaft- ent- 
zündliche Brustzufälle  ein,  und  vier  Wochen  nach  der  Ver- 
wundung starb  der  Kranke  an  exsudativer  Pleuritis.  Der 
Oberarmstumpf  war  7 Zoll  lang,  seine  Ränder  waren  theil— 
weis  vernarbt,  aber  zwischen  ihnen  noch  schlechter,  grau- 
grüner Eiter  befindlich.  Die  unterbundene  A.  brachialis  war 
einen  Zoll  lang  vollständig  obliterirt.  Den  rechten  Pleura- 
sack erfüllten  li  Quart  gelbgrünen,  flüssigen  Eiters,  und 
die  lederartig  compacte  Lunge  war  bis  auf  ein  Viertel  ih- 
res Volums  comprimirt.  Ihre  Substanz  war  bei  Einschnit- 
ten hellgrau,  ohne  blutigen  Schaum,  und  an  ihrer  Basis 
fanden  sich  zahlreiche,  zum  Theil  erweichte  Tuberkeln. 
Auch  im  linken  Pleurasack  schwammen  acht  Unzen  blutigen 
Wassers,  aber  die  linke  Lunge  war  gesund.  Dagegen  war 
der  ganze  rechte  Leberlappen  an  seiner  untern  Fläche 
durch  sinuose  Eitergänge  zerstört.  An  der  untern  Fläche 
des  linken  Leberlappens  fand  sich  ein  noch  geschlossener 
Abscess.  Auch  die  rechte  Niere  war  von  Eitergängen 
durchfurcht.  — Gewiss  war  die  ursprüngliche  Verletzung 
keine  absolut  lethale;  dennoch  ward  sie  Veranlassung  zur 
(kunstgerecht)  ausgeführten  Absetzung  des  Gliedes.  Diese 
ihrerseits  wurde  Gelegenheitsursache  zur  innern,  endlich 
tödtlichen  Krankheit,  und  so  standen  Verletzung  und  Tod 
allerdings  in  unläugbarem  Causalnexus,  der  aber  mit  dem 
Maassstabe  der  gesetzlichen  Lcthalitätsfragen  gar  nicht  zu 


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bemessen  war,  denn  es  bedarf,  bei  einer  richtigen  Würdi- 
gung derselben,  hier  keiner  weitern  Ausführung  darüber, 
dass  auch  die  Nothwendigkeit  des  Todes  grade  bei 
diesem  Individuum  keinesweges  bewiesen  werden  konnte. 
Ganz  ähnlich  in  Bezug  auf  die  Begutachtung  verhielt  sich 
26)  die  seltne,  bei  einem  Hljährigen  gesunden  Arbei- 
ter durch  Einsturz  einer  Mauer  verursachte  Verletzung,  wo- 
durch beide  coadyli  des  rechten  Oberschenkels  ganz  ab- 
gebrochen worden  waren.  Es  bildete  sich  eine  Verjauchung 
im  Kniegelenk  und  Brand  der  üussern  Wunde,  die  eine 
kunstgemüsse  Behandlung  weder  zu  verhüten,  noch  zu  hei- 
len vermochte,  und  der  Verletzte  starb  nach  3 Wochen. 

(Fortsetzung  folgt.) 


Notizen  ans  der  Praxis. 

Mitgetbcill 

von  Dr.  Heinrich  Schweich,  pract.  Arzte  zu  Kreuznach. 

(Schluss.  *) 

3.  Qucrhruch  der  Tibia  und  vollkommener  Ge- 
brauch des  Gliedes  nach  12  Tagen. 

Einem  40jährigen,  lebensfrischen  Feldwirthschafter  aus 
einem  benachbarten  Gebirgsdorfe , fiel  im  Mai  1844  ein 
Ochse,  weicher  vor  einen  Karren  gespannt  war,  durch  das 
Umschlagen  des  Letztem,  auf  den  Körper,  wodurch  er  mit 
Heftigkeit  zn  Boden  geworfen  wurde,  einen  Quorbruch  des 
rechten  Schienbeins  und  eine  starke  Quetschung  auf  dem 
äussern  Knöchel  desselben  Beins  erlitt.  2?  Stunden  nach 
dem  Vorfalto  war  ich  bei  dem  Beschädigten,  welche»  man 
auf  ein  Bett  gelagert  hatte.  Der  Querbruch  befand  sich  an 

•)  S.  Wo.  1 4.  h. 


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der  Berührungsstelle  des  untern  und  miolern  Drittheils  der 
Tibia;  die  Verschiebung  war  unbedeutend,  desto  deutlicher 
die  Beweglichkeit  und  Crepitation.  Auf  dem  Mallcolus  ex- 
tern us  war  eine  rothe,  etwas  flache  Geschwulst  von  der 
Grösse  einer  Kinderfaust.  Ich  legte  nach  vollkommener 
Coaptation  einen  provisorischon  Pappverband  an,  welcher 
die  Ansetzung  der  Blutegel  an  die  gequetschte,  so  wie  die 
Anwendung  der  kalten  Aufschläge  auf  die  Fracturstelle  und 
deren  Umgegend  nicht  hinderte.  Am  vierten  Tage  war 
die  ohnehin  unbedeutende,  entzündliche  Reaction  der  Weich- 
Iheile  so  weit  gesoh wunden,  dass  ich  einen  permanenten 
Pappverband  anlegen  konnte.  Zwei  Tage  darauf  besuchte 
ich  den  Kranken  zum  letzten  Male  und  14  Tago  später  las 
ich  in  einem  öffentlichen  Blatte  eine  mir  höchst  verdrüss- 
liche  Danksagung  des  Mannes  an  mich  „für  die  vollkommne 
Heilung  seines  Beinbruchs  in  dem  kurzen  Zeitraum  von  14 
Tagen”.  Der  Ungläubigste  der  Leser  war  ich  selbst.  Als 
ich  aber  einige  Tage  später  in  das  Dorf  kam  und  den 
Mann  besuchen  wollte,  war  er  aufs  Feld  gefahren;  die 
Frau  aber  versicherte  mir,  dass  er,  meiner  gebotnen  Frist 
von  ö Wochen  ungeachtet,  am  zwölften  Tago  den  gelun- 
genen Versuch  gemacht  habe,  an  einem  Stocke  im  Zimmer 
umherzugehn,  zwei  Tage  später  aber  bereits  ohne  Stock 
seinen  Geschäften  obliegen  konnte.  Am  25sten  Tage  be- 
suchte er  mich  selbst,  und  ich  fand  eine  1'"  breite  und 
etwa  i'"  dicke  Calluslagcrung  an  der  Bruchstelle. 

Der  Mann  war  nie  scrophulös  und  überhaupt  stets  so 
gesund,  dass  hieraus  auf  die  glücklichste  Anlage  zur  Cal- 
lusbildung  geschlossen  werden  darf,  welche  letztere  durch 
eine  möglichst  genaue  Coaptation  der  Bruchstücke  wohl 
noch  begünstigt  wurde.  Man  sieht  aber  aus  diesem  Falle, 
wie  gross  der  Werth  des  unzerbrochnen  Wadenbeines  bei 
einem  Bruche  des  Schienbeins  sein  kann;  denn  ohne  dessen 
Unterstützung  ist  ein  solcher  Fall  wohl  undenkbar. 


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108 


4.  Verschwinden  einer  Hydrocele  tunicac  propriae  tcstis 
nach  der  Palliativoperation. 

Ein  46jähriger  Deutscher,  welcher  durch  einen  viel- 
jährigen Aufenthalt  in  Paramaribo  eine  Hydrocele  erwor- 
ben hatte,  welche  dort  schon  sehr  oft  und  kurz  nach  sei- 
ner Rückkehr  nach  Deutschland  auch  bereits  in  einer  be- 
nachbarten Stadt  punclirt  worden  war,  ersuchte  mich  im 
Frühjahr  1840  um  die  Vollziehung  dieser  Operation,  welche 
ich  mit  einem  dünnen,  runden  Troikart  verrichtete.  Das 
dünnflüssige  Contenlum  war  ungefähr  zu  zwei  Drittheilen 
abgeflossen,  als  es  plötzlich  stockte  und  durch  keine  Mani- 
pulation mehr  zum  Fortgange  zu  bringen  war.  Der  hier- 
über verdrüssliche  Patient  bemerkte,  dass  die  Entleerung 
noch  nie  so  unvollständig  gewesen  sei.  Nach  einigen  Mo- 
naten war  aber  statt  der  erwarteten  Wiederkehr  vollstän- 
dige Heilung  eingetreten;  der  Rest  des  Serums  war  resor- 
birt,  und  eine  Rückkehr  des  Uebels  ist  nicht  mehr  erfolgt. 

Die  Punclion  der  Hydrocele  war  hier  wohl  nur  das 
einleitende  Moment  zur  Selbstheilung,  welche  dem  Wechsel 
des  Climas  beigemessen  werden  muss. 


5.  Geschichte  einer  Geburt,  bei  welcher  die 
zweite  Geburtsperiode  unmittelbar  in  die  vierte 
überging. 

Eine  Frau  von  24  Jahren,  init  ganz  normalem  Becken- 
bau, welche  früher  bereits  eine  regelmässige  Geburt  über- 
standen  hatte,  empfand  in  der  38sten  Schwangerschafts- 
woche Abends  um  8 Uhr  die  ersten  vorhersagenden  Wehen, 
welche  bis  um  Mitternacht  andauerten,  sodann  aber  gänz- 
lich aufhörten,  bis  sie  am  folgenden  Abend  um  9 Uhr  sich 
wieder  einzustellen  begannen.  Gegen  11  Uhr  zeigten  sich 
jetzt  die  Wirkungen  der  nun  schon  eintretenden  vorbe- 
reitenden Wehen  auf  den  Muttermund,  welcher  sich  auch 
sofort  nach  Massgabe  der  Stärke  und  Häufigkeit  der  Wehen 
erweiterte.  Um  halb  1 Uhr  war  der  Muttermund  bis  zur 


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109 


Grösse  von  3"  im  Durchmesser  erweitert  und  die  Blase 
ragte  während  der  Wehen  bereits  so  stark  in  die  Scheide, 
dass  man  die  baldige  Erfolgung  ihres  Sprunges  erwarten 
durfto.  Bei  der  innern  Untersuchung  zeigte  sich  aber  jetzt 
auch,  dass  die  rechte  Hand  neben  dem  in  der  ersten 
Schädellage  befindlichen  Kopfe  vorgefailen  war.  Um  nun 
den  bei  diesem  Sachverhältnisse  in  der  dritten  Geburlspe- 
riode  leichter  als  in  der  zweiten  erfolgenden,  vollkom- 
menen Vorfall  der  genannten  Extremität  thunlichst  zu  ver- 
hüten, suchte  ich  die  zweite  Geburlsperiode  auf  Kosten  der 
dritten  möglichst  zu  verlängern,  indem  ich  die  Ruptur  der 
Eihäute  durch  vollkommnc  Horizontallage  der  Gebärenden 
möglichst  zu  retardiren  suchte,  worauf  der  erwünschte  Er- 
folg augenblicklich  sich  einstellte,  indem  das  Fruchtwasser 
dergestalt  zurückfloss,  dass  sich  bei  allen  folgenden  Wehen 
die  Blase  nicht  mehr  stellte.  Es  kostete  der  Gebärenden 
keine  Ueberwindung,  meiner  Ermahnung  die  Wehen  nicht 
zu  verarbeiten,  Folge  zu  leisten.  Nach  zahlreichen  frucht- 
losen Wehen  rückte  der  Kopf,  einige  Zeit  nachher,  fast 
mit  jeder  Wehe,  wenn  auch  nur  unbedeutend  vorwärts; 
es  stellten  sich  die  sogenannten  Treibwehen  ein,  welche 
die  Gebärende  zum  Mitpressen  zwangen,  ganz  in  derselben 
Weise,  wie  sie  sonst  nur  nach  erfolgtem  Blasensprunge 
eintreten.  Ich  liess  nun  die  bisher  horizontale  Lage  der 
Gebärenden  einigermassen  der  verticalen  nähern  und  den 
Sleiss  durch  Unterlagen  etwas  erhöhen.  Bald  darauf,  es 
war  2 Uhr,  erschienen  Schüttelwehen  und  der  Kopf  kam, 
dicht  umhüllt  von  den  unversehrten  Eihäuten,  zum  Ein- 
schneiden, wobei  weder  Wasser  noch  Blut  abging.  End- 
lich blieb  der  Kopf  auch  während  der  Wehen  in  der 
Schamspalte  stehn,  und  nun  erst,  mit  der  vollkommnen  Ge- 
burt des  Kopfes,  erfolgte  die  kräftige  Zerreissung  der  Ei- 
hüllen  und  ein  heftiges  Hervorstürzen  des  wasserhellen 
Fruchtwassers,  welches  von  normaler  Menge,  aber  von 
merklich  höherer  Temperatur  als  gewöhnlich  war.  Das 
Kind  war  männlichen  Geschlechts,  wohlgestaltet  und  ge- 
sund und  schrie  sogleich  lebhaft.  Der  übrige  Zeitraum  der 


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110 


vierten,  so  wie  die  fünfte  Gcburlsperiode  boten  nichts  Re- 
gelwidriges dar.  Die  Ursache  des  Vorfalls  der  Hand  mag 
wohl  die  etwas  schmale  Beschaffenheit  des  Kopfs  gewesen 
sein.  Bemerkenswerth  dürfte  noch  der  Umstand  sein,  dass 
um  die  Zeit,  zu  welcher  der  Blasensprung,  bei  gewöhn- 
licher Lage  der  Gebärenden,  tnulhmasslich  erfolgt  sein 
würde,  einen  kurzen  Zeitraum  hindurch  ein  Stillstand  der 
Wehcnlhäligkeit  eintrat,  ganz  wie  er  sonst  unmittelbar  nach 
wirklichem  Eintritt  der  dritten  Geburtsperiode  sich  einzu- 
stellen pflegt. 

Dass  es  nicht  zum  Vorfälle  des  rechten  Arms  kam, 
bedarf  wohl  nicht  erst  der  Erwähnung.  Uebrigens  beweist 
dieser  Fall  neuerdings,  wie  nützlich  das  hier  beobachtete 
Verfahren  unter  den  vorhandnen  Umständen  sich  erweisen 
kann.  In  phänomenologischer  Hinsicht  muss  man  diesem 
Geburtsfallc  eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  den  Geburten 
mit  unverletzten  Eihüuten,  welche  Krügelatein  in  Henke  s 
Zeitschrift  für  Staatsarzneikunde,  Bd.  33  Hft.  2 mitthcilt, 
zuerkennen;  keineswegs  aber  in  ätiologischer  Hinsicht,  da 
die  Letztem  sehr  wahrscheinlich  ihren  Grund  in  dem  Zu- 
sammentreffen einer  unvollkommnen  Ausbildung  des  Fötus 
mit  Ucbereilung  der  Geburt  haben,  während  in  dem  oben 
beschriebenen  Falle  die  Zerreissung  der  Eihäute  bloss  durch 
den  absichtlich  veranlassten  Rückfluss  der  Amniosflüssigkeil, 
so  lange  als  es  bei  dem  vollkommen  entwickelten  Fötus 
möglich  war,  hintertrieben  wurde. 


6.  Fall  von  nützlicher  Anwendung  der  Kopfzange 
nach  vollzogener  Excerebration. 

Bekanntlich  sind  die  meisten  Geburtshelfer  der  Mei- 
nung, dass  die  Anwendung  der  Kopfzange  nach  «1er  Per- 
foration des  Kopfes  nutzlos  sei , weil  dieselbe  von  letztem 
abgleite.  Ein  Fall,  welcher  sich  im  Februar  1843  ereig- 
nete, hat  mich  indessen  belehrt,  dass  in  einem  solchen 
Falle  dennoch  zuweilen  die  Zange  nützliche  Anwendung 
finden  kann.  Bei  einer  Erstgebärenden  verrichtete  ich  die 


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111 


Perforation  mit  einem  scheerenförmigcn  Perforatorium  an 
dem  umfangreichen  Kopfe  des  seit  J2  Stunden  abgestor- 
benen Kindes,  wegen  Beschränkung  des  kleinsten  Becken- 
durchmessers, welcher  stark  2f"  betrug.  Vergebens  ver- 
suchte ich  hierauf  die  Extraction  des  Kindes  zuerst  mit  den 
Fingern  und  später  mit  dem  stumpfen  Haken.  Statt  nun 
die  in  einem  solchen  Falle  übliche,  successive  Anwendung 
der  Knochenzange  und  des  scharfen  Hakens  zu  machen, 
wobei,  namentlich  durch  die  scharfen  Spitzen  der  Schädel- 
fragmente, eino  nachtheilige  Reizung,  oft  selbst  Verletzung 
der  Geburtswege,  schwer  zu  vermeiden  ist,  versuchte  ich 
die  Ausziehung  des  Kopfs  mittelst  der  kleinen  Zange  von 
Busch,  wodurch  der  Schädel  so  weit  herabgezogen  wurde, 
dass  er,  nach  der  nun  spät  erst  erfolgenden  Abgleitung 
der  Zange,  mit  der  Hand  vollkommen  entwickelt  werden 
konnte. 


7.  Epidemischer  Abortus.  • 

Vom  Anfänge  April  bis  zur  Hälfte  Mai  1843  gelangten 
sechs  Fälle  von  Abortus  bei  jungen  grauen  zu  meiner  Be- 
obachtung. Vier  dieser  Fälle  fanden  im  dritten,  einer  im 
vierten,  einer  im  fünften  Schwangerschaftsmonate  Statt. 
Darunter  befanden  sich  eine  Fleisch-  und  eine  Trauben- 
mole. Die  specielle  Ursache  konnte  in  keinem  dieser  Fälle 
mit  Sicherheit  ermittelt  werden,  und  cs  ist  um  so  wahr- 
scheinlicher, dass  die  Ursache  dieser  Erscheinung  atmos- 
phärischen Ursprungs  war,  da  die  genannten  Fälle  säramt- 
lich  bei  Mehrgebärenden,  welche  einen  Abortus  zuvor  nie 
erfahren  hatten,  Statt  fanden,  und  der  Abortus  zu  Neuwied, 
meinem  frühem  Wohnorte,  und  in  der  Umgegend  sonst 
nicht  zu  den  häufigen  Ereignissen  gerechnet  werden  kann. 
Eine  Krankheitsepidemie,  aus  deren  Natur  man  auf  die  Ur- 
sache der  genannten  Thatsache  schliessen  könnte,  hat 
gleichzeitig  nicht  Statt  gefunden.  Dagegen  scheint  in  ätio- 
logischer Hinsicht  wohl  beachtenswerth , was  Hijrpocrates 
( Aphorism.  Seel.  111.  12)  bemerkt:  „At  si  hiems  auslrina, 


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112 


H valde  piuvia , et  placida  fuerit,  ver  aulem  plus  justo  sic - 
cum,  et  aquilonium,  midieres  quidem,  quibus  partus  ad  ver 
imminet,  ex  quatis  causa  abortiunt.”  Die  durchgängig  warme 
und  regnigle  Willerung  des  Winters  1813  und  die  Trok- 
kenheit  des  darauf  folgenden  Frühlings  scheinen  die  Rich- 
tigkeit des  vorstehenden  hippocratischen  Satzes,  auf  welchen 
der  grosse  Beobachter  noch  einmal  im  6.  Cap.  seines  Buchs 
„De  aere,  aquis  et  locis”  zurückkommt,  zu  bestätigen.  Ein 
ähnliches  Beispiel  theilt  Wüte  mit:  ln  der  ersten  Hälfte  des 
Jahres  1Ö86  nämlich  ereignete  sich  zu  Jena  eine  beträcht- 
liche Anzahl  Fälle  vonAbortus.  Der  Winter  war  warm  und 
nass,  der  Frühling  kalt  und  trocken  ( Witte  fpraes.  Fick] 
Diss.  de  abortu  epidemico.  Jen.  1607.  4.).  Die  bekannte 
Thatsache,  dass  bei  mehrern  epidemischen  Krankheitsformen 
(Ruhr,  Grippe,  engl,  Schweiss  u.  s.  w.)  ebenfalls  häufig  Ab- 
ortus  Stattfindet,  verdient  wohl  hier  keine  weitere  Betrach- 
tung, da  der  Letztere  in  diesen  Fällen  nur  ein  der  betref- 
fenden Krankheit  untergeordnetes  Phänomen  ist. 


Kritischer  Anzeiger 
neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Die  Schwefelwasserquellen  zu  Kommern  in  Livland 
beschrieben  von  G.  Girgensohn , Badearzt  in  Kommern  u. 
pract.  Arzte  in  Riga.  Riga  1847.  VIII  u.  103  S.  kl.  8. 
(Eine  kalte  Schwefelquelle,  die  zum  Trinken  und  Ba- 
den nach  den  Indicationcn  aller  ähnlichen  Schwefelwässer 
benutzt  wird.  Interessant  und  hervorzuheben  in  der  klei- 
nen Schrift,  wo  man  sie  wohl  nicht  sucht,  sind  die  Analy- 
sen des  Harns  nach  dem  Gebrauch  dieses  Schwefelwassers, 
die  der  Vf.  sehr  sorgsam  angestellt  hat.) 


Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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v WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  uö~ 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmtliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  llir  schtcald. 


8.  Berlin,  den  19'"*  Februar  1848» 


Ein  Wort  über  die  Syphilis  in  Berlin  während  der  letzten  Jahre.  Vom 
Staabsarzt  Dr.  Lange.  — Fall  eines  sehr  grossen  Bauchscirrhs. 
Vom  Dr.  Wertheim.  — Vermischtes.  (Zur  Verhütung  von  Ver- 
giftungen mit  Bittermandelöl.) 


Ein  Wort  über  die  Syphilis  in  Berlin  während 
der  letzten  Jahre. 

Mitgetheilt 

vom  Staabsarzt. Jt>r.  Lange  in  der  Charite  in  Berlin. 


Bei  und  seit  der  Aufhebung  der  letzten  Bordelle  in 
Berlin  mit  dem  1.  Januar  1846  kam  häufig  die  Frage  zur 
Sprache,  in  wie  weit  dabei  die  Vermehrung  oder  Vermin- 
derung der  Syphilis  betheiligt  sei.  Die  Antwort  fiel  natür- 
lich verschieden  aus,  ohne  dass  die  eine  wie  die  andre  der 
streitenden  Parteien  ihre  Ansicht  durch  statistische  Nach- 
weisungen, die  hier  allein  entscheiden  können,  zu  begründen 
vermochte.  Zwei  Jahre,  seit  jener  Aufhebung  verflossen, 
sind  allerdings  kein  beträchtlicher  Zeitraum,  indess  in  die- 
ser nicht  unwichtigen  Angelegenheit  hinreichend,  um  Re- 
sultate gewinnen  zu  lassen,  die,  selbst  nur  annähernd  rich- 
tig, auffallend  genug  sind,  um  weitere  Betrachtungen  und 
Maasregeln  daran  zu  knüpfen. 

Jahrgang  1848.  8 


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114 


Gemäss  unsrer  bisherigen,  erst  neuerlich  durch  die 
den  hiesigen  Aerzten  aufgegebene  Einreichung*)  numeri- 
scher Quarlalberichte  über  die  von  ihnen  behandelten  Sy- 
philiskranken modificirte,  medicinal  - polizeilichen  Einrich- 
tungen, können  wir  indess  vorläufig  diesen  statistischen 
Nachweisungen  keine  andre  Grundlage  geben,  als  die  Be- 
richte der  syphilitischen  Abteilung  des  Charite  - Kranken- 
hauses, und  so  war  ich  denn  eben  mit  Zusammenstellung 
des  dahin  einschlagcnden  Materials  beschäftigt,  resp.  zu 
Ende  gekommen,  als  Herr  Med.  - Rath  Dr.  Quincke  in  den 
vier  ersten  Nummern  des  Jahrgangs  1848  der  Zeitung  des 
Vereins  für  Heilkunde  in  Preussen  die  Resultate  seiner  eben- 
falls aus  diesen  Berichten  und  fast  nach  allen  Seiten  hin 
ausgcbcuteten  Untersuchungen  in  einer  Zusammenstellung 
bekannt  machte,  deren  Verdienstlichkeit  selbst  diejenigen 
anerkennen  werden,  die  nicht  aus  eigner  Erfahrung  das 
Mühsame  solcher  statistischen  Arbeiten  kennen.  Ich  hoffe 
indess,  dass  meine  Arbeit,  der  ich  engere  Grenzen  ge- 
steckt habe,  dadurch  nicht  überflüssig  geworden  ist,  und 
glaube  deshalb,  mich  auf  die  letzten  zehn  Jahre  beschrän- 
ken zu  können. 

Die  Zahl  aller  in  diesem  Zeiträume  auf  die  syphilitische 
Abtheilung  der  Charite  neu  aufgenommenen  Syphiliskran- 
ken betrug  im  Jahre 


Personell 

Müuuer 

Weiber 

1838 

. . . 1204 

568 

636 

1839 

. . . 1361 

651 

710 

1840 

. . . 1482 

714 

768 

1841 

. . . 1422 

731 

69! 

1842 

. . . 1351 

675 

676 

1843 

. . . 1235 

624 

6(1 

1844 

. . . 1301 

690 

611 

1845 

. . . 1109 

687 

512 

1840 

. . . 1318 

747 

571 

1847 

. . . 1060 

884 

776 

*)  Schon  durch  die  Gesetzsammlung  1835  S.  239  war  alten  Acre- 
len  eine  solche  Verpflichtung  unterlegt,  »her,  wie  es  scheint,  nur  we- 
nig beachtet  worden.  d.  Vf. 


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115 


Herr  Quincke  hat  seine  Berechnung  nur  bis  zum  1 . Oc- 
tober  1847  geführt,  und  deshalb 
den  October  mit  Zugang  von  84  Männern,  70  Weibern 

den  Novembr.  - - - 08  00  - 

den  Decembr.  - 70  50 

nicht  in  Rechnung  bringen  können.  Doch  hat  grade  der 
Monat  November  die  grösste  Zahl  von  allen  Monaten  bis- 
her, also  auch  des  Jahres  1847  geliefert. 

Sieht  man  sich  diese  Zahlen  näher  an,  so  ist  allerdings 
bezugs  der  Totalsummen  keine  wesentliche  Zunahme 
der  syphilitischen  Erkrankungsfalle  bemerkbar,  auffallend 
aber,  dass  grade  das  Jahr  1847  in  jeder  Beziehung  uner- 
reicht dasteht. 

Die  Zahl  der  männlichen  Kranken  ist  demnach  in  den 
letzten  Jahren  im  Zunehmen  begriffen,  allerdings,  wie  Herr 
Quincke  nachgewiesen,  in  einem  entsprechenden  Verhältniss 
zur  Vermehrung  der  männlichen  Bevölkerung  Berlins,  doch 
glaube  ich  nicht,  dass  man  daraus  denselben  Schluss  auf 
die  Syphilis  unter  der  gesammten  Bevölkerung  Berlin’s  ma- 
chen kann,  selbst  zugegeben,  dass  auf  die  Charite  grade 
derjenige  Theil  der  Bevölkerung  angewiesen  sei,  der  der 
Ansteckung  am  Meisten  ausgesetzt  ist. 

Es  wird  Niemand  behaupten  wollen,  dass  die  Syphilis 
nur  eine  Krankheit  der  untern  Classen  sei;  sie  ist  in  allen 
Classen  der  Gesellschaft  zu  Hause,  in  den  höhern  wie  in 
den  niedem  Ständen,  bei  den  Armen  wie  bei  den  Reichen, 
im  Civil  wie  im  Militair;  natürlich  liefern  aber  nicht  alle 
in  demselben  Verhältniss  zur  syphilitischen  Abtheilung  der 
Charite.  Auf  dieser  waren  beispielsweise  in  den  Jahren 


1845  und  1840 
208  Arbeitsleute 
130  Schneidergcsellen 
118  Schuhmachergesellen 
84  Tischlergesellen 
76  Kutscher 

52  Haus  - u.  Dienstknechte 
44  Bäckergesellen 


41  Schmiedegesellen 
38  Weber 
35  Buchbinder 
34  Kellner 
27  Zimmergesellen 
24  Handlungsdieuer 
20  Müller 

8* 


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116 


18  Klempnergesellen  2 Köche 

13  Tapeziergehülfen  i Lehrer 

12  Schlächtergesellen  1 Candidat  der  Philosophie 

5 Privatschreiber  1 Lithograph 

2 Oeconomen  1 Schauspieler 

1 Zahnkünstler  u.  s.  w. 

Man  sieht  hieraus,  welche  Classen  am  zahlreichsten 
auf  der  syphilitischen  Abtheilung  der  Charite  vertreten  sind; 
es  bedarf  aber  wohl  kaum  einer  Auseinandersetzung,  dass 
und  warum  sie  es  nicht  in  gleichem  Verhültniss  zur  Zahl 
ihrer  Mitglieder  sind.  Wenn  beispielsweise  die  Zahl 
aller  Schneidergesellen  in  Berlin  gegen  40U0 

aller  Schuhmachergesellen  - - gegen  3000 

aller  Handlungsdiener  - - weit  über  4000 

beträgt,  die  ersten  aber  in  zwei  Jahren  136 

die  zweiten  - - - 118 

die  letzten  - - - nur  24 

ihrer  Genossen  dahin  geliefert  haben,  so  wird  wohl  schwer- 
lich Jemand  die  Behauptung  aufstellen,  dass  von  den  mehr 
als  4000  Handlungsdienern  Berlin’s  in  diesen  zwei  Jahren 
überhaupt  nur  24,  von  den  3000  Schuhmachergesellen  nur 
118  u.  s.  w.  erkrankt  seien.  Ich  will  den  Handlungsdie- 
nern keineswegs  zu  nahe  treten;  aber  dass  man  der  24 
noch  eine  oder  zwei  Nullen  anhängen  kann  und  muss,  wenn 
man  die  Gesammtzahl  der  in  zwei  Jahren  syphilitisch  Er- 
krankten dieses  Standes  erhalten  will,  glaube  ich  verant- 
worten zu  können. 

Es  liegt  aber  in  der  Natur  der  Sache  und  bedarf  darum 
keines  Beweises,  dass,  je  bemittelter  ein  Stand  ist,  und  je 
mehr  hierdurch  wie  anderweitig  befähigt,  sich  in  eigner 
Wohnung  und  ungenirt  ärztliche  Hülfe  zu  verschaffen,  seine 
Mitglieder  um  so  weniger  Anlass  haben,  sich  in  eine  Kran- 
kenanstalt aufnehmen  zu  lassen,  in  der  sie  die  durch  die 
Art  ihrer  Krankheit  wie  durch  locale  Rücksichten  gebotne 
Beschränkung  der  Diät  wie  der  persönlichen  Verhältnisse 
nicht  immer  angenehm  empfinden.  Während  daher  so 
ziemlich  alle  Arbeitsleute  bei  syphilitischen  Erkrankungen 


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117 


auf  die  Charite  angewiesen  sind,  geht  schon  von  den  so 
erkrankten  Schneidergeseilen  ein  wenn  auch  nur  kleinerer 
Theil  nicht  dahin,  von  den  Tischlergesellen  ein  vielleicht 
noch  grösserer  *)  bis  zu  den  Handlungsdienern  hinab,  von 
denen  nur  ausnahmsweise  und  in  besonders  dringenden 
Fällen  einer  mit  Syphilis  sich  in  die  Charite  aufnehmen  lässt. 

Leicht  lassen  sich  aber  die  Ursachen  auflinden,  warum 
selbst  von  den  Classen,  die  am  zahlreichsten  zur  Charite 
beisteuern,  sich  viele  bei  syphilitischer  Erkrankung  nicht 
daselbst  aufnehmen  lassen.  Die  Richtigkeit  des  Factums 
steht  fest,  und  man  braucht  nicht  einmal  eine  ausgebreitete 
Praxis  zu  haben,  um  aus  eigner  Erfahrung  zu  wissen,  dass 
viele  Gesellen  und  Gehülfen  sich  in  der  Stadt  (im  Gegen- 
satz zur  Charite)  ärztlich  behandeln  lassen.  Noch  genauer 
werden  dies  die  Aerzte  bestätigen,  die  beim  betreffenden  • 
Publikum  einen  besondern  Ruf  in  der  Heilung  galanter 
Krankheiten  haben.  Früher  machte  die  Kostspieligkeit  eine 
Cur  zu  Hause  weniger  leicht  möglich;  jetzt  ist  dem  nicht 
mehr  so,  und  Arzt  und  Apothekerrechnung  nicht  mehr  so 
gefürchtet.  Die  Zahl  der  Aerzte  wird  immer  grösser;  ei- 
ner thut’s  dem  andern  zuvor,  einer  immer  wohlfeiler  als 
der  andre.  Ein  Recept  im  Hause  des  Arztes  kostet  ja 
höchstens  5 Sgr.,  und  alle  Tage  geht  auch  der  Kranke, 
der  nicht  immer  die  Stube  hütet,  nicht  zum  Arzte.  Oder 
der  Kranke  geht  von  einem  Arzte  zum  andern  ( wie  dies 
nirgend  häufiger  geschieht,  als  bei  den  Syphilitischen),  oder 
nach  dieser  oder  jener  Poliklinik,  oder  zum  Gewerksarzt, 
der,  wenn  auch  zur  unentgeltlichen  Behandlung  derartiger 
Krankheiten  nicht  verpflichtet,  ihn  doch  selten  zurückweist 
u.  s.  w.  Genug,  die  Kosten  für  die  ärztlichen  Bemühungen 
lassen  sich  leicht  erschwingen  oder  umgehen,  wenn’s  der 
Kranke  darauf  anlegt.  Bedenkt  man  ausserdem,  wie  gross 
die  Zahl  der  Pfuscher  verschiedner  Art  und  verschiednen 

*)  Ueber  die  Häufigkeit  der  Phlhitit  pulmonalu  unter  den  Tisch- 
lergesellen, deren  Mehrzahl  dann  wohl  zur  Charite  kommt,  lasst  sich 
aus  nabe  liegenden  Gründen  ein  viel  sichereres  Uriheil  fällen,  als  über 
die  der  Syphilis  unter  ihnen.  d.  Vf. 


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118 


Ursprungs  ist,  wie  bei  der  durch  Bücher,  Vorlesungen  *), 
besonders  durch  Mittheilung  eigner  Erfahrungen  seitens  der 
Kranken  sich  täglich  ausbreitenden  Kenntniss  der  Syphilis 
und  ihrer  im  Ganzen  jetzt  vereinfachten  Heilung  durch  leicht 
zu  habende  innere  und  äussere  Mittel,  schon  oft  genug 
manches  syphilitische  Geschwür,  Tripper  u.  s.  w.,  ohne  alle 
ärztliche  Behandlung,  und  nicht  blos  scheinbar,  geheilt 
wurde,  wie  trotz  unsrer  vorzugsweise  in  Berlin  wachsamen 
Medicinalpolizei,  selbst  Mercurialpräparate,  z.  B.  Unguentum 
Hydrarg,  praecipit.  rubri,  als  die  im  Volke  renommirteste 
Salbe  bei  Geschwüren  der  Genitalien,  ohne  ärztliche  Ver- 
ordnung in  die  Hände  von  Laien  kommen , die  sich  selbst 
curiren  oder  Andre  **),  so  wird  man  sich  beim  Zusammen- 
treffen so  vieler  Momente  nicht  wundern,  wenn  dadurch 
• die  Zahl  der  in  die  Charite  wegen  Syphilis  kommenden 
männlichen  Kranken  verhältnissmässig  im  Abnehmen  be- 
griffen ist,  mithin  nicht  als  maassgebend  für  die  oben  er- 
wähnte Beurtheilung  angesehn  werden  kann. 

Erlauben  demnach  die  Chariteberichte  nicht  einmal 


*)  fn  dem  merkantilisch  - wissenschaftlichen  Vereine  der  Hand- 
lungsdiener  h it- sei  bst  hielt  vor  einigen  Jahren  ein  Arzt  eine  Vorlesung 
über  Syphilis.  (!!)  Kann  dadurch  Nutzen  entstehn?  Ich  denke,  wenn  der 
Laie  weiss,  dass,  wenn  ihn  irgend  etwas  an  seinen  Genitalien,  wie 
anderswo  zustösst,  er  am  Besten  thut , zum  Arzte  zu  gehn,  so  weiss 
er  genug.  Das  weiss  er  aber  von  selbst.  Will  man  ihn  etwa  die 
Diagnose  der  syphilitischen  Krankheiten  lehren,  die  Mr  den  Arzt  oft 
schwierig,  bisweilen  seihst  unmöglich  ist?  Odor  will  man  ihn  dadurch 
im  Selbstkuriren,  d.  h.  im  Pfuschen  unterrichten  und  bestärken?  Mit 
solchen  Begriffen  von  populärer  Medicin,  die  der  Vielwisserei  des 
Zeitalters  oder  wenigstens  der  Ostentution  damit  huldigt,  wird  dem 
ärztlichen  Stande  mehr  nnd  mehr  geschadet!  d.  Vf. 

**)  Zur  Berichtigung  eines  im  „Ptiblicisten”  vom  15.  oder  19.  Ja- 
nuar d.  J.  geschriebenen  Artikels,  wonach  ein  junger  an  Syphilis  lei- 
dender Mann  durch  Sublimat  gestorben,  von  dem  er,  unbekannt  mit 
der  zunehmenden  Dosis,  zu  viel  genossen,  diene  als  Ergebniss  ge- 
nauerer Nachforschung,  dass  derselbe  sich  absichtlich , was  ihm  auch 
gelang,  damit  vergiftete.  Er  litt  allerdings  an  Geschwörcu  des  Penis, 
nahm  jedoch  keineswegs  den  Sublimat  in  der  Absicht,  um  sieh  zu 
heilen.  d.  Vf. 


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119 


einen  Schluss  auf  die  Menge  der  syphilitisch  Erkrankten  in 
denjenigen  Classen,  die,  wenn  auch  keineswegs  allein  und 
vorzugsweise,  doch  den  grossem  Theil  der  Bordellhesucher 
bildeten,  so  fehlt  uns  für  die  Bcurtheilung  des  Standes  der 
Syphilis  überhaupt  jeder  Hallpunct,  da  Verheiralhete,  die 
Söhne  hier  ansässiger  Bürger,  Kaufinannsdiener  sehr  selten, 
die  hohem  Bürgerclassen , Beamte,  Militairs  u.  s.  w.  fast 
nie  Gegenstand  einer  Behandlung  in  der  Charite  werden. 

Man  ist  deshalb  gezwungen,  die  Frage  über  die  Zu- 
oder Abnahme  der  Syphilis  unter  den  Männern  in  Berlin 
seit  der  Aufhebung  der  Bordelle,  vorläufig  a posteriori 
nicht  entscheidungsfähig  zu  erklären,  wenn  es  sich  um  sta- 
tistischen Nachweis  handelt.  A priori  ist  indess  auch  jetzt 
schon  ihre  Lösung  weniger  schwer,  wenn  man  nämlich  ein 
Moment  berücksichtigt,  das  in  dem  erwähnten  Aufsatz  un- 
beachtet geblieben  ist. 

Unsre  Liste  ergiebt  allerdings  eine  ziemlich  constante 
Abnahme  der  weiblichen  Erkrankungen,  nicht  blos  eine  ab- 
solute, sondern  auch  eine  relative  bezugs  der  Zahl  der  sy- 
philitischen Männer,  und  können  wir  diese  Zahl  der  in  der 
Charite  behandelten  syphilitischen  \V eiber  mit  Fug  und  Recht 
als  massgebend  für  die  Beurtheilung  der  Syphilis  unter  der 
weiblichen  Bevölkerung  Berlin’s  betrachten.  Erst  im  Jahre 
1846  nimmt  sie  wieder  zu,  und  im  Jahre  1847  hat  sie  die 
grösste  Höhe  erreicht,  eine  Höhe,  die  selbst  von  der  des 
Jahres  184U  nicht  erreicht  wird. 


Detailliren  wir  nun  in  folgender  Tabelle  die  einzelnen 
Hauptclassen  der  syphilitischen  Weiber. 


Zahl  aller 

Frauen 

a 

vphilitisch.  Puellae 

Handarbei- 

und 

Jahr. 

Weiber 

pubhene 

Dienstmädchen 

terinnen 

Witlw. 

1838 

636 

296  0(1.  46 

pCt. 

156  od.  24  pCt. 

litt>  od.  21  u 

Ct.  24 

1839 

710 

326  - 46 

- 

156  - 22 

- 

179  - 25 

- 43 

1810 

768 

294  - 38 

- 

177  - 23 

- 

258  - 33 

- 53 

1841 

691 

230  - 33 

164  - 23 

- 

257  - 37 

- 30 

1842 

676 

195  - 29 

- 

173  - 25 

- 

267  - 39 

- 46 

1843 

611 

154  - 25 

- 

139  - 22 

- 

273  - 44 

- 35 

1844 

611 

103  - 16 

- 

122  - 20 

- 

348  - 57 

- 29 

1845 

512 

85  - 16 

- 

88  - 17 

- 

285  - 55 

- 32 

1846 

571 

1 

- 

131  - 22 

- 

375  - 65 

- 42 

1847 

776 

0 

- 

140  - 19 

- 

569  - 73 

- 64 

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120 


Das  Resultat  ist  überraschend.  Ueber  die  puellae  pu- 
blicae  bleibt  Nichts  zu  sagen;  die  Zahl  der  Syphilitischen 
unter  ihnen  nahm  allmälig  in  demselben  Verhältniss  ab,  als 
allmälig  die  Zahl  der  Bordelle  geringer  wurde.  Die  Zahl 
der  syphilitischen  Dienstmädchen  ist,  was  man  befürchtete, 
seitdem  nicht  grösser,  eher  geringer  geworden,  enorm 
grösser  dagegen  die  der  sogenannten  Handarbeiterinnen. 
Im  Jahre  1 838  etwa  2 t pCl.  der  syphilitischen  Weiber  bil- 
dend, ist  sie  regelmässig  (mit  unbeträchtlicher  Ausnahme 
des  Jahres  1845)  im  Steigen  geblieben,  so  dass  sie  1847 
73  pCt.,  also  fast  f aller  betrug,  während  die  puellae  pu- 
blicae, als  Maximum  in  den  Jahren  1838  und  1839,  nur 
4ß  pCt.,  also  nicht  die  Hälfte  aller  syphilitischen  Weiber 
bildeten.  Wollen  wir  nun  auch  nicht  annehmen,  dass  wir 
jetzt  überhaupt  noch  einmal  so  viel  Handarbeiterinnen  haben 
als  sonst  puellae  publicae,  so  steht  doch  fest,  dass  wir  (und 
das  ist  hier  der  Hauptpunkt)  jetzt  noch  einmal  so  viel 
syphilitisch  kranke  puellae  privatae  d.  h.  sogenannte 
Handarbeiterinnen  haben,  als  früher  syphilitisch- 
kranke puellae  publicae.  Der  grosse  Umfang  dieses  Gat- 
tungsbegriffs ist  bekannt,  gleichgültig  aber  vorläufig,  ob  die 
grössere  Zahl  ex  professo  und  ausschliesslich  oder  nebenbei  dem 
Liebesdienste  sich  widmet.  Das  aber  steht  ausserdem  fest,  dass 
noch  mehrere  dieser  Categorie  angehören,  als  man  weiss  und 
glaubt,  und  dass  in  den  Listen  der  Charitö  manche  als  Dienst- 
mädchen sich  verzeichnen  iiess,  die  sich  späterhin  als  eine 
puella  privala  bekundete. 

Die  absolute  Zahl  der  syphilitischen  Weiber  aber  weist 
jeden  Einwand  zurück,  den  man  vielleicht  gegen  die  prac- 
tische  Gültigkeit  und  Anwendbarkeit  dieser  relativen  Zah- 
lenverhältnisse machen  könnte. 

Es  fällt  mir  nicht  .im  Traume  ein,  hiermit  dem  Bestehn 
der  Bordelle  das  Wort  geredet  zu  haben.  Beförderung  der 
Moralität  und  Verminderung  der  Prostitution  sind  immer 
noch  zwei  verschiedne  Puncte.  Den  ersten  Zweck  hat  die 
Aufhebung  der  Bordelle  erreicht,  weil  sie  ihn  erreichen 
musste,  den  zweiten  noch  nicht,  weil  sie  allein  ihn  nicht 


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121 


erreichen  kann;  sie  hat  sogar  der  Syphilis  Vorschub  ge- 
leistet, wenn  auch  der  Beweis  bezugs  der  Männer  in  Zah- 
len nicht  geführt  werden  kann.  Denn  wenn  50  kranke 
pueilae  prwatae  der  öffentlichen  Gesundheit  gefährlicher 
sind  als  50  kranke  puellae  publicae  ( mindestens  aber  eben 
so  gefährlich),  so  steht  die  Sache  jetzt,  wo  die  Zahl  der 
ersten  ungleich  grösser  ist,  noch  viel  schlechter.  Die  Ver- 
ordnungen vom  28.  Februar  1787  und  vom  2.  Febr.  1702 
über  die  Untersuchung  der  öffentlichen  Dirnen  sind  zwar 
nie  in  ihrer  Strenge,  oft  mit  zu  wenig  Strenge  durchge- 
führt worden;  des  überhaupt  erst  neuerlich  wieder  in  Ge- 
brauch gekommenen  speculum  vaginae  bediente  man  sich 
nie  dabei,  konnte  sich  am  Ende  auch  seiner  in  den  engen 
dunkeln  Strassen,  die  bei  uns  früher  der  privilegirte  Sitz 
der  Prostitution  waren,  nicht  mit  Erfolg  bedienen;  doch 
blieb  nicht  aller  Nutzen  aus,  und  eine  selbst  oberflächliche 
Untersuchung  ist  besser  wie  keine.  Jetzt  werden  nur  die- 
jenigen Mädchen  polizeilich  (wie  es  scheint,  auch  ohne  Zu- 
ziehung des  speculum  vaginae)  in  nicht  bestimmten  Zeit- 
räumen untersucht,  die  entweder  durch  ihren  bisherigen 
Lebenswandel  Anlass  dazu  geben,  oder  von  den  in  die 
Charite  aufgenommenen  syphilitischen  Männern  als  Ursache 
ihrer  (der  letzten)  Ansteckung  angegeben  worden  sind. 
Manche  Männer  sagen  allerdings  die  Wahrheit,  viele  aber 
entstellen  sie  und  behaupten,  den  Gegenstand  ihrer  Zärt- 
lichkeit nicht  weiter  zu  kennen,  ihn  auf  der  Strasse  auf- 
gegriffen zu  haben,  oder  auch  von  ihm  aufgegrifTen  zu  sein. 

Aller  Vorschläge  aber,  wie  diesem  mit  der  Aufhebung 
der  Bordelle  in  keinem  nothwendigen  Zusammenhänge  ste- 
henden Uebelstande  abzuhelfen  sei,  will  ich  mich  enthal- 
ten; sie  sind  Sache  der  Polizei. 


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122 


Knrzgefasste  Miüheihing  einer  Krankheitsge- 
schichte  liebst  Sectionsbeftind. 

Mitgetheilt 

vom  Dr.  Carl  Christian  Werthheim , pract.  Arzt  in  Osthofen 
bei  Worms. 


Am  4.  November  18  tfl  habe  ich  die  Unterleibshöhle 
eines  seit  1 f»  Jahren  erkrankten  und  in  den  letzten  sechs 
Jahren  meisteniheils  von  mir  behandelten  Mannes  geöffnet. 
Die  Hauptsymptome  der  Krankheit  waren  ähnlich  denen 
einer  heftigen  Cardialgie;  nämlich:  periodisch  wiederkeh- 
rende, in  den  letzten  Jahren  anhaltende  und  nur  durch  die 
grössten  Gaben  Morphium  ( 2—3  Gr.  auf  einmal  ) oder  Opium 
(4 — 6 Gr.  auf  einmal)  zu  beschwichtigende  Schmerzen  im 
Unterleibe,  welche  beim  starken  Zufühlen  mehr  in  der  Tiefe 
hinter  dem  Nabel  sich  zu  erkennen  gaben,  sehr  häufig  aber 
. auch  an  keine  bestimmte  Stelle  gebunden  waren;  öfters 
Neigung  zum  Brechen  und  wirkliches  Erbrechen  einer  sau- 
ren und  schleimigen  Flüssigkeit;  während  der  letzten  vier 
Jahre  beständig  Obstructio  alti,  so  dass  täglich  klystirl  wer- 
den musste. 

Beim  Befühlen  des  Unterleibs  gewahrte  man  zuweilen 
einen  dicken  Knopf  von  der  Grösse  eines  Ganse-Eies  hin- 
ter der  Nabeigegend.  Das  Brechen  trat  nie  in  der  Eigen- 
thümlichkeit  wie  bei  Magenkrebs  auf,  weshalb  ich  auch  nicht 
geneigt  war,  einen  Scirrhus  ventriciUi  anzunehmen,  beson- 
ders da  der  für  Scirrhosiläten  des  Magens  charakteristische 
bleifarbene  Gesichtsausdruck,  so  wio  der  ganz  eigenthüm- 
liche  Geruch  aus  dem  »Munde  fehlten. 

Die  Zufalle  traten  oftmals  so  in  die  Erscheinung,  dass 
man  unwillkührlich  an  die  neuerdings  viel  besprochne  Spi- 
nal—Irritation  erinnert  wurde;  allein  auf  der  andern  Seite 
musste  man  doch  bei  näherer  Prüfung  durch  die  verschie- 
denen diagnostischen  Behelfe  wieder  belehrt  werden,  dass 


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— 123  - 

hier  kein  rein  dynamisches  (Nervenleiden),  sondern  ein 
materielles  Leiden  vorlag. 

Doch  welches  Organ  des  Unterleibs  mochte  wohl  in 
diesem  Falle  grade  das  erkrankte  respective  degenerirte 
sein?  Der  Magen  selbst  nebst  Zwölffingerdarm  konnte  es 
nicht  sein;  denn  das  Brechen  bewies  sich  nur  als  ein 
symptomatisches,  öfters  Wochen-  und  Monate  lang  nicht 
vorkommendes  und  die  Magengegend  selbst  vertrug  den 
stärksten  Druck,  ohne  dass  dadurch  ein  Schmerzgefühl  be- 
sondrer Art  verursacht  wurde;  — die  Leber  und  Gallen- 
blase waren  es  ebenfalls  nicht;  denn  es  fehlten  die  Symp*- 
tome  der  galligen  Dyscrasie,  der  Leber-  und  Gallenblasen- 
Verstopfung,  so  wie  das  solche  Krankheiten  grossenlheils 
begleitende  Zeichen,  die  Gelbsucht;  — die  Milz  konnte  ich 
nicht  für  entartet  annchmen;  denn  man  gewahrte  in  der 
Gegend,  wo  solche  liegt,  erstens  niemals  Schmerzen  und 
zweitens  niemals  Geschwulst;  auch  war  nie  Blutbrechen 
da  gewesen;  — die  dünnen  und  dicken  Gedärme  konnten 
ebenfalls  nicht  für  die  erkrankten  Theile  gelten,  weil  sich 
ansser  der  hartnäckigen  Verstopfung  sonst  kein  anderwei- 
tiges Symptom  für  ein  idiopathisches  Leiden  derselben  dar- 
bot, und  weil  diese  Neigung  zu  hartnäckigen  Verstopfungen 
wiederum  nur  symptomatisch  und  aus  demselben  Gesicfats- 
puncte  wie  das  Brechen  nur  als  ein  Accessorium  zn  be- 
trachten war. 

Es  blieb  demnach  die  grösste  Wahrscheinlichkeit  für 
die  Vermuthung  übrig,  dass  das  Vancrtas,  dieses  in  seinen 
Functionen  noch  nicht  genau  ermittelte  und  darum  in  sei- 
nem physiologischen  Verhalten  noch  dunkle  Organ  dege- 
nerirt  sein  müsste. 

Man  bemerkte  zwar,  wie  seit  Jahren  die  Ernährung 
ab-  und  die  allgemeine  Abmagerung  zunahm,  allein  doch 
nicht  in  dem  Umfange,  dass  man  grade  berechtigt  gewesen 
wäre,  diejenigen  Organe,  welche  unmittelbar  der  Verdau- 
ung vorstehn  und  die  Ernährung  selbst  bewerkstelligen,  für 
erkrankt  und  insbesondere  für  materiell  verändert  zu  hal- 
ten. Wenn  man  dagegen  bedachte,  dass  die  Baucbspeichel- 


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124 


drüse  nicht  ohne  Bedeutung  für  den  Ernährungsprocess  ist, 
und  dass  sie  im  Connex  mit  den  sie  umgebenden  Einge- 
weiden,  nämlich  der  Leber  und  Milz,  auch  wohl  das  ihrige 
zur  Verdauung  und  Entwicklung  des  nährenden  Stoffes  d.  h. 
zur  Gesammt-Ernährung  des  Organismus  beiträgt  und  dass 
in  dieser  Beziehung  der  von  der  Drüse  selbst  abgesonderte 
Succus  pancreaticus  nicht  ohne  Bedeutung  für  die  Assimi- 
lation der  aufgenommenen  NahrungsstofTe  sein  möchte,  — 
dann  freilich  durfte  man  auch,  gegenüber  der  unverletzten 
Beschaffenheit  der  oben  speciell  angeführten  Baucheinge- 
weide auf  die  Vermuthung  gerathen,  dass  gerade  dieses 
Eingeweide  degenerirt  sei  und  dass  eben  deshalb  die  Er- 
nährung täglich  in  Etwas  abnehmen  musste. 

Da  man  auf  dem  Lande,  theils  wegen  des  Vorurtheils 
der  Landleute,  theils  wegen  sonstiger  Verhältnisse  nur  sel- 
ten Gelegenheit  hat,  eine  Section  vorzunehmen,  so  war  ich 
in  diesem  Falle,  wo  man  von  Seiten  der  Familie  die  Section 
wünschte,  sehr  gespannt,  hinter  das  Gcheimniss  zu  kom- 
men und  dieses  um  so  mehr,  da  ich  jederzeit  im  Wider- 
spruch mit  andern  benachbarten  Aerzten  — welche  die 
Krankheit  für  eine  Induratio  ventricidi  oder  Scirrkus  pylori 
hielten  — nur  eine  Degeneration  der  Bauchspeicheldrüse 
diagnosticirt  hatte. 

Obgleich  in  den  letzten  2—3  Monaten  die  Zeichen  von 
Hydrops  asciles  und  Oedema  pedum  zugegen  waren,  konnte 
ich  doch  nach  gemachtem  Kreuzschnitt  und  Zurückschlagung 
der  Bauchlappen  keine  grosse  Ansammlung  von  seröser 
Flüssigkeit  gewahren.  In  der  Tiefe  der  Bauch-  und  Bek- 
kenhöhle  mögen  3 — 4 Schoppen  dunkel  gefärbten  Secrets 
vorhanden  gewesen  sein.  Der  Tractus  intestmorum  lag  ganz 
entblösst  da,  d.  h,  ohne  sich  von  den  Duplicaturen  des 
Omentum  bedeckt  zu  zeigen.  Von  diesem  Omentum  majus 
und  minus  waren  nur  noch  einige  Rudimente  an  der  Cwr- 
vatura  major  des  Magens  zugegen.  Der  Magen  sehr  klein, 
zusammengeschrumpft,  nur  die  Hälfte  der  natürlichen  Grösse 
darbietend,  sonst  normal  beschaffen,  Gedärme,  nament- 
lich Dickdarm,  von  Luft  aufgeblasen ; Leber  und  Gallenblase 


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nicht  degenerirt.  Die  Kleinheit  des  Magens  lässt  sich  da- 
raus erklären,  dass  der  Verstorbene  in  den  letzten  Jahren 
sehr  wenig  Speisen  zu  sich  nahm,  und  fast  ausschliesslich 
von  reiner  Kuhmilch  lebte,  welche  er  am  Besten  vertragen 
konnte. 

Hinter  dem  Magen  und  nach  zurückgeschlagenen  Ge- 
därmen kam  man  an  den  krankhaften  Heerd.  Dort  fand 
sich  eine  höchst  auffallende,  weitverbreitete  scirrhöse  Ent- 
artung, welche  sich  zu  beiden  Seiten  der  Columna  vertebra- 
lis  aus  bis  zum  obern  Beckenrand  hinabstieg;  in  diese 
speckartig,  drüsig,  körnige  Degeneration,  welche  2—3  Zoll 
dick,  6 — 8 Pfund  schwer  sein  mochte  und  sich  nur  sehr 
mühsam  oder  gar  nicht  von  den  hintern  Wänden  des  Un- 
terleibs trennen  liess,  waren  mit  hineingezogen:  das  lJan- 
,creas,  das  Zellgewebe,  die  Fettanhängsel,  die  drüsigen  Kör- 
perchen, so  wie  derjenige  Theil  des  Dünndarmgekröses, 
welcher  sich  an  die  Wirbelsäule  anlehnt.  Beim  Durchschnei- 
den war  die  platte  Geschwulst  hart  wie  Knorpel,  von  derb 
drüsiger  Beschaffenheit  und  von  hübschem  Incarnat.  Man 
kann  sich  kaum  eine  richtige  Vorstellung  von  dem  Umfange 
dieses  fast  die  ganze  Rückseite  des  Unterleibs  einnehmen- 
den pathologischen  Produktes  machen  und  es  war  nur  zu 
bedauern,  dass  man  diese  Entartung  nicht  als  ein  Ganzes 
von  den  mit  ihr  in  innigem  Zusammenhänge  stehenden  Thei- 
len  trennen  und  befreien  konnte;  denn  sie  lag  sehr  fest 
auf  den  Gefassstämmcn  des  Unterleibs  und  war  mit  densel- 
ben so  innig  eins  geworden,  dass  die  Gefässe  gewisser  - 
raassen  durch  die  Geschwulst  gedrückt  wurden;  und  eben 
so  war  sie  mit  der  Columna  vertebralis,  mit  den  Nieren  und 
Ureteren  genau  verwachsen. 

Somit  war  das  Krankheitsräthsel  gelöst  und  konnten  alle 
bisher  beobachteten  pathologischen  Symptome  richtig  ge-' 
deutet  werden. 

Ueber  die  Entstehung  der  Krankheit  Hesse  sich  viel- 
leicht mit  Recht,  vielleicht  auch  mit  Unrecht  annehmen, 
dass  eine  vor  16  Jahren  stattgehabte  heftige  Scabies  durch 
unrichtige  und  unvorsichtige  Behandlung,  während  welcher 


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126 


der  Kranke  sich  auch  einer  sehr  starken  Erkältung  ausge- 
setzt hatte,  sich  auf  die  innern  drüsigen  Gebilde  metasta- 
sirt  und  allmälig  diese  furchtbare  Entartung  bewerkstelligt  hat. 

Auffallend  bleiben  für  jeden  Arzt: 

1)  die  starken  Opiat-Dosen,  die  der  Kranke  vertragen 
konnte,  d.  h.  an  die  er  sich  nach  und  nach  gewöhnt  hatte. 
Denn  in  den  letzten  3 Jahren  konnte  er  nur  durch  das  fast 
beständige  Einnehrnen  einer  Emulsion  von  (I  Unzen  mit  16 
bis  24  Gran  Morphium  acelicum  — was  natürlich  am  Ende 
eine  höchst  bedeutende  Ausgabe  veranlasst  hatte  — Linde- 
rung linden.  Später  versuchte  ich  noch  grosse  Dosen  Opii 
puri,  Extr.  Ojhi  aquos.,  Tr.  Opii  simpl.  und  crocat.,  welche 
jedoch  nur  dann  eine  sichtbare  Wirkung  äusserten,  wenn 
solche  bis  zur  Betäubung  genommen  wurden; 

2)  dass  der  Verstorbene  grade  in  den  letzten  3 Jah-  . 
ren,  in  welchen  die  Krankheit  ihm  fast  beständige.  Qualen 
verursachte,  doch  noch  so  viel  Lust  und  Liebe  am  Coitus 
fand,  dass  er  in  diesem  Zeiträume  (1844  und  1845)  noch 
zwei  Kindern  das  Leben  gab. 


Vermischtes. 

Zur  Verhütung  von  Vergiftungen  mit  Bitter- 
mandelöl. 

Laut  einer  in  der  Breslauer  Zeitung  vom  3.  December 
1848  erwähnten  absichtlichen  Vergiftung  hat  die  Inculpatin, 
die  Tochter  eines  Brennerei  - Besitzers,  ätherisches  Bitler- 
mandel-Oel  aus  dem  3fagazin  ihres  Schwagers,  eines  Bren- 
nerei-Besitzers in  Wraldenburg,  entwendet  und,  mit  dessen 
giftigen  Eigenschaften  wohl  bekannt,  ihr  neugebornes  Kind 
getödtet.  Der  auffallende  Geruch  nach  bittem  Mandeln, 
welcher  aus  dem  Munde  des  todten  Kindes  kam,  erregte 
zuerst  Verdacht,  durch  den  man  nun  weiter  geleitet,  den 
oben  angeführten,  durch  das  Bekenntnis  der  Mutter  selbst 
constatirten  Thatbestand,  ermittelte.  Jenes  ätherische  bittere 


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Mandelöl  wird  von  den  Brennereibesitzern  benutzt,  um  damit 
Pfirsichblüthen-Branntwein,  Persico,  oder  Baseler  Kirschwas- 
ser, oder  Maraskino  durch  einfache  Lösung  in  Alcohol  zu 
fabriciren,  wozu  sie  eine  ihnen  beliebige  Quantität  verwenden. 
Da  gesetzliche  Vorschriften  hierüber  nicht  existiren,  so  ge- 
schah es  nicht  selten,  dass  schon  in  älterer  wie  auch  neurer 
Zeit  die  bedenklichsten  Zufälle,  ja  auch  der  Tod  nach  gros- 
sem genossenen  Quantitäten  Persico  eintraten,  die,  wohl  be- 
merkt, nur  auf  Rechnung  jenes  giftigen,  Blausäure  haltenden 
ätherischen  Oels,  nicht  etwa  auf  den  Weingeistgehalt  des  in 
Rede  sichenden  Liqueurs  zu  setzen  waren.  Fälle  dieser  Art 
werden  sich  noch  oft  ereignen,  wenn  man  nicht  auf  Abhülfe  zu 
denken  bemüht  sein  wird,  w as  sich,  wie  ich  schon  im  J.  1831 
öffentlich  ausgesprochen  und  gezeigt  habe,  sehr  leicht  ins  Werk 
setzen  lässt.  Jene  ätherischen,  Blausäure  haltigen  Oele  können 
nämlich  auf  sehr  einfache  Weise  durch  Destillation  über  oine 
Basis,  am  leichtesten  kohlensaures  Kali,  vollständig  von  der 
Blausäure  befreit  werden,  ohne  dadurch  an  Geruch  und  Ge- 
schmack, also  an  Brauchbarkeit  zu  dem  oben  genannten,  allge- 
mein ausgeführten  technischen  Zweck  zu  verlieren.  Dass  das 
auf  diese  Art  behandelte  Oel  wirklich  keine  Blausäure  enthält, 
und  also  nicht  so  giftig,  sondern  nur  scharf,  wie  andre  ätheri- 
schen Oele,  Citronen-  oder  Orangenöl  ist,  habe  ich  nicht  bloss 
durch  Versuche  an  Thieren,  sondern  auch  durch  an  mir  selbst 
angestellle  Versuche  ebenfalls  schon  früher,  bereits  im  J.  1820, 
bewiesen.  Ich  nahm  nämlich  von  dem,  durch  Aelzkali  von  Blau- 
säure befreitem,  ätherischen  Bittermandelöl  innerhalb  \ Stunde 
2t)Tropfen  (4 — öTropfen  ätherische  Blausäure  haltenden  Oels 
lödten  alsbald  einen  Erwachsenen)  ohne  eine  andre  Wirkung, 
als  erhöhte  Temperatur,  vermehrten  Pulsschlag  und  Reiz  zum 
Husten  zu  verspüren  *).  Es  werden  jedoch  die  Persicoliqueure 
nicht  blos  durch  einfache  Lösung  des  Oels  in  Alcohol,  sondern 
auch  durch  Destillation  von  Pfirsichkörnern  oder  gar  wohl  auch 
von  bittern  Mandeln,  oder  die  Kirschwasser  eben  so  durch  Des- 
tillation über  Kirschkörner  und  Zwetschen  gewonnen,  die  alle, 
wenn  sie  nur  cinigermassen  concentrirt  sind,  reichlich  genos- 
sen, wegen  ihres  Gehaltes  an  Blausäure,  gefährliche  Zufälle 
hervorrufen  können  und  öfter  schon  gewiss  hervorgerufen  ha- 
ben, als  eben  nur  zur  amtlichen  Ermittlung  oder  Kenntniss  der 
Behörde  gekommen  ist.  Wenn  also  nur  befohlen  würde,  alles 

*)  Vergl.s  Ucber  die  wirksamen  Stoffe  in  der  Blausäure.  Neue  Berliner 
Sammlung  aus  dem  Gebiete  d.  Heilkunde.  1829  S.  417.  nnd  Uebersickt  der 
Arbeiten  und  Veränderungen  der  Schlesischen  Gesellschaft  für  vaterlän- 
dische Cultor  im  Jahre  18'29.  S.  64. 


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128 


Bittermandelöl  vor  der  Anwendung  durch  Rectification  über 
Kali  von  der  Blausäure  zu  befreien,  oder  die  Fabrikanten  ange- 
wiesen würden,  bei  der  Destillation  jener  Liqueure  aus  den  an- 
geführten Substanzen  eine  kleine  Quantität  gereinigter  Pott- 
asche oder  KcUi  carbonicum zuzusetzen,  von  welchem  l Quent- 
chen mehr  als  hinreichend  ist,  um  aus  einem,  über  ein  Pfund 
Pfirsichkörner  oder  mehrerer  Pfunde  Kirschkörner  überzoge- 
nem Destillate  jede  Spur  von  Blausäure  zu  entfernen,  so  könn- 
ten einerseits  nicht  mehr  so  traurige  Vorfälle  wie  der  oben 
mitgelheilte  fernerhin  Vorkommen,  und  andrerseits  würde 
dann  auch  jedem  Nachtheil  vorgebeugt  werden,  der  aus 
etwaigem  Genuss  der  eben  angeführten  Blausäure  haltigen 
Liqueure  entstehn  muss.  Bereits  im  Jahre  1831  habe  ich,  wie 
schon  erwähnt,  in  einem  in  Rust' s Magazin  der  Heilkunde  nie- 
dergelegten Aufsatz  diesen  so  leicht  in  Ausführung  zu  bringen- 
den Vorschlag  bekannt  gemacht  und  im  J.  1843  in  meiner 
Schrift:  „Ueber  die  chemischen  Gegengifte.”  Breslau  1843. 
S.  75  ihn  abermals  der  Aufmerksamkeit  unsrer  hohen  Be- 
hörden empfohlen,  jedoch  bat  man  ihm  keine  Berücksichti- 
gung zu  Theil  werden  lassen.  Durch  den  oben  angeführten 
traurigen  Fall,  welcher  seitdem  unsre  Criminalbehörden  in 
Thätigkeit  gesetzt  hat,  fühle  ich  mich  jedoch  dringend  auf- 
gefordert, nicht  abzulassen  und  ihn  zum  drittenmal  zur  Kennt- 
niss  zu  bringen.  Vielleicht  lässt  man  ihn  diesmal  nicht  der 
Vergessenheit  übergeben.  Selbst  in  Frankreich,  welches 
bekanntlich  rücksichtlich  seiner  medicinal-polizeilicben  An- 
stalten Deutschland  sehr  nachsteht,  wird  der  Wunsch  rege, 
dass  die  Medicinal-Behörden  diesem  Gegenstände  Aufmerk- 
samkeit  schenken  möchten.  ( Journal  de  Chimie  med.  2.  Ser. 
VI.  5)2.)  Dort  ist  der  Verbrauch  des  Bittermandelöls  ganz 
ungeheuer.  Ein  einziger  Fabrikant  in  Paris,  Namens  Planche, 
verarbeitet  jährlich  1(100  Unzen  desselben  und  zwar  nicht 
blos  zur  Bereitung  der  Liqueure,  sondern  auch  iu  Poma- 
den, Parfümerien,  zu  welchem  Zwecke  auch  bei  uns  eine 
nicht  unbedeutende  Quantität  ohne  alle  weitere  Controlo  oder 
Beaufsichtigung  der  Medicinal-Behörden:  verbraucht  wird. 
In  Russland  ist  das  von  mir  in  Preussen  nachgesuchte  Gesetz 
schon  publicirt.  Es  wurde  vor  einiger  Zeit  eine  grosse 
Quantität  Blausäure  haltendes  Bittermandelöl  dort  im  Hafen 
von  Cronstadt  confiscirt.  ’ . 

Breslau.  • Professor  Dr.  Göppert. 


Gedruckt  bei  J.  Pettcb. 


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WOCHENSCHRIFT 

. für  die 

gesäumte 

HEILKUNDE. 


Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  ]J  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  uü- 
thigen  Registern  ist  auf  3}  Thlr.  bestimmt,  wofür  säimntlichc  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  II i r sc h ir  a Id. 


JW  9.  Berlin , den  26len  Februar  1848. 


Gerichtliche  Leichcbhflnungcn.  Erstes  Hundert  Von  Casper.  (Ports.)  — 
Mittheilungen  aus  der  Praxis.  Vom  Kreis-Physicus  Dr.  Schubert. 
(Grosse  Thymus  bei  einem  Erwachsenen.  — Arsenik  gegen  Wech- 
»elßeber.  — Mercur.  eieus  gegen  //ein.  — Vergiftung  mit  Erd- 
beeren aus  Backwerk.) 


Gerichtliche  Leichenöffnungen. 

Erstes  Hundert. 

Ausgeführt  und  analysirt 
von  Casper. 


(Erster  Artikel.) 

( Fortsetzung. ) 

27)  Sehr  lehrreich  in  chirurgischer,  wie  forensischer 
Beziehung  war  folgender  Fall.  Am  Abend  des  20.  Pecbr. 
wurden  zwei  Schlafcatneraden  handgemein,  und  der  Eine, 
ein  33jähriger,  slarker,  „kerngesunder”  Mann,  ward  dabei 
so  schwer  verwundet,  dass  man  augenblicklich  stromweise. 
Blut  aus  seinem  linken  Arm  fliessen  sah.  Nach  einer  Stunde 
erschien  ein  Arzt,  der  den  Verletzten  alsbald  nach  der 
Charite  schaffen  liess,  wo  man,  nach  angelegtem  Tourniquet, 
an  dem  sehr  matten,  über  Frost  und  Beklommenheit  kla- 
genden Patienten  folgende  Verletzungen  bemerkte:  am 
Oberarme  eine  Längswunde  von  J"  Länge,  4"'  Breite  und 
Jahrgang  1848.  9 


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130 


i Zoll  Tiefe,  aus  der  nur  venöses  Blut  floss.  2)  Unter 
dieser  eine  oberflächliche  Hautwunde.  3)  ln  der  Ellenbo- 
genbuge an  der  Insertionsstelle  des  M.  biceps  eine  drei- 
eckige Wunde,  deren  Ränder  nach  inhen  gekehrt  waren, 
und  die  sich  etwa  einen  Zoll  in  die  Tiefe  erstreckte.  Nach 
gelöstem  Tourniquet  strömte  aus  dieser  Wunde  Arterien- 
blut hervor.  4)  An  der  äussern  Seite  des  Oberarms  eine 
kleine  Hautwunde.  5)  In  der  Herzgegend  zwei  kleine 
Hautschrammen,  wahrscheinlich  entstanden  vom  Abgleiten 
iles  Instruments  vom  Arme.  Bei  erhaltnem  Tourniquet  wur- 
den die  Wunden  trocken  geheftet,  und  mit  Eisblasen  be- 
deckt. Am  23.  klagte  Pat.  über  lebhafte  Schmerzen  im 
Arme,  weshalb  der  ganze  Verband  abgenommen  wurde. 
Sogleich  trat  die  arterielle  Blutung  wieder  ein,  und  — 
heisst  cs  im  Krankenjournai  — „da  es  nicht  gelang,  die 
Arterien  in  der  Tiefe  zu  unterbinden,  so  musste  als  ein- 
ziges Mittel  den  Kranken  zu  retten,  zur  Unterbindung  der 
Art.  brach,  geschritten  werden”,  die  in  der  Mitte  des  Ober- 
arms am  innern  Rande  des  M.  biceps  ausgeführt  wurde, 
und  „verhältnissmässig  rasch”  von  Statten  ging.  Pat.  erhielt 
innerlich  Phosphorsäure,  und  über  die  Operationswunde 
ward  eine  Eisblase  gelegt.  In  den  beiden  folgenden  Tagen 
keine  unangenehmen  Erscheinungen.  Als  am  26.  der  Ver- 
band abgenommen  ward,  trat  wiederum  aus  der  untern 
Stichwunde  eine  geringe  arterielle  Blutung  ein,  die  jedoch 
durch  Compression  leicht  gestillt  wurde.  „Die  Wunden 
selbst  sahen  missfarbig  aus,  das  Secret  war  dünnflüssig  und 
jauchig,  der  Kranke  fühlte  sich  matt  und  abgeschlagen,  das 
Sensorium  war  etwas  benommen,  der  Puls  sehr  frequent, 
die  Ränder  der  Operationswunde  hatten  eine  bläuliche  Fär- 
bung angenommen,  die  rasch  um  sich  grifT,  so  dass  die 
‘Haut  im  Umfange  einer  Hand  brandig  wurde”.  Zum  Ver- 
band wurden  nun  brenzliche  Holzsäure,  Einspritzungen  von 
aromatischen  Kräutern  mit  Essig  und  aromatische  Fomente 
über  den  Arm  benutzt.  „Der  Zustand  blieb  dennoch  ein 
sehr  misslicher;  die  Kräfte  hatten  rasch  abgenommen,  das 
Gesicht  war  collabirl,  der  Puls  sehr  frequent,  früh  110, 


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Abends  128.”  Anfangs  Januar  besserte  sich  der  Zustand, 
bis  zum  10.,  an  welchem  Pat.  über  Leibweh  zu  klagen  an- 
fing. (Opiat-Einreibung,  Umschläge,  Dowersche  Pulver.)  ln 
der  Nacht  trat  eine  heftige  Diarrhöe  ein,  die  trotz  gereich- 
ten Opiums  ( g i : 3 vi  Althae -Dec.)  rasch  zunahm.  Das 
Fieber  steigerte,  die  Kräfte  minderten  sich,  und  es  trat 
decubitus  ein.  „Am  11.  Januar  trat  ein  kurzer,  trockner, 
den  Kranken  nicht  eben  belästigender  Husten  auf.”  Die 
Füsse  wurden  ödematös,  Husten  und  Durchfall  blieben  an- 
haltend, am  14.  schwand  das  Bewusstsein,  und  am  15.  (Ja- 
nuar, also  26  Tage  nach  erlittener  Verletzung)  starb  der 
Kranke.  — Von  den  Sectionsbefunden  waren  Folgende  die 
wesentlichen.  Die  Leiche  war  sehr  mager,  ödematös  an 
den  Unterexlremitäten,  und  man  bemerkte  decubitus  und  an 
der  ganzen  innern  Fläche  des  linken  Oberarms  Entblössung 
von  den  Hautbedeckungen,  so  dass  man  Muskeln  und  Seh- 
nen deutlich  liegen  sah.  Die  ganze  verjauchte  Stelle  war 
mit  schlechtem  Eiter  umflossen.  Alle  frühen  Wunden  wa- 
ren mit  glatten  Kündern  vernarbt,  nur  in  der  linken  Ellen- 
bogenbuge befand  sich  eine  noch  £ Zoll  klaffende  Wunde 
mit  abgerundeten,  ursprünglich  deutlich  scharf  gewesenen 
Rändern.  (Die  Beschaffenheit  der  Ränder  war  erheblich, 
wie  man  unten  sehn  wird.)  In  der  Schädelhöhle  war  nur 
Blutarmulh  auffallend.  Die  linke  Lunge  zeigte  Oedem,  die 
rechte  graue  Hepatisation,  und  ihre  Vleura  war  mit  Eiter- 
exsudaten bedeckt.  Im  linken  Pleurasack  war  eine  Tasse 
voll  blutwässriger,  im  rechten  eben  so  viel  eitrig -blutiger 
Flüssigkeit  ergossen.  Das  Herz,  schlaff,  zeigte,  so  wie  die 
grossen  Venenslämme  der  Brust,  Blutleere,  welche  auch  in 
den  Venenstämmen  und  Organen  der  Bauchhöhle  das  ein- 
zige von  der  Norm  Abweichende  in  dieser  Höhle  war.  Als 
verletztes  Gefäss  ergab  sich,  was  schon  in  der  Charite  im 
Leben  richtig  vorausgesetzt  worden,  die  Art.  interossea. 

Die  Beurtheilung  des  Falles  nach  dem  Maassstabe  der 
drei  gesetzlichen  Fragen  war  nicht  leicht,  wie  forensische 
Practiker  sogleich  einsehn.  In  unserm  Obduclions -Bericht 
wurde  zunächst  der  unmittelbare  Zusammenhang  der 

9* 


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Verletzungen  mit  der  spätem  Krankheit  dem  Richter  nach- 
gewiesen, was  hier  zu  wiederholen  fiberflüssig  wäre,  und, 
nachdem  dargethan  worden,  dass  die  Verletzung  im  Sinne 
der  ersten  Frage  nicht  zu  den  allgemein  absolut  lethalen 
zu  rechnen  sei,  da  namentlich  die  auch  hier  geschehene 
Unterbindung  des  Hauptstammes  oft  genug  Lebensrettung 
in  ähnlichen  Fällen  zur  Folge  gehabt,  wie  folgt  fortgefah- 
ren: „Aber  eben  so  wenig  kann  erwiesen  werden,  und 
nicht  ärztliche  Vermuthungen,  sondern  thatsächliche  wissen- 
schaftliche Beweise  verlangt  die  Ausführung  im  Obductions- 
bericht,  dass,  wenn  nicht  Jeder  an  einer  solchen  Verlet- 
zung, grade  denatus  daran  sterben  musste,  d.  h.,  dass 
die  Verletzung  bei  der  individuellen  Beschaffenheit  des 
Verletzten  für  sich  allein  den  Tod  zur  Folge  haben  musste. 
Die  Individualität  desselben,  soweit  sie  im  Leben  und  nach 
dem  Tode  nachgewiesen  werden  kann,  bietet  keine  Ergeb- 
nisse zur  Begründung  einer  solchen  Behauptung.  Die  ganz 
vereinzelt  dastehende,  und  schon  deshalb  kein  Vertrauen 
verdienende  Aussage  des  Angeschuldigten,  dass  denatus 
öfters  gehustet  und  Schleim  ausgeworfen  habe,  dahin  ge- 
stellt sein  lassend,  deponiren  vielmehr  seine  Wirthsleute, 
die  ihn  Jahrelang  gekannt,  dass  er  „kerngesund”  gewesen 
sei,  und  nie  gehustet  habe,  und  das  Charite-Journal  nennt 
ihn  einen  Mann  „von  starkem  Körperbau  und  guter  Mus- 
kulatur.” Endlich  redet  auch  das  Obductionsprotocoll  nicht 
von  einer  ältern  Krankheit  der  Lungen,  namentlich  nicht 
von  Tuberkeln,  sondern  von  einer  frisch  entstandnen  ent- 
zündlichen Krankheit'  der  Lungen,  und  so  kann  nicht  be- 
hauptet werden,  dass  und  warum  denatus  als  Individuum 
mehr  und  besondre  Anlage  zu  Lungenentzündung  und  Ver- 
eiterung oder  zu  Brand  in  einer  äussern  Wunde  u.  s.  w. 
gehabt  habe,  als  Andre,  weshalb  die  obige  Frage  (von  der 
individuellen  Lethalität)  verneint  werden  musste.  Wenn 
endlich  auch  eine  äussere  Schädlichkeit,  die  nach  der  Ver- 
letzung auf  K.  eingewirkt,  nicht  nachgewiesen  werden 
kann,  wenn  namentlich  dahin  der  Transport  nach  dem 
Krankenhause,  der  keine  unmittelbar  nachtheiligen  Folgen 


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hatte,  eben  so  wenig  gerechnet  werden  kann,  als  der  ct- 
wanige  vorangegangene  Genuss  von  Branntwein,  der  acten- 
mässig  gar  nicht  einmal  festgestellt,  so  fragt  sich  nur  noch: 
ob  möglicherweise  bei  einer  andern  als  der  eingeleiteten 
ärztlichen  Behandlung  eine  Lebensrettung  des  Verletzten 
hätte  erwartet  werden  können?  Hierbei  sind  manche  sehr 
auffallende  Umstände  im  Charite-Journal  zu  erwägen.  Der 
Kranke,  der  schon  gleich  bei  der  Aufnahme  durch  den  er- 
littnen  arteriellen  Blutverlust  „sehr  matt”  war,  wurde  ohne 
alle  innern  Arzneien  gelassen,  wenigstens  erwähnt  derglei- 
chen das  Journal  bis  zum  dritten  Tage  gar  nicht,  an  wel- 
chem zuerst  nach  der  Operation  eine  mineralische  Säure 
gereicht  wurde.  Ob  und  welche  Nahrungsmittel,  ob  etwas 
Wein  oder  andre  Stärkungsmittel  dem  durch  so  heftigen 
Blutverlust  erschöpften  Kranken  gereicht  worden,  erfahren 
wir  durch  das  Journal  nicht.  Aber  selbst  vom  26.  ab, 
wo  die  Wunden  schon  „misfarbig”  aussahen,  das  Secret 
„jauchig”,  der  Kranke  „matt  und  abgeschlagen”,  am  27., 
an  welchem  die  Umgegend  der  Operationswunde  eine  Hand- 
breit „brandig”  war,  begnügte  man  sich  mit  einer  ange- 
messenen äussern  Behandlung.  Ohne  allen  Zweifel  waren 
nun  schon  Kräfte  hebende,  tonische,  erregende,  reizende 
Mittel,  China  mit  Säuren,  Aetherea,  Wein  u.  s.  w.  dringend 
angezeigt,  von  denen  aber  das  Journal  schweigt,  das  nicht 
einmal  bemerkt,  ob  die  am  23.  verordnete  Arznei  fortge- 
braucht worden.  Erst  am  zwanzigsten  Tage  nach  der  Auf- 
nahme ist  wieder  von  innern  Mitteln,  und  zwar  von  einem 
beruhigenden,  die  eingelretnen  Coliken  stillenden  Mittel  die 
Rede,  das  unter  den  obwaltenden  Umständen  eben  so  sehr 
nur  als  palliativ  oder  symptomatisch  angesehn  werden  muss, 
als  das  am  folgenden  Tage  verordnete  Opiat  zur  Stillung 
der  eingetretnen  Diarrhöe,  die  bereits  ein  Todesvorbole 
war.  Das  Charite  - Journal  widerspricht  uns  daher  nicht, 
wenn  wir  behaupten,  dass  gegen  den  Grundcharakter  des 
Fiebers,  den  atonischen,  ja  putrid  zu  nennenden,  mit  bran- 
diger Absonderung  in  . den  Wunden,  nicht  energisch  genug 
und  nicht  nach  den  Regeln  der  Kunst  ausreichend  einge- 


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schritten  wurde,  und  dass,  wenn  auch  nicht  positiv  gefehlt, 
doch  nicht  Alles  angewandt  worden,  was  möglicherweise 
der  Krankheit  eine  günstigere  Wendung  hülle  geben  kön- 
nen, so  dass  im  eigentlichen  Sinne  hier  nach  den  Worten 
der  Criminal- Ordnung  von  einem  „Mangel  eines  zur  Hei- 
lung erforderlichen  Umstandes”  geredet  werden  muss,  dem 
wahrscheinlich  ein  Miteinfluss  auf  den  erfolgten  Tod  zuzu- 
schreiben ist,  wenn  auch  Gewissheit  hierüber  nicht  zu  ge- 
ben, da  von  der  nothwendig  günstigen  Wirkung  der 
Heilmittel  überhaupt  selten  oder  nie  a 'priori  gesprochen 
werden  kann.  Ganz  dasselbe  gilt  in  Betreff  des  besproche- 
nen Lungenleidens,  das  im  Leben  so  gut  wie  unbeachtet 
geblieben  war,  wenn  wir  auch  einräumen,  dass  eine  ge- 
nauere Ergründung  desselben  und  rechtzeitige  Erkennung, 
so  wie  ein  dagegen  gerichtetes  Heilverfahren,  dessen  Gren- 
zen bei  dem  schon  ganz  erschöpften  Kräftezustand  jeden- 
falls sehr  eng  gezogen  gewesen  wären,  schwerlich  einen 
wesentlichen  Einfluss  auf  eine  günstigere  Wendung  gehabt 
haben  würden.  Jedenfalls  scheint  es  aber  nach  diesen 
Ausführungen  motivirt,  wenn  wir  hiernach  die  dritte  Frage 
des  § lfitt  der  Crim.  Ordnung  dahin  beantworten:  dass  die 
Verletzungen  in  dem  Alter  des  Verletzten  wahrscheinlich 
durch  Mangel  eines  zur  Heilung  erforderlichen  Umstandes 
( accidens ) nicht  aber  durch  Hinzutritt  einer  äussern  Schäd- 
lichkeit den  Tod  zur  Folge  gehabt  haben.” 

Die  gerichtlich  - medicinische  Beurtheilung  des  Falles 
war  indess  mit  der  Erledigung  der  Lethalitätsfrage  noch 
nicht  erschöpft.  Der  Thäter  hatte  nämlich  behauptet,  dass 
er  den  K.  im  Streite  nur  mit  einem  dreieckigen  Stücke 
Zinkblech  „gestochen"  gehabt  habe.  Die  Beschaffenheit  der 
Narben  und  der  ganze  Hergang  gestattete  nicht,  diese  Be- 
hauptung als  begründet  anzunehmen,  und  wir  blieben  viel- 
mehr bei  unsrer  von  Anfang  an  aufgestellten  Annahme 
stehn,  dass  ein  scharfes,  stechend-schneidendes  Instrument 
die  Wunden  verursacht  haben  müsse.  Im  Laufe  der  Un- 
tersuchung wurde  nun  unter  dem  Bette  des  Angeschuldig- 
ten dessen  Tischmesser,  woran  verdächtige  Flecke,  vorge- 


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135 


funden,  und  dies  Instrument  uns  mit  der  Frage  vorgelegt; 

„ob  die  an  der  Messerklinge  wahrzunehmenden  Rostflecke 
von  dem  daran  befindlich  gewesenen  Blute  herrührten”? 

Wir  unterzogen  uns  dieser  bekanntlich  so  sehr  schwieri- 
gen Untersuchung  in  Gemeinschaft  mit  dem  geschickten 
gerichtlichen  Experten,  Herrn  Apotheker  Schacht,  und  wol- 
len nicht  ermangeln,  die  Ergebnisse  als  lehrreich  für  ähn- 
liche Vorkommenheilen  in  der  medicinisch  - forensischen 
Praxis  mitzulheilen. 

Die  Besichtigung  der  Messerklinge  liess  keinen  Zwei- 
fel darüber  aufkommen,  dass  wenn  die  auf  derselben  vor- 
handnen  Flecke  wirklich  von  Blut  herrührten,  seit  der  Er- 
giessung  desselben  eine  geraume  Zeit  vergangen  sein 
musste,  (es  waren  drittehalb  Monate  verflossen,)  da  1)  die 
Klinge  des  Messers  auf  seiner  ganzen  Fläche  angerostet 
erschien,  und  2)  in  der  Spalte  zwischen  der  Klinge  und 
dem  hörnernen  Hefte  eine  braune,  zum  Theil  mit  Schim- 
mel bedeckte  Masse  sich  befand.  Es  ist  aber  eine  besondre 
Schwierigkeit,  Blutflecke  von  Rostflecken  auf  Eisen  durch 
chemische  Mittel  zu  unterscheiden,  wenn  seit  der  Ergies- 
sung  des  Blutes  auf  das  Eisen  eine  geraume  Zeit  vergan- 
gen ist,  wenn  dann  die  Bestandlheile  des  Blutes  nicht  mehr 
in  ihrer  Eigenthümlichkeit  vorhanden  und  also  das  Blut  als 
solches  nicht  mehr  nachzuweisen  ist.  Vermittelst  eines 
Pinsels  wurden  einige  Tropfen  Wasser  auf  die  Klinge  ge-  » 
bracht,  und  der  Pinsel  darauf  hin  und  her  geführt,  um  wo 
möglich  etwas  von  den  Flecken  aufzulösen:  dann  von  der 
Flüssigkeit  ein  Tropfen  unter  das  Microscop  gebracht,  die 
auf  der  Klinge  zurückbleibende  Flüssigkeit  aber  bei  gerin- 
ger Wärme  verdunstet,  wobei  Folgendes  beobachtet  wurde. 

1)  Unter  dem  Microscop  Hessen  sich  rothe  Kügelchen  er- 
kennen, die  in  dem  Wassertropfen  schwammen  und  den 
Blutkügelchen  ganz  ähnlich  waren.  2)  Nachdem  die  Flüs- 
sigkeit auf  der  Klinge  verdünstet,  wurde  Letztre  durch  eine 
microscopische  Linse  beobachtet;  es  war  durchaus  deutlich, 
dass  sich  auf  der  rostigen  Fläche  der  Klinge  eine  rothe 
Auflösung  gebildet  hatte,  die  zu  einem  röthlichen  Ueberzug 


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136  — 


verdunstet,  durch  sich  hindurch  die  Rostflecke  der  Klinge 
erkennen  Hess.  Es  wurde  noch  folgender  Gegenversuch 
gemacht.  Auf  eine  blanke  Messerklinge  wurden  einige 
Tropfen  Blut  gebracht,  dasselbe  eingetrocknet  und  die  so 
entslandnen  Flecke  mSssig  erwärmt.  Das  Blut  löste  sich 
in  Schuppenform  von  der  Klinge  ab,  wobei  die  Metallfläche 
durchaus  glänzend  zurückblieb.  Bei  stärkerer  Erhitzung 
der  Klinge  trat  Verkohlung  des  Blutes  ein,  und  es  verbrei- 
tete sich  der  beim  Verbrennen  animalischer  Substanzen  ei- 
genthümliche  Geruch.  Die  auf  der  verdächtigen  Klinge 
befindlichen  Flecke  sprangen  dagegen  durch  Erwärmen 
nicht  ab,  wurden  aber  bei  slärkerm  Erhitzen  unter  den- 
selben Erscheinungen  verkohlt.  Hieraus  ging  mit  Wahr- 
scheinlichkeit hervor,  dass  sich  kein  frisches  Blut  auf  der 
Klinge  befand,  dass  aber  wohl  ein  animalischer  Körper  mit 
dem  Roste  vermischt  war,  der  wohl  zerstörtes  Blut  gewe- 
sen sein  konnte.  Die  Klinge  wurde  ferner  in  destillirtes 
Wasser  in  ein  enges  Cylinderglas  getaucht.  Es  Hess  sich 
keine  blutähnliche  Färbung  des  Wassers  wahrnehmen.  Nach 
24  Stunden  aber  hatte  sich  ein  rothbraunes  Pulver  abge- 
setzt, das  durch  Filtriren  getrennt  ward.  In  der  filtrirten 
Flüssigkeit  konnte  weder  Eisen  noch  animalisches  Eiweiss 
nachgewiesen  werden.  Das  abfillrirte  rothbraune  Pulver 
wurde  durch  Auflösen  in  Salzsäure  und  Prüfung  der  Auf- 
* lösung  durch  Ammoniak,  Cyaneisenkalium  und  Gallustinctur 
als  Eisenrost  erkannt.  Das  Ansehn  der  Messerklinge  hatte 
sich  durch  Stehn  im  Wasser  nicht  wesentlich  verändert,  die 
Flecke  nicht  bedeutend  vermindert.  Nachdem  die  Klinge 
abgelrocknet  war,  wurde  auf  einen  der  Flecke  etwas  reine 
Salzsäure  gebracht.  Sehr  bald  verschwand  der  Fleck,  das 
Metall  trat  mit  glänzender  Oberfläche  hervor,  und  die  ent- 
standne  Auflösung  war  die  von  Eisenoxyd  in  Salzsäure. 
Nach  diesen  Versuchen  mussten  wir  urtheiien:  dass  das 

Messer  wahrscheinlich  mit  Blut  befleckt  worden  war.  Ge- 
wissheit konnte  nach  so  langer  Zeit  nicht  mehr  gegeben 
werden. 

Dies  Gesammt-Gutachten  über  den  Fall  wurde  in  bei- 


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137 


den  richterlichen  Instanzen  angenommen,  und  der  Thäter 
rechtskräftig  zu  einer  achtzehnmonatlichen  Strafarbeit  ver- 
urteilt. 

28)  Eine  kräftige,  junge  Frau  bekam  früh  um  7 Uhr 
in  einem  Streit  von  ihrem  sehr  heftig  aufgeregten  Gegner, 
einem  Zeugschmidt,  einen  heftigen  Schlag  auf  den  Kopf 
mit  einem  Schmiedehammer.  Zwei  Stunden  später  war  sie 
bereits  in  der  Charite,  wo  man  einen  Bruch  des  linken  os 
bregm.  fand.  Der  Zustand  der  Kranken  war  noch  ziemlich 
befriedigend,  und  Störungen  des  Setuorii  noch  nicht  wahr- 
zunehmen. Aderlass,  Eisblasen,  kühlende  Abführmittel  wur- 
den der  Trepanation  vorangeschickt,  die  alsbald  instituirl, 
und  bei  welcher  ein  Blutextravasat  nicht  gefunden  wurde. 
Nach  dem  Verband  ein  zweiter  Aderlass  und  ein  Clyslier, 
unter  Fortanwendung  der  Eisblase.  Abends  wurde  der 
Puls  voll  und  gespannt,  und  es  trat  Erbrechen  ein,  wes- 
halb eine  dritte  V.  S.  von  einem  Pfunde  gemacht  ward. 
Am  folgenden  Morgen,  bei  fortdauerndem  Brechreiz,  zwei- 
stündlich zwei  Gran  Calomel  abwechselnd  mit  einer  mixtura 
nitrosa.  Nach  drei  Frostanfallcn  folgte  intensive  Hitze,  und 
schon  am  Abend  dieses  Tages  verfiel  die  Kranke  in  sopor. 
Der  Puls  stieg  auf  13(1.  In  der  folgenden  Nacht  trat  eine 
grosse  Unruhe  ein,  während  welcher  Pat.  aus  dem  Bette 
zu  springen  versuchte,  bald  aber  immer  wieder  in  den  so- 
porösen Zustand  zurückfiel.  Unter  diesen  Erscheinungen, 
erneuerten  Frost-  und  ßrechanfällen  und  sof>or  erfolgte  6(1 
Stunden  nach  der  Verletzung  der  Tod.  Die  rechte  Hemi- 
sphäre des  grossen  Gehirns  war  stark,  noch  stärker  die 
linke  mit  Blut  injicirt,  die  Substanz  fest  und  derb,  und  die 
linke  Halbkugel  mit  einer  halbliniendicken  Eiterschicht  auf 
ihrer  ganzen  Oberfläche  bedeckt.  An  der,  der  Trepanöff- 
nnng  entsprechenden  Stelle  war  die  Substanz  des  Gehirns 
selbst  bis  auf  eine  Linie  tief  röther  als  gewöhnlich.  Im 
Uebrigen  wurde  nichts  Abnormes  im  Gehirn,  und  eben  so 
wenig  von  der  Norm  Abweichendes  in  Brust  und  Unter- 
leib gefunden.  — Grade  wie  der  obige  Fall  No.  25  war 
auch  dieser  recht  schlagend  als  Beweis  der  Unhaltbarkeit 


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138 


der  drei  gesetzlichen  Fragen.  War  diese  Kopfverletzung 
eine  absolut  lethale?  Wer  wollte  dies  wohl  behaupten! 
Lag  in  der  Individualität  grade  dieser  Frau  ein  Moment, 
das  die  Nothwendigkeit  des  Todes  nach  einer  solchen 
Verletzung  grade  bei  ihr  bedingte?  Es  würde  schwer  ge- 
wesen sein,  aus  der  Leiche  der  ganz  gesunden,  jugendlich- 
kräftigen Frau  einen  Beweis  dafür  zu  entnehmen.  Endlich 
wird  man  zugeben  müssen,  dass  bei  dem  so  ganz  kunst- 
gerechten Heilverfahren,  das  der  Verletzten  alsbald  nach 
der  Verletzung  zu  Theil  geworden  war,  von  einem  „Man- 
gel eines  zur  Heilung  erforderlichen  Umstandes”  eben  so 
wenig  mit  überzeugenden  Gründen  hätte  gesprochen  wer- 
den können,  als  die  Annahme  einer  „äussern  Schädlichkeit” 
Halt  gehabt  hätte,  und  so  blieb  auch  hier  Nichts  übrig,  als 
nachzuweisen,  dass  die  Verletzung  die  alleinige  Ursache 
des  Todes  der  denata  gewesen  sei,  dass  aber  keine  der 
drei  Fragen  bejaht  werden  könne. 

(Fortsetzung  folgt.) 


Miüheiltmgen  aus  der  Praxis. 

Mitgetheilt 

vom  Kreis  - Physicus  Dr.  Schubert  in  Dramburg. 


1.  Ungewöhnlich  grosse  Thymus  bei  einem  Er- 
wachsenen. 

J.  F.  Meckel  d.  j.  spricht  die  Meinung  aus,  dass  die 
Thymus  beim  Fötus  zum  Theil  die  Functionen  der  Lunge 
zu  ersetzen  habe  (Abhandlungen  aus  der  menschlichen  und 
vergleich.  Anat,  u.  Phys.),  und  bemerkt  an  einem  andern 
Orte  (pathol.  Anat.  1)  wie  das  Nichtvorschwinden  dieses 
Organs  zu  der  normalen  Zeit  insofern  interessant  sei,  als 
es  gewöhnlich  unter  Bedingungen  Statt  finde,  welche  die 
erwähnte  Function  sehr  wahrscheinlich  machen.  Gewöhn- 


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— 130  - 

lieh  nämlich  erhalte  sich  die  Thymus  bei  Krankheiten  der 
Lange  oder  bei  Bildungsfehlern  des  Herzens.  Auch  7’ie- 
demann  hebt  hervor,  dass  man  bei  Erwachsenen  die  Thymus 
vorzüglich  bei  Krankheiten  der  Lungen  und  des  Herzens 
von  ansehnlicher  Grösse,  sogar  grösser  wie  im  neugebor- 
nen  Kinde  gefunden  habe  ( Kopp's  Denkwürdigk.  1.  S.  24)* 
und  bemerkt  dabei,  dass  die  'Thymus  ein  Gegenstand  sei, 
den  man  auch  in  vergleichend  - anatomischer  Hinsicht  sehr 
beachten  müsse,  wenn  man  über  ihre  Verrichtung  etwas 
bestimmen  wolle.  Wenn  nun  Kapp  (a.  a.  0.  S.  3fi)  nichts- 
destoweniger sagt:  „Meines  Erachtens  sind  übrigens  die 
Desorganisationen  der  Respirationsorgane,  die  schadhaften 
Lungen  u.  s.  w.  und  auch  die  Krankheiten  des  Herzens, 
welche  man  bei  vielen  Thymuskranken  — zumal  bei  sol- 
chen, die  über  ein  Jahr  alt  waren,  und  bei  Erwachsenen 
und  Alten  — gefunden  hat,  im  Allgemeinen  als  Folgen  der 
regelwidrig  beschaffenen  Brustdrüse  und  nicht  als  Ursachen 
des  krankhaften  Zustandes  der  letztem  zu  betrachten",  so 
möchte  ich  ihm  nicht  beistimmen,  und  scheint  es  keines- 
wegs „ganz  verwerflich,  zu  glauben,  dass  eine  Brustdrüse, 
die  bereits  nach  dem  loten  Jahre  völlig  (?)  geschwunden, 
verdichtet  und  gefässarm  ist,  sich  später  noch  krankhaft 
vergrössern  könne”,  ja  ich  nehme  keinen  Anstand,  Meckcl’s 
Frage:  „Erzeugt  sich  vielleicht  bei  eintretenden  Respira- 
tionsbeschwerden die  Thymus,  auch  wenn  sie  obliterirt  ge- 
wesen war,  bisweilen  wieder?”  zu  bejahen,  und  meine 
Meinung  dahin  auszusprechen,  wie  ich  es  übrigens  bereits 
vor  einer  Reihe  von  Jahren  gethan,  dass  das,  was  Kopp 
für  die  Ursache  seines  Asthma  nimmt,  die  Folge  von  an- 
dern Krankheiten,  namentlich  der  Lungen  und  des  Herzens 
ist.  Der  nachstehende  Fall  nun  ist  der  Meinung,  dass  sich 
bei  Respirationsbeschwerden  die  Thymus , auch  wenn  sie 
obliterirt  gewesen  war,  wieder  erzeugen  könne,  sehr  güns- 
tig. Viele  ähnliche  Fälle  habe  ich  bei  verschiednen  Schrift- 
stellern gefunden. 

Der  Schneider  D.,  ein  früher  stets  gesunder  Mann, 
wurde  vor  6 Jahren  wahrscheinlich  von  einer  Lungenent- 


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140 


zändung  befallen,  indem  er,  nach  der  Aussage  seiner  Frau 
und  seiner  Schwester,  damals  über  Brustschmerzen  und 
grosse  Beklemmung  klagte,  Blut  aushustete  u.  s.  w.  Aerzt- 
liche  Hülfe  wurde  von  dem  auf  dem  Lande.  lebenden  D. 
nicht  in  Anspruch  genommen.  Er  erholte  sich  zwar  nach 
mehrern  Wochen  wieder,  jedoch  nicht  vollständig,  indem 
ein  schmerzhafter  Druck  in  der  rechten  Seite,  Kurzathmig- 
keit,  Husten  u.  s.  w.  zurückblieben.  Diese  Beschwerden 
nahmen  mit  den  Jahren  zu  und  traten  besonders  immer  in 
den  Monaten  März  und  April  stark  auf.  Am  15.  April  d.  J. 
wurde  D von  einem  ziemlich  heftigen  Froste  befallen,  dem 
bald  starke  Schmerzen  in  der  linken  Seite,  grosse  Beklem- 
mung, Bluthusten,  heftige  Bauchschmerzen,  starker  Durch- 
fall u.  s.  w.  folgten.  Auch  jetzt  wurde  ärztliche  Hülfe 
nicht  in  Anspruch  genommen.  Da  der  Kranke  bis  zu  sei- 
nem Tode,  der  am  10.  April  und  im  4<isten  Lebensjahre 
erfolgte,  umhergegangen  war  und  kurz  vor  demselben  noch 
eine  starke  Mahlzeit  gehalten  hatte,  so  entstand  das  Ge- 
rücht, dass  derselbe  keines  natürlichen  Todes  gestorben 
sei.  Das  Gericht  beschloss  daher  die  Section  der  Leiche, 
welche  unter  Anderem  Folgendes  ergab:  Die  Thymus  stellte 
zwei  plattrunde,  dicke,  durch  lockeres  Zellgewebe  ver- 
bundne  Lappen  von  röthlich  - weisser  Farbe  dar  und  war 
ungefähr  noch  einmal  so  gross,  wie  beim  reifen  Fötus. 
Der  Herzbeutel  enthielt  an  8 Unzen  Flüssigkeit,  die  vor- 
dere Wand  desselben  war  verdickt  und  mit  gallertartiger 
Masse  bedeckt.  Der  rechte  Vorhof  war  ausserordentlich 
gross,  die  Wände  des  rechten  Ventrikels  waren  verdünnt, 
die  des  linken  verdickt , beide  übrigens  nicht  vergrössert. 
Der  grösste  Theil  der  rechten  Lunge,  und  zwar  der  obere 
und  mittlere  Lappen,  war  leberartig  hart,  der  untere  Lap- 
pen dieser  und  die  ganze  linke  Lunge  durch  und  durch 
entzündet  und  stark  mit  Blut  angefüllt.  Auf  der  Schnitt- 
fläche der  hepatisirten  Lungensubstanz  zeigten  sich  beim 
Zusammendrücken  unzählige  Eiterpuncte.  Der  grösste  Theil 
des  Bauchfells  war  entzündet,  und  der  Magen  mit  Grütze 
und  Kartoffeln  angefüllt.  Unbegreiflich  ist  es,  wie  der  D. 


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141 


unter  solchen  Umständen  bis  zu  seinem  Tode  umhergehn 
und  noch  kurz  vor  demselben  das  Leibgericht  der  hiesigen 
Bauern  in  ansehnlicher  Menge  zu  sich  nehmen  konnte. 


2.  Arsenik  gegen  Wechselfieber,  hartnäckige 
Flechten,  Furunkeln  u.  s.  w. 

In  den  Jahren  1830  und  1831  machte  ich  sehr  häufig 
Gebrauch  von  dem  Arsenik  gegen  Wechselfieber  und  zwar 
mit  dem  ausgezeichnetsten  Erfolge,  weshalb  ich  dieses  so 
sehr  gefürchtete  Mittel  auch  in  den  folgenden  Jahren  nicht 
vernachlässigt  habe.  In  diesem  Jahre,  wo  der  Nolhstand 
so  gross  und  das  Wechselfieber  so  allgemein  war,  dass 
auch  in  kleinen  Dörfern  die  Kranken  zu  Dutzenden  gefun- 
den wurden,  war  es  für  mich  besonders  erfreulich,  in  dem 
Arsenik  ein  Mittel  zu  besitzen,  welches  das  Wechselficber 
schnell  und  sicher  heilt  und  dabei  so  wohlfeil  ist.  Ich  habe 
stets  die  Fowler' sehe  Solution  gebraucht  und  zwar  in  der 
fieberfreien  Zeit  alle  3 bis  4 Stunden  zu  6 bis  ö Tropfen. 
Niemals  gab  ich  das  Mittel  gewöhnlichen  Leuten  selbst  in 
die  Hände,  sondern  nur  den  Gutsherrschaften  oder  andern 
zuverlässigen  Personen.  In  allen  Fällen  verlor  sich  das 
Fieber  in  kurzer  Zeit,  sehr  oft  nach  eintägigem  Gebrauch, 
ja  nach  einigen  Gaben,  was  allerdings  nur  auf  Rechnung 
des  Glaubens,  der  das  Fieber  so  oft  allein  heilt,  geschrie- 
ben werden  kann.  Recidive  waren  ungleich  seltner  als 
nach  der  Anwendung  des  Chinins.  Die  Zahl  der  Wechsel- 
fieber, die  ich  seit  ungefähr  19  Jahren  mit  Arsenik  geheilt 
habe,  übersteigt  weit  500.  In  keinem  einzigen  Falle  habe 
ich  Nachtheil  davon  gesehn,  und  kann  ich  nur  in  allen 
Punkten  dem  Lobe  beistimmen,  welches  Heim  und  Vogt  die- 
sem so  wohlfeilen  und  leicht  zu  nehmenden  Mittel  ertheilen. 
Seiten  wird  man  über  2 Drachmen  der  Forcler’schen  Solu- 
tion zur  Heilung  eines  Fiebers  nöthig  haben,  sehr  oft  ist 
eine  Drachme  und  noch  weniger  dazu  hinreichend.  Wer 
nach  einer  solchen  Quantität,  gereicht  zu  6 bis  höchstens 
10  Tropfen  alle  3 bis  4 Stunden,  die  sogenannte  Arsenik- 


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Cachexie  oder  andre  Nachtheile  sah,  wollte  dergleichen  sehn. 
Der  Arsenik  ist  für  viele  Krankheiten  ein  schneller  oder 
langsamer  tödtendes  Gift,  ohne  auf  die  Inhaber  solcher 
Krankheiten  irgend  nachtheilig  zu  wirken,  wenn  er  in  ge- 
höriger Gabe  gereicht  wird.  Wie  oft  habe  ich  bei  chro- 
nischen Hautaussschlägen  die  Foicfcr’sche  Solution  zu  eini- 
gen Unzen  hintereinander  nehmen  lassen,  ohne  allen  und 
jeden  Nachtheil  nicht  nur,  sondern  auch  mit  dem  grössten 
Nutzen.  Ja,  ich  habe  einem  jungen  Manne,  der  an  einer 
weit  verbreiteten  fressenden  Flechte,  welche  eine  klebrige 
und  sehr  übel  riechende  Feuchtigkeit  in  grosser  Menge  ab- 
sonderle,  und  die  bisher  allen  sonst  gerühmten  Mitteln  ge- 
trotzt hatte,  ohne  Unterbrechung  4 Unzen  und  7 Drachmen, 
täglich  4 Mal  zu  9 Tropfen  gegeben,  und  zwar  mit  solchem 
Erfolge,  dass  der  Mann,  der  früher  das  Aussehn  hatte,  wie 
es  bei  der  sogenannten  Arsenikcachexie  sein  soll,  jetzt 
frisch,  kräftig  und  munter  und  von  seiner  Flechte  frei  ist. 
Noch  in  einem  andern  ähnlichen  Falle  habe  ich  3 Unzen 
auf  dieselbe  Art  hintereinander  nehmen  lassen,  und  zwar 
mit  dem  günstigsten  Erfolge.  Was  der  Dr.  Schweich  von 
dem  Nutzen  des  Arseniks  gegen  Furunkeln  sagt  (s.  diese 
Wochenschrift  1846  No.  39),  kann  ich  nur  bestätigen. 


3.  Mercurius  vivus  gegen  Ileus. 

Viele  Aerztc  verwerfen  den  Gebrauch  des  metallischen 
Quecksilbers  bei  dieser  Krankheit  ganz  und  sind  der  Mei- 
nung, dass  man  in  den  Fällen,  wo  es  genützt  hat,  auch  mit 
andern  Mitteln  ausgekommen  sein  würde.  Ich  vermag  nicht, 
dem  zu  widersprechen,  da  ich  selbst  Fälle  gesehn  habe,  wo 
es  unter  den  ungünstigsten  Umständen  auch  ohne  dieses 
Mittel  glücklich  ging.  In  drei  Fällen  indessen,  wo  ich  mit 
andern  Mitteln  Nichts  ausrichten  konnte,  schien  dasselbe 
schnelle  Hülfe  zu  bringen.  In  2 Fällen,  die  ich  bereits  vor 
einer  Reihe  von  Jahren  beobachtete,  gab  ich  zunächst  4 
Unzen  desselben  und  liess  nach  einer  halben  Stunde  eine 
gleiche  Gabe  reichen.  In  dem  zuletzt  beobachteten  Falle 


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reichte  eine  Gabe  zur  Beseitigung  des  (Jebels  hin.  Derselbe 
ist  folgender:  Ein  im  Ganzen  schwächlicher  und  zur  Ver- 
stopfung geneigter  Mann  von  einigen  und  30  Jahren  liess 
mich  in  der  Nacht  des  26.  Juli  1845  rufen.  Ich  fand  den- 
selben seit  tnehrern  Tagen  verstopft  und  alles  Genossene 
wieder  ausbrechend.  Der  Unterleib  war  gespannt,  aber  nicht 
erheblich  schmerzhaft,  die  trockne  Zunge  hatte  einen  gelb- 
lichen Belag,  der  kleine  und  gespannte  Puls  über  100  Schläge, 
die  Extremitäten  waren  kühl,  die  Brust  beklemmt,  der  Kopf 
frei,  das  Gesicht  erdfahl.  Der  Kranke  war  bis  dahin  von 
einem  gut  unterrichteten  Wundarzte  behandelt  worden.  Von 
innern  Mitteln  durfte  Nichts  erwartet  werden,  weit  Patient 
Alles  wieder  ausbrach.  Ich  war  daher  auf  Clystiere  und 
Einreibungen  beschränkt,  und  wurden  auf  diese  Art  2 Tage 
lang  die  verschiedensten  Mittel  angewandt,  aber  ohne  allen 
und  jeden  Erfolg.  Bereits  am  Abend  des  folgenden  Tages 
batte  sich  Kothbrechen  eingestellt.  In  der  ersten  Stunde 
des  29.  Juli  sah  ich  den  einige  Meilen  entfernten  Kranken 
wieder.  Die  Züge  seines  erdfahlen  Gesichts  waren  so  ver- 
ändert, dass  ich  ihn  kaum  wieder  erkannte.  Mit  sehr  schwa- 
cher Stimme  klagte  er  weniger  über  Schmerzen,  als  über 
eine  namenlose  Angst.  Die  Extremitäten  waren  kalt,  der 
Puls  kaum  fühlbar,  der  Leib  gespannt,  aber  gegen  Druck 
wenig  empfindlich,  die  Zunge  gelb  belegt  und  der  Schlaf 
fehlte  seit  5 Tagen,  ich  beschloss,  noch  einen  Versuch  mit 
dem  Hydrargyr.  zu  machen.  Dasselbe  war  aus  der  nahen 
Stadt  bald  herbeigeschafft  und  gab  ich  dem  Kranken  zu- 
nächst 4 Unzen.  Da  ich  sogleich  wieder  abreisen  musste, 
so  ordnete  ich  an,  demselben  nach  einer  halben  Stunde  eine 
gleiche  Gabe  zu  reichen,  wenn  sich  bis  dahin  nichts  ver- 
ändert haben  sollte.  Der  Kranke  weigerte  sich  jedoch  die 
zweite  Gabe  zu  nehmen,  und  seine  Umgebung,  die  den  Tod 
für  unvermeidlich  hielt,  glaubte  den  Kranken  weiter  nicht 
belästigen  zu  dürfen.  Zwei  Stunden  nachher  erfolgte  jedoch 
Stuhlgang,  und  dcrKranke  erholte  sich-ohne  Weiteres  ziemlich 
rasch.  Derselbe  sagte  mir  später,  dass  ihm  das  Quecksilber 
wie  eine  Eiskugel  durch  den  Leib  gelaufen  sei. 


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4.  Vergiftung  mit  Erdbeeren  aus  Backwerk. 

Zu  Weihnachten  1844  wurden  mir  von  einem  hiesigen 
Herrn  Erdbeeren  aus  Backwerk,  nach  deren  Genuss  Uebel- 
keit,  Erbrechen,  Kopfschmerzen,  Angst,  grosse  Mattigkeit 
u.  s.  w.  entstanden  waren,  zur  Untersuchung  übergeben. 
Der  Kelch  dieser  Erdbeeren  war  grün  gefärbt  und  zwar 
der  Art,  dass  man  sogleich  an  ein  Kupfersalz  denken  musste. 
Vorbereitende  Versuche  mit  Schwefelwasserstoffwasser,  wel- 
ches noch  nicht  alt  und  von  sehr  starkem  Geruch  war, 
wiesen  weder  Kupfer  noch  ein  andres  Metall  nach.  Sobald 
aber  ein  Strom  von  Schwefelwasserstoffgas  durch  eine  fil— 
trirte  und  schwach  angesäuerte  Lösung  des  Backwerks  ge- 
leitet wurde,  entstand  sogleich  ein  starker  Niederschlag,  der 
neben  Kupfer  auch  noch  Arsen  enthielt.  Die  hierauf  im 
Aufträge  des  Gerichts  vorgenommene  umständliche  chemi- 
sche Analyse  ergab  denn  auch  auf  das  Untrüglichste,  dass 
der  Kelch  der  Erdbeeren  mit  arsenigsaurem  Kupferoxyd, 
dem  sogenannten  Neuwieder  Grün,  gefärbt  war,  und  dass 
jede  Erdbeere  beinah  einen  halben  Gran  desselben  enthielt. 
Bei  der  von  mir  sogleich  vorgenommenen  Revision  des  Con- 
ditorladens,  aus  welchem  die  Erdbeeren  entnommen  waren, 
fand  ich  eine  ansehnliche  Quantität  Neuwieder  Grün  in  ei- 
ner Düte  vor,  nicht  aber  mehr  damit  gefärbtes  Backwerk. 
Es  gelang  mir  jedoch,  einen  ansehnlichen  Theil  davon,  der 
sich  in  verschiednen  Händen  befand,  in  meinen  Besitz  zu 
bringen,  und  so  weitere  Vergiftungen,  deren  an  12  vorka- 
men, welche  aber  alle  glücklich  abliefen,  zu  verhüten.  Die 
nach  alter  Weise  geführte  Untersuchung  endete  mit  Frei- 
sprechung der  Angeklagten.  Bei  der  erwähnten  Revision 
fand  ich  gleichzeitig  Zimmt  und  Bleiweiss  in  einem  Kasten 
friedlich  zusammen. 


In  No.  7 S.  103  Zelle  12  v.  u.  lies  lür  „im  linken  Hypogastrium"  — 
in  der  linken  rtg.  iliaca. 


Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

KUNDE. 


Heransgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1J  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
tigen Registern  ist  auf  3f  Thlr.  bestimmt,  wofür  säimntliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Mir schtcald. 


HEU 


10.  Berlin , den  4,m  März  1848. 


Gräfenberg,  Priettniti  und  die  Wasscrcuron.  Vom  Dr.  Richter.  — 
Die  Aerztc  und  der  Typhus  in  Oberschlesien.  Vom  Professor  Dr. 
Kuh.  — Kritischer  Anzeiger. 


Gräfenberg,  Priessnitz  und  die  Wassercuren. 


Nach  eignen  Beobachtungen  iu  mehrern  Wasserheilanstalten 
gesammelt  und  mitgetheilt 

vom  Dr,  C.  A.  W.  Richter , pract.  Arzt  in  Woldegk  in 
Mecklenburg. 


Es  sind  bereits  über  zwanzig  Jahre  verflossen,  seit  die 
Welt  — nicht  Deutschland  und  Europa  allein,  selbst  auf  den 
westindischen  Inseln  spricht  man  von  den  Wassercuren  — 
des  Lobes  des  kalten  Wassers  als  alleinigen  Curmittels  nicht 
allein  in  einigen,  sondern  in  allen  Krankheiten  voll  ist.  Die 
Aerztc  haben  sich  bis  auf  sehr  wenige  Ausnahmen  in  die- 
ser, ihr  Interesse  in  mehr  als  einer  Rücksicht  so  sehr  tief 
berührenden  Angelegenheit  bis  jetzt  öffentlich  fast  ganz 
passiv  verhalten  und  unter  ihnen  selbst  hat  sich  keine 
Stimme  erhoben,  welche  eine  ernstliche  Untersuchung  und 
Prüfung  der  Sache  hervorrief  oder  nur  auf  die  Nothwen- 
digkeit  einer  solchen  hinwies.  Vor  zehn  Jahren  schrieb 
Jahrgang  1848.  10 


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— 14«  - 

ich  zwei  Schriften  über  Wassercuren,  welche  den  Zweck 
hatten,  die  Sache  einer  gründlichen  Prüfung  zu  unterwer- 
fen, die  Aerzte  lobten  diese  Schriften  ihrer  Schreibart,  ih- 
rer gelehrten  Ausstattung,  kurz  der  Nebensache  wegen, 
die  Laien  begeisterten  sich  für  dieselben,  wie  die  vielen 
Anfragen,  welche  darüber  an  mich  ergingen,  bewiesen;  in 
der  Hauptsache  wurde  aber  mein  Zweck,  die  Wassercuren 
und  deren  Werth  einer  gründlichen  Prüfung  zu  unterwer- 
fen, gänzlich  verfehlt.  Vielleicht  war  es  der  rücksichtslose 
Leichtsinn,  mit  welchem  ich  damals  manche  Schwächen  der 
Heilkunde  aufdeckte,  welcher  vermuthen  liess,  ich  würde 
durch  Entgegnungen  gereizt,  noch  fernere  Angriffe  Vor- 
bringen, vielleicht  war  aber  unsre  Wissenschaft  damals  nicht 
im  Stande,  solche  Angriffe  zu  beseitigen  und  als  unzutref- 
fend zurückzuweisen,  indessen  heute,  nach  zehn  Jahren, 
wo  die  vielfachen  Fortschritte  der  Naturwissenschaften  nicht 
verfehlt  haben,  der  Heilkunde  ein  sichres  Fundament  anzu- 
bieten, auf  dem  sie  mit  neuern  positiveren  Mitteln  einen 
dauernden  Bau  beginnt;  jetzt  stehen  die  Sachen  anders, 
die  Wissenschaft,  sich  ihres  Ernstes,  ihrer  Würde  bewusst, 
hat  auch  die  Mittel,  diese  in  der  Prüfung  einer  sie  äffend 
umschwärmenden,  gespensterartigen  Angelegenheit  zu  be- 
haupten. Zu  diesem  Zwecke  tbeile  ich  hier,  in  einer  allgemein 
gelesenen  mcdicinischen  Zeitschrift,  meine  Beobachtungen 
und  Wahrnehmungen  aus  verschiednen  von  mir  im  Laufe 
des  verflossenen  Sommers  besuchten  Wasserheilanstalten 
mit,  besonders  vom  Gräfonberge,  weil  hier,  wenn  man 
nämlich  die  quantitative  Ausdehnung  der  Wasseranwendung 
zum  Maassstabe  nimmt,  die  Wassercuren  am  vollkommen- 
sten d.  h.  am  ausgiebigsten  geübt  werden. 

Es  war  oine  sehr  stürmische,  regnerische  Nacht,  in  der 
ich  im  Juni  v.  J.  in  Freiwaldau,  dem  unter  dem  Gräfen- 
berge  gelegnen  Städtchen  ankam  und  in  dem  zweiten  Gast- 
hofe daselbst,  der  erste  war  völlig  besetzt,  ein  Unterkom- 
men fand,  welches  indessen  von  der  Art  war,  dass  ich  fast 
Lust  halte,  trotz  Sturm  und  Regen  sogleich  wieder  abzu- 
reisen. Wie  sehr,  dachte  ich,  müssen  doch  die  Schriflstel- 


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ler  von  Partheieifer  verblendet  gewesen  sein,  wenn  sie 
pomphaft  des  grossen  Aufschwunges  erwähnen,  welchen 
dieses  Städtchen  der  nahen  Wasserheilanstalt  des  Priessnitz 
verdankt,  oder  wie  lief  muss  dieser  Ort  früher  gestanden 
sein,  wenn  er  jetzt  wirklich  sollte  so  sehr  sich  gehoben 
haben,  wie  hier  und  da  versichert  wird.  Man  denke  sich 
den  zweiten  Gasthof  in  einem  weltberühmten  Bade  etwas 
schlechter  als  die  gewöhnlichen  Dorfkrüge  in  Norddeutsch- 
land. „Nehmen  Sie  sich  in  Acht”,  sagte  mir  ein  sehr  ge- 
bildeter preussischer  Officier  in  Neisse  an  der  Wirlhstafel, 
„in  Gräfenberg  handelt  man  sehr  stark  mit  Brillen.  Bei 
uns  hat  Gräfenberg  keinen  so  guten  Buf,  und  wir  können 
uns  des  Bedauerns  nicht  enthalten,  wenn  wir  hier  Fremde 
dorchziehn  sehn,  um  ihre  Zeit  und  ihr  Geld  auf  dem  Grä- 
fenberge  zu  verlieren."  Damals  hielt  ich  diese  Aeusserung 
für  eine  feindselige  Meinung  unter  Inspiration  eines  viel- 
leicht durch  Priessnitz'  s Nähe  gedrückten  Arztes  entstanden, 
doch  in  meinem  über  alle  Beschreibung  unbehaglichen 
Quartier  kamen  mir  allerlei  Gedanken  und  Zweifel,  ob  wohl 
Alles  hier  so  sein  würde,  wie  der  Buf  verkündete  und  wie 
ich  es  zu  finden  wünschte,  und  ich  beschloss,  möglichst 
die  Augen  offen  zu  behalten.  Den  Morgen  nach  meiner 
Ankunft  früh  um  5 Ohr  fuhr  ich  schon  nach  dem  Gräfen- 
berge  hinauf.  Das  Etablissement  des  Priessnitz  liegt  recht 
romantisch  und  macht  aus  der  Ferne  mit  seinen  weissen 
Häusern  einen  recht  freundlichen  Eindruck.  Die  durch  den 
nächtlichen  Begen  geschwellten  Bächlein  rauschten  und 
brausten  vom  Grüfenberge  herab  mir  entgegen  und  schie- 
nen sich  scherzend  ihre  Erlebnisse  dort  oben,  wie  sie  schon 
zu  so  früher  Stunde  zu  Hunderten  von  Bädern  gedient  hat- 
ten, zu  erzählen.  Eine  kleine  Strecke  weiter  belebte  sich 
die  Gegend,  ich  gewahrte  des  Weges  daherkommend  einen 
Menschen,  der  meine  vollste  Aufmerksamkeit  in  Anspruch 
nahm.  Der  Mann  war  im  blossen  Kopfe,  sein  bereits  er- 
grautes Haar  flatterte  im  Winde,  ohne  Halstuch,  ohne  Weste, 
die  sonnverbrannte  röthlieke  Brust  frei  der  Morgenluft  dar- 
bietend, war  er  bloss  mit  einem  blau  uud  weiss  gestreiften 

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Rocke  von  Leinwand,  mit  einem  ähnlichen  Beinkleide  be- 
kleidet, ohne  Strümpfe  mit  juchtnen  Schuhen  an  den  Füssen. 
Er  verfolgte  die  mit  Wasser  gefüllte,  tief  ausgefahrne  Rad- 
spur des  steinigen  Weges.  Als  er  an  mir  vorüberkam, 
grösste  er  mit  einem  ganz  unverkennbaren  Ausdrucke  der 
Selbstzufriedenheit  und  des  Heroismus.  Diese  Miene,  der 
seltsame  Aufzug  des  Mannes,  sein  Wandeln  bis  über  die 
Knöchel  im  Wasser  zu  so  früher  Stunde  Hessen  unwillkühr- 
lich  in  mir  die  Vermuthung  aufsteigen,  dieser  Mann  werde 
ein  Geisteskranker  sein.  Kaum  war  ich  aber  einige  fünf- 
zig Schritte  aufwärts  gekommen,  als  ich  zwei  ganz  ebenso 
kostümirte  Männer  höchst  gemächlich  neben  einander,  jeder 
eine  vom  Wasser  ausgefüllte  Radspur  verfolgend,  in  munt- 
rer Unterhaltung  mir  entgegen  kommen  sah.  Jetzt  er- 
wachte in  mir  allerdings  schon  der  Gedanke,  diese  Leute 
möchten  wohl  nicht  verrückt  sein,  sondern,  wie  der  ge- 
bräuchliche Ausdruck  auf  dem  Gräfenberge  ist,  Kur  machen 
und  ich  muss  gestehn,  diese  Art  des  Kurmachens  spannte 
denn  doch  meine  Erwartungen  von  dem,  was  ich  auf  dem 
Gräfenberge  erfahren  würde,  noch  etwas  mehr  herunter, 
als  das  schlechte  Nachtlager  in  Freiwaldau.  So  ziemlich 
hatte  ich  jetzt  die  Hälfte  des  Weges  zwischen  Freiwaldau 
und  dem  Gräfenberge  zurückgelegt,  da  eröffnete  sich  mir 
bei  einer  Biegung  der  Strasse  plötzlich  ein  ganz  andres 
Kurschauspiel.  Um  ein  obeliskenartiges  Bauwerk  aus  grauem 
Marmor,  das  eine  Gürtel  von  weissem  Marmor  und  darauf 
die  Inschrift  in  goldnen  Buchstaben:  au  gcnie  de  l'eau  froide 
hat,  sah  ich  eine  Gruppe  von  Männern  und  Damen  ver- 
sammelt, welche  aus  den  verschiedenartigsten  Trinkgeschir- 
rcn,  Gläsern,  Hörnern  u.  s.  w.  in  kräftigen  Zügen  an  der 
Ouelle  tranken , deren  Einfassung  jenes  obeliskenartige 
Denkmal  vorstellt.  Da  schon  der  Kurkostüme  der  Herrn 
Erwähnung  geschehn  ist,  so  will  ich  hier  sogleich  noch 
die  Schilderung  des  gewöhnlichen  Anzuges  einer  Grüfen- 
berger  Kurdame  beifügen.  Ueber  die  Unterkleider  dersel- 
ben vermag  ich  nichts  Bestimmtes  zu  sagen,  doch  scheinen 
sie  sich  auf  sehr  wenig,  wie  ich  gehört  habe,  meist  auf 


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das  blosse  Hemde  zu  beschränken;  was  aber  zur  Schau 
gestellt  wird  von  Oberkleidern,  ist  gleichfalls  sehr  wenig, 
denn  man  sieht  an  den  Damen  nur  zwei  Bekleidungsstücke, 
nämlich  eine  Bluse  von  bunter  Leinwand  und  Schuhe.  Es 
fehlt  Hut,  Halstuch,  Handschuhe,  Strümpfe,  deren  Mangel 
um  so  auffallender  wird,  als  die  sogenannten  Kleider  nur 
bis  auf  die  halbe  Wade  herabfallen  *).  Und  nun  gleich  die 
Anzüge  der  Kinder,  denn  deren  sind  sehr  viele  hier,  weil 
die  Eltern  ihnen  hier  für  ihr  ganzes  künftiges  Leben  Im- 
munität von  aller  Krankheit  zu  verschaffen  meinen;  die 
Kinder  gehn  im  blossen  Hemde,  eine  Leinbluse  und  baar- 
fass.  — Dies  Alles  machte  einen  höchst  unheimlichen  Ein- 
druck auf  mich,  ich  verliess  mein  Fuhrwerk,  schickte  die- 
ses nach  Freiwaldau  zurück,  um  von  meinem  Gepöcke  un- 
aufgehalten  allenfalls  nach  einem  einfachen  Spaziergange 
durch  diesen  Wunderort  sogleich  wieder  abreisen  zu  kön- 
nen, und  setzte  den  Weg  zu  Fuss  fort.  Der  Pfad  wurde 
jetzt  mehr  und  mehr  von  lustwandelnden  Herrn  und  Da- 
men, — einige  schienen  sich  aber  auch  zu  Schnellläufern 
ausbilden  zu  wollen  — belebt,  welche  sämmtlich  ähnlich, 
wie  die  geschilderten  gekleidet  waren,  nur  dass  sie  jetzt, 
wo  die  Sonne  hinter  den  Regenwolken  hervorkam  und 
recht  empfindlich  brannte,  zum  Theil  Regenschirme  aufge- 
spannt hatten,  welche  Hut,  Halstuch,  Handschuhe  u.  s.  w. 
ersetzen.  Nun  hatte  ich  die  ersten  Häuser  des  Etablisse- 
ments erreicht,  aus  denen  verschiedentlich  eine  Art  Hülfe- 
ruf  oder  Nothschrei  mir  entgegendrang,  doch  da  ich  sah, 
dass  sich  keiner  der  mir  Entgegenkommenden  hierdurch 
beunruhigen  oder  nur  seine  Aufmerksamkeit  fesseln  Hess, 
so  setzte  auch  ich  meinen  Marsch  ruhig  fort  und  erfuhr 
erst  später,  dass  diese  Exclamationen  ganz  unwillkührlich 
beim  Eintritt  in  die  grosse  Wanne  erfolgen  und  deshalb 
für  die  länger  Anwesenden  nichts  Befremdliches  haben. 
Ein  wehendes  Laken  lenkte  zufällig  meine  Blicke  nach  den 
Fenstern  des  gegenüberstehenden  Hauses.  Ich  gewahrte 


*)  Hört!  hört! 


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an  dem  offnen  Fenster  im  Erdgeschosse  einen  nackten 
Mann,  der  sich  mit  dem  Laken  fächelte.  Da  hier  die 
Hauptpassage  für  die  Kurgäste  war  und  auch  in  diesem 
Augenblicke  einige  Damen  vorübergingen,  so  erwachte  al- 
lerdings wieder  die  Vermuthung  in  mir,  der  sich  also  rück- 
sichtslos gebärdende  Mensch  müsse  bestimmt  ein  Geistes- 
kranker sein;  indessen  ich  hatte  mich  wiederum  getäuscht, 
es  wurde  hier  ein  Luftbad  genommen,  — das,  was  man 
sonst  Rücksichten  auf  Anstand,  Schaamgefühl  u.  s.  f.  nennt, 
kommt  auf  dem  Gräfenberge  nicht  zur  practischen  Uebung, 
wenigstens  nicht,  * sofern  cs  mit  der  Kur  in  Collision  gera- 
then  kann.  *)  Gegen  Nordwesten  begrenzt  das  Etablisse- 
ment, welches  beiläufig  aus  10  bis  12  dem  Priasiuiz  ei- 
gentümlichen Häusern  und  aus  der  sogenannten  CoJonie, 
welche  ebenso  viel  Häuser  unter  mehrern  einzelnen  Be- 
sitzern, welche  jedoch  meistens  gleichfalls  Priessnäz  heis- 
sen, enthält,  besteht,  das  sogenannte  grosse  Kurhaus.  Die- 
ses enthält  des  Wundermannes  Schweine-,  Pferde-,  Kuh- 
und  Schaafställe , den  grossen  Speisesaal  für  die  Kurgäste, 
verschiedentliche  Wohnungen  für  dieselben,  auf  dem  Trok- 
kenboden  sind  noch  7 bis  8 Buchten  für  ebenso  viele  Kur- 
gäste abgeschlagen,  ferner  Herrn  Pritsmüz  Wohnung,  die 
Küche  und  dor  Kaiserl.  Königl.  Tabacksverschteiss.  Die 
Schweine,  Pferde,  Kühe  und  Schafe  haben  ihre  alten  Ställe 
den  Kurgästen  überlassen,  und  eine  Ungarische  Gräfin  hatte 
die  Ehre,  den  gewesenen  Hühnerstall  zu  bewohnen.  In 
das  grosse  Kurhaus  trat  ich  jetzt,  um  Priessnüz  aufzusu- 
chen. In  der  Küche,  wohin  ich  gewiesen  wurde,  fand  ich 
ihn  nicht,  auch  konnte  man  mir  dort  nicht  sagen,  wo  er 
augenblicklich  zu  finden  sei,  jedoch  sollte  er  bald  zum 
Frühstück  kommen.  Ich  musste  mich  also  einige  Zeit  in 
Geduld  fügen.  Plötzlich  machte  sich  ein  Mensch  hinter 
meinem  Rücken  bcmerklich,  den  ich  auf  den  ersten  Blick 
für  eine  Art  Hausknecht  oder  dergleichen  ansah,  und  dem 
ich  deshalb  den  Auftrag  gab,  sich  doch  nach  Herrn  Priess - 


*)  Hört!  hört! 


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n ite  zu  erkundigen,  den  ich  zu  sprechen  wünsche.  Wie 
erstaunte  ich,  als  sich  dieser  Mann  als  Herr  Prietsnilz  selbst 
vorstellte.  Freilich  sieht  man  wohl  nur  sehr  wenigen  Män- 
nern, wenn  man  sie  unvorbereitet  erblickt,  ihren  Werth 
und  Ruhm  an  der  Nase  an,  indessen  ich  muss  gestehn,  dies 
erste  Zusammentreffen  mit  Priessmtz  hatte  etwas,  was  schon 
einen  Theil  des  Nimbus  zerstörte,  den  sonst  seine  persön- 
liche Erscheinung  bei  denen  verbreiten  mag,  welche  sich 
feierlichst  vorbereitet  haben,  einen  schon  durch  seine  äus- 
sere Erscheinung  sich  als  bedeutend  ankündigenden  Mann 
sehn  zu  wollen.  Ich  bedurfte  eines  Augenblickes  Zeit,  um 
mich  über  diese  unvermuthete  Erscheinung  zu  orienliren, 
und  diese  benutzte  Priesmitz  zu  der  Frage : „Wollens  halt 
die  Kur  brauchen?”  Diese  naive  Frago  liess  sich  so  ohne 
Weiteres  nicht  beantworten  und  ich  machte  ihm  deshalb 
bemerklich,  dass,  ehe  ich  ihm  hierauf  eine  Antwort  erthei- 
len  könnte,  eine  längere  Unterredung  zwischen  uns  nölhig 
sei,  deren  Anknüpfung  ein  Brief,  den  ich  ihm  von  einem 
frühem  Kurgaste  überbrachte,  geben  würde.  Er  führte 
mich  jetzt  in  sein  Wohnzimmer  und  schickto  sich  an,  den 
Brief  zu  lesen.  Der  mir  bekannte  Inhalt  desselben  war 
sehr  einfach,  mein  Name,  Stand  und  die  Bemerkung,  ich 
habe  ein  leichtes  Unterleibsleiden  war  Alles,  indessen,  sei 
es,  weil  ihm  geschriebene  Schrift  nicht  ganz  geläufig 
lesbar  ist,  sei  es,  dass  ihn  der  Umstand,  ich  sei  Doctor 
der  Medicin  — gegen  Aerztc  hegt  er  einen  schlecht  ver- 
hehlten Abscheu  und  sieht  sie  höchst  ungern  auf  dem  Grä- 
ienberge  — zu  einem  langem  Nachdenken  Veranlassung 
gab,  genug  er  liess  mir  fast  eine  Viertelstunde  Zeit,  mich 
mit  seiner  üussern  Erscheinung  zu  beschäftigen  und  etwa, 
wenn  es  möglich,  den  ungünstigen  Eindruck,  welchen  er 
zuerst  auf  mich  gemacht  halle,  zu  depreciren.  Wenn  ich 
mir  über  den  Charakter  eines  mir  sonst  unbekannten  Men- 
schen Aufschluss  zu  verschaffen  suche  aus  dem  blossen  An- 
blicke desselben,  so  suche  ich  unwillkürlich  nach  einer 
Aehniicbkeit  seiner  Physiognomie  mit  der  eines  mir  ge- 
nauer bekannten  Menschen  oder  lasse  mich  von  einer  Aehn- 


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lichkeit,  welche  die  Physiognomie,  über  die  ich  mich  orien- 
iiren  will,  mit  dem  characteristischen  Ausdrucke  einer  Thier- 
physioguomie  hat,  leiten.  Ueber  den  Werth  oder  Unwerth 
dieser  physiognomonischen  Methode  soll  hier  nicht  ent- 
schieden werden,  das  Resultat  derselben  war  aber  in  die- 
sem Falle,  dass  ich,  als  Priessnitz  lauernd  über  den  Brief 
weg  nach  mir  hinschielte,  fast  laut  ausrief:  unverkennbar 
ein  Fuchs.  Diese  äussere  Aehnlichkeit  ist  später  von  Vie- 
len, welche  ich  darauf  aufmerksam  machte,  bestätigt  und 
ich  muss  erfahrungsgemäss  hinzufügen,  die  Aehnlichkeit  ist 
nicht  bloss  äusserlich,  sie  ist  charakteristisch.  Sonst  ist  er 
ein  langgewachsener,  hagerer  Mann,  der  sich,  wahrschein- 
lich um  seinem  Auftreten  etwas  Würdevolles  zu  geben,  fast 
rücküber  trägt,  weshalb  er  beim  Gehn  gezwungen  ist,  sich 
mit  Gewalt  vorzuwerfen  und  stark  mit  den  Absätzen  auf- 
zutreten, was  seinem  Gange  etwas  Trotziges  giebt.  Wie 
lange  Priessnitz  noch  gebraucht  haben  würde,  den  Brief  zu 
lesen,  weiss  ich  nicht,  denn  unsre  stumme  Unterhaltung 
wurde  durch  den  Eintritt  seines  Secretairs  unterbrochen, 
mit  dem  er  sogleich  eine  Berathung  darüber  begann,  ob 
und  wo  ich  untergebracht  werden  könnte.  Der  Secretair 
schien,  als  er  erfuhr,  ich  sei  ein  Arzt,  nicht  übel  Lust  zu 
haben,  von  Mangel  an  Raum,  von  Unmöglichkeit  der  Auf- 
nahme u.  s.  w.  zu  sprechen,  indessen  Priessnitz  gab  ihm 
den  Brief  und  nach  Durchlesung  desselben  beschlossen  sie, 
mich  in  der  Bretterbude  unterzubringen.  Die  Lust,  schon 
jetzt  mit  Priessnitz  ein  ernstlicheres  Gespräch  anzuknüpfen, 
war  mir  während  der  Unterhaltung  mit  seinem  Secretair, 
mit  dem  er  offenbar  eine  doppelte  Sprache  führte,  eine 
durch  Blicke  und  Mienen,  eine  andre  durch  Worte,  erstere 
drückte  die  Unannehmlichkeit  aus,  einen  fremden  Arzt  hier 
zu  sehn,  letztre  sollte  mir  andeuten,  wie  gnädig  man  gegen 
mich  sei,  gänzlich  vergangen,  und  ich  bemerkte  ihm  des- 
halb bloss  noch,  wie  ich  seit  Breslau  einen  Engländer  aus 
den  westindischen  Colonien  mit  mir  brächte,  der  an  der 
Lungenschwindsucht  leide,  sich  es  aber  in  den  Kopf  ge- 
setzt habe,  dennoch  die  Wassercur  zu  gebrauchen.  Ob- 


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gleich  ich  glaube,  fuhr  ich  fort,  dass  er  selbst  für  solche 
Kranke  seine  Behandlungsweise  sehr  unangemessen  finden 
werde  und  dieser  offenbar  besser  gethan  haben  würde,  in 
dem  warmen  Ciima  seiner  neuen  Heimath  zu  bleiben,  so 
bitte  ich  ihn  doch,  diesem  Armen  nicht  sogleich  alle  Hoff- 
nung, welche  ihn  nur  die  Beschwerden  der  weiten  Reise 
in  seinem  kläglichen  Zustande  hätten  ertragen  lassen,  zu 
rauben  und  ihn,  wenn  er  auch  nicht  die  eigentliche  Was- 
sercur  gebrauchen  könne,  doch  hier  die  übliche  Diät  mit- 
machen und  die  frische  Luft  geniessen  zu  lassen.  Während 
dieses  meines  Vortrags  wechselte  Pricssnitz  sonderbare 
Mienen  mit  seinem  Secretair  und  ich  habe  später  gehört, 
dass  er  es  mir  sehr  übel  genommen  hat,  meine  Meinung 
so  unumwunden  ausgesprochen  und  einen  offenen  Zweifel 
an  der  Wirksamkeit  seiner  Cur  gegen  alle  Krankheiten, 
indem  ich  an  der  Heilung  der  Lungenschwindsucht  zwei- 
felte, geäussert  zu  haben.  „Wenn’s  halt  so  schlimm  ist”, 
äusserte  sich  Priessnitz  nach  einigem  Bedenken,  „so  sagen’s 
ihm  nur,  dass  er  wieder  abreisen  soll.”  Sehr  häufig,  be- 
merkte ich  dagegen,  sehn  wir  Aerzte  die  Unmöglichkeit 
der  Heilung  zwar  sehr  klar  ein,  behandeln  aber  dennoch 
den  Kranken^  weil  sich  vielleicht  Schmerzen  beseitigen,  das 
Leben  einige  Zeit  fristen  lässt  und  vor  Allem  es  grausam 
wäre,  demselben  die  süsse  Hoffnung  zu  rauben.  In  dem 
gegenwärtigen  Falle  würde  die  plötzliche  Zerstörung  der 
Hoffnung  doppelt  hart  sein  und  ich  bitte  Sie  deshalb  noch- 
mals recht  dringend,  doch  den  fraglichen  Kranken  erst 
selbst  zu  sehn,  ehe  Sie  ihn  abreisen  lassen.  „Es  ist  halt 
doch  umsonst”,  entgegnete  Pricssnitz,  „wenn’s  schon  so 
schlimm  ist,  wie  Sie  sagen,  lassens  nur  wieder  abreisen”. 
Haben  Sie  überhaupt  schon  günstige  Resultate  über  die 
Anwendung  des  kalten  Wassers  in  Lungenschwindsucht 
gesehn?  fragte  ich  weiter.  „0  ja”,  war  seine  Antwort, 
„zwei  Fälle,  wo  die  Kranken  hier  wieder  gesund  wurden, 
habe  ich  gehabt”.  Nun,  entgegnete  ich,  so  ist  ja  auch  hier 
vielleicht  Heilung  oder  Besserung  möglich,  und  da  der 
Kranke  auf  der  Insel  Cuba  angesessen  ist,  so  würde  dieser 


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Füll  sehr  viel  Aufsehn  machen,  überdiess  scheint  er  sehr 
reich  zu  sein. — Statt  aller  Antwort  Irug Priessnitz  seinem 
Secretair  auf,  eine  Wohnung  in  derColonie  für  den  Kran- 
ken zu  besorgen.  Ich  verabredete  dann  mit  ihm,  uns  bei 
dem  Kranken  in  Freiwaldau,  wo  er  ihn  doch  noch  erst  sehn 
wollte,  ehe  er  ihn  annähme,  zu  treffen.  Das  Sehn  war 
nun  in  der  That  ein  blosses  Sehn,  denn  gesprochen  hat 
Prietsnite  dabei  kein  Wort,  er  stand  steif  hinter  dem  Rük- 
ken  des  Kranken  und  sagte  im  Weggehn,  der  Kranke  solle 
in  der  Colonie  untergebracht  werden.  — Es  ereignete  sich 
demnach  im  Laufe  dieses  Morgens  sehr  Vieles,  welches 
wohl  geeignet  war,  mich  sehr  nüchtern  zu  stimmen. 

(Fortsetzung  folgt.) 


Die  Aerzte  und  der  Typhus  in  Obcrsehlesien. 

Mitgelheilt 

vom  Professor  Dr.  Kuh,  z.  Z.  in  Rybnik  in  Oberschlesien  *). 

t 

Rybnik,  17.  Februar.  — Schon  vor  einiger  Zeit  hörte 
ich  selbst  in  Breslau , wie  der  Herr  Ober  - Präsident  der 
Provinz  versicherte,  die  Landleute  hiesiger  Gegend  ver- 
schmähten während  der  jetzigen  Epidemie  die  ärztliche 
Hülfe.  Da  ich  mit  den  Sitten  der  hiesigen  Landleute  seit 
20  Jahren  vertraut  bin,  so  wusste  ich  wohl,  dass  diese 
Meinung  nur  auf  unrichtiger  Deutung  einer  an  sich  richti— 

«)  Bei  dem  regen  Interesse,  das  die  obcrschlesische  Senche  in 
ganz  Deutschland  gefunden,  nehme  ich  keinen  Anstand,  obiger  Ein- 
sendung einen  Platz  in  der  Wochenschrift  einzuräumen,  wo  sie  gleich- 
sam eine  Einleitung  au  den  wissenschaftlichen  Mittheilunge«  über  diese 
furchtbare  Typhus-Epidemie  bilden  mag,  welche  mir  auf  meine  des- 
fallsigen  Veranstaltungen  bereits  zugesichert  worden  sind , und  zu 
welchen  ich  auch  wohl  spätere  Mittheilungen  des  obigen  geschätzten 
Herrn  Verfassers  erhoffeu  darf.  ti. 


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155 


gen  Thatsache  beruhen  konnte,  der  nämlich,  dass  der  arme 
Landmann  den  Arzt  allerdings  in  der  Regel  nicht  ruft, 
nicht  weil  er  seine  Hülfe  gering  schätzte,  sondern  weil  er 
die  Kosten  scheut;  kommt  dagegen  ein  Arzt  in  ein  Dorf, 
so  wird  er  gemeiniglich  von  allen  Seiten  mit  Bitten  be- 
stürmt; selbst  der  Aermste,  welcher  keine  Medicin  bezah- 
len kann,  wünscht  wenigstens  einen  Rath. 

Die  Acusserung  des  Herrn  Ober-Präsidenten,  obgleich 
später  in  den  Zeitungen  publicirt,  konnte  ich,  da  sie  nicht 
amtlich,  sondern  im  Hülfscomite  ausgesprochen  war,  auf 
sich  beruhen  lassen.  Nachdem  aber  die  königliche  Regie- 
rung zu  Oppeln  in  einer  Verfügung  an  den  Secundär-Arzt 
der  Ständischen  Irrenheilanstalt  zu  Leubus,  Herrn  Dr.  Neu- 
mann,  welcher  dermalen  in  Radlin  bei  Loslau  thätig  ist,  er- 
klärt hat,  das  Volk  wolle  im  Allgemeinen  die  Aerzle  nicht 
und  habe  zu  ihnen  kein  Vertrauen,  halte  ich  es  für  eine, 
meinem  Stande  schuldige  Pflicht,  mich  über  diesen  Gegen- 
stand öffentlich  zu  erklären;  denn  wenn  diese  Ansicht  die 
richtige  wäre,  so  würde  ein  schwerer  Makel  auf  die  Aerzte 
fallen,  da  man  vermuthen  müsste,  dass  sie  durch  eigne 
Schuld  das  Vertrauen  des  Volks  verscherzt  hätten. 

Da  ich  mich  seit  neun  Tagen  auf  dem  Schauplatze  des 
Elends  befinde,  bin  ich  so  glücklich  aus  eigner  Anschauung 
behaupten  zu  können , dass  die  erwähnte  Ansicht  eine  ir- 
rige ist.  Worauf  sich  dieselbe  begründen  mag,  ist  mir 
gänzlich  unbekannt;  ich  habe  von  keinem  amtlichen  Berichte 
erfahren  können,  welcher  aus  den  Gegenden,  wo  die  Epi- 
demie herrscht,  dergleichen  behauptet  hätte.  Dagegen  be- 
rufe ich  mich  auf  das  Zeugniss  der  sämmtlichcn  Behörden 
hiesiger  Gegend.  Sie  alle  können  im  Falle  des  Zweifels 
bekunden,  dass  wir  unsro  Pflicht  mit  Treue  und  Furchtlo- 
sigkeit üben,  und  dass  uns  das  Volk,  wo  wir  uns  zeigen, 
anhängt,  unsern  Rath  sucht  und  gern  befolgt;  ich  berufe 
mich  auf  die  Thalsache,  dass  von  den  zwölf  Aerzten  und 
Wundärzten  des  hiesigen  Kreises  vier  angesteckt  worden 
sind,  wovon  zwei  genesen  und  zwei  noch  krank  liegen. 

Das  aber  muss  ich  allerdings  einräumen,  dass  bisher 


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15fl 


die  Wirksamkeit  der  Aerzte  eine  sehr  beschränkte  war; 
jedoch  ohne  ihr  Verschulden.  Die  Aerzte  konnten  dem 
Kranken  auf  dem  Lande  keine  Hülfe  leisten;  denn  sie  er- 
hielten nicht  einmal  die  benölhigten  Fuhren.  Man  begnügte 
sich  damit,  ihren  uneigennützigen  Beistand  zu  verhoflen, 
während  die  königl.  Regierung  den  barmherzigen  Brüdern, 
deren  rühmliche  Thätigkeit  ich  vollkommen  anerkenne, 
Fuhren  zur  Disposition  gestellt  hatte. 

Wenn  aber  auch  die  Aerzte  im  Stande  gewesen  wä- 
ren, ihren  kärglichen  Erwerb  in  den  Städten  ohne  Ent- 
gelt zu  verlassen  und  sich  selbst  Fuhren  zu  verschaffen, 
so  würden  sie  doch  nur  wenig  ausgerichtet  haben,  wenn 
sie  mit  leeren  Händen  gekommen  wären  (nur  den  Kreis- 
Medicinalbcamten  waren  Geldmittel  der  königl.  Regierung 
zur  Disposition  gestellt  worden)  und  wenn  sie  nicht  zu- 
gleich durch  Organisation  einer  regelmässigen  Pflege  die 
Ausführung  ihrer  einfachen  Vorschriften  da  sichern  konn- 
ten, wo  keine  barmherzigen  Brüder  sind,  deren  verhält- 
nissmässig  geringe  Zahl  bei  weitem  nicht  im  Stande  ist, 
dem  Bedürfnisse  an  Pflegern  zu  entsprechen. 

Zum  Glück  für  das  arme,  schwer  heimgesuchte  Land 
erschien  vor  einigen  Tagen  Sr.  Excellenz  der  königl. 
Staats- Minister,  Herr  Graf  zu  S toll b erg,  und  von  da  an 
trat  ein  Umschwung  in  den  hiesigen  Verhältnissen  ein. 
Sofort  wurde  zur  regelmässigen  Organisation  ärztlicher 
Hülfe  auf  Staatskosten  in  Verbindung  mit  einer,  durch  die 
Aerzte  und  die  Ortscomites  unmittelbar  zu  überwachenden 
Krankenpflege  geschritten.  Zu  Pflegern  werden  da,  wo 
keine  barmherzigen  Brüder  sind,  muthige  Männer  aus  dem 
Volke  gegen  angemessene  Belohnung  von  den  Aerzten  be- 
stellt und  bei  den  Kranken  eingeführt.  Der  Reiz  eines 
Erwerbs,  die  Nächstenliebe  und  das  Ehrgefühl  wirken  zu- 
sammen; denn  es  giebt  überall  noch  Männer,  welche  sich 
schämen,  nicht  nachzugehn,  wo  der  Arzt  vorangeht,  nicht 
Hand  anzulegen,  wo  dieser  der  erste  ist,  welcher  Hand 
anlegt.  Die  Angst  vor  der  Ansteckung  unter  der  Bevöl- 
kerung ist  allerdings  gross.  Es  kommt  nun  darauf  an, 


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dahin  zu  wirken,  dass  sie  von  Einzelnen  überwunden  werde, 
damit  die  Kranken  nicht  hülflos  bleiben  da,  wo  (was  häu- 
fig ist)  alle  Erwachsenen  einer  Familie  ergriffen  sind.  Ich 
will  es  dahingestellt  sein  lassen,  ob  der  Schulze  zu  Rad- 
lin,  wie  Herr  Dr.  Kiinzer  erzählt,  sich  erlaubt  hat,  bei 
Strafe  zu  verbieten,  den  Kranken  etwas  zuzutragen.  Wie 
dem  aber  auch  sei,  so  würde  eben  dieser  Umstand  auch 
nur  bekunden,  wie  gross  die  Furcht  der  Menschen  ist,  und 
wie  nöthig  es  daher  wird,  dass  dieselbe  bei  Einzelnen 
besiegt  werde,  damit  den  Kranken  Hülfe  zukomme.  Für 
die  grosse  Masse  bleibt  cs  ein  Glück,  dass  sie  die  Com- 
munication  mit  inficirten  Orten  meidet,  weil  so  wenigstens 
ein  Moment  der  Verbreitung  der  Krankheit,  die  Infcction, 
in  seiner  Wirkung  beschränkt  wird.  — Absperrungen  sind 
weder  durch  die  bestehenden  Verordnungen  vorgeschrie- 
ben, noch  durch  die  Umstände  geboten,  noch  ausführbar, 
noch  auch  von  irgend  einer  Behörde  angeordnet.  — Wenn 
die  barmherzigen  Brüder  im  Anfänge  ihres  Hierseins  ei- 
nige Thüren  aufgesprengt  haben,  und  die  königl.  Regierung 
zu  Oppeln  befohlen  hat,  dass  das  Verschlüssen  der  Häu- 
ser, in  welchen  das  Nervenfieber  ausgebrochen  ist,  abge- 
schafft werde,  so  könnte  es  den  Anschein  haben,  als  wäre 
von  irgend  Jemand  ein  Befehl  dazu  ertheilt  worden.  Das 
ist  nicht  der  Fall.  Wer  die  Sitten  der  hiesigen  Landbe- 
wohner kennt,  weiss,  dass  sie  sich  selbst  von  Innen  in  ih- 
ren Zimmern  und  Häusern  verschliessen,  und  so  ist  es  al- 
lerdings erklärlich,  dass  wenn  in  einem  Hause  oder  Zim- 
mer alle  Erwachsenen  krank  lagen,  die  Thüre  spät  oder 
auch  gar  nicht  geöffnet  wurde.  Ein  solcher  Zustand  bleibt 
höchst  beklagenswerlh , aber  seine  Wurzel  ist  nicht  das 
Verschliessen  der  Thüren;  wir  andern  halten  auch  wohl 
unsre  Häuser  und  Zimmer  unter  Verschluss,  sondern  die 
Hülflosigkeit,  in  welcher  die  Einwohner  in  Folge  der  all- 
gemeinen Furcht  sich  befanden.  Die  einzige,  auf  Separa- 
tion der  Kranken  von  den  Gesunden  abzielende  Massregel, 
welche  das  durch  A.  H.  Cabinetsordre  vom  8.  August  1835 
genehmigte,  die  Sanitätspolizeilichen  Vorschriften  bei  den 


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158 


am  häufigsten  vorkommenden  Krankheiten  enthaltende  Re- 
gulativ vorschreibt,  ist  die  Anheftung  einer  Warnungstafel 
an  die  inficirte  Wohnung.  Diese  ist  hier  zur  Ausführung 
gekommen,  aber  freilich  nur  theilweise,  denn  wer  wäre  in 
der  Zeit  der  allgemeinen  Verwirrung  und  Bestürzung  im 
Stande  gewesen,  sie  überall  durchzuführen?  Diese  Tafeln 
sind  in  Städten,  besonders  in  grossen,  wo  zahlreiche  Com- 
municationen  der  Einwohner  unter  sich  bestehn,  sehr  nütz- 
lich. Auf  dem  Lande  sind  sie  in  jetziger  Zeit  überflüssig. 
Es  ist  in  der  That  ganz  gleichgültig,  ob  dieselben,  wie  das 
Regulativ  vorschreibt,  angeheftet  werden,  oder,  wie  die 
königl.  Regierung  ausnahmsweise  befohlen  hat,  wegfallen, 
denn  die  Dorfbewohner  kennen  sehr  genau  alle  inficirten 
Wohnungen  und  meiden  dieselben,  gleichviel  ob  Tafeln  an- 
geheftet sind  oder  nicht.  Die  Tafeln  sind  es  nicht,  welche 
das  Volk  scheut,  sondern  die  Krankheit. 

Aus  allen  diesen  geht  hervor,  wie  nothwendig  es  ist, 
bei  einzelnen  Personen  die  Scheu  zu  überwinden,  damit 
den  Kranken  zugeiragen  werde,  was  sie  brauchen  und  da- 
mit ihnen  die  unentbehrlichsten  Hülfsleistungen  gewährt 
werden.  Dieses  ist  für  jetzt  die  wichtigste  Aufgabe  der 
Aerzte.  Nur  durch  sie  kann  dieselbe  gelöst  werden,  weil 
ihr  Beispiel  und  Zuspruch  es  vorzugsweise  ist,  durch  wel- 
chen auf  das  Gemüth  der  Menschen  cingewirkt  werden  kann. 

Die  Aerzte  werden  durch  das  Kreiscomite  mit  Mitteln 
versöhn,  die  sie  zu  verrechnen  und  dazu  zu  verwenden 
haben,  dass  die  Kranken  ihres  Bezirks  mit  entsprechender 
Nahrung,  Decken  und  andern  dringenden  Bedürfnissen  und 
mit  einfachen  Heilmitteln  versehn  werden.  Hospitäler  im 
eigentlichen  Sinne  sind  nur  in  Städten  ausführbar,  und  auch 
da  nur  ein  unvermeidliches  Uebel,  denn  sio  sind  Conta- 
gionsheerde  •).  Auf  dem  Lande  wird  meist  nur  in  gros- 
sem Dörfern  die  Einrichtung  von  Zuflnchtshäusern  zur 
Pflege  obdachloser  Kranken  erforderlich. 

*)  ??  Und  die  Contagionsheerde  in  den  Wohnungen  der  (armen) 
Kranken,  wenn  diese  nicht  in  Hospitäler  geschafft  werden  können, 
weit  keine  vorhanden?  C. 


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150 


So  wird  hoffentlich  fortan  die  Verlassenheit  der  Kran- 
ken aufhdren  und  eine  möglich  gleichmässige  und  regu- 
laire  Vertheilung  der  Gaben  der  öffentlichen  Wohlthätigkeit 
erzielt  werden.  Die  Aerzte  aber  werden  noch  durch  ge- 
raume Zeit  Gelegenheit  haben,  die  über  sie  hohem  Orts 
gehegte  ungünstige  Meinung  durch  die  That  zu  widerlegen, 
denn  noch  treten  leider  fast  überall  täglich  neue  Erkran- 
kungen ein  und  die  Sterblichkeit  dauert  fort. 


Kritischer  Anzeiger 

neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Das  Institut  der  Chirurgen-Gehulfen  oder  Kranken- 
pfleger, eine  Humanitäts-Anstalt  der  K.  Preuss.  Armee 
und  ein  Bedürfnis  lur  alle  Heere  im  Frieden  und  Kriege. 
Von  Dr.  Ad.  Leop.  Richter , K.  Pr.  Regimentsarzt  u.  s.  w. 
Mit  2 Tafeln  Abbildungen.  Düsseldorf,  1847.  V und 
166  S.  8. 

(Die  vor  fünfzehn  Jahren  in  der  Preussischen  Armee 
geschaffenen  Chirurgen-Gehülfen,  bekanntlich  Soldaten,  die 
zum  niedera  Chirurgendienst  angelernt  werden,  haben  sich 
so  bewährt,  dass  der  Vf.  sie  allen  Armeen  als  dringendes 
Bedürfniss  und  Supplement  der  Militair-Sanitäts-Pflege  em- 
pfiehlt. Sie  sollen  die  „barmherzigen  Brüder”  in  den  Mi- 
litairspitälcrn  und  auf  dem  Schlachtfelde  sein.  In  dieser 
Beziehung  macht  der  Vf.  Vorschläge  zu  einer  weitern  Ent- 
wicklung dieses  Krankenpfleger-Instituts,  und  der  Verwen- 
dung dieser  Individuen  im  Frieden  wie  im  Kriege,  wobei 
er  natürlich  die  Grenzen  ihrer  Thätigkeit  überall  streng 
im  Auge  behält,  deren  Würdigung  wir  aber  den  betreffen- 
den Behörden  überlassen  müssen.  Ein  Bedenken,  das  uns 
schon  vor  15  Jahren  bei  der  Creirung  dieser  „Chirurgen- 
Gehülfen”  entgegentrat,  haben  wir  indess,  bei  aller  Aner- 
kennung der  Gründe,  die  auch  Hr.  R.  für  dieselben  anführt, 


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160 


nicht  unterdrücken  können,  die  Frage  nämlich:  ob  diese 
Subjecte  nämlich,  aus  dem  Soldatenstande  in’s  bürgerliche 
Leben  zurücktretend,  nicht  das  Heer  der  medicinischen 
Pfuscher,  zumal  auf  dem  Lande,  vermehren  werden?) 

Qli  strumenti  chirurgici  scavati  in  Ercolano  ed  in  Pompei 
raccolii  nel  real  museo  borbonieo  di  Napoli  ed  ora  illus- 
trati  dal  Cav.  Vulpes.  Fascicolo  primo.  Napoli  1846. 
VI  u.  17  S.  4.  mit  1 Kupfert. 

(Für  Diejenigen,  die  sich  dafür  interessiren , wollen 
wir  anzeigen,  dass  der  bekannte  Neapolitanische  Arzt  und 
Professor  hier  die  in  Herculanum  und  Pompeji  ausgegrabe- 
nen chirurgischen  Instrumente,  die  das  Museum  in  Neapel 
in  so  staunenswürdiger  Menge  und  in  einer,  so  oft  über- 
raschenden Aehnlickkeit  mit  den  heute  bei  uns  üblichen 
aufbewahrt,  zu  beschreiben  beginnt.  Dieses  erste  Heft  be- 
schreibt und  bildet  ab  ein  Speculum  uteri , ein  Speculum  ani 
und  eine  Geburtszange.  Es  ist  nicht  im  Buchhandel,  aber 
von  uns  der  Bibliothek  der  Berliner  (Hufeland’ sehen)  me- 
dicinisch-chirurgischen  Gesellschaft  übergeben  worden,  wo 
dasselbe  zu  finden.) 


In  dem  Aufsatze  des  Geh.  Ober -Medic.- Raths  Kopp 
in  No.  51  des  Jahrgangs  1847  dieser  Wochenschrift  sind 
folgende  entstellende  Druckfehler  zu  verbessern: 

Seite  SI4  Zeile  12  von  oben  ist  hinter  erfüllt  ein  Punct  zu  setzeu. 

Die  Worte:  die  ganze  Atmosphäre 
fallen  weg. 

- 814  - 14  v.  o.  muss  es  heissen  auflagert  statt  aufgela- 

gert. 

- 816  - C v.  o.  muss  es  heissen  Becken  statt  Boden. 

- 819  - 9 v.  o.  ist  wird  statt  wirkt  zu  lesen. 


Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesinsl  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  lj  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3|  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmtliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  H ir  schtca  Id. 


JW  11.  Berlin,  den  ll,en  März  1848. 


Gräfenberg,  Priessniti  und  die  Wassercuren.  Vom  Dr.  Richter. 
(Fortsetzung.)  — Vermischtes.  (Ueber  die  Heilung  der  Harnröh- 
reuskicturen.) 


Gräfenberg,-  Priessnitz  und  die  Wassercuren. 

fisch  eignen  Beobachtungen  in  mehrern  Wasserheilanstalten 
gesammelt  und  mitgetheilt 

vom  Dr.  C.  A.  W.  Richter , pract.  Arzt  in  Woldegk  in 
Mecklenburg. 

(Fortsetzung.) 


Ehe  ich  nun  daran  gehe,  meine  Beobachtungen  zu  ei- 
nem Urtheile  über  den  Werth  oder  Unwerth  der  Wasser- 
curen überhaupt  und  über  den  Theil  des  einen  oder  an- 
dern, welchen  dieselben  auf  dem  Gräfenberge  haben,  zu- 
sammenzufassen, will  ich  dem  Leser  erst  einen  Kurlag  in 
Gräfenberg  schildern,  weil  er  ohne  eine  solche  specielie 
Schilderung  schwerlich  eine  richtige  Vorstellung  von  dem 
eigentlichen  Leben  und  Treiben  dieser  berühmten  Anstalt 
gewinnt.  — Die  Kur  beginnt  des  Morgens  zwischen  5 und 
6 Uhr.  Der  Badediener  oder  bei  Frauen  die  Aufwärterin, 
weckt  den  Kranken,  nöthigt  ihn,  das  Bette  zu  verlassen 
Jahrgang  1848.  1 i 


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162 


und  sich  gänzlich  zu  entkleiden.  Inzwischen  hat  der  Die- 
ner eine  grosse  wollene  Decke  (Kotze)  über  das  Bette  ge- 
breitet, auf  diese  ein  mit  Wasser  befeuchtetes  Leintuch, 
welches  hinlänglich  gross  ist,  den  ganzen  Körper  zu  um- 
hüllen, gedeckt;  der  gariZ  entkleidete  Kranke  legt  sich  nun 
auf  dieses  und  lässt  sich  wie  eine  Mumie  einwickeln,  zu- 
erst mit  dem  nassen  Tuche,  dann  mit  der  wollenen  Decke 
und  obenauf  wird  ein  Federbett  gelegt.  Das  anfänglich 
höchst  unangenehme  Frostgefühl  weicht  sehr  bald  einer 
behaglichen  Erwärmung,  welche  nach  ein  viertel-  bis  halb- 
stündiger Dauer  nicht  selten  in  Schweiss  übergeht.  Nach 
einer  Dauer  dieser  Einwicklung  von  15  bis  30  Minuten 
wird  das  nasse  Leintuch  durch  ein  zweites  dergleichen  er-* 
setzt,  in  welchem  sich  der  Kranke  gleichfalls  erst  wieder 
erwärmen  muss,  oder, rer  wird  sogleich,  nachdem  er  sich 
in  dem  ersten  erwärmt  hat  und  in  einen  massigen  Schweiss 
gerathen  ist,  in  das  Bad  geführt.  Dies  ist  oft  eine  sehr 
schwierige  Procedur,  denn  man  muss,  wie  ich  in  dem  Falle 
war,  nicht  selten  in  dieser  wollenen  Decke  zwei  sehr 
schlechte  Treppen  hinabsteigen,  ehe  man  das  Badeloch  er- 
reicht. Diese  Badelöcher  sind  höchst  schmutzige,  enge, 
halbdunkle  Bäume,  in  denen  zwei  Wannen  neben  einander 
stehn,  eine  von  der  Grösse  einer  gewöhnlichen  Badewanne, 
die  zweite  fast  doppelt  so  gross;  erstere  ist  fast  einen  Fuss 
hoch  mit  Wasser  gewöhnlich  von  16°  R.  gefüllt,  die  zweite 
grössere  wird  durch  unausgesetzten  Zufluss  ganz  voll  er- 
halten und  hat  das  Wasser  zwischen  8 und  10°  R.  Tem- 
peratur. Jene  erstere  Wanne  wird  in  der  Gräfenberger 
Kunstsprache  abgeschreckte  Wanne  genannt.  In  jene 
erstre  Wanne  setzt  sich  der  Kranke,  nachdem  er  seiner 
dampfenden  Umhüllung  entledigt  ist,  und  wird  sogleich  von 
einem  Diener,  das  erste  Mal  von  VriessnUz  selbst,  mit  Was- 
ser tüchtig  gerieben  und  übergossen.  Die  ersten  Male  ist 
dieses  Bad  in  der  Thal  kaum  erträglich,  nur  selten  hält  es 
anfänglich  der  Kranke  länger  als  2 bis  3 Minuten  darin 
aus.  Wenn  die  Unbehaglichkeit  den  höchsten  Gipfel  er- 
reicht hat,  so  geht  man  in  die  grosse,  um  8°  R.  kältere 


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163 


Wanne,  in  die  bloss  hineinzutauchen  für  die  meisten  Kran- 
ken, wenigstens  anfänglich,  gewöhnlich  schon  genug  ist, 
worauf  man  in  jene  erste  zurückkehrt,  welche  jetzt  ein 
sehr  behagliches  Gefühl,  als  befinde  man  sich  in  warmem 
Wasser,  gewährt.  Das  erste  Mal  ist  Priessnilz,  wie  schon 
bemerkt,  bei  dem  Bade  des  Kranken , Herrn  wie  Dame, 
selbst  zugegen,  um,  wie  er  sagt,  an  dem  Zustande  der 
Haut  die  Art  und  den  Grad  der  Krankheit,  die  Möglichkeit 
und  die  Schnelligkeit  der  Heilung  zu  erforschen.  Von  die- 
ser diagnostischen  Kunst  ist  bis  dahin  noch  nichts  weiter 
bekannt  geworden,  als  dass  eine  sogenannte  käsige  Haut, 
eine  Haut,  welche  nach  dem  kalten  Bade  nicht  roth,  son- 
dern weisslich  grau  wird,  sich  der  sogenannten  Gänsehaut 
nähert,  ein  sehr  schlechtes  Zeichen  ist  und  eine  lange  zö- 
gernde Heilung  in  Aussicht  stellt,  -.Mir  selbst  wurde  nach 
dem  ersten  Bade  die  sehr  tröstliche  Nachricht,  ich  werde 
eine  sehr  gute  Kur  machen,  was  ich  natürlich  um  so  viel 
wahrscheinlicher  fand,  als  ich  durchaus  nicht  krank  war. 
Mit  den  Zähnen  klappernd  eilt  man  auf  sein  Zimmer  und 
zieht  sich  möglichst  vor  dem  offnen  Fenster  an,  um  ein 
Luftbad  zu  geniessen.  Priessnilz  hat  inzwischen  dem  Bade- 
diener seine  Instruction  gegeben,  und  dieser  weist  den 
Kranken  an,  jetzt  sogleich  ins  Freie  zu  gehn  und  während 
einer  2 bis  3 ständigen  Promenade  jede  Viertelstunde  ein 
bis  zwei  Becher  Wasser  zu  trinken,  wozu  die  überall 
reichlich  hervorsprudelnden  Quellen,  von  denen  mehrere 
mit  ofenartigen  Marmormonumenlen  geschmückt  sind,  Ge- 
legenheit bieten.  Von  7;  bis  tii  Uhr  Morgens  steht  der 
Frühstückstisch  servirt.  Es  tindet  sich  darauf  Waizen-  und 
Roggen-Schrotbrod,  gesalzne  und  ungesalzne  Butter,  süsse 
und  saure  Milch.  Diese  letztre  ist,  ehe  sie  auf  den  Tisch 
kommt,  immer  schon  einige  Stunden  weit  getragen,  also 
in  einem  Zustande,  in  dem  man  sie  sonst  gewöhnlich  nicht 
nimmt,  was  aber  nicht  hindert,  dass  mancher  Kurgast  seine 
4 bis  6 Becher,  jeden  etwa  zu  8 Unzen,  davon  zum  Früh- 
stück trinkt  und  dazu  seine  1 bis  2 Pfd.  Brod  oder  Buller- 
brod  isst.  Uebrigens  steht  an  der  Thüre  des  Speisesaals 

11  * 


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ein  Bäcker,  der  Semmel  feil  hält  und  eine  Frau  mit  Zuk- 
ker,  denn  auf  dem  Tische  des  Herrn  Priessniix  ist  Zucker 
unbekannt,  jedoch  dem  Kurgaste  durchaus  gestattet,  sofern 
ein  Delicatulns  ihn  selbst  bezahlen  will.  Ein  Engländer 
berechnete  die  Ersparniss,  welche  bei  dieser  Einrichtung 
herauskommt,  auf  jährlich  2 bis  300  Thlr.  — Um  dem  ge- 
neigten Leser  eine  ganz  genaue  Vorstellung  von  dem,  was 
man  auf  dem  Gräfenberge  Alles  zu  erleben  hat,  zu  geben, 
will  ich  den  Eingang  zu  dem  Speisesaale  beschreiben.  Auf 
dem  Vorflur  des  Erdgeschosses,  welcher  der  sich  dahin 
mündenden  Viehställe  wegen  sehr  schmutzig  ist,  wird  man 
von  den  Dünsten  empfangen,  welche  den  Thüren  der  Kuh-, 
Schaaf-,  Schweine-  und  Pferdeställe  entströmen.  Die  Pas- 
sage über  den  zweiten  Flur  ist  möglichst  noch  belästigen- 
der für  die  Geruchsorgane,  denn  man  muss  hier  an  einer 
ziemlichen  Reihe  von  sehr  unreinlichen  Abtritten  vorüber, 
und  gewöhnlich  hat  man  hier  auch  noch  das  Schauspiel, 
einem  in  das  Bad  eilenden  oder  daraus  zurückkehrenden 
halb  nackten  Menschen  zu  begegnen.  Nun  tritt  man  in  den 
Speisesaal,  um  seiner  Nase  die  mit  den  Effluvien  der  Küche 
- diese  communicirt  durch  ein  grosses  Loch,  durch  wel- 
ches die  Speisen  aufgewunden  werden,  unmittelbar  mit  dem 
Speisesaale  und  entsendet  dorthin  ihre  Dünste  — und  den 
ohne  alle  Rücksicht  entlassenen  menschlichen  Ausdünstun- 
gen — man  denke  sich,  was  3 bis  400  Menschen  in  die- 
ser Beziehung  sich  gegenseitig  lästig  fallen  können  — ge- 
schwängerte Atmosphäre  anzubieten!!  Nach  dem  Frühstück 
setzt  die  Mehrzahl  der  Gesellschaft  ihre  Promenade  und  das 
Wasscrlrinken  fort,  Andre  spielen  Kegel,  Andre  hauen  Holz, 
was  ich  an  einem  Regentage  selbst  eine  sehr  vornehme 
Dame  mit  regem  Eifer  thun  sah.  Gegen  1 Uhr  eilt  Jeder 
zu  seinem  Sitzbade,  welches  in  einer  Temperatur  von  10 
bis  16°  R.  in  ein-  bis  drei  viertelstündiger  Dauer  genom- 
men wird.  Ausserdem  trägt  Jeder  einen  sogenannten  Gür- 
tel d.  h.  ein  Leintuch,  etwa  4 Ellen  lang  und  j Elle  breit, 
so  weit  befeuchtet,  als  hinreichend  ist,  damit  es  ein  Mal 
nass  um  den  Leib  geschlagen  und  dann  mit  dem  trocken 


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gebliebenen  Ende  umwickelt  werden  kann,  welches  bei  dem 
Sitzbade  gewöhnlich  erneuert  wird.  Zuweilen  geschieht 
diese  Erneuerung  des  Gürtels  2stündlich,  öfter  .3,  4 Mal, 
oft  auch  nur  zwei  Mal  des  Tags,  es  trägt  ihn  aber  jeder 
Kranke.  Nach  dem  Silzbade  ergeht  man  sich  wieder  1 bis 
2 Stunden,  wobei  man  fleissig  Wasser  trinkt  und  den  Weg 
nach  den  Duschen  einschlägt.  Diese  Duschen  sind  von  6 
bis  24  Fuss  Fallkraft  mit  einem  3 bis  5 zölligen  Strahle. 
Hier  bei  den  Duschen  giebt  es  oft  sehr  erbauliche  Scenen, 
denn  es  gehört  jedes  Mal  ein  neuer  fester  Entschluss  dazu, 
sich  der  Wirkung  derselben  auszusetzen.  Nachdem  man 
sich  von  den  Duschen  hat  tüchtig  durchpeitschen  lassen, 
geht  man  nackt  eine  Viertel  bis  halbe  Stunde  spazieren  und 
nimmt  ein  Luftbad.  Auf  dem  Rückwege  werden  nun  noch 
an  den  verschiednen  Quellen  einige  Gläser  Wasser  getrun- 
ken und  man  eilt  zum  Mittagstisch.  Ehe  man  sich  also  an 
die  Mittagstafel  setzt,  hat  man  mindestens  sechs  verschiedne 
Wasserproceduren  durchgemacht,  etwa  16  bis  20  Becher 
Wasser  getrunken  und  dabei  einen  Weg  von  etwa  2 bis 
2\  deutsche  Meilen  zurückgelegt,  also  kein  Wunder,  dass 
sich  der  Appetit  regt.  Aber  dieses  bedarf  es  auch  in  der 
That  in  einem  sehr  hohen  Grade,  um  sich  trotz  des  schau- 
dervollen Geruchs,  trotz  der  ekelhaft  zubereiteten  und  scr- 
virten  Speisen  und  der  noch  viel  ekelhafteren  Gefrässigkeit, 
von  der  man  rings  umgeben  ist,  überwinden  zu  können, 
einen  Bissen  zu  essen.  Wenn  man  bemerkt,  wie  diese 
wirklich  nicht  zum  Genüsse  einladenden  Speisen  mit  einer 
sonst  nie  gesehnen,  wirklich  alle  Beschreibung  überstei- 
genden Gier  und  in  ganz  unglaublichen  Quantitäten  von 
meist  halb  nackten  Menschen,  wenigstens  sieht  man  überall 
die  Brust  bis  auf  den  Bauchnabel  entblösst,  hastig  ver- 
schlungen werden,  so  wird  man  unwillkührlich  an  die  Mahl- 
zeiten der  Wilden  erinnert.  Suppe  ist  auf  dem  Gräfenbcrge 
unbekannt,  rriessnitz  hatte  sie  als  Bauer  nicht  gegessen, 
und  da  die  Fremden  zu  ihm  kommen,  um  mit  ihm  als  Bauer 
zu  leben,  so  hält  er  es  für  angemessen,  seinen  alten  Ge- 
bräuchen unverändert  zu  folgen.  Die  sich  alltäglich  vyie- 


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derholenden  Gerichte  sind:  zähes  Rindfleisch  mit  Zwiebel- 
sauce  und  Kartoffeln,  Braten  mit  Gemüsen,  am  Freitage 
eine  oft  nicht  mit  Gewalt  auseinander  zu  reissende  Mehl- 
speise und  Fische,  des  Sonntags  diese  Mehlspeise  als  Zwi- 
schengericht. Obst  hält  sich  jeder  Kurgast  auf  seine  Kos- 
ten, desgleichen  Honig,  welches  beides  auch  neben  ein  bis 
zweitägiger  kalter  Diät  als  Abführmittel  bei  Verstopfung 
benutzt  wird.  Nach  Tische  gehn  sehr  viele  Kurgäste  nach 
Freiwaldau  hinab,  um  öconomische  Angelegenheiten  zu  be- 
sorgen oder  in  die  Conditorei  daselbst,  viele  aber  versam- 
meln sich  in  der  sogenannten  Lästerbude,  einem  Zelte  vor 
dem  Hauptgebäude,  und  hier  ist  es,  wo  man  zuweilen,  wenn 
man  nämlich  sicher  vor  der  Anwesenheit  von  Spionen  ist, 
ein  freimiithiges  und  verständiges  Wort  über  Wassercuren 
und  namentlich  über  die  Art  der  Betreibung  derselben  auf 
dem  Gräfenberge  hört.  Hier  war  es  auch,  wo  ich  mit  ei- 
nem sehr  gebildeten  Franzosen  folgendes  Gespräch  hatte. 
„Was  sagen  Sie  zu  unsrer  Diät?”  fragte  er  lächelnd.  Zu 
loben  ist  sie  gewiss  nicht  und  ich  wundre  mich,  dass  sie 
nicht  längst  schon  zweckmässiger  und  vernünftiger  einge- 
richtet ist,  war  meine  Antwort,  wobei  ich  mich  nach  einem 
etwaigen  Denuncianten  umsah.  „Das  wäre”,  entgegnete  der 
Franzose,  „ganz  gegen  Pricssvitz  Vorthoil  und  wir  sind  in 
der  Hauptsache  immer  seines  Vortheils  wegen  hier,  und 
den  Ruhm  kann  man  ihm  durch  nichts  streitig  machen: 
gegen  sein  Interesse  handelt  er  niemals  zum  Besten  eines 
Andern.  Betrachten  Sie  nur  ein  Mal  die  zufriedne,  wohl- 
gefällige Miene,  mit  der  Priessmtz  diesem  kannibalischen 
Fressen  zusiebt;  es  ist,  als  ob  er  sagte,  fresst  nur  zu,  den 
augenblicklichen  Schaden,  welchen  ihr  heute  meiner  Speise- 
kammer zufügt,  müsst  ihr  mir  reichlich  ersetzen,  denn  all 
euer  Wassercuriren  kann  das  nicht  gut  machen,  was  ihr 
durch  euer  Fressen  ruinirt,  ihr  werdet  mir  um  so  länger 
tributpflichtig.”  — Und  in  der  That  es  ist  eine  doppelte 
Wahrheit  in  der  Aeusserung  dieses  Franzosen:  allen  Vor- 
theil, welchen  die  Wassercur  haben  könnte  und  häufig  ge- 
nug hat,  verkürzt  diese  durchaus  widersinnige  Diät,  und 


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- i 67  — 

zweitens,  man  kann  sich  kein  selbstgefälligeres  Mienenspiel 
denken,  als  welches  Frictmitz  entfaltet,  wenn  er  verstoh- 
len hinblickt,  wie  sich  seine  Kurgäste  so  recht  geflissent- 
lich überladen,  meist  sogar  in  der  thörichten  Meinung,  viel 
und  rasch  essen  gehöre  mit  zu  der  Kur.  Der  geringste 
Uebeistand,  welcher  hierdurch  herbeigezogen  wird,  ist  der, 
dass  die  Kur,  welche  sechs  Wochen  dauern  sollte,  mindes- 
tens sechs  Monate  währt.  Aber  wir  werden  später  noch 
sehn,  wie  hierbei  nicht  bloss  ein  Zeit-  und  Geldverlust  zu 
verschmerzen  ist,  sondern  wie  diese  Verlängerung  des 
Wassergebrauchs  auch  noch  anderweitige,  sehr  beklagens- 
werthe  nachtheilige  Folgen  hat. 

Gegen  4 Uhr  Nachmittags  beginnt  mm  die  Kur  wieder 
ganz  in  derselben  Weise  wie  des  Morgens,  es  folgen  sich 
nasse  Einwickelungen,  kalte  Bäder,  Sitzbäder,  Dusche,  nasse 
Umschläge,  meilenweite  Spaziergänge,  Wassertrinken.  Zwi- 
schen 7 ; bis  1)  Uhr  findet  man  dasselbe  Mahl,  welches  das 
Frühstück  ausmachtc,  süsse  und  saure  Milch,  grobes  Brod 
und  Butter  auf  den  Tischen  des  Speisesaales.  Nach  dem 
Abendessen  und  einem  abermaligen  Spaziergange  haben  die 
meisten  Kranken  noch  ein  Sitzbad,  noch  kalte  Umschläge 
oder  andre  Localbäder  der  Hände,  Füsse,  des  Kopfs  u.s.w. 
zu  besorgen,  oder  sie  schwärmen  noch  in  der  Umgegend 
umher,  bis  sie  gegen  11  Uhr  ihr  Schlafcabinet  aufsuchen, 
bei  dessen  Betretung  den  Neuling  das  Fehlen  der  Fenster 
in  Erstaunen  setzt.  Die  Frage,  weshalb  die  Fenster  aus- 
genommen seien,  beantwortet  der  Badediener  mit  der  lako- 
nischen Redensart:  „es  gehört  halt  zur  Kur”.  Uebrigens 
schläft  man  nach  den  vielfältigen  Anstrengungen  und  Er- 
müdungen des  Tages  dennoch  trotz  seiner  Sorgen,  was 
wird  dir  die  Nachtluft  Uebles  bringen?  sehr  bald  ein  und 
so  ruhig,  dass  man  sich  am  andern  Morgen,  wenn  anders 
noch  vor  dem  Beginn  der  Kur  Zeit  dazu  ist,  wundert,  wie 
es  möglich  gewesen  ist,  mit  dem  Kopfe  am  offnen  Fenster 
die  ganze  Nacht  so  ruhig  und  ohne  allen  Schaden  gesclda- 
fen  zu  haben. 

So  wie  der  geschilderte  Tag  gehn  alle  Tage  der  Woche 


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mit  Ausnahme  der  Sonn-  und  katholischen  Festtage  hin,  an 
denen  nur  eine  halbe  Kur  des  Morgens  Statt  findet,  alle 
Tage  des  Monats,  alle  Tage  des  Jahres,  was  sage  ich,  alle 
Tage  des  Jahres,  nein  zweier,  dreier  bis  sieben  Jahre,  denn 
so  lange  ist  der  älteste  Kurgast  auf  dem  Gräfenberge  (1) 
und  am  Ende  dieser  Zeit  reist  man  ab,  einige  genesen, 
viele  glücklich,  wenn  sie  einen  sehr  bald  wieder  verschwin- 
denden Schein  von  Gesundheit  mit  hinwegnehmen,  die 
Mehrzahl  aber  mit  der  Idee,  wenn  die  Sache  noch  hätte 
einige  Jahre  so  fortgehn  können,  dann  wäre  vielleicht  end- 
lich ein  glücklicher  Erfolg  von  der  Kur  zu  erwarten  ge- 
wesen, und  deshalb  mit  dem  Vorsatze,  daheim  die  Kur 
fortzusetzen.  Wir  wollen  sogleich  das  Schicksal  dieser  vom 
Gräfenberge  Heimkehrenden  einige  Zeit  weiter  verfolgen, 
um  zu  sehn,  wie  die  allgemeine  Lobeserhebung  der  Was- 
sercuren  durch  sie  gefördert  wird.  Bei  den  glücklich  Ge- 
nesenen versteht  sich  die  Sache  wohl  so  ziemlich  von 
selbst,  aber  fast  wunderbar  muss  es  scheinen,  dass  auch 
die  krank  Heimkehrenden  Wasserenthusiasten  bleiben  und 
Hydromanen  schafTen.  Die  Sache  verhält  sich  also.  Der 
Heiinkehrende  war  gleichsam  gegen  die  allgemeine  Mei- 
nung, meist  wenigstens  gegen  den  Rath  seines  Arztes,  so 
zu  sagen  auf  eigne  Faust  auf  den  Grafenberg  gereist,  und 
schämt  sich  deshalb  jetzt,  ungeheilt  von  dort  zurückzukeh- 
ren. Um  dem  Gespötte  zu  entgehn,  findet  er  sich  veran- 
lasst, seinen  Gesundheitszustand  günstiger  darzustellen,  als 
er  wirklich  ist,  was  ihm  sehr  leicht  wird,  da  er  durch  den 
langen  Aufenthalt  in  der  freien  Luft,  durch  den  Gebrauch 
des  kalten  Wassers  eine  ziemlich  frische  Gesichtsfarbe  mit- 
bringt, abgehärtet  gegen  Zugluft  ist,  im  blossen  Kopfe  geht, 
bei  offnem  Fenster  schläft,  sich  sehr  leicht  kleidet  u.  s.  f. 
Sollte  man  indessen  bemerken,  wie  an  seinem  eigentlichen 
Gesundheitszustände  dennoch  etwas  zu  wünschen  übrig  ge- 
blieben sei,  so  weiss  er  eine  solche  Menge  erstaunenswer- 
ther  Heilungen  zu  erzählen,  die  theils  wirklich  auf  dem 
Gräfenberge  gemacht,  theils  zum  Schein  vollbracht  sind, 
theils  aber  auch  bloss  dort  erzählt  werden,  dass  sich  sehr 


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bald  einige  Hypochonder  seiner  Bekanntschaft  dazu  ver- 
stehn, die  Wassercur  unter  seiner  Leitung  zu  gebrauchen. 
So  wird  nun  regelmässig  aus  dem  Patienten  des  Gräfen- 
berges  ein  Wasserdoctor  in  der  Heimath,  der  sehr  bald 
einen  kleinen  Kreis  um  sich  bildet,  in  welchem  von  der 
Emancipation  von  der  Clientei  der  Aerzte  die  Rede  ist,  und 
die  abentheuerlichsten  Fabeln  von  dem  Schaden,  welchen 
die  Heilmittel  anrichten,  als  wahre  Glaubensartikel  verbrei- 
tet werden.  Der  grösste  Beweis  der  Schlauheit  Pricssmtzens 
ist  die  Mitgift  auf  die  Reise:  „alle  Heilmittel  sind  Gifte  und 
drei  Viertel  aller  Krankheiten  entstehn  durch  den  Gebrauch 
der  Heilmittel.”  Ich  kannte  einen  Mann,  der  sonst  grade 
nicht  geisteskrank  war,  sich  aber  in  der  ersten  Zeit,  als 
er  vom  Gräfenberge  zurückgekehrt  war,  stets  alles  Ernstes 
Mund  und  Nase  zuhielt,  so  oft  er  an  einer  Apotheke  vor- 
beiging. Man  nennt  in  der  Sprache  der  Wasserfreunde 
eine  Apotheke  eine  Giftbude.  Mit  der  Zeit  freilich  erkal- 
tet regelmässig  dieser  Eifer,  wenn  nämlich  die  Patienten 
sehn,  was  niemals  ausbleibt,  dass  es  auch  nach  einer  Jahre 
lang  fortgesetzten  Tortur  mit  dem  kalten  Wasser  in  der 
Hauptsache  mit  ihrer  Gesundheit  nicht  besser  geht,  und 
kehren  dann  allmählig  zu  den  Heilmitteln  zurück,  glücklich, 
wenn  sie  durch  den  zu  langen  und  oft  sehr  leichtsinnig 
fortgesetzten  Gebrauch  der  Wassercur  weiter  nichts  verlo- 
ren und  zu  beklagen  haben,  als  eine  erregte  Hoffnung  und 
unersetzliche  Zeit.  Indessen  leider  ist  es  Wahrheit,  dass 
es  hiermit  sehr  häufig  nicht  nbgethan  ist,  denn  in  sehr 
vielen  Fällen  sind  es  bedeutend  ernsthaftere  Folgen,  wel- 
che der  übertriebene  und  unverständig  betriebene  Gebrauch 
des  kalten  Wassers  nach  sich  zieht.  Es  sind  mir  Fälle  be- 
kannt, wo  in  dieser  Weise  der  vielleicht  schon  früher  vor- 
handne  Keim  zur  Lungenschwindsucht  rasch  entwickelt  und 
diese  gefährliche  Krankheit  sehr  rasch  und  unaufhaltsam 
ihrem  traurigen  Ausgange  zugeführt  wurde,  wo  sich  chro- 
nische Herzkrankheiten  entwickelten  und  den  Untergang 
des  Individuums  herbeiführten,  wo  Erblindungen  eintralen  — 
namentlich  ist  hier  ein  Fall  von  Herpts  bei  einer  Dame  auf 


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dem  Gräfenberge  gemeint  — wo  das  Nervensystem  gang 
unheilbar  erschüttert  wurde  und  psychische  Störungen  nach- 
folglen,  welche  sich  sehr  hartnäckig  gegen  jeden  Kurver- 
such verhielten.  Ich  spreche  hier  nicht  von  der  Hydroma- 
nie,  von  jener  krankhaften  Ansicht,  welche  im  Wasser  das 
alleinige  Heilmittel  nicht  allein  gegen  alle  Leiden  des  Kör- 
pers sieht,  sondern  damit  auch  mittelbar  alle  übrigen  Lei- 
den des  menschlichen  Geschlechts  beseitigen  will,  und  in 
dieser  Beziehung  ähnliche  Abweichung  von  der  Bahn  der 
gesunden  Yernunfl  veranlasst,  als  gewisse  religiöse  und 
politische  Meinungen.  Aber  ein  ganz  gewöhnlicher  schlim- 
mer Erfolg  der  ohne  verständigen  ärztlichen  Rath  im  über- 
triebenen Eifer  für  die  Wassercur  fortgesetzten  Anwendung 
des  kalten  Wassers  ist  jene  Abschwächung  des  Lebenskraft, 
welche  sich  theiis  als  vorzeitiges  Al  (werden,  theils  in 
den  jetzt  immer  häufiger  vorkommenden  plötzlichen  To- 
desfällen der  Wasserliebhaber  ausspricht,  und  Priess- 
selbst,  der  in  seiner  Constitution  gewiss  keine  ange- 
borne  Anlage  zum  Schlagflusse  hat,  ist  in  dieser  Beziehung 
schon  vom  Schicksale  gewarnt.  Man  betrachte  einen  recht 
gründlichen  Verehrer  der  Wassercur,  etwa  einen  solchen, 
der  sich  rühmt,  bereits  seit  zehn  Jahren  kein  Heilmittel 
mehr,  sondern  nur  Wasser  und  dieses  zur  Vorsicht  sogar 
täglich  gebraucht  zu  haben,  und  man  wird  stets  an  ihm 
bemerken,  wie  er  schon  äusserlich  ein  weit  über  seine 
Jahre  hinausgehendes  ältliches  Ansehn  und  ein  gewisses 
grämliches  Wesen  hat,  sich  nicht  mehr  frisch  und  munter 
fühlt,  leicht  ermüdet,  und  rechne  dazu  die  vorkommenden 
Fälle,  wo  solche  Wasserfireunde  plötzlich,  ohne  vorgängige 
ernstliche  Krankheit  versterben,  so  wird  man  wenigstens 
zugeben  müssen,  dass  die  Wassercnren  unter  Umständen 
ebenso  gut,  wie  differente  Heilmittel  ein  sicher  tödtcndes 
Gift  werden  können.  Und  wie  sollten  sie  das  nicht?  Was 
in  einer  Wassercur  heilt,  das  ist  offenbar  nicht  das  Wasser 
unmittelbar,  sondern  die  durch  das  Wasser  zur  Thätigkeit 
aufgebotnen  organischen  Kräfte.  Das  Selbstheilen  ist  aber, 
wie  wir  im  Fieber,  einem  Acte  des  Selbstheilgeschäfts,  so 


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deutlich  sehn,  eine  sehr  angreifende,  die  Lebenskräfte  un- 
mittelbar verzehrende  Thätigkeit,  welche  um  heilsam  zu 
sein,  eine  bestimmte  Zeit  nicht  überdauern  darf,  darüber 
hinaus  aber  in  ihr  Gegentheil  umschlägt  und  zerstörend 
wird.  In  der  unzweckmässig  geleiteten  oder  übertriebenen 
Wassercur  werden  diese  das  Heilgeschäfl  vermittelnden  or- 
ganischen Kräfte  nicht  allein  unzeitig  und  unnötbig  in  An- 
spruch genommen,  sondern  es  werden  bei  einer  in  dieser 
Weise  Jahre  lang  fortgesetzten  Kur  die  Lebenskräfte  so 
vollständig  abgenutzt  und  aufgerieben,  dass  oft  der  leiseste 
Anstoss  hinreichend  ist,  um  ein  vollständiges  Erlöschen  der- 
selben herbeizuführen  und  so  dem  Leben  ein  unerwartet 
plötzliches  Ende  zu  machen.  Ausdrücklich  wiederhole  ich 
aber  noch  ein  Mal,  dass  diese  Erfolge  nur  bei  unzweck- 
mässig geleiteten  und  übertriebenen  Kuren  eintreten,  wie 
man  solche  deshalb  aber  auch  häufig  nach  der  Gräfenber- 
ger  Kur  Vorkommen  sieht,  wo  noch  diesen  Sommer  ein 
recht  augenscheinliches  Beispiel  dieser  Art  auch  oberfläch- 
liche Beobachter  und  starke  Wasserenthusiasten  mit  Be- 
denklichkeit erfüllte. 

Ein  ....  Hauptmann,  ein  wahrer  Athlet,  war  durch  eine 
zweijährige  Wassercur  bei  einem  dyscrnsischen  Leiden  da- 
hin gekommen,  dass  er,  sobald  er  nur  Wasser  plätschern 
hörte,  wie  ein  Kind  weinte  und  dieser  sonderbaren  Stim- 
mung erst  nach  längerer  Zeit  wieder  Herr  werden  konnte. 
Ueberdies  sind  in  diesem  Sommer  drei  Selbstmorde  auf  dem 
Gräfenberge  vorgekommen;  freilich  sollen  alle  drei  Indivi- 
duen schon  vorher  Spuren  von  Geisteskrankheit  an  sich  ge- 
habt haben,  indessen  nur  das  eine,  ein  Pole,  in  solchem 
Grade,  dass  man  etwa  eine  schlimme  Catastrophe  hätte  be- 
fürchten können;  die  beiden  andern  erregten  durchaus  gar 
keine  Besorgnisse  in  dieser  Beziehung,  da  sie  nur  an  leich- 
ten melancholischen  Anwandlungen  litten.  Hat  man  an  sich 
selbst  die  aufregende  Wirkung  einer  einige  Zeit  mit  Ener- 
gie betriebenen  Wassercur  erfahren,  so  wird  man  es  sehr 
erklärlich  finden,  wie  Geisteskranke,  welche  bei  vernünfti- 
ger ärztlicher  Behandlung  durch  diese  temporäre  Aufregung 


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der  Heilung  zugeführt  werden  könnten,  unter  rohen  und 
unkundigen  Händen  allerdings  eine  solche  Steigerung  ihres 
Zustandes  erfahren,  dass  die  unglücklichste  Catastrophe 
herbeigeführt  werden  muss.  Ich  muss  zur  Stütze  meiner 
Behauptung  hier  anführen,  dass  eine  briefliche  Mittheilung 
eines  der  vortrefflichsten  Irrenärzte  Deutschlands  mir  be- 
stätigt, wie  dem  Verf.  derselben  bei  der  Behandlung  Geis- 
teskranker durch  die  Wassercuren  ebenso  überraschende 
als  zufriedenstellende  Resultate  geworden.  Es  ist  freilich 
der  wesentliche  Unterschied,  in  jenen  unglücklichen  Fällen 
leitete  Priessnitz  die  Kur,  in  diesen  glücklichen  aber  ein 
vortrefflicher  Arzt. 

Die  Wasserfreunde  werden  über  diese  Bemerkung  al- 
lerdings wohl  lächeln,  denn  sie  wollen  es  nicht  für  mög- 
lich halten,  dass  ein  wirklicher  Arzt  den  Priessnitz  auch 
selbst  mit  der  Wassercur  übertreffen  könnte  und  doch  ist 
in  der  That  nichts  leichter.  Man  sagt  gewöhnlich,  Priess- 
niiz  sei  ein  Naturarzt  und  stehe  als  solcher  höher  als  dio 
wissenschaftlich  gebildeten  Aerzte,  Es  bedarf  indessen  nur 
einer  sehr  flüchtigen  Ueberlegung,  um  sich  das  colossal  Un- 
sinnige einer  solchen  Behauptung  recht  klar  zu  machen. 
Die  Natur,  verstehe  man  darunter  bloss  den  menschlichen 
Organismus  oder  das  All  der  Dinge,  ist  niemals  Gegenstand 
einer  Inspiration  oder  Offenbarung,  sondern  die  Kenntnisse, 
welche  wir  von  ihrem  Leben  und  Wirken  erlangen,  kön- 
nen nur  auf  dem  mühevollen,  langsamen  Wege  der  Erfah- 
rung gewonnen  werden  und  setzen  sich  dann  aus  so  un- 
endlich vielen  Theilen,  welche  die  verschiedensten  Wissen- 
schaften z.  B.  der  Anatomie,  pathologischen  und  normalen 
Physiologie,  Chemie  mit  der  Mikroskopie,  welche  wieder 
nicht  ohne  tiefere  Kenntniss  der  Mathematik  betrieben  wer- 
den können,  Physik,  Naturgeschichte  u.  s.  w.  umfassen,  zu- 
sammen, dass  es  lächerlich  wäre,  Priessnitz,  der  von  allen 
diesen  Dingen  grade  so  viel  weiss,  wie  ein  Bauerbursche 
davon  in  seiner  Landschule  erlernen  kann,  nämlich  total 
Nichts,  solche  Kenntnisse  zuzutrauen;  er  ist  also  nicht  in 
dem  Sinne  ein  Naturarzt,  dass  er  seinen  therapeutischen 


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Operationen  eine  Erkenntniss  der  wundervollen  und  ver- 
wickelten Gesetze  des  organischen  Haushaltes  zum  Grunde 
legt,  im  Gegentheile,  diese  Gesetze,  deren  Kcnntniss  dem 
gebildeten  Arzte  sein  Recht  verleiht,  sind  Priessnitz  so 
fremd,  ihre  Kenntniss  liegt  ihm  so  himmelweit  ferne,  dass 
er  sie  jeden  Augenblick  auf  das  Empörendste  verletzt  und 
statt  mit  der  Natur  im  Bunde  zu  sein,  dieselbe  misshandelt, 
überanstrengt  und  sich  vergebens  erschöpfen  lässt,  indem 
er  ihren  Hülferuf  missverstehend,  sie  nur  desto  dreister 
und  kühner  auf  die  Folter  spannt  und  sie  zu  Tode  quält. 
Es  ist  zu  offenbar,  ein  apriorisches,  ein  ihm  übernatürlich 
offenbartes  Wissen  von  der  Natur  kann  Priessnitz  nicht 
haben  und  ein  durch  Studium  der  Natur  und  der  Bücher 
gewonnenes  geht  ihm  nicht  allein  völlig  ab,  sondern  er 
steht  sogar  noch  so  tief,  dass  er  nicht  ein  Mal  das  Bedürf- 
niss  einer  klaren  Belehrung  über  die  menschliche  Natur  in 
ihrem  gesunden  und  kranken  Zustande  fühlt  und  die  Noth- 
wendigkeit  einer  vernünftigen  Begründung  seines  Thuns 
nicht  erkennt.  Man  wird  mir  sagen,  ein  solch  begründetes 
Wissen  kann  Priessnitz  entbehren,  denn  er  handelt  bloss 
nach  Erfahrung.  Abgesehn  davon,  dass  bei  ganz  einfachen, 
nur  mechanischen  Kunststücken  die  bloss  unmittelbare  Er- 
fahrung ohne  alle  Theorie  kaum  für  die  Praxis  ausreicht 
und  dies  also  noch  viel  weniger  mit  der  so  sehr  compli- 
cirten  Kunst  des  Heilens  der  Fall  sein  kann,  so  ist  Priess- 
nitz selbst  aber  auch  durch  und  durch  Theoretiker,  denn 
er  hat  sein  vollständiges  System  sich  längst  geschaffen,  nur 
dass  es  seinem  rein  theoretischen  Tbeile  nach  vor  der  Kri- 
tik der  Vernunft  und  Wissenschaft  hohl,  leer,  grundfalsch 
und  roh  erscheint,  und  seiner  practischen  Seite  nach  eine 
vollständige  Carricatur  ist. 

( Forlgelzung  folgt.) 


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174 


Vermischtes. 


Ueber  die  Heilung  der  Har nrührenstricturen. 

Die  Harnröhrenslricluren  können  nur  auf  operativem 
Heiiwege  beseitigt  werden.  Die  Methoden,  deren  man  sich 
zur  Erreichung  dieses  Zweckes  bedient,  sind  bis  jetzt  fol- 
gende drei: 

1)  Blutige  Erweiterung,  a.  Durch  schneidende  Instru- 
mente. «.  von  innen  nach  aussen  mittelst  eigner  dszu  er- 
fundener Katheter,  an  deren  Spitze  verborgne  Messer  her- 
vortreten und  die  Striclur  beim  Hervorziehn  des  Katheters 
an  drei  oder  vier  Stellen  einritzen;  ß.  von  aussen  nach 
innen  durch  Einschneidting  mit  dem  Bistouri  und  Heilung 
der  Wunde  über  einen  metallenen  Katheter. 

2)  Unblutige  Erweiterung,  a.  Langsame  Erweiterung. 
«.  durch  Darmsaiten;  ß.  durch  Bougies  oder  Kerzen. 
b.  Erweiterung  durch  Cauterisation.  Zwischen  beiden  steht 

3)  die  Erweiterung  mittelst  gewaltsamer  Ausdehnung. 
a.  Durch  Katheter  oder  Bougies  von  Metall,  b.  Durch  ge- 
waltsamen Wasserstrahl. 

Bei  allen  Methoden  besteht  die  Nachcur  gewöhnlich 
noch  im  Einlegen  von  Bougies.  — Kerzen  und  Darmsaiten 
verursachen  den  geringsten  Schmerz  und  genügen  in  den 
mildern  Fillen.  Findet  das  Gegentheil  Statt,  so  scheint  die 
Cauterisation  das  am  wenigsten  zweckmässige  Verfahren. 
Oft  entsteht  momentan  durch  den  Schorf  gänzliche  Urin- 
verhaltung und  manchmal  später  durch  Zusammenziehung 
der  Narbe  eine  noch  engere  Strictur.  In  den  schlimmsten 
Fällen  ist  allerdings  das  Einschneiden  von  aussen  nach  in- 
nen gerechtfertigt,  verursacht  aber  grossen  Schmerz  und 
oft  Urinfisteln,  welche  lange  Zeit  zur  Heilung  erfordern  und 
wiederum  ein  operatives  Verfahren  nöthig  machen.  Die 
Instrumente  zum  Einkerben  der  Strictur  von  innen  nach 
aussen  sind  kostspielig,  ihre  Handhabung  etwas  unsicher 
und  mindestens  eben  so  schmerzhaft  als  die  gewaltsame 


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175 


Ausdehnung.  Bei  letztrer  Methode  würde  ich  die  Ausdeh- 
nung oder  vielmehr  Einreissung  der  Striolur  durch  gewalt- 
sam eingetriebenen  Wasserstrahl  wegen  möglicher  gänz- 
licher Ruptur  der  Harnröhre  fürchten.  Diese  Gefahr  ist  bei 
Anwendung  metallener  Bougies  und  Katheter  weniger  zu 
besorgen,  weil  man  das  Instrument  sichrer  handhaben  kann. 
Ueberhaupt  ist  noch  ein  Unterschiöd  hervorzuheben  zwi- 
schen gewaltsamer  aber  sehr  vorsichtig,  nicht  plötzlich, 
sondern  mit  grösserem  Aufwand  von  Zeit  vorgenommenen 
Durchtreibung , und  ich  wende,  wenn  ich  mit  Bougies, 
Darmsaiten  u.  s.  w.  nicht  auskomme,  das  letztre  Verfahren 
an,  dessen  Anwendung  mir  erst  kürzlich  in  zwei  Fällen 
vollkommen  und  mit  dauerndem  Erfolge  gelang.  Das  Ein- 
zige hierbei  zu  befürchtende  ist  die  Bahnung  eines  falschen 
Weges,  besonders  wenn  die  Strictur  in  der  Nähe  der  Var t 
membranacea  Vrethrae  liegt.  Dieser  Gefahr  ist  aber  in 
neurer  Zeit  durch  die  Erfindungen  von  Le  Hoi  d'Etoilles  und 
Andern  gänzlich  vorgebeugt  worden,  indem  sie  einen  Weg- 
weiser an  dem  aus  einer  Legirung  von  Zinn  und  Blei  ge- 
gossenem Katheter  oder  Bougie  anbringen.  Solche  Ka- 
theter sind  schwer  zu  bekommen  und  am  besten  ist  es, 
wenn  man  sie  sich  selbst  bereitet.  Meine  Anwendungs- 
und Bereitungsweise  ist  folgende:  Die  dünnsten  der  seit 
einiger  Zeit  in  der  Schrotfabrik  des  Herrn  Anderson 
(Ohles  Erben)  zu  Breslau  angefertigten  Bleiröhren  lassen 
sich  sehr  leicht  zu  Kathetern  benutzen  und  sind  in  besag- 
ter Fabrik  zu  billigen  Preisen  fertig  zu  erhalten.  In  einen 
solchen  mit  zwei  Aujfen  versehnen  Katheter  bohre  ich  an 
seinem  vordem  Ende  ein  kleines  Loch,  welches  bis  an  das 
Lumen  desselben  dringt.  Durch  dieses  Loch  stecke  ich 
eine  dem  Lumen  der  Strictur  entsprechende  Darmsaite, 
welche  zwei  bis  drei  Zoll  vor  dem  Katheter  hervorragt. 
Durch  Zusammenklopfen  der  Katheterspitze  um  die  Saite 
wird  dieselbe  hinlänglich  befestigt,  kann  auch  bei  der  An- 
wendung nicht  in  die  Harnblase  gleiten,  weil  sie  zu  der 
offenen  Kalhetermündung  ebenfalls  einen  Zoll  hervorragt 
und  durch  einen  Seidenfaden  ausserhalb  am  Katheter  be- 


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festigt  wird.  Wo  die  Saite  aus  der  Spitze  des  Katheters 
hervorragt,  umwickle  ich  dieselbe  einige  Linien  weit  mit 
Flockseide,  um  den  Uebergang  des  Katheters  nach  der 
Saite  mehr  auszugleichen  und  conisch  zu  machen.  Die 
Flockseide  wird  mit  einer  Auflösung  von  h'autschuck  be- 
strichen und  so  vollkommen  abgeglättet.  Der  so  zuberei- 
tete Katheter  wird  mit  Oel  bestrichen,  die  der  Slrictur  an- 
gemessene Saite  gleitet  durch  dieselbe  durch  und  die 
Spitze  des  Katheters  liegt  dicht  über  der  Strictur.  Der 
letztre  wird  nun,  indem  man  den  penis  anzieht,  langsam 
durch  die  Strictur  hindurchgetrieben,  indem  die  vorange- 
hende Saite  in  der  Harnröhre  fortgleitet  und  zuletzt  den 
Katheter  in  die  Blase  führt.  Die  Strictur  dehnt  sich  ent- 
weder aus  oder  reisst,  aber  nur  so  weit  als  grade  nöthig, 
ein.  Das  vordere  Ende  der  Saite  wird  weich  und  liegt  in 
der  Blase,  ohne  sie  zu  irritiren;  der  Urin  fliesst  durch  die 
Augen  des  Katheters  eindringend  wie  gewöhnlich  durch 
das  offene,  vor  der  Eichel  liegende  Lumen  desselben,  ne- 
ben der  auch  hier  vorragenden  Darmsaite  ab.  Ich  habe 
in  einem  Falle  den  Katheter  zehn  Tage  liegen  lassen,  ohne 
dass  er  sich  incrustirte  oder  durch  seinen  Bleigehalt  ir- 
gend wie  nachtheilig  einwirkte.  Trotzdem,  dass  sich  diese 
Katheter  seitlich  sehr  leicht  biegen  lassen,  und  jede  nur 
gewünschte  Form  annehmen,  haben  sie  eingebogen  die 
ganz  genügende  Festigkeit  zu  der  beschriebenen  Operation. 
Sie  lassen  sich  zum  gewöhnlichen  Katheterismus  benutzen, 
dürften,  da  sie  von  jeder  Grösse  zu  haben  sind,  vorzüg- 
lich anwendbar  sein  um  zum  Zwecke  der  Steinzertrümmerung 
die  Harnröhre  zu  erweitern  und  kosten  etwa  das  Stück 
2$  Silbergroschen. 

Breslau.  Hodann,  Hospit.-Wundarzt. 


Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesummte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  .jj  Tlilr.  bestimmt,  wofür  sämmlliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hir tchwald. 


JM  12.  Berlin,  den  18'en  Marx  1848. 


Gräfenberg,  Pr'teunxh  und  die  Wassercuren.  Vom  Dr.  Richter. 
( Fortsetzung. ) — Erscheinungen  der  Pkthisit  taryngea  in  Folge 
eines  fremden  Körpers.  Vom  Communalarzl  Schumann.  — Kri- 
tischer Anzeiger. 


Gräfenberg,  Priessnitz  uml  die  Wassercuren. 

Nach  eignen  Beobachtungen  in  mehrern  Wasserheilanstalten 
gesammelt  und  mitgetheilt 


vom  Dr.  C.  A.  TT.  Richter , pract.  Arzt  in  Woldegk  in 
Mecklenburg. 

(Fortsetzung ) 


Anfangs  basirte  Priessnitz  sein  Kurverfahren  etwa  in 
folgender  Weise:  was  den  Organismus  krank  macht,  ist 
ein  fremder  Stoff,  und  er  stellte  sich  denselben  bei  seinem 
Mangel  an  allen  physiologischen  und  anatomischen  Kennt- 
nissen mit  dem  Leibe  etwa  in  ähnlicher  Weise  verbunden 
vor,  wie  einen  Schmutzfleck  mit  dem  Kleide.  Dieser  krank- 
hafte Schmutzfleck  sollte  seiner  Meinung  nach  ausgeschwitzt, 
aus-  und  abgewaschen  werden.  Schwitzen,  Wassertrinken 
und  Waschen  (man  erinnere  sich  seines  anfänglichen  Wasch- 
schwammes, der  ihm  zerschnitten  und  chemisch  unter- 
sucht wurde),  das  waren  die  anfänglichen  Momente  seiner 
Jahrgang  1848.  12 


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Kur.  Die  Diät,  welche  dabei  geführt  wurde,  die  anhaltende 
Bewegung  in  freier  Luft,  diese  lagen  als  Kurmomente  durch- 
aus nicht  in  der  Absicht  l’riessnilze ns,  sic  machten  sich 
vielmehr  ganz  zufällig,  von  selbst;  er  gab  seinen  ersten 
Kurgästen  des  Beste,  was  die  Kflehe  eines  Bauern  vermag, 
nämlich  den  Sonntagstisch  eines  einfachen  Landinann's  für 
alle  Tage  und  die  Unbequemlichkeit  seiner  ersten  und  zum 
Thcil  noch  jetzigen  Wohnungen  (Yiehställe  und  Scheunen 
sind  nothdürftig  zu  theuren  menschlichen  Wohnungen  um- 
geschaflen)  trieb  die  Patienten  ins  Freie  und  die  Lange- 
weile zu  Arbeiten  in  der  Hauswirthschaft  des  Kurhaltcrs. 
Aus  dieser  ersten  Zeit  stammen  die  besten  und  glücklich- 
sten Kuren.  Man  ernährte  sich  von  einfacher  ländlicher 
Kost,  ass  massig,  trank  Wasser,  wusch  sich  täglich  zum 
öflcrn  mit  kaltem  Wasser  und  gegen  die  eigentliche  Krank- 
heit wendete  Priessnilz  das  auf  dem  Lande  gewöhnliche 
und  sehr  beliebte  Mittel  des  Schwitzcns  an.  Seine  Methode 
des  Schweisserregens  war  offenbar  der  des  sogenannten 
Russischen  Dampfbades  entlehnt,  sie  ist  ganz  die  erste  ein- 
fache Form  dieser  Bäder,  wie  der  Russische  Bauer  sie 
noch  heute  übt,  nur  wickelte  er  seine  Kranken  statt  in  rohe 
Schaafpelze  in  grosse  wollene  Decken  und  tauchte  sic  in 
kaltes  Wasser,  da  er  im  Sommer  keinen  Schnee  hatte,  in 
welchem  sie  sich  hätten  wälzen  können.  Der  spätere  An- 
drang von  Kurgästen  drängte  den  einfachen  Landmann  in 
ganz  andre  Bahnen;  was  er  anfänglich  aus  Gutmütigkeit 
oder  des  Ruhms  wegen  that,  das  war  ihm  eine  Quelle  des 
Gelderwerbs  geworden,  und  dieser  Erwerb,  nicht  mehr  das 
Wohl  des  Kranken,  trat  in  den  Vordergrund.  Vor  allen 
mussten  jetzt  glänzende  Kurresullate  öffentlich  besprochen 
werden,  es  entstanden  mysteriöse  Dichtungen  über  den 
Gräfenberg,  welche  oft  wirklich  ironischer  Weise  ersonnen, 
später  aber,  wo  man  dieses  Ursprunges  vergass,  als  wirk- 
lich gcschehnc  Dinge  erzählt  und  somit  als  wahre  Wunder 
geglaubt  wurden.  Hatte  früher  Priessvitz  nur  die  AbsichL 
dem  Kranken  zu  helfen,  so  wachte  er  jetzt  mit  misstraui- 
schem Eifer  über  den  Ruf  seines  Etablissements,  und  da 


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ihm  dies  allein  nicht  immer  in  der  Weise,  wie  er  es 
wünschte,  möglich  war,  so  organisirte  er  das  erbärmlichste 
Spionirsystem,  das  man  sich  denken  kann,  das  aber,  wie 
ich  später  zeigen  werde,  die  wesentliche  Stütze  seiner 
Kuren  geworden  ist.  Indessen  dies  Alles  würde  den  fana  - 
tischen  Eifer  für  die  Wassercur  nicht  hervorgerufen  haben; 
was  diesen  begründete,  ist  durchaus  nicht  der  gute  Erfolg 
der  Kuren  selbst,  sondern  eine  einzige,  ganz  inhaltslose 
Behauptung  ist  es,  welche  den  Wassercuren  in  der  That 
zehn  Mal  mehr  Freunde  erworben  hat,  als  alle  glücklichen 
Heilungen  zusammen.  Diese  Behauptung,  welche  vollständig 
systematisirt  und  in  ein  vollständiges  Lehrgebäude  umge- 
stempelt ist,  ist  diese:  Prietsnüz  sprengte  die  Meinung  von 
der  absoluten  Schädlichkeit  der  Heilmittel,  von  der  stets 
giftigen  Wirkung  derselben  aus.  Man  erzählte  sich  allge- 
mein als  empirische  Basis  dieser  Behauptung,  auf  dem  Grä- 
fenberge  seien  nach  vielen  Jahren  noch  die  früher  ge- 
brauchten Heilmittel  ausgeschwitzt  worden,  und  nannte  als 
solche  besonders  das  Quecksilber,  das  Chinin,  das  Jod.  Bei 
genauerer  Prüfung  der  Wahrheit  solcher  Erzählungen  er- 
giebt  sich  aber,  dass  sie  jeder  thatsächlichen  Begründung 
entbehren  und  ebenso  vollkommen  aus  der  Luft  gegriffene 
Dichtungen  sind,  als  eine  gute  Anzahl  der  Heilungsgeschich- 
ten,  welche  auf  dem  Gräfenberge  vorgekommen  sein  sollen. 
Ich  kann  es  versichern,  dass  Pricsmitz  nicht  ein  Mal  Queck- 
silberpräparate, wenn  man  sie  ihm  in  natura  zeigte,  kennt, 
und  vollends  vom  Chinin  und  Jod  gar  keine  Vorstellung 
hat,  wohl  aber  hat  er  von  dem  üblen  Gerüche,  welcher 
sich  bei  einer  starken  Quecksilbercur  zuweilen  aus  dein 
Munde  des  Kranken  verbreitet  durch  Kurgäste  gehört,  und 
deshalb  behauptete  er  dreist,  als  eines  Tages  der  Schweiss 
eines  Kranken  einen  üblen  Geruch  verbreitete,  der  Kranke 
leide  an  übermässig  genossenem  Quecksilber  und  jetzt 
schwitze  er  dasselbe  wieder  aus;  ein  andres  Mal  hatte  sich 
die  Wäsche  eines  Kranken  gelbbräunlich  gefärbt,  diese 
gelblich  färbende  Substanz  sollte  früher  genommenes  Jod 
sein.  Niemand  hat  sich  aber  die  Mühe  genommen,  einen 

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chemischen  Beweis  solcher  Behauptungen  zu  führen,  ja  was 
noch  mehr  ist,  in  öftern  Fällen  war  es  gar  nicht  einmal 
erwiesen,  ob  solche  Kranke  jemals  wirklich  Quecksilber 
oder  Jod  als  Heilmittel  bekommen  hatten,  indessen  die  Sache 
wird  als  ausgemacht  in  allen  Wasserschriften  erzählt  und 
im  Publikum,  das  über  solche  Behauptungen  keine  verifici- 
rende  Controlle  führen  kann,  geglaubt.  Zum  vollständigen 
Wahnsinne  werden  indessen  diese  Fabeln  in  den  Schriften 
eines  gewissen  Rausse;  dieser  Mensch  erbricht  unter  an- 
dern nach  seiner  Erzählung  in  einer  Brechkrisis  in  der 
Wassercur  noch  wieder  Heilmittel,  welche  er  vor  20  Jah- 
ren ein  Mal  bekommen  hat  und  noch  dazu  vegetabilische 
Heilmittel!  Selbst  ein  Stück  Schiffstau,  welches  die  Ursache 
einer  langwierigen  Krankheit  bei  ihm  war,  die  auf  dem 
Gräfenberge  durch  Priessnits  falsche  Behandlung,  wie  er 
selbst  sagt,  in  Wahnsinn  übergegangen  ist,  hat  er  nach  5 
Jahren  ausgebrochen,  noch  wohlgetheert.  Es  ist  in  der 
That  kaum  glaublich,  wie  solche  mehr  als  Münchhausensche 
Erzählungen  Glauben  finden  können,  aber  ist  die  mensch- 
liche Vernunft  erst  ein  Mal  ernstlich  umnebelt,  so  lassen 
sich  ja  durch  den  Glauben  Berge  versetzen,  und  es  giebt 
keine  Unmöglichkeit  mehr.  Hierzu  kommen  nun  noch  die 
Heiiungsgeschichten  solcher  Kranken,  welche  angeblich  von 
allen  berühmten  Aerzten  Europa’s  vergeblich  behandelt  sind, 
welche  alle  weltbekannten  Bäder  und  Gesundbrunnen  frucht- 
los besucht  haben,  aber  auf  dem  Gräfenberge  endlich  nach 
langjährigen  Irrfahrten  Heilung  fanden.  Manche  solcher 
Geschichten  sind  wahr,  sehr  viele  aber  vollständige  Betrü- 
gereien. So  machte  vor  einigen  Jahren  nicht  allein  in 
deutschen,  sondern  mehr  noch  in  englischen,  amerikani- 
schen, ungarischen  und  polnischen  Blättern  (auf  letzte  vier 
Nationen  hat  Priessnitz  hauptsächlich  sein  Augenmerk  ge- 
richtet) die  Heilungsgeschichte  eines  West-Indiers  sehr  viel 
Aufsehn.  Dieser  Mann  sollte  Carlsbad,  Teplitz,  Wiesbaden, 
Ems,  Schlangenbad  u.  s.  w.  ohne  allen  Erfolg  besucht  und 
sich  des  Rathes  vieler  berühmter  deutscher  Professoren 
vergeblich  bedient  haben,  aber  dann  auf  dem  Gräfenberge 


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vollständig  hergestellt  sein.  Diese  Erzählung  ist  eine  voll- 
ständige Lüge;  der  Mann  ist  nicht  West- Indier,  sondern 
ein  Hamburger,  und  ist  nicht  auf  dem  Gräfenberge  geheilt, 
sondern  noch  eben  so  krank,  als  er  früher  gewesen  und 
hat  nichts  weiter  nach  einer  zweijährigen,  ich  sage  zwei- 
jährigen Kur  erzielt,  als  eine  sehr  schnell  vorübergehende 
Besserung.  Vielen  Heilungsgeschichten  liegt  aber  auch 
nicht  ein  Mal  diese  leise  Andeutung  von  Wahrheit  unter, 
denn  ich  weiss  es  sehr  bestimmt,  dass  Menschen,  welche 
niemals  krank  waren,  für  gefährlich  krank  ausgegeben  wur- 
den, und  dann,  wie  sich  von  selbst  versteht,  eine  überaus 
glückliche  Kur  machten.  Ob  die  Erfindung  solcher  Kuren 
Prictsnittens  Verdienst  ist,  weiss  ich  nicht,  man  sagt  sie 
stammten  aus  der  Zeit  des  Fürsten  von  Hohenlohe.  Man- 
che Andre,  welche  durch  die  Beschreibung  ihrer  Leiden 
und  der  dagegen  mit  günstigem  Erfolge  gebrauchten  Was- 
sercur  dieser  sehr  viele  Anhänger  erworben  haben,  sehn 
sich  selbst  jetzt  sehr  bitter  enttäuscht,  denn  sie  schrieben, 
ehe  sie  wussten,  dass  sie  sich  mit  dem  blossen  Scheine 
der  Heilung,  mit  einer  spurlos  verschwindenden  Besserung, 
welche  sie  auf  dein  Gräfenberge  erlangt  hatten,  selbst  sehr 
empfindlich  getäuscht  hatten.  In  Böhmen  und  Schlesien, 
wo  man  die  Wassercuren  mehr  unter  Augen  hat,  finden 
sich  die  wenigsten  oder  fast  gar  keine  Enthusiasten  für  den 
Gräfenberg,  denn  man  hat  dort  allgemein  die  Meinung,  dass 
für  die  langen  Kasteiungen  und  die  Ungeheuern  Opfer  an 
Zeit  und  Geld,  welche  die  Kur  auf  dem  Gräfenberge  koste, 
durchaus  kein  verhültnissmässiger  Erfolg  erzielt  werde,  denn 
in  sehr  vielen  Fällen  genügen  einige  Wochen  in  der  Hei- 
math,  um  das  alle  Leiden  wieder  vollständig  herzustellen. 
Dafür  aber  benutzen  einige  dortige  einsichtsvolle  Aerzte 
zum  grössten  Vortheil  ihrer  Kranken  die  Wassercur  neben 
Heilmitteln  und  überall  habe  ich  von  dieser,  von  mir  seit 
Jahren  mit  Glück  geübten  Methode  nur  Zufriedenstellendes 
gehört.  Ja  ein  Beispiel  dieser  Art  machte  selbst  auf  dem 
Gräfenberge  sehr  viel  Aufsehn  und  Hess  in  der  Brust  man- 
ches Kranken,  der  dort  bereits  Jahre  lang  vergebens  ge- 


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quält  war,  einen  neuen  Schimmer  von  Hoffnung  auftauchen, 
und  ihn  wieder  mit  Sehnsucht  nach  dem  Gebrauche  von 
Heilmitteln  verlangen.  Ein  ....  Oflicier  kam,  wie  man 
sagte,  an  einer  Mercurial-Jod-Syphilisseuche  leidend  nach 
dem  Gräfenberge;  es  war  ein  Geschwür  und  die  sich  aus 
den  eiternden  Flächen  absonderndc  Jauche  hatte  einen  so 
ekelhaften  Geruch,  dass  selbst  die  Umgebung  der  Wohnung 
dieses  Kranken  geflohen  wurde.  Nach  einer  mehrmonat- 
lichen  Kur  fürchtete  Priessnitz  den  Untergang  des  Patien- 
ten — es  gehört  zu  Priessnitz  s Kunstgriffen,  Kranke,  wel- 
che er  für  Todescandidaten  hält,  ohne  Gnade  und  Barm- 
herzigkeit in  ihre  Heimath  zu  entsenden  — und  entsendete 
ihn  deshalb  in  seine  Heimath.  Aber  siebe  da,  diese  halbe 
Leiche  wurde  einer  sehr  zweckmässigen  Behandlung  mit 
Heilmitteln  unterworfen  und  sechs  Wochen  später  stellte 
er  sich  vollständig  genesen  zum  Dienste  bei  seinem  Regi- 
mentc.  Ein  umgekehrter  Fall  mit  einem  Prcussischen  Of~ 
ficier  ist,  weil  er  zu  Gunsten  der  Wassercur  endete,  als 
halbes  Wunder  erschienen , von  jenem  spricht  kein  Mensch 
ausser  auf  dem  Gräfenberge,  wenn  man  sicher  vor  Priess- 
nii%'  geheimer  Polizei  ist.  Eine  Menge  jener  ersten  ähn- 
liche Geschichten  könnte  ich  aus  meiner  eignen  Erfahrung 
beibringen.  Nichts  hört  man  häufiger  unter  den  Gräfen- 
berger  Gästen,  als  dieser  oder  jener  habe  eine  Crisis,  d.  h. 
er  hat  einen  oder  mehrere  kleine  Furunkel  an  dieser  oder 
jener  Parthie  der  Oberhaut  bekommen.  Der  also  Betrof- 
fene ist  dann  gewöhnlich  Gegenstand  der  Beglückwünschung 
und  nicht  selten  des  Neides  seiner  Leidensgenossen,  denn 
man  bildet  sich  ein,  er  sei  um  einen  wesentlichen  Schritt 
in  seiner  Heilung  fortgeschritten.  Hätten  aber  solche 
Hautausschiäge,  welche  in  der  That  bloss  Folgen  des  Rei- 
zes sind,  welchen  das  kalte  Wasser  im  Uobermaasse  ge- 
braucht, macht,  wirklich  immer  kritische  Bedeutung,  so  würde 
ihr  Erscheinen  doch  nothwendig  die  Krankheit  beschränken 
oder  wohl  gar  beenden  müssen,  was  aber  durchaus  nicht 
der  Fall  ist,  denn  es  haben  manche  Kranke  zwanzig  und 
mehrere  Male  solche  Ausschläge  während  der  Wassercur 


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— 188  — 

bekommen  und  sind  denmngeacblet  so  krank  vom  Gräfen- 
berge  abgereist,  als  sie  dahin  kamen,  ja  ich  sah  einen  Kran- 
ken, der  vor  Freud«  weinte,  das»  er  aussah,  als  ob  er  die 
Pocken  bekommen  kitte  and  der  jetzt  schon  in  der  kühlen 
Erde  ruht.  Diese  kleine  Episode  bezieht  sich  auf  den  morali- 
schen Werth,  welchen  vor  einiger  Zeit  in  einer  Hamburger 
Zeitung  ein  guter  Mann  den  Wassercuren  beilegte.  Wahr- 
scheinlich ist  er  nicht  auf  dem  Gräfenberge  gewesen,  wel- 
ches in  gewissen  Beziehungen  mit  Homburg  v,  d.  H.  riva- 
lisirt  d h.  was  die  Vorbereitung  zur  ewigen  Seehgkcit  be- 
trifft (_??).  Auch  kenne  ich  eine  Wasserheilanstalt,  welche 
viel  richtiger  ein  Hurenhaus  genannt  werden  müsste,  und 
eine  andre,  weiche  eigentlich  nur  den  Harem  des  Karge- 
bers, der  hier  auch  Courmacher  ist,  vorstellt.  Wenn  sich 
also  manche  Herrn  für  jene  nnd  kinderlose  Damen  für 
diese  sehr  stark  interessiren,  so  gehört  dies  eigentlich  in 
die  Geheimnisse  der  Wassorcur,  weiche  man  sich  nur  sub 
rosa  miltheilt  zur  gelegentlichen  Benutzung.  ( ! ! > Was  ferner 
den  kritischen  Badeausschlag  betrifft,  so  sollte  man  über 
seine  Bedeutung  wohl  andern  Sinnes  werden,  wenn  man 
sieht,  wie  die  Gräfenberger  Badediener,  meist  sehr  hand- 
feste und  gesunde  Leute,  im  Jahre  wohl  zehn  Mul  solche 
Krisen  an  den  Händen  und  Armen  haben,  obgleich  sie  doch 
nicht  zehn  und  mehrere  Jahre  lang  unausgesetzt  aus  einem 
gesunden  Leibe  krankhafte  und  fremde  Stoffe  ausschciden 
können,  Ueberdies  passt  die  Kriscnlehrc  durchaus  nicht 
mehr  zu  Priessnitxem  jetzigem  pathologischem  System,  die 
Natur  ist  also  noch  hinter  diesem  zurück,  und  seine  aprio- 
rischen Inspirationen  gehn  über  die  Natur  hinaus.  Es  ist 
nämlich  wohl  auch  in  das  grössere  Publikum  gedrungen, 
dass  Prkssirii*  seit  2 bis  3 Jahren  seine  Kurmethode  gänz- 
lich geändert  hat.  Dies  ist  allerdings  gesebehn,  denn  das 
Schwitzen  ist  jetzt  gänzlich  verbannt  und  an  dessen  Stelle 
ein  oder  einige  kalte  Bäder  des  Tags  mehr  getreten, 

Prk&tnitz  selbst  giebt  als  Grund  dieser  von  ihm  be- 
liebten Aenderung  an: 

i>  die  frühere  Konnethode  sei  nicht  griftdiieh  gewesen, 


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denn  die  meisten  Kranken  seien  nach  kurzer  Zeit  wieder 
in  ihre  fühern  Leiden  zurückgefallen,  die  Wassercur  habe 
meist  nur  eine  vorübergehende  Besserung  bewirkt; 

2)  das  Schwitzen  habe  die  Kranken  zu  sehr  geschwächt. 

Wie  aber,  fragte  ihn  Jemand,  kommen  denn  jetzt  die 
bösen  Stoffe  aus  dem  Leibe,  wenn  sie  nicht  mehr  ausge- 
schwitzt werden?  — „Böse  Stoffe,  antwortete  Priessnitz, 
giebts  halt  nicht,  ich  habe  noch  keine  gesehn,  wie  sollten 
sie  auch  in  den  Körper  kommen?  Der  Mensch  wird  nur 
aus  Schwäche  krank,  es  müssen  halt  seine  Werkzeuge  ge- 
stärkt werden.  Es  dauert  jetzt  die  Kur  ein  Bischen  län- 
ger, aber  sie  ist  dafür  auch  gründlich”. 

Diese  eigne  Aussage  /Vjewnrtsens  ist  sehr  bemerkens- 
werth,  denn  sie  bestätigt  vollkommen,  was  erfahrne  Aerzte, 
welche  sich  mit  der  Wassercur  beschäftigen,  längst  wahr- 
genommen haben:  die  W'assercuren  bedürfen  in  mancher 
Beziehung  der  Unterstützung  mit  Heilmitteln,  um  den  Schein 
der  Heilung,  welchen  sie  häufig  nur  verbreiten,  zu  einer 
wirklichen  Heilung  zu  machen. 

Die  jetzige  längere  Dauer  der  Kur  auf  dem  Gräfen- 
berge  ist  eine  durchaus  zweifellose  Sache,  wie’s  aber  mit 
der  verheissenen  grossem  Gründlichkeit  steht?  Nun,  es 
sind  seit  der  Zeit  erst  sehr  wenige  Heilungen  vorgekom- 
men; bei  den  meisten  Kranken  dauert  die  Kur  noch  fort, 
und  somit  ist  die  versprochne  Gründlichkeit  ein  noch  nicht 
existirendes  Ding.  Zu  dieser  Stärkungstheorie  soll  Priess- 
ni'z  übrigens  durch  den  Umgang  mit  einem  Amerikanischen 
Arzte,  welcher  ein  Anhänger  Browns  gewesen  ist,  gekom- 
men sein;  dieser  Unglückliche  ist  dafür  auf  dem  Grafen- 
berge,  wo  er  sich  durch  Erkältung  eine  Lungenentzündung 
zuzog,  ein  Opfer  seiner  Theorie  und  der  demnach  gehand- 
habten  Kur  seines  Schülers  Priessnitz  geworden. 

Gewiss  ist  es  aber  ein  in  mancher  Rücksicht  sehr  be- 
lehrender Wink;  seine  frühere  Kurmethode,  durch  deren 
scheinbar  günstige  Erfolge  sich  die  grosse  Menge  bestechen 
und  täuschen  Hess,  verwirft  Priessnitz  selbst  als  sehr  un- 
sicher und  nachtheilig,  und  führt  dafür  eine  auf  blosser 


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Theorie  gegründete  Kurmethode  ein,  welche  zunächst  Nie- 
mand befriedigt,  als  ihn  selbst,  ihn  selbst  aber,  weil  sie  die 
Gäste  zwingt,  ihren  Aufenthalt  auf  dem  Gräfenberge  auf 
mehrere  Jahre  auszudehnen,  worüber  unter  den  Patienten 
daselbst  eine  sehr  grosse  Unzufriedenheit  herrscht.  Und 
dies  mit  Recht,  denn  es  kann  in  der  Thal  kein  unglückli- 
cheres Leben  geben,  als  das  auf  dem  Gräfenberge,  so  un- 
erquicklich und  eigenthümlich,  dass  ein  Mensch,  welcher 
erst  zwei  und  mehrere  Jahre  auf  dem  Gräfenberge  gelebt 
hat,  fast  ganz  unfähig  geworden  ist,  wieder  in  seinen  frü- 
hem bürgerlichen  Verhältnissen  zu  leben  und  sich  wohl  zu 
befinden,  denn  er  ist  alsdann  mit  dem,  was  dem  Menschen 
noch  ausser  der  Wassercur  interessiren  kann,  ausser  allem 
Verbände.  Theils  liegt  das  Zurückgehn  des  Kurgastes  in 
seinem  Können  und  Wissen  darin,  dass  er  Jahre  lang  keine 
Zeit  und  Gelegenheit  hat,  seine  geistigen  Kräfte  zu  üben 
in  ernster  Beschäftigung,  theils  aber  trägt  die  eigenthüm- 
liche  Art  der  Unterhaltung  auf  dem  Gräfenberge  unendlich 
viel  dazu  bei,  den  Geist  zu  erschlaffen  und  förmlich  zu 
tödlen.  Priessnitz  selbst  ist  nämlich  an  Intelligenz  eine  völ- 
lige Null,  er  hat  also  gar  keinen  Einfluss  auf  den  Ton  der 
Gesellschaft,  dieser  bildet  sich  vielmehr  aus  der  Qualität 
der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Patienten,  und  diese  sind 
meist  jüngere  Leute,  welche  durch  ein  ausschweifendes 
Leben  ihre  Gesundheit  frühzeitig  eingebüsst,  damit  aber 
noch  nicht  den  Willen  und  die  Lust  verloren  haben,  dies 
Leben  fortzusetzen,  und  es  deshalb  schon  auf  dem  Gräfen- 
berge Wiederbeginnen,  sobald  das  kalte  Wasser  ihrem  Kör- 
per wieder  einige  Spannkraft  gegeben  hat.  Da  unter  die- 
sen Umständen  die  Heilung  nicht  abgewartet  wird,  so  er- 
hält sich  die  Syphilis  auf  dem  Gräfenberge  immer  frisch,  *) 
ein  Verhältniss,  welches  zu  einem  sehr  beachtenswerlhen 
Irrthume  Veranlassung  giebt.  Es  hat  sich  nämlich  aus  den 
Erzählungen  Einzelner  der  Glaube  verbreitet,  eine  in  frü- 
herer Zeit  unter  dem  Gebrauche  von  Quecksilber  oder  wie 


*)  Hört!  hört! 


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Iso 


immer  verschwundne  Syphilis  kehre  auf  dem  Gräfenberge 
stets  wieder  in  primärer  Form  zurück.  Dies  ist  aber  nicht 
der  Fall  und  der  hieraus  gezogene  Beweis  gegen  die  Heil- 
mittel deshalb  vollständig  nichtig  und  derjenige,  welcher 
hieraus  zu  Gunsten  der  Wassercur  entlehnt  ist,  eine  Illu- 
sion, denn  in  den  meisten  Fällen  dieser  Art  ist  das  Vor- 
geben des  Wiedermiftauchens  der  primären  Syphilis  durch 
die  Wassercur  ein  Vorgeben  zu  dein  Zwecke,  die  neue, 
auf  dem  Gräfenberge  seihst  geschehene  Ansteckung  zu  ver- 
stecken.!!) Priessnih  weiss  in  den  meisten  Fallen  durch  seine 
geheime  Polizei  viel  früher  als  der  Kranke  selbst  um  die 
wahre  Duelle  des  neuen  Leidens,  ist  aber  so  gefällig,  das 
Wiederauftauchen  der  Syphilis  durch  die  Wassercur  für 
möglich  zn  halten  und  sieht  es  sehr  gern,  wenn  solche  An- 
sichten zu  Gunsten  seines  Etablissements  allgemein  verbrei- 
tet werden.  *)  l'ebrigens  wird  cs  jeder  Arzt  sehr  erklär- 
lich finden,  dass  eine  frisch  geheilte  Syphilis  in  ihren  se- 
cundären  Formen,  z.  B.  Halsgeschwüren,  allerdings  in  der 
Wassercur  sehr  oft  wieder  zum  Vorschein  kommt.  Sie 
kehren  hier  nämlich  aus  demselben  Grunde  wieder,  aus 
welchem  sie  auch  sehr  häufig  ohne  Wassercur  zurückkeh- 
ren,  weil  nämlich  der  Kranke  auf  dem  Gräfenberge  sogleich 
eine  fast  ausschliessliche  animalische  Diät  führt  und  sich 
häufigen  Erkältungen  aussclzt.  Sehr  häufig  haben  aber 
solche  rödtkehrende  Geschwüre  durchans  keinen  dyscrasi- 
seben  Churacter  mehr  und  heilen  hei  warmem  Verhalten 
und  einfachem  Gurgelwasser  in  einer  massigen  Schweisscur. 
Unter  ähnlichen  Verhältnissen  werden  sie  nun  auch  auf  dem 
Gräfenberge  geheilt,  doch  giebt  diese  Heilung  so  wenig  als 
jede  anderweitig  erzielte  eine  sichre  Garantie  für  die  Zukunft, 
Es  ist  das  System  der  geheimen  Polizei,  welches  auf 
dem  Gräfenberge  besieht,  schon  mehrfach  erwähnt  und  es 
muss  hier  ausführlicher  darauf  eingegangen  werden,  weil 
es  wesentlich  zu  dem  Leben  auf  dem  Gräfenberge  gehört 
und  anderseits  ein  richtiges  Urtheil  über  Pritsamtz  Character 

•)  Hört,  hört!  Ocsterreichischc  Mcdicininalpolizei-Bcamle  i 


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187 


•Ab- 
fällen lässt.  Ein  Horcher  ist  unter  allen  Umständen  ein 
erbärmliches  und  verächtliches  Subject;  was  ist  von  Dem 
zu  halten,  welcher  ein  ganzes  Heer  solcher  Spione  in  Sold 
hat,  und  dies  hat  1‘riesmitz!  Er  corrumpir!  durch  sein 
Horcherwesen  einen  grossen  Theil  seiner  Kurgäste  mora- 
lisch, indem  er  sie  zu  feilen  nichtswürdigen  Sclaven  seiner 
Despotenlaunen  macht.  Worauf  hauptsächlich  von  diesen 
Spürhunden  vigilirt  werden  muss,  dos  ist,  ob  Jemand  im 
Gespräche  ein  Wort,  was  einen  entfernten  Zweifel  an  der 
Alleinwirksamkeit  der  Wassercar  enthält,  fallen  lässt,  ob  er 
die  Art  und  Weise,  wie  sie  auf  dem  Gräfenbcrge  getrie- 
ben wird,  missbilligt,  ob  er  überhaupt  Missbrauche  auf  dem 
Gräfenbcrge  findet,  oder  ob  er  gar  über  Prietmilzens  Con- 
eurrenten  Schott  in  Lindewiese  ein  günstiges  Wort  spricht 
und  den  Glauben  hegt,  dieser  heile  gleichfalls  Kranke;  kurz 
wer  nicht  stets  mit  auf  der  Brust  gefalteten  Händen  aus- 
ruft: Gott  ist  gross  und  vollkommen,  aber  gleich  nach  ihm 
kommt  Priessnitz,  der  wird  denuncirt  und  ist  der  geheimen 
Vehm  verfallen.  Anfänglich  wird  er  degradirt,  seine  Woh- 
nung verschlechtert,  die  Diener  gegen  ihn  mit  Impertinen- 
zen gewaffnet,  vor  allen  der  Leibdiener  des  Priesmits  und 
er  muss  sich  aus  diesem  Baun  lösen  mit  schwerem  Gelde, 
welches  man  dem  Leihdiener  zu  zahlen  hat;  ist  aber  der 
Betreffende  ein  Arzt,  so  wird  ihm  sogleich  Wohnung  um! 
Beköstigung  bei  dem  Gastwirtbe  Priessvifz  gekündigt.  Es 
ist  sogar  ein  eigner  Artikel  im  Speisesaale  angeschlagen, 
welcher  dem  Arzte,  der  dort  anwesend  ist,  gradezu  ver- 
bietet, seine  Meinung,  natürlich  nur  wenn  sie  abfällig  ist, 
über  Wassercurcn  zu  äussern.  Doch  es  ist  unendlich 
schwer,  auf  dem  Gräfenberge  keine  Satyren  zu  schreiben. 
Auch  ich  habe  das  Schicksal  gehabt,  dass  mir  der  Gastwirlh 
Priessnäz  die  Wohnung  kündigte,  denn  gleich  nach  meiner 
Ankunft  auf  dem  Gräfenberge  hielt  ich,  als  ich  namentlich 
den  Character  des  Kurgebers  und  seines  Treibens  kennen 
gelernt  hatte , mit  meiner  Meinung,  so  oft  ich  über  die 
Sache  gefragt  wurde,  durchaus  nicht  hinter  dem  Berge. 
Einige  sehr  achtbare  Männer  warnten  mich,  mit  meinen 


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Aeusserungen  vorsichtiger  zu  sein,  und  enthüllten  mir  das 
ganze  Horchersyslein,  was  übrigens  schon  vorher  geschehn 
war,  indessen  ich  hielt  es  wirklich  nicht  der  Mühe  werth, 
einem  so  unbedeutenden  Menschen,  wie  Priessnüz  in  der 
That  ist,  zu  Liebe  meine  wahre  Meinung  auch  nur  einen 
Augenblick  zu  verbergen,  und  ich  that  dies  absichtlich  um 
so  weniger,  als  ich  wusste,  dass  Priesmitz  einen  mir  sehr 
befreundeten,  überaus  tüchtigen  Arzt,  welcher  aus  Rück- 
sichten sein  Urtheii  auf  dem  Gräfenberge  zurückgchalten, 
und  sich  überall  gegen  Priessnilz  gefällig  gezeigt  hatte, 
hinterrücks  „einen  Heuchler”  genannt  hatte,  der  es  aus 
Furcht  nur  nicht  wage,  seine  wahre  Meinung  zu  äussern. 
Allerdings,  sagte  mir  ein  vortrefflicher  Mann,  den  ich  auf 
dem  Gräfenberge  kennen  lernte,  ist  es  noch  nicht  vorge- 
kommen, dass  Jemand  gewagt  hätte,  wie  Sie  es  öfter  tha- 
ten , selbst  über  Tisch  die  Diät  hier  zu  tadeln , von  dem 
möglichen,  ja  wahrscheinlichen  Schaden  einer  übertriebenen 
Wassercur  zu  sprechen,  einem  Kranken  gradezu  zu  ralhen, 
für  sein  Leiden  sich  nicht  mit  der  Wassercur  zu  befassen, 
endlich  gar  zu  behaupten , dass  wenn  die  Erfahrungen  aus 
der  Irrenanstalt  des  Klosters  Leubus  den  Preussischen  Be- 
hörden bekannt  würden,  so  sei  cs  sehr  wahrscheinlich,  diese 
aufgeklärte  Regierung  werde  ernstliche  Warnungen  gegen 
die  jetzige  Wasserdocterei  ergehn  lassen.  Weil  ich  alles 
dies  öffentlich  sagen  wollte,  deshalb  habe  ich  es  zuerst  auf 
dem  Gräfenberge  nicht  verschwiegen,  damit  Herr  Pricssnitz 
nicht  etwa  auch  von  mir  behaupte,  ich  habe  ihm  geschmei- 
chelt, um  mir  an  ihm  einen  Gönner  zu  erwerben,  wie  er 
mir  dies  von  meinem  Freunde  insinuirte.  Alle  diese  An- 
stalten trifft  Priessnitz,  weil  er  weiss,  dass  seine  Kurme- 
thode eine  gründliche  Kritik  nicht  vertragen  kann,  dass  sie 
im  Halbdunkel  erhalten  werden  muss  und  nur  Sache  eines 
fanatischen  Glaubens  sein  kann.  — Nichts  ist  ihm  lieber, 
als  wenn  von  ihm  in  den  Zeitungen  oder  in  Wasserschrif- 
ten gesprochen  wird,  versteht  sich  zu  seinem  Lobe,  doch 
hört  er  in  neuster  Zeit  fast  eben  so  gern,  wenn  sein  Con- 
current,  Nachbar  und  Standesgenosse,  der  Bauer  Schott 


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in  Lindewiese  öffentlich  getadelt  und  wo  möglich  blamirt 
wird.  Wie  cs  möglich  sei,  dass  dieser  durch  eine  sehr 
starke  Hunger-  und  Durstcur  die  Kranken  heilt,  welche  auf 
dem  Gräfenberge  nicht  geheilt  werden,  das  ist  Priessnitz 
vollständig  unerklärlich  und  er  sucht  sich  deshalb  noch  im- 
mer einzureden,  sehr  wohl  wissend,  welchen  Umständen 
der  Gräfenberg  seinen  Ruhm  mit  zu  verdanken  habe,  alle 
günstigen  Kurberichte  aus  Lindewiese  seien  Erdichtung  und 
Fabel,  und  da  die  Kaiserl.  König!.  Polizei  in  ihren  amtlichen 
Kurlisten  die  sich  in  Lindewiese  aufhaltenden  Kranken  jetzt 
auch  mit  aufführt,  so  ist  er  ganz  untröstlich. 

(Schluss  folgt.) 


Erscheinungen  «1er  Phthisis  laryngea  in  Folge 
eines  fremden  Körpers. 

Mltgetbeilt 

vom  Kreis-,  Wund-  und  Communalarzt  Schumann  in  Berent. 


Bei  Durchsicht  der  Dr.  LtwcMa’schen  Mittheilung  über 
die  Erscheinungen  der  Lungentuberkulose  bei  fremden  Kör- 
pern in  den  Bronchialverzweigungen  (cf.  No.  40  1846  die- 
ser Wochenschrift)  erinnerte  ich  mich  lebhaft  eines  Falles, 
welcher  mit  analoger  Beziehung  cs  werth  sein  dürfte,  an 
diesem  Orte  milgelheilt  zu  werden. 

Der  13jährige  Sohn  eines  Königl.  Beamten  zu  N.,  ein 
schnell  in  die  Höhe  gewachsener,  auffallend  magrer  Knabe, 
welcher  an  mannigfachen  Formen  der  Scrophulosis  bereits 
gelitten  hatte,  erkrankte  vor  einigen  Jahren  im  Monat  Au- 
gust an  einem  heftigen,  trocknen  Reizhusten,  mit  welchem 
ein  überaus  peinigendes  Kitzelgefühl  in  der  Kehlkopfgegend, 
welches  nach  einiger  Zeit  in  Druck,  darauf  aber  in  wah- 
ren brennenden  Schmerz  überging,  verbunden  war.  Nach 


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— 1Ö0  — 

kurzer  Dauer  dieser  Zustände  ward  die  Stimme  klanglos 
und  bei  täglich  zunehmender  Heiserkeit  stellte  sich  eine 
mühsame  Expectoration  von  anfangs  schleimigen,  später  aber 
rein  eitrigen,  mit  Blutstreifen  vermischten  Massen  ein,  wel- 
che oft  bei  gleichzeitigem  sehr  beschwerlichem  Erbrechen 
entleert  wurden.  Dabei  sanken  die  Kräfte  des  Knaben  im- 
mer mehr  und  bei  starken  Schweisscn  und  Durchfällen  trat 
eine  deutliche  febris  hectiea , welche  sich  anfangs  als  inter- 
mittens  quotidiana  geltend  machte,  und  dem  Gebrauch  des 
Chinins  wich,  auf.  Ein  beträchtlicher  Decubitus  vermehrte 
die  Summe  der  Leiden  noch  mehr  und  Aerzte  und  Anver- 
wandte wünschten  aus  vollem  Herzen  den  alleinigen  Helfer 
von  so  vieler  Qual,  den  Tod  herbei.  Dieser  fromme 
Wunsch  sollte  indessen  für  diesmal  noch  nicht  in  Erfüllung 
gehn!  — Es  versteht  sich  übrigens  von  selbst,  dass  der 
beschriebene  Krankheitszustand  für  eine  aus  der  Gesammt- 
constilution  des  Kranken  hervorgehende  und  durch  unbe- 
kannte veranlassende  Ursachen  in  so  frühem  Lebensalter 
zum  Ausbruch  gebrachte  Phthisis  laryngea  angesehn  und 
als  solche  nach  allen  Regeln  der  Kunst  auf  die  wissen- 
schaftlichste Manier  behandelt  wurde.  Da  fehlten  weder 
Autenrieth'schc  Salbe  noch  Crotonölliniment,  weder  Vesi- 
cantien  noch  Sinapismen,  weder  Fuss-  noch  Handbäder; 
da  wurden  Digitalis  und  Nürum,  Ipccacuanha,  Opium,  Hy- 
oscyamus,  Sulphur.  auratum,  Kermes  minerale  und  Ammo- 
nium muriaticum  in  Pulver,  Mixturen  und  Säftchen  reichlich 
eingegeben;  da  ward  zum  Ueberlluss  auch  Ziegenmilch  und 
Emser  Wasser  verordnet  — allein  Alles  umsonst  11  Das 
Uebel  schritt  über  alle  Trümmer  von  Schachteln,  Flaschen, 
Fläschchen  und  diversen  Salbcntöpfen  Verderben  bringend 
vorwärts  und  weder  die  prangende  Wissenschaflsblüthe  ei- 
nes rite  jtromotus  noch  die  Handwerkspraxis  eines  Wund- 
arztes Ir  Classe  konnten  es  in  seinem  Laufe  aufhalten. 
Endlich,  als  man  schon  an  Entwerfung  der  rührendsten  To- 
desanzeige dachte,  kam  unverhoffte  Hülfe.  Bei  einem  hef- 
tigen Husten-  und  Brechanfall,  welcher  totale  Besinnungs- 
losigkeit erzeugte,  ward  ein  in  Eiter  und  Blut  cingehülller 


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491 


Körper  ausgeworfen.  Derselbe  hatte  die  Gestalt  eines  klei- 
nen StiefeLeisens  und  verbreitete  einen  aashaften  Gestank. 
Die  herbeigerufnen  Aerzte  wuschen  das  wahrscheinliche 
Corpus  delicti  ab  und  erkannten  sehr  bald  eine  hufeisen- 
förmig zusamtnengebogene  Kornähre  von  etwas  über  2 Zoll 
Länge.  Mit  todesmattem  Flüstern  erklärte  endlich  auch  der 
Kranke,  dass  er  bei  einem  Spaziergänge  durch  ein  Korn- 
feld eine  unreife  Roggenähre  in  den  Mund  genommen  und 
absichtslos  verschluckt  habe;  er  habe  darnach  durchaus 
keine  Beschwerden  empfunden  und  deshalb  auch  seinen 
Eltern  nichts  gesagt;  während  der  ganzen  langen  Krank- 
heit aber  habe  er  vor  lauter  Schmerzen  an  jenen  Zufall 
nicht  weiter  gedacht.  So  hatte  also  von  Anfang  Juli  an, 
wo  das  Verschlucken  der  Aehre  geschah,  bis  gegen  Ende 
August  dieselbe  ohne  den  geringsten  Reiz  zu  verursachen, 
in  den  Luftwegen  gesteckt!  Von  dort  an  begann  die  Krank- 
heit und  im  Anfang  Dcceinber  ward  sie  expectorirt.  — Von 
nun  an  ging  es  mit  dem  Kranken  besser;  die  geschwun- 
gen Excoriationen  (auch  des  Kehldeckels)  heilten  bald,  der 
Husten  hörte  nach  und  nach  auf,  das  Fieber  ebenfalls  und 
ehe  \ Jahr  verging,  war  der  dem  Tode  nahe  gewesene 
Knabe  gesund  und  kräftig  und  ist  heute  ein  rüstiger,  blü- 
hender junger  Mann. 

Der  Leser  wird  nun  fragen:  „wo  steckte  die  Aehre?" 
Ungefähr  zeigte  es  der  Schmerz  an  und  der  Sitz  der  Krank- 
heit überhaupt.  Also  der  larynx  beherbergte  sie,  das  ist 
gewiss.  Sass  sie  aber  in  dem  cavum  laryngis,  etwa  mit 
den  beiden  Enden,  den  beiden  Schenkeln  des  Hufeisens, 
in  den  Ventriculis  Morgagni,  oder  sass  sie  auf  dem  Kehl- 
kopf, so,  dass  sie  Kehldeckel  und  Stimmritze  zwischen  ih- 
ren beiden  Schenkeln  fasste  und  der  Bogen  der  Aehre  sich 
auf  die  Anheftungsstelle  des  Kehldeckels  stützte?  Hatte  sie 
sich  hier  vielleicht  in  die  Vertiefungen  neben  dem  Liga- 
mentum glosso-epiglotticum  ein  - und  festgesackt?  Ich  bin 
geneigt,  Letzlres  anzunehmen;  so  nur  scheint  es  mir  er- 
klärlich, wie  der  Knabe  die  Aehre  beherbergen  konnte, 
ohne  gleich  beim  Verschlucken  und  bald  darauf  anhaltend, 


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die  fürchterlichsten  Hustenanfälle  zu  bekommen.  Dann  aber 
scheint  mir  auch  der  Umstand  dafür  zu  sprechen,  dass  der 
Kehldeckel  an  seiner  obern  Fläche  gänzlich  erodirt  und 
theilweise  geschwürig  war.  Dem  sei  nun,  wie  ihm  wolle, 
wie  ich  den  Fall  erzählt,  so  hat  er  sich  zugetragen  und 
gern  überlasse  ich  die  kritischen  Raisonnements  einer  ho- 
hem Competenz. 


Kritischer  Anzeiger 
neuer  und  eingesandter  Schriften. 


An  inquinj  into  the  physiological  and  medicinal  properties  of 
the  Aconitum  Napellus;  to  which  are  addtd  obstrvalions 
on  seteral  other  species  of  Aconitum.  By  Alexander 
Fleming , M.  U.  President  of  the  royal  med.  soc.  qf 
Edinburgh,  l^ondon  1845.  IX  u.  160  S.  8. 

(Eine  Inaugural  - Dissertation , der  Wenige  an  innerm 
Werthe  an  die  Seite  gesetzt  werden  können.  Die  ange- 
hängten Extracte  aus  Reccnsioncn  in  englischen  Zeitschrif- 
ten geben  kein  übertriebenes  Lob.  Der  Vf.  hat  die  Wir- 
kungen des  Aconits,  und  zwar  aller  Theile  der  Pflanze,  na- 
mentlich auch  der,  nach  seinen  vielfachen  Versuchen,  äus- 
serst  wirksamen  Wurzel  und  Knollen,  in  jeder  denkbaren 
Beziehung  (sogar  auf  Infusorien!)  mit  äusserster  Sorgfalt, 
Besonnenheit  und  Kritik  durch  Beobachtung  und  vielfache 
Experimente  erforscht  und  hier  beschrieben,  und  die  Schrift 
ist  ein  Muster  einer  Monographie  eines  Heilmittels.  .Möchte 
sie  unter  jüngern  deutschen  Aerzlen  Nacheiferer  finden!) 


diese  Wochenschrift  passende  Beiträge  werden  nach 
dem  Abschlüsse  jedes  Jahrgangs,  auch  auf  Verlangen  gleich 
nach  dem  Abdruck , anständig  honorirt,  und  eingesandte 
Bücher,  wie  bisher,  entweder  in  kurzem  Anzeigen  oder  in 
ausführlichen  Recensionen,  sogleich  zur  Kcnntniss  der  Le- 
ser gebracht.  Alles  Einzusendende  erbittet  sich  der  Her- 
ausgeber nur  portofrei  durch  die  Post,  oder  durch  den 
Weg  des  Buchhandels. 

Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferanten 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  uö- 
thigen  Registern  ist  auf  3f  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmlliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hir tckwald. 


JX2  13.  Berlin , den  25,efl  März  1848. 


Gräfcnberg,  Priessniti  und  die  Wassercuren.  Vom  Dr.  Richter. 
(Fortsetzung.)  — Medicinisch  - chirurgische  Bemerkungen.  Vom 
Geh.  Rath  Dr.  Schneider.  (Blulschwitzen. — Schweiss  von  an- 
dern Farben.)  — Kritischer  Anzeiger. 


GrJifenberg,  Priessnilz  und  die  Wassercuren. 

Nach  eignen  Beobachtungen  in  mehrern  Wasserheilanstalten 
gesammelt  und  mitgetbeilt 

vom  Dr.  C.  A.  TT.  Richter , pract.  Arzt  in  Woldegk  in 
Mecklenburg. 

(Fortsetzung.) 


Wie  Priessnitz  jeden  Arzt,  der  sich  über  die  Wasser- 
cur  zu  orientiren  sucht,  scheut,  weil  er  fürchtet,  es  werde 
durch  diesen  der  Schleier  endlich  gelüftet  werden,  den  er 
schlau  über  sein  Treiben  gedeckt  hat,  so  hasst  er  seinen 
Standesgenossen  und  Nachbar  Schott  als  Concurrenten  und 
weil  dieser  den  Nimbus  von  der  apriorischen  ärztlichen 
Weisheit  der  Naturärzte  zerstört  und  klar  macht,  dass  man 
nur  gewisse  Kunstgriffe  zu  verstehn  braucht,  um  den  Glau- 
ben kranker  Menschen  zu  fesseln.  In  der  That  hat  dieser 
Mann  die  Augen  offen  gehabt  und  den  Stein  der  Weisen, 
welchen  Priessnitz  besitzt,  gleichfalls  gefunden,  und  wird 
Jahrgang  1848.  13 


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deshalb  ein  gefährlicher  Rivale,  denn  sehr  viele  Kranken, 
namentlich  an  Mercurialcachexie  und  inveterirter  Syphilis 
Leidende,  deren  etwa  zwei  Driltheile  aller  Gräfenberger 
sind,  haben  in  sehr  kurzer  Zeit  durch  die  heroische  Ent- 
zieliungscur  in  Lindewiese  ihre  Gesundheit  wieder  erlangt, 
welcher  sie  seit  Jahren  auf  dem  Gräfenberge  vergebens 
entgegengeharrt  hatten.  Sehr  günstig  ist  übrigens  für  die 
ScAott’schen  Kuren  der  Umstand,  dass  er  seine  Patienten  aus- 
schliesslich vom  Gräfenberge  bekommt,  denn  es  ist  sehr 
wahrscheinlich,  dass  die  voraufgegangene  Wassercur  seine 
günstigen  Erfolge  zum  Theil  mitbedingt.  Interessant  ist 
die  Art  und  Weise,  wie  Priessnitz  alle  möglichen  Mittel  in 
Bewegung  setzt,  um  seinen  Concurrenten  zu  bedrücken, 
und  ihm  die  Patienten  zu  entziehn ; er  lässt  gegen  ihn  Zei- 
tungsartikel schmieden,  äussert  sich  bei  jeder  Gelegenheit 
missgünstig  über  ihn  und  ist  endlich,  da  dies  Alles  noch 
nicht  helfen  will,  eine  Art  Bannfluch  über  Schott  und  seine 
Anhänger  zu  verhängen  gezwungen  gewesen,  indessen 
auch  dies  steuert  dem  Uebel  der  Uebersiedlung  vom  Grä- 
fenberge nach  Lindewiese  nicht,  Schott  hat  mehr  Patienten 
als  er  beherbergen  kann,  nach  wie  vor,  er  ist  neuerdings 
gleichfalls  nach  Wien  gerufen,  um  förmlich  approbirt  zu 
werden  und  es  ist  sehr  wahrscheinlich,  dass  Priessnitz  an 
demselben  Tage  stirbt,  wo  Scholl  gleich  ihm  die  grosse 
goldne  Verdienstmedaille  erhält.  (!)  Dieser  Schott  hat 
übrigens  einigen  Trieb  nach  Wissenschaft  und  Bildung  durch 
Studium,  welches  Priessnitz  gänzlich  abgeht,  denn  er  macht 
sogar  physiologische  Experimente  an  Thieren  und  sucht 
seinen  Gästen  die  Richtigkeit  seiner  medicinischen  Ansich- 
ten, unter  denen  einige  anlihydrialische  sind,  auch  aus  Sec- 
tionen  von  Thieren  zu  beweisen.  In  der  Hauptsache  ist 
er  aber  ein  sehr  jovialer  Mann,  der  bei  einem  Glase  Wein 
gelegentlich  ausplauderl,  worin  sein  und  seines  Nachbarn 
Glück  besteht,  und  was  die  Hauptsache  bei  dem  Treiben 
der  sogenannten  Naturärzte  ist.  Bei  einer  solchen  Gele- 
genheit soll  er  einem  andern  Nachbar,  der  seine  und  Priess- 
nitz Weisheit  bewunderte  und  beneidete,  gesagt  haben; 


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„Fang  hailer  auch  nur  an  zu  curiren;  so  viel  wie  ich  und 
der  Priessnitz  droben  auf  dem  Berge  versiehst  auch  schon 
davon.  Schau,  wenn  halt  die  Leute  Einen  wollten,  der’s 
ordentlich  versteht  und  gelernt  hat,  dann  kämen’s  wohl  nicht 
zu  Priessnitz  und  zu  mir.  Das  ist  eben  die  Sache,  dass 
die  Leute  glauben,  Einer,  der’s  gründlich  gelernt  hat,  könne's 
gar  nicht  verstehn,  aber  Einer  der  von  der  Sache  nichts 
weiss,  der  versiehe  es  aus  dem  Grunde.  Mit  dein  Wasser 
hat's  halt  schon  der  Priessnilz , mit  dem  Durste  und  der 
alten  Semmel  hab  ich  es  angefangen.  Du  kannst  nun  sa- 
gen, auf  Deinem  Hofe  sei  eine  Stelle,  wenn  der  Kranke 
dort  regelmässig  sechs  Wochen  lang  des  Tages  drei  Mal 
sein  Wasser  abschlage,  dann  werde  er  gesund  werden.  Du 
wirst  schon  Einen  finden,  der’s  glaubt  und  thut,  und  ge- 
sund wird,  und  der  erzähll’s  den  Andern,  die’s  auch  glau- 
ben, und  auch  gesund  werden,  denn  der  Glaube  ist  halt 
die  Hauptsache”. 

Nach  diesen  vorläufigen  Mittheilungen,  welche  ich, 
wenn  sie  Interesse  erregen  sollten,  später  noch  zu  vervoll- 
ständigen nicht  unterlassen  werde,  wird  sich  der  geneigte 
Leser  die  Frage  aufwerfen:  Heilen  denn  die  Wassercuren 
gar  nicht?  und  wird  vielleicht  geneigt  sein,  sich  darauf  ein 
„Nein”  zu  antworten.  So  unbedingt  antworte  ich  selbst 
nun  nicht  mit  „nein”,  denn  ich  weiss  es  aus  eigner  lang- 
jähriger Erfahrung  sehr  bestimmt,  dass  dio  Wassercuren 
heilen,  aber  ich  muss  hinzufügen,  dass  nicht  die  Hälfte  der 
Kranken,  welche  angeblich  durch  die  Wassercur  geheilt 
sein  sollen,  wirklich  durch  dieselben  geheilt  sind,  denn  es 
sind  ganz  andre  Momente,  welche  dabei  in  Anschlag  ge- 
bracht werden  müssen.  Diese  Momente  sind  nun  haupt- 
sächlich folgende: 

1)  die  russischen  Dampfbäder,  2)  die  kalten  Bäder, 
3)  die  einfache  Kost,  4)  der  unausgesetzte  Aufenthalt  in 
der  freien  Luft,  5)  die  starke  körperliche  Bewegung,  fi) 
der  Glaube,  7)  die  Zeit  und  durch  diese  8)  die  Natur. 

Welcher  Arzt,  der  sein  therapeutisches  Wissen  nicht 
bloss  auf  eine  Kenntniss  der  sogenannten  Pharmakodynamik 

13  * 


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— IM  — 

beschränkt,  würde  es  läugnen  wollen,  dass  die  genannten 
acht  Curinomente  nicht  jedes  an  sich  schon  ein  heroicum 
sei,  und  ihre  Verbindung,  welche  die  YVassercur  ausmacht, 
nicht  so  wirksam  wäre,  um  eine  grosse  Menge  von  sehr 
ernsthaften,  gefährlichen  Krankheiten,  welche  sich  sehr 
hartnäckig  gegen  den  Einfluss  ausschliesslich  zu  ihrer  Hei- 
lung angewendeten  Medicamente  verhalten,  zu  besiegen  oder 
erträglich  zu  machen?  In  Russland  heilt  man  bekanntlich, 
nicht  die  Aerzte,  wenigstens  diese  weniger,  als  das  Volk, 
Calarrhe,  Rheumatismen,  Gicht,  Tripper,  viele  Formen  der 
Syphilis  und  manche  andre  Leiden,  welche  auf  den  ge- 
nannten als  ihren  Grundursachen  beruhn,  durch  die  Art 
Dampfbäder,  welche  man  zur  Bezeichnung  ihres  Ursprungs 
und  ihrer  Form  die  russischen  nennt,  und  vor  etwa  20  bis 
2.'»  Jahren,  als  durch  die  Freiheitskriege  russische  Gebräu- 
che in  Europa  bekannter  wurden,  richteten  die  Aerzte,  na- 
mentlich die  deutschen , ihr  Augenmerk  auf  diese  Curme- 
thode  und  es  gab  nach  der  Meinung  vieler  unter  ihnen 
fast  kein  Leiden,  gegen  welches  nicht  die  in  xMode  ge- 
kommenen russischen  Dampfbäder  versucht  und  oft  sehr 
heilsam  befunden  wurden.  Die  Zeit  hat  aber  andre,  theils 
für  einfacher,  theils  für  zweckmässiger  erachtete  Kurme- 
thoden in  Aufnahme  gebracht,  wir  Aerzte  haben  über  die- 
sen neuen  Erwerbnissen  jene  Passion  für  russische  Bäder 
so  gänzlich  vergessen,  dass  wir  dieselben  jetzt,  wo  sie 
uns  in  etwas  veränderter  Gestalt  abermals  wieder  vorge- 
führt werden,  gar  nicht  wiedererkennen,  und  sie  deshalb 
für  eine  ganz  neue,  unerhörte  Erscheinung  halten.  Priets- 
nitz  hat  sich  die  Sache  mit  den  russischen  Dampfbädern 
besser  in’s  Gcdächtniss  geprägt  und  er  eröffnete  sein 
Dampfbad,  als  man  die  Hunderte,  welche  in  jener  Zeit  des 
Enthusiasmus  aller  Orten  eingerichtet  und  damals  sämmtlich 
von  Kranken  überfüllt  waren,  schon  wieder  verfallen  liess. 
Die  Dampfbäder  haben  aber  deshalb  nicht  aufgehört,  sehr 
wirksame  Kürelemente  zu  sein,  weil  sich  die  Mode  von 
ihnen  zurückgezogen  hat.  Wenn  auch  Priessmtz  dem  jet- 
zigen Zeitgeiste  huldigt,  welcher  sich  dieser  russischen 


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Sitte  nicht  mehr  günstig  zeigt,  und  die  Schweisscur  aus 
seinen  Kurveranstaitungen  gestrichen  hat,  so  büsst  er  da- 
für zwei  Drittheile  seiner  frühem  Erfolge  ein.  Die  Gründe, 
welche  er  für  Aufgabe  dieser  Art  Bäder  anführt,  sie  seien 
auf  die  Lunge  schädlich,  sind  nicht  geeignet,  von  ihrem 
Gebrauche  abzumahnen,  denn  der  Missbrauch,  nicht  der 
vernünftige  Gebrauch  war  einzustelien. 

Vor  etwa  50  Jahren  eröflnete  mein  berühmter  Lands- 
mann S.  6.  Vogel  die  Seebadanstalt  in  Dobberan  als  die 
erste  an  unsern  nordischen  Küsten.  Gewiss  sind  die  See- 
bäder herrliche  Kurmittcl  gewesen,  denn  allein  an  den 
Küsten  der  Nord-  und  Ostsee  blühen  seitdem  60  bis  70 
Badeorte  und  sind  fast  sämmtlich  von  Kurgästen  überfüllt, 
und  jeder  hat  zahlreiche  Fälle  günstigen  Erfolgs  aufzuwei- 
sen,  obgleich  der  eine,  wie  der  Neid  und  die  Rivalität  des 
andern  verkündet,  keine  Ebbe  und  Fluth,  ein  andrer  kei- 
nen genügenden  Wellenschlag,  ein  vierter  einige  Gran  fes- 
ter Substanz  weniger  in  einem  Quart  Wasser  enthalten  und 
ein  fünfter  in  seinem  Wasser  durchaus  kein  Brom  aufzu- 
weisen haben  soll.  Gern  gebe  ich  zu,  der  Wellenschlag 
ist  nicht  ganz  ohne  Bedeutung,  das  mächtig  aufgeregte 
Wasser  macht  einen  andern  Eindruck  auf  den  Körper  und 
mehr  noch  auf  das  Gemüth  des  Badenden,  als  der  ruhige 
Spiegel  eines  Landsee’s,  indessen  es  begründet  wesentlich 
keinen  Unterschied,  ob  die  Meereswogen  hier  einen  Fuss 
höher  sich  thürmen  als  dort;  die  Exhalationen  des  Meeres, 
die  mit  Chlor  und  bromstofflgen  Wasserdämpfen  geschwän- 
gerte Atmosphäre  am  Gestade,  sind  gewiss  in  sehr  vielen 
Fällen  nicht  ohne  sehr  wohlthätigen  Einfluss  auf  das  Be- 
finden mancher  Kranken,  indessen  in  den  meisten  Fällen 
sind  sie  eben  so  gleichgültig,  wie  der  grössere  oder  ge- 
ringere Gehalt  des  Wassers  an  festen  Substanzen  völlig 
gleichgültig  für  den  Badenden  ist.  Man  frage  sich  doch 
kaltblütig,  kann  die  Haut  bei  einer  Temperatur  des  Was- 
sers von  nur  10  bis  14°  R.,  wie  sie  durchschnittlich  meist 
an  unsern  nordischen  Küsten  gefunden  wird,  überhaupt 
wohl  etwas  resorbiren,  da  ihre  Poren  durch  diese  Kälte 


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krampfhaft  verschlossen  werden?  Und  ferner,  wie  viel  kann 
sie  in  5 bis  0 Minuten,  denn  länger  hält  der  Badende  es 
in  unscrn  Gegenden  gewöhnlich  nicht  im  offenen  Meere 
zur  Zeit  aus,  resorbiren?  Gewiss  nicht  so  viel,  dass  es, 
mag  es  nun  Brom  oder  chlorwasserstoflsaures  Natron  sein, 
einen  sehr  entschicdnen,  chemisch  umstimmenden  Einfluss 
auf  den  Organismus  ausöben  könnte.  Das  Wirksame  des 
Seebades  ist  in  der  Hauptsache  nur  das  kalte  Wasser.  An 
der  grossen  Wirksamkeit  des  kalten  Wassers  also  haben 
die  Aerzte  nicht  gczweifelt,  da  sie  jährlich  Tausende  von 
Kranken  in  die  Seebäder  senden,  aber  sie  haben  es  bis 
dahin  noch  nicht  gewagt,  die  Grade  von  niedriger  Tempe- 
ratur, welche  das  Meerwasser  hat,  auch  in  künstlichen  Wan- 
nenbädern nachzuahmen  und  zu  Kurzwecken  zu  benutzen, 
dies  ist  Pricssnitze ns  Verdienst.  Merkwürdig,  muss  es  des- 
halb dem  Unparteiischen  sein,  dass  die  Wirkung  desselben 
Mittels  in  dem  einen  Falle  durchaus  nicht  geleugnet,  in  dem 
andern  ganz  ähnlichen  aber  so  sehr  bestritten,  ja  für  un- 
möglich gehalten  wird.  Die  umgekehrte  Ungläubigkeit  an 
der  Identität  der  kalten  Bäder  und  ihrer  guten  W'irkung  in 
der  Wassercur  und  im  Meere  möchte  sich  bei  den  Laien 
finden,  welche  sich  für  das  kalte  Quellwasser  so  sehr  en- 
thusiasmirt  haben;  sie  möchten  behaupten,  die  W'irkung  der 
kalten  Meerbäder  sei  viel  geringer.  Das  nicht,  aber  sie 
werden  meist  zu  kurze  Zeit  gebraucht,  vier  Wochen  höch- 
stens, und  dann  benutzt  sie  der  vernünftige  Arzt  nach  dem 
Grundsätze,  seinen  Kranken  cito,  tuto  et  jucunde  zu  heilen, 
auch  nur  als  Kurmoment  und  nicht  als  alleiniges  Kurmittel. 

Eine  sehr  beträchtliche  Anzahl  von  chronischen  Krank- 
heiten gehören  durchaus  zu  den  rein  erworbenen,  sie  sind 
durch  unsre  jetzigen  Lebens-  und  Culturverhällnisse  be- 
dingt, und  namentlich  lässt  es  sich  wohl  nicht  in  Abrede 
stellen,  dass  die  unter  den  höhern  Ständen  so  allgemein 
verbreiteten  Unterleibskrankheiten  fast  ausschliesslich  durch 
den  den  Appetit  stets  weit  über  das  Bedürfniss  des  Orga- 
nismus hinaus  aufreizenden  Luxus  der  Küche  und  des  Kel- 
lers bedingt  sind.  Die  Diät  aber  ist  auf  dem  Grafenbcrge 


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eine  durchaus  reizlose,  vielleicht  eine  zu  reizlose,  denn  sie 
ist  neben  dem  in  der  That  übermässigen  Wassergenuss 
Schuld  an  dein  Zustande  von  übermässiger  Flatulenz,  an 
dem  die  meisten  Gräfenberger  Kurgäste  unausgesetzt  lei- 
den, und  der  bei  dem  Genüsse  der  dort  üblichen  carmina- 
tiven  Zwiebelsaugen  und  dem  Grundsätze,  der  Natur  nie- 
mals Gewalt  und  Zwang  anzuthun,  den  Aufenthalt  daselbst 
für  das  Geruchsorgan  so  höchst  peinlich  und  unangenehm 
macht.  Ich  habe  schon  früher  nachgewiesen,  worin  trotz 
dieser  Einfachheit  der  Gräfenberger  Diät  ihre  dennoch 
grossen  Fehler  bestehn,  und  es  ist  mir  unerklärlich,  wie 
selbst  Aerzte,  welche  sich  der  Direclion  von  Wasserheil- 
anstalten unterziehn,  bloss  der  möglichsten  Identität  mit  der 
Musteranstalt  wegen,  diese  dort  aus  Unverstand,  Gewohn- 
heit oder,  wie  sehr  wahrscheinlich  ist,  böser  Absicht  ein- 
geführtc  Diät  ohne  alle  Modification  angenommen  haben. 

Erst  mit  dem  durch  unsere  heutigen  gesellschaftlichen 
und  Culturverhältnisse  eingeführten  und  oft  nothwendigen 
Gebrauche  der  überwiegend  und  sogar  ausschliesslich  so- 
genannten sitzenden  Beschäftigung  meist  noch  dazu  in  en- 
gen und  verschlossenen  Räumen  sind  eine  Menge  chro- 
nischer Krankheiten  erst  so  sehr  häufig  und  fast 
allgemein  verbreitet  worden.  Welcher  Arzt,  der  mit 
einer  ausgebreiteten  Clientei  in  den  Ständen  der  Gesell- 
schaft belastet  ist,  welche  aus  Neigung  oder  aus  Zwang 
und  Drang  der  Umstände  eine  mehr  sitzende  Lebensweise 
führen,  wird  sich  nicht  täglich  sagen,  wenn  er  sein  Recept 
zu  abführenden  Pillen,  bittern  Essenzen  und  dergleichen  in 
die  Apotheke  sendet,  dieser  Mittel  würde  es  schwerlich 
bedürfen,  wenn  es  mir  gelingen  wollte,  den  Patienten  zu 
einer  täglichen  angemessenen  Leibesbewegung  in  frischer 
Luft  zu  bestimmen?  Auf  dem  Gräfenberge  ist  nun  die  Kör- 
perbewegung durchaus  nicht  vernachlässigt,  ira  Gegentheile, 
wie  alle  die  genannten  einzelnen  Kurmomente,  etwas  bäu- 
risch und  übertrieben  zugeschnitten,  denn  es  ist  bestimmt 
mehr  als  die  Hälfte  des  Tages,  und  dieser  dauert  hier  von 
5 Uhr  Morgens  bis  11  Uhr  Abends,  also  18  Stunden,  bloss 


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und  allein  der  Bewegung  in  freier  Luft  gewidmet  und  es 
ist  nicht  übertrieben,  wenn  ich  die  Weite  des  Weges,  wel- 
chen jeder  Kranke  dort  täglich  im  Spazierengchn  zurück- 
legt, auf  3 bis  4 Meilen  veranschlage;  dazu  kommt  nun 
das  übliche  Holzhauen,  Kegelschieben  und  häufige  Tanzen. 
Das  Spazierengehn  ist  dort  um  so  anstrengender,  als  man 
immer,  inan  mag  sich  wenden,  wohin  man  will,  bedeutende 
Berge  zu  ersteigen  hat.  Grade  das  viele  Bergsteigen  hat 
bei  dieser  Art  Motion  Ungewohnten  eine  Folge,  welche 
gleichfalls  hat  zur  Verbreitung  mystischer  Kurrcsultate  die- 
nen müssen.  Durch  die  eigenlhümliche  Anstrengung,  wel- 
che bei  den  des  Bergsteigens  Ungewohnten  den  Muskeln 
der  untern  Extremitäten  zugemuthet  wird,  entstehn  nicht 
selten  Geschwülste  der  Leistendrüsen.  Laien,  welche  Drü- 
sengeschwülste der  Leistengegend  nur  aus  dyscrasischen 
Ursachen  kannten,  brachten  die  Fabel  in  Aufnahme,  es  sei 
diese  Drüsengeschwulst  ein  Symptom  der  durch  die  Was- 
sercur  wieder  erweckten  Syphilis.  Solche  Geschwülste 
durch  Anstrengung  beim  Bergesteigen  entstanden  ver- 
schwinden natürlich  bei  Gewöhnung  an  die  eigenlhümliche 
Bewegung  und  durch  kalte  Umschläge  sehr  leicht  und  zu- 
verlässig wieder.  Man  bildet  sich  ein,  diese  Symptome 
gehörten  der  Syphilis  an  und  jetzt,  da  sie  schwinden,  sei 
die  Syphilis  völlig  und  gründlich  durch  die  Wassercur  ge- 
heilt. Solche  Geschwülste  treten  freilich  bei  allen  oder 
doch  den  meisten  Kurgästen  auf,  treten  sie  aber  bei  einem 
Kranken  auf,  welcher  vor  dreissig  und  mehr  Jahren  die 
Syphilis  gehabt  hat,  so  sagt  man,  noch  nach  dreissig  Jah- 
ren sei  durch  die  Wassercur  die  Syphilis  wieder  zum  Vor- 
schein gekommen  und  nun  gründlich  geheilt.  So  wenig 
aber  diese  Geschwülste  überhaupt  mit  der  Syphilis  Zusam- 
menhängen, ebenso  wenig  kann  ihre  Heilung  ein  Zeichen 
der  Heilung  der  Syphilis  sein.  Indessen  unter  den  Kur- 
gästen, vielleicht  von  Friessnitz  selbst,  der  seine  medicini- 
sche  Kenntniss  nur  den  Erzählungen  der  Laien  verdankt, 
werden  solche  Fabeln  geglaubt  und  verbreitet,  und  ziehn 
neue  Gäste  nach  dem  Gräfenberge,  welche  die  alte  Hypo- 


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201 


chondrie,  welche  sie  vor  Jahren,  als  sie  an  der  Syphilis 
laborirten,  bei  solchen  Erzählungen  wieder  ergreift  und 
peinigt. 

Der  Einfluss  körperlicher  Zustände  auf  die  Stimmung 
der  Seele  ist  sehr  leicht  in  die  Augen  springend  und  all- 
gemein bekannt,  ein  Tag  Verstopfung  macht  manchen  Men- 
sofort  mürrisch  und  verstimmt,  hoffnungslos  und  höchst 
unglücklich;  dagegen  ist  das  umgekehrte  Verhältniss,  die 
Stimmung  der  Seele  als  Bedingung  sämmtlicher  krankhafter 
Zustände  in  den  meisten  Fällen  freilich  nicht  so  leicht 
wahrnehmbar,  indessen  müsste  man  doch  sehr  wenig  Le- 
benserfahrung haben,  wenn  man  nicht  im  Stande  wäre,  aus 
gewissen  Körperverhältnissen  auf  länger  bestandne  vorgän- 
gige AfTecte  der  Seele  zu  schlicssen  und  die  Spuren  an- 
haltender Sorge  und  nagenden  Grams  zu  entdecken,  und 
wenigstens  ist  es  jedem  Arzte  bekannt,  wie  diese  AfTecte 
der  Seele  im  Stande  sind  je  nach  dem  Grade  ihrer  Stärke 
und  Dauer  das  Leben  plötzlich  oder  ein  Siechthum  hervor- 
rufend allmälig  zu  zerstören.  Indem  der  Arzt  der  Hoff- 
nung des  Kranken  die  Richtung  auf  den  Erfolg  eines  von 
ihm  vorgeschlagenen  Mittels  giebt,  begegnet  es  ihm,  dass 
er  sehr  häufig  täuschen  muss,  weil  das  Mittel  überhaupt 
nicht  oder  wenigstens  nicht  rasch  genug  den  verheissenen 
und  erwünschten  Erfolg  herbeiführt,  und  mit  der  öftem 
Täuschung  seiner  Hoffnung  sinkt  der  Mulh  des  Kranken  und 
natürlich  auch  sein  Vertrauen  zu  dem  Arzte.  Inzwischen 
ist  die  Aufmerksamkeit  des  Kranken  auf  einen  andern  Arzt 
geleitet,  seine  Wünsche  und  sein  Vertrauen  wenden  sich 
an  diesen,  dieser  kommt,  verordnet  ein  unbedeutendes, 
gleichgültiges  Mittel  und  siehe  da,  cs  hat  einen  ihn  selbst 
wie  den  Kranken  überraschenden  günstigen  Erfolg.  War 
es  hier  etwa  die  übenviegende  Weisheit  und  Kunst  des 
neuen  Arztes,  oder  war  es  nicht  vielmehr  nur  das  neue 
Mittel  des  neuen  Arztes,  welches  dem  Kranken  half?  Ich 
habe  hiermit  nur  nachweisen  wollen,  dass  es  in  der  That 
nicht  immer  alleiniger  Erfolg  der  Wassercur  ist,  wenn  der 
Kranke,  der  bereits  Jahre  lang  ohne  allen  günstigen  Erfolg 


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202 


von  den  vortrefflichsten  Aerzten  behandelt  ist,  sich  anfäng- 
lich in  einer  Wasserheilanstalt  rasch  bessert  oder  zu  bes- 
sern scheint,  es  ist  vielmehr  sein  durch  allerlei  Wunder- 
geschichten von  Heilungen  gesetztes  Vertrauen  zu  der  Kur 
und  seine  dadurch  sich  belebende  Hoffnung  auf  Genesung, 
welche  auf  seinen  Körper  günstig  zurückwirken,  wenigstens 
helfen  diese  Verhältnisse  in  sehr  vielen  Fällen  vollkommen 
so  viel,  als  die  Kur  selbst. 

(Schluss  folgt.) 


jMedicinisch  - chirurgische  Bemerkungen  über 
Yerscbicdne  Gegenstfinde  ans  der  Heilkunde. 

Hitgelheilt 

vom  Geh.  Medicinal-Rathe  Dr.  Schneider  in  Fulda. 


1.  Blutschwitzen. 

Dass  manche  Menschen  Blut  schwitzen,  habe  ich  mehr- 
mals beobachtet,  aber  nicht  am  ganzen  Körper,  wie  Chris- 
tus am  Oelberge,  sondern  an  einzelnen  Theilen  desselben. 

Ich  wurde  des  Abends,  und  zwar  zufällig  am  Grün- 
donnerstage — zu  einem  starken,  gesunden  Manne  von  50 
Jahren  gerufen,  derselbe  hatte  in  Einem  Tage  einen  Weg 
von  12  Stunden  zu  Fuss  gemacht,  und  da  er  ohnedies  an 
Fussschweissen  litt,  so  waren  beide  Fdsse  und  Fusssohlen, 
und  zwar  bis  an  die  Knöchel,  mit  blutigem  Schweisse  be- 
deckt, auch  die  Strümpfe  waren  blutig.  Ferner  beobach- 
tete ich  einen  jungen  gesunden  Mann,  welcher  bei  heftigen 
Bewegungen  und  Anstrengungen  einen  hochrothen  Schweiss 
unter  den  Armen  bekam.  Einen  gleichen  Fall  beobachtete 
Manr.  Hoff  mann  (Mise.  Hat.  Curios.  Dec.  II.  sinn.  HI. 
Obs.  27.)  Aber  Fälle  von  Blutschwitzen  am  ganzen  Kör- 
per sind  selten.  Einen  solchen  Schweiss  bekam  ein  scbwach- 


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lieber  Mann  bei  jedem  Beischlafe  am  ganzen  Körper.  Paul- 
Uni  ( Olts.  phys.  mcd.  An.  VI.  Ob.  VI.  Obs.  54  Mise.  Nat. 
Cur.)  QallanJai  Iheilt  uns  (in  den  Harlemer  Abhandlungen 
Theil  14  S.  45 ) folgende  merkwürdige  Beobachtung  von 
Blutschwitzen  mit:  „Schon  seit  langer  Zeit,  sagt  er,  hat  man 
viel  darüber  gestritten,  ob  es  möglich  sei,  dass  ein  gesun- 
der Mensch  bloss  aus  Angst  und  Furcht  Blut  schwitzen 
könne.  Viele  sind  der  Meinung  gewesen,  es  könne  ein 
solches  ohne  Wunderwerk  nie  geschehn.  Folgende  Beob- 
achtung hat  mich  aber  von  der  Möglichkeit  der  Sache  völ- 
lig überzeugt. 

Als  ich  im  Jahre  1751  mich  auf  der  Fregatte  „die 
Staaten -Freundschaft”  befand,  wo  ich  die  Stelle  eines  Ober- 
Schi  fTschirurgus  bekleidete,  wurden  wir  südwärts  des  Wende- 
zirkels des  Krebses  von  einem  der  fürchterlichsten  Stürme 
befallen.  Die  Gefahr  war  ausserordentlich  und  Jedermann 
sah  einen  unvermeidlichen  Tod  vor  Augen.  In  diesem 
schrecken  vollen  Zustande  ward  einer  unsrer  Matrosen,  Jo- 
achim Jansen,  aus  Dänemark  gebürtig,  30  Jahre  alt,  ein 
gesunder,  starker  Mann,  weiss  von  Haut  und  blond  von 
Haaren,  dergestalt  von  Furcht  und  Todesangst  überfallen, 
dass  er  auf  das  Verdeck  niederstürzte,  wohin  ich  alsbald 
zu  ihm  eilte.  Ich  fand  ihn  sprachlos  und  sah,  dass  grosse 
Scbweisslropfen  ihm  über  das  Gesicht  und  die  Backen  her- 
abliefen. Die  Schwcisstropfen  waren  auf  einigen  Stellen  so 
roth,  dass  ich  mir  einbildete,  er  blute  aus  der  Nase  oder 
habe  sich  im  Niederfallen  beschädigt.  Als  ich  ihm  aber 
mit  meinem  Schnupftuche  das  Gesicht  abgewischt  hatte,  sah 
ich  mit  Verwunderung  diese  blutrothen  Schweisstropfen  von 
Neuem  zum  Vorschein  kommen.  Es  drangen  solche  nicht 
allein  an  verschiednen  Orten  aus  dem  Kinn,  den  Backen 
und  der  Stirn,  sondern  sie  zeigten  sich  auch  an  seinem 
Halse  und  der  Brust,  welche  ich,  in  der  Absicht  zu  sehn, 
ob  er  sich  Schaden  zugefügt,  entblöst  hatto.  Ich  fand 
nichts,  das  einer  Quetschung  ähnlich  gewesen  wäre,  sah 
aber  deutlich,  wie  die  rothen  Blutstropfen  einige  Minuten 
lang  durch  die  Schweisslöcher  herausdrangen.  Das  Tuch, 


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204 


womit  ich  ihm  den  Schweiss  abgetrocknet  halte,  war  so 
roth  gefärbt,  dass  ich  es  nicht  anfassen  konnte,  ohne  mir 
die  Finger  blutig  zu  machen.  Sobald  das  Blutschwitzen 
aufgehört  halte,  fand  sich  bei  ihm  die  Sprache  wieder  und 
er  fing  an  zu  beten.  Die  Umstände,  worin  wir  uns  be- 
fanden, erlaubten  mir  nicht,  ferner  auf  diesen  Mann  Acht 
zu  haben.  Als  der  Sturm  vorbei  war,  klagte  er  weiter 
über  nichts  und  blieb  auf  der  ganzen  Reise  gesund.  Er 
hat  mich  versichert,  dass  er  dergleichen  Zufall  nie  gehabt, 
auch  zu  Beklemmungen,  Ohnmächten,  Schrecken  u.  dergl. 
niemals  geneigt  gewesen  sei  und,  so  viel  ich  ihn  sonst  zu 
beobachten  Gelegenheit  gehabt,  habe  ich  Ursache  zu  glau- 
ben, dass  er  einen  guten  Theil  von  Unempfindlichkeit  be- 
sass.”  Wenn  das  Blut,  sagt  Xavier  Dichai  ( Anatomie  ge- 
nerale ajypliquee  a la  Physiologie  et  ä la  Medecine  Paris 
1801  p.  5«2),  wie  es  nicht  selten  zu  geschehn  pflegt, 
durch  die  ausdünstenden  kleinen  Gelasse  statt  der  Feuch- 
tigkeit dringt,  die  sonst  durch  solche  ausdampfen,  so  ent- 
steht dadurch  eine  Art  von  Hämorrhagie,  die  von  derjeni- 
gen sehr  verschieden  ist,  welche  durch  die  Zerrcissung  der 
Gefässe  erfolgt.  Man  hat  Beispiele,  und  Haller  hat  derglei- 
chen in  seiner  grossen  Physiologie  gesammelt,  dass  zuwei- 
len, obgleich  selten,  wirklich  Blut  durch  die  ausdünstendon 
Hautgefässe  gedrungen  und  ein  blutiger  Schweiss  erfolgt 
ist.  Ich  sah  selbst  bei  einer  Frau,  die  den  Krebs  in  der 
Gebärmutter  und  vor  ihrer  Krankheit  oft  sehr  starke  Hä- 
morrhagien  gehabt  halte,  dass  der  Schweiss  zu  gewissen 
bestimmten  Perioden  die  Leinwand  so  roth  färbte,  wie  die- 
ses durch  die  monatliche  Reinigung  zu  geschehn  pflegt.  — 
Auch  Ballonius,  paradigmala  N.  1U3.  Maccolmi,  Osserca- 
zione  d'una  gravidanza  della  tuba  faUojnana  1802.  Harles 
und  Ritter , Neues  Journal  der  ausländ,  med.  chir.  Litteratur 
Bd.  III  St.  2 S.  202.  RiedUn,  MiUenarius  N.  742.  Schle- 
gel, Materialien  für  die  Staatsarzneikunde  IV.  Samml.  N.  13 
führen  Beispiele  von  blutigem  Schweisse  an. 


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205 


2.  Schweiss  von  anderen  Farben. 

o)  Blauer.  Beispiele  von  blauem  Schweisse  liefert 
Htyfddtr  (Würternb.  Correspondenzblatt  1835.  Bd.  IV. 
Nr.  32.).  Ein  hypochondrischer  abgemagerler  Mann  von 
48  Jahren  und  eine  ausgelrocknete  hysterische  Frau  von 
50  Jahren,  welche  beide  an  LeberafFectionen  litten,  hatten 
blaue  Schweisse,  besonders  auf  der  rechten  Seite  von  der 
Achsel  bis  zum  Fusse  herab,  welche  gewiss  nicht  Producte 
der  Kleidungsstücke  waren.  Die  Schweisse  hatten  etwas 
Ammoniakalisches,  wurden  durch  Bäder  und  andere  auf  die 
Thätigkeit  der  Haut  wirkende  Mittel  vermehrt,  aber  durch 
Visceralklyslire  und  alterirende  Mineralwasser  vermindert. 
Beide  Individuen  hatten  dunkles  struppiges  Haar,  dunkle 
Iris  und  eine  dunkle,  Untcrlcibsleiden  verrathende  Hautfarbe. 

Ein  noch  auffallenderes  Beispiel  von  blauem  Schweisse 
haben  die  Herren  Doctoren  Michel  und  Bletfius  in  Böt- 
tingen an  sich  selbst  beobachtet,  welches  namentlich  letz- 
terer folgendermasscn  beschreibt.  „Ein  Unterleibsleiden 
bestimmte  mich  zum  Gebrauche  des  Kissinger  Bagozi.  In 
den  ersten  Tagen  nahm  mein  Fussschweiss  so  zu,  dass  mir 
das  Gehen  kaum  möglich  war,  ohne  von  den  peinigendsten 
Schmerzen  gequält  zu  werden.  Gleichen  Schrittes  ging  das 
blaue  Pigment,  so  dass  Leinwand  um  die  Zehen  geschlagen, 
auf  der  Plantarseite  ganz  dunkelblau  gefärbt  wurde.  Von 
dort  nahm  allmälig  die  Vehemenz  des  Schweisses  ab,  und 
damit  auch  das  blaue  Pigment,  und  zwar  in  folgender  Ord- 
nung. Zuerst  fand  sich  dieses  Pigment  auf  der  Plantarfläche 
aller  Zehen  ausgeschieden,  dann  nahm  es  ab  an  der  gros- 
sen Zehe,  nach  und  nach  an  der  zweiten,  dritten  und  vier- 
ten, und  blieb  am  längsten  noch  zwischen  der  vierten  und 
fünften.  Am  linken  Fusse  verschwand  es  zuerst  ganz,  am 
rechten,  in  derselben  Ordnung  abnehmend,  blieb  es  noch 
am  längsten,  gleichfalls  zwischen  der  vierten  und  fünften. 
Mein  Zustand  besserte  sich  im  dritten  Jahre  sehr,  und  ich 
gebrauchte  daher  auch  1836  den  Bagozi.  Pigmentirten 
Fussschweiss  konnte  ich  aber  vor  seiner  Kur  nicht  bemer- 


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ken;  erst  nachdem  ich  8 Tage  getrunken  hatte,  kam  die 
frühere  Vehemenz  des  Schvveisses.  Ich  achtete  nun  genau 
auf  das  Pigment,  und  entdeckte  es  in  diesem  Jahre  nur 
zwischen  der  grossen  und  zweiten  Zehe.  Auch  diesesmal 
verschwand  es  wieder  zuerst  am  linken  Fusse.  Der  eigen- 
Ihümliche  Badeausschlag  war  bei  der  diesjährigen  Kur  mit 
hervorgelockt;  im  folgenden  Jahre,  1837,  erfolgte  dasselbe, 
nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  das  Pigment  zwischen  der 
kleinen  und  vierten  Zehe  zum  Vorschein  kam.  Zur  Nach- 
kur nahm  ich  jedesmal  Carbonas  fern,  und  bisher  wurde 
mir  dabei  ganz  behaglich;  36  Krüge  waren  meine  gewöhn- 
liche Ration.  1838  fand  ich  weder  die  Witterung  einla- 
dend, noch  es  nothwendig,  die  Badekur  zu  gebrauchen, 
auch  habe  ich  bis  jetzt  keine  Spur  von  blauem  Pigment  in 
nur  massigem  Fussschweissc.“ 

Den  Wechsel  der  Ausscheidungsstellen  findet  Bleifuss 
bemerkenswerth,  und  es  dürften  solche  Thatsachen  auf  keine 
unwichtige  physiologische  Bedeutung  der  Fusszehcn  in  Be- 
ziehung auf  Krankheits-  und  Naturheilprozesse  hinweisen, 
daher  inan  sie  quasi  als  Blitzableiter  betrachten,  und  unter 
Umständen  zur  Vorbauung  wie  zur  Heilung  benutzen  könnte, 
was  zwar  schon  oft  gehört,  aber  noch  nicht  rationell  dar- 
gestellt wurde.  Auch  scheint  hierin  ein  Beweis  zu  liegen, 
dass  das  Ganglicnsystem  bei  erlittenen  Kränkungen  gern 
wo  möglich  nach  aussen  determinirt  und  climinirt,  wie  z.  B. 
auch  beim  Podagra.  — Ein  Erfahrungssatz,  der  feststeht 
und  richtig  aufgefasst  über  so  manche  noch  dunkle  Krank- 
heit in  pathogenetischer  und  therapeutischer  Hinsicht  einst 
den  besten  Aufschluss  geben  wird. 

Dr.  Michel  beobachtete  denselben  blauen  Schweiss  in 
der  rechten  Achselhöhle;  auch  er  war  wie  Bleifuss  unter- 
leibskrank, und  es  ist  anzunehmen,  dass  jene  Erscheinung 
auf  einer  Protopathie  des  Gangliensystems,  welches  in  sei- 
ner qualitativen  Beziehung  alienirt  ist,  und  secundär  quan- 
titative Aberrationen,  Abdominalplethora  erzeugte,  beruhe, 
und  es  scheint  kaum  bezweifelt  werden  zu  dürfen,  dass 
der  von  Braconet  ( Bullet . de  Sc.  mal.  Nov.  1820)  entdeckte 


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207 


farblose,  zuckerige,  in  der  Galle  enthaltene  Stoff,  welcher 
durch  Schwefelsäure  purpurfarben- violett,  blau  wird,  hier 
kritisch  abgesondert  und  durch  den  Schweiss  blau  gefärbt 
worden  sei.  (S.  Würtemb.  med.  Correspondenzblatt  1835. 
Bd.  IV.  u.  Nr.  20  u.  Bd.  VIII.  S.  411.) 

Bei  einem  Fallsüchtigen  brach  im  jedesmaligen  Anfalle 
ein  blauer  Schweiss  hervor  ( Dolacus , Mise.  Not.  Curios. 
Dec.  I.  Ann.  VI.  Obs.  66).  Auch  findet  man  Beispiele  die- 
ser Art  in  Conradi,  Handb.  der  palhol.  Anatomie.  S.  292. 
Ephem.  nat.  curios.  Dec.  II.  /Inn.  V.  App.  pag.  9.  Pau- 
lini , Cen.  I.  Obs.  21. 

b ) Grüner  Schweiss,  (S.  Barelias , Obs. med. phys. Cent.  II. 
obs.  54.  Ephem.  not.  curios.  Dec.  1.  Arm.  II.  Obs.  19.  Dec. 
II.  Ann.  VI.  App.  p.  29.  Cent.  V.  Obs.  71.  Marcard  von 
Bädern  S.  272.  1‘aulini  Cent.  I.  p.  38.) 

c)  Schwarz  wie  Dinle  war  der  Schweiss  eines  Scor- 
butischen  ( Langelot , Mise.  nat.  cur.  Dec.  I.  An.  VI.  Obs. 
10)  und  einer  venerischen  Weibsperson  ( Lanzoni  Ephem. 
nat.  cur.  Cent.  V.  et  VI,  obs.  71).  Bartholinus  in  Act. 
Hafn.  i.  Obs.  70.  Galeazzi  in  Comment.  Bonon.  VI.  p.  60. 
Lover  Vindicatio  3.  Zacutus  Lusitanus,  Prax.  admir.  I.  III. 
Obs.  73. 

d)  Ein  hitziges  Fieber  endigte  mit  einem  safrangel- 
ben Schweisse.  Acoltdh,  Mise.  Nat.  Cur.  Dec.  II.  Arm. 
IV.  Obs.  168. 

e)  Von  gelbem  Schweisse  finden  sich  Beispiele  in 
den  Ephem.  Nat.  Cur.  Dec.  I.  An.  VI  et  VII.  Obs.  78  Dec. 
II.  Arm.  IV.  Obs.  169.  App.  204.  Bei  Paulini  Cent.  II.  Obs.8\. 

f)  Milchigten  Schweiss  beschrieben:  Paulini  Obs.  3 
Cent.  II.  Ephem.  Nat.  Cur.  Dec.  II.  Arm.  V.  App.  p.  15. 


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\ 

— 208  — 

Kritischer  Anzeiger 

neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Chirurgische  Erfahrungen  gesammelt  und  herausge- 
geben von  L.  J.  von  Dierkowski,  Dr.,  ord.  öff.  Professor 
der  Chirurgie,  Director  der  chirurgisch-klinischen  Anstalt 
an  der  Jagellonischen  Universität  zu  Krakau  u.  s.  w. 
Erläutert  durch  instructive  Abbildungen  in  Holzschnitt  und 
Kupferstich.  Berlin  1847.  VIII  u.  224  S.  8.  Erstes  Heft. 

(Der  Vf.,  dessen  Name  längst  vorlheilhaft  bekannt,  be- 
absichtigt, in  fortlaufenden,  ungezwungenen  Heften,  von 
denen  drei  einen  Band  bilden  sollen,  seine  Erfahrungen  im 
Gebiete  der  Chirurgie  zu  veröffentlichen.  Ein  reiches  Thea- 
ter chirurgischer  Fälle  ist  Krakau  und  dessen  Umgegend, 
und  der  Vf.  hat  Gelegenheit  neue  Methoden,  Maschinen  u. 
s.  w.  in  grösstem  Maassstabe  zu  prüfen,  so  dass  seine  Mit- 
theilungen für  die  Praxis  von  erheblichem  Werthe  sein 
werden.  Das  vorliegende  erste  Heft  giebt  bereits  einen 
Beweis  hierfür.  Es  enthält  kürzere  oder  längere  Aufsätze 
über  die  Watte  als  antiphlogistisches  Mittel,  (der  Vf.  kann 
sie  nicht  genug  loben,  sowohl  bei  Geschwüren  als  bei  fri- 
schen Wunden,)  über  die  Behandlung  der  Schlüsselbein- 
brüche vermittelst  einer  neu  erfundnen  mechanischen  Vor- 
richtung, über  die  Anwendung  des  (seines)  chirurgischen 
Sattels  zur  Beseitigung  der  Rückgratskrümmungen  an  drei 
Fällen  von  Typhose  erläutert,  über  Amputation  der  Glied- 
massen (bei  weitem  der  ausführlichste  Aufsatz;  der  Vf. 
stimmt  für  die  möglichst  späte  Amputation;)  über  Verbes- 
serung der  umwundnen  oder  umschlungenen  Nath  und  über 
die  Operation  der  Hasenscharte.  Eingedruckte  Holzschnitte 
und  vier  Kupfertafeln  versinnlichen  die  der  Anschauung 
bedürftigen  Gegenstände.  Hr.  r.  B.  entschuldigt  sich  als 
Pole  im  Voraus  in  BetrefT  seines  Stils;  wir  können  ihn 
aber  versichern,  dass  er  das  Deutsche  besser  schreibt  als 
mancher,  namentlich  als  gar  viele  süddeutsche,  medicinische 
Schriftsteller.) 

Gedruckt  bei  J.  Petseh. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die  • , 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber : Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jcdesinal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3}  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmtliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hir ic hu- a Id. 

jy§  i4.  Berlin,  den  lten  April  1848. 


Pericardilit  mit  Empkytema  cutaneum.  Vom  Dr.  Spengler.  — Die 
Entstehung  der  harnsauern  Sedimente.  Vom  Oberarzt  Dr.  Zim- 
mermann. — Gräfenberg,  Priessnilz  und  die  Wassercuren.  Vom 
Dr.  Richter.  (Schluss.) 

Geschichte  einer  Pericanlitis  mit  Emphysema 
cutaneum. 

M i l g e t h c i I l 

vom  Dr.  Spengler  aus  Eltville  in  Nassau. 


An  einem  etwas  kühlen,  aber  heitern  Herbstmorgen 
erkrankte  plötzlich  der  Knecht  Fritz  auf  dem  Hofe  Stein- 
heim, weshalb  die  Gulsherrschaft  mich  eilends  rufen  und 
mir  dabei  bemerken  licss,  der  Kranke  habe  heute  Morgen 
noch  auf  dem  Felde  gearbeitet,  sei  aber  daselbst  plötzlich 
von  einem  so  heftigen  Froste  mit  so  grosser  Atheinnoth 
und  so  ungemeiner  Angst  befallen  worden,  dass  ihn  die 
Tagelöhner  hätten  mehr  nach  Hause  tragen  als  führen  müs- 
sen. Bei  meiner  sofortigen  Ankunft  fand  ich  den  Kranken, 
der  35  Jahre  alt  und  von  kräftiger  Constitution  war,  im 
Bette  sitzen  , vorn  übergebeugt.  Auf  dem  Gesicht  zeigte 
sich  die  grösste  Angst  ausgedrückt,  es  war  bleich,  ent- 
stellt, die  Lippen  und  Wangen  livid.  Er  klagte  besonders 
Jahrgang  1848.  14 


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•-*  2ie  - 


über  heftige  Kopfschmerzen  und  bedeulende  Dyspnoe  bis 
zur  Erstickungsnoth ; die  Respiration  war  kurz  und  be- 
schleunigt; heftiger,  trockner  Husten  quälte  den  Kranken 
ausserordentlich;  die  grösste  Schmerzhaftigkeit  empfindet 
der  Kranke  aber  in  der  linken  Seite  des  Epigaslriums,  die 
bei  Druck  gegen  das  Zwerchfell  aufwärts  unter  den  vor- 
dem Rändern  der  linken  falschen  Rippen  zunimmt,  und 
durch  tiefes  Einathmen  vermehrt  wird,  wodurch  auch  deut- 
lich unter  der  rechten  Ctavicula  Stechen  verspürt  wird;  die 
Stimme  ist  ganz  heiser;  allgemeine,  grosse  Abgeschlagen- 
heit  und  Mattigkeit.  Die  physicalische  Untersuchung  ergab 
folgendes  Resultat.  Rechts  oben  unter  der  Cktvkula  dump- 
fer Ton  in  der  Ausbreitung  von  zwei  Plessimetern,  sonst 
normaler  Percussionston  der  Lungen,  rechts  vielleicht  et- 
was heller.  Das  Herz  wird  durch  die  gewöhnliche  Aus- 
breitung des  matten  Tons  als  normal  gross  erkannt;  eine 
Veränderung  in  der  Configuration  des  Thorax  ist  nirgends 
wahrzunehmen.  Bei  der  Auscultation  hört  man  rechts  un- 
ter der  Clacicula  an  einer  kleinen  Stelle  bronchiales  Alh- 
men,  sonst  überall  vesiculöses  Athmungsgeräusch.  Die 
Herztöne  waren  heller,  die  Action  des  Herzens  verstärkt, 
an  der  Spitze  des  Herzens  war  auf  einer  kleinen  Stelle 
ein  Rcibungsgeräusch  hörbar,  wie  das  Raspeln  von  Talfet 
oder  Seidenpapier,  das  nicht  isochronisch  mit  den  Herztö- 
nen war.  Die  Herzbewegungen  sind  vermehrt,  120  Schläge 
in  der  Minute,  regelmässig;  der  Impuls  des  Herzens  ist 
verstärkt;  die  aufgelegte  Hand  fühlt  keine  Abnormität.  Der 
Puls  ist  klein,  hart,  in  unregelmässigen  Zwischenräumen 
aussetzend,  während  der  Herzstoss  doch  heftig  und  sehr 
verbreitet  ist.  Der  Durst  ist  gross,  Appetit  geschwunden, 
Zunge  weisslich  belegt;  der  Stuhl  angehalten,  Harn  wenig 
saturirt.  lieber  die  Ursache  dieser  Erkrankung  weiss  Pat. 
nichts  anzugeben;  namentlich  will  er  von  einer  Erkältung 
nichts  wissen,  und  giebt  an,  bis  zn  jenem  Frostanfall  stets 
ganz  gesund  gewesen  zu  sein;  in  der  letzten  Zeit  habe  er 
viel  anstrengende  Arbeit  gehabt. 

Da  die  Athemnoth  sehr  gross,  die  Hemmung  des  Kreis- 


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211 


Iaufs  bedeutend  war,  indem  sich  die  grosse  Spannung  der 
Pulmonalarlerie  durch  einen  sehr  verstärkten  zweiten  Pul- 
monalton  zu  erkennen  gab,  so  machte  ich  einen  Aderlass 
von  16  Unzen,  worauf  auch  die  Respiration  freier  wurde, 
und  verordnete  alle  2 Stunden  2 Gran  Calomel,  ganz 
schmale  Diät,  kühlendes  Getränk  und  grösste  Ruhe.  Bei 
der  Visite  am  andern  Morgen  hatte  das  Blut  eine  bedeu- 
tende Crusta  inflammatoria,  und  reichliche  Caiomelslühle 
waren  erfolgt:  doch  war  der  Zustand  um  nichts  gebessert, 
die  Pneumonie  bestand  noch  in  demselben  Grade,  die  Herz- 
gegend war  etwas  gewölbt,  die  aufgelegte  Hand  fühlte  da- 
selbst deutlich  Reibungsgeräusch,  der  Percussionston  des 
Herzens  war  aber  noch  in  grösserer  Ausdehnung  dumpf, 
und  beim  Auscultiren  des  Herzens  war  es,  als  ob  Jemand 
am  Rande  des  Stethoscops  kratzte.  Jetzt  konnte  kein  Zwei- 
fel mehr  über  Pcricarditis  mit  plastischem  Exsudate  sein. 
Die  Angst,  die  Hinfälligkeit,  der  Husten  waren  sehr  be- 
deutend; der  Puls  klein  und  noch  eben  so  frequent;  die 
Haut  dampfend,  oft  von  Schweiss  triefend;  Gefühl  von 
grosser  Hitze,  viel  Durst.  Verordnung:  Blutegel  auf  die 
Herzgegend,  Fortgebrauch  des  Calomel.  So  ging  es  durch 
drei  Tage;  das  Exsudat  im  Herzbeutel  nahm  immer  mehr 
zu,  die  Herztöne  wurden  undeutlicher,  der  Stoss  etwas  un- 
dulirend,  das  Reibungsgeräusch  stärker,  der  Herzstoss  we- 
niger fühlbar;  die  Züge  verfielen  mehr  und  mehr;  der 
trockne  Husten  ward  so  quälend,  dass  der  Kranke  bei  je- 
dem Anfall  ersticken  zu  müssen  glaubte.  Grosse  Unruhe 
stellte  sich  ein,  krampfhafte  Erscheinungen  traten  auf,  als 
Schluchzen,  Schlingbeschwerden,  Aufschrecken ; der  Kranke 
kann  gar  nicht  schlafen;  der  Puls  wird  voller,  bleibt  gleich 
frequent;  keine  Salivation,  aber  sehr  heftige  Diarrhoe.  Ver- 
ordnung: Digitalit  mit  Tart.  slib.  in  kleinen  Gaben. 

Am  5ten  Tage  der  Erkrankung  wurde  ich  plötzlich 
Abends  zu  dem  Patienten  gerufen,  weil  er  in  der  Gefahr 
za  ersticken  sei.  Als  ich  ankam,  fand  ich  den  Kranken  in 
ungemeiner  Aufgeregtheit  und  in  solcher  Athemnolh,  dass 
er  wirklich  dem  Ersticken  nahe  schien.  Als  ich  die  Brust 

14* 


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212 


aufdeckte,  fand  ich  zu  meinem  Staunen  eine  Geschwulst  sie 
bedecken,  die  ich  am  Morgen  noch  nicht  wahrgenommen 
hatte.  Beim  Zufühlen  zeigte  sich  die  Geschwulst  gespannt, 
knisterte  beim  Fingerdruck,  und  zeigte  beim  Nachlassen 
keine  Vertiefung,  wodurch  es  deutlich  war,  dass  Luft  das 
Unterhautzellgewebc  ausdehnle.  Die  Geschwulst  nahm  die 
ganze  linke  Seite  des  Thorax  ein.  Nirgends  war  die  ge- 
ringste Verletzung;  die  Aderlasswunde  und  die  Blutegel- 
stiche waren  vollkommen  vernarbt.  Die  Extremitäten  be- 
deckte ein  kalter  Scbweiss.  Beim  Einathmen  zieht  sich  die 
Magengrube  beträchtlich  ein,  ein  schlimmes  Zeichen  als 
Beweis  der  Lähmung  des  Zwerchfells.  Am  andern  Morgen 
war  auch  die  rechte  Seite  emphysematisch  aufgetrieben; 
der  consultirte  Arzt  besteht  auf  Anwendung  grosser  Senf- 
teige auf  die  Geschwulst.  Des  Abends  ein  heftiger  Schüt- 
telfrost; der  Hals  war  so  dick,  wie  der  Kopf,  von  Luft  aus- 
gedehnt, so  dass  der  Unterschied  zwischen  Kopf  und  Rumpf 
wegfiel.  Am  7ten  Tage  ging  das  Emphysem  auch  auf  das 
Gesicht  über,  die  Augengrube  war  verstrichen,  Augen  und 
Mund  geschlossen  wegen  Auftreibung  der  Augenlider  und 
Lippen,  die  Nase  zwischen  den  aufgeblasenen  Backen  ver- 
schwunden. Am  Morgen  des  8ten  Tages  erfolgte  der  Tod 
unter  Erstickungserscheinungen. 

Den  folgenden  Tag  wird  die  nur  mit  Mühe  gestattete 
Section  gemacht.  Die  Kopfhöhle  durfte  leider  nicht  ge- 
öffnet werden.  Bei  der  äussern  Besichtigung  zeigt  sich  das 
Hautemphysem  in  der  oben  beschriebenen  Ausdehnung; 
beiin  Einschneiden  knisterte  die  Haut  und  liess  die  Luft 
entweichen.  Die  Schilddrüse  fest  und  derb,  gewöhnlich 
gross;  die  Schleimhaut  des  Kehlkopfs  injicirt,  die  der  Luft- 
röhre gewulstet,  geröthet,  mit  zähem,  blutigem,  fest  ankle- 
bendem Schleime  bedeckt.  Die  Spitze  der  rechten  Lunge, 
etwas  mehr  als  die  Hälfte  des  obern  Lappens,  luftleer,  derb, 
brüchig,  auf  der  Schnittfläche  roth  granulirt;  die  Bronchien 
klafften  und  ergossen  röthlichen  Schleim.  Die  hintern  Par- 
thien  beider  Lungen  schmutzig  blutig  infiltrirt,  schaumig 
ödematös.  Die  vordem  Ränder  beider  Lungen  emphyse- 


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213 


matös  aufgetrieben;  die  einzelnen  Lungenbläschen  von  Luft 
ausgedehnt,  von  regelmässiger  runder  Gestalt,  von  der 
Grösse  der  Hirsekörner;  ihre  Wandung  verdünnt,  durch- 
sichtig; sie  stehn  in  Gruppen  und  diese  sind  hervorragend, 
während  die  gesunden  Lnngcnparthien  beim  Oeflhen  des 
Thorax  etwas  zusammengefallen  sind,  wovon  sie  sich  durch 
ihr  weisses,  durchsichtiges  Ansehn  unterscheiden.  Sie  sind 
beim  Einschnciden  weisslich,  blass  zinnoberroth , blutarm, 
trocken,  und  geben  ungleiche  Schnittflächen.  Auch  die 
Pleura  der  rechten  Seile  ist  von  grossen  Luftblasen  be- 
deckt, die  mit  dem  Zellgewebe  des  Halses  in  Verbindung 
stehn;  die  Luftblasen  der  Pleura  lassen  sich  durch  Drücken 
ms  Zellgewebe  des  Halses  hineintreiben.  Allein  zwischen 
der  Lunge  und  der  Pleura  nirgends  ein  Zusammenhang, 
nirgends  alle  Adhäsionen;  beide  Lungen  waren  ganz  frei. 
Nirgends  konnte  ich  ein  Geborstensein  der  emphysemato- 
sen Luflbläschen  entdecken.  — Das  Zellgewebe  des  Herz- 
beutels stark  von  Luftblasen  durchzogen,  und  beim  Auf- 
schneiden des  Pericardiums  stellte  sich  das  pericarditische 
Exsudat  unter  zweierlei  Formen  dar,  als  plastisches  und 
als  seröses.  Das  flüssige  Exsudat  mochte  ungefähr  li  bis 
2 Unzen  betragen  haben,  und  war  von  Blut  braunröthlich 
gefärbt.  Beide  Blätter  des  Herzbeutels,  sowohl  das  visce- 
rale als  das  parietale,  waren  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung 
von  einer  2—3  Linien  dicken  Schicht  faserstoffigen  Exsu- 
dats von  grau -gelblicher  Farbe  bedeckt,  das  in  verschied- 
nen  Membranen  abschälbar  war.  Die  Oberfläche  war  un- 
eben, wollig,  netzartig,  mit  dem  Innern  des  zweiten  Käl- 
bermagens vergleichbar,  doch  nirgends  eine  Verklebung 
zwischen  Herz  und  Herzbeutel.  Auch  der  Ursprung  der 
grossen  Gefasse  war  von  diesen  Schichten  bedeckt.  Der 
seröse  Ueberzug  des  Herzens  zeigte  sich  nach  Ablösung 
der  Exsudatschichten  rauh,  uneben,  verdickt,  aufgelockert, 
flockig  geröthet  mit  zahlreichen  rothen  Puncten,  die  sich 
hie  und  da  in  dem  Exsudat  abdrückten.  Das  fibröse  Blatt 
des  Pericardiums  ebenfalls  aufgelockert,  braunroth  injicirt, 
erweicht.  Das  Zellgewebe  zwischen  ihm  und  dem  Sternum 


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mit  rötlilichem  Serum  infillrirt;  seine  Luftblasen  stehn  mit 
denen  des  Halses  in  Verbindung.  Die  Muskelsubstanz  des 
Herzens  schlaff,  weich  und  schmutzig  roth;  die  innere  Herz- 
oberfläche an  den  Auricula-Ventricular-Klappen  etwas  dunk- 
ler gefärbt;  die  Ventrikel  enthalten  dichte,  grosse  Faser- 
stoffgerinnsel,  die  Vorhöfc  und  grossen  Gefässe  sind  mit 
dunklem  geronnenem  Blute  gefüllt.  — Die  Unterleibsorgane 
alle  normal,  nur  die  Leber  mit  Blut  überfüllt. 

Vergebens  habe  ich  bisher  in  der  Litteratur  nach  ei- 
nem analogen  Fall  gesucht.  Eben  jedoch,  als  ich  dies  nie- 
derschreibe, finde  ich  indess  folgenden  Fall,  der  wohl 
einige  Aehnlichkeit  hat,  aber  auch  manchen  bescheidnen 
Zweifel  an  der  Richtigkeit  der  Diagnose  zulässt.  Ich  citire 
die  Stelle  aus  Neumeisler’s  Repertorium,  1847  No.  6.  Pe- 
ricarJiiis , die  von  einem  aussergewöhnlichen  Symptome  be- 
gleitet war;  von  Dclpontc.  ( Giornale  delle  Seiende  mtdiche. 
1846).  Ein  15 jähriger,  gesunder  und  kräftiger  Knabe 
wurde  nach  einer  Erkältung  von  einem  Unwohlsein  befal- 
len, welches  2 — 3 Tage  dauerte,  als  am  26.  Dec.  ein  star- 
ker Frost  mit  stechenden  Schmerzen  in  der  Präcordialge- 
gend,  Angst,  Brustbeklemmung,  trocknem  und  häufigem 
Husten,  Unmöglichkeit  auf  der  linken  Seite  und  auf  dem 
Rücken  zu  liegen,  hartem,  schnellem,  unregelmässigem 
Pulse  eintrat.  Man  hielt  dies  Anfangs  für  Pneumonie  und 
behandelte  ihn  2 Tage  mit  Blutentziehungen  und  Brcch- 
weinstein.  Am  3tcn  Tage  fand  ihn  Verf.  mit  eiskalten  Un- 
terextremitäten, Frost  und  Hitze  wechselten,  Stirn  mit  kal- 
tem Schweiss  bedeckt,  Gesicht  bleich,  Respiration  erschwert, 
Herzschlag  ungestüm,  den  starken  Pulsationen  beim  Aneu- 
rysma ähnlich,  ungleicher,  frequenter  Puls,  seltnes  und  un- 
bedeutendes convulsivisches  Zittern  der  Extremitäten  und 
Lippen.  Verf.  schloss  aus  diesen  Zeichen  (lauter  subjec- 
tive  und  trügerische)  auf  Pericarditis  und  wollte  den  ört- 
lichen Zustand  untersuchen.  Er  legte  die  Hand  auf  die 
Präcordialgegend  und  fühlte  in  ihr  eine  weiche,  unschmerz- 
hafte, völlig  elastische  Geschwulst;  die  Haut  auf  ihr  war 
weiss;  die  stärker  hervortretende  Mitte  entsprach  der  Spitze 


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des  Herzens,  erstreckte  sich  nach  unten  bis  zur  dritten 
falschen  Rippe,  und  nach  oben  bis  zur  zweiten  wahren. 
An  keinem  Puncte  des  Thorax  Zeichen  einer  Verletzung. 
Dieser  Punct  hallte  matt,  der  ganze  übrige  Thorax  hell. 
Man  machte  Aderlässe  und  gab  Digit,  mit  Aq.  Laurocer. 
Am  4ten  Tage  halle  die  Unruhe  und  der  Schmerz  nachge- 
lassen; das  Emphysem  bedeutender,  die  ganze  linke  Brust- 
bälfle  einnehmend.  Am  5 teil  Tage  deutliche  Besserung, 
die  Geschwulst  bedeutend  verkleinert,  Puls  regelmässig. 
Am  ßten  Tage  hörten  alle  Symptome  von  Seiten  des  Her- 
zens auf;  das  Emphysem  abermals  kleiner.  24  Blutegel. 
Am  7ten  Tage  eine  Purganz.  Beim  Aufslchn  wurde  das 
Herzklopfen  stärker,  und  die  Geschwulst  etwas  grösser. 
Am  8ten  Tage  ohne  Fieber,  Respiration  frei,  das  subcutane 
Emphysem  hatte  nachgelassen.  Es  trat  Genesung  ein.  Die 
leiseste  Bewegung  verstärkte  die  Pulsationen  des  Herzens 
und  vergrösserte  das  Emphysem , das  allmälig  jedoch  ver- 
schwand. " 

Ueber  die  Art  und  Weise  der  Entstehung  des  Emphy- 
sems in  meinem  Falle  will  ich  k^jne  Hypothesen  aufstellen. 
Nirgends  Zerreissung  der  Lungenzellen  und  Zusammenhang 
mit  dem  Zellgewebe  der  Haut,  Ich  beschränke  mich  da- 
rauf, zu  bemerken,  dass  schon  P.  Frank  (.Epitome,  cap.  VI. 
§.  707)  in  Folge  von  Keuchhusten,  vom  Heben  schwerer 
Lasten,  während  des  Geburtsacts,  solches  Emphysem  gesehn 
hat,  ohne  Zweifel  waren  da  innere  Zerreissungen;  dass 
auch  mein  verehrter  College  und  Freund  Dr.  Bertnmd  ii» 
Folge  von  EmjJiysema  pulm.  zwei  Fällo  von  sehr  bedeu- 
tendem Emphysema  cutaneum  beobachtet,  und  in  dem  er- 
sten Hefte  der  Nassau’schen  medicinischcn  Jahrbücher  be- 
schrieben hat;  und  dass  auch  eine  Pneumatose  des  Herz- 
beutels von  den  Schriftstellern  angenommen  wird.  — Dass 
übrigens  die  allgemeinen  Decken  bei  Pericardihs  sehr  in 
Mitleidenschaft  gezogen  werden,  geht  daraus  hervor,  dass 
wir  in  deren  Gefolge  sehr  häufig  sowohl  Aflectionen  der 
Haut,  als  Friesei  und  Erysipel,  als  des  subcutanen  Zellge- 
webes, eitrige  Zerstörungen  desselben,  Furunkel-  und  Pus- 


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telbildüng,  ödematöse  Anschwellungen  der  Glieder,  Aufge- 
dunsenheit des  Gesichts  auftreten  sehn.  Müller  sieht  ein 
Emphysem  des  Zellgewebes  für  eine  Art  Sympathie  an, 
wogegen  aber  Engel  (Beurlheilung  des  Leichenbefunds,  S. 
420)  prolestirt. 


Ucbcr  die  Entstehung  der  liarnsauern  Sedimente 
und  ihre  Bedeutung  für  die  Lehre  von  den 
Crisen. 

Mitgetheilt 

vom  Dr.  Q.  Zimmermann , Oberarzt  im  2.  Garde- Regimenle 

in  Berlin. 


Das  freiwillige  Sedimentären  des  Harns  in  acuten 
Krankheiten  ist,  so  lange  man  Kranke  beobachtet  hat,  eine 
Erscheinung  gewesen,  djp  in  ihrem  ursächlichen  Zusam- 
menhänge mit  den  übrigen  Symptomen  wenig  erkannt,  doch 
vielfach  zur  Entscheidung  principieller  Fragen  in  der  all- 
gemeinen Pathologie  benutzt  worden  ist.  Erst  der  heuti- 
gen Zeit  scheint  es  Vorbehalten  gewesen  zu  sein,  den  Un- 
tersuchungen über  die  Entstehung  und  die  Bedeutung  der 
Harn-Anomalien  in  Krankheiten  den  richtigen  Weg  anzu- 
weisen, so  dass  die  Aerzte,  welche  dieselben  vorzugsweise 
mteressiren,  ihn  nur  zu  betreten  haben,  um  den  definitiven 
Abschluss  derselben  herbeizuführen.  Denn  diese  müssten 
jetzt  so  viel  Eifer  für  die  Entwicklung  ihrer  Wissenschaft 
bekommen  haben,  dass  sie  den  Chemikern  von  Fach  nicht 
die  Entscheidung  rein  pathologischer  Fragen  überlassen,  die 
es  sich  dabei  nur  zu  oft  allzu  leicht  machen  und  uns  an- 
gebliche Thatsachen  überliefern,  die  sich  bei  näherer  Prü- 
fung als  solche  nicht  erweisen.  So  verhält  es  sich  auch 
mit  den  neusten  Arbeiten  der  Chemiker  über  die  Entste- 
hung der  harnsauern  Sedimente. 


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Gegenwärtige  Abhandlung  hat  es  sich  nicht  bloss  zum 
Vorwurf  gemacht,  das  Unzulängliche  in  den  Resultaten  die- 
ser Arbeiten  nachzuweisen  und  das  Irrlhümliche  darin  auf- 
zudecken, sondern  auch  die  Frage  nach  der  Entstehung 
und  Bedeutung  des  in  Rede  stehenden  Phänomens  ihrer 
endlichen  Entscheidung  näher  zu  bringen  und  Yerf.  darf 
wohl  nicht  furchten,  wegen  Wiederaufnahme  dieser  medi- 
cinischen  Hausangelegenheit  von  seinen  Berufsgenossen  ei- 
nes überflüssigen  und  unzeitgemässen  Beginnens  angeklagt 
zu  werden. 

Die  Frage  nach  der  Entstehung  der  harnsauem  Sedi- 
mente scheidet  sich  in  mehrere  einzelne  und  zwar: 

1)  Woraus  bestehn  die  amorphen  harnsauem  Sedimente? 

2)  Weshalb  bilden  sie  sich? 

3)  Wie  entstehn  die  Sedimente  aus  der  krystallisirten 
Harnsäure  ? 

4)  Weshalb  wird  mancher  Ham  durch  Säuren  getrübt 
und  setzt  später  ein  Sediment  von  Harnsäure-Krystallen  ab? 

In  dieser  Reihenfolge  werde  ich  die  vier  Fragen  durch- 
gehn, um  dann  die  für  den  Krankheitsverlauf  daraus  sich 
ergebenden  Resultate  zu  ziebn. 

-nc  ti  tö 

1.  Woraus  bestehn  die  amorphen  harnsauem 
Sedimente? 

Dr.  Heintz  hat  in  Müller' s Archiv  für  1845  (S.  200 — 
201)  die  Frage  nach  der  Constitution  der  amorphen  ham- 
sauern  Sedimente  in  eiuer  so  exacten  Weise  untersucht 
und  beantwortet,  dass  den  von  ihm  erhaltnen  Resultaten 
nur  noch  Weniges  hinzugefügt  werden  kann.  Derselbe 
fand,  dass  sie  nur  aus  harnsauem  Salzen  bestehn  und 
meint,  dass  darin  namentlich  die  freie  Harnsäure  vollkom- 
men fehlt.  Diese  harnsauem  Salze  sind:  das  hamsaure 
Ammoniumoxyd,  das  harnsaure  Natron  und  Kali,  der  harn- 
saure Kalk  und  die  harnsaure  Magnesia. 

Die  Anwesenheit  des  harnsauem  Kalks  folgert  Heintz 
aus  dem  Gehalte  der  durch  Verbrennen  des  harnsauem  Se- 
diments erhaltnen  Asche  an  kohlensauerm  Kalk.  Da  ich 


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jedoch  in  den  Sedim.  later.  in  der  Regel  nicht  unbeträcht- 
liche Mengen  des  oxalsauern  Kalks  sowohl  durch  das  Mi- 
croscop  wie  durch  die  chemische  Analyse  nachweisen 
konnte,  so  erschien  mir  die  Anwesenheit  der  harnsauern 
Kalkerde  darin  noch  fraglich;  denn  beim  Verbrennen  wird 
der  oxalsaure  Kalk  auch  in  kohtensauern  umgewandelt. 

Um  daher  die  Existenz  der  harnsauern  Kalkerde  in 
dem  Sedim.  later,  positiv  nachzuweisen,  digerirte  ich  300  Gr. 
derselben,  die  der  saure  Harn  verschiedner  Kranken  bei 
gewöhnlicher  Temperatur  abgesetzt  hatte,  mit  Essigsäure. 
Indem  sich  diese  mit  den  Basen  der  harnsauern  Salze  ver- 
bindet, lässt  sie  die  Harnsäure-Krystallo  und  den  oxalsau- 
em  Kalk  zurück.  Nachdem  ich  sie  hiervon  abfiltrirl  und 
mit  Uq.  Amman,  caust.  übersättigt  hatte,  wies  Oxalsäure 
darin  sehr  grosse  Quantitäten  an  Kalkerde  nach.  Da  die 
Sedim.  later,  keinen  phosphorsauern  Kalk  enthalten,  wie 
llemlz  im  Gegensatz  zu  Prof.  Scherer  (s.  dessen  chem.  u. 
mikr.  Unters.  S.  1)  gefunden  hat  und  ich  bestätigen  kann, 
so  unterliegt  es  gar  keinem  Zweifel,  dass  die  Kalkerde  mit 
der  Harnsäure  verbunden  gewesen  war. 

Ich  habe  zwar  auf  dem  Harn  von  versebiednen  Kran- 
ken in  dem  Lazarethe,  wo  ich  diese  Untersuchungen  an- 
stellte,  krystallinische  Platten  von  kohlensaurer  Kalkerde 
sich  bilden  gesehn,  wahrscheinlich  eine  Folge  des  in  dem 
Trinkwasser  sehr  reichlich  vorhandnen  doppelt  kohlensauern 
Kalkes;  dies  geschah  aber  nie  auf  dem  saturirten,  säuern, 
sedimentirenden  Fieberharne,  sondern  auf  wässrigem  und 
neutralem  oder  ammoniakalischem.  Ob  sich  der  kohlen- 
saure Kalk  anfangs  in  Auflösung  darin  befand  oder  in  Ver- 
bindung mit  einer  andern  Säure,  die  später  an  das  Ammo- 
niak trat,  weiss  ich  nicht.  Wäre  in  den  Sedim.  later,  koh- 
lensaurer Kalk  gewesen,  so  würden  sie,  mit  Essigsäure 
übergossen,  sicherlich  Kohlensäure  entwickelt  haben,  was 
ich  nicht  bemerken  konnte. 

Ob  sich  der  oxalsaure  Kalk,  den  ich  als  einen  selten 
fehlenden  Bestandtheil  der  Sedim.  later,  betrachte,  schon  in 
dem  Harne  befindet,  wenn  er  gelassen  wird  oder  ob  sich 


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erst  die  Oxalsäure  durch  chemische  Metamorphose  aus  der 
Harnsäure  herausbildet,  muss  noch  untersucht  werden.  Ich 
halte  leiztre  Vermuthung  für  eben  so  wahrscheinlich  wie 
die  erste;  die  Krystalle  des  oxalsauem  Kalks  vermehren 
sich  vielleicht  in  dem  sedimentirenden  Harne  continuirlich 
so  lange,  als  die  sich  bildende  Oxalsäure  noch  Kalkerde 
vorfindet.  Wo  sich  jene  Krystalle  nicht  zeigen,  da  wäre 
es  möglich,  dass  der  Entwicklang  der  Kleesäure  aus  der 
Harnsäure  durch  irgend  einen  Umstand  ein  Hinderniss  in 
den  Weg  gelegt  worden  ist. 

In  dem  Farbstoff  des  Harns  befindet  sich  auch  Kalk 
chemisch  gebunden.  Ich  hatte  die  durch  salpetersauern 
Baryt  aus  dem  Harne  von  verschiednen  Wechsel  fieberkran- 
ken erhaltnen  Niederschläge  gesammelt  und  von  den  ihnen 
anhängenden  Ilarnbestandtheilen  befreit.  Dann  zog  ich  sie 
mit  sehr  verdünntem  Liq.  Ammon,  catist.  aus,  worin  sich 
der  den  Barytsalzen  adhärirende  Farbstoff  sehr  leicht  löst. 
Die  Asche  des  verbrannten  Farbstoffs  brauste  mit  Säuren 
sehr  lebhaft  und  es  konnten  darin  beträchtliche  Mengen  von 
Kalkcrde  nachgewiesen  werden;  dagegen  fehlte  darin  Eisen 
und  Natron  oder  Kali.—  Auch  der  Farbstoff  der  Harnsäure, 
den  ich  durch  ammoniakalischen  Alcohol  daraus  ausgezogen 
hatte,  lieferte  eine  kalkhaltige  Asche,  was  beweist,  dass 
die  Kalkerde  ein  chemisch  gebundner  Stoff  des  Harnfarb- 
stoffs ist.  Daraus  ergiebt  sich  aber  auch,  dass  der  Kalk, 
den  ich  in  der  Lösung  der  von  den  Sedim  later,  durch  die 
Essigsäure  erhaltnen  Salze  fand,  nicht  von  dem  Harnfarb- 
stoff herrühren  konnte;  denn  dieser  war  bei  der  krystalli- 
sirten  Harnsäure  geblieben. 

Die  Gründe,  welche  Heintz  gegen  die  Anwesenheit 
freier  Harnsäure  in  den  Sedim.  later.,  worin  Harnsäure- 
krystalle  fehlen,  vorbringt,  sind  nur  schwach.  Nachdem  er 
zuerst  die  Unhaltbarkeit  der  Versuche  derjenigen  dargethan 
hat,  die  dieselbe  beweisen  sollten,  gesteht  er,  dass  er  ei- 
nen directen  Beweis  für  seine  Behauptung  auch  nicht  be- 
sitze. Es  spreche  aber  dafür  der  Umstand,  dass  die  Harn- 
säure aus  ihren  Salzen  durch  eine  Säure  ausgeschieden, 


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nie  im  amorphen  sondern  immer  im  krystallinischen  Zu- 
stande erscheine.  Dies  ist  jedoch  nur  sehr  bedingt  richtig. 
Denn  wenn  man  die  Lösung  eines  harnsauern  Salzes  genau 

neutralisirt,  so  fällt  die  Harnsäure  stets  in  amorphem  Zu- 
stande heraus  und  bleibt  auch  so.  Setzt  man  später  mehr 
Säure  hinzu,  so  bilden  sich  die  Harnsäure  - Krystalle.  — 
Giesst  man  zu  einer  Lösung  der  harnsauern  Salze  sogleich 
überschüssige  Säure,  so  scheidet  sich  die  Harnsäure  auch 
zuerst  amorph  aus;  bald  aber  erscheinen  Harnsäurekrystalle. 
Dies  geschieht  nämlich  so,  dass  sich  die  gebildete  amorphe 
Harnsäure  auflöst,  worauf  dann  erst  die  Krystalle  als  kleine 
Pünctchen  entstehn,  die  schnell  die  Rhombenform  annehmen 
und  wachsen.  Diesen  Vorgang  kann  man  unter  dem  Mi- 
croscop  sehr  bequem  verfolgen. 

(Fortsetzung  folgt.) 


rmn 

jto  t i 


Grft'fcnberg,  Priessnilz  mul  die  Wassercurcn. 

Nach  eignen  Beobachtungen  in  mchrern  Wasserheilanstalten 
gesammelt  und  initgelbeilt 

vom  Dr.  C.  A.  IV.  Richter,  pract.  Arzt  in  Woldegk  in 
Mecklenburg. 

(Schluss.) 

Ich  komme  jetzt  zu  den  beiden  Hauptmitteln,  deren 
sich  Prietmitz  bedient,  zu  der  Zeit  und  der  Natur.  Die 
Zeit  an  sich  ist  freilich  ein  machtloses  Etwas  und  nur  das, 
was  in  ihr  thätig  ist,  kann  von  Einfluss  sein,  um  einen 
Zustand  zu  verändern,  indessen  damit  sich  diese  Thätigkeit 
entfalte,  bedarf  es  der  Zeit.  Diese  will  der  Kranke  sehr 
oft  nicht  erwarten,  seine  Wünsche  fliegen  der  Zeit  voraus, 
welche  zur  Realisirung  derselben  durchaus  erforderlich  ist, 


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221 


er  wartet  den  Erfolg  einer  begonnenen  Kur  durchaus  nicht 
ab,  er  bestürmt  seinen  Arzt  mit  Bitten  um  Beschleunigung 
oder  Aenderung  der  Kur,  er  wendet  sich  an  einen  dritten, 
vierten  und  fünften  Arzt,  und  keiner  hat  ihm  geholfen.  Dies 
sind  nun  die  Kranken  auf  dem  Gräfenberge,  welche  angeb- 
lich schon  von  mindestens  zehn  Aerzten  aufgegeben  sein 
sollen.  Aufgegeben  d.  h.  für  unheilbar  erklärt,  sind  sie 
aber  in  der  That  von  keinem  einzigen  und  ich  selbst  habe 
solche  Kranke  gesehn,  welche  angeblich  schon  von  zehn 
Aerzten  aufgegeben  sein  sollten,  aber  an  so  unbedeutenden, 
obgleich  langwierigen  Uebeln  litten,  dass  es  sehr  klar  war, 
es  würde  jeder  Arzt  sie  hergestellt  haben,  wenn  sie  nur 
die  nöthige  Zeit  zu  der  Kur  hätten  abwarten  wollen,  und 
was  noch  mehr  ist,  in  den  meisten  Fällen  würde  diese 
Zeit  dennoch  eine  kürzere  gewesen  sein,  als  sie  jetzt  an 
ihre  Kur  auf  dem  Gräfenberge  wenden  müssen.  Auf  dem 
Gräfenberge  halten  aber  die  Kranken  aus,  weil  sie  glauben, 
sie  hätten  wirklich  schon  alle  ärztliche  Kunst  erschöpft  und 
seien  durch  diese  nicht  mehr  heilbar,  jetzt  aber  seien  sie 
gleichsam  in  der  letzten  und  höchsten  Instanz,  welche  eine 
günstige  Entscheidung  bringen  müsse,  oder  es  sei  Alles 
verloren,  und  so  leben  sie  in  Hoffnung  waschend  und  ba- 
dend Monate,  Jahre  lang  auf  dem  Gräfenberge,  in  welcher 
Zeit  die  Natur  entweder  das  Leiden  heilt  oder  sie  selbst 
sich  daran  gewöhnen.  Vor  Allem  muss  aber  auch  in  Fäl- 
len, wo  der  Kranke  zu  frühzeitig  ungeduldig  wird,  der  in 
der  Wassercur  eine  Hauptrolle  spielende  Popanz  von  Sy- 
philis ins  Mittel  treten;  denn  ist  dieser  unglückliche  Unge- 
duldige je  in  seinem  Leben  ein  Mal  syphilitisch  gewesen, 
und  wäre  seitdem  eine  halbe  Ewigkeit  verflossen,  so  hört 
er  mit  Seelenpein  die  Versicherung:  Sie  sind  jetzt  schon 
zu  lange  in  der  Wassercur,  als  dass  Ihre  Syphilis  nicht 
wieder  aufgeregt  sein  sollte,  reisten  Sie  nun  nach  Hause, 
so  könnten  Sie  sehr  leicht  bei  Frau  und  Kindern  in  höchst 
unangenehme  Collisionen  gerathen,  man  würde  Ihnen  nicht 
glauben,  dass  Sie  ein  altes  längst  verjährtes  Leiden  mit- 
brächten. Diese  Befürchtungen,  welche  auf  dem  Gräfen- 


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222 


berge  so  lebhaft  erweckt  werden,  halten  nun  den  armen 
Kranken  fast  gegen  seinen  Willen  daselbst  fest,  so  lange 
nämlich  seine  Kasse  den  Aufenthalt  bestreiten  kann : ist 
diese  aber  so  erschöpft,  so  wird  ihm  die  Abreise  mit  oder 
ohne  Crise  eine  Nothwendigkeit.  (!!)  Man  denke  sich  einen 
Zeitraum  von  3 bis  7 Jahren  unausgesetzt  einzig  und  allein 
auf  eine  Kur  verwendet,  welch  ungeheure  Macht  wird  da- 
durch aufgeboten.  Wahrlich  es  ist  zum  Erstaunen,  dass 
nur  so  wenig  Kranke  vollständig  geheilt  vom  Gräfenberge 
zurückkehren. 

In  dieser  Erläuterung  der  einzelnen  Kurmomente,  wel- 
che zusammen  erst  die  sogenannte  Wassercur  ausmachen, 
liegt  nun  mein  Urtheil  über  den  Werth  der  Wassercur  und 
ich  muss  dieselbe,  mich  auf  meine  eigne  jetzt  mehr  als 
zehnjährige  Erfahrung  beziehend,  durchaus  für  die  Beach- 
tung der  Aerzte  werth  erklären.  Obgleich  man  aus  dem 
Angeführten  bereits  erkannt  haben  wird,  dass  bei  dem  Na- 
men Wassercur  für  die  Behandlungsmethode  in  den  Was- 
serheilanstalten in  der  That  die  Benennung  nicht  a potiori 
genommen  ist,  denn  wer  wollte  entscheiden,  ob  Wasser 
oder  freie  Luft,  oder  Körperbewegung,  oder  endlich  die 
Milchdiät  u.  s.  w.  das  eigentlich  Wirksame  seien?  denn  es 
ist  gewiss,  dass  in  der  einen  Krankheit  das  eine  das  Wirk- 
same, in  der  andern  das  andre  ist,  so  dass  die  übrigen  Momente 
sich  zu  den  eigentlichen  Kurmitteln  verhallen,  wie  der  Syrup 
in  der  Arzneiflasche  zu  den  übrigen  wirksamen  Bestand- 
theilen  d.  h.  ziemlich  gleichgültig,  zuweilen,  oft  überflüssig, 
nicht  selten  schädlich.  Aus  meiner  eignen  Erfahrung  über 
Wassercuren  kann  ich  der  strengsten  Wahrheit  gemäss 
versichern,  dass  dadurch  viele  sehr  schwere,  der  ärztlichen 
Kunst  sonst  fast  unbesiegbare  Leiden  oft  ganz  allein  ge- 
heilt, viel  öfter  aber  so  vereinfacht  werden,  dass  die  Hei- 
lung derselben  mit  Heilmitteln  möglich  und  sehr  erleichtert 
wird.  Unter  diese  Krankheiten  rechne  ich  vor  allen  Din- 
gen die  Gicht  in  ihren  verschiedensten  Formen,  die  nicht 
minder  proleusartigen  Hämorrhoiden,  Rheumatismen,  chro- 
nische Catarrhe,  einige  Formen  chronischer  Hautausschläge, 


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223 


inveterirle  Syphilis,  namentlich  wenn  sie  eine  Tripelverbin- 
dung  mit  Rheumatismus  und  Scrophcln  geschlossen  hat  oder 
in  Mercurialcachexie  oder  Jodismus  übergegangen  ist,  ei- 
nige Formen  von  Menstruationsstörungen,  jedoch  nicht  die 
reine  Chlorose,  welche  ich  sogar  aus  dem  Grunde  für  eine 
durchaus  reine  Wassercur  ungeeignet  halte,  weil  sie  nicht 
selten  nach  einer  solchen  entsteht,  gewisse  Formen  der 
hysterischen  und  hypochondrischen  Aflectionen  und  andern 
Nervenleiden;  so  habe  ich  selbst  einen  ganz  unzweifelhaf- 
ten Fall  der  Heilung  der  Epilepsie  und  einen  andern  des 
Tic  douloure ux  aufzuweisen,  wobei  ich  nur  bemerke,  dass 
bei  meiner  Behandlungsweise  eben  so  wie  bei  Triessnilt 
die  verschiednen  Wasseranwendungen  nicht  die  alleinigen 
Kurmittel  waren,  denn  statt  jener  heroica , welche  Priess- 
nitz  ausser  dem  Wasser  anwendet  und  die  mir,  ehe  ich 
selbst  auf  dem  Gräfenberge  gewesen  war,  nicht  bekannt 
oder  nicht  in  der  Weise  bekannt  waren,  benutzte  ich  und 
musste  ich  stets  noch  Heilmittel  mit  benutzen: 

denn  Wasser  allein  thut  es  wahrlich  nicht! 

Ausserdem  ist  die  Benutzung  des  Wassers  in  einer 
guten  Anzahl  acuter  Krankheiten  von  sehr  hohem  therapeu- 
tischem Werth,  unter  denen  ich  namentlich  die  Nervenfie- 
ber und  die  acuten  Hautausschläge,  selbst  Variolois,  nenne, 
wie  denn  seine  guten  Dienste  in  allen  Formen  der  Ent- 
zündung, selbst  der  Lunge  und  des  Unterleibes,  in  denen 
es  sehr  bestimmt,  mit  der  gehörigen  Energie  angewendet, 
jede  Nöthigung  zur  Blutentziehung,  localen  wie  allgemeinen, 
beseitigt,  längst  anerkannt  sind.  Ich  kann  aber  nicht  sagen, 
dass  die  volle  Wassercur  in  der  jetzigen  Grippe-Epidemie 
sich  sehr  vortheilhaft  bewiese,  denn  ich  sehe,  wie  sich  die 
Schleimhautaifeclionen  beim  reichlichen  Wassertrinken  sehr 
entschieden  in  die  Länge  ziehn,  während  der  Theil  der 
Wassercur,  den  ich  mit  den  Russischen  Bädern  verglichen 
habe,  gute  Dienste  thut. 

Bei  einer  andern  Gelegenheit  werde  ich,  was  meine 
Erfahrung  mich  über  den  gleichzeitigen  Gebrauch  von  Me- 
dicamenten  in  der  Wassercur  gelehrt  hat,  ausführlicher  mit- 


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224 


theilen,  für  jetzt  schlicsse  ich  nur  mit  der  vorläufigen  Be- 
merkung, dass  in  der  Wassercur  durch  meistens  nur  den 
vierten  Theil  so  starke  Dosen  der  Salze,  alkalischer  wie 
metallischer  der  gewünschte  Erfolg  erzielt  wird,  wodurch 
denn,  da  wir  diesen  Erfolg  bei  unsern  gewöhnlichen  Kuren 
sehr  oft  wegen  der  Grösse  der  zu  verabreichenden  Gabe 
nicht  erzielen  können  und  deshalb  noch  andre  Mittel  in 
Anwendung  zu  ziehn  gezwungen  werden,  schon  eine  Menge 
andrer  nicht  minder  als  die  zu  grossen  Arzneigaben  ge- 
fährliche Kürelemente  gänzlich  beseitigt  werden  z.  B.  der 
Aderlass  und  örtliche  Blutentziehungen.  Mit  den  Narcoticis 
hat  es  grade  ein  umgekehrtes  Verhältniss,  es  ist,  als  ob 
sie  alle  Wirksamkeit  neben  der  gleichzeitigen  Wassercur 
verlieren,  z.  B.  das  Opium,  denn  bei  einem  Delirium  tremens , 
wo  es  doch  in  der  Absicht  liegt,  eine  Necrosc  herbeizip- 
führen,  lässt  sich  diese  in  der  gleichzeitigen  Wassercur 
durch  solche  Dosen,  welche  unter  andern  Verhältnissen 
das  Leben  in  Gefahr  setzen  würden,  nicht  erzwingen.  Es 
ist  mir  unbegreiflich,  wie  die  Herrn  Brunnenärzte,  denen  es 
doch  so  nahe  liegt,  sich  genauer  und  ausführlicher  mit  den 
Wassercuren  zu  befreunden,  nicht  längst  den  Technicismus 
der  Wassercur  auf  ihre  viel  wirksamere  Quelle  anzuwen- 
den sich  veranlasst  gesehn  haben.  Ich  bin,  wie  Jeder,  der 
meine  Mittheilungen  über  künstliche  Mineralwässer  in  Vet- 
ters Annalen  der  SVruce’schen  Anstalten  kennt,  glaublich 
sein  wird,  ein  Freund  und  Verehrer  der  Heilquellen,  in- 
dessen ihre  wahren  Wunderkräfte  habe  ich  erst  kennen 
lernen,  seit  ich  mit  dem  Gebrauche  derselben  den  Tech- 
nicismus der  Wassercur  verbinde.  Doch  vielleicht  habe  ich 
schon  längst  die  Geduld  des  Lesers  ermüdet  und  muss  im 
Namen  der  hochwichtigen  Sache , welche  ich  hier  angeregt 
habe,  für  mich  um  Entschuldigung  bitten. 


(iedmekt  bei  J.  PeUch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 


Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1 , bisweilen  1 * Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3]  Thlr.  bestimmt,  wofür  sänimtliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  za  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Ihr  schtcald. 


15.  Berlin,  den  8ten  April  1848. 


Vergiftungen  durch  Arsenik.  Vom  Kreisphysicns  Dr.  Wiesmann.  

^ Die  Entstehung  der  harnsauern  Sedimente.  Vom  Oberarzt  Dr. 
Zimmermann.  (Fortsetzung.)  — Krit.  Anzeiger. 


Vergiftungen  durch  Arsenik. 

Vom 

Kreisphysicus  Dr.  Wiesmann  zu  Dülmen. 


Am  26.  Juli  18 — ereignete  sich  in  dem  Hause  des 
Kolonen  G.  ein  merkwürdiger  Fall  von  Vergiftung  durch 
Arsenik  (arsenige  Säure)  bei  vier  Kindern  und  zwei  Dienst- 
mägden, in  Folge  welcher  das  älteste  der  Kinder,  der  ein- 
jährige Sohn,  nach  13  Stunden  starb,  die  übrigen  Perso- 
nen jedoch  blos  erkrankten  und  genesen  sind. 

Der  Kolon  G.  suchte  an  dem  benannten  Tage  Abends 
gegen  6 Uhr  in  einem  in  seiner  Schlafstube  stehenden 
Schranke  einen  Schleifstein  zum  Schärfen  eines  Messers. 
Zufällig  fand  er  dabei  in  dem  Schranke  auf  einer  kleinen 
Bank,  auf  welcher  verschiedne  alte  Sachen  lagen,  im  Bei- 
sein seines  ältesten  einjährigen  Sohnes  eine  Düte.  Wie  er 
dieselbe  aufmachte,  glaubte  er,  dass  der  darin  entbaltne 
Gegenstand  ein  Stück  weissen  Zuckers,  etwa  zu  dem  Ge- 
Jahrgang  1848.  15 


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226 


wichto  eines  Achtel  Pfandes,  sei,  und  gab  es  seiner  Frau, 
welche  in  dem  nämlichen  Irrlhume  befangen,  dasselbe  unter 
die  Kinder  vertheilte.  Der  älteste  Knabe  verlangte  ein 
grösseres  Stück  und  gab  davon  der  einen  Dienstmagd  ein 
Stückchen  von  der  Grösse  einer  Haselnuss  mit,  welches 
diese  verzehrte,  während  er  ein  doppelt  so  grosses  Stück 
genossen.  Die  übrigen  drei  Kinder  genossen  ebenfalls  das 
ihnen  gegebone  Stückchen.  Nicht  lange  nachher  fingen 
die  Kinder  an  über  Unwohlsein  und  Uebelkeit  zu  klagen 
und  sich  öfters  zu  erbrechen.  Die  Mutter  hierüber  ge- 
ängstigt,  Hess  von  einem  übrig  gebliebenen  Stückchen,  wel- 
ches die  Grossmutter  ain  andern  Tage  in  Branntwein  neh- 
men wollte,  nun  um  die  Wirkung  des  Zuckers  zu  erpro- 
ben, auch  die  zweite  Magd  kosten,  welche  ebenfalls  ein 
Stückchen  von  der  Grösse  einer  halben  Haselnuss  zu  sich 
nahm.  Den  Rest  warf  die  Frau  G.  dann  ins  Feuer,  nach- 
dem sie  mit  einem  nassgemachten  Finger  den  vermeintli- 
chen Zucker  nur  geprüft  und  ausgesagt  hatte,  dass  der- 
selbe einen  tabackartigen  Nachgeschmack  habe.  Derselbe 
war  nicht  scbarfeckig  gewesen  und  halte  sich  leicht  zer- 
bröckeln lassen. 

Die  Kinder  waren  später  sehr  unwohl  geblieben,  hat- 
ten die  früher  mit  Brod  genossene  Milch  wieder  ausbrechen 
müssen,  viel  Durst  gehabt  und  des  Abends  nichts  essen 
wollen;  dann  waren  sie  das  eine  nach  dem  andern  zu  Bett 
gegangen.  Das  Erbrechen  hatte  sich  die  Nacht  über  sehr 
häufig  wiederholt;  indessen  hatten  die  Kinder  sonst  nicht 
über  Schmerzen  im  Unterleibe  geklagt  und  sieh  nach  dem 
jedesmaligen  Erbrechen  wieder  etwas  wohler  gefühlt.  Die 
Mutter  hatte  die  ganze  Nacht  über  die  Kinder  pflegen  und 
ihnen  viel  Wasser  zur  Löschung  des  heftigen  Dustes  ge- 
ben müssen.  Auch  die  beiden  Dienstmägde  waren  des 
Abends,  wie  sie  gegen  10  Uhr  schlafen  gingen,  sehr  un- 
wohl geworden  und  die  Nacht  über  vom  Erbrechen  und 
starken  Durste  sehr  geplagt.  Die  erste  Magd,  welche  mehr 
von  dem  vermeintlichen  Zucker  genossen  hatte,  litt  dabei 
viel  an  Leibschmerzen.  In  der  Meinung,  dass  durch  das 


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227 


viele  Erbrechen  der  schädliche  Zucker  wieder  nnsgelcert 
worden  sei,  halte  man  weiter  keine  Sorge  und  ärztliche 
Hülfe  wurde  weiter  nicht  nachgesucht.  Der  elfjährige 
Knabe,  der  die  Nacht  über  viel  litt,  ohne  jedoch  über  be- 
sondre  Leibschmerzen  zu  klagen,  hatte  sich  indess  am  an- 
dern Morgen  gegen  7 Uhr,  als  er  vom  Bette  aufgestanden 
war,  um  zur  Verrichtung  der  Nolhdurft  vor  die  Hausthüre 
zu  gehn,  so  schwach  gefühlt,  dass  er  geführt  werden 
musste;  er  war  darauf  gleich  wieder  zu  Bett  gegangen 
und  wurde  nach  einer  Viertelstunde  schon  todt  gefunden. 

Eiligst  suchte  man  nun  aus  der  eine  Stunde  entlegnen 
Stadt  ärztliche  Hülfe  nach.  Ich  hatte  sogleich  einige 
Arzneimittel  und  namentlich  für  den  Fall  einer  Arsenikver- 
giftung  Eisen  - Oxydhydrat  mitgenommen.  Die  drei  noch 
lebenden  Kinder  und  die  eine  Magd  fand  ich  indess  nur  noch 
wenig  leidend;  sie  schienen  durch  das  viele  Erbrechen  ge- 
rettet zu  sein.  Dagegen  klagte  die  andre  Magd,  die  sich 
weniger  hatte  erbrechen  können,  noch  über  starkes  Un- 
wohlsein, über  Uebelkeit  und  Leibschmerzen. 

Von  dem  vermeintlichen  Zucker  fanden  sich  nur  noch 
einige  mit  Brodkrumen  vermischte  Körnchen  in  der  Tasche 
des  gestorbenen  Knaben  und  eines  andern  Kindes  vor.  Als 
man  hiervon  etwas  auf  Kohlenfeuer  verrauchen  liess,  ent- 
wickelte sich  ein  weisser  Rauch  und  ein  knoblaucbartiger 
Geruch,  wodurch  die  Vermuthung  einer  Arsenikvergiftung 
hinreichend  begründet  wurde.  Von  der  Eis e noxy d h y d rat- 
Auflüsung  ward  nun  den  Vergifteten  alsbald  gereicht,  an- 
fangs in  stärkern,  später  in  geringem  Dosen.  Des  Nach- 
mittags und  am  folgenden  Morgen  fand  man  die  Kinder  und 
die  eine  Magd  gar  nicht  mehr  leidend,  nur  dauerten  bei 
der  zweiten  Magd  die  erwähnten  Beschwerden  mit  fieber- 
hafter Aufregung,  vermehrter  Hitze,  Kopfschmerzen  u.  s.  w. 
fort,  doch  war  kein  Erbrechen  mehr  erfolgt.  Auch  waren 
an  dem  zweiten  Tage  nach  der  Vergiftung  alle  Zufälle,  so- 
wie die  fieberhafte  Aufregung  bei  ihr  geringer.  Neben 
dem  Eisenoxydhydrat  bekam  diese  Kranke  mitunter  einen 
Esslöffel  voll  Ol.  Ricini  und  im  Verlaufe  der  nächsten  Tage 

15  * 


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228 


genas  dieselbe  bei  fortgesetztem  Gebrauche  dieser  Mittel, 
die  jedoch  nach  und  nach  seltner  und  in  geringem  Dosen 
gegeben  wurden. 

Durch  die  cingeleitete  gerichtliche  Untersuchung  konnte 
nicht  ermittelt  werden,  wie  der  vermeintliche  Zucker  ins 
Haus  und  in  den  Schrank  gekommen  war.  Der  Kolon  G., 
sowie  seine  Frau  betheuerten,  kein  Gift  gegen  derartige 
Zwecke,  wie  etwa  Rattengift,  gekauft  und  auf  bewahrt  zu 
haben;  sie  wollten  selbst  keinen  weissen  Zucker  im  Hause 
bei  sich  gehabt  haben,  da  sie  solchen  nie  gebrauchten. 
Die  Frau  behauptete,  dass  sie  14  Tage  vorher  auf  der 
kleinen  Bank  in  dem  Schranke,  worauf  die  Düte  gelegen, 
nach  etwas  gesucht  habe  und  diese  damals  noch  nicht  auf 
derselben  gelegen  habe.  Verdacht  gegen  irgend  Jemand, 
der  das  Gift  sollte  dorthin  gelegt  haben,  könnten  sie  auch 
nicht  angeben. 

Die  gerichtliche  Obduction  der  Leiche  des  verstorbe- 
nen Knaben  ward  am  28.  Juli  vorgenommen.  Zeichen  der 
Verwesung  waren  bei  derselben  durch  den  Gemch  kaum 
bemerkbar.  Das  Gesicht  zeigte  einen  freundlichen  Aus- 
druck in  den  Mienen,  der  Magen  wurde  sehr  stark  ausge- 
dehnt gefunden,  war  an  der  vordem  Fläche  nach  der  rech- 
ten Seite  hin  geröthet,  weniger  in  der  Mitte  und  gar  nicht 
nach  der  linken  Seite  hin.  Die  Adern  an  der  obern  und 
untern  Curvalur  waren  vom  Blute  sehr  ausgedehnt;  das 
Blut  in  den  fernen  Zweigen  war  hell  rölhlich,  in  dem 
grossem  Kranze  dunkel  schwarz.  An  der  hintern  Fläche 
des  Magens  zeigte  sich  überall,  insbesondre  jedoch  an  der 
obern  und  untern  Curvatur,  eine  starke  Röthung.  Als  der 
Magen  sorgfältig  unterbunden,  herausgenommen  und  geöff- 
net war,  fand  sich  darin  ein  16  Unzen  betragender  gelb- 
lich brauner,  wie  verdorbenes  braunes  Gerstenbier  ausse- 
hender, flüssiger  Inhalt.  Die  innere  Oberfläche  des  Magens 
war  in  der  Gegend  der  obern  Curvatur  und  des  obem 
Theils  der  Wandungen  von  bräunlich  röthlicher  Farbe,  nicht 
aufgelockert;  dagegen  erschien  sie  an  der  untern  Fläche 
zur  grossen  Curvatur  hin  verdickt,  aufgelockert,  mit  runz- 


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229 


liehe»  Strängen  von  der  Dicke  gefüllter  Armvenen  (wie 
sie  bei  Knaben  dieses  Alters  sind)  und  mit  einem  Netze 
schwarzes  Blut  enthaltender  Gelasse  durchzogen,  insbe- 
sondre in  der  Gegend  zum  Pförtner  hin.  Die  Grundfarbe 
war  hier  dunkel  geröthet  und  selbst  stellenweise  von  scharf 
begrenzten  schwärzlichen  einen  bis  anderthalb  Zoll  langen 
und  eine  bis  zwei  Linien  breiten  Brandstriemen  durch- 
kreuzt. Die  Substanz  der  Wandungen  war  insbesondre 
hier  leicht  aufgelockcrt  und  mürbe,  der  Pförtner  etwas  zu- 
sammengezogen. In  den  Vertiefungen,  welche  die  genann- 
ten Stränge  bildeten,  zeigte  sich  an  der  innern  Schleimhaut 
des  Magens,  welche  sogar  an  einigen  Stellen  in  Folge  des 
Brandes  gelöst  war,  ein  weissliches  gröbliches  Pulver  an- 
klebend. Auch  schien  die  Schleimhaut  an  den  Stellen,  wo 
die  dunklere  Färbung  bemerkt  wurde,  von  dieser  gleichwie 
von  einem  dünnen  glasigen  Schimmer  überzogen.  Der 
Dünndarm  war  zum  Driltheil  seiner  Länge  nach  äusserlich 
etwas  geröthet;  ebenso  war  die  Schleimhaut  desselben  in 
seinem  Beginne  etwa  zwei  Zoll  lang  etwas  geröthet,  der 
übrige  Theil  aber  gesund.  Der  Blinddarm  mit  seinem 
wurmförmigen  Fortsätze  war  nicht  krankhaft  verändert  und 
in  demselben  wurde  nichts  Pulveriges  gefunden.  Auch  der 
Dickdarm  zeigte  nichts  Ungewöhnliches. 

Aus  den  pathologischen  Erscheinungen  in  der  Leiche 
wurde  auf  eine  Vergiftung  durch  ein  ätzendes  Gift  und 
wahrscheinlich  durch  weissen  Arsenik  geschlossen.  Diese 
Diagnose  konnte  aber  nur  durch  eine  chemische  Analyse 
der  gesamintcn  Eingeweide  und  ihres  Inhalts  Bestätigung 
erhalten.  Durch  die  Analyse  allein  des  Magens  und  dessen 
Inhaltes  hat  sich  dann  zwischen  27  bis  28  Gran  arsenige 
Säure  ergeben.  Wenn  nun  schon  2 Gran  Arsenik  erfah- 
rungsmässig  einen  Erwachsenen  zu  tödten  im  Stande  sind, 
1 bis  2 Gran  schon  nach  wenigen  Tagen  und  3 bis  5 Gran 
in  den  ersten  24  Stunden  den  Tod  verursachen  können;  so 
muss  es  fast  Erstaunen  erregen,  dass  bei  einer  so  bedeu- 
dentenden  im  Magen  Vorgefundenen  Quantität  von  Arsenik 
das  Leben  noch  12  bis  13  Stunden  angedauert  hat. 


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230 


Bemerkenswert!!  ist  hierbei  der  Umstand,  dass  der 
verstorbene  Knabe  nach  Aussage  der  Eltern  gar  nicht  über 
Schmerzen  im  Leibe  geklagt  hat,  da  in  der  Kegel  doch 
durch  den  Genuss  von  bedeutender  Quantität  Arsenik  aus- 
ser heftigem  Brennen  und  starker  Angst  in  der  Magenge- 
gend, heiligem  Würgen  und  späterem  Erbrechen,  unaus- 
löschlichem Durste,  Zittern  und  grosser  Entstellung  im  Ge- 
sichte — als  Erscheinungen,  welche  im  vorliegenden  Falle 
beobachtet  wurden  — auch  noch  schreckliche  Leibschmer- 
zen entstehn.  Dass  indess  manche  wesentlich  scheinenden 
Zufälle  der  Arsenikvergiftung  nicht  so  gar  selten  fehlen, 
die  Wirkungen  dieses  Giftes  überhaupt  sich  gar  verschie- 
den zeigen  können,  ist  schon  von  vielen  Beobachtern  mit- 
gethcilt  worden. 

Von  grossem  Interesse  ist  wohl  der  glückliche  Um- 
stand, dass  die  Kinder  und  das  eine  Dienstmädchen  durch 
das  heftige  Erbrechen  merkwürdiger  Weise  den  Arsenik  so 
vollständig  wieder  ausgeleert  hatten,  dass  sie  genasen.  Die- 
sen Erkrankten  kam  es  indess  gut  zu  Statten,  dass  sie  kurz 
vor  dem  Genüsse  des  Arseniks  Milch  mit  Brod  genossen 
hatten.  — Von  günstiger  Wirkung  endlich  zeigte  bei  einem 
Mädchen  sich  das  als  Gegengift  des  Arseniks  empfohlne 
Eisenoxydhydrat. 


Ucber  die  Entstehung  der  harnsauern  Sedimente 
und  ihre  Bedeutung  für  die  Lehre  von  den 
Crisen. 

Mitgetheilt 

vom  Dr.  O.  Zimmermann , Oberarzt  im  2.  Garde- Regiuienlc 

in  Berlin. 

(Fortsetzung.) 


Es  könnte  ju  nun  sein,  dass  in  dem  Harne,  der  ein 
Scdim.  later,  absetzl,  Bedingungen  obwalten,  die  zwar  die 


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Ausscheidung  der  Harnsäure  in  amorpher  Gestalt  zulassen, 
die  aber  ihre  Wiederauflösung  und  Krystallisirung  in  gros- 
sen Rhomben  u.  s.  w.  verhindern.  Auch  sicht  man  häufig, 
dass  die  SeJim.  later,  aus  ganz  kleinen  rhombischen  Krys- 
tallen  bestehn  und  diese  müsste  man  untersuchen,  ob  sie 
harnsaure  Salze  sind  oder  freie  Harnsäure. 

Die  Frage,  ob  ein  Sedim.  later,  amorphe  freie  Harn- 
säure enthalte,  lässt  sich  meiner  Meinung  nach  nur  auf  in- 
directem  Wege  lösen.  Man  müsste  nämlich  untersuchen, 
ob  die  Quantität  der  Basen  der  gefundnen  Menge  der  Harn- 
säure entspricht,  da  man  weiss,  in  welchen  Proportionen 
sich  das  Ammonium,  das  Natron  u.  s.  w.  mit  ihr  verbinden. 

Wenn  Hemtz  sah,  dass  ein  Harn,  der  vom  Sedim.  later. 
abfiltrirt  war,  in  der  Wärme  Harnsäure  auflöste  und  sie  als 
harnsaures  Salz  wieder  fallen  liess,  und  nun  folgert,  dass 
die  in  dem  Sedim.  later,  etwa  vorhanden  gewesene  freie 
Harnsäure  sich  dieser  Basen  hätte  bemächtigen  können,  so 
erscheint  es  mir  fraglich,  ob  diese  feuerbeständige  gewe- 
sen sind,  wie  Heint%  beifügt,  oder  nicht  Ammoniak,  das 
sich  beim  Erwärmen  des  Harns  aus  dem  Harnstoff  entwic- 
kelt. Denn  es  wäre  doch  nöthig  gewesen,  die  feuerbestän- 
digen Basen  näher  zu  bezeichnen,  deren  sich  die  Harn- 
säure noch  bemächtigt  haben  sollte.  Sollte  Natron  darin 
gewesen  sein,  so  könnte  dies  nur  vom  dreibasisch  phos- 
phorsauern  Natron  herstammen  und  dessen  Anwesenheit  in 
einem  säuern  Harn,  der  schon  sedimentirt  hatte,  würde 
wenig  mit  der  später  zu  erwähnenden  Theorie  in  Einklang 
sein. 

Eine  Frage  von  untergeordneter  Wichtigkeit  ist  die, 
weshalb  diese  harnsauern  Salze  sich  in  amorpher  Gestalt 
ausscheiden.  Hemtz  sucht  dieselbe  für  jedes  derselben  zu 
beantworten.  Die  hornsaure  Kalkerde  erscheint  stets  in 
amorpher  Gestalt,  wenn  sie  in  den  festen  Zustand  übergeht. 
Das  harnsaure  Ammoniak  soll  nach  den  Versuchen  von 
Bence  Jones , die  Heintz  bestätigt  fand,  durch  die  Anwesen- 
heit von  Chlor-Ammonium  und  Chlor-Natrium  die  Eigen- 
schaft bekommen,  sich  aus  der  Auflösung  in  amorpher Ge- 


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232 


stalt  abzuscheiden.  Da  es  jedoch,  wie  ich  zeigen  werde, 
sehr  häufig  vorkommt,  dass  ein  sedimentirender  Harn  in 
1000  Gr.  höchstens  1 Gr.  Chlorsalze  erhält,  so  muss  man 
fragen,  ob  auch  in  diesem  Falle  durch  das  Chlor-Alkali  die 
amorphe  Form  des  barnsauern  Ammoniaks  bedingt  wird. — 
Ich  muss  gestehn,  dass  ich  dieses,  so  oft  ich  es  künstlich 
darstellte,  stets  aus  der  heissen  Lösung  beim  Erkalten  in 
amorpher  Gestalt  herausfallen  gesehn  habe;  jedoch  halte 
ich  es  für  nothwendig,  dass  auch  alle  übrigen  Harnbestand- 
theile  darauf  untersucht  werden,  welchen  Einfluss  sic  auf 
die  Krystallisation  der  harnsauern  Salze  ausüben. 

Das  harnsaure  Natron  krystallisirt  gewöhnlich;  dass  es 
im  sedimentirenden  Harne  amorph  abgeschieden  wird,  soll 
auch  das  Kochsalz  bewirken.  Denn  wenn  Heintz  harnsau- 
res Ammoniak  mit  einer  Kochsalzlösung  kochte,  so  schied 
sich  sowohl  ersteres,  wie  das  neugebildete  harnsaure  Natron 
in  amorpher  Gestalt  ab.  Jedoch  liegt  meiner  Ansicht  nach 
hierin  gar  kein  Beweis:  denn  einmal  finden  sich  in  dem 
Harne  der  fiebernden,  fast  nur  von  Yegetabilien  lebenden 
Kranken,  die  noch  dazu  durch  die  Transpiration  gewöhn- 
lich sehr  viel  Kochsalz  verlieren,  sehr  wenig  Chlormetallo 
und  sodann  dürfte  bei  einer  Temperatur  von  30  bis  32°  R. 
das  harnsaure  Ammoniak  mit  dem  Chlornalrium  nicht  die 
chemische  Umsetzung  durchmachen,  woraus  man  die  An- 
wesenheit des  harnsauern  Natrons  erklären  könnte. 

Ueberhaupt  glaube  ich,  noch  einmal  darauf  verweisen 
zu  müssen,  dass  wir  noch  lange  nicht  hinreichend  die  Ein- 
flüsse kennen,  welche  die  verschiednen  Harnbestandlheile, 
namentlich  der  Harnfarbstoff,  auf  die  Krystallform  der  harn- 
sauern Salze  ausüben. 

2.  Weshalb  scheiden  sich  diese  harnsauern  Salze 
aus  dem  Harne  aus? 

Diese  Frage  ist  weit  wichtiger  als  die  oben  berührte 
und  erst  jetzt,  seitdem  wir  die  Constitution  der  harnsauern 
Sedimente  kennen  gelernt  haben,  einer  Discussion  fähig. 
Da  hierbei  auch  die  Frage  berührt  werden  muss,  wie  dio 


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Sedimente  aus  der  krystallisirlen  Harnsäure  entstehn  und 
wie  die  Sedim.  later,  mit  der  Zeit  in  diese  übergehn,  so 
will  ich  Alles  das,  was  der  Erklärung  wegen  gesagt  wer- 
den muss,  gleich  an  dieser  Stelle  zusammenfassen. 

Prof.  Scherer  hatte  in  seinen  chemischen  und  micros- 
copischen  Untersuchungen  angenommen,  dass  das  Sedim. 
later,  aus  Harnsäure  bestehe  und,  wiewohl  sich  dies  wio 
vieles  Andre  in  der  bezüglichen  Abhandlung  nicht  als  rich- 
tig erwiesen  hat,  so  muss  ich  doch  die  Erklärung,  welche 
derselbe  für  die  Entstehung  der  Sedim.  later,  gegeben  hat, 
hier  noch  einmal  anführen.  Scherer  suchte  zu  beweisen, 
dass  die  Entwicklung  einer  stärkern  Säure,  wie  z.  B.  der 
Milchsäure,  in  dem  Harn  die  Abscheidung  der  Harnsäure 
bewirke,  wofür  folgende  Gründe  sprechen  sollten:  1)  Zu- 
satz von  Säuren  zu  dem  Harn  bewirke  sofort  ein  Sedim. 
later.  Indem  sich  die  Milchsäure  entwickelt,  zerlegt  sie 
das  harnsaure  Natron,  aber  die  ausgeschiedne  Harnsäure 
bleibt  vor  der  Hand  gelöst,  bis  sich  immer  mehr  Milchsäure 
bildet,  die  endlich  die  Ausscheidung  des  grössten  Theils 
der  Harnsäure  bewirkt.  Durch  die  Entwicklung  der  Milch- 
säure sollte  es  erklärt  werden,  dass  der  Harn  nach  Ab- 
scheidung der  Harnsäure  noch  saurer  reagire  als  zuvor; 
und  dass  wirklich  durch  Gährung  diese  Säure  entstehe, 
konnte  dadurch  bewiesen  werden,  dass  der  gekochte  oder 
mit  Alcohol  vermischte  Harn  das  Sedim.  later,  nicht  oder 
in  weit  geringerer  Menge  und  nach  längerer  Zeit  fallen  lasse. 
Dies  lehrt  ein  Versuch,  den  Prof.  Scherer  umständlich  be- 
schreibt, auf  den  ich  später  noch  einmal  zurückkommen  muss. 

Nun  zeigte  Liebig  in  seiner  Abhandlung  über  die  Con- 
stitution des  Harns  des  Menschen  und  der  fleischfressenden 
Thiere  (Annalen  der  Chemie  u.  Pharmac.  XL  S.  161),  dass 
der  frische  Harn  gesunder  Individuen  keine  Milchsäure  ent- 
halte und  dass  dieselbe  auch  vom  thierischen  Organismus 
gar  nicht  gebildet  werde;  ebenso  dass  bei  der  säuern  Gäh- 
rung des  Harns  jene  Säure  nicht  entstehe,  sondern  Essig- 
säure. Von  der  Milchsäure  könne  daher  die  saure  Rcaction 
des  Harns  nicht  herrühren,  wie  man  früher  angenommen 


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hatte.  — Dagegen  fand  Liebig,  dass  eine  Lösung  des  drei- 
basisch phosphorsauern  Natrons,  die  alkalisch  reagirt,  durch 
Harn-  und  Hippursäure  bei  höherer  Temperatur  sauer  wird, 
indem  nämiieh  diese  beiden  Säuren  sich  lösen  und  einen 
Theil  Yon  der  Basis  jenes  Salzes  an  sich  reissen.  So  bil- 
dete sich  saures  phosphorsaures  Natron,  das  im  Verein  mit 
jenen  beiden  Säuren  die  saure  Reaction  jener  Mischung 
bedingt.  Erkaltet  die  Lösung  bis  37°  C.,  so  entsteht  noch 
kein  Sediment;  ja  dieses  bildet  sich  erst  einige  Stunden 
nach  der  vollständigen  Abkühlung  und  besteht  aus  krystal- 
lisirtem  harnsauern  Natron.  Denn  da  das  phosphorsaure 
Natron  bei  37°  mehr  Harnsäure  gelöst  erhalten  kann,  als 
bei  •+•  15°,  so  soll  dies  der  einfache  Grund  sein,  dass 
bei  letztrer  Temperatur  harnsaures  Natron  oder  Harnsäure 
zu  Boden  fällt.  Bildet  ein  saurer,  Harnsäure  haltiger  Harn 
beim  Erkalten  keinen  Bodensatz,  so  soll  dies  beweisen,  dass 
die  Mengenverhältnisse  zwischen  der  Phosphor-  und  Harn- 
säure von  der  Art  sind,  dass  sie  bezüglich  ihrer  Verwandt- 
schaft zum  Natron  einander  das  Gleichgewicht  halten.  So- 
wohl eine  Zunahme  der  Harnsäure  wie  der  Phosphorsäure 
bedingt  dagegen  die  Bildung  eines  harnsauern  Sediments; 
denn  im  erstem  Falle  bewirkt  dies  das  Erkalten  des  Harns, 
im  zweiten  die  Verwandtschaft  der  Phosphorsäure  zum  Na- 
tron, welche  die  der  Harnsäure  übertriiTt. 

Wo  der  Harnsäure  durch  Bildung  andrer  Säuren  im 
Organismus  die  Basis  (Kali,  Natron  u.  s.  w.)  entzogen  wird, 
muss  sie  in  grösserer  Menge  präcipitirt  werden,  woher  es 
auch  kommt,  dass  solcher  Harn  durch  Zuguss  von  Säuren  ge- 
trübt wird. 

lhmtz,  der  dies  liebig  sehe  Apergu  annimmt  und  wei- 
ter verfolgt,  schliesst,  dass  die  aus  den  harnsauern  Salzen 
bestehenden  Sedimente  sich  da  bilden,  wo  das  Natron  mit 
mehr  als  zwei  und  weniger  als  drei  Atomen  Phosphorsäure 
verbunden  ist.  Die  saure  Reaction  dieses  Harns  soll  durch 
die  Harnsäure  erklärt  werden,  die  durch  das  phosphorsaure 
Natron  gelöst  ist. 

Wo  sich  ein  Sediment  aus  krystallisirter  Harnsäure 


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bildet,  da  soll  der  Ham  sehr  viel  saures  phosphorsaures 
Natron  enthalten,  vorausgesetzt,  dass  auch  viel  Harnsäure 
da  ist.  Je  weniger  sauer  der  Harn  sei,  um  so  mehr  Basis 
wird  die  sich  abscheidende  Säure  enthalten,  bis  endlich  bei 
dem  Verhültniss  von  2 Atom  Basis  auf  1 Atom  Phosphor- 
säure das  Sediment  bei  Beibehaltung  der  Krystallisation  am 
meisten  von  den  Basen  enthält. 

Es  ist  meiner  Meinung  nach  die  Frage  über  die  Ent- 
stehung der  harasauern  Sedimente  von  den  genannten  Che- 
mikern auf  eine  Weise  entschieden  worden,  die  wir  in  ei- 
ner sich  exact  nennenden  Wissenschaft  nicht  dulden  dürfen. 
Lässt  sich  die  Chemie  selber  dergleichen  Insinuationen  ge- 
fallen, so  geschieht  dies  häufig  vor  der  Hand  aus  der  Ue- 
berzeugung,  dass  die  Wahrheit  doch  über  lang  oder  kurz 
an  den  Tag  kommen  werde;  in  der  Medicin  jedoch,  in  der 
der  Autoritätenglaube  so  sehr  überhand  hat  und  in  der  sich 
Irrthümer  nur  zu  leicht  festsetzen,  muss  mit  der  grössten 
Sorgfalt  Alles  untersucht  werden,  was  man  von  aussen  her 
in  sie  hinein  zu  schmuggeln  versucht.  Leider  fehlt  es 
hier,  wie  die  jüngsten  Ereignisse  im  Reiche  der  organi- 
schen Chemie  beweisen,  nur  zu  sehr  an  den  nöthigen  Thor- 
wächtem. 

Aus  einigen  Experimenten,  denen  noch  dazu  Bedin- 
gungen zu  Grunde  liegen,  die  sich  im  Orgauismus  vielleicht 
nicht  vorfinden,  auf  die  ursächlichen  Verhältnisse  gewisser 
Erscheinungen  und  Vorgänge  zu  schliessen,  hat  immer  sein 
sehr  Missliches.  Eine  exacte  Wissenschaft  kann  zwar  die- 
ses Verfahren  im  Allgemeinen  nicht  entbehren,  aber  die 
Hauptaufgabe  muss  für  sie  immer  die  sein,  das  Corpu»  de- 
licti selbst  zu  untersuchen. 

Wenn  Liebig  in  dem  normalen  Harn  keine  Milchsäure 
gefunden  hat,  so  erkennen  wir  diese  negative  Thatsache 
um  so  mehr  mit  Dank  an,  als  vielen  auf  die  Bildung  jener 
Säure  gestützten  Theorien  damit  der  Garaus  gemacht  wurde. 
Allein  es  muss  jedenfalls  noch  untersucht  werden,  ob  die- 
selbe auch  in  dem  Harne  der  Kranken  fehlt,  und  ob  hier 
wie  im  normalen  Ham  nicht  Bedingungen  gegeben  sind,  die 


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ihre  oder  einer  andern  Säure  Entwicklung,  sei  es  in  der 
Harnblase  oder  ausserhalb  des  Körpers,  schnell  bewirken. 

Wenn  cs  auch  seine  vollkommne  Richtigkeit  haben  mag, 
dass  die  Harnsäure  das  dreibasisch  phosphorsaurc  Natron 
bei  höherer  Temperatur  zerlegt,  so  dass  sich  harnsaures 
Natron  und  saures  phosphorsaures  Natron  bildet,  so  ist  es 
doch  sehr  die  Frage,  ob  diese  Thalsache  auch  für  den 
normalen  Harn  ihre  Gültigkeit  hat,  ob  sic  die  Consequenzen 
zulässt,  die  Liebig  u.  A.  daraus  gefolgert  haben. 

Einmal  kann  es  ja  sehr  wohl  sein,  dass  alle  Harnsäure 
bei  ihrer  Entstehung  im  Organismus  sogleich  so  viel  Alkali 
vorlindet,  dass  sie  ein  Salz  damit  bildet,  und  dass  dies  ge- 
schehn  könne,  lehren  die  Sedim.  later.,  die  aus  harnsauern 
Salzen  bestehn,  sowohl  bei  Kranken,  wie  bei  Gesunden. 
Ebenso  wahrscheinlich  ist  es  auch,  dass  die  Phosphorsäure 
so  viel  Natron  vorlindet,  dass  sich  dreibasisches  Salz  bildet. 
Haben  wir  also  im  Harn  bloss  harnsaure  Salze  und  drei- 
basisch phosphorsaures  Natron,  so  muss  die  saure  Reaction 
desselben  anders  erklärt  werden,  als  Liebig  cs  gethan  hat. 

Enthielte  der  Harn  bei  seiner  Abscheidung  in  den 
Nieren  nur  saures  phosphorsaures  Natron  und  harnsaure 
Salze,  so  würden  sich  diese  so  lange  zerlegen,  als  noch 
Phosphorsäure  übrig  ist;  es  würde  freie  Harnsäure  sich  im 
Harn  vorfinden,  die  dem  Harn  allerdings  die  saure  Rcac- 
tion  verleihen  kann,  aber  nicht  mehr  das  saure  phosphor- 
saure  Natron,  denn  dieses  ist  in  basisch  phosphorsaures 
umgeändert  worden. 

Bringt  man  nämlich  in  eine  Lösung  der  harnsauern 
Salze  saures  phosphorsaures  Natron,  so  werden  dieselben 
zerlegt  und  Harnsäure  wird  in  Krystallen  ausgeschieden. 
Bleibt  ein  Theil  davon  jedoch  in  Auflösung,  so  muss  da- 
durch eine  saure  Reaction  jener  Mischung  entstehn.  Die 
Menge  der  gelösten  Harnsäure  würde  sich  nach  dem  Was- 
sergehalt richten  und  nach  der  Menge  der  harnsauern 
Salze  und  des  säuern  phosphorsauern  Natrons.  Da  es  nun 
Fälle  geben  kann,  wo  ein  Fieberharn  nur  sehr  wenig  sau- 
res phosphorsaures  Natron  enthält,  so  könnte  auch  die 


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Menge  der  gelösten  Harnsäure  nur  so  gering  sein,  dass 
dadurch  die  stark  saure  Reaction  desselben  nicht  erklärt 
werden  kann.  — Dass  nun  aber  von  den  Nieren  saures 
phosphorsaures  Natron  abgeschieden  wird,  das  kann  fast 
mit  positiver  Sicherheit  in  Abrede  gestellt  werden,  weil  der 
Mensch  mit  der  Nahrung  nur  dreibasisch  phosphorsaures 
Natron  erhält  und  die  beim  Stoffwechsel  gebildete  Phos- 
phorsäure andre  Alkalien  genug  vorfindet. 

Selbst  zwischen  dem  dreibasisch  phosphorsauern  Na- 
tron und  den  harnsauern  Salzen  findet  eine  chemische  Um- 
setzung Statt.  Löst  man  z.  B.  in  dem  harnsauern  Ammo- 
niak u.  s.  w.  jenes  Salz,  so  lagert  sich  sehr  bald  ein  Bo- 
densatz ab,  der  aus  in  Bändeln  vereinigten  Spiesschcn 
besteht.  Diese  Krystalle  sind  harnsaures  Natron.  Es  muss 
also  so  viel  Basis  von  phosphorsauerm  Natron  abtreten,  dass 
dieses  noch  nicht  saures  phosphorsnurcs  Natron  wurde, 
denn  sonst  hätten  sich  Hamsäure-Krystalle  gebildet.  Man 
kann  hieraus  folgern,  dass  auch  in  dem  Harn  selbst  ein 
gleicher  chemischer  Process  erfolgt;  ein  Theil  der  harn- 
sauern Salze  wird  zerlegt,  indem  die  Phosphorsäure  in  ihre 
Basis  tritt  und  die  Harnsäure  an  das  Natron. 

Nur  in  dem  einen  einzigen  möglichen  Falle,  den  das 
Liebt g' sehe  Experiment  vor  Augen  hat,  kann  die  saure  Re- 
action des  Harns  durch  das  saure  phosphorsaure  Natron  er- 
klärt werden,  nämlich  wenn  die  Harnsäure  auch  als  solche 
in  den  Nieren  erst  gebildet  und  abgeschieden  wird.  Dann 
müsste  sie  das  dreibasisch  phosphorsaure  Natron  zerlegen. 
Jedoch  kann  man  fragen,  geschieht  dies  bei  der  dem  Or- 
ganismus eignen  Temperatur  von  30°  R.?  Und  muss  sich 
denn  jedesmal  saures  phosphorsaures  Natron  bilden?  Es 
ist  doch  die  (Juantilät  Harnsäure  in  1000  Gr.  normalen 
Harns  so  gering,  dass  man  annnehmen  darf,  das  dreiba- 
sisch phosphorsaurc  Natron  werde  nur  in  zweibasisches 
zerlegt! 

Als  Liebig  den  oben  angeführten  Versuch  anstellte,  wo 
er  in  1 Pfd.  Wasser  30  Gr.  dreibasisch  phosphorsaures 
Natron,  15  Gr.  Harnsäure  und  15  Gr.  Hippursäure  löste, 


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halle  er  beweisen  müssen,  dass  diese  Sänren  soviel  Natron 
gebunden  hielten,  dass  die  saure  Reaction  der  Flüssigkeit 
jetzt  auch  durch  das  gebildete  phosphorsaure  Natron  er- 
klärt werden  konnte.  Denn  bei  der  Kochhitze  mussten  jene 
Säuren  gelöst  sein  und  sie  konnten  allein  die  saure  Reac- 
tion bewirken.  Dass  sich  kein  saures  phosphorsaures  Na- 
tron dabei  bildete,  schliesse  ich  daraus,  dass  sich  beim  Er- 
kalten jener  Mischung  auch  harnsaures  Natron  absetzto. 
Dies  durfte  nicht  geschehn,  wie  die  Versuche  mit  dem  säuern 
phosphorsauern  Natron  und  den  harnsauern  Salzen  gezeigt 
haben.  Die  Phosphorsäure  treibt  die  Harnsäure  stets  aus 
und  es  bildet  sich  ein  basisches  Salz.  — Es  wurde  bei 
jenem  Liebig' sehen  Experimente  gewiss  nur  soviel  Natron 
dem  dreibasischen  Salze  entzogen,  dass  es  entweder  zwei- 
basisches wurde  oder  eine  solche  Sättigungsstufe  des  Al- 
kali entstand,  die  sich  zwischen  jener  und  dieser  hielt. 

Man  sieht,  dass  man  zwar  mit  Hülfe  des  Liebig’ sehen 
Apergu’s  die  Mittel  in  Händen  hat,  die  saure  Reaction  des 
Harns  und  die  Abscheidung  von  Harnsäure  - Krystallen  zu 
erklären,  dass  dazu  aber  eine  Reihe  von  Bedingungen  nö- 
thig  ist,  die  sich  sicherlich  nicht  im  Organismus  vorfinden. 
Entweder  müssen  die  Chemiker  nämlich  nachweisen,  dass 
die  Harnsäure  als  solche  und  in  so  grosser  Menge  in  den 
Nieren  zu  dem  Harn  kommt,  dass  das  dreibasisch  phos- 
phorsaure Natron  in  saures  phosphorsaures  Natron  umge- 
ändert wird  und  dass  dies  bei  30  bis  33°  R.  geschieht, 
oder  sie  müssen  beweisen,  dass  die  Nieren  harnsaure  Salze 
und  saures  phosphorsaures  Natron  in  solcher  Menge  ab- 
scheiden, dass  die  im  Harn  gelöste  Harnsäure  jetzt  die 
saure  Reaction  erklärt. 

Beide  Chancen  halte  ich  erstens  nicht  für  real  und 
zweitens  können  sie  auch  nicht  exact  als  real  nachgewie- 
sen werden,  falls  sie  es  wirklich  wären.  Daher  müssen 
wir  uns  nach  andern  Gründen  umsehn,  die  einmal  die  saure 
Reaction  des  Harns  wie  die  Abscheidung  der  Harnsäure  in 
Krystallen  darthun. 

Wollten  die  Chemiker  wirklich  die  Ursachen  ergriin- 


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den,  weshalb  ein  Harn  scdimentirt  oder  nicht,  so  hätten 
sie  diesen  selbst  genau  chemisch  untersuchen  müssen,  und 
-zwar  zweimal.  Zuerst  nämlich  sogleich,  nachdem  er  ge- 
lassen worden  ist  und  sodann,  wenn  er  anfängt,  sich  ju- 
mentös  zu  trüben.  Der  Zeitraum  zwischen  beiden  Punkten 
ist  zuweilen  beträchtlich  lang  und  es  kann  sich  darin  so- 
wohl die  Constitution  des  Harns  wie  die  Temperatur  der 
Luft  ändern.  Um  die  Entstehung  der  Harnsäure-Krystalle 
aus  den  Sedim.  later,  zu  erkennen,  müssten  die  Chemiker 
auch  noch  den  Harn  um  die  Zeit  rmtersuchen,  wo  sich  die 
ersten  Harnsäure-Krystalle  zeigen. 

Die  Gründe,  weshalb  der  Harn  in  Krankheiten  ein  Se- 
diment von  amorphen  harnsauern  Salzen  absetzt,  sind,  so- 
weit meine  Untersuchungen  reichen,  rein  physicalischer 
Natur.  Denn  wenn  auch  saturirter  Harn,  zu  dem  man  ge- 
ringe Mengen  einer  Säure  zusetzt,  das  Sedim.  later,  sehr 
bald  fallen  lässt,  so  ist  der  Nachweis,  dass  in  dem  freiwil- 
lig sedimentirenden  Harne  sich  eine  Säure  entwickelt,  ge- 
wiss so  schwierig,  dass  wir  auf  denselben  vor  der  Hand 
verzichten  können,  da  die  übrigen  Gründe  für  die  Erklä- 
rung der  in  Rede  stehenden  Erscheinung  vollkommen  aus- 
reichen. 

Ich  habe  schon  früher  gezeigt,  dass  saturirter  Fie- 
berharn, der  bei  der  Temperatur  der  Stubenluft  nicht  sedi- 
mentirt,  sehr  bald  ein  Sedim.  later,  fallen  lässt,  wenn  man 
ihn  der  Kälte  aussetzt.  Auch  der  saturirte  Morgenharn 
gesunder  Individuen  thut  dies  und  man  darf  annehmen,  dass 
die  harnsauern  Salze  deshalb  zu  Boden  fallen,  weil  das 
Wasser  des  Harns  nicht  mehr  hinreicht,  sie  gelöst  zu  er- 
halten. Dies  sehn  wir  bei  vielen  andern  Salzlösungen.  An 
die  Bildung  einer  Säure  können  wir  in  letzterm  Falle  um 
so  weniger  denken,  weil  die  niedrige  Temperatur  den  dazu 
nöthigen  chemischen  Process  nicht  aufkommen  lassen  möchte. 
Wie  es  zu  erklären  sei,  dass  auf  Zusatz  geringer  Mengen 
Säure  zu  solchem  saturirten  Morgenharne,  der  in  einer 
Temperatur  von  -f-’  10°  sich  nicht  von  selbst  und  auch  nicht 
durch  grosse  Mengen  Säure  trübt,  bei  einer  Temperatur 


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von  circa  + 3°  R.  das  Sedim.  later,  schneller  entsteht,  als 
in  dem  nicht  angesäuerten,  das  weiss  ich  nicht.  Das  dort 
gebildete  Sediment  besteht  auch  zum  grössten  Theil  aus 
harnsaucrn  Salzen,  denen  einige  Harnsäure-Krystalic  bei- 
gemengt sind.  Möglich,  dass  der  chemische  Process,  den 
die  zugesetzte  Säure  in  dem  Harn  hervorruft,  und  die  Ab- 
schcidung  der  Harnsäure-Krystallo  auch  das  schnellere  Aus- 
scheiden der  harnsauern  Salze  bewirkt.  Dergleichen  Pro- 
cesse  beobachtet  die  anorganische  Chemie  sehr  oft. 

(Schluss  folgt.) 


Kritischer  Anzeiger 

neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Speciefle  Beschreibung  der  Heilquellen,  Mineralbäder  und 
Molkencur-Anstalten  des  Königreichs  Bayern. 
Mit  neun  lith.  Ansichten  und  einem  Stahlstiche.  Heraus- 
gegeben von  Dr.  Vincent  Müller.  Zweite  vermehrte  u, 
verbesserte  Auflage.  Augsburg  1847.  VIII  u.  544  S.  8. 

(Sage:  sechs  und  achtzig  Heilquellen  bloss  im  König- 
reich Bayern!  Und  wenn  man  nun  die  Tugenden  jeder  ein- 
zelnen geschildert  liest,  sollte  man  wirklich  nicht  begreifen, 
wie  noch  ein  einziger  Kranker  ungeheilt  bleiben  kann,  da 
das  liebe  übrige  Vaterland  doch  auch  noch  viele  Hunderte 
von  Heilquellen  aufzuweisen  hat!  Gleichviel,  man  ist  ge- 
wohnt, von  den  Brunnenlobeserhebungen  sein  gutes  Theil 
abzuziehn,  und  dann  bleibt  noch  ein  schätzbarer  Rest,  wenn 
die  Mittel  nur  genau  gekannt  und  richtig  angewandt  wer- 
den. Für  die  Duellen  in  seinem  Vaterlande  liefert  Hr.  M. 
hierzu  einen  ganz  lobenswerthen  Beitrag,  der  sich  durch 
Kürze  und  Vollständigkeit  empfiehlt.  Die  berühmtem  wie 
Kissingen,  Kreuth,  Adelheidsquclle  u.  s.  w.  sind  ausführlicher 
behandelt,  und  überall  Notizen,  die  für  das  Leben  der  Brun- 
nengäste  wichtig,  also  auch  dem  Arzte,  der  sie  nach  den 
Bädern  dirigirt,  interessant  sind,  ausser  den  medicinischen, 
chemischen,  naturhistorischen  u.  s.  w.  in  reichem  Maasse 
beigefügt.) 

(jedruckt  bei  J.  Pelsoh. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesainmte 

BEEIL  KUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  IJ  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  i=>l  auf  3J  Tlilr.  bestimmt,  wofür  sämmllichc  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hir ichwald. 

^ J\o  16.  Berlin,  den  lblen  April  1848. 

Die  Entstehung  der  harnsauern  Sedimente.  Vom  Oberarzt  Dr.  Zim- 
mermann. (Schluss.)  — Vermischtes.  (Entzündung  der  Schild-'*' 

drüse.  — Opium  bei  Hirnentzündung  und  bei  Geisteskrankheiten. » 

■^Mittel  gegen  den  Schreibekrampf.) 

Ucbcr  die  Entstehung  der  harnsauern  Sedimente 
und  ihre  Bedeutung  für  die  Lehre  von  den 
Crisen. 

Mitgeth  eilt 

vom  Dr.  Q.  Zimmermann , Oberarzt  im  2.  Garde-Regimente 

in  Berlin. 

(Schluss.) 


Je  mehr  harnsaure  Salze  nun  ein  Harn  enthält,  je  mehr 
andre  feste  Bestandtheile  er  besitzt,  und  somit  je  weniger 
Wasser,  um  so  leichter  muss  er  bei  einer  Abkühlung  von 
30°  R.  auf  + 15°  u.  s.  w.  ein  Sedim.  later,  fallen  lassen. 
Wo  ich  bis  jetzt  den  Harn  freiwillig  sedimentirend  fand, 
hatte  er  ein  specifisches  Gewicht,  das  bis  1032,0  herauf- 
ging und  nicht  unter  1015,8  sank.  Die  Harnsäuremengen, 
welche  durch  Add.  muriat.  aus  1000  Gr.  solchen  Harns 
von  mir  erhalten  wurden,  hielten  sich  zwischen  0,533  und 
1,760  Gr.  — Die  Zeit,  in  welcher  das  Sedimentiren  er- 
folgt, ist  verschieden:  sie  richtet  sich  sowohl  nach  dem 
Jahrgang  1848.  10 


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242 


Wassergehalt,  als  nach  der  Temperatur  und  den  Quantitäten 
an  harnsauern  Salzen. 

Zu  untersuchen  wäre  jedoch  noch,  ob  der  Harn,  wel- 
cher in  Folge  der  Abkühlung  sedimentirt,  dies  nicht  tiiut, 
wenn  man  ihn  einer  Temperatur  von  30°  fortdauernd  aus- 
setzt, und  ob  dasselbe  geschieht,  wenn  man  seinen  Was- 
sergehalt vermehrt. 

Denselben  Erfolg,  den  die  Abkühlung  hat,  übt  auch 
Zusatz  von  Salzen  zu  dem  Harne  aus , indem  sie  Wasser 
zu  ihrer  Auflösung  in  Anspruch  nehmen.  Manchen  Harn, 
der  bei  einer  Temperatur  von  + 15°  nicht  sedimenlirte, 
konnte  ich,  wie  die  nachfolgenden  Beispiele  beweisen  wer- 
den, ziun  Sedimentären  bringen. 

Ein  Pneumonicus  liess  vom  1.  zum  2.  Juni  17500  Gr. 
Harn.  Derselbe  war  klar,  sauer  und  sehr  saturirt.  Spec. 
Gewicht  = 1018,0  und  in  1000  Gr.  42,1  Gr.  feste  Sub- 
stanz. Durch  Add.  muriat.  wurde  er  stark  getrübt;  bei 
+ 15°  sedimentirle  er  aber  nicht.  In  1000  Gr.  1,5  Gr. 
Harnsäure.  Ich  setzte  zu  1000  Gr.  dieses  Harns  so  viel 
Kochsalz,  dass  sein  spec.  Gewicht  = 1033,0  war.  Er  trübte 
sich  sehr  schnell  und  bildete  ein  Sedim.  later.  Dagegen 
thaten  dies  andre  1000  Gr.,  zu  denen  ich  so  viel  A 'alr. 
sulp/wr.  setzte,  dass  das  spec.  Gewicht  = 1048,0  war, 
nicht.  — Ebenso  wie  Kochsalz  verhielt  sich  der  Salpeter 
und  das  schwefelsaure  Kali;  sie  bewirkten  in  Dosen  von 
30  bis  40  Gr.  zu  an  Harnsäure  reichem,  von  selbst  nicht  se- 
dimentirendem  Harne  zugesetzt,  sehr  bald  ein  Scdim.  laler. 
Dagegen  konnte  ich  durch  Zusatz  von  soviel  schwefelsau- 
rem Natron  und  schwefelsaurer  Magnesia  zu  demselben 
Harn,  dass  ein  Theil  nicht  mehr  gelöst  wurde,  kein  Sedim. 
laler.  bewirken. 

Dies  führt  mich  darauf,  die  Frage  anzuregen,  ob  ge- 
wisse Salze  das  Sedimentiren  des  Harns  befördern  und 
andre  es  verhindern.  Denn  wiewohl  nur  beträchtlicher  Zu- 
satz jener  genannten  Salze  die  Entstehung  der  Sedim.  later. 
befördert,  so  wäre  doch  zu  untersuchen,  ob  nicht  andre 
in  geringer  Menge  sie  verhindern.  Man  trifft  nicht  seilen 


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243 


einen  Harn,  der  wegen  seines  Gehalls  an  harnsauern  Sal- 
zen und  an  Wasser  ein  Sedim.  later,  füllen  lassen  sollte, 
und  es  doch  nicht  that.  Folgender  Fall  soll  dies  beweisen. 

Der  Harn  eines  Wechselfieberkranken  vom  3.  zum  4. 
Juni  betrug  8000  Gr.  Er  war  sehr  dunkelbraun,  klar  und 
sauer.  Spec.  Gew.  = 1025,0;  in  1000  Gr.  05,2  Gr.  feste 
Substanz;  1,50  Gr.  Harnsäure,  1,70  Gr.  Chlor  - Natrium. 
1000  Gr.  lieferten  ferner  12,2  Gr.  schwefelsauorn  und  5,0 
Gr.  phosphorsauern  Baryt.  Dieser  Ham  wurde  durch  Jcid. 
nur.  getrübt  und  bildete  in  8 Stunden  ein  Sedim.  later. 

Der  Harn  vom  8.  zum  0.  Juni  betrug  7000  Gr.  Er 
war  ebenfalls  sehr  saturirl,  sauer  und  klar.  Spec.  Gewicht 
= 1022,0  und  in  1000  Gr.  58,8  Gr.  feste  Substanz,  1,0  Gr. 
Harnsäure  und  2,4  Gr.  Chlor-Natrium.  1000  Gr.  lieferten 
ferner  10,4  Gr.  schwefelsauern  und  2,03  Gr.  phosphorsau- 
ern Baryt. 

Wiewohl  dieser  Harn  0,4  Gr.  Harnsäure  mehr  lieferte 
als  jener  und  somit  gewiss  1 Gr.  mehr  harnsaure  Salze 
enthielt,  sedimentirte  er  in  der  Stube  doch  nicht.  Dies  ist 
um  so  auffallender,  weil  er  nur  2,03  Gr.  phosphorsauern 
Baryt  lieferte,  also  2,07  Gr.  weniger  als  jener.  — Denje- 
nigen, die  da  meinen,  dass  der  grössere  Wassergehalt  die- 
ses Harns  die  Ursache  gewesen  6ei,  weshalb  er  nicht  se- 
dimentirte, setze  ich  die  Analyse  des  Harns  her,  den  der- 
selbe Kranke  vom  6.  zum  7>  liess.  Die  Totalquantitöt  be- 
trug @000  Gr.  Er  war  dunkelbraun,  klar,  sauer.  Spec. 
Gewicht  nur  1018,7  und  in  1000  Gr.  48,0  Gr.  feste  Sub- 
stanz, 1,1  Gr.  Harnsäure  und  1,0  Chlor-Natrium.  1000  Gr. 
lieferten  7,33  Gr.  schwefelsauern  und  2,1  Gr.  phosphor- 
sauern Baryt. 

Dieser  Harn  sedimentirte  von  selbst!  Wenn  auch  in 
beiden  Fällen  in  der  Temperatur  eine  Verschiedenheit  von 
einigen  Graden  Statt  hatte,  so  lehrt  doch  folgendes  Bei- 
spiel, dass  sie  nicht  von  so  grossem  Einflüsse  auf  das  in 
Rede  stehende  Phänomen  sein  kann. 

In  derselben  Stube,  wo  der  zuletzt  erwähnte  Harn  se- 
dimentirte, stand  der  eines  Pneumonicus.  Dieser  halte  ein 

10* 


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specifisches  Gewicht  von  1026,5  und  in  1000  Gr.  befanden 
sich  74,4  feste  Substanz.  Durch  Add.  mur.  wurde  er  stark 
getrübt;  1000  Gr.  lieferten  1,0  Gr.  Harnsäure,  6,13  Gr. 
schwefelsauern  und  1,13  Gr.  phosphorsauern  Baryt. 

Von  diesem  Harn  hätte  man  doch  eher  erwarten  sol- 
len, dass  er  sedimenliren  würde,  als  von  jenem,  wiewohl 
cs  auch  dort  ganz  in  der  Ordnung  war,  wenn  die  3 oben 
angeführten  Gründe  ausreichend  sind. 

Da  sich  die  harnsauern  Salze  in  Bezug  auf  ihre  Auf- 
löslichkeit im  Wasser  verschieden  verhallen,  so  ist  zuerst 
daran  zu  denken,  ob  in  letztem  Falle  der  Harn  lauter 
solche  harnsaure  Salze  enthielt,  die  nur  wenig  Wasser  zu 
ihrer  Auflösung  bedurften.  Dies  muss  in  vorkommenden 
Fällen  noch  untersucht  werden. 

Endlich  wäre  auch  noch  daran  zu  denken,  ob  nicht 
zuweilen  in  dem  Moment,  wo  der  Ham  die  Temperatur 
von  15  bis  -+■  10°  erreicht,  eine  Austauschung  der  Ba- 
sen und  Säuren  zwischen  den  harnsauern  und  den  übrigen 
Salzen  Statt  hat,  wodurch  nun  die  Ausscheidung  der  ers- 
tem erfolgt.  Wie  sich  z.  B.  eine  Mischung  von  Chlor- 
Natrium  und  schwefelsaurer  Magnesia  bei  0°  R.  so  zerlegt, 
dass  sich  schwcfelsaures  Natron  und  Chlor-Magnesium  bil- 
det, und  ersteres  herauskrystallisirt,  so  wäre  etwas  Aehn- 
liches  auch  im  Harne  vorauszusetzen. 

Sollte  die  Entwicklung  einer  Säure  im  Harne  auch  noch 
zu  dem  Sedimenliren  der  amorphen  harnsauern  Salze  bei- 
tragen, so  muss  untersucht  werden,  wodurch  sie  in  man- 
chen Hamsorten  sehr  verhindert  und  in  manchen  sehr  be- 
schleunigt wird. 

Da  der  normale  Harn,  der  in  24  Stunden  gelassen 
wird,  weder  so  wenig  Wasser  in  1000  Gr.  enthält,  noch 
auf  Zusatz  von  Salzsäure  so  viel  Harnsäure  abscheidet,  wie 
der  freiwillig  sedimentirende  Fieberharn,  so  sind  wir  vor- 
läufig vollkommen  berechtigt,  diese  quantitativen  Differenzen 
als  Grund  der  Sediment-Bildung  anzusehn.  Wo  sie  unter 
diesen  Umständen  nicht  erfolgt,  müssen  wir  die  Ursachen 
erforschen,  welche  sie  verhinderten. 


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245 


Sollten  die  Chemiker  im  Stande  sein,  auch  noch  qua- 
litativ - chemische  Gründe  für  die  Erscheinung  der  Sedim. 
laltr.  aufzufinden,  so  würde  dies,  ausser  jenen  quantitati- 
ven, noch  mehr  beweisen,  wie  sehr  der  Harn  bei  acuten 
und  chronischen  Kranken  normal  sein  kann. 

3.  Ich  gelange  jetzt  zu  der  speciellen  Besprechung 
derjenigen  Sedimente,  die  aus  der  krystallisirten  Harnsäure 
bestehn. 

Nehmen  wir  mit  Liebig  an,  dass  die  Eiweisskörper  bei 
ihrer  durch  die  Function  angeregten  und  den  Sauerstoff 
der  Luft  unterhaltenen  regressiven  Metamorphose  zuerst 
in  harnsaures  Ammoniak  und  Choleinsätire  zerfallen  und 
dass  bei  nicht  gehöriger  Oxydation  ein  Theil  des  erstem 
nicht  in  Harnstoff  und  Kohlensäure  umgewandelt  wird,  so 
müssen  wir  zugeben,  dass  das  Blut  die  Harnsäure  an  Am- 
moniak gebunden  empfangt.  Ob  auch  hier,  wie  ausserhalb 
des  Organismus,  zwischen  jenem  Salze  und  dem  dreibasisch 
phosphorsauern  Natron  ein  Wechselaustausch  der  Basen  und 
Säuren  Statt  hat,  ist  wohl  zu  erwarten]  befindet  sich  im 
Blute  kohlensaures  Natron,  so  möchte  dieses  durch  das 
harnsaure  Ammoniak  zerlegt  werden,  wie  auch  noch  andre 
Salze,  die  Kali,  Kalkerde  und  Magnesia  zur  Basis  haben. 

Unter  allen  Umständen  sehn  wir,  muss  die  Harnsäure 
an  Basen  gebunden  von  den  Nieren  abgesondert  werden, 
wenigstens  muss  sie  als  harnsaures  Ammoniak  erscheinen; 
und  nur  in  dem  Falle,  dass  sich  im  Organismus  sehr  grosse 
Quantitäten  andrer  stärkrer  Säuren  bilden,  kann  sie  dieses 
Alkali’s  beraubt  werden. 

Es  kann  daher  nur  eine  ganz  genaue,  bis  in’s  kleinste 
Detail  gehende  chemische  Analyse  des  Harns  entscheiden, 
ob  sich  in  demselben,  so  wie  er  gelassen  wurde,  ein  Theil 
der  Harnsäure  frei  befand,  oder  ob  sie  ganz  an  Alkalien 
gebunden  war.  In  jenem  Falle  könnte  ihr  Herauskrystal- 
lisiren  entweder  aus  der  Abkühlung  erklärt  werden,  oder 
falls  die  Analyse  auch  noch  die  Anwesenheit  einer  andern 
starkem  Säure  ergab,  durch  deren,  die  Ausscheidung  der 
Harnsäure  befördernde  Eigenschaft. 


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246 


Zeigt  die  Analyse  jedoch,  dass  der  Harn  eben  nach 
dem  Lassen  keine  freie  Säure  und  nur  harnsaure  Salze 
enthielt,  so  kann  das  darauf  erfolgende  Sedimcntiren  der 
Harnsäure  nur  durch  das  Auftreten  einer  neuen  Säure  er- 
klärt werden.  Dasselbe  ist  der  Fall,  wenn  sich  das  Sedi- 
ment der  harnsauern  Salze  später  in  Harnsäurekrystalle  um- 
ändert. — Die  sich  entwickelnde  Säure  ist  entweder  Essig- 
säure oder  Oxalsäure. 

Dafür  dass  sich  durch  eine  Art  Gährungsprocess  diese 
Säuren  entwickeln,  sprechen  die  vom  Prof.  Scherer  in  den 
chemischen  und  mikroskopischen  Untersuchungen  aufge- 
führten  Gründe.  Höhere  Temperatur  beschleunigt  nämlich 
dieselbe,  während  Alcohol  und  Siedhitze  sie  entweder  auf- 
halten oder  vollkommen  unterdrücken.  Ein  Hnrn,  der 
harnsaure  Salze  abgesetzt  hat  und  zur  säuern  Gährung  dis— 
ponirt,  wird  um  so  eher  Harnsäure-Kryslalle  zeigen,  wenn 
er  in  einer  Temperatur  von  18®  bleibt,  als  wenn  er  einer 
Temperatur  von  -t-  5“  ausgesetzt  wird. 

Dafür,  dass  sich  Oxalsäure  aus  Harnsäurereichem  Harn 
entwickeln  kann,  sprechen  theoretische  wie  empirische 
Gründe  und  wo  sie  keine  freie  Basis  findet,  da  muss  sie 
die  harnsauern  Salze  zerlegen,  was  gewiss  mit  der  harn- 
sauern  Kalkerde  zuerst  geschieht.  — Ueberhaupt  können 
wir  wohl  annehmen,  dass  sich  im  Blute  nie  freie  Säuren 
oder  freie  Alkalien  befinden,  sondern  stets  Neutralsalze; 
dasselbe  können  wir  auch  vom  Harn  behaupten. 

Wie  die  Kochhitze  die  saure  Gährung  des  Harns  ver- 
hindert oder  verzögert,  so  lässt  sie  auch  die  Fäulniss  (Alka- 
lescenz)  desselben  längere  Zeit  nicht  aufkommen.  Ein  Harn, 
den  ich  gekocht  hatte,  blieb  sehr  lange  sauer  und  bildete 
Schimmelpilze  anf  der  Oberfläche,  während  der  ungekochte 
Harn  schnell  faulte  und  Vibrionen  zeigte. 

4.  Endlich  ist  mir  noch  übrig,  zu  erklären,  wodurch 
es  geschieht,  dass  Fieberharn  sehr  häufig  durch  Säuren 
getrübt  wird.  Diese  Trübung  entsteht  dadurch,  dass  die 
Harnsäure  aus  ihren  Verbindungen  Anfangs  in  amorpher 
Gestalt  abgeschieden  wird,  worauf  sie  sich  in  grossen,  ge- 


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247 


färbten  Krystallen  ablagert.  Liebig  bat  daher  Unrecht,  wenn 
er  meint,  dass  grösserer  Reichthum  an  freier  Harnsäure 
jenes  Phänomen  bewirke. 

Wo  ein  Harn  dasselbe  zeigte,  da  schied  Acid.  mur. 
aus  1000  Gr.  mindestens  0,4  Gr.  Harnsäure  ab.  Bei  sol- 
chem Harnsäuregehalte  ist  die  Trübung  nur  schwach;  wo 
der  Harn  durch  Acid.  0,8  und  darüber  abscheidet,  da  ist 
sie  sehr  stark.  Wenn  concentrirte  Lösungen  der  harnsau- 
ern  Salze  mit  Säuren  vermischt  werden,  entsteht  immer 
erst  diese  jumentöse  Trübung. 

Wo  daher  bei  einem  Harnsäuregehalte  von  mehr  als 
0,4  Gr.  auf  Zuguss  von  Acid.  mur.  keine  Trübung  entsteht, 
was  nicht  seiten  vorkommt,  da  muss  durch  irgend  welche 
Umstände  anfängliche  Ausscheidung  der  Harnsäure  in  amor- 
pher Gestalt  verhindert  werden. 

Wo  der  Harn  ein  Sedim.  laier.  freiwillig  absetzt,  da 
wird  er  stets  durch  Acid.  mur.  getrübt. 


Wenn  nun  das  Erscheinen  der  amorphen  Sedim.  later. 
auf  quantitativen  Verhältnissen  beruht,  so  ist  klar,  dass  es 
für  den  Krankheitsverlauf  ohne  wesentliche  Bedeutung  ist; 
denn  ein  Harn,  in  dem  dieselbe  Menge  von  harnsauern 
Salzen  in  einer  grossem  Menge  Wasser  gelöst  ist,  so  dass 
er  nicht  sedimentiren  kann,  muss  für  den  pathischen  Pro- 
cess  ganz  denselben  Werth  haben.  Wenn  z.  B.  ein  Kran- 
ker in  24  Stunden  10000  Gr.  Harn  lässt,  der  20  Gr.  harn- 
saure Salze  enthält,  so  ist  dies  von  demselben  Einfluss,  als 
wenn  in  20000  Gr.  dieselbe  Quantität  gelöst  wäre.  Dort 
sedimentirt  sich  ein  Theil  derselben,  hier  nicht.  Darin  be- 
merken wir  jedoch  noch  eine  qualitative  Differenz,  wenn 
sich  das  amorphe  Sediment  später  in  Harnsäurekrystalle 
umsetzt  oder  wenn  sich  diese  gleich  von  vorn  herein  üb- 
scheiden. Geschieht  dies  durch  die  schnelle  Entwicklung 
einer  Säure,  was  im  normalen  Harne  nicht  so  leicht  vor- 
kommt, so  ist  dies  ein  Beweis,  dass  sich  durch  den  Krnnk- 
heitsprocess  abnorme  Stoffe  bildeten,  oder  dass  die  nor- 
malen sich  in  andern  quantitativen  Verhältnissen  darin  be- 


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248 


fanden.  — Wenn  die  acuten  Krankheitsprocesse  darauf  be- 
ruhn,  dass  das  Blut  in  einen  abnormen  Bewegungs-  und 
Bildungsprocess  geräth,  wodurch  Producte  entstehn,  mit 
deren  Ausscheidung  aus  dem  Organismus  die  Gesundheit 
zurückkehrt,  so  muss  man  alle  während  des  Krankheits- 
processes  Statt  habenden  Excretionen  als  solche  betrachten, 
die  die  Genesung  herbeiführen.  Wird  ein  Pockenkranker 
z.  B.  von  selbst  innerhalb  4 Wochen  gesund,  so  hat  er  den 
grössten  Theil  seines  Blutes  wie  auch  der  resorbirbaren 
Materien,  die  der  Organismus  entbehren  konnte,  verloren. 
Da  derselbe  während  der  Krankheit  fast  nur  von  Vegeta- 
bilien  gelebt  hat,  bei  deren  Genüsse  ein  Gesunder,  wie  die 
Versuche  von  Lehmann  zeigen,  die  ich  bestätigen  kann,  ei- 
nen sparsamen  und  an  integrirenden  Bestandtheilen  armen 
Harn  lässt,  so  kann  man  es  sich  nur  durch  den  gesteiger- 
ten Zersetzungsprocess  der  Blutbestandtheile  erklären,  wenn 
wir  den  Harn  eines  solchen  Kranken  sowohl  in  seiner  To- 
talquantität vermehrt  finden,  als  auch  in  seinen  exeremen- 
tiellen  Substanzen. 

Nur  eine  genaue  chemische  Analyse  des  Harns  von 
24  Stunden  zu  24  Stunden  oder  besser  noch  von  12  zu 
12  Stunden  während  der  ganzen  Krankheit  unter  Beach- 
tung der  Nahrungsmittel,  die  der  Kranke  zu  sich  nimmt, 
und  Schätzung  der  übrigen  Excretionen,  wird  lehren,  dass 
ein  fiebernder  Kranker  in  einer  gewissen  Zeit  nicht  weni- 
ger organische  Materien  in  die  excrementitiellen  Stoffe  über- 
führt, als  ein  Gesunder,  der  arbeitet  und  sich  gut  nährt. 
Dies  werde  ich  später  durch  Beispiele  belegen. 

Einen  sichern  Maassstab  für  die  Beurtheilung  der  ob- 
schwebenden Frage  würden  wir  est  dann  erhalten,  wenn 
wir  alle  Se-  und  Excretionen  eines  acuten  Kranken  quan- 
titativ bestimmen  könnten.  Es  dürfte  uns  jedoch  nur  ge- 
lingen, die  Lungen  - Exhalation,  die  Excremente  und  den 
Harn  approximativ  in  Rechnung  zu  stellen;  die  Quantität 
des  ausgeschiednen  Schweisses  würde  man  durch  Abzug 
jener  drei  Summen  von  dem  Gewichte  erhalten,  das  der 
Körper  während  der  Krankheit  eingebüsst  hat,  und  die 


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Nahrungsmittel  betrugen.  — In  Bezug  auf  den  Harn  stos- 
sen  wir  jedoch  auf  einige  Schwierigkeiten;  denn  das  ei- 
gentliche excrementitielle  Product,  der  Harnstoff,  ist  zu 
leicht  Zersetzungen  unterworfen  und  mittelst  der  Analyse 
nie  ganz  genau  zu  bestimmen.  Aehnliches  gilt  von  der 
Harnsäure  und  den  exlractiven  Materien,  den  Farbstoffen, 
und  es  wäre  gewiss  am  besten,  wenn  eine  leichte  Methode 
entdeckt  würde,  den  Stickstoff-  und  Kohlenstoffgehalt  des 
Harns  zu  berechnen. 

Vorläufig  dürfte  es  jedoch  ausreichen,  die  feste  Sub- 
stanz von  1000  Gr.  Harn  zu  bestimmen,  seine  Salze,  den 
Harnstoff  und  die  Harnsäure.  Durch  Abzug  der  Salze  er- 
fahren wir,  wie  viel  organische  Materien  in  der  festen 
Substanz  waren:  und  durch  Abzug  des  Harnstoffs  und  der 
Harnsäure  hiervon  wieder,  wieviel  die  Menge  der  übrigen 
organischen  Materien  betrug. 

Wenn  wir  den  Harn  während  einer  ganzen  Krankheit 
als  kritisch  betrachten,  so  wird  derjenige,  der  von  24 
Stunden  am  meisten  organische  Materien  liefert,  als  der 
kritischste  angesehn  werden  müssen.  Ob  er  sedimentirt 
oder  nicht,  das  ist  ganz  gleichgültig.  Als  einen  Maassslab 
für  die  stärkere  oder  schwächere  Zersetzung  der  Blutbc- 
standtheile  kann  man  auch  den  Gehalt  des  Harns  an  schwe- 
felsauern  Salzen  betrachten,  da  diese  nur  dem  Stoffumsatz 
ihr  Entstehn  verdanken,  wo  der  Kranke  keine  schwefel- 
sauern  Salze  erhielt.  — Der  Harnstoff  ist  eigentlich  der 
wesentliche  kritische  Stoff,  der  beim  Stoffwechsel  gebildet 
wird;  dann  kommt  die  Harnsäure. 

Wann  und  woraus  die  letztre  gebildet  wird,  das  ist 
eine  der  schwierigsten  Fragen  der  physiologischen  Chemie. 
Da  sie  ein  minder  oxydirter  Körper  ist  als  der  Harnstoff, 
und  die  Erscheinungen,  unter  denen  sie  gebildet  wird,  von 
der  Art  sind,  dass  man  sagen  kann,  er  habe  zu  ihrer  voll- 
kommnen  Umwandlung  in  Harnstoff  der  Feuerstoff  geman- 
gelt, so  kann  man  wohl  dieser  Theorie  Liebig’s  vor  der 
Hand  beitreten,  die  ich  in  meiner  Schrift  „Zur  Analysis  u. 
Synthesis  der  pseudoplastischen  Processe”  vom  klinischen 


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Standpuncte  näher  erörtert  habe.  — Nicht  gering  ist  jedoch 
auch  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  sich  die  Harnsäure  aus 
einer  eigenthümlichcn  Eiweissart  bilde,  die  bei  den  orga- 
nischen Processen  im  Lymphgefäss-System  gebildet  wird. 

Nur  wenn  man  so,  wie  ich  es  eben  gethan  habe,  die 
excrelorischen  Erscheinungen  während  eines  Krankheits- 
processes  betrachtet  und  überall  den  qualitativen  und  quan- 
titativen Abweichungen  derselben  auf  den  Grund  geht,  wird 
das  humorale  Princip  in  der  Pathologie  und  Therapie  zur 
allgemeinen  Anerkennung  gelangen  müssen.  Und  die  Con- 
sequenzen  sind  es,  die  eine  Theorie  und  ein  Princip  als 
nützlich  und  haltbar  ausweisen.  Diese  bewähren  sich  dem- 
jenigen, der  da  annimmt,  dass  die  meisten  Krankheitspro- 
cessc  durch  eine  Alteration  des  Blutes  entstehn,  die  ihrem 
Gange  überlassen  häufig  von  selbst  aufhört,  indem  die  ge- 
bildeten Producte  durch  die  Bcaclionen,  die  sie  veranlas- 
sen, ausgeschieden  werden,  sei  es  in  ihrer  eigentlichen 
oder  etwas  veränderten  Gestalt.  Bei  der  Therapie  kommt 
es  nun  einfach  darauf  an,  die  Ursachen  der  Blutalteralion 
zu  heben,  den  Fortgang  derselben  zu  sistiren,  und  die  ge- 
bildeten Producte  aus  dem  Körper  herauszuschaflen. 

Wenn  wir  in  jedem  Falle  die  Mittel  kennten,  die  dies 
bewirken  können  und  diese  immer  rechtzeitig  einwirken  zu 
lassen  im  Stande  wären,  so  müsste  es  uns  meist  gelingen, 
unsre  Kranken  hcrzustellen.  Dass  uns  dies  oft  genug  ge- 
lingt, lehrt  die  Erfahrung.  Die  Sache  der  Wissenschaft  ist 
es  aber,  das,  was  der  Organismus  selbst  auf  Umwegen  er- 
reicht, auf  directe  Weise  zu  bewerkstelligen,  mit  andern 
Worten,  die  abortive,  coupirende  Methode  besser  und  mehr 
zu  culti  viren. 

Nur  derjenige,  der  es  liebt  geistreich  zu  scheinen  und 
der  da  glaubt,  durch  Auffindung  a priorischer  Theorien  die 
Heilkunde  reformiren  zu  können,  kann  sich  überreden,  der 
Krankheitsprocess  sei  im  Allgemeinen  ein  Todcsprocess. 
Das  ist  er  nur  in  so  fern,  als  eine  grosse  Menge  organi- 
scher, wenn  man  will,  belebter  und  Leben  gebender  Ma- 
terien während  der  Krankheit  zersetzt  wird;  sonst  ist 


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251 


Krankheit  nichts  als  anomaler  Lebensproeess  und  zwar 
anomal  oft  nur  in  sehr  wenigen  Beziehungen.  Ob  derselbe 
den  Ausgang  in  Genesung,  Tod  oder  andres  Siechlhum 
nimmt,  ist  dem  allgemeinen  Pathologen  vor  der  Hand  ganz 
gleichgültig,  ja  jedes  Hineinlegen  teleologischer  Anschauung 
in  den  Begriff  der  Krankheit  ist  absolut  schädlich,  sowohl 
für  die  Theorie  wie  für  die  Praxis.  Wenn  wir  in  jedem 
speciellen  Falle  erforschen,  in  wie  weit  die  gesunden  Le- 
bensvorgänge von  den  anomalen  verdrängt  sind,  wenn  wir 
wissen,  weshalb  dort  Genesung,  hier  Tod  u.  s.  w.  erfolgt, 
erst  dann  werden  wir  eine  allgemeine  Pathologie  erhallen. 
Sie  ist  nicht  das  Resultat  von  Denkoperationen,  sondern 
von  Thatsachen,  Beobachtungen,  Erfahrungen  und  Experi- 
menten. Wir  verlangen  eine  rationell  - empirische  allge- 
meine Pathologie. 

Daher  werden  wir  auch  cinsehn  müssen,  dass  die  Zeit 
für  Aufstellung  von  Systemen  der  allgemeinen  Pathologie 
noch  lange  nicht  gekommen  ist  und  dass  die  Versuche  von 
C.  H.  Schule,  llcnle  u.  s.  w.  für  jetzt  unreife  Productionen 
sind,  die  nur  Einzelnes  enthalten,  was  Stand  halten  wird. 
Wir  ersehn  aber  auch  aus  den  aufgestellten  Postulaten, 
dass  die  allgemeine  Pathologie  nur  von  wirklichen  Patholo- 
gen bearbeitet  werden  kann,  die  eine  volikommne  Einsicht 
in  die  Detail-Untersuchungen  haben,  selber  mit  Glück  da- 
rin gearbeitet  und  mit  Kritik  die  Thatsachen  zu  verwer- 
ten im  Stande  sind. 

Vor  Allem  aber  muss  die  allgemeine  Therapie,  als 
Erfahrungswissenschaft , der  Probierstein  werden  für  das 
empirische  System  der  allgemeinen  Pathologie:  dass  wir  sie 
erhalten,  dazu  bedarf  es  einer  rationellen,  empirischen 
Pharmakodynamik.  Und  wieviel  gehört  dazu,  dass  diese 
einen  nur  leidlichen  Grad  von  Vollendung  erhalte ! — 

Wer  heut  zu  Tage  eine  allgemeine  Pathologie  schrei- 
ben will,  der  dürfte,  wenn  er  es  mit  der  Wissenschaft  ehr- 
lich meint,  weiter  Nichts  thun,  als  mit  Hülfe  der  Kritik  die- 
jenigen Facta  logisch  zusammenstellen,  die  als  allgemein 
richtig  befunden  werden.  Dann  möge  er  es  wagen,  die 


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logischen  Schlüsse  daraus  zu  ziehn  und  die  nötigsten 
Theorien  aufzustellen.  Wer  umgekehrt  verfährt  oder  die 
Thatsachen  nimmt,  wie  sie  sind,  wohl  gar  sich  Thatsachen 
erfindet,  der  fügt  der  Wissenschaft  unendlichen  Schaden 
zu,  indem  er  sie  dem  Irrthume  Preis  giebt.  Alle  unsre 
Bestrebungen  müssen  zur  Zeit  auf  den  Einen  Punct  gerich- 
tet sein,  Thatsachen  zu  schaßen;  die  Theorien  finden  sich 
von  selbst. 


Vermischtes. 


1.  Ueber  Entzündung  der  Schilddrüse. 

Obwohl  die  Functionen  der  Schilddrüse  und  der  Lun- 
gen wesentlich  verschieden  sind,  so  findet  doch  eine  Wech- 
selwirkung derselben  im  pathologischen  Leben,  und  beson- 
ders in  der  Scrophelkrankheit  Statt,  ln  der  Pubertät  kommt 
oft,  ohne  dass  die  Scrophelkrankheit  sonderlich  ausgeprägt 
ist,  Schilddrüsenanschwellung  vor.  Nicht  selten  ergeht  an 
den  Arzt  die  Aufforderung,  etwas  gegen  den  dicken  Hals 
zu  verordnen  und  denselben,  besonders  bei  Mädchen,  bal- 
digst zu  beseitigen.  Allzurasch  geht  derselbe  oft  auf  diese 
Begehren  ein,  ohne  dabei  die  wichtige  Rückwirkung  auf 
Lungen  und  Uterus  in  Erwägung  zu  ziehn.  Oft  treten  nun 
mit  dem  schlanken  Halse  Beängstigung,  Husten  und  selbst 
Blutspucken  ein,  bei  Mädchen  Störungen  der  Menstruation, 
Menstrualcoliken , weisser  Fluss  und  Anschwellung  der 
Brustdrüsen.  Mein  Sohn  zeigte  früher  keine  äussere  Spur 
der  Scrophelkrankheit,  halte  aber  öfters  Anfalle  von  Bräune 
bis  zum  zehnten  Jahre  und  catarrhalische  Lungenentzün- 
dungen, die  selbst  mehrmals  mit  eitrigen  und  blutigen  Ex- 
sudationen verbunden  waren.  Ferner  litt  er  an  Schafpok- 
ken  und  Masern.  Seitdem  entwickelte  sich  der  Brustkorb 
kräftig,  wurde  stark  und  breit  und  der  Jüngling  konnte 
ohne  Anstrengung  laufen,  schwimmen  und  reiten.  Im  17. 


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253 


Jahre  zeigten  sich  Erscheinyngen  der  Scropheln,  aufgetrie- 
bene Nase  mit  periodischer  Ozaena  scropkulosa , die  Hals- 
drüsen begannen  anzuschwellen,  besonders  trat  eine  sehr 
bemerkbare  Schilddrüsen-Anschwellung  auf,  gegen  die  ich 
trotz  öfterer  Aufforderung  nicht  örtlich  einzuwirken,  doch 
mich  wagte.  Vorher  und  einige  Jahre  nachher  wurde 
Salzbrunn  mit  Molken  gebraucht,  um  einein  befürchteten 
Lungenleiden  vorzubeugen,  wonach  der  Gesundheitszustand 
sich  so  aufrecht  hielt,  dass  die  Gefahr  für  die  bedrohte 
Lungenfunction  immer  mehr  zurückwich.  Im  achtzehnten 
Jahre  widmete  sich  der  Jüngling  der  Oeconomie  und  die 
Bewegungen  in  der  freien  frischen  Luft  bekamen  ihm  im 
ersten  Jahre  sehr  wohl.  Aber  im  zweiten  Jahre  zeigte 
sich  eine  düstere  Gemülhsstimmung,  Mutlosigkeit,  Husten 
und  Morgens  eitriger  Auswurf  mit  Blut.  Dabei  war  die 
Schilddrüsen-Anschwellung  fast  ganz  geschwunden,  der 
scrophulöse  Nasenausfluss  hatte  aufgehört.  Dennoch  war 
der  Thorax  nicht  der  eines  Phthisischen.  Der  Kranke  lag 
seinen  Berufsgeschäften  fortwährend  emsig  ob,  als  plötzlich 
heftige  Pneumonorrhagie  eintrat,  die  durch  ausgebildete 
Lungentuberkeln  bedingt  war  und  am  21sten  Tage  das  Le- 
ben endete.  Ich  glaube,  dass  der  Grund  der  Tuberkelbil- 
dung in  den  Lungen  bedingt  gewesen  durch  das  Ver- 
schwinden der  Schilddrüsen  - Anschwellung,  die  eigentlich 
als  ein  Schilddrüsentuberkel  eine  Schutzwehr  für  die  mit 
Tuberkeln  bedrohte  Lunge  war.  — Ein  andrer  sehr  merk- 
würdiger Pall  von  Schilddrüsen -Entzündung  ist  folgender. 
Den  2.  April  1844  wurde  ich  zu  einem  24jährigen  Mann 
gerufen,  den  ich  als  Kind  mehrmals  an  Bräunezufällen  be- 
handelt hatte.  Beim  Nachlasse  folgten  diesen  stets  Drüsen- 
Anschwellungen,  von  denen  einige  in  Eiterung  übergingen 
oder  längere  Zeit  als  scrophulöse  Reflexe  verweilten.  Seit 
fünfzehn  Jahren  hatte  ich  den  Kranken  nicht  gesehn.  Die- 
ser hatte  sich  kräftig  zum  Jünglinge  entwickelt,  obgleich 
er  die  Spuren  der  Scropheln  noch  in  einem  merklich  hy- 
pertrophischen Drüsenkropfe  zeigte.  Er  war  jetzt  durch  8 
Wochen  in  der  Behandlung  eines  Arztes  gewesen,  der 


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seine  Krankheit  Anfangs  als  rheumatisches  Fieber  betrach- 
tet hatte,  welches  dann  den  Charakter  eines  intermittiren- 
den  annahm  und  trotz  des  Chiningebrauchs  in  eine  Febria 
continua  umgewandelt  war.  Der  Kranke  war  ganz  abge- 
magert, litt  an  profusen  Schweissen,  mitunter  an  Diarrhöen, 
an  Husten,  der  bald  trocken,  bald  eitrig  war.  Gänzliche 
Appetitlosigkeit  trat  ein,  der  Schlaf  war  unruhig,  kurz  und 
ohne  Erquickung.  Die  Kropfgeschwulst  war  beim  Drucke 
schmerzhaft.  Da  weder  Vesivantia  noch  Fontanellen  Er- 
leichterung verschafften,  so  beschloss  ich  eine  Ableitung 
nach  der  Schilddrüse  zu  bewirken.  Es  wurden  Umschläge 
von  Semmel , Leinsaamen  und  Species  emollientes  an  die 
h'ropfgeschwulst  gelegt  und  Oeleinreibungen  abwechselnd 
Tag  und  Nacht  gemacht.  Die  Schilddrüse  lockerte  sich, 
schwoll  ungeheuer,  die  Haut  wurde  roth,  heiss  und  schmerz- 
haft, das  Fieber  steigerte  sich,  die  Haisarlerien  pulsirten 
gewaltig,  die  Augen  rötheten  sich.  Die  Geschwulst  nahm 
beide  Seiten  des  Halses  ein  und  drängte  den  Kopf  nach 
hinten,  so  dass  der  Kranke  denselben,  wie  bei  der  Bräune, 
rückwärts  halten  musste , um  Alhem  zu  schöpfen.  Das 
Schlingen  geschah  nur  mit  grosser  Anstrengung,  die  Spra- 
che war  unverständlich.  Der  Kranke  befand  sich  in  der 
höchsten  Lebensgefahr.  Da  Fluctuation  in  der  Schilddrüse 
eingelrelen  war,  so  machte  ich  einen  Einstich  mit  der  Lan- 
zette. Es  floss  ein  halbes  Quart  Eiter  ab,  zuletzt  mit  Blut 
gemischt.  Die  untersuchende  Sonde  zeigte,  dass  der  Kehl- 
kopf cariös  war.  Da  Seitengänge  vorhanden  waren,  so  di- 
latirte  ich  mit  dem  Knopfbistouri , wodurch  noch  Klumpen 
entarteten  blutigen  Eiters  entleert  wurden.  Das  Volumen 
des  Halses  sank  nun  um  die  Hälfte  zusammen.  Unter 
zweckmässiger  innerer  und  äusserer  Behandlung  milderten 
sich  alle  Krankheitserscheinungen , die  Kräfte  hoben  sich. 
In  der  Mille  Mai’s  konnte  der  Kranke  schon  das  Bett  ver- 
lassen, zu  Ende  Mai’s  konnte  er  ausgehn.  Aber  auch  noch 
im  Juni  und  Juli  gingen  Knochenstücke  von  der  Grösse 
einer  Erbse  ab.  Die  Schilddrüse  bildete  sich  allmälig  bis 
zu  ihrem  normalen  Umfange  zurück  und  der  Manu  wurde 


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wieder  frisch,  kräftig  und  vollkommen  gesund.  Den  loten 
August  i 84C>  besuchte  er  mich,  um  sich  Kath  gegen  ca- 
turrhalische  Beschwerden  und  Ohrensausen  zu  holen.  Ue- 
brigens  war  er  gesund.  Die  Schilddrüse  war  von  norma- 
lem Umfange,  nur  der  Kehlkopf  war  platter  wie  gewöhn- 
lich, indem  mit  der  bedeutenden  Exfoliation  der  obern  Sei- 
tentheile  die  normale  Form  des  Adamsapfels  verloren  ge- 
gangen war. 

Breslau.  Dr.  GröHner. 


2.  Opium  bei  Hirn-Entzündung  und  bei  Gcistes- 
Kr  ankh  eiten. 

Ein  kräftiger  gesunder  10  jähriger  Mensch  wurde 
plötzlich  nach  einem  Schrecken  von  Kopfschmerzen,  llitze 
und  Rothe  des  Kopfes  befallen,  wobei  die  Augeu  geröthet 
erschienen  und  die  Carotiden  heftig  und  sichtbar  pulsirten. 
Bald  darauf  gesellten  sich  Besinnungslosigkeit  hinzu  und 
Krämpfe,  welche  am  Kopfe  begannen,  dann  die  Ober-Ex- 
tremitäten ergriffen  und  endlich  auf  die  Küsse  übergingen. 
Diese  Krämpfe  dauerten  eine  halbe  Stunde  lang.  — Die 
ungeheure  Gcfässirritation  und  die  fieberhafte  Hitze,  sowie 
die  zwischen  den  Krämpfen  nicht  geistesfreien  Zwischen- 
räume liessen  den  Gedanken,  dass  eine  Hirnentzündung 
vorhanden  sei,  nicht  schwinden.  Der  antiphlogistische  Ap- 
parat wurde  deshalb  aufgebolen,  um  diese  Symptome  zu 
beschwichtigen.  Aderlass,  Blutegel  an  den  Kopf,  kühlende, 
abführende  Salze,  Calomel  u.  s.  w.  wurden  sechs  Tagelang 
ohne  merklichen  Erfolg  angewendet.  Als  sich  darauf  durch 
das  beständige  Umherwerfen  des  Kranken  auf  dem  Kreuz- 
bein ein  Decubitus  von  sehr  bedeutender  Ausdehnung  zu 
bilden  begann,  gab  ich  4 Gaben  Morphium  aceticum  zu  \ 
Gran  und  da  diese  ohne  Erfolg  blieben,  noch  zwei-  bis 
dreistündlich  zwei  bis  drei  Gran  Opium,  wonach  sich  sehr 
bald  ein  ruhiger  Schlaf  einstellte,  der  den  Convulsioncn  ein 
Ende  machte  und  dann  sehr  bald  auch  Beseitigung  des 
Fiebers  und  Genesung  herbeiführle.  Des  Handtellergrossen 


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Decubitus  auf  dem  Kreuzbeine  ungeachtet  schritt  jetzt  die 
Genesung  rasch  vorwärts,  so  dass  Patient  nach  14  Tagen 
schon  ungefähr  eine  Meile  weit  zu  gehn  vermochte.  Die 
Heilung  des  Decubitus  dauerte  indess  noch  2 Monate. 

Dies  scheint  einer  von  den  Fällen  zu  sein,  in  welchen 
eine  krampfhafte  Gehirnreizung  von  Gehirnentzündung  oder 
einem  blossen  Congestivzustandc  so  schwer  unterschieden 
werden  kann,  weshalb  denn  auch  die  richtige  Wahl  der 
Mittel  so  schwer  ist. 

Einen  andern  Fall  von  der  Wirkung  des  Opiums  bei  einer 
Geisteskrankheit  ist  folgender.  — Ein  50jähriger  Mann  aus 
einer  Familie,  deren  Mitglieder  mehrfach  von  Geisteskrank- 
heiten befallen,  wurden,  litt  schon  öfters  und  nun  abermals 
an  Schlaflosigkeit  mit  der  fixen  Idee,  von  einer  unheilbaren 
Krankheit  befallen  zu  sein,  wodurch  er  früher  schon  in 
Raserei  gerathen  war.  Nach  vielen  vergeblich  angewand- 
ten Mitteln  versuchte  ich  das  Opium  und  hatte  die  Freude, 
ihn  bei  einer  Gabe  von  4 Gran  Abends  genommen  bald 
hergeslellt  zu  sehn. 

Unna.  Dr,  Kipp. 


3.  Mittel  gegen  den  Schreibekrampf. 

Cazcnave  hat  eine  kleine  Vorkehrung  ausgedacht , um 
bei  dem  hartnäckigen^  Spasmus  scriptorius  das  Schreiben 
möglich  zu  machen.  Sie  besteht  aus  einer  starken  Feder, 
die  mit  2 Druckschrauben  und  2 festen  Ringen  von  Kaut- 
schuck  versehn  ist,  und  dessen  Wirkung  darin  besieht,  die 
Feder  und  die  sie  hallenden  Finger  so  zusammen zudrük- 
ken,  dass  keine  Biegung  möglich  ist.  Patient  schreibt  auf 
diese  Weise  mit  der  ganzen  Hand  allein  durch  die  Bewe- 
gung des  Handgelenks.  Fünf  bis  sechs  Lectionen  sind 
hinreichend,  um  mit  dieser  Vorkehrung  schreiben  zu  lernen. 

Lingen.  Dr.  van  Nees. 


Gedruckt  bei  J.  PeWch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesäumte 

HEI  LR  UN  D E. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1 , bisweilen  Ij  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nü- 
thigen  Registern  ist  auf  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmtliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hir  tchwald. 


17.  Berlin,  den  ‘22,en  April  1848* 

Die  letzten  drei  Saisons  in  Driburg.  Vom  Med.-Rath  Dr.  Brück.  — 
Vermischtes.  (Milzbrand  - Contagium.  — Gelungene  Resection  bei 
Pseudarthrosen. — Gehirnschwamm  im  Schädclgrunde.)  — Krit.Anz. 

Rückblick  auf  die  drei  letztverflossenen  Saisons 
in  Driburg. 

M i t g e t h e i i t 

vom  Med.-Rath  Dr.  A.  Th.  Brück  in  Osnabnuck, 
Brunnenarzte  in  Driburg. 


(Der  Heilapparat.  — Die  heissen  Sommer.  — Das  Armenkrankenhaus. 
Die  Nachkrankheiten  der  Influema:  Sinneslähmungen;  Chlorose 
mit  merkwürdigen  Complicationen ; Nachwirkungen  der  Influenza 
auf  die  sexuelle  Sphäre  des  Weibes;  hydrocephalische  Kinder  ge- 
schwächter Mütter;  dysmenorrhöische  Membrana  decü/ua;  habituelle 
Diarrhoe.  Badecuren  in  der  Schwangerschaft.  Einwirkung  der 
Cur  auf  die  sexuelle  Sphäre  bei  beiden  Geschlechtern.  Geschlecht- 
lich unrollzogene  Ehen.) 

Bei  dem  Namen  Driburg  denkt  wohl  jeder  ärztliche 
Leser  sogleich  an  Eisen  und  Kohlensäure,  indess  doch  seit 
mehrern  Decennien  jener  ursprüngliche  Heilapparat,  dem 
freilich  unser  Curort  seinen  alten  Ruf  verdankt,  durch  die 
milde  Hersterquelle  und  treffliche  Schwefelschlamm- 
bäder bemerkenswerth  erweitert  ist.  Zwar  habe  ich  in 
meinen  Berichten  dieser  „Filialanslalt”  von  Zeit  zu  Zeit  zu 
Jahrgang  1848.  17 


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erwähnen  nicht  unterlassen,  «war  habe  ich  in  meiner  1844 
erschienenen  Badeschrift  die  chemischen  Analysen  dieser 
bedeutenden  Bereicherung  unsres  Heilschalzes  mitgclheili 
und,  was  von  grötserm  Gewicht  ist,  der  Herr  Herausgeber 
dieser  Wochenschrift  erwähnte  derselben  mit  nachdrück- 
licher Anerkennung  in  seinem  Reiseberichte  (Jahrg.  1838 
S.  600  u.  s.  w.).  Nichts  desto  weniger  ist  dieser  ausge- 
zeichnete Hülfsapparat  nicht  nach  Verdienst  anerkannt  , cs 
sei  denn  von  — den  armen  Kranken  unsres  Curhospitals, 
welche  fast  ohne  Ausnahme  ein  grosses  Verlangen  nach 
den  Schlammbädern  kund  thun,  während  die  vornehme  Welt 
mit  oder  ohne  hausärztlichen  ltath  den  kalten  Seebädern 
oder  den  Kaltwasseranstalten  zudrängt.  Diesem  dringen- 
den Begehren  der  Armen  nach  den  warmen  Bädern,  vor- 
zugsweise nach  den  innigst  durchbrütenden  Schlammbädern, 
scheint  mir,  abgesehn  von  den  in  hiesiger  Gegend  verbrei- 
teten glücklichen  Curerfolgen  durch  verhällnissmässig  we- 
nige Schlammbäder,  ein  Instinkt  der  heilenden  Naturkraft 
zum  Grunde  zu  liegen.  Wie  denn  auch  die  Erfahrung 
längst  bewiesen  hat,  dass  die  Armen  — meist  auch  arm 
an  den  belebenden  Beatandtheilen  des  Blutes  — kalte  Bä- 
der, selbst  kalte  Seebäder  scheuen  und  schlecht  vertragen. 
Auch  dem  innern  Gebrauche  der  kalten  Mineralquellen  sind 
sie  abhold,  und  kaum  die  Hälfte  der  Bewohner  des  Kran- 
kenhauses kann  ich  zu  den  Brunnentrinkern  rechnen.  Frei- 
lich leiden  diese  Kranken  grösstentheils  an  den  arthritischen 
und  rheumatischen  Folgen  von  Durchkältungen  und  Durch- 
nässungen bei  ihren  schweren  ländlichen  Arbeiten:  Läh- 
mungen, Conlracturen  u.  s.  w.,  in  denen  die  Heilkraft  der 
Schlammbäder  augenfällig  ist.  Doch  fehlte  es  auch  unter 
den  wohlhabenden  Curgästen  nicht  an  glücklichen  Erfolgen 
der  Schlammbäder.  Nur  zweier  Fälle  aus  dem  Sommer 
1840  will  ich  ihrer  Verjährung  wegen  erwähnen,  denn  sie 
stammen  aus  der  verschollenen  „französischen  Zeit”.  Der 
eine,  ein  hessischer  Baron,  noch  als  Greis  ein  Athlet,  hatte 
sich  zur  Zeit  des  westphälischen  Künigthuins  Jahrelang  als 
Flüchtling  in  Habichtswalde  herumgetrieben  und  auch  vor- 


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her  und  nachher  als  Soldat  und  Waidmann  allen  Einwir- 
kungen der  Luft,  des  Wassers  und  des  — Weins  sich  aufs 
äusserste  ausgesetzt,  worauf  sich  bei  dem  übrigens  kern- 
gesunden Manne  doch  endlich  eine  rheumatische  Steifheit 
im  rechten  Schultergelenke  einzustellen  begann,  die  ihn  im 
Anschläge  der  Büchse  hinderte.  Das  erste  Schlammbad 
ton  30°  R.  eine  Stunde  lang  Morgens  genommen,  löste 
unter  profusen,  den  Tag  durch  dauernden  Schweisson  so 
auflallend  die  vieljährige  Gelenksteifheit,  dass  ich  bei  einer 
solchen  heroischen  Constitution  auch  das  heroische  Mittel 
eines  zweiten  Schlammbades  an  demselben  Tage  zu  ge- 
statten wagte,  wobei  der  Patient  statt  des  Mineralwassers 
Burgunderwein  in  grossen  Dosen  einzunehmen  nicht  abzu- 
halten war.  Nach  sechs  solchen  Curtagen  reiste  der  alte 
Ritter  genesen  auf  seine  Burg  zur  Jagd. 

An  ähnlicher  Steifheit  beider  Schultergelenke  litt  ein 
kräftig  gebauter  Mann  von  einigen  und  fünfzig  Jahren,  der 
als  Officier  den  russischen  Feldzug  und  den  schauderhaften 
Rückzug  über  die  Beresina  mitgemacht  hatte.  Ausserdem 
hatten  Jahre  und  Lebensweise  aber  auch  eine  beträchtliche 
Plethora  abdominalis  herbeigeführt,  so  dass  in  diesem  Falle 
die  vierte  Combination  unsres  Heilapparats , der  Herster- 
salzbrunnen  *)  nebst  den  Schwefelschlammbädern  indicirt 
war.  Während  durch  den  erstem  Morgens  mehrere  reich- 
liche Stühle  entleert  wurden,  bewirkte  ein  tägliches  Schlamm- 
bad bei  profusen,  Tag  und  Nacht  anhaltenden  Schweissen 
eine  täglich  fühlbarere  Lösung  der  Gelenke.  Diese  Cur 
von  4 Wochen  gewährte  dein  Patienten  einen  völlig  leiden- 
freien Winter. 

Es  darf  nicht  verkannt  werden,  dass  zu  diesen  auffal- 
lenden Erfolgen  unsrer  Schlammbäder  die  grosse  Sommer- 
wärme, welche  die  Jahre  1846  und  47  brachten,  beträcht- 
lichen Antheil  halte.  Auch  erlauben  nur  so  kräftige  Con- 

*)  Den  1 1 erster  Salzbrunnen  lasse  ich  an  der  Herstcrquelle  durch 
einen  Zusatz  von  Kochsalz  bei  der  Füllung  bereilen,  wodurch  ein 
ktlnsiliches  auflösendes  Mineralwasser  mit  natürlichem  sehr  reichem 
Kohtensüoregehalt  entsteht.  d.  Vf. 

17  * 


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260 


stitutionen  wie  die  beiden  erwähnten,  eine  so  durchgrei- 
fende Cur,  indess  bei  zarteren  Naturen  die  sorgsamste 
ärztliche  Aufsicht  erforderlich  ist.  So  bediente  sich  ein 
als  Arzt  und  Schriftsteller  rühmlichst  bekannter  College  vom 
Harz  1847  unsrer  Schlammbäder  gegen  ein  rheumatisches 
Leiden.  Er  vertrug  und  bedurfte  nur  wenige  Bäder  zu 
seiner  Cur,  die  ich  seiner  gewandten  Feder  gelegentlich 
darzustellen  hiermit  freundlich  anheim  gebe.  Er  hatte  den 
Muth  und  die  Hingebung,  sich  volle  zwei  Stunden  im  heis- 
sen Schlammbade  aufzuhalten,  wonach  sich  denn  auch,  sei- 
ner Intention  gemäss,  baldigst  die  durch  diese  Bäder  her- 
beigeführte momentane  Vlethora  venosa  des  Unterleibs  mit 
gelb  belegter  Zunge  u.  s.  w.  einstellte. 

Mit  diesen  wenigen  Worten  und  Fällen  mögen  denn 
von  Neuem  die  Driburger  S ch wefelschlamrobäder  der 
Achtsamkeit  der  Leser  empfohlen  sein! 

Die  heissen  Sommer  der  Jahre  1846  und  47  bestä- 
tigten die  öfter  ausgesprochene  Erfahrung,  dass  durch  die 
Hitze  das  Blut,  vorzugsweise  in  den  ausdehnbareren  Venen 
expandirt  wird,  wodurch  sich  eine  1‘lethora  abdominalis  mit 
vermehrtem  Excretionsbedürfniss  entwickelt.  Wie  in  war- 
men Klimaten  beständig,  so  wird  in  unsern  vorübergehend 
tropischen  Sommern  die  Lungenthätigkeit  vermindert  und 
die  der  Leber  erhöht,  daher  Polycholie,  Gallenfieber,  Brech- 
ruhren,  hypochondrische  Verstimmungen  unter  den  Curgäs- 
ten.  In  solchen  Sommern  werden  die  Stahl wasser  (ich 
weiss  nicht,  ob  auch  andre  Mineralwasser?)  minder  gut 
vertragen.  Sie  werden  bei  reizbarer  Darmschleimhaul  in 
der  Form  wässeriger  Diarrhöen  so  zu  sagen  respuirt  und 
ein  geringer  Diätfehler,  eine  leichte  Erkältung  bringt  Gas- 
tricismus  hervor,  der  die  Trinkkur  auszusetzen  nöthigt.  In 
solchen  Zeiten  ist  die  Wirksamkeit  des  Brunnenarztes  von 
sichtlichem  Erfolge.  Die  Diät  muss  sofort  eine  vorzugs- 
weise vegetabilische  sein,  wie  sie  in  den  tropischen  Klima- 
len  der  Instinkt  vorschreibt.  Daher  in  Driburg  täglich  gelbe 
Wurzeln  ( dauern  carotta),  Spinat,  Blumenkohl  u.  dergl.  auf 
die  Tafeln  kommen,  wobei  es  jedoch  an  reizenden  Beila- 


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261 


gen  nicht  fehlen  darf,  daher  für  geräucherten  rohen  (west- 
phälischen)  Schinken,  frische  gesalzne  Häringe,  Sardellen 
u.  s.  w.  stets  gesorgt  ist.  Zur  Beförderung  der  abdomi- 
nellen Ausscheidungen  eignen  sich  keineswegs  die  jetzt 
wieder  nach  chemischen  Ansichten  beliebten  Purgirsalze, 
sondern  dio  von  den  Allen  sogenannten  Eccoprotica  calida , 
Rheum,  Coloquinten  u.  s.  w.  — Nur  zu  oft  wird  jedoch 
alle  ärztliche  Sorgfalt  durch  die  Sinnlichkeit  und  den  Leicht- 
sinn der  Curgäste  vereitelt  und  was  diese  gesündigt , der 
Quelle  zur  Last  gelegt!  So  wäre  im  Sommer  1846  eine 
ältere  Dame  fast  das  Opfer  einer  Hepatitis  geworden,  wel- 
che von  einem  Diner  mit  Eis  und  Champagner  ihren  Ur- 
sprung nahm.  Irre  ich  nicht,  so  haben  die  heissen  Sommer 
in  manchen  Bädern  ungewöhnlich  viele  Todesfälle  veran- 
lasst ; die  Zeitungen  reden  freilich  nur  von  „Hochgestellten”. 
Dass  durch  einfache,  geregelte  Diät  vorzüglich  solchen  Un- 
fällen vorgebaut  werde,  scheint  mir  durch  die  auffallende 
Thatsache  bestätigt,  dass  im  Armenhospitale  *)  zu  Driburg 
im  Laufe  von  neunzehn  Jahren,  worin  ich  dieser  Anstalt 
ärztlich  vorstehe,  unter  960  Kranken  niemals  ein  Todes- 
fall vorgekommen  ist! 

In  Bezug  auf  Mortalität  darf  ich  mich  zwar  eines  eben 
so  günstigen  Resultates  im  verflossenen  Triennio  auch  bei 
ungefähr  einer  gleichen  Anzahl  wohlhabender  Curgäste  er- 
freun;  doch  haben  mir  diese  manche  Sorge,  die  Armen 
nur  Befriedigung  bereitet.  Sicher  trug  übrigens  zu  diesem 
erfreulichen  Ergebniss  die  Aufhebung  des  Hazardspiels 
vieles  bei,  welche  der  jetzige  Besitzer  des  Bades  Driburg 
sofort  bei  seinem  Antritt  in’s  Werk  setzte.  Zwar  erinnere 
ich  mich  keiner  tragischen  Scenen  verzweifelter  Spieler, 
wie  sie  die  Luxusbäder  hervorrufen;  doch  kamen  Fälle  vor, 
wo  ich  selbst  mit  Vorschüssen  zur  Heimreise  aushelfcn 

*)  Die  Armen  erhalten  daselbst  unentgeltlich  Wohnung,  Wartung, 
Bäder,  ärztliche  Behandlung,  und  als  Verköstigung  Morgens  KafTce 
mit  Zwieback,  Mittags  Fleischbrühe,  Gemüse,  Fleisch  und  Brod, 
Abends  eine  Suppe  und  Butterbrod;  Alles  in  reichlicher  Portion. 

d.  Vf. 


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262 


musste,  wobei  denn  von  der  Heilsamkeit  der  Cur  nicht  viel 
zu  erwarten  war. 

Auf  ein  Moment,  welches  zur  Bevölkerung  unsres, 
wie  gewiss  aller  Curorte,  Vieles  beitrug,  mache  ich  beson- 
ders aufmerksam:  ich  meine  die  Influenza  mit  ihren  ver- 
schiednen  Epidemien  in  den  letzten  Üecennien.  Waren 
diese  Epidemien  im  Allgemeinen  auch  nicht  so  mörderisch 
im  Anfälle,  wie  uns  deren  die  Geschichte  früherer  Jahr- 
hunderte und  die  einiger  neuern  Epidemien  an  einzelnen 
Orten,  z.  B.  die  Influenza  in  Berlin  1831,  aufweist:  so  sind 
doch  die  schleichenden  Siechlhümer  ihrer  Folgekrank- 
heiten, vielleicht  oft  ihrer  Behandlung  *),  höchst  beach- 
tenswert, worüber  ich  die  nicht  genug  gewürdigte  Schrift 
eines  trefflichen  Practikers:  „über  die  Nachkmnkheilen  der 
Influenza  von  Dr.  Hansen  in  Schleswig  1840”  empfehle. 

Mit  Recht  verweist  v.  Slosch  (Wochenschr.  1836  No.  43) 
auf  die  genaue  Beachtung  der  stationären  Krankheitscon- 
stitution und  deren  Einfluss  auf  den  Charakter  der  inter- 
currenten  Krankheiten  als  das  Fundament  der  practischen 
Medicin,  wie  denn  die  Folge  der  Jahre  es  im  Wesentlichen 
bestätigt  hat,  was  dieser  Arzt  dort  mit  divinatorischem  Takte 
angedeulet. 

Nach  solchen  Vorgängern  wäre  es  überflüssig,  hier 
die  Symptome  der  Influenza  auseinander  zu  setzen  oder  zu 
deuten,  zumal  es  in  den  folgenden  Blättern  meine  Absicht 
ist,  nur  diejenigen  Nachkrankheiten  der  Influenza  kurz 
zu  besprechen,  welche  mir  in  Driburg  zur  Behandlung  vor- 
kamen. 


•)  Das  Belt,  welches  Hölscher  in  der  Ruhr  als  den  „König  der 
Medicamcnte"  preist,  verdient  dieses  Lob  nicht  minder  in  der  Influenza. 
Unter  der  calmirenden  Bettdecke  reichen  sich  auch  die  feindlichen 
Schwestern,  Homöopathie  und  filtere  Mcdicin,  friedlich  die  Hfinde  und 
der  Kranke  genest  unter  dieser  Sehutzdecke  der  natürlichen  kritischen 
Heilbestrebungen  beim  Gebrauche  der  Mixtaren,  wie  der  „Hochpoten- 
zen”. Merkwürdig  ist,  dass,  so  viel  ich  weiss,  die  Schriftsteller  aller 
Zeiten  die  Aderlisse  in  der  Influenza  als  nachtheilig  darstellen. 

d.  Vf. 


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203 


Vor  Allem  möge  bemerkt  werden,  dass  die  Bezeich- 
nung eines  „epidemischen  Catarrhes”  gewiss  eine  za 
oberflächliche  ist  für  eine  Völkerkrankheit,  welche  in  ihrem 
Anfalle  bei  so  Vielen  von  vorn  herein  das  innerste  Leben 
der  Individuen,  das  nervöse  (wenn  auch  secundär  vom 
miasmatisch  inficirten  Blute  aus),  blitzartig  ergreift  und  zwar 
so  tief  und  nachhaltig,  dass  bei  Manchen  aus  der  Monate, 
ja  Jahrelang  dauernden  Rcconvalescenz  dennoch  nervöse 
Lähmungen  auf  Lebenszeit  zurück  bleiben,  wie  ich  denn 
täglich  einen  alten  Schullehrer  zu  sehn  Gelegenheit  habe, 
der  in  der  Grippe  amaurotisch  geworden  und  eine  Dame, 
welche  den  Geruch  verloren  hat.  Gehören  dergleichen 
auffallende,  auf  die  einzelnen  Sinne  concentrirte  Lähmungs- 
folgen der  Influenza  glücklicherweise  zu  den  Seltenheiten, 
so  beobachtet  man  dagegen  nur  zu  oft  einen  dauernden 
Zustand  allgemeiner  Abgeschlagcnheit  u.  s.  w. , wie  ihn 
Hemsen  unter  der  Bezeichnung  Dt/scrasia  venosa  nach  Sun- 
delin beschreibt,  aus  dem  sich  bei  Kindern  Bhachitis,  Atro- 
phie u.  s.  w.,  bei  jungen  und  altern  Mädchen  die  in  neu- 
rer  Zeit  so  häutige  Chlorose  mit  Herzkrankheiten  und  einer 
Schaar  von  Neurosen,  bei  Frauen,  besonders  bejahrteren, 
organische  Krankheiten  des  Uterus  und  des  Dickdarmes, 
bei  disponirten  und  in  der  Behandlung  vernachlässigten  In- 
dividuen jedes  Alters  und  Geschlechts  die  Lungensucht,  bei 
Greisen  Lungenlähmung  und  Wassersucht  entwickelt. 

Konnte  ich  auch  aus  eigner  Erfahrung  mit  Hansen  die 
Influenza  unsrer  Zeit  nicht  mit  dem  Asthma  thymicum  und 
der  Strangurie  in  Verbindung  bringen,  die  auffallend  häu- 
figer gewordne  Phlebitis  aber  scheint  mir  auch  durch  die- 
sen Fingerzeig  des  scharfsichtigen  Arztes  ihre  ursächliche 
Deutung  zu  finden. 

Physiologisch  merkwürdig  waren  auch  die  häufig  er- 
folgenden Conceptionen  nach  den  grossen  Epidemien  der 
Influenza  bei  Frauen,  die  durch  eine  Reihe  unfruchtbarer 
Jahre  sich  gesichert  wähnten,  wie  es  denn  gleichfalls  die 
überaus  häufigen  Abortus-  und  Blutflüsse  bei  Schwanger», 
welche  nach  der  Epidemie  von  1831  in  unsrer  Gegend 


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- 204  - 

vorkamen,  mit  dieser  in  ursächliche  Verbindung  zu  stellen 
keinen  Anstand  nehmen. 

Sollten  nicht  auch  den  zu  gewissen  Zeiten  wie  epide- 
misch vorkommenden  Selbstmorden  solche,  das  Nervenleben 
deprimirende  „tellurische  Einflüsse”  zum  Grunde  liegen? 

Schon  in  meinem  Aufsatze  „Driburg  und  die  Reconva- 
lesconten”  (Wochenschr.  1844  S.  151)  habe  ich  die  hin- 
siechenden Reconvalescenten  der  Grippe  in  Folge  einer 
Reihe  glücklicher  Erfahrungen  in  Driburg  willkommen  ge- 
heissen. Scheint  cs  nun  auch , dass  in  unsrer  Zeit  den 
Aerzten  die  Indicationen  der  kohlensauern  Eisenquellen 
minder  gegenwärtig  sind,  als  die  Contraindicationen,  so 
enthalte  ich  mich  doch,  ihr  Gedächtniss  durch  sogenannte 
„glückliche  Fälle”  aufzufrischen. 

(Schlu*«  folgt.) 


Vermischtes. 


1.  Milzbrand-Contagium. 

Vor  vielleicht  15  — 10  Jahren  hatte  der  Schäfer  eines 
hier  nahe  liegenden  Pachterhofes  das  Unglück,  auf  der 
rechten  Wange  von  einer  Pustula  maligna  befallen  zu  wer- 
den, welche  ausgeschnitten  und  nachher  geäzt  wurde.  Die 
Heilung  erfolgte,  wegen  der  Nähe  des  untern  Augenlides 
aber  entstand  in  Folge  der  Narbe  ein  Ectropium.  Nach 
mehrern  Jahren  bemerkte  der  neue  Pachter  des  Amthofes, 
dass  von  Zeit  zu  Zeit  das  Ectropium  des  Schäfers,  wie  er 
sich  ausdrückte,  schlimmer  wurde,  d.  h.  die  Conjunctwa  jxtl- 
pebrae  et  scleroticae  mehr  injicirt  wurden,  und  dass  dann 
auch  in  kurzer  Zeit  sich  in  seiner  Schafheerde  Fälle  von 
Milzbrand  einstelllen.  Auf  diese  Erscheinung  machte  mich 
der  Pachter  vor  2 Jahren  aufmerksam.  Bei  meinen  Besu- 
chen in  dem  Hause  beobachtete  ich  immer,  so  oft  ich  den 
Schäfer  zu  Gesicht  bekam,  dessen  Ectropium  und  erstaunte 


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2«5 


nicht  wenig,  die  Beobachtung  des  Pachters  bestätigen  zu 
müssen.  So  war  besonders  im  Monat  September  1847  die 
Erscheinung  auffallend,  wo  ich  den  Pachter  auf  dem  Felde 
bei  seiner  Schafheerde  traf,  und  dieser  mich  wieder  auf 
das  Auge  des  Schäfers  aufmerksam  machte,  dem  er  die 
Worte  „Alter,  Euer  Auge  wird  wieder  schlimm”  zugeru- 
fen hatte.  Ich  überzeugte  mich  genau  von  dem  Zustande 
des  Auges  und  fand  wirklich  eine  starke  Injection  der  Ctm- 
juvetiva  palpebrae  et  scleroticae  nebst  einer  schmutzig  gelb- 
lichen Färbung  der  Albuginea,  während  auf  dem  linken 
Auge  von  einem  kranken  Zustande  nichts  zu  entdecken  war, 
ohne  dass  der  Schäfer  nur  die  geringste  Empfindung  am 
kranken  Auge  hatte.  Bei  meinem  nächsten  Besuche  nach 
Verlauf  von  14  Tagen  erzählte  mir  der  Pachter,  dass  seit 
3 Tagen  der  Milzbrand  in  seiner  Heerde  ausgebrochen  und 
er  schon  mehrere  Stück  Schafe  verloren  habe.  Die  Seuche 
dauerte  ungefähr  3 Wochen.  Während  dieser  Zeit  durch 
einen  Krankheitsfall  in  der  Familie  zu  öftern  Besuchen  ge- 
nötbigt,  unterliess  ich  nicht,  jedesmal  den  Zustand  des  Au- 
ges des  Schäfers  zu  besichtigen  und  fand  in  den  ersten 
Tagen  der  letzten  Woche  der  Seuche  die  Rötho  des  Ec- 
tropiums  am  Auge  vermindert.  Als  ich  den  Pachter  auf 
die  Abnahme  der  Erscheinungen  am  Auge  des  Schäfers 
aufmerksam  machte,  erwiederte  dieser,  dass  dann  auch  bald 
die  Seuche  ihr  Ende  erreichen  würde.  So  kam  es  auch, 
es  starben  noch  einige  Thiere  und  die  Seuche  hatte  aus- 
getobt. 

Am  2ft.  Jan.  1848  wurde  ich  eines  Patienten  halber 
nach  demselben  Amthofe  gerufen  und  im  Laufe  des  Ge- 
sprächs mir  erzählt,  dass  trotz  einer  Temperatur  von  12 
bis  14°  seit  einigen  Tagen  wieder  der  Milzbrand  unter  den 
Schafen  ausgebrochen  sei.  Bei  meiner  Nachfrage  nach  dem 
Zustande  des  Auges  vom  Schäfer  wurde  mir  auch  sogleich 
vom  Pachter  erwiedert,  dass  er  es  dem  Schäfer  schon  vor 
mehrern  Tagen  angesehn  habe,  dass  das  Auge  wieder 
schlimmer  geworden,  und  bei  näherer  Betrachtung  fand  ich 
auch  den  Zustand  des  Auges  ganz  wie  im  September  vo- 


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266 


rigen  Jahres.  Bei  den  täglichen  Besuchen  des  Patienten 
versäumte  ich  nicht  de6  Schäfers  Auge  auch  täglich  zu  be- 
obachten und  fand,  dass  schon  am  25*.  d.  M.  ein  Nachlass 
in  den  Erscheinungen  sich  einstelite,  ohne  dass  von  Seiten 
des  Schäfers  etwas  dagegen  gethan  war,  und  merkwürdi- 
ger Weise  war  auch  mit  dem  4.  Febr.  das  letzte  Thier  ge- 
stürzt. Ob  nun  in  diesem  Falle  eine  besondre  Empfäng- 
lichkeit der  Conjunctita  palpebr.  an  dem  durch  Ectropium 
verunstalteten  Auge  für  dieselben  Einflüsse  vorhanden  war, 
die  nach  einigen  Tagen  unter  der  Heerde  den  Milzbrand 
hervorrief,  scheint  kaum  in  Zweifel  gezogen  werden  zu 
können,  da  diese  Erscheinungen  zu  wiederholten  Malen 
auflraten  und  gewiss  auch  wiederkehren  werden,  da  all- 
jährlich an  diesem  Orte  unter  den  Schafen  der  Milzbrand 
sich  einfmdet  und  ich  somit  Gelegenheit  haben  werde,  meine 
Beobachtungen  fortznsetzen. 

Ob  ähnliche  Beobachtungen  der  Art  gemacht  worden 
und  wo  selbige  vielleicht  verzeichnet  sind,  darüber  nach- 
znforschen  fehlen  mir  hier  die  Materialien  und  übergebe 
daher  diese  auffallende  Erscheinung  der  OcfTentlichkeit. 

Coethen.  Dr,  O.  Jamcuch. 


2.  Gelungene  Resection  bei  Pseudo- Arthrose. 

Ein  Arbeiter,  37  Jahre  alt,  gross,  kräftig  und  von  ge- 
sunder Constitution,  brach  am  14.  October  1844  durch  ei- 
nen Fall  vom  Deiche  den  rechten  Oberarm  etwa  4 Finger 
breit  über  dem  Ellenbogengelenke,  und  wurde  an  demsel- 
ben Tage  verbunden.  Die  Aeusserung  des  zuerst  zugeru- 
fenen Arztes,  dass  der  Arm  noch  nicht  vollkommen  wieder 
eingerichtet  sei,  veranlasste  den  Patienten,  sich  am  folgen- 
den Tage  an  einen  andern  Arzt  zu  wenden,  welcher  acht 
Tage  einen  Schienenverband,  darnach  6 Wochen  Kleister- 
verband, dann  starke  Extensionen  mit  einem  Flaschenzuge, 
abermals  2 Monate  Schienenverband  anwandte,  und  hier- 
nach den  Patienten  für  unheilbar  hielt.  Den  26.  April  1845 


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267 


wandte  Patient  sich  an  einen  dritten  Wundarzt,  welcher 
durch  Reiben  der  Knochenenden  und  Schienenverbinde 
auch  wieder  ungefähr  acht  Monate  die  Heilung  vergeblich 
versuchte,  und  dann  erklärte,  dass  jetzt  nur  noch  durch 
eine  schwere,  leicht  misslingende,  etwa  \ Jahr  erfordernde 
Operation  die  Herstellung  erzielt  werden  könnte,  wozu  Pat. 
sich  aber  damals  nieht  verstehen  wollte. 

Als  er  am  23.  Octbr.  1846  in  das  Hospital  zu  Olden- 
burg aufgenommen  wurde,  war  der  ganze  rechte  Arm  sehr 
abgemagert,  der  Puls  an  der  rechten  radialis  und  brachialit 
bedeutend  schwächer  als  an  den  gleichnamigen  Arterien 
der  linken  Seite.  Pat.  konnte  das  Glied  nicht  ohne  Schmerz 
bewegen,  und  die  beiden  nicht  verheilten  Enden  des  hu~ 
merui  bildeten  nebeneinanderliegende  kegelförmig  zuge- 
spitzte Geienkflächen,  welche  durch  ligamentöse  Bildungen 
so  locker  verbunden  waren,  dass  sie  beinahe  um  einander 
herum  bewegt  werden  konnten.  Es  schien  hiernach  keine 
Methode  als  die  der  Resection  angezeigt,  welche  am  12. 
Nov.  1846  verrichtet  wurde.  Die  resecirten  Knochenenden 
waren  etwa  J Zoll  lang,  kegelförmig,  mit  abgerundeten 
Spitzen  und  mit  Knorpel  überzogen.  Darauf  wurde  bis 
zum  10.  März  1847  in  einem  sehr  sichern  Schienenver- 
bande  die  Heilung  abgewartet  und  weil  diese  jetzt  noch 
nicht  eingelreten  war,  der  Kranke  mit  einem  die  Beweg- 
lichkeit des  Vorderarms  gestaltenden  Schienenverbande  ent- 
lassen. Diese  Schienen,  welche  Pat.  nur  um  dem  Arme 
einige  Brauchbarkeit  zu  geben,  erhalten,  indem  er  sich 
fernem  Heilversuchen  nicht  unterwerfen  wollte,  lies«  Pat, 
ungefähr  3 Monate  liegen,  und  als  er  sich  nach  dieser  Zeit 
zufällig  wieder  bei  mir  einfand,  zeigte  sich  der  Arm  mit 
zurückgebliebener  Schwäche  und  erschwerter  Beweglich- 
keit in  den  Gelenken  vollkommen  geheilt,  und  jetzt  ist  be- 
reits eine  solche  Brauchbarkeit  des  Arms  eingetreten,  dass 
Pat.  z.  B.  den  Hut  abnehmen  kann.  > 

Dieser  Fall  giebt  erstlich  einen  neuen  Beleg  für  die 
Zweckmässigkeit  der  Resection  bei  Pseudo-Arthro- 
sen, und  zeigt  zweitens,  wie  spät  nach  derselben  die 


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Verheilung  der  resicirten  Knochenfragmente  noch  erfol- 
gen kann. 

Oldenburg.  Dr.  Meinecke. 


3.  Gehirnschwamm  im  Schädelgrunde. 

Ein  Königlicher  Beamter,  55  Jahre  alt,  hatte  sich  von 
Jugend  auf  einer  ausgezeichneten  Gesundheit  erfreut.  Er 
erinnerte  sich  bis  zu  seiner  Erkrankung  nicht,  jemals  Arz- 
nei genommen  zu  haben  und  selbst  die  Feldzüge  hatten 
seinem  sehr  kräftigen  Körper  nichts  angehabt.  Das  ein- 
zige Krankhafte,  was  ihm  begegnete,  war  ein  Stockschnu- 
pfen, der  öfters  wiederkehrle. 

Nach  einer  Erkältung  durch  ein  schlecht  construirtes 
Regenbad  zur  Herbstzeit  hervorgerufen  stellte  sich  ein  den 
ganzen  Kopf  umspannender  Schmerz  ein,  der  vom  Hinter- 
haupte ausstrahlte.  Zu  Anfang  nicht  geachtet,  setzte  sich 
diese  Beschwerde  fest  und  veranlasste  Unbehagen , Appe- 
titmnngel,  Unlust  zu  geistigen  Arbeiten  und  allgemeine  Ab- 
spannung. Es  wurde  nun  dagegen  Hülfe  gesucht.  Schweiss 
erregende  Mittel  bewirkten  starke  Schweisse  ohne  Erleich- 
terung und  der  Kopfschmerz  blieb  unverändert.  Alle  an- 
dern Mittel,  deren  viele  zur  Anwendung  kamen,  blieben 
ohne  Erfolg  und  Pat.  fing  an,  abzumagern.  Auch  Salzbäder 
im  Frühlinge  im  Hause  genommen  verbesserten  Nichts.  Es 
stellte  sich  allmälig  Ohrensausen  und  erschwertes  Hören 
ein.  Die  Zunge  wurde  nach  und  nach  in  ihrem  Dienste 
gestört;  Patient  sprach  wie  wenn  er  eine  Kugel  im  Munde 
hätte;  das  Schlingen  wurde  ihm  lästig  und  er  glaubte  ei- 
nen Knollen  im  Munde  zu  haben,  über  den  er  hinweg- 
schlucken müsse.  Der  Hals  musste  im  Liegen  durch  ein 
rundliches  Kissen  unterstützt  werden,  weil  Pat.  nur  dann 
einschlafen  konnte.  Der  Schlaf  quälte  ihn  mit  fürchterli- 
chen Träumen,  aus  denen  er  mit  Schrecken  erwachte.  Die 
örtliche  Untersuchung  Hess  nirgends  etwas  Abnormes  ent- 
decken. Der  Kranke  reiste  im  Sommer  nach  Burtscheid, 
badete  ohne  Nutzen  und  ging  von  da  nach  Kreuznach,  wo 


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269 


ebenfalls  keine  Besserung  erreicht  wurde.  Einige  grosse 
Furunkeln,  die  ihm  dort  auf  den  Schultern  entstanden,  Hes- 
sen Anfangs  eine  kritische  Thätigkeit  hoffen,  aber  umsonst. 
Zu  Hause  angekommen,  war  er  entkräfteter  und  abgema- 
gerter als  vorher.  Zunge,  Pharynx  und  Kehlkopf  versahen 
ihren  Dienst  nur  mühsam,  die  Sprache  war  unverständlich, 
die  Zunge  erschien  gleichsam  kraus  zusammengezogen; 
Patient  konnte  den  Hals  nur  seitwärts  ein  wenig  bewegen, 
rückwärts  den  Kopf  bringend  empfand  er  blitzartige  Stiche 
im  Rückenmarkscanale  hinab,  die  ihn  zum  lauten  Schreien 
und  zum  Niederstürzen  brachten.  Unter  diesen  immer  mehr 
zunehmenden  und  durch  unablässige  Kopfschmerzen  ver- 
mehrten Leiden  erreichte  die  Abmagerung  den  höchsten 
Grad,  bis  Pat.  um  Weihnachten  unterlag  — ein  Jahr  nach 
Beginn  des  Uebcls.  Husten  war  während  der  ganzen  Krank- 
heit nicht  vorhanden  und  die  Verdauung  blieb  bis  zum 
letzten  Tage  gut. 

Die  Section  des  Kopfes  zeigte  Caries  der  pars  basila- 
ris  crcmii  und  des  Keilheins,  die  sich  nach  vorn  über  den 
Türkensaltel  ausbreitete  und  auf  beiden  Seiten  ins  Felsen- 
bein überging,  bis  zur  Stelle  des  Eintritts  des  Gehörnerven. 
Abwärts  dehnte  sie  sich  bis  über  das  grosse  Hinterhaupts- 
loch und  den  ersten  Halswirbel  aus,  der  bedeutend  zerstört 
war.  Aus  diesem  cariösen  Boden  wucherte  eine  röthliche, 
fein  gehacktem  Fleische  ähnliche  fungöse  Masse  hervor,  die 
den  Gehörnerven  und  den  Austritt  mehrerer  Nerven  um- 
lagerte. Sie  hatte  offenbar  die  Functionen  des  Nereus  au- 
ditorius  und  glossopharyngeus  am  meisten  beeinträchtigt. 
Die  Substanz  des  Gehirns  selbst  zeigte  keine  Abweichungen. 

Dr.  Weihe. 

1 "■  - 

tOf''-*ltÜ  ll'.llii'  i .vi  -i.i  ii  i | 

Kritischer  Anzeiger 

neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Theorie  positive  de  l’oculation  spontane«  et  de%  la  fecondation 
des  mammiferes  et  de  Vespece  humame,  basee  sur  l’obser- 


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270 


vation  de  leide  la  serie  animale , par  le  Dt.  F.  A.  Pou- 
ch ei,  prof.  de  Zoologie  d Rouen  etc.  Paris  1847.  500  S. 
8.  mit  einem  Atlas  in  4to  mit  20  illum.  Kupfertafeln. 

(Die  schöne,  vom  Pariser  Institut  gekrönte  Arbeit,  die 
auf  eignen  genauen  und  microscopischen  Untersuchungen 
begründet  ist,  stellt  folgende  zehn  „Gesetze"  über  die  Be- 
fruchtung auf,  die  zum  Theil  mit  den  neuen  deutschen  Un- 
tersuchungen correspondiren:  1)  es  giebt  keinen  Unter- 

schied (in  dem  Befruchtungsvorgange ) zwischen  Mensch 
und  Säugethiercn ; 2)  im  ganzen  Thicrreich  geschieht  die 
Befruchtung  durch  Eier,  welche  vor  der  Befruchtung  prä- 
existiren;  3)  vielfache  Gründe  verhindern  bei  den  Säuge- 
Ihieren  den  Contact  der  Saamenflüssigkeit  mit  den  noch  in 
den  Qraaf' sehen  Bläschen  enthallnen  Eichen;  4)  die  Be- 
fruchtung kann  nur  dann  geschehn,  wenn  die  Eichen  eine 
gewisse  Entwicklung  erlangt  und  sie  sich  vom  Eicrslock 
abgelöst  haben;  5)  in  dem  ganzen  Thierreiche  lässt  ganz 
unbestreitbar  der  Eierstock  seine  Eichen  unabhängig  von 
der  Befruchtung  fahren  lernet);  6)  in  allen  Thieren  lösen 
sich  die  Eichen  zu  bestimmten  Epochen  ab  und  in  Bezie- 
hung zur  periodischen  Aufregung  ( sure-xcHation ) der  Ge- 
schlechtsorgane; 7)  bei  den  Menschen  und  den  Säugethie- 
ren  findet  die  Befruchtung  nie  anders  Statt,  als  wenn  die 
Emission  der  Eichen  mit  der  Gegenwart  von  Saamenflüssig- 
keit coindicirt;  8)  die  Menstruation  des  Weibes  correspon- 
dirt  mit  den  Erscheinungen  der  Aufregung,  die  sich  zur 
Zeit  der  Geilheit  bei  den  Thieren,  zumal  den  weiblichen 
Sftugethieren,  zeigen;  0)  die  Befruchtung  zeigt  eine  be- 
ständige Beziehung  zur  Menstruation:  deshalb  lässt  sich 
leicht  beim  Menschen  genau  die  intermenstruelle  Epoche 
bestimmen,  wo  die  Empfängniss  physisch  unmöglich  ist,  und 
jene  Epoche,  wo  die  Empfängniss  wahrscheinlich  ist;  10) 
bei  dem  Menschen  und  den  Säugethieren  begegnen  sich 
normalmässig  Eichen  und  Saame  im  Uterus,  oder  in  der 
Gegend  der  Trompeten,  die  nahe  am  Uterus  liegt,  und  hier 
geschieht  die  Befruchtung.) 


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271 


Die  magnelo  - electrische  Rotationsmaschine  und 
der  Stahlmagnet  als  Heilmittel,  von  Dr . Elard  Römer»- 
hauten,  Ritter  u.  s.  w.  Mit  einer  Sleinzeichnung,  Halle 
1847.  VI  u.  42  S.  8. 

(Die  Betrachtungen  des  Vfs.  über  das  Wesen  und  die 
Eigenschaften  des  Lichts,  der  Wärme,  der  Electricität  und 
des  Magnetismus  werden  Nichtphysikern  zu  ungenügend  und 
der  gehörigen  Klarheit  in  der  Darstellung  ermangelnd  er- 
scheinen.  Seine  Rotationsmaschine  aber  zeichnet  sich  durch 
empfehlenswerlhe  Einfachheit  aus.  Beiläufig  wollen  wir 
hier  bemerken,  dass  man  die  therapeutischen  Wirkungen 
dieser  Rotationsmaschinen  neuerlichst  überschätzt  hat,  wo- 
rin gewiss  auch'  andre  erfahrne  Aerzte  mit  uns  einver- 
standen sind.) 


Untersuchungen  im  Gebiete  der  gerichtlichen  Arznei- 
wissenschaft für  Aerzte  und  Criminalisten.  Von  S.  E. 
Löwenhardt,  Dr.  u.  s.  w.  Erster  Band.  Berlin  1848. 
XVI  u.  400  S.  8. 

(Ein  als  erfahrner  chirurgischer  Practiker  rühmlich 
bekannter  Dilettant  — soll  heissen:  nicht  practischer  fo- 
rensischer Arzt  — giebt  hier  Abhandlungen  über  Schädel- 
verletzungen, wobei  die  Gehirnentzündung,  die  Trepanation 
und  die  vom  Vf.  sogenannte  chronische  Gehirnerschütterung 
bei  Gelegenheit  vorgekommener  und  mitgetheilter  Fälle  er- 
läutert werden,  wobei  man,  neben  vielem  Bekannten,  doch 
auch  anziehende  eigne  Ansichten  finden  wird.  Die  Hälfte 
des  Buches  umfasst  die  Erzählung  und  Beleuchtung  eines 
Gerichtsfalls  von  tödtlich  gewordner  penetrirender  Unter- 
leibsverletzung. Der  Vf.  bemüht  sich  mit  lief  eingehender 
Kritik  die  unzulängliche  Behandlung  des  Falles  Seitens  der 
begutachtenden  Gerichtsärzte  nachzuweisen  und  beleuchtet 
sodann  ausführlich  die  vielbesprochnen  drei  Fragen  des  j. 
169  der  Crim.  Ordnung,  so  wie  die  Fragen  der  beiden 
spätem  Strafgesetzentwürfe.  Mit  diesen  seinen,  an  sich 
allerdings  vollkommen  richtigen  kritischen  Einwürfen  kommt 
er  indess  nun  freilich  jetzt  ganz  und  gar  und  glücklicher- 


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272 


weise  — post  fest  um,  da  endlich,  endlich  Gottlob ! der  un- 
selige Lcthalitätsstreit,  der  so  viel  Verwirrung  und  unnützes 
Geschreibe  im  Criminalforum  veranlasst  hat,  durch  den  neu- 
sten, so  eben  durch  die  ständische  Berathung  gegangenen 
Strafgesetzentwurf  radical  getödtet  worden  ist.  Die  ge- 
sunde Vernunft,  die  sich  schon  seit  Decennien  mehr  und 
mehr  bei  den  besten  neuern  Lehrern  des  Strafrechts  und 
der  gerichtlichen  Arzneiwissenschaft  Bahn  gebrochen,  hat 
endlich  gesiegt,  und  es  wird  fernerhin  von  abstracten 
Categorien,  wie  sie  jede  Fragenstellung  (auch  die  vom 
Vf.  versuchte!)  bedingt  und  festsetzt,  bei  Verletzungen, 
auf  welche  der  Tod  erfolgte,  nicht  mehr  die  Rede  sein.) 

Theorie  und  Methodik  des  Wasserheilverfahrens.  Als 
Grundlage  einer  speciellen  Wasserheillehre  in  Aufforde- 
rung des  Vereins  für  rationelle  Ausbildung  der  Wasser- 
heilkunde in  Böhmen  verfasst  von  Hartwig  Weiskopf, 
pract.  Arzte.  Wien  1847.  VIII  u.  204  S.  8. 

(Cramfie,  crambe  dccies  cocta!  Die  Schrift  mag  für  den 
Zweck,  für  welchen  sie  verfasst,  der  Anwendung  der  Was- 
sercuren  in  Böhmen  mehr  Eingang  zu  verschaffen,  ganz 
nützlich  sein:  für  die  medicinische  Literatur  ist  sie  uner- 
heblich, da  sie  bereits  nur  zu  viele  Vorgänger  hat,  von 
denen  sie  sich  in  Nichts,  es  sei  durch  Weitläufigkeit,  un- 
terscheidet.) 


Beiträge  zur  Se  eien heilk  und e von  Dr.  Friedr.  Engel- 
ken, Director  der  Privatheilanstalt  zu  Oberneuland  bei 
Bremen.  Bremen  1846.  X u.  162  S.  8. 

(Ein  ruhig  und  klar  geschriebenes  Lehrbuchs- Capitel 
über  Aetiologie,  Diagnose,  Prognose  und  Cur  der  Seelen- 
störung, nichts  mehr  und  nichts  weniger.  Die  Selbstbio- 
graphien zweier  genesenen  Kranken  sind  zu  lang  gerathen.) 


(tedrurkl  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gestammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  ain  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1J  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  Thlr.  bestimmt,  wofür  iflmmtliche  Buch- 
handlungen unil  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  H i r sc hiralJ. 


%]\§  18,  Berlin,  den  '29,fn  April  1848. 


Die  letzten  drei  Saisons  in  Drihurg.  Vom  Modle.  - Ruth  Dr.  Brück. 
(Schluss.) — Merkwürdige  chirurgische  Fälle.  Vom  Kr.- Wundarzt 
K o ns e rnü 1 1 e r.  (Abgehauene  Glieder.)  -^Vermischtes.  (Entzün- 
dung der  Pfortader.)  v 


Rückblick  auf  die  drei  letztverflossenen  Saisons 

in  Driburg. 

M i t g e t h e i I t 

vom  Med.-Rath  Dr.  A.  Th.  Brück  in  Osnabrück, 
Brunnenarzte  in  Driburg. 

(Schl  u a a. ) 


Die  zunehmende  Häufigkeit  der  Bleichsucht,  eine 
Thatsache,  welche  bekanntlich  mancherlei  Deulungsversuche 
erfahren  hat,  habe  ich  oben  Hansen  als  eine  der  Folgen 
der  Influenza  zugegeben,  ohne  deshalb  die  Concurrenz  and- 
rer Gelegenheilsursochen,  ohne  deshalb  auch  meine,  früher 
in  diesen  Blättern  ausgesprochne  Ansicht  aufzugeben,  dass 
der  Pubcrlätschlorose  nicht  selten  ein  psychologisches 
Moment  zum  Grunde  liege:  der  Mangel  einer  energischen 
Pädagogik,  gleichfalls  eine  Influenza  unsrer  Zeit.  Bei  der 
grossen  Mehrzahl  der  Chlorotischen  aus  den  hohem  Stän- 
den, welche  die  Bäder  besuchen,  war  — ich  wiederhole 
es  — jenes  psychologische  Moment:  Verzärtelung  der 

Jahrgang  1848.  JS 


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274 


bleichsüchtigen  Töchter  durch  die  Affenliebe  der  Mütter 
(häufig  Wittwen)  und  Vater  unverkennbar.  Zwar  scheint 
es  paradox,  eine  „Krankheit  des  Blutes”  aus  psysichem 
Grunde  herzuleiten,  was  man  sich  bei  einer  „Nervenkrank- 
heit” wohl  eher  gefallen  lässt;  aber  ist  denn  die  Bleich- 
sucht bloss  eine  Krankheit  des  Blutes?  deuten  nicht  so 
manche  psychische  Anomalien,  die  im  Laufe  der  Bleichsucht 
zum  Vorschein  kommen,  zugleich  auf  eine  Verstimmung 
des  hohem  Nervenlcbens?  Jene  halbsimulirten  cachekti- 
schen  Lähmungen,  Gemülhsverstimmungen  und  Albernheiten, 
jene  sogenannten  Idiosyncrasien  und  Gelüste  nach  dem 
Genuss  von  Kreide,  Kohlen  u.  s.  w.,  nach  dem  Geruch 
verbrannter  Federn  u.  s.  w.,  nach  dem  Befühlen  polirter 
Billardqueus,  wie  mir  einmal  in  Driburg  vorkam: — ragen 
sie  nicht  in  das  Gebiet  der  Seelenverslimmungen  und  zwar 
solcher,  denen  ein  vernünftiger,  fester  Wille  der  Erzieher 
Vorbeugen  könnte,  wie  dem  „Gespensle  des  Brandstiftungs- 
triebes”, das  uns  neuerlich  durch  Casper's  lichtbringende 
Abhandlung*)  enthüllt  ist?  In  der  Thal  trage  ich  kein  Be- 
denken, lmmermatm’s  resolute  Aeusserung  über  das  Feuer- 
gelüsl  junger  Mädchen:  „sie  lassen  es  aber  wohl  bleiben, 
wenn  sie  scharf  zusammengenommen  werden”, 
auch  auf  alle  diese  Gelüste  und  Launen  der  verzogenen 
und  verzärtelten  Bleisüchtigen  anzuwenden. 

Verzichten  wir  aber  darauf,  wie  Naturnothwendigkeit 
und  psychische  Freiheit,  so  auch  körperliche  und  Seelen- 
krankheit scharf  zu  trennen  und  kehren  zu  unserm  Thema, 
der  Chlorose  als  Folge  der  Influenza  zurück!  Manche  ein- 
fachere Fälle  dieser  Art,  in  Driburg  geheilt,  übergehe  ich, 
wie  bemerkt,  um  eines  durch  seine  Complication  interes- 
santen, unglücklichen  zu  erwähnen,  welchen  der  letzte 
Sommer  mir  zuführte.  Ein  Mädchen  von  22  Jahren,  die 
Tochter  eines  schwächlichen  Vaters  und  einer  plethorischen 
sehr  lebhaften  Mutter,  war  schon  als  (schönes)  Kind  leicht 

*)  Casper'i  Denkwürdigkeiten  zur  med.  Statistik  u.  s.  w.  1846. 
S.  250  u.  s.  w.  d.  Vf. 


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275 


erregbar,  heftig  — um  nicht  zu  sagen  eigensinnig  — und 
litt  viel  an  Zahnschmerz.  Seit  dem  löten  Jahre  regelmäs- 
sig menstruirt,  bekam  sie  im  17ten  die  Influenza  mit  Hus- 
ten als  vorherrschendem  Symptom,  worauf  sich  die  Bleich- 
sucht entwickelte  mit  dem  Gelüste  nach  Kreide  und  Holz- 
kohlen, die  sie  glühend  aus  dem  Ofen  nahm  und  vor  Gier 
nach  deren  Genüsse  kaum  das  Erkalten  derselben  abwarten 
konnte.  Nach  einem  Jahre  schien  die  Bleichsucht  geheilt, 
d.  h.  die  Bleichheit  verschwand,  allein  die  Sucht  blieb  mit 
ihren  bekannten  Herzsymplomen  und  Algieen,  namentlich 
Zahnschmerz.  Molken  vertrug  Fat.  nicht;  kalte  Wellenbäder 
waren  wohlthätig,  ohne  kräftige  Gesundheit  herbeizuführen, 
denn  es  entwickelte  sich  eine  Struma  lymphalica  und  jene 
merkwürdige  Anschwellung  der  Augäpfel,  welche  ich,  nach- 
dem ich  bereits  1835  in  Ammon  s Zeitschr.  f.  Ophthalmie 
Bd.  4 Hft.  3.  4 davon  eine  vorläufige  Notiz  gegeben,  in 
dieser  Wochenschrift  1840  No.  28  unter  der  Benennung 
Buphlhalmus  hyslericut  beschrieben  habe.  Bemerken  muss 
ich  noch,  dass  unsre  Kranke  nie  an  Scropheln  litt;  dage- 
gen hatte  sie,  übrigens  wohl  gebaut  und  ernährt,  die  lym- 
phatische Hautsukkulen*  der  Bleichsüchtigen.  So  traf  sie, 
begleitet  von  der  ängstlich  besorgten  Mutter  und  einer 
kleinen  cacheklischen  Schwester  in  Dtiburg  ein,  in  höch- 
ster hysterischer  Aufregung,  bei  geröthetem  Antlitz  und 
fortwährendem  klingenden,  starken  Herzschlage  und  Säge- 
geräusch der  Carotiden,  stets  in  Thränen  schwimmend,  um 
Hülfe  flehend,  vorzüglich  gegen  die  entstellende  Geschwulst 
der  Augen  und  des  Halses.  — Im  Wesentlichen  passte  auf 
die  Kranke,  was  ».  Basedow  (Wochenschr.  1840  No.  13.  14) 
als  „ Exophlhalmos  durch  Hypertrophie  des  Zellgewebes  in 
der  Augenhöhle”  darstellt,  wobei  er  ein  Hauptaugenmerk 
auf  Herzkrankheit  richtet.  Noch  genauer  reiht  sich  der 
Fall  an  Mac  Donnd’s  „eigentümliche  Form  von  Herzkrank- 
heit mit  Vcrgrösserung  der  Gland.  thyreoidea  und  der  Au- 
gen", ( Dublin  Journ.  of  med.  sc.  1845.  May)  einen  Krank- 
heitszustand, der  jüngst  von  H.  Marsh  in  Dublin  und  auch 
von  Graves  und  Stokes  als  „Vergrösserung  der  Schilddrüse 

18* 


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276 


in  Folge  von  Palpitationen  des  Herzens”  beschrieben  sein 
soll.  Doch  fehlt  in  unserm  Falle  die  von  den  Irländern 
beobachtete  „temporäre  Congestion  der  Schilddrüse”,  so 
nämlich,  dass  diese  immer  angeschwollen  sei,  wenn  die 
Palpitationen  endeten.  Uebrigens  waren  die  Augäpfel,  wie 
in  allen  ähnlichen  Fällen,  wesentlich  schmerzlos  und  das 
Sehvermögen  hatte  nicht  gelitten.  — Bei  der  enorm  ge- 
steigerten Gefässthätigkeit  vertrug  die  Kranke  auch  die 
mildeste  Form  unsrer  Cur  nicht  und  wurde  an  ein  Ostsee- 
bad verwiesen. 

Die  Nachwirkungen  der  Influenza  auf  die  sexuelle 
Sphäre  des  Weibes,  von  Hansen  als  gesteigerte  Anlage 
zur  Conceplion,  zu  Metrorrhagien  und  Abortus,  mancherlei 
Kränkeln  in  der  Schwangerschaft  und  dem  Wochenbette 
angedeutet,  kamen  mir  in  Driburg  nicht  selten  zur  Beob- 
achtung, da  ja  unser  Bad  unter  die  sogenannten  Frauen- 
bäder gezählt  wird.  Unter  allen  diesen  Zuständen  erlaube 
ich  mir  jedoch,  die  Aufmerksamkeit  der  Leser  auf  eine 
Erscheinung  hinzulenken,  welche  ich  bereits  vor  fünf  Jah- 
ren in  diesen  Blättern  (1842.  S.  251 ) berührt  habe  und 
welche  1844  in  der  Versammlung  der  Aerzte  zu  Bremen 
von  Dr.  Darkhausen  von  Neuem  zur  Discussion  gebracht 
wurde,  nämlich  die  Häufigkeit  chronischer  und  acu- 
ter Hirnwassersuchten  beiKindern  schwächlicher, 
receptiver  und  deshalb  viel  gebärender  Mütter 
und  die  glückliche  Behandlung  dieser  letztem  durch  eine 
Cur  in  Driburg  zur  Erzielung  seltnerer,  aber  gesunder 
Nachkommenschaft.  — Eine  gesunde  Frau  gebar  ihrem  ca- 
chektischen  Manne  einen  gesunden  Erstling,  der  zweite 
Knabe  war  schon  schwächlich;  nun  wurde  die  Mutter  durch 
schnell  folgende  Wochenbetten  selbst  geschwächt  und  die 
drei  folgenden  Kinder  starben  in  den  ersten  Lebensjahren 
an  Gehirnhöhlenwassersucht.  Erst  das  sechste  Kind,  wel- 
ches sie  unmittelbar  nach  einer  Cur  in  Driburg  empfing, 
(auch  fühlte  sie  sich  in  dieser  Schwangerschaft  viel  woh- 
ler),  gedieh,  wie  die  beiden  ersten  Kinder.  Eine  Reihe 
ähnlicher  Fälle  könnte  ich  hinzufügen,  wo  Frauen,  welche 


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277 


gleich  nach  der  Cur  concipirfen  (was  hei  Einer  nach  15- 
jähriger  unfruchtbaren  Ehe  geschah)  diese  Früchte  der 
Heilquelle  als  blühender,  von  kräftigerer  Arteriosität  be- 
zeichnten, die  dann,  selbst  bei  scrophulöser  Familienanlage 
diese  glücklicher  überwanden.  Uebrigens  gab  ich  allen 
solchen  Frauen,  welche  mehrere  Kinder  an  Hydrops  cerebn 
verloren  hatten,  den  Rath  mit,  ihrem  nächsten  Kinde  im 
ersten  Lebensjahre  ein  Fontanell  auf  den  Arm  zu  legen 
und  dieses  eine  Reihe  Jahre  tragen  zu  lassen.  Dieser 
zwiefachen  Prophylaxis,  sowohl  durch  Stärkung  der  Mutter 
vor  der  Conception,  als  durch  directe  Einwirkung  auf  das 
Kind,  glaube  ich  eine  Reihe  glücklicher  Erfolge  zuschrci- 
ben  und  dieselbe  hiermit  dringend  empfehlen  zu  dürfen. 

Als  Folge  der  Influenza  schien  mir  in  einigen  Fällen 
eine  seltne  Form  anomaler  Menstruation  erkannt  werden 
zu  müssen,  welche  sich  stets  als  ein  Hinderniss  der  Em- 
pfängnis erwies,  ich  meine  den  schmerzhaften  Ab- 
gang häutiger  Concremente.  Der  letzte  Fall  dieser 
Art  jedoch,  der  mir  im  Sommer  1847  bei  einer  unfrucht- 
baren, seit  7 Jahren  an  einen  kräftigen  Mann  verheiralhe- 
ten  Frau  zur  Reobachtung  kam,  war  keine  Folge  der  Grippe. 
Einer  brieflichen  Mittheilung  des  Gatten  zufolge  hatte  die 
nächste  Menstruation  nach  der  Trink-  und  Badecur  statt 
der  frühem  schmerzhaften  häutigen  Abgänge,  eine  schmerz- 
lose Ausscheidung  von  dunklem  Pigment  ergeben.  Wenn 
auch  dieser  Erfolg  vorläufig  dankbar  anerkannt  wurde,  so 
wird  doch  erst  die  Zukunft  lehren,  ob  damit  die  Disposition 
des  Uterus  (oder  nach  Oldham  der  Ovarien)  eine  monat- 
liche dysmenorrhoische  Membrana  decidua  zu  bilden,  und 
das  Hinderniss  einer  Schwangerschaft  gehoben  sei.  Von 
den  frühem  Fällen  ist  mir,  was  ja  so  oft  die  Klage  des 
Brunnenarztes  ist,  keine  weitere  Kunde  geworden. 

Schon  Forestas  fand  nach  einer  der  grossen  Influenza- 
epidemien, welche  im  10.  Jahrhunderte  in  Italien  furchtbar 
grassirten,  eine  „ longa  veniricuU  imbecilliias  cum  hujusmodi 
accidentibus,  quae  in  melancholia  hypochondriaca  adesse  solent" 
und  nach  Hansen  führten  Hypochondristen  und  Hämorrhoi- 


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278 


dalkranke  lange  noch  Klagen  über  vermehrten  Schwindel, 
Angst,  Verstimmung;  Klagen,  welche  auch  ich,  namentlich 
von  den  Stammgästen  Driburgs,  die  von  der  Grippe  heim- 
gesucht worden  waren,  zu  vernehmen  gewohnt  bin.  Bei 
einem,  an  schmerzhaftem  Schwerharnen  seit  Jahren  leiden- 
den, plelhorischem  Manne  stellte  sich  mit  und  in  Folge  der 
Grippe  eine  enorme  Blasenverschleimung  ein,  welche  vor 
Allem  die  nächtliche  Ruhe  des  Kranken  empfindlichst  störte; 
bei  Kranken  dieser  Art  bewährt  der  Hersterbrunnen , an- 
haltend getrunken,  seine  gepriesene  Wirksamkeit. 

Es  begreift  sich  leicht,  dass  die  Influenza,  wo  sie  be- 
reits geschwächte  Schleimhäute  des  Alhmungs-,  Verdauungs-, 
Geschlechts-  und  Harnapparates  vorfindet,  die  Profluvien 
vermehrt  und  chronisch,  ja  lebensgefährlich  wird.  Statt 
eine  Reihe  gelungener  oder  misslungener  „cascs  and  ob- 
servations"  aus  den  verschiednen  Schleimhautregionen  vor- 
zuführen, erwähne  ich  nur  eine  junge  Frau,  die  in  Folge 
der  Grippe  seit  einem  halben  Jahre  an  hartnäckiger 
Diarrhöe  litt,  welche,  einer  wechselnden  Anzahl  Arznei- 
mittel momentan  weichend,  doch  stets,  namentlich  nach  je- 
der Gemüthsbewegung,  sofort  wiederkehrle.  Das  Uebel 
war  um  so  lästiger,  als  ihre  erste  und  einzige  Geburt  vor 
vier  Jahren  ihr  einen  Dammriss  zugezogen  hatte,  der  An- 
fangs eine  Incontinentia  scybalorum,  dann  flahium  veran- 
lasste.  Auf  der  einen  Hand  trug  sie  eine  kleine  trockne 
Flechtenstelle,  wovon  sie  sehr  belästigt  wurde  und  deren 
Vertreibung,  nach  der  Bemerkung  des  Hausarztes,  stets 
anderweitige  Befindungsstörungen  hervorzurufen  schien. 
Neben  dem  Gebrauche  der  Eisenquelle  verordnete  ich  zu- 
erst zehn  Schlammbäder,  sodann  zwanzig  Eisenbäder  nebst 
Doucbe  auf  den  Unterleib  und  die  Gegend  des  geschwäch- 
ten, glücklicherweise  nicht  eingerissenen  Sphmcter  am.  Bei 
steigendem  Wohlbefinden  bewirkte  die  Cur  einen  anhalten- 
den Brunnenrausch  mit  merklicher  geschlechtlicher  Aufre- 
gung. Ein  Jahr  darauf  erhielt  ich  vom  Hausarzte  die  Nach- 
richt, dass  die  Kranke  nicht  nur  seit  der  Cur  aller  ihrer 
Leiden  baar,  sondern  auch  sofort  schwanger  geworden  sei 


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279 


und  glücklich  geboren  habe.  — Die  sexuelle  Aufregung 
als  unmittelbare  Einwirkung  unsrer  Cur,  scheint  beim  weib- 
lichen Geschlechte  ziemlich  allgemein  zu  sein,  theils  durch 
die  unmittelbare  Blut-  und  Nervenbelebung  vermöge  des 

Trinkens  der  Quelle  mit  ihrem  enormen  Reichthum  an  Koh- 
lensäure (51, fl  Kubikzoll  in  16  Unzen),  theils  durch  den 
„Schmeichel”  des  Bades  — wie  Marcard  die  Einwirkung 
die  Einwirkung  der  kohlensauern  Bäder  auf  die  gesammte 
Hautfläche  bezeichnet  — endlich  durch  örtliche  Reizung  der 
Schleimhaut  der  Vulva.  In  der  ersten  Hälfte  der  Cur  ver- 
mehrt sich  daher  jeder  Fluor  albus , sodann  wird  der  Aus- 
fluss, wo  er  Folge  allgemeiner  oder  örtlicher  Schwächung 
ist,  consistenter  und  verschwindet  erst  gegen  Ende  oder 
nach  der  Cur.  Wegen  dieser  unverkennbaren  specifischen 
Ansprache  der  sexuellen  Sphäre  durch  die  Driburgcr  Cur 
ist  ohne  Zweifel  die  unter  den  Aerzten  verbreitete  An- 
sicht, dass  dieselbe  während  der  Schwangerschaft 
absolut  contraindicirt  sei,  vollkommen  berechtigt,  was  ich 
durch  Beispiele  erfolgter  Abortus  bei  illegitimen,  verheim- 
lichten Schwangerschaften  und  bei  einer  Dame,  welche  die 
Cur  auf  eigne  Hand  brauchte,  zu  bestätigen  (Wochenschr. 
1837  No.  4 u.  a.  a.  0.)  veranlasst  war.  Dennoch  kommen 
jährlich  Fälle  vor,  wo  erst  während  der  Cur  und  durch 
dieselbe  das  Dasein  der  Schwangerschaft  sich  offenbart. 
Fast  immer  muss  die  Cur  wegen  Congestionen , Beängsti- 
gungen, Spannungen  des  Uterus,  die  zu  Wehen  werden 
können,  ausgesetzt  werden;  nur  bei  wenigen  torpidem 
Naturen  habe  ich  unter  sorgsamster  Beaufsichtigung  die 
Cur  ohne  Nachtheil  fortsetzen  lassen  und  — merkwürdig 
genug!  — wurden  diese  Wagnisse  durch  blühendere,  kräf- 
tigere Kinder  belohnt.  Solche  Ausnahmen  bestätigen  aber 
nur  die  Regel. 

Wenn  beim  weiblichen  Geschlechte  die  übermässige 
Thätigkeit  des  Geschlechtslebens  zunächst  durch  Störungen 
im  vegetativen  Leben,  dann,  wo  sie  nervös  werden,  mehr 
in  der  sensitiven  Sphäre  als  Hyperästhesie  (von  der  soma- 
tischen Neuralgie  bis  zuin  psychischen  Schmerze,  der  Me- 


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lancholie)  empfunden  wird , so  sehn  wir  dagegen  geschlecht- 
liche Ausschweifungen  im  männlichen  Geschlechte  überall 
mehr  durch  nervöse  Störungen  bestraft,  eine  Erscheinung, 
wofür  ich  als  physiologischen  Grund  die  tiefere  Aufregung 
des  Nervensystems  und  die  Bedeutung  des  Saamens,  den 
selbst  die  Chemie  als  flüssiges  Nervanmark  charakte- 
risirt,  geltend  mache.  So  sehn  wir  denn  beim  männlichen 
Geschlechte  als  Symptom  gestörten  Ganglienlebens  die  hy- 
pochondrische Verstimmung  und  als  Symptome  des  ge- 
schwächten Wirbelnervensystems  — gleichsam  der  zweiten 
Instanz  — nicht  nur  dessen  sensitive,  sondern  vorzugs- 
weise dessen  motorische  Seite  afficirt  und  jene  infernali- 
schen Pforten  der  Tabes  dorsalis  mit  der  Inschrift:  Icuciaie 
ogni  speranza!  sich  öfTnen. 

Seit  einer  Reihe  von  Jahren  habe  ich  mich  — jedoch 
vergebens  — bemüht,  bei  den  an  Tabes  d.  Leidenden  sub- 
jective  oder  objective  Zeichen  als  Vorboten  dieser  Krank- 
heit heraus  zu  examiniren,  an  deren  Kennlniss  mir,  als 
Driburger  Brunnenarzt  so  viel  läge.  Denn  ehe  die  moto- 
rische Störung  eingetreten  ist,  getraue  ich  mir  bei  sexuel- 
len Ausschweifungen  durch  unsern  Heilapparat  Grosses  zu 
leisten;  nachher  wenig  oder  nichts!  Eine  Zeitlang  glaubte 
ich,  ein  pathognomonisches  Symptom  als  warnenden  Vor- 
boten der  Tabes  erhascht  zu  haben,  nämlich  die  Empfindung 
eines  tiefen  Stiches  in  der  Kreuzgegend  während  des 
Coitus;  doch  finde  ich  jetzt  auch  dieses  Zeichen  nicht  all- 
gemein stichhaltig.  Es  bleibt  daher,  da  meines  Wissens 
auch  andere  Pathologen  in  diesem  Puncte  nicht  glücklicher 
waren,  nichts  übrig,  als  jeder  eingestandnen  Saamen Ver- 
schwendung bald  möglichst  eine  restaurirende  somatische 
und  moralische  Cur  entgegen  zu  setzen.  Die  mir  anver- 
trauten derartigen  Leidenden  behandle  ich  je  nach  dem 
allgemeinen  Zustande  der  Kräfte  und  der  vorherrschenden 
Krankbeitssymptome,  nicht  ohne  besondre  Rücksicht  auf  die 
Reizbarkeit  ihrer  Phantasie  und  moralischen  Schwäche  beim 
Gebrauche  der  reizenden  Bäder,  die  ich  deshalb  von  Zeit 
zu  Zeit  durch  kalte  Uebergiessungen  unterbrechen  lasse. 


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281 


Bei  habituellen  Pollutionen  habe  ich  in  der  Regel  kalte  Sitz- 
bäder aus  unsrem  Mineralwasser  mit  auffallend  günstigem 
Erfolge  angewandt;  so  im  vorigen  Sommer  bei  einem  jun- 
gen Manne,  der  im  Laufe  seiner  26 tägigen  Cur  nur  zwei 
nächtliche  Pollutionen  hatte,  und  auch  diese  nur  nach  all- 
zuanstrengenden Spaziergängen,  wovor  man  um  so  mehr 
zu  warnen  hat,  als  gewöhnlich,  allein  gewiss  mit  Unrecht, 
selbst  von  Aerzten  ermüdende  Touren  angerathen  werden. 
Als  Präcaution  sind  anstrengende  Muskelübungen  für  ge- 
sunde Jünglinge  heilsam,  nachtheilig  aber  jenen,  die  be- 
reits an  Pollutionen  leiden,  zumal  die  einseitige  Bewegung 
des  Gehens. 

Schliesslich  noch  ein  Wort  über  jene  misslichen  mys- 
teriösen Verhältnisse  geschlechtlich  unvollzogener 
Ehen,  sei  es  durch  Unkunde  und  mangelnde  Potenz  von 
der  männlichen,  sei  es  durch  topische  oder  moralische  Hin- 
dernisse von  der  weiblichen  Seite,  Zustände,  welche  ich 
wiederholt  und  nicht  ungehört  in  diesem  Blatte  zur  Sprache 
gebracht  habe.  Auch  in  dem  besprochnen  Triennium  ist 
kein  Sommer  vorüber  gegangen,  dass  nicht  mehrere  solcher 
Hülfe  suchenden  mir  zugesandt  wären,  worin  ich  mit  Dank 
das  ehrende  Vertrauen  meiner  Collegen  anzuerkennen  habe. 
Nur  Einen  Fall  unter  allen  habe  ich  als  misslungen  oder 
vielmehr  als  verfehlt  zu  beklagen,  weil  es  wegen  übertrie- 
bener Schamhaftigkeit  der  Frau,  die,  ohne  dass  ich  sie  ge- 
sehn,  wieder  abreiste,  zu  keiner  Behandlung  kam.  Ueber 
diese  flüchtige  Unbekannte  steht  mir  kein  Urtheil  zu;  doch 
fand  ich,  dass  bei  Allen,  die  aus  unstatthafter  jüngferlicher 
Verschämtheit  oder  Empfindlichkeit  der  Genitalien  die  Co- 
pula  camalis  weigerten,  Mangel  an  Liebe,  deren  Wesen  ja 
hingebende  Opferung  ist  und  — Verzogenheit  zum  Grunde 
lag.  „Ist  Gehorsam  im  Gemüthe,  wird  nicht  fern  die  Liebe 
sein”  — und  so  findet  sich  dennoch  in  so  vielen,  nicht  aus 
geschlechtlicher  Neigung  von  weiblicher  Seite  eingegange- 
nen Verbindungen,  falls  nur  der  Mann  sich  als  solcher  in 
jeder  Hinsicht  sofort  in  Respect  zu  setzen  weiss,  in  der 
Regel  alsbald  ein  glückliches  ehliches  Verhältniss  herge- 


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282 


stellt.  Ohne  hiermit  den  Zwangsehen  das  Wort  zu  reden, 
spreche  ich  nur  eino  vielfach  bewährte  Lebenserfahrung 
aus.  Hat  aber  der  Gatte  im  Beginn  der  Ehe  die  moralische 
Schwäche  bewiesen,  der  bräutlichen  W'eigerung  nachzuge- 
ben: so  zieht  sich  — die  Fälle  sind  nicht  so  gar  selten!  — 
eine  solche  nur  ceremoniell  vollzogne  Ehe  unter  steigen- 
den Misshelligkeiten  nicht  selten  Jahrelang  hin.  Der  un- 
glückliche Gatte  klagt  der  Schwiegermutter  seine  Nolh; 
doch  diese  hat  auf  die  von  früh  auf  verzogne  Tochter  kei- 
nen Einfluss.  Auch  der  Hausarzt,  falls  er  in’s  Vertrauen 
gezogen  wird,  vermag  gewöhnlich  mit  Rath  und  That  nicht 
durchzudringen;  man  fürchtet  die  Schwatzhaftigkeit  der 
Hebamme  u.  s.  w.  In  solchen  Fällen  ist  es  mir,  dem 
fremden  Arzte,  am  fremden  Orte,  unter  Mitwirkung  der 
fremden  einfach  - verständigen  Hebamme  (dem  Fremden 
vertraut  man  sich  leichter;  mit  der  Abreise  ist  Alles  wie 
ausgelöscht!)  in  den  mehrsten  Fällen  bald  gelungen,  die 
Hindernisse  der  Copuia  camaUs  zu  beseitigen. 


Merkwürdige  chirurgische  Fülle  aus  einer 
40jiihrigen  Praxis. 

Mitgetheilt 

von  H.  KomemüUer,  Kreis-Wundarzt  zu  Elberfeld. 


Abgehauene  und  wiedergehcilte  Glieder. 

Erster  Fall.  Ein  ßjähriger  Knabe  hieb  seinem  Zwil- 
lingsbruder, als  derselbe  einen  Span  auf  einen  Holzblock 
hielt,  mit  dem  Beile  den  Zeigefinger  der  rechten  Hand  et- 
was schräg  durch  die  Gelenkverbindung  des  ersten  und 
zweiten  Gliedes  ab,  und  zwar  so,  dass  auf  der  einen 
Beugeseite  nur  eine  halb  Slrohhalmdicke  Haulbrücke  zu- 
rückblieb. Schon  10  Minuten  nach  der  Verwundung  kam 


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283 


ich  dazu  und  fand  mich  deshalb  veranlasst,  die  Heilung 
durch  erste  Vereinigung  zu  versuchen.  Das  abgehauene 
Stück  wurde  mittelst  englischer  Pflasterstreifen  an  den 
Stumpf  angefügt,  feine  Spanschienen  rings  um  den  Finger 
gelegt,  — welche  oben  und  unten  bis  zur  Mitte  der  Hand 
hinaufreichten,  und  dieselben  nach  einander  durch  gewöhn- 
liche Heflpflasterstreifen  befestigt.  Darüber  gekreuzte 
Längestreifen  aus  Leinwand  wurden  mit  einer  Zirkelbinde 
umwickelt  und  der  so  verbundne  Zeigefinger  in  einen  lei- 
nenen Fingerling  gebracht,  welcher  bis  zur  Handwurzel 
hinaufreichte.  Um  jede  Beugung  der  Finger  unmöglich  zu 
machen,  legte  ich  einen  mit  Compressen  Yersehnen  Papp- 
deckel in  die  Hohlhand  von  den  Fingerspitzen  an  bis  zur 
Handwurzel  und  wickelte  durch  eine  Zirkclbinde  Finger  und 
Hand  so  an  diese  Stütze,  dass  dieselben  in  vollständiger 
Extension  verbleiben  mussten.  Nach  vollendetem  Verbände 
wurden  Umschläge  aus  Branntwein  und  Wasser  angeordnet. 

Nach  dem  Verbinden  war  der  Knabe  beruhigt,  bekam 
kaum  eine  Spur  von  Wundfieber  und  als  am  achten  Tage 
der  Verband  abgenommen  wurde,  war  das  abgehauene 
Stück  in  ganzer  Breite  und  natürlicher  Lage  an  den  Finger 
angeheilt,  fast  vernarbt,  was  vollständig  am  12ten  Tage 
geschehn  war.  Um  die  vollständige  Heilung  auf  die  Dauer 
vor  schädlichen  Zufällen  sicher  zu  steilen,  wurde  der  Ver- 
band bis  in  die  vierte  Woche  unterhalten.  Da  Extensoren 
wie  Flexoren  durch  das  Beil  völlig  durchschnitten  gewesen 
und  sich  zurückgezogen  hatten,  so  blieb  der  Zeigefinger 
im  verletzten  Gelenk  natürlich  steif  und  grade,  konnte  je- 
doch ohne  Anstand  zum  Fassen  und  zum  Schreiben  später 
benutzt  werden. 

Zweiter  Fall.  Ein  Bürstenbinder  kam  in  mein  Haus, 
um  sich  einen  abgehauenen,  schon  verbundnen  und  nicht 
mehr  blutenden  Finger  von  mir  verbinden  zu  lassen.  Ge- 
fragt, ob  er  das  fehlende  Stück  Finger  bei  sich  habe,  sagte 
er,  es  sei  nicht  gefunden  worden  und  zwischen  die 
Schweineborsten  gefallen,  bei  deren  Abschneiden  ihn  das 
Unglück  betroffen  habe.  Weder  Blutung  noch  schnelle 


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284 


Vereinigung  gaben  dem  Verwundeten  den  Vorrang  vor  3 
Augenkranken,  mit  deren  Untersuchung,  Ordination  und 
Abfertigung  ich  noch  eine  gute  Viertelstunde  verbrachte. 
Ich  weichte  nun  den  Verband  des  Mannes  in  lauem  Was- 
ser los  und  fand  nun  folgende  Verletzung:  die  äussere 
Hälfte  des  Daumens  der  linken  Hand  war  in  der  Art  von 
dem  Stumpfe  getrennt  und  fehlte,  so  dass  die  Hiebwunde 
eine  Linie  vom  innern  Nagelrande  beginnend,  schräg  nach 
oben  und  aussen  durch  das  Daumengelenk  durchgehend, 
am  obern  Drittheil  der  zweiten  Phalange  des  Daumens  nach 
aussen  endigte.  Die  innere  Hälfte  des  Daumens  bildete 
einen  unförmlich  spitzen  Stumpf,  die  Knochen  und  das  Ge- 
lenk waren  durchhauen  und  die  Prognose  bei  diesem  Stand 
der  Verletzung  schlimm.  Ohne  langwierige  Eiterung,  Ab- 
stossung  der  Knochen  und  der  ganzen  dritten  Phalange 
konnte  hier  keine  Heilung  Statt  finden.  Ich  schlug  deshalb 
dem  Verwundeten  die  Absetzung  des  Gliedes  im  verletzten 
Gelenke  vor,  um  dann  mit  den  ersparten  Weichtheilen  der 
dritten  Phalange  die  Wunde  der  zweiten  zu  decken  und 
so  einen  schönen  brauchbaren  Stumpf  zu  erzielen.  Patient 
bestand  aber  darauf,  den  Daumen  so  zu  heilen  wie  er  war, 
ohne  abzusetzen.  Ich  verband  daher  mit  in  frisches  Pro- 
venceröl  getauchten  Charpie,  Compressen  und  Binden,  or- 
dinirte  schwachen  Chamillenaufguss,  8 Theile  mit  3 Theilen 
Weinessig  und  einem  Theil  Wundwasser  zum  Umschlagen, 
um  dadurch  eintretende  Entzündung  und  profuse  Eiterung 
nicht  aufkommen  zu  lassen. 

Als  Pat.  zum  Fortgehn  die  Thüre  schon  in  der  Hand 
hatte,  kommt  sein  Gesell  mit  dem  Haubeil  in  der  Hand  und 
das  abgehauene  Stück  des  Daumens  sitzt  fest  darauf  ge- 
klebt mit  der  Wundfläche  am  Stahl.  Ich  schlage  vor  zu 
versuchen,  ob  das  Stück  noch  anzuheilen,  worauf  Pat.  la- 
chend meinte,  das  wäre  ja  weit  über  eine  halbe  Stunde 
schon  abgehauen,  jedoch  zuletzt  auf  den  Versuch  einging. 
Ich  nahm  den  Verband  ab,  wusch  die  Wundflächen  mit 
warmem  Wasser,  konnte  jedoch  die  feinen  Fäserchen,  wel- 
che sich  vom  ersten  Verbände  angeklebt  hatten,  nicht  ganz 


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rein  auswaschen,  setzte  das  Stück  Finger  genau  wieder 
an,  befestigte  es  mit  feinen  englischen  Pflasterstreifen,  un- 
terstützte dies  mit  feinen  Spanschienen,  so  dass  eine  Ver- 
schiebung nicht  leicht  Statt  finden  konnte,  umgab  sie  mit 
dünnen  Kreuzcompressen  und  Fingerbinden,  worüber  ich 
sogleich  einen  leinenen  Däumling  anlegte,  empfahl  dem 
Patienten  Ruhe  und  Umschläge  aus  reinem  Kornbranntwein 
mit  Wasser  zu  machen  und  am  andern  Tage  wieder  vor- 
zukommen, denn  ich  glaubte  nicht,  dass  eine  Wiederver- 
einigung Statt  finden  würde.  Am  andern  Tage  fand  sich 
Pat.  wieder  ein  und  zwar,  obschon  es  noch  ziemlich  früh 
am  Morgen  war,  etwas  angetrunken,  worüber  ich  ihn  zur 
Rede  stellte.  Er  wollte  keine  Spur  von  Fieber  verspürt 
haben,  auch  den  Daumen  seit  dem  Verbände  und  Umschläge 
nicht  schmerzhaft  gefühlt  haben. 

Nun  erklärte  Patient,  noch  heute  nach  Düsseldorf  rei- 
sen zu  müssen.  In  der  Hoffnung,  dass  die  Heilung  thcil- 
weise  durch  schnelle  Vereinigung  gelingen  würde,  schrieb 
ich  ihm  seine  Krankheitsgeschichte  genau  auf,  um  im  Noth- 
falle  einem  in  Düsseldorf  zu  consultirenden  Arzte  dieselbe 
mitzutheilen.  Erst  nach  6 Monaten  kam  Patient  wieder  zu 
mir,  zeigte  seinen  Daumen  und  erzählte,  dass  er  auf  seiner 
sechstägigen  Reise  nach  Düsseldorf  keinen  Schmerz  ver- 
spürt, den  Verband  erst  am  achten  Tage,  da  er  locker  ge- 
worden, abgenommen  habe,  wo  er  dann  das  abgehauene 
Stück  vollständig  angewachsen  gefunden;  blos  vom  Nagel 
habe  sich  die  alte  Schwiele  gelöst  und  sei  von  ihm  vollends 
abgeschnitten  worden.  Im  Anfang  sei  die  Spitze  des  Dau- 
mens taub  und  leicht  kalt  gewesen,  was  jedoch  jetzt  nicht 
mehr  Statt  finde.  Das  verletzte  Gelenk  war  völlig  frei  und 
beweglich.  Pat.  lebt  noch  und  treibt  nach  wie  vor  seinen 
alten  Lebenswandel.  — Dieser  Fall  kann  manchem  ängst- 
lichen Wundarzte  zur  Ermuthigung  in  ähnlichen  und  viel- 
leicht noch  schlimmem  Fällen  dienen,  sich  vom  Versuche 
schneller  Vereinigung  nicht  so  leicht  abschrecken  zu  lassen. 
Auch  das  Vorhandensein  der  Leinwandfäserchen  in  der 
Wundfläche  hat  hier  der  Heilung  nicht  den  geringsten  Ein- 


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trag  gethan,  wie  man  wohl  hätte  befürchten  können.  Die 
völlige  Wiederherstellung  der  Gelenkigkeit  ist  dem  Um- 
stande zuzuschreiben,  dass  Flexoren  und  Extensoren  nicht 
vollständig  in  ihrer  Continuität  getrennt  waren. 

Dritter  Fall.  Etwa  ein  Jahr  nach  vorhergehendem 
Fall  wurde  ich  in  eine  hiesige  Peitschen-  und  Metalldrech- 
selei gerufen,  um  einen  Arbeiter  zu  verbinden,  der  sich 
einen  Finger  abgedrechselt  habe.  Rasch  dort  angelangt, 
hörte  ich,  dass  der  Verwundete  in  mein  Haus  gelaufen  sei, 
dass  das  abgedrechselte  Stück  nicht  aufgesucht  worden,  was 
ich  sogleich  anbefahl;  auf  dem  Nachhausewege  begegneto 
ich  dem  Patienten,  kehrte  nach  seiner  Werkstätte  zurück 
und  indem  ich  den  gemachten  Verband  abnahm  und  den 
Stumpf  reinigte,  brachte  man  das  aufgefundne  Stück  voller 
Metallspäne.  Nachdem  ich  nun  beide  Tbeile  sorgfältig  ge- 
reinigt, passte  ich  das  abgedrechselte  Stück  auf  den  Stumpf 
genau  an.  Es  war  der  Zeigefinger  der  linken  Hand,  wo- 
von in  der  Mitte  des  Nagels  ein  Stück  quer  abgedrechselt 
war.  Ich  verband  genau  und  licss  mit  Branntwein  und 
Wasser  lauwarme  Umschläge  machen.  Hier  war  das  feh- 
lende Stück  gequetscht  und  welk  und  doch  wuchs  dasselbe 
vollständig  an,  verlor  jedoch  sätnmtliche  Haut,  die  vom  Fin- 
ger aus  überwachsend,  sich  allmälig  ersetzte,  wodurch  die 
Heilung  über  vier  Wochen  lang  währte.  Der  Nagel  adhü- 
rirte  sich  beim  Nachwachsen  an  das  abgcdrechselle  ange- 
heilte Stück  des  Fingers  nicht,  war  stets  bis  zur  Dureh- 
schniltsfläche  hervorstehend  und  trocken  abzutragen.  Die 
Spitze  erhielt  nach  und  nach  Gefühl  und  Wärme  vollstän- 
dig zurück,  so  dass  völlige  Brauchbarkeit  des  Fingers  wie- 
der eintrat. 

Vierter  Fall.  Durch  schnelle  Vereinigung  angeheilte 
Nase  mit  Einheilung  von  Kohlenstaub.  — Einem  hiesigen 
Schneidermeister  war  mittelst  einer  Steinkoblenschippe  die 
Nase  in  der  Art  herunter  gehauen,  dass  der  vordere  knor- 
pelige Theil  derselben  nahe  unterhalb  der  Nasenbeine  bis 
auf  die  Zähne  und  Wange  durchgehauen  war,  über  den 
Mund  herabhing  und  beim  Sprechen  in  die  Höhe  geworfen 


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wurde.  Die  Blutung  war  stark,  die  Wunde  mit  Kohlengc- 

riess  angefüllt,  die  Wundränder  Iheils  gequetscht,  theils 
geschnitten.  Ich  wusch  die  Wunde  aus,  brachte  die  sprit- 
zenden Nasenflügel-Arterien  durch  Reiben  mit  den  Finger- 
spitzen zum  Stehn,  konnte  jedoch  nicht  vollständig  die 
Wunde  vom  Kohlenstaub  reinigen,  welche  an  den  Rändern 
schwarz  gefärbt  blieb.  Das  herunter  gehauene  Stück  der 
Nase  fühlte  sich  kalt  und  welk  an,  weshalb  ich  das  Waschen 
nicht  zu  lange  fortsetzte,  mittelst  sieben  blutiger  Hefte  die 
Wunde  heftete,  in  die  Nasenlöcher  Bourdonnets  einbrachte, 
Charpie  und  Compressen  auflegte  und  die  Nase  durch  einen 
Verband  aufrecht  erhielt.  Ich  liess  darauf  Umschläge  ma- 
chen aus  (3  Theilen  Chamillen-Infusum,  2 Theilen  Spiritus 
frumenti  und  1 Theil  Aq.  vulneraria  acida.  — Zwischen 
dem  5ten,  Oien  und  7ten  Tage  wurden  allmälig  die  Hefte 
entfernt  und  die  Nasenspitze  war  durch  schnelle  Vereini- 
gung angcheilt,  nur  dass  an  einigen  Stellen  die  Haulräuder 
ein  wenig  eiterten.  Bis  zuin  löten  Tage  war  die  Vernar- 
bung vollständig  und  bis  zum  20slen  Tage  die  Wunde  so 
consolidirt,  dass  sich  Patient  ruhig  und  sicher  schneutzen 
konnte.  Die  Schleimhaut  der  Nase  war  ebenfalls  vollstän- 
dig angeheilt;  auch  Schnaufen  von  Essig  und  Wasser  hatten 
dabei  gute  Dienste  gclhan.  Die  ganze  Narbe  blieb  jedoch 
blauschwarz,  so  lange  Patient  lebte.  Was  jedoch  für  den 
Wundarzt  die  Hauptsache  ist:  die  eingestreuten  minerali- 

schen Theile  hatten  der  Heilung  und  Vernarbung  kein  Hin- 
derniss geboten. 


Vermischte  s. 


Entzündung  der  Pfortader. 

Ein  kräftiger  Handarbeiter,  24  Jahre  alt,  der  früher 
nie  krank  gewesen  war,  kam  am  Uten  Tage  der  Erkran- 
kung zur  Behandlung.  Ueber  den  frühem  Verlauf  der 


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288 


Krankheit  war  wenig  Bestimmtes  zu  erfahren.  Die  Con- 
junctica  bulbi  und  die  ganze  Haut  hatte  eine  dunkelgelbe 
Farbe;  der  Kranke  klagte  über  einen  nicht  heftigen  drük- 
kenden  Schmerz  in  der  Gegend  zwischen  Nabel  und  Herz- 
grube, welcher  durch  äussern  Druck  vermehrt  wurde;  der 
Unterleib  war  aufgetrieben  nicht  schmerzhaft,  der  Urin  war 
dunkelbraun,  der  Stuhlgang  durchfällig  wässerig  und  von 
hellgelber  Farbe,  die  Zunge  roth  und  trocken,  der  Durst 
stark,  der  Kopf  eingenommen,  der  Puls  sehr  frequent,  klein 
und  weich,  die  Temperatur  der  Haut  erhöht.  Hierzu  ge- 
sellten sich  Frostanfälle,  die  zu  unregelmässigen  Zeiten  3 
bis  4 Mal  in  24  Stunden  erfolgten.  Der  weitere  Verlauf 
zeigte  nichts  Besonderes;  Erbrechen  von  grüner  Beschaf- 
fenheit trat  hinzu,  die  örtlichen  entzündlichen  Erscheinun- 
gen nahmen  zu  und  das  Fieber  verlief  mehr  und  mehr 
unter  der  Maske  eines  nervösen,  so  dass  am  14ten  Tage 
der  Krankheit  der  Tod  erfolgte. 

Die  Section  zeigte  die  Vena  porlarum  in  ihrem  gan- 
zen Verlaufe  in  der  Leber  mit  Eiter  angefüllt,  die  innere 
Gefässhaut  geröthet  und  verdickt,  die  Leber  an  mehrem 
Stellen  und  die  dünnen  Gedärme  hier  und  da  mit  dem  Pe- 
ritonäum  verwachsen  und  in  diesen  Adhäsionen  kleine  Ei- 
terablagerungen; die  einzelnen  Jcini  der  Leber  gesund. 

Kr.-Physicus  Dr.  Beckhaus. 


Für  diese  Wochenschrift  passende  Beiträge  werden  nach 
dem  Abschlüsse  jedes  Jahrgangs,  auch  auf  Verlangen  gleich 
nach  dem  Abdruck,  anständig  honorirt,  und  eingesandte 
Bücher,  wie  bisher,  entweder  in  kürzern  Anzeigen  oder  in 
ausführlichen  Recensionen,  sogleich  zur  Kenntoiss  der  Le- 
ser gebracht.  Alles  Einzueendende  erbittet  sich  der  Her- 
ausgeber nur  portofrei  durch  die  Post,  oder  durch  den 
Weg  des  Buchhandels. 


Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

g e s a in  m t e 

HEILKUNDE. 


Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Die»e  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Licfcrnngcn 
von  1,  bisweilen  IJ  Dogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nü- 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Tlilr.  bestimmt,  wofür  siinmlliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hir  schicald. 


— %J\$  19.  Berlin , den  6len  Mai  1848. 


Gerichtliche  Leichenöffnungen.  Erstes  Hundert.  Von  Casper.  (Forts.) 

Hypoelwndria  politica.  Vom  Med. -Rath  Dr.  Brück.  • — Kritischer 
Anzeiger. 


G c r i c li  1 1 i c h c Leichenöffnungen. 

Erstes  Hundert, 

Aus  geführt  und  nnalysirt 
von  Casper. 

ui/. 

(Erster  Artikel.) 

(Fortsetzung.  •) 

29)  Ganz  ähnlich  gestaltete  sich  dem  Befunde  nach 
der  Fall  einer  nach  mehrern  Wochen  tödtlich  gewordnen 
Kopfverletzung  bei  einem  Manne,  die  gleichfalls  eine  be- 
deutende Gehirneiterung  zur  Folge  gehabt  hatte,  und  bei 
welcher  die  Schwierigkeit  der  Beantwortung  der  gesetz- 
lichen Fragen  zu  einer  Correspondenz  mit  dem  Gerichte 
führte,  in  welcher  die  nölhigen  wissenschaftlichen  Ausfüh- 
rungen zur  Aufklärung  des  Richters  und  zur  Begründung 
unsrer  zuerst  ausgesprochnen  Ansicht  über  den  Fall  ge- 
macht werden  mussten,  von  der  wir  das  Wesentliche  hier 

•)  S.  Ko.  9 v.  d.  J.  C. 

Jahrgang  1848.  19 


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200 


mittheilen  werden.  Ein  Geselle  von  27  Jahren  wurde  in 
einer  Schlägerei  mit  einem  Messer  am  Kopfe  etwa  in  die 
Mitte  des  linken  Scheitelbeins  zwei  Mal , dann  am  äussern 
linken  Augenwinkel,  und  endlich  am  „äussern  Ende  des 
linken  Schulterblatics”  gestochen,  und  nach  einem  augen- 
blicklichen vorläufigen  Verband  sogleich  nach  der  Charite 
geschafft.  Anfangs  schien  im  Krankenhausc  bei  kunstge- 
mässer  Pflege  Alles  gut  zu  gehn,  aber  am  8ten  Tage  (22. 
Januar)  stellte  sich  eine  teigigte  Geschwulst  der  h'opf- 
schwartc  mit  so  heftigem  Fieber  ein,  dass  am  23.  zwei 
Aderlässe  nöthig  wurden.  Dieses  Pseudoerysipelas  ging 
schnell  in  Eiterung  über,  so  dass  am  25-  die  Wunden  di- 
latirt  werden  mussten,  um  dem  Eifer  Abfluss  zu  verschaf- 
fen. Auch  die  Gesichts-  und  Schulterwunden  wurden  di- 
latirt  und  wegen  anhaltenden  Fiebers  eine  dritte  Venäsecl. 
inslituirt.  Trotz  später  noch  wiederholten  Dilatationen  aber 
bildeten  sich  Eitersenkungen,  die  Kräfte  sanken,  es  muss- 
ten vom  5.  Februar  ab  stärkende  Mittel  gegeben  werden, 
ein  typhöser  Stupor  und  Durchfall  traten  ein,  die  Wunden 
und  das  Secret  bekamen  ein  schlechtes  Aussehn,  und  am 
7.  Febr.  starb  der  Kranke  — 25  Tage  nach  der  Verlet- 
zung — unter  den  Zufällen  von  Lähmung.  Von  den  Sec- 
tionsresultaten  waren  Folgende  die  wesenstlichen.  Am 
Wirbel  zeigten  sich  die  gewöhnlich  dicken  Schädelknochen 
in  Zwei-Thaler  Grösse  von  der  Knochenhaut  entblösst  und 
in  anfangender  Caries  begriffen.  Die  Dura  mater  war  an 
der,  den  Verletzungen  am  linken  Scheitelbein  entsprechen- 
den Stelle  siebförmig  durchlöchert,  und  aus  diesen  Oeff- 
nungen  gelbgrüner  Eiter  hervorgequollen.  Nach  Entfer- 
nung dieser  Hülle  fand  sich  die  ganze  linke  Hemisphäre 
mit  einer  dickflüssigen,  gelbgrünen,  stinkenden  Eiterlage 
wie  übergossen,  und  die  unter  ihr  liegenden  Ausschwit- 
zungen waren  mit  dem  Schwamm  nicht  zu  entfernen.  Das 
ganze  Gehirn  war  sehr  blutreich,  und  die  ganze  hintere 
Hälfte  der  rechten  Hemisphäre  in  einen  einzigen,  mit 
graugrünem  Eiter  erfüllten  Abscess  verwandelt.  Die  Ver- 
letzung am  Schultergelenk  war  für  die  Sache  nicht  erheb- 


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291 


lieh,  und  auch  alle  übrigen  Sectionsbefunde  können  hier 
füglich  übergangen  werden.  Es  wurde  nun  im  Gutachten 
ausgeführt,  dass  denatus  an  Vereiterung  des  Gehirns  ge- 
storben, dass  die  Kopfverletzungen  die  hinreichende  Ur- 
sache dieser  Krankheit  und  des  Todes  desselben  gewesen 
seien,  und  dass  und  warum  die  drei  gesetzlichen  Fragen 
hier  sümmtiieh  verneint  werden  müssten.  Bekanntlich  be- 
rechtigt selbst  die  Criminal-Ordnung  den  Preussischen  Ge- 
richtsarzt zu  diesem  Verfahren;  es  ist  mir  indess  einige- 
malc  vorgekommen,  dass  der  Richter  ausdrücklich,  selbst 
wo  man  cs  gewiss  nicht  erwarten  sollte,  eine  positive  An- 
wendung der  Fragen  forderte  (wie  ich  noch  unten  bei  den 
Vergiftungen  ein  forensisch  - praclisches  Curiosum  der  Art 
erzählen  werde,)  und  so  geschah  cs  auch  hier.  Hier  mö- 
gen sich,  so  lange  noch  die  Lcthalitätsgrade  gesetzliche 
Gültigkeit  bei  Uns  haben,  die  Einzelnen  und  Behörden  hel- 
fen — wie  sie  können.  Wir  unsrerseits  äusserten  uns, 
wie  folgt:  „die  Aufstellung  der  drei  Fragen  und  die  For- 
derung, Eine  derselben  zu  bejahen,  hat  für  die  gericht- 
lichen Aerzte  in  nicht  wenigen  Fällen  die  grössten  Schwie- 
rigkeiten, und  führt  oft  in  Einem  und  demselben  Falle  zu 
ganz  widersprechenden  Annahmen  Seitens  der  verschiednen 
befragten  Behörden.  Es  beruht  dies  zunächst  darauf,  dass 
diese  Fragen  den  Thatbcstand  der  Tödtung  durch  eine 
vorangegangene  Verletzung,  also  die  Hauptsache,  gleichsam 
stillschweigend  voraussetzen,  und  nur  das  Causalverhällniss 
zwischen  der  V erletzung  und  dem  danach  erfolgten  Tode, 
den  sogenannten  Lethalitätsgrad  der  Verletzung,  berück- 
sichtigen. Eine  andre  Schwierigkeit  bieten  diese  Fragen, 
indem  sie  von  allgemeinen  Calegorien  sprechen,  während 
jeder  einzelne  Fall  am  Lebenden  sich  anders  und  eigen- 
thümlich  gestaltet,  und  nur  wenige  Bedingungen  bekannt 
sind,  deren  Wirksamkeit  in  concreto  es  gestaltet,  den  Ver- 
lelzungsfall  in  eine  allgemeinere  Categorie  zu  bringen.  Un- 
zählige Complicationen  und  Concurrenzen  können  mit,  neben 
und  nach  einer  Verletzung  wirksam  werden,  und  Antheil 
an  dem  Tode  des  Verletzten  haben,  die  in  coju  als  solche 

19  * 


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292 


Complicationen  anerkannt  werden  müssen,  sich  aber  sehr 
oft,  wenn  die  Fragen  scharf  aufgefasst  werden,  gar  nicht 
nnter  Eine  derselben  subsumiren  lassen.  Der  gerichtliche 
Arzt  soll  seine  Urlheile  durch  Gründe  unterstützen,  er 
soll  beweisen.  Die  Fragen  des  § 1fl9  setzen  ihn  aber 
nicht  selten  in  die  Unmöglichkeit,  einen  Beweis  liefern  zu 
können.  Es  genüge,  das  Beispiel  einer  durchdringenden 
Bauchwunde,  die  eine  tödtliche  Darmentzündung  veranlasst 
hatte,  anzuführen.  Dass  eine  solche  Verletzung  nicht  allgemein 
absolut  tödtlich  sei  (Frage  1),  bann  nicht  bestritten  werden. 
Setzt  man  nun,  dass  die  möglichst  günstigen  Umstände  zu 
Gunsten  des  Verletzten  wirksam  geworden,  und  dass  durch- 
aus keine  „äussere  Schädlichkeit”  mit  eingewirkt  habe,  so 
müsste  auch  die  drille  Frage  ohne  Weiteres  verneint  wer- 
den. Ist  nun  nichtsdestoweniger  der  Verletzte  gestorben, 
so  müssen  ohne  Zweifel  die  Bedingungen  des  tödtlichen 
Ausgangs  seiner  Verletzung,  der  in  hundert  ähnlichen  Fäl- 
len nicht  eintrat,  in  der  Individualität  des  Verletzten  ge- 
legen haben.  Der  begutachtende  Arzt  würde  hiernach  die 
zweite  Frage  des  § lft!)  bejahen  können,  aber  er  kann 
seinen  Ausspruch  nicht  beweisen,  da  diese  individuellen 
Bedingungen  ihm  nicht  bekannt  sind,  und  nur,  wenn  auch 
in  sich  nothwendigerweise,  vorausgesetzt  werden  müs- 
sen.. Noch  in  weit  ausgedehnterem  Maasse  findet  dies  bei 
Kopfverletzungen  Statt  u.  s.  w.  — Aus  diesen  und  andern, 
weniger  hierher  gehörigen  Gründen  haben  die  bessern 
neuern  Lehrer  der  gerichtlichen  Medicin  und  des  Straf- 
rechts nicht  nur  alle  ähnlichen  Fragen,  wie  die  derPreuss. 
Criminal-Ordnung,  als  unhaltbar  verworfen,  nicht  nur  meh- 
rere neuere  Strafgesetzbücher  haben  bekanntlich  bereits 
davon  Abstand  genommen,  sondern  auch  der  neuste  preuss. 
Strafgesetzentwurf  stellt,  wie  bekannt,  einen  bessern  rich- 
terlichen und  gerichtsärztlichen  Maassstab  für  die  Würdi- 
gung von  Tödlungen  durch  Verletzung  in  Aussicht.  — 
Wenn  nun  aber  Ein  u.  s.  w.  für  vorliegenden  Fall  die  ge- 
nannten drei  Fragen  als  Maassstab  ausdrücklich  desiderirt, 
»o  haben  wir  denselben  einer  abermaligen  sorgfältigen  Er- 


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293 


wägung  unterzogen.  Es  erscheint  gerechtfertigt,  wenn  wir 
annebmen,  dass  der  Gesetzgeber  in  der  dritten  Frage  un- 
ter der  Benennung  „äussere  Schädlichkeit”  auch  solche 
Umstände  zu  begreifen  zulässt,  welche  zwar  durch  die 
Verletzung  hervorgerufen,  jedoch  nicht  nothwendig 
durch  dieselbe  bedingt  sind.  Als  einen  solchen  Umstand 
haben  wir  früher  die  rosenartige  Entzündung  des  Zellge- 
webes ( Vseudoerysipelas)  bezeichnet,  welche  zu  den  Kopf- 
verletzungen des  0.  am  achten  Tage  hinzutrat  und  durch 
welche  nicht  allein  die  Verschlimmerung  der  äussern  Wun- 
den, sondern  auch  der  Uebergang  der  Entzündung  auf  das 
Gehirn  und  die  spätere  Hirneiterung  herbeigeführt  wurde, 
und  wenn  wir  dennoch  in  unserm  Berichte  auch  die  dritte 
Frage  verneinten,  so  geschah  dies  aus  dem  Grunde,  weil 
im  technisch-medicinisehen  Wortsinn  eine  hinzutre- 
tende Rosenentzündung  keine  „äussere  Schädlichkeit”  ge- 
nannt wird.  Ohne  das  Hinzutreten  dieses  Pseudoerysipela s 
wäre  nun  aber  mehr  als  wahrscheinlich  eine  Gehirnentzün- 
dung und  Vereiterung  nicht  entstanden,  mithin  auch  der 
Tod  des  Verletzten  nicht  erfolgt”.  In  diesem  Sinne  wurde 
nunmehr  der  zweite  Theil  der  dritten  Frage  bejahend 
beantwortet. 

30)  Ein  ähnlicher  Sectionsfall  betraf  eine  Kopfverlet- 
zung, die  bei  einem  Gelage  mit  einem  Stocke  beigebracht 
worden,  und  wonach  der  Verletzte  nach  dreiwöchentlicher 
kunstgerechter  Behandlung  in  der  Charite  gestorben  war. 
Die  Kopfwunde,  bereits  dilatirt,  drang  bis  auf  das  linke 
Os  parietale.,  dessen  i’cricranium  abgelöst  war,  der  Schädel 
selbst  war  völlig  unverletzt.  Die  Eiterung  war  schlecht 
und  jauchig.  Die  harte  Hirnhaut  war,  der  verletzten  Stelle 
entsprechend,  mit  dem  Schädel  verwachsen,  und  das  Ge- 
hirn unter  dieser  Stelle  oberflächlich  vereitert.  Der  Eiter 
floss  zwischen  Falx  cerebri  und  der  linken  grossen  Hemi- 
sphäre bis  auf  das  Tentor.  cerebelli  hinab.  Die  Substanz 
des  Gehirns  war  fest  und  blutreich.  Die  übrigen  Sections- 
befundc  waren  unerheblich. 

31)  Ein  andrer  Parallel— Fall  endlich  war  der  einer 


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Gehirneiterung,  die  24  Tage  nach  einer  Verletzung  des 
Kopfes  durch  mehrere  Schläge  mit  einer  Flasche  den  Tod 
eines  bis  dahin  ganz  gesunden  und  kräftigen  34jährigen 
Mannes  herbeiführte.  Auch  dieser  Verletzte  war  sogleich 
nach  der  Charite  geschafft  und  so  kunstgerecht  behandelt 
worden,  dass  irgend  ein  „Mangel  eines  zur  Heilung  erfor- 
derlichen Umstandes”  gar  nicht  und  so  wenig  nachweisbar 
war',  als  der  „Hinzutritt  einer  äussern  Schädlichkeit”!  Bei 
der  Section  fanden  sich  an  wesentlichen  Befunden:  das 

Schödelgewölbo  links,  den  Verletzungen  entsprechend,  von 
der  Knochenhaut  vollständig  cntblösst,  Eitersenkungen  zwi- 
schen gaiea  und  Schläfenmuskeln  bis  unter  den  Jochbogen, 
die  dura  mater  auf  der  rechten  Hemisphäre  entzündet,  auf 
der  linken  mit  einer  Thalergrossen  Eiterablagerung  bedeckt, 
die  ganze  linke  Hemisphäre  mit  einer  Schicht  dicklichen, 
grünen  Eiters  überzogen,  und  die  Gehirnsubslanz  in  dieser 
Halbkugel  an  einzelnen  kleinern  und  grossem  Stellen  ver- 
eitert. 

32)  Endlich  gehörte  in  diese  Rubrik  unter  den  hundert 
hier  zu  durchmusternden  Fällen  eine  nach  Monaten  erst 
tödtlich  gewordne  Brustwunde,  bei  welcher  eine  Reihe  von 
Zwischenursachen  die  Anwendung  der  drei  Fragen  erleich- 
terte. Ein  Mann  von  4U  Jahren  war  mit  einem  Messer  in 
die  rechte  Brust  gestochen  worden — , die  äussere  Wunde 
hatte  nach  dem  chirurgischen  Attest  eine  Länge  von  einem 
halben  Zoll  und  eine  Breite  von  2 Linien.  (Eine  zweite 
Stichwunde  in  die  Mitte  des  linken  Oberarms  blieb  für  die 
spätere  Beurtheilung  unerheblich.)  Ein  Wundarzt  hatte  so- 
gleich die  Wunde  trocken  geheftet,  kalte  Ueberschläge  ge- 
macht und  Nitrum  und  Glaubersalz  verordnet.  Am  drit- 
ten Tage  fand  er  den  Alhem  „kurz  und  schnell  und  den 
Puls  unterdrückt”,  und  veranstaltete  nun  einen  Aderlass  von 
vier  Tassen  Blut.  Nachmittags  wurde  Dr.  M.  zugerufen, 
der  alsbald  eine  zweite,  eben  so  starke  Vcnasect.  verord- 
nete,  weil  er  „eine  sehr  bedeutende  Entzündung  der  Lungen 
und  der  Pleura  fand,  beschwerte  Athmung,  Husten  mit 
blutigen  Sputis,  Abgang  von  wenig  hochrothem  Urin,  Schmerz 


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295 


in  der  verwundeten  Seite,  und  grosse  Unruhe  und  Angst- 
gefühl”. Am  andern  Morgen  neue  VS.,  so  wie  Blutegel, 

und  eine  Emulsio  nitrosa.  Am  Abend  dieses  Tages  schien 
der  Kranke  verloren.  Er  lag  passiv,  abgespannt,  bleich, 
bewusstlos  da,  und  hatte  einen  kleinen,  schwachen,  ausset- 
zenden Puls.  Pr.  M.  verordnete  Calomtl  mit  Goldschwefel, 
Nitrum  und  Ilyosci/am.  und  legte  ein  Vesicator  auf  die 
Brust.  Am  folgenden  Tage  hatte  sich  Pat.  gebessert,  in- 
dess  traten  allmälig  die  Erscheinungen  des  Exsudats  ein, 
der  abgesonderte  Wundeiter  wurde  übelriechend,  die  Füsse 
ödematös.  Indess  gingen  auch  diese  Zufälle  (unter  den 
ungünstigsten  äussern  Lebensbedingungen!! ) wieder  vor- 
über und  schon  fasste  man  neue  llofTnung  zur  Rettung  des 
Kranken.  Aber  er  gab  sich  seinem  sehr  heftigen  Tempe- 
ramente wieder  hin,  batte  oft  mit  seinen  Umgebungen  Zank 
und  Streit,  die  bis  zu  Thütlichkeitcn  ausarleten,  er  genoss 
wieder  wie  früher  viel  Branntwein,  und  so  steigerten  sich 
die  Zufälle  wieder',  es  trat  hectisches  Fieber  ein,  und  vier 
und  einen  halben  Monat  nach  der  Verletzung  starb  er. 
Bei  der  gerichtlichen  Seclion  fanden  wir  siebenundzwanzig 
Unzen  stinkenden  graulichen  Eiters  im  rechten  Pleurasack, 
welcher  Eiter  die  Intercoslalmuskeln  dieser  Seite  theilweis 
zerstört  halte,  und  es  ergab  sich,  dass  die  Quelle  dieser 
Eiterung  ein  Abscess  war,  der  fast  zwei  Drittel  der  gan- 
zen rechten  Lunge  umfasste.  Beide  Lungen  waren  ganz 
frei  von  Tuberkeln,  so  dass  recht  eigentlich  hier  eine  Lun- 
geneiterung in  Folge  von  (traumatischer)  Pneumonie  vor- 
lag. Die  rechte  Lunge  war  stark  mit  der  Costalpleura  ver- 
wachsen, und  wo  sie  nicht  abscedirt  war,  grau  hepatisirt. 
Die  übrigen  Befunde  boten  nichts  Bemerkenswerllies.  Es 
musste  hiernach  angenommen  werden,  dass  die  Lungen- 
stichwunde keine  allgemein  absolut  tödlliche  gewesen,  dass 
dagegen  die  leidenschaftlichen  Zornausbrüche  des  denatus, 
seine  Neigung  zum  Brannlweinmissbrauch,  das  schlechte 
Lager  in  einer  feuchten  Kellerwohnung,  das  Umgebensein 
mit  zänkischen  Nachbarn  eben  so  viele  schädliche  Momente 
gewesen  seien,  deren  Einfluss  durch  frühzeitigen  Transport 


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2ÖÖ 


des  Verlebten  in  ein  Krankenhaus  (zu  welchem  er  durch- 
aus seine  Einwilligung  nicht  halte  geben  wollen,)  hätte  ab- 
gewendet werden  können.  Hierzu  kam  die  mangelhafte 
Behandlung  des  Wundarztes  grade  in  der  wichtigsten  er- 
sten Zeit  nach  der  Verletzung,  der  in  einem  so  erheblichen 
Falle  erst  am  dritten  Tage  zu  einer  Blutentziehung  ge- 
schritten war,  und  nicht  hinreichend  kräftige  antiphlogisti- 
sche Mittel  angewandt  hatte,  aus  welchen  Gesammtgründen 
wir  die  beiden  Theilc  der  dritten  Frage  bejahend  beant- 
worteten. 

(Schluss  folgt.) 


H pochontlria  poh'ticn. 

Ein  pH}  elilatrlgelie«  Zeitbild. 

Mitgethcilt 

vom  Med.-Rath  Dr.  J.  Th.  Brück  zu  Osnabrück,  Brunnen- 
arzt zu  Driburg. 


Wie  die  welterschütternden  Frühjahrsereignisse  auf 
jeden  denkenden  und  fühlenden  Menschen  einwirkten, 
welche  somatische  und  psychische  Symptome  sie  hervor- 
brachten und  wie  diese  vom  ärztlichen  Standpunkte  aus  zu 
behandeln,  ist  gewiss  eine  würdige  Aufgabe  für  den  Phy- 
siologen und  Arzt. 

Betrachten  wir  zunächst  die  gegenwärtige  allgemeine 
Krankheitsanlage  unserer  Generation:  so  können  wir  die 
überall  verbreiteten  Krankheitssymptome  der  Anämie  nicht 
verkennen,  wie  dieses  selbst  ein  bis  dahin  in  Bezug  auf 
einen  bestimmten  epidemischen  und  stationären  Krankheits- 
charakter ungläubiger  Arzt,  Prof.  Tfeufer , in  einem  mit 
grosser  Klarheit  geschriebenen  Aufsatze  „Ucbcr  die  Ader- 
lässe bei  Entzündungen  des  Respirationsorgans*'  *)  zuge- 


•)  Pfeufer's  und  Henlt’t  Zeitschr.  f.  rationelle  Medicin  B.  IV.  H.  3. 


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297 


steht.  Allgemein  blässeres  Aussehen  der  Menschen,  Häu- 
figkeit der  Chlorose  selbst  auf  dem  Lande  und  ein  Analo- 
gon derselben  mit  Abdominalpulsationen  auch  beim  männ- 
lichen Geschlechte,  schnelle  Abnahme  der  Kräfte  bei  unbe- 
deutenden Krankheiten,  bei  Diarrhoe  baldiger  Eintritt  von 
blauen  Nägeln,  Schwindel,  Ohrensausen,  wie  beim  begin- 
nenden Typhus,  leerer  Puls,  Seltenheit  heftig  entzündlicher 
Fieber,  Häufigkeit  der  Wechselfiebcr,  schneller  Verfall  der 
Kräfte  nach  ßlutentziehungen,  Langsamkeit  der  Reconva- 
lescenzen  — diese  u.  a.  von  J’feufer  a.  a.  0.  zugestande- 
nen Symptome  sind  es,  die  uns  zur  Anerkennung  der  Wie- 
derkehr eines  Krankheitsgenius  berechtigen,  welcher  einst 
der  ßrowris chen  Theorie,  jetzt  den  Gegnern  der  Aderlässe 
(Homo-  und  Hydropathen,  neue  österreichische  medicinische 
Schule  etc.)  Eintritt  verschallte.  Dieser  Krankheitsgenius 
ist  es,  gegen  welchen  ich  in  dieser  Wochenschrift  seit  ei- 
ner Reihe  Jahre  die  Anwendung  der  Driburger  Quellen  aus 
bester  Ueberzeugung  empfohlen  habe.  Hierher  gehört  auch 
die  oft  wiederkehrende  Grippe  mit  ihren  Nachkrank- 
heiten,  welche  ich  als  das  Hauptthema  einer  der  Re- 
daction d.  Bl.  jüngst  eingesandten  Abhandlung  zu  beleuch- 
ten versucht  habe.  (S.  die  vor.  No.  Red.) 

Ueber  eine  anämische  und  damit  zugleich  durch  und 
durch  nervös  gestimmte,  an  Hyperästhesie  leidende  Gene- 
ration brachen  nun  nach  langen  Friedensjahren  plötzlich 
jene  welterschiittcrndcn  Ereignisse,  von  Frankreich  über 
Deutschland  sich  verbreitend,  herein.  — Untersuchen  wir 
ihre  Einwirkung  auf  die  Individuen  von  unserm  ärztlichen 
Standpunkte! 

In  einer  Provinzialstadt  des  verhältnissmässig  ruhigen 
Königreichs  Hannover  lebend,  überlasse  ich  es  den  Aerzten 
der  grossen  Residenzen,  worin  sich  die  Stimme  des  Volkes 
unmittelbar  Bahn  brach  zu  den  Ohren  der  Fürsten,  die  psy- 
chischen und  somatischen  Folgen  jener  Schreckenstage  und 
Nächte  darzustellen,  wie  ich  einst  die  Aerzte  Hamburgs 
aufforderte  (Wochenschr.  1843.  S.  160)  zur  Darstellung  der 
psychologischen  und  ärztlichen  Ergebnisse  des  grossen 


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Brandes.  Herzkrankheiten  und  Wahnsinn  werden  sich, 
wenn  ich  nicht  irre,  demnächst  in  grosser  Anzahl  von  den 
Tagen  der  Schrecken  her  datiren.  Vielleicht  sind  plötzliche 
Todesfälle  durch  die  blosse  Gemülbsbewcgung  bei  Solchen 
vorgekommen,  in  deren  Blutgefässen  zum  Bersten  dispo- 
nirte  Stellen  sich  längst  vorgebildet  hatten,  und  Dieffen- 
bach  möchte,  wenn  ihn  der  11.  November  v.  J.  verschont 
hätte,  in  diesen  Märztagen  sein  Ende  gefunden  haben. 
Doch  genug  der  Vermuthungen.  — Aber  auch  auf  uns, 
die  wir  den  Kratern  jener  Vulkane  ferner  wohnen,  hat  die 
Erschütterung  mächtig  genug  mitgewirkt;  uns  Alle  durch- 
zuckt — um  ein  oft  missbrauchtes  Wort  zu  brauchen  — 
dieser  unerhörte  Weltschmerz  (auch  die  Extreme  der  Freude 
sind  schmerzlich),  und  zwar  um  so  tiefer,  als  diese  Er- 
eignisse eben  mit  dieser  bezeichneten  anämisch -nervösen 
Krankhcitsanlage  Zusammentreffen. 

Ueberall,  wo  nicht  ein  kräftiges  Arterienblut  Nerven 
und  Muskeln  belebt  und  ernährt,  entsteht  mit  dem  Gefühle 
der  Schwäche  zugleich  jene  Hyperästhesie,  welche  man 
ehemals  Hypochondria  nervosa  nannte,  von  welcher  uns 
schon  Zimmermann  (lieber  die  Erfahrung  etc.)  das  interes- 
sante Beispiel  eines  früher  tapferen  Generals  mittheilt,  wel- 
cher durch  einen  grossen  Blutverlust  durchaus  feige  und 
dienstuntüchtig  wurde.  So  wirkt  denn  auf  einen  grossen 
Theil  der  Gebildeten,  welche  von  dem  anämisch -nervösen 
Krankheitsgenius  berührt  sind,  jede  neue  Zeitung  (zumal 
Morgens,  bei  liberal!  gesteigerter  Reizbarkeit)  durch  und 
durch  erschütternd,  und  zwar  je  nach  dem  individuell  po- 
litischen Standpunkte  entzückend  oder  erschreckend.  Tie- 
fere Geinüther  erkannten  beim  Anblick  jener  tragischen 
Scenen  wohl  die  Wahrheit  des  alten  Ausspruches  von  der 
antiken  Tragödie  (gleichsam  einem  Stück  Weltgericht): 
dass  sie  „durch  Erschütterung  die  Seelen  reinige,“  Nur 
an  ganz  unmündigen  oder  egoistischen  Naturen  oder  sol- 
chen, die  sich  eines  durchaus  robusten  Blut-  und  Nerven- 
systems erfreuten  und  durch  die  Arbeit  des  Tages  vor 
allzugrosser  Theilnahme  an  den  Weltereignissen  gesichert 


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waren,  gingen  diese  spnrlos  vorüber.  Die  bei  weitem 
grössere  Mehrzahl  der  Gebildeten  von  reifem  Lebens- 
alter aber  bot  dem  Arzte  die  unverkennbarsten  Symptome 
des  Reflexes  psychischer  Emotionen  in  den  ver- 
schiedenen Regionen  der  Leiblichkeit. 

1)  Ein  auffallender  Farbenwechsel,  gespannte  oder  er- 
schlaffte Mienen,  blitzende  oder  ängstlich  blickende  Augen, 
Hastigkeit  der  Bewegungen,  Unruhe  und  jener  „ situm  mu- 
tandi  nisut “,  dessen  J.  Frank  als  Symptom  hypochondri- 
scher Gelehrten  erwähnt,  waren  primäre  mimische  Er- 
scheinungen, denen  man  überall  begegnete,  denen  man  — 
selbst  unterworfen  war. 

2)  Zunächst  wurde  sodann  das  gesammte  vegeta- 
tive Leben  durch  Vermittelung  des  Gangliensystems  in 
Mitleidenschaft  gezogen.  Der  Excitation  und  Depression 
des  Blutsystems  habe  ich  bereits  in  dem  mimischen  Symp- 
tom des  Farbenwechsels  gedacht,  der  natürlich  mit  den 
Modificationen  des  Herzschlages  und  der  Respiration  Hand 
in  Hand  geht.  Zugleich  zeigte  die  Haut  bei  den  geäng- 
stigten  Gemülhern  eine  fortwährende  Neigung  zum  Schweiss 
bei  kalten  Extremitäten,  ganz  so,  wie  ich  diese  Zustände 
bei  Hypochondristen  und  Hysterischen  jährlich  in  Driburg 
zu  beobachten  habe.  Die  profuse  Haulaussonderung,  in 
hohem  Graden  des  krankhaften  Zustandes  gleichzeitig  mit 
Diarrhoe  verbunden,  erklärt  das  Symptom  vermehrten  Dur- 
stes mit  trockener,  weissbclegler  Zunge.  Statt  gesunden 
Appetites  zu  'reinnährenden  Dingen  war  Dyspepsie,  Bedürf- 
nis nach  pikanten  Speisen  und  spirituösen  Getränken  vor- 
herrschend. Oeftere  Entleerung  wässerigen  Urins.  Frü- 
here Belästigungen  durch  gereizte  Hämorrhoidalknoten 
schwiegen  bei  den  sehr  erweichten  Darmentleerungen  völ- 
lig. Beim  weiblichen  Gcschlechte  vermehrte  sich  der 
ßuor  albus.  Im  Ergrauen  bereits  begriffene  Haare  ent- 
färbten sich  schneller.  Endlich  Schlaflosigkeit  und  ängst- 
liche Träume.  Es  bedarf  keiner  Erwähnung,  dass  unter 
solchen  Umständen  allgemeine  Abmagerung  die  nächste 
Folge  war. 


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300 


Betrachten  wir  mit  psychologischem  Auge  diese  aus 
rein  psychischer  Ursache  (zunächst  den  die  ganze  Seele 
ergreifenden  Zeitungsnachrichten)  hervorgehenden  körper- 
lichen Erscheinungen:  so  werden  wir  auf  das  lebhafteste 
an  die  Einheit  von  Seele  und  Leib  gemahnt.  Zugleich  aber 
drängt  es  sich  auf,  dass  wir  es  hier  mit  einem  Zustande 
zu  thun  haben,  der  mit  den  düsteren  verwirrenden  An- 
wandlungen der  Hypochondristen  zunächst  verwandt,  ja 
völlig  eins  ist,  womit  denn  die  Ueberschrift  dieser  Skizze: 
Hypochondria  polüica  gerechtfertigt  wird. 

Schon  vor  21  Jahren  habe  ich  es  ausgesprochen  *), 
dass  ein  tiefer  Grund  der  so  häufigen  Hypochondrie  der 
höhern  und  mittlern  Stände  unserer  Nation  in  «fern  Man- 
gel an  öffentlichem  Leben,  an  dem  freien  Mithandeln  der 
Bürger  im  Staate  liege;  eine  Ansicht,  die  vielfach  belächelt 
sein  mag.  Jetzt  zeigt  sich’s,  glaube  ich,  dass  ich  nicht 
irrte.  Es  zeigt  sich  durch  die  übertriebene  Reizbarkeit, 
womit  so  viele  von  uns  Aelteren  die  neuen  Zustände  auf- 
fassen, dass  wir  durch  und  durch  hypochondrisch  sind. 
Uns  schwindelt  vor  dem  Andrange  der  Ereignisse,  weil 
wir,  allem  öffentlichen  Leben  entfremdet,  nicht  Kraft  und 
Geschick  genug  haben,  mit  ruhiger  Festigkeit  die  Begeben- 
heiten aufzufassen  und  muthig  handelnd  mit  einzugreifen. 
Wir  scheuen  jedes  Lüftchen  der  Öffentlichkeit,  wir  sehen 
überall  Gespenster  und  stecken,  wie  der  „Staatshämorrhoi- 
darius“  der  fliegenden  Blätter,  oder  wie  der  nervenreizbare 
Lichtenberg  bei  einem  Donnerwetter,  den  Kopf  in  die  Fe- 
derkissen, während  die  gesundere  Jugend  muthig  und  über- 
müthig  eingreift.  Jede  Zeitungsnachricht,  statt  im  Gehirn 
ruhig  aufgenommen  und  verarbeitet  zu  werden , wie  bei 
gesundem,  politisch  gebildeten  Völkern,  wirkte  bei  uns 
Hypochondristen  fast  unmittelbar  auf  das  Gangliensystem 
überschlagend,  beängstigend,  geistverwirrend,  Appetit  und 


*)  Beiträge  mr  Erkenntnis«  und  Heilung  der  Leben  »Störungen  mit 
vorhergehend  psychischen  Krnnkhcitserscheinungcn.  Hamburg  1827. 
S.  4 t u.  s.  w. 


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301 


Schlaf  raubend,  Schweiss  und  andere  Aussonderungen  (wie 
oben  unter  2-  bezeichnet)  bis  zur  Colliquation  mehrend. 

Ich  brauche  wohl  kaum  einzuschalten,  dass  nicht  alle 
durch  das  Erdbeben  der  Zeit  Erschütterte  zu  den  schuld- 
losem Hypochondristen  gehören;  von  den  Schuldbewuss- 
ten, welche  die  Nemesis  in  der  Zeitgeschichte  erfahren 
müssen,  kann  jedoch  hier  nur  als  Kranken  die  Rede  sein, 
und  in  sofern  wird  auch  auf  sie  die  Schilderung  der  obi- 
gen Symptome  passen. 

Was  die  detaillirte  physiologische  Deutung  dieser  Sym- 
ptome anlangt:  so  ist  dafür  weder  in  dieser  flüchtigen 
Skizze,  noch  in  diesen  der  praktischen  Heilkunst  mehr  zu- 
gewandten Blattern  der  geeignete  Platz.  Ist  es  von  der 
Vorsehung  beschlossen,  in  Europa  die  der  Wissenschaft 
nöthige  Ruhe  herzustellen,  so  wird  auch  diese  „die  Seelen 
durch  Erschütterung  reinigende“  Zeit  der  Psychophysiologie 
unerwartete,  aus  tieferer  Selbstbeobachtung  der  Begabten 
hervorgehende  Früchte  bringen.  Hierzu  ist,  wie  Hagen 
(Psychologische  Untersuchungen.  1847)  richtig  bemerkt, 
nicht  blos  die  Kenntniss  der  Nervenphysik,  sondern  ganz 
besonders  ein  von  der  Gabe  sonstiger  Naturbeobachlung 
verschiedenes  Talent  der  „Einkehr  nach  Innen“  erforder- 
lich. Ein  solches  Talent  innerster  Selbstbeobachtung  besass 
z.  B.  I Achtenberg  in  ausnehmender  Weise,  und  wir  verdan- 
ken seine  eautognostischen  Lichtblicke,  wenn  ich  nicht  irre, 
vorzugsweise  der  hypochondrischen  Hyperästhesie  seines 
Gehirns,  einem  Zustande,  der  bei  begabten  Naturen  divina- 
torische  Intuitionen  schafft,  indess  er  bei  gewöhnlichen  die 
Luftgebilde  des  Wahnes  hervorruft.  Du  sublime  au  ridi- 
cule  il  ny  a i/uun  pas. 

Von  einer  Kur  der  Hypoehondria  politica  kann,  wie 
überall  bei  der  Hypochondrie,  nur  in  beschränktem  Maasse 
die  Rede  sein.  Ererbte  Anlage  zur  nervösen  Hyperästhesie 
durch  eine  lange  Reihe  verbildeter,  verweichlichter  Gene- 
rationen lässt  sich  nicht  durch  Roborantia  herstcllen.  Zur 
Rückkehr  zu  einem  naturgemässern,  abhärtenden  Leben  ist 
es  bei  Individuen,  die  meist  die  Lebensmilte  passirl  haben, 


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302 


zu  spät.  Wer  macht  aus  Sybariten  Spartaner?  — Ein  mo- 
mentanes Surrogat  naturgemässern  Lebens  boten  vor  Al- 
lem die  Sommerkuren,  die  in  günstigen  Fällen  einen  er- 
träglichen Winter  bereiteten.  In  den  Kaltwasseranstalten 
sind  diese  Badekuren  intensiv  und  extensiv  zu  einem  Ex- 
trem getrieben,  worüber  uns  Richter  in  d.  Bl.  vor  kurzem 
eine  höchst  belehrende  Darstellung  gegeben  hat.  Scheint 
cs  hiernach  nicht,  als  ob  die  Schlauheit  dort  eine  Anstalt 
für,  so  zu  sagen,  freiwillige  Irre  errichtet  habe? 

Was  für  Kuren  der  europäischen  Menschheit  noch  be- 
vorstehen, ist  dem  licfstblickendcn  Politiker  verborgen.  Die 
nächste  Palliativkur  der  geängsteten  Gemülher  dürfte  jedoch 
in  angestrengter  Berufsarbeit  bestehen,  wodurch  das  über- 
reizte Gehirn  von  dem  Wirbel  der  politischen  Ideen  mo- 
mentan befreit  wird.  Nalurgemäss  entladet  sich  das  durch 
den  Andrang  der  Ereignisse  überreizte  Gehirn  zunächst 
durch  Reflex  auf  die  motorischen  Nervenbahnen  (Mimik). 
Diesen  Fingerzeig  benutzend,  werden  wir  kurmässig  das 
gesammte  Muskelsyslem  in  Thätigkeil  versetzen,  dadurch 
das  Gehirn  woldthucnd  entladen,  eine  frische  Respiration, 
Circulalion  und  Vegetation  und  statt  der  nervösen  Ermat- 
tung eine  gesunde  Ermüduug  erzielen.  Daher:  Förderung 
der  Arbeit!  Selbst  das  überall  cingeführte  Exerciren  bei 
der  allgemeinen  Volksbewaffnung  hat  schon  die  wohlthä- 
tigsten  Folgen. Durch  diese  zugleich  ermuthigende 
Muskelbewegung  wird  die  übertriebene  Innervation  des 
Gehirns  motorisch  abgeleitet,  während  bei  brütenden  Still- 
silzenden das  überschüssige  Nerveniluidum  die  Ganglien 
widernatürlich  überflulhet  und  die  oben  (2.)  beschriebenen 
vegetativen  Krankheitssymptome  zu  Tage  treten.  Momentan 
belebend,  somit  beruhigend  und  den  bedenklichen  colh'qua- 


*)  Die  Richtigkeit  dieser  Ansicht  bewährt  sich  jetzt  in  Berlin  in 
grossen  Massenerfahrungen  Eine  nicht  geringe  Zahl  unterleibskran- 
ker, hypochondrischer  Männer  im  Bereiche  meiner  eigenen  ärztlichen 
Praxis  befindet  sich  bei  dem  wirklich  anstrengenden  Tag-  und  Nacht- 
dienst der  Bürgerwehr  besser  als  seit  Jahren.  Viel  thut  gewiss  hier- 
bei schon  das  wiedergewonnene  Zutrauen  in  dio  eigenen  KrAlte.  C. 


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303 


tiven  Schwcissen,  Diarrhöen,  sowie  der  aufreibenden  Schlaf-' 
losigkeit  vorbauend  wirken  die  bekannten  Jntihysterica: 
der  Hufcland'schc  Nervenlhee,  die  versüssten  Säuren  mit 
Zusatz  von  Opiaten  etc.  Wenn  irgendwo,  so  wird  in  die- 
sen Zuständen  die  psychische  Einwirkung  der  ärztlichen 
Persönlichkeit  wohlthuend  beschwichtigen  und  beleben,  nicht 
durch  leere  Vertröstungen,  sondern  durch  das  eigene  Bei- 
spiel thäliger  Hingebung  und  Theilnahme. 

Es  ist  eine  alte  Erfahrung,  dass  nichts  so  sehr  die 
Wogen  des  aufgeregten  Geinülhs  beschwichtigt,  als  ein  ge- 
sicherter Aufenthalt  in  schöner,  ländlicher  Natur,  verbunden 
mit  dem  Gebrauche  ealmirender,  nicht  schwächender  Bä- 
der und  Mineralquellen.  Das  Bad  Driburg,  fern  von  den 
Heerden  aufgeregter  Leidenschaften,  fern  von  den  Militär— 
Strassen  und  dem  brausenden  Getreibe  der  Eisenbahnen, 
bietet  in  einem  friedlichen  Thalc  des  Teutoburger  Waldes 
ein  solches  Asyl  den  Leidenden.  Die  es  wählen,  sollen 
mir  willkommen  sein,  falls  sie  verzichten  wollen  auf  den 
Luxus  der  grossen  Welt,  der  Spielbanken  u.  dergl.  Aus- 
geburten einer,  wie  es  scheint,  zu  Ende  gehenden  luxuriö- 
sen Zeit,  denen  Driburg,  um  den  edlen  Namen  einer 
Heilanstalt  zu  verdienen,  längst  entsagt  hat. 


Kritischer  Anzeiger 

neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Die  Haut  im  gesunden  und  kranken  Zustande  oder 
das  Wesen  der  Hautkrankheiten  und  deren  Heilung,  mit 
besondrer  Berücksichtigung  der  sogenannten  Flechten- 
krankheiten  und  einer  neuen,  einfachen  und  bewährten 
Heilmethode  derselben.  Für  gebildete  Leser  (1!)  von  Dr. 
Max  Joffe,  pract.  Arzt  in  Hamburg.  Hamburg,  J 846. 
VI  u.  142  S.  kl.  8. 

(Medicinische  Trivialitäten  den  Laien  mit  einer  gewis- 
sen Selbstgefälligkeit  vorgetragen!) 


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3Ü4 


Untersuchungen  über  den  Uebergang  und  das  Verweilen 
des  Arseniks  in  dem  Thierkörper  von  Dr.  Carl 
Hernr.  Hertwig  (Prof,  an  der  Thierarzneischule  in  Ber- 
lin). Berlin,  1847.  20  S.  8. 

(Diese  20  Seiten  Gelegenheitsschrift,  des  tüchtigen 
Verfassers  eigene  Versuche  schildernd,  sind  wichtigeres 
und  nützlicheres  Material  für  die  Wissenschaft,  als  manches 
dickleibige  Buch.  Wir  unsererseits  würden  z.  B.  recht 
gern  ganze  Bände  neuer  Brunnenschriften,  microscopischer 
(meistens  rein  individueller)  Beobachtungen  u.  s.  w.  dafür 
hingeben,  und  bitten  Hrn.  /i.,  bei  der  ihm  zu  Gebote  ste- 
henden Gelegenheit  und  der  Gewandtheit,  die  ihm  im  Ex- 
perimentiren  eigen,  seine  Versuche  mit  dem  Arsenik  nicht 
nur  noch  fortzusetzen,  sondern  auch  ähnliche  in  Betreff1  des 
Bleies,  Ouecksilbers  und  Kupfers  anzustellen.  — Die  hier 
geschilderten  Vergiflungsversuchc  an  Thieren  beweisen 
aufs  Bestimmteste:  1)  den  Uebergang  der  arsen.  Säure  in 
alle  thierischen  Gebilde;  2)  sie  zeigen  zugleich,  dass  die- 
ser Uebergang  in  das  Blut  und  die  fn-  und  Excretions- 
stoffe  zuweilen  sehr  schnell,  selbst  schon  binnen  8 Stunden, 
in  andern  Fällen  aber  erst  später  stattfindet,  und  dass  3)  die 
arsen.  Säure  noch  lange  nach  deren  Eingeben  in  den  thie- 
rischen Gebilden  verweilt  und  nur  allmählig  wieder  aus 
denselben  ausgeschieden  wird;  4)  zeigen  sie,  dass  durch 
das  Curiren  der  zum  Schlachten  bestimmten  Thiere  mit 
grossen,  selbst  nur  mit  massigen  Gaben  von  Arsenik  eine 
Vergiftung  des  Fleisches  und  der  Milch  erfolgt  (hört!); 
5)  dass  diese  Vergiftung  bald 'nach  der  Anwendung  des 
Arseniks  beginnt  und  sich  auf  eine  etwa  dreiwöchentliche 
Dauer  erstreckt;  und  6)  dass  durch  den  Genuss  solches 
vergifteten  Fleisches  und  der  Milch  bei  Menschen  höchst 
wahrscheinlich  üble  Zufälle,  selbst  schwere  Vergiftungen 
herbeigeführt  werden  können. 


Gedruckt  bei  J.  PeUch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  I)r.  Casper. 

Diese  Wochenschrift  erscheint  jcdesmnl  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1J  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmlliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  ffir  tchicald. 


, M 20.  Berlin , den  13'*n  Mai  1848# 

Gerichtliche  Leichenöffnungen.  Erstes  Hundert  Von  Casper.  (Schluss.)  — 
Literatur.  (Klinische  Vorträge  im  Kinderkrankenhause.  Von  Stie- 
bei. — XVermischtes.  (Leben  des  Kindes  bei  lange  Zeit  vor^efal- 
Icncr  Nabelschnur.  -^Einfluss  karger  Nahrung  auf  die  Grösse 
der  Frucht.) 

(i c r i c h 1 1 i c li c Leichenöffnungen. 

Erste*  Hundert. 

A u s g e/n hrt  und  nnalysirl 
von  Casper. 

(Erster  Artikel.) 

(Schluss.) 

VI.  Ausser  den  im  Obigen  bereits  erwähnten  kamen 
noch  zwei  Fälle  von  schweren,  schnell  tödtlich  gewordnen 
Kopfverletzungen  bei  Mordlhaten  vor. 

33)  Markendorf,  ein  zur  Zeit  der  Thal  erst  lSjäh- 
riger  Mensch,  und  einer  der  herzenshärligsten  Verbrecher, 
die  ich  je  gesehn,  welche  abslossende  Stimmung  er  bis  zum 
Tage  der  Hinrichtung  behielt,  bis  wohin  er  sich  im  einsa- 
men Gefängniss  fortwährend  seine  blonden  Haare  in  Lok- 
ken  gekräuselt  hatte!  — war  zu  einem  ihm  bekannten 
Schuhmacher  gekommen,  in  der  später  eingestandnen  Ab- 
sicht, ihm  um  jeden  Preis  ein  Paar  Stiefeln  zu  rauben.  Der 
Jahrgang  1848.  20 


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30« 


Mann  sass  auf  seinem  Schemel  bei  der  Arbeit.  Im  Ge- 
spräch schlich  M.  hinter  ihn , ergriff  einen  Schusterhammer, 
und  schlug  beherzt  und  wiederholt  auf  den  Kopf  des  Man- 
nes ein,  der  gleich  von  seinem  Sitz  herabstürzte,  und  bald 
nach  den  Verletzungen  verschied.  Der  Mörder  bekannte 
später  — was  ich  oft  in  ähnlichen  Fällen  aus  dem  Munde 
von  solchen  Verbrechern  gehört  habe,  (es  giebt  eine  ei- 
gene dämonische  Lust  am  Verbrechen!;  — dass  er,  nach- 
dem er  einmal  mit  dem  Hammer  zugeschlagen,  und  sein 
Opfer  schon  regungslos  vor  ihm  lag,  nun  erst  recht 
wüthig  geworden  sei  und  „immerzu”  geschlagen  hätte. 
Dieser  Aussage  entsprach  unser  Befund  von  vierund- 
zwanzig einzelnen  Kopfverletzungen,  die  sich  bis  in  das 
Gesicht  (Augen,  Nase,  Backen)  erstreckten.  Unter  Andern 
war  das  linke  Ohr  in  seiner  Mitte  bis  auf  eine  schmale 
Brücke  durch  eine  Queerwunde  mit  stumpf- scharfen  Rän- 
dern getrennt,  und  auch  mehrere  einzelne  Verletzungen 
an  den  weichen  Kopfbedeckungen  hatten  solche  Ränder, 
woraus  wir  gleich  bei  der  Obduction,  wo  noch  nicht  ein- 
mal der  Thäter,  geschweige  die  Art,  wie  er  verfahren, 
ermittelt  war,  schliesscn  mussten,  dass  Jenaius  theils  mit 
einem  stumpfen  (wofür  die  Mehrzahl  der  Wunden  sprach,) 
theils  aber  mit  einem  stumpf  - scharfen  Werkzeug  getödtet 
worden  sein  musste.  Dies  bestätigte  sich  durch  das  spä- 
tere Geständniss  des  Mörders,  dass  er  beide  Seiten  des 
Schusterhammers,  auch  die  scharfe,  abwechselnd  angewandt 
halte.  Es  würde  sehr  ermüdend  und  überflüssig  sein,  woll- 
ten wir  hier  alle  einzelnen  Verletzungen  nach  dem  uns 
vorliegenden  Obductionsprotocolle  aufführen;  wir  begnügen 
uns  vielmehr  mit  der  Angabe  der  hauptsächlichsten,  welche 
bestanden  in  einem  Vertical  - Bruch  des  linken,  in  einem 
halbmondförmigen  Bruch  des  rechten  Schlafbein- Schuppen- 
theiis,  und  in  einer  völligen  Sprengung  der  Schädelgrund- 
fläche von  einem  Keilbeinflügel  bis  zum  andern  herüber. 
Die  Venen  der  pia  maier , zumal  links,  strotzten  von  dun- 
keischwarzem Blute.  Dem  Bruche  des  linken  os  lemporum 
entsprechend,  fand  sich  auf  dem  Gehirn  ein  Extravasat  von 


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307 


geronnenem  Blute  von  Silbergroschen  - Grösse,  und  eine 
j Zoll  in  die  Gehirnsubstanz  eindringende  Verletzung.  Die 
allgemeine  absolute  Lethalität  dieser  Verletzungen  war  leicht 
nachzuweisen. 

34)  Eben  so  leicht  für  die  Beurtheilung  war  folgen- 
der schrecklicher  Fall.  Ein  Mann  von  60  Jahren,  bei  dem 
sich  später  in  der  Untersuchung  Veranlassung  ergab,  sei- 
nen Gemüthszustand  zu  exploriren  und  der  von  uns  als 
blödsinnig  (im  Iandrechllichen  Sinne),  folglich  als  unzurech- 
nungsfähig erklärt  werden  musste,  hatte  in  sich  die  fixe 
Idee  festwurzeln  lassen,  den  Tod  durch  Henkershand  zu 
sterben,  und  um  dazu  zu  gelangen,  hatte  er  sich  die  Töd- 
tung  eines  12jäbrigcn  Knaben  vorgesetzt,  der  ihm  oft  in 
seiner  Wirtschaft  half,  und  zu  dem  er  immer  eine  ge- 
wisse Liebe  und  Anhänglichkeit  gehabt  hatte!  Er  bestellte 
ihn  eines  Sonnabends  Nachmittags  zu  sich,  vorgeblich,  da- 
mit er  ihm  beim  Holzhaucn  im  Keller  behülflich  werde. 
Vorher  hatte  er  nun  in  diesem  Keller  neben  dem  Hauklotz 
Domino  - Steine  verstreut,  damit  der  Knabe  sich  danach 
bücke,  und  bei  dieser  Gelegenheit  wollte  er  ihn  mit  dem 
Beile  tödten.  Diesen  Vorsatz  führte  er  genau  aus.  Im 
Keller  angekommen,  bückte  sich  das  Kind  nach  dem  Do- 
minospiel und  in  diesem  Momente  schlug  ihm  der  — an 
der  ganzen  rechten  Seite  gelähmte  — G.  mit  der  linken 
Hand,  in  welcher  er  das  Beil  hielt,  den  Schädel  in  Trüm- 
mer, worauf  er  sogleich  zur  Polizei-Behörde  ging,  und  mit 
der  grössten  Ruhe  seine  That  zur  Anzeige  brachte,  mit 
der  Bitte,  ihn  doch  nun  recht  bald  hinrichten  zu  lassen! 
Der  verletzte  Knabe  war  sogleich  nach  der  chirurgischen 
Klinik  gebracht  worden,  aber  schon  auf  dem  Transport 
verstorben.  — Der  obere  Theil  des  Schädels  zeigte  sich 
zertrümmert,  indem  acht  grössere  und  kleinere  Knochen- 
fragmente von  Mandel-  bis  Thalergrösse,  die  dem  Unken 
Scheitelbeine  angehörten,  lose  auf  der  harten  Hirnhaut  auf- 
lagen , was  ein  äusserst  seltner  Befund  ist.  Eines  dieser 
Fragmente  hatte  die  dura  mater  durchbohrt.  Das  Stirnbein 
war  in  einem  diagonalen  Sprung  ganz  und  gar  gespalten. 

20  • 


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308 


Die  Gehirnoberfläche  erschien  mit  zahlreichen  kleinen  Ex- 
travasaten von  geronnenem  Blute  wie  besäet,  und  die  Win- 
dungen wie  mit  Blut  ausgegossen.  Im  hintern  Driltheile 
der  linken  Hemisphäre  setzten  sich  die  Extravasate  durch 
die  ganze  Hirnsubstanz  fort.  In  der  basis  cranii  fand  sich 
eine  zwei  Zoll  lange  Fissur  im  linken  grossen  Flügel  des 
Keilbeins,  und  eine  zweite  Fissur,  die  das  Hinterhauptbein 
bis  zu  seinem  Basilartheil  gesprengt  hatte.  Die  Bejahung 
der  ersten  Frage  des  § 109  der  Cr.O.,  d.  h.  die  Annahme 
der  absoluten  Lethalität  der  Verletzungen  konnte  nicht  zwei- 
felhaft sein.  Der  Thäter  wurde  bei  der  von  uns  in  einem 
ausführlichen  Gutachten  nachgewiesenen  Beschaffenheit  sei- 
nes Gemüthszustandes  nicht  zu  Tode  verurtheilt,  sondern 
in  eine  Aufbewahrungsanstalt  geschickt. 

35)  Seltsam  war  ein  Fall  einer  Kopfverletzung,  die 
bei  der  nölhigen  Vorsicht  im  forensischen  Uriheil,  nicht 
mehr  mit  Gewissheit  taxirt,  wenn  gleich  ein  Zweifel  an  ih- 
rer Tödtlichkeit  füglich  nicht  erhoben  werden  konnte.  Ein 
Bauarbeiter  nämlich  hatte  durch  Reissen  eines  Taues  mit 
einem  schweren  eisernen  Bolzen  eine  Kopfverletzung  be- 
kommen. Ueber  die  nachfolgende  Krankheit  und  Behand- 
lung (im  Clinicum)  lag  uns  Nichts  vor,  und  sogar  war  die 
Leiche  bereits  — in  der  Krankenanstalt  vollständig  secirt 
worden.  Die  Schädelhöhle  war  ganz  leer  und  das  Gehirn 
lag  zerschnitten  in  der  Unterleibshöhle,  und  wir  sollten 
über  die  Tödtlichkeit  der  Kopfverletzung  uriheilen!  Aber 
an  der  Schädelgrundfläche  fanden  sich  vom  Keilbein,  Sieb- 
bein und  pars  obital.  des  Stirnbeins  mehrere  Stücke  abge- 
brochen und  hiernach  konnten,  vorausgesetzt,  dass  diese 
Brüche  durch  die  Verletzung  entstanden  waren,  wenigstens 
Wahrscheinlichkeitsgründe  gegeben  werden. 

VII.  3(1)  Diese  Reihe  von  Untersuchungen  an  Leichen 
zur  Ermittelung  der  Todesart  nach  Verletzungen  möge  ein 
sehr  eigenthümlicher  Fall  beschliessen , der  sehr  anschau- 
lich die  Nothwendigkeit  einer  ärztlichen  Mitwirkung  bei 
diesen  Fällen,  und  die  Unzulänglichkeit  einer  blossen  Lei- 
chenbesichtigung durch  Gerichtsdeputirte  (Laien)  nach  Töd- 


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309 


tungen  durch  Gewaltlhäligkeit  nachweist,  wie  sie  leider  (s. 
unten)  in  allen  solchen  Fällen,  wobei  die  Schuld  eines 
Dritten  nicht  constirt,  oder  nicht  vorausgesetzt  wird, 
seit  December  1824 , unter  Abänderung  der  Vor- 
schrift der  Crim.  Ordnung  eingeführt  ist.  Zu  wie  manchen 
Missgriffen  mag  diese  Bestimmung  Veranlassung  gegeben 
haben.  Wie  manche  Leiche  mag  in  diesen  dreiundzwanzig 
Jahren  beerdigt  worden  sein,  nachdem  der  Beerdigungs- 
schein von  Gerichtsdeputirlen  ertheilt,  und  darin  bestätigt 
war,  dass  „Spuren  äusserer  Gewalt  fehlten”  (s.  oben),  wäh- 
rend eine  ärztliche  Untersuchung  des  Körpers  vielleicht 
die  erheblichsten  Spuren  einer  äussern  Gewalt,  wenn  auch 
nicht  auf  der  Oberfläche  der  Leiche  gefunden  haben  würde. 
Wie  viel  wahrscheinlicher  würde  sich  umgekehrt  das  Ur- 
theil  eines  Laien  im  nachfolgenden  Falle  für  die  Tödllich- 
keit  der  Verletzung  ausgesprochen  haben,  für  welche  auch 
in  der  That  Alles  zu  sprechen  schien,  während  die  ge- 
richtsärztliche Untersuchung  einen  ganz  andern  Zusammen- 
hang nachwies.  Der  sehr  interessante  Fall  war  Folgender, 
ln  einer  kalten  Winternacht  wurde  ein  angetrunkener  Um- 
hertreiber von  zwei  Grenadieren  arretirt.  Auf  dem  Trans- 
port entsprang  er  ihnen,  bald  aber  fiel  er  beim  Laufen  auf 
dem  glatten  Strassenpflaster  mit  Heftigkeit — wie  ein  Zeuge 
ausgesagt  — nieder,  raffte  sich  indess  bald  wieder  auf,  und 
machte  Anstalt  seine  Flucht  fortzusetzen,  als  ihm  Einer  der 
Soldaten  sein  Gewehr,  das  Bajonett  voran,  nachwarf,  das 
den  Flüchtigen  traf  und  zum  Stehn  brachte.  Er  wurde 
eingeholl,  konnte  aber  alsbald  sich  nicht  mehr  aufrecht  er- 
halten, noch  weniger  weiter  gehn,  und  musste  nach  dem 
nicht  sehr  entfernten  Gefangenhause  getragen  werden,  wo 
er  bereits  bei  der  Annahme  verstarb.  Dies  war  doch  wohl 
eine  tödtliche  Bajonettstichwunde,  die  man  auch  an  der 
Leiche  sehr  deutlich  wahrnahm?  Mit  nichten!  — Denn  die 
erheblichen  Leichenbefunde  waren  folgende:  zwischen  der 
Ilten  und  12ten  Rippe  links,  fünf  Zoll  von  der  Wirbel- 
säule entfernt,  befand  sich  eine  dreieckige,  an  jedem  Schen- 
kel § Zoll  lange,  mit  angetrocknetem  Blute  angefüllte  Wunde 


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mit  scharfen,  schwach  sugillirlen  Rändern.  Die  Bauchdek- 
ken  waren  ganz  ungemein  fellreich.  Die  hintere  Wand 
des  Bauchfells  war  ganz  und  gar,  zum  Theil  auch  noch 
seine  Duplicaturen  mit  einem  dunkeln  halbgeronnenen  Blnle 
infiltrirt,  dessen  Quelle  nicht  entdeckt  werden  konnte,  in 
der  Tiefe  der  Bauchhöhle  fanden  sich  drei  Unzen  voll  blu- 
tigen Wassers.  Die  äusserlich  wahrnehmbare  Bajonettstich- 
wunde aber  hatte  in  die  Bauchhöhle  hinein  gar  nicht  pe- 
netrirt,  sondern  verlief  blind  in  den  fettreichen  Bauch- 
bedeckungen, in  welchen  sich  um  die  Wunde  herum  eine 
halbzollgrosse  InGltralion  schwarzen,  halbflüssigen,  halbge- 
ronnenen Blutes  zeigte.  Im  Uebrigen  ergab  sich,  ausser 
einer  ansehnlichen  Blutfülle  der  Gchirnvenen  und  I’Uxtu 
(und  dem  anderweitig  interessanten  Befunde  einer  durch- 
gängigen Verwachsung  des  Herzbeutels  mit  dem  Herzen, 
so  dass  derselbe  davon  auf  keiner  Stelle  zu  trennen  war,) 
nichts  Bemerkenswerthes  und  auf  die  Todesursache  Bezüg- 
liches. Ihnatus  war  folglich  an  einer  Verblutung  im  Un- 
terleibe gestorben,  aber  die  Verletzung  mit  dem  Bajo- 
nett hatte  diese,  und  den  Tod  nicht  verursacht  gehabt, 
da  das  Instrument  gar  nicht  penetrirt,  und  weder  ein  in- 
neres blutreiches  Organ,  noch  ein  Blutgefäss  getroffen  hatte. 
Die  Ursache  der  Blutung  mussten  wir  vielmehr  in  dem 
Falle  suchen,  welchen  L.  auf  das  Strassenpflaster  kurz  vor 
erhaltnem  Stiche  gethan  hatte.  Dass  dieser  Fall  des  An- 
getrunknen  auf  das  glatte,  gefrome  Pflaster  heftig  gewe- 
sen, stand  nach  der  Untersuchung  fest,  und  die  durch  den 
heftigen  Fall  bewirkte  Erschütterung  musste  als  der  Grund 
der  Sprengung  eines  Blutgefässes  angesehn  werden.  Diese 
innere  Blutung,  führten  wir  ferner  aus,  konnte  nur  allmäh- 
lig  zugenommen  haben,  denn  sie  hatte  Zeit  gehabt,  einen 
so  umfangreichen  Tbeil  des  Zellgewebes  und  der  Muskeln 
zu  infiltriren,  während  bei  schnellen  innern  Verblutungen 
sich  ein  ganz  andrer  Leichcn-Befund  ergiebt,  und  deshalb 
konnte  denaliu  unmittelbar  nach  dem  Falle,  der  Veranlas- 
sung zur  Sprengung  eines  Gefässes  geworden,  sehr  füglich 
sich  noch  wieder  aufraffen,  und  einige  Schritte  weiter  Iau- 


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fcn,  bis  ihn  der  empfangene  Stich  und  das  in  seinen  Klei- 
dern hängen  gebliebene  Gewehr  zum  Stehn  brachten.  Nun 
aber,  und  nachdem  die  innere  Blutung  mehr  und  mehr  zu- 
genommen hatte,  sank  er  zusammen  und  die  tüdtiiehe  Wir- 
kung der  innern  Verblutung  war  eingetrelen.  „So  sehr 
demnach  der  äussere  und  oberflächliche  Anschein,  grade 
darin  namentlich,  dass  der  Verletzte  sehr  rasch  nach  er- 
folgter Verletzung  zu  Boden  sank  und  bald  dnraul  starb, 
für  einen  ursächlichen  Zusammenhang  der  Verletzung  mit 
dem  Tode  zu  sprechen  scheint,  so  wenig  hat  ein  solcher 
Statt  gefunden,  indem  hier  vielmehr  nur  ein,  bereits  ander- 
weitig tödllich  Getroffener  noch  eine,  an  sich  nicht  sehr 
bedeutende  Stichwunde  erhalten  hat,  welche  unter  andern 
Umständen  sehr  häufig'  ohne  allen  Nachtheil  für  das  Leben 
des  Verletzten  geblieben  ist”. 

Die  übrigen  64  unter  den  hundert  hier  zur  Betrach- 
tung kommenden  Fällen  betrafen  andre  gewaltsame  Todes- 
arten als  durch  eigentliche  Verletzungen  und  sollen  in  ei- 
nem gelegentlichen  zweiten  Artikel  vorgeführt  werden. 


Literatur. 

(S|»eeieUe  Pathologie.) 

Klinische  Vorträge  im  Frankfurter  Kinderkran- 
ke nh au se  von  Dr.  S.  F.  Stichel,  H.  Nass.  Geheimen- 
Hofrathc  u.  s.  w.  Erstes  Heft.  Frankfurt  a.  M.  1846. 
VIII  u.  160  S.  8.  *) 

Der  tan  August  1841  verstorbene  practischc  Arzt 
Frankfurts  Dr.  Theobald  Christ  bestimmte  mittelst  Testa- 
ments den  grössten  Theil  seines  Nachlasses  zur  Errichtung 
eines  Krankenhauses  für  arme  kranke  Kinder,  mit  welchem, 
so  weit  thunlich,  eine  Entbindungsanstalt  für  arme,  im  dor- 

•)  dnreh  Zufall  verspilet.  C. 


Gooale 


312 


tigen  Bürger-  oder  Heimathsrechte  stehende  Frauensper- 
sonen vereinigt  werden  sollte. 

Diesen  Bestimmungen  gemäss  wurde  ein  Krankenhaus 
erbaut,  welches  im  Laufe  des  Jahres  1845  schon  70  kran- 
ken Kindern  Verpflegung  und  ärztliche  Behandlung  darbot. 
Arzt  der  Anstalt  ist  der  rühmlichst  bekannte  Vf,  dieser 
Schrift,  Geh.  Hofrath  Dr.  Stiebei,  es  haben  aber  die  jun- 
gem Aerzte  der  Stadt  Frankfurt,  welche  noch  nicht  über 
vier  Jahre  practiciren,  Zutritt  zu  den  ärztlichen  Visiten,  die 
Gelegenheit  zu  Beobachtungen  über  einzelne  Krankheiten,  ' 
oder  Kinderkrankheiten  überhaupt,  wird  ihnen  gern  gebo- 
ten, sie  übernehmen  dagegen  die  Führung  der  Krankenge- 
schichten, die  chemischen  und  inicroscopischen  Untersu- 
chungen u.  s.  w.  Diesen  jüngeren  Collegen  hat  nun  Herr 
Dr.  Stiebel  „von  Zeit  zu  Zeit  das,  was  er  bei  besondern 
Fällen  zu  entwickeln  Gelegenheit  fand,  in  kleinen  zusam- 
menhängenden Vorträgen  wiederholt,  und  wenn  er  diese  in 
ungezwungenen  Heften  (wovon  das  erste  vorliegt)  veröf- 
fentlicht, so  geschieht  es  mehr  in  der  Absicht,  künftige 
Leistungen  der  Anstalt  vorzubereiten,  ihr  den  Zwang  einer 
wissenschaftlichen  Richtung  sogleich  aufzulegcn,  als  cs  in 
der  Meinung  geschieht,  es  könne  jetzt  schon  Bedeutendes 
geleistet  werden,  wenn  auch  Einiges  gewiss  willkommen 
ist”.  Solcher  Vorlesungen  sind  im  vorliegenden  Hefte  14 
enthalten  und  zum  grössten  Theile  (0)  der  Besprechung 
neuropathologischer  Vorgänge  gewidmet. 

Als  Einleitung  giebt  der  Herr  Verfasser  in  der  ersten 
Vorlesung  seine  Ansichten  über  Innervation  und  Nervener- 
scheinung. Innervation  ist  der  ununterbrochene,  von  den 
Centralorganen  ausgehende  Einfluss  des  Nervensystems  auf 
die  Gebilde  und  umgekehrt;  sie  ist  aber  nicht  die  Action 
der  Nerven  selbst,  sondern  nur  die  Bedingung,  durch 
welche  die  Aclion  des  Nerven  möglich  wird.  In  diesem 
Zustande  der  Ruhe  ist  das  Nervensystem,  wenn  wir  seine 
Thätigkeit  mit  einer  galvanisch  - electrischen  vergleichen, 
geladen,  gespannt;  bei  der  Action  geschieht  die  Entladung, 
und  so  giebt  es  centrische  und  peripherische  Spannung, 


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centrische  und  peripherische  Entladung,  je  nach  der  Action 

eines  peripherisch -centrischen  (sensitiven.)  oder  centrisch~ 
peripherischen  (motorischen)  Nerven.  So  anschaulicli  aber 
die  Nerventhätigkeit  durch  diese  Bezeichnung  auch  wird, 
so  soll  letztere  doch  weiter  nichts  sein  als  eine  Formel  für 
einen  Vorgang,  dessen  Wesen  uns  bis  jetzt  noch  unbe- 
kannt ist.  Durch  Innervation  wird  in  den  übrigen  Syste- 
men des  Organismus  ein  mittlerer  Zustand  der  Thätigkeit 
im  Gleichgewicht  erhalten. 

Der  Wille  ist  eine  Centralaction  des  Gehirns  auf  die 
Nervenprimilivfasern;  er  wirkt  also  auf  das  Centralende  als 
ein  Reiz;  wo  der  Reiz  ist,  ist  auch  die  Rcaction;  es  ent- 
steht also  an  dem  Ccntralende  der  Nervenfasern  eine  Tur- 
gescenz,  eine  Entladung,  ein  +,  während  an  dem  Muscu- 
larende,  an  dem  peripherischen,  ein  — cintritt,  ein  Nach- 
lass der  durch  die  Innervation  bewirkten  peripherischen 
Spannung,  die  Muskelfaser  wird  für  einen  Moment  frei  und 
verkürzt  sich,  indem  sie  dem  Zuge  der  eignen  Thätigkeit 
folgt.  Die  Reflexbewegungen  macht  Herr  St.  von  relati- 
ven Nervencentren  abhängig,  bewusstlos  wirkenden  Ner- 
venheerden,  welche  grossentheils  in  dem  kleinen  Gehirn, 
auch  wohl  in  den  Ganglienkörpern  ihren  Sitz  zu  haben 
scheinen.  Für  die  Reflexaclion  selbst  haben  wir  folgende 
Formel:  Es  entsteht  an  dem  peripherischen  Ende  des  sen- 
sitiven Nerven  ein  + der  Erregung,  an  seinem  relativen 
Centralende  ein  — ; von  da,  durch  Vermittelung  des  rela- 
tiven Centrums  an  dem  centrischen  Ende  des  motorischen 
ein  +,  an  dem  peripherischen  des  motorischen  ein  — , die 
Muskelfasern  werden  frei  und  ziehn  sich  zusammen.  — 
„Unsre  ganze  Ncrvenpathologie  steht  auf  einem  sonderba- 
ren Standpuncte;  wir  sprechen  von  Nervenkrankheiten  und 
verhandeln  Nervenerscheinungen,  Symptome  und  keine 
Krankheiten”.  Der  Grund  hiervon  liegt  ganz  einfach  in 
unsrer  Unbekanntschaft  mit  den  Veränderungen,  welchen 
die  Nerven  selbst  in  den  sogenannten  Nervenkrankheiten 
unterworfen  sind  und  mit  der  Art  wie  abnorme  Nervenac- 
tionen  zu  Stande  kommen.  Wir  können  also  auch  hier 


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nicht  mehr  erwarten  als  „eine  vielleicht  etwas  consequen- 
tere  Symptomatologie”  wie  der  Hr.  Verf.  sich  ausdrückt 
und  in  dieser  Erwartung  werden  wir  nicht  getäuscht,  denn 
wir  erhalten  in  den  folgenden  Vorlesungen,  welche  uns 
einzelne  Abtheilungen  der  Neuropathologie  ganz  in  nuce 
geben,  bei  jeder  einen  kurzen  physiologischen  Nachweis 
des  besprochenen  Vorganges. 

Einzelnes  hier  mitzutheilen,  würde  zu  weit  führen;  es 
genüge  zu  sagen,  dass  die  Concinnität  der  Behandlung  und 
die  consequenle  Durchführung  des  Gegenstandes  ebenso 
anziehend  für  den  Leser  ist,  als  ihm  der  Standpunct  des 
ganzen  Werkchens,  der  völlig  au  nireau  mit  der  Wissen- 
schaft ist,  einen  hohen  Grad  von  Achtung  vor  den  Kennt- 
nissen und  Talenten  des  Hm.  Verf.  einflössen  muss. 

Die  lOte  bis  13te  Vorlesung  enthält  eine  sehr  schätz- 
bare kurzgefasste  Abhandlung  über  Scropheln,  ans  welcher 
uns  einzelne  Bemerkungen  als  wahre  Goldkörner  entgegen- 
leuchten. „Wenn  ich  Sie  versichere,  dass  es  mir  gelungen 
ist”,  sagt  Herr  St.  „durch  zweckmässige  Pflege  und  Nah- 
rung in  den  meisten  Familien,  welche  meiner  Sorge  unter- 
liegen, die  Scropheln  ganz  auszurotten,  so  bezieht  sich  dies 
nicht  blos  auf  die  reichen,  sondern  auf  eine  Menge  von 
armen,  nicht  durch  Liederlichkeit  verwahrlosten  Haushaltun- 
gen, nachdem  ich  diese  überzeugt  hatte,  wie  wohlfeil 
Waschwasser  und  reinliche  Luft  ist”.  Kann  auch  diesen 
Ausspruch  nicht  jeder  Practiker  unbedingt  unterschreiben, 
so  muss  doch  der  unberechenbare  Einfluss  dieser  Momente 
auf  die  Verbreitung  der  Scrophelsucht  sicher  eingeräumt 
werden. 

Tuberculose  wird  gehörig  von  Scrophulosit  unterschie- 
den, indem  Scrophulosis  eine  auf  veränderter  Mischung  be- 
ruhende Krankheit  sei,  Tuberculosis  die  Ablagerung  eines 
nicht  mehr  dem  Organismus  angehörigen,  ausgeschiednen 
Productes,  weiches,  wenn  es  nicht  durch  Resorption  oder 
Isolirung  unschädlich  gemacht  wird,  endlich  die  umliegen- 
den Theilc  und  damit  allmälig  den  ganzen  Organismus  zer- 
stört. Ebenso  wird  die  Rhachitis , als  eine  von  der  Scro- 


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315 


phulosis  ganz  verschiednc  Krankheit,  bei  welcher  die  Func- 
tion der  Leber  vor  allein  leidet,  von  der  Besprechung  aus- 
geschlossen. 

Die  Scrophcln  theilt  der  Hr.  Verf.  in  drei  Arten,  Nu- 
trilions-,  Respirations-  und  Schieimhautscrophcln.  Die  Nu- 
Iritionsscrophel  entsteht,  wenn  durch  Anstopfung  des  Ma- 
gens mit  zu  grossen  und  schwer  verdaulichen  Massen  von 
Nahrung  die  Tbätigkeit  der  Magennerven  erschöpft  wird, 
so  dass  durch  mangelhafte  Einwirkung  der  vegetativen 
Nerven  der  chemische  Process,  dem  das  Aliment  unterliegt, 
nicht  gehörig  von  Statten  geht;  die  zur  Lösung  bestimm- 
ten Säuren  werden  durch  den  Harn  ausgeschieden,  nament- 
lich das  Eiweiss  nicht  gehörig  chemisch  löslich  in  das  lym- 
phatische System  geführt,  und  der  Ueberschuss  dieses  nicht 
gehörig  veränderten  Eiweisses  bildet  nun  zunächst  die  ma- 
terielle Grundlage  der  Nutritionsscrophel.  Die  Stockung 
dieses  Aliments  in  den  LymphgefÜssen  erzeugt  Alienation 
und  Verödung  der  Drüsen  und  hat  dann  die  Infiltrationen, 
als  scrophulöse  Physiognomie,  Hydrocephalus  scrophulosu #, 
Tinea , Knochenscrophel  (Spina  ventosa ) u.  s.  w.  im  Gefolge. 
Die  Bildung  der  Tinea  capitis  wird  als  der  durch  kräftige 
Nerventhätigkeit  bedingte  Auswurf  der  scrophulösen  Schlacke 
aus  dem  Organismus  angesehn  und  daher  Erregung  einer 
künstlichen  Tinea  durch  Tart.  stib.  als  wirksamste  Abhülfe 
bedenklicher  scrophulöser  Infiltrationen  empfohlen.  Die 
Tineapilze  betrachtet  Hr.  St.  rein  als  zufällige  Producte, 
durchaus  nicht  als  Wesen  der  Krankheit.  „Die  Conferve 
ist  nie  die  Krankheit,  sondern  hier  wie  überall  können  auf 
zerfallenden  organischen  Producten  Pilze  aus  dem  gegebe- 
nen Elemente  wuchern,  und  die  Schmarotzertheorie  ist 
ebenfalls  nur  ein  Zeichen  einer  kranken  Pathologie”. 

Bildet  sich  die  Nutritionsscrophel  vom  Magen  aus,  so 
entsteht  im  Gegenthcil  die  Respirationsscrophel  durch  Ein- 
athmung  schlechter,  sauerstoffarmer  Luft,  daher  ihr  Auftre- 
ten besonders  in  Findelhäusern,  oder  wo  viel  Kinder  und 
Erwachsene  in  engen  Stuben  zusammengepfercht  sind.  Ihr 
Ausgang  ist  Lungentuberkeln  und  Hautgeschwüre. 


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Die  Schleimhautscrophel,  als  drille  Art  der  Scropheln, 
entsteht  immer  durch  Erosion  und  Imbibition  des  Zellge- 
webes von  aussen;  durch  eine  mit  feuchten,  scharfen  Dün- 
sten erfüllte  Luft;  sie  giebt  Anlass  zu  Blenorrhöen  aller 
Art,  ist  am  meisten  zu  Recidiven  geneigt  und  verursacht 
eine  grössere  Reizbarkeit  bei  den  von  ihr  befallenen 
Kranken. 

Die  14te  Vorlesung  giebt  uns  die  Geschichte  eines 
unter  dem  Namen  Wackelkopf,  lynx,  verzeichneten  Krank- 
heitsfalles, der  dadurch  um  so  interessanter  wird,  als  er 
die  sorgfältige  Beobachtung  einer  gewiss  nicht  so  sehr 
selten  vorkommenden  aber  bisher  übersehenen  Hemmungs- 
bildung ist.  Die  Hauptzeichen  sind  „das  nach  allen  Rich- 
tungen Statt  habende  Wackeln  des  Kopfes,  die  grosse 
Drehbarkeit,  eine  tiefe  Grube  zwischen  den  M.  M.  biventeres 
cervicis  und  später  die  Unfähigkeit,  die  untern  Extremitäten 
zu  gebrauchen”.  Häufige  Convulsionen  führen  oft  eine  Mit- 
leidenschaft der  Augen-  und  Zungenmuskeln  herbei,  die 
Kinder  lernen  spät  sprechen,  noch  später  gehn,  und  viele 
von  ihnen  sterben,  weil  man  sie  für  Opfer  des  Hydroce- 
phalus,  des  Crelinismus  hielt  und  unzweckmässig  verpflegte. 
Eine  sehr  einfache  Behandlung,  anhaltende  Rückenlage 
pflegt  das  Uebel  zu  vermindern  oder  ganz  zu  heilen,  da 
es  wahrscheinlich  in  allgemeiner  Erschlaffung  oder  unvoll- 
kommener Entwickelung  der  Wirbelligamente,  namentlich 
des  Ligam.  nuchae  besteht. 

Diese  Mittheilungen  werden  genügen,  um  zu  einer 
genauem  Prüfung  der  vorliegenden  lehrreichen  und  geist- 
vollen Schrift  aufzufordern.  Möchfen  doch  auch  andre  Hos- 
pitalärzle,  denen  ein  so  reiches  Material  zu  Gebote  steht, 
auf  ähnliche  Weise  von  ihrer  Stellung  Vortheil  ziehn,  der 
dem  ganzen  medicinischen  Publicum  zu  Gute  kommt! 

Dr.  — eg  — 


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Vermischtes. 


1.  Leben  des  Kindes  bei  lange  Zeit  vorgefalle- 
ner Nabelschnur. 

Diesen  interessanten  Fall  erlebte  ich  im  Sommer  1828 
und  gebe  ihn  wörtlich  aus  meinem  ärztlichen  Tagebuche 
wieder.  Um  3 Uhr  Nachmittags  wurde  ich  durch  einen 
00jährigen  — nichts  weniger  als  behenden  Boten  nach 
dem  I5  Stunde  von  Warburg  gelegenen  Dorfe  Grosseneder 
zu  der  Ehefrau  W.  gerufen,  welche  sich  zum  vierten  Male 
in  Kindesnöthen  befand.  Bei  meiner  Ankunft  erfuhr  ich 
von  der  Hebamme,  dass  sie  vor  ungefähr  fünf  Stunden  zu 
der  Kreisenden  gerufen  worden  sei  und  die  Wässer  abge- 
flossen und  ein  langes  Stück  Nabelschnur  in  der  Scheide 
gefühlt  habe.  Dies  habe  sie  veranlasst,  gleich  auf  Herbei- 
rufung  eines  Geburtshelfers  zu  dringen.  Da  indess  die 
Leute  im  Dorfe  gerade  alle  bei  der  Ernte  beschäftigt  wa- 
ren, so  wären  einige  Stunden  darüber  verflossen,  bis  man 
den  alten  Boten  zum  Abschicken  gefunden  hatte.  Bei  der 
Untersuchung  fand  ich  wirklich  eine  wohl  einen  Fuss  lange 
Schlinge  einer  sehr  saftigen  und  dicken  Nabelschnur  vor- 
gefallen, so  dass  schon  ein  nicht  geringer  Theil  derselben 
aus  der  Scheidemündung  hervorsland.  Die  einfältige  Heb- 
amme — aus  der  ältesten  Schule  — hatte  jedes  Mittel 
vernachlässigt,  den  vorgefallenen  Theil  zurückzubringen  und 
zurückzuhalten.  Die  ganze  Nabelschnur  fühlte  sich  indess 
warm  und  pulsirend  an.  Ich  Hess  die  Kreisende  ohne 
Verzug  auf  ein  Ouerlager  legen.  Beim  höhern  Hinauf- 
fühlen in  die  Geburtstheile  entdeckte  ich  auch  den  vorge- 
fallenen linken  Arm  und  eine  Seitenbrustlage  des  Kindes. 
Die  Wendung  wurde  gemacht  und  ein  scheintodter  kräfti- 
ger Knabe  zu  Tage  gefördert,  der  bei  Anwendung  der 
Wiederbelebungsmittel  binnen  wenigen  Minuten  laut  schrie. 
— Nach  Jahresfrist  — bei  der  öffentlichen  Impfung  — 
sah  ich  ihn  und  die  Mutter  gesund  und  kräftig  wieder. 

Es  sind  mir  in  dem  verflossenen  Jahre  noch  zwei  Ge- 
burtsfälle vorgekommen,  bei  welchen  die  Nabelschnur  län- 


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gere  Zeit  vor  der  Entbindung  vorgefallen  war  und  dennoch 
das  Leben  des  Kindes  erhalten  wurde.  Der  eine  Fall  er- 
eignete sich  bei  einer  Schuhmacherfrau,  welche  bereits  ein- 
mal geboren  hatte.  Das  Kind  hatte  eine  Schiefiage  des 
Kopfes  und  die  Nabelschnur  war  gleich  mit  dem  Wasser- 
sprunge über  1 Fuss  lang  aus  den  Genitalien  vorgefallen. 
Von  diesem  Zeitpunkte  bis  zu  meinem  Erscheinen  bei  der 
Kreisenden  waren  nach  Versicherung  der  Hebamme,  wel- 
che die  Zeit  nach  der  Uhr  sich  genau  gemerkt  halte,  volle 
ä Stunden  verflossen.  Die  Nabelschnur  war,  obgleich  jene 
mehrmals  kunstgerecht  einen  Schwammtampon  in  die  Va- 
gina eingelegt  hatte,  durch  fortwährende  kräftige  Wehen 
wieder  herausgetrieben  und  lag  gegen  £ Fuss  lang  aus  den 
äusseren  Genitalien  vor.  Sie  war  warm,  saftig  und  pulsi- 
rend.  Die  Wendung  war  wegen  der  starken  Wehen  sehr 
schwierig  und  anstrengend,  und  dauerte  bis  zur  völligen 
Entwickelung  des  Kindes  18  Minuten  lang.  Dasselbe  kam 
scheintodt  zur  Welt,  wurde  aber  nach  viertelstündiger  An- 
wendung der  Wiederbelebungsversuche  belebt.  Der  starke 
und  kräftige  Knabe  lebt  noch  und  gedeiht  vortrefflich. 

Der  andere  Fall  kam  bei  einer  Biirgerfrau  vor,  die 
primipara  war  und  ein  ziemlich  stark  geneigtes  Becken 
halte.  Gleich  nach  dem  Abgänge  der  Wässer  hatte  die 
Hebamme  bemerkt,  dass  neben  dem  vorstehenden  Kopfe 
die  Nabelschnur  mehrere  Zoll  lang  aus  der  Schaam  her- 
ausgetreten war.  Ich  wurde  aufgesucht  und  bis  zu  mei- 
nem Eintreffen  war  über  eine  Stunde  Zeit  verflossen.  Ich 
fand  die  Kreisende  in  heftigen  Wehen,  den  Kopf  in  der 
obern  Becken -Apertur  eingekeilt  und  neben  demselben 
auf  der  linken  Seite  die  Nabelschnur  vorgefallen.  Letztere 
war  zwar  noch  warm,  jedoch  die  Pulsation  durch  den  Druck 
des  Kopfes  so  schwach,  dass  sie  kaum  gefühlt  werden 
konnte.  Wegen  Grösse  des  Kindskopfes  waren  viele  Zan- 
gentractionen  nöthig,  um  dos  Kind  zu  Tage  zu  fördern. 
Die  Nabelschnur  wurde  während  des  Operirens  kalt  und 
pulslos.  Nach  etwa  einer  Viertelstunde  war  die  Geburt  be- 
endigt. Das  Kind,  ein  sehr  starker  Knabe,  kam  scheintodt 


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319 


zur  Welt,  wurde  aber  bald  belebt  und  erfreut  sich  noch 
jetzt  eines  guten  Wohlseins. 

Bei  dieser  Gelegenheit  erinnere  ich  mich  noch  eines 
hierher  gehörigen  weit  merkwürdigem  Falles,  welchen  ich 
im  Jahre  1828  während  meiner  amtlichen  Stellung  in  War- 
burg  erlebte.  Ich  wurde  damals  im  Monat  Mai  gerade  um 
Mittag  von  einem  Boten  aus  dem  eine  Meile  entfernt  lie- 
genden Dorfe  Grosseneder  berufen,  um  einer  kreisenden 
Bauersfrau,  welche  ich  bereits  zweimal  künstlich  entbunden 
hatte,  Beistand  zu  leisten.  Die  Hebamme,  eine  alte  unwis- 
sende Frau,  hatte  dem  Boten  besonders  bemerkt,  dass  der 
Nabelschlauch  vorgefallen  sei.  Gegen  2 Uhr  Nachmittags 
langte  ich  au  und  fand  wirklich  die  Nabelschnur  fast  einen 
Fuss  lang  aus  der  Schaam  hängend,  kalt  und  trotz  der 
genauesten  Untersuchung  pulslos.  Die  stupide  Heb- 
amme hatte  auch  nichts  gethan,  um  sie  in  der  Vagina  zu- 
rückzuhalten. Ich  erfuhr  nun  noch  bei  genauer  Nachfor- 
schung, dass  der  Wassersprung  und  Vorfall  des  funicidus 
umbilicalis  schon  zwischen  8 — 9 Uhr  Morgens  stattgefun- 
den hatte,  die  Hebamme  aber  in  der  HolTnung,  dass  sie 
ohne  ärztliche  Hülfe  fertig  werden  würde,  fast  eine  ganze 
Stunde  lang  mit  Absendung  des  Boten  gewartet  hatte.  Das 
Kind  hatte  eine  Seitenlage  und  die  Wendung  ging  ziem- 
lich leicht  von  Statten.  Es  wurden  an  dem  scheintodten 
Kinde,  an  dem  ich  gleichwohl  noch  einen  leisen  Herzschlag 
zu  fühlen  glaubte,  die  Wiederbelebungsmittel  mit  Fleiss  an- 
gewendet und  ich  hatte  die  grosse  Freude,  nach  fast  halb- 
stündiger Mühe  ein  kräftiges  Mädchen  die  vier  Wände  be- 
schreien  zu  hören.  — Also  fast  fünf  Stunden  lang,  wie 
hier  angenommen  werden  kann,  hatte  die  Nabelschnur  Vor- 
gelegen, und  doch  war  die  Circulation  des  Blutes  in  der- 
selben nicht  ganz  unterbrochen  worden. 

Der  Herr  Professor  Ritgen,  welchem  ich  bei  Gelegen- 
heit des  Jubelfestes  des  Geheimen  Regierungsrathes  Dr.  Stoll 
in  Arnsberg  diesen  Fall  mitlheille,  hielt  ihn  für  so  merk- 
würdig, dass  es  fast  Pflicht  sei,  ihn  öffentlich  bekannt  zu 
machen.  Kreis- Phys,  Dr.  Diislcrberg. 


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320 


2.  Einfluss  karger  Nahrung  auf  die  Grösse 
der  Frucht. 

Bei  einer  zum  dritten  Male  schwängern  36  jährigen 
kleinen  und  in  früher  Jugend  rhachitisch  gewesenen  Frau, 
welche  ich  zweimal  vorher  nur  durch  die  Perforation  halte 
entbinden  können,  weil  kleine  Durchmesser  und  grosse  Kin- 
der sehr  ungünstige  räumliche  Verhältnisse  bedingten,  hatte 
ich  mir  vorgenommen,  die  künstliche  Frühgeburt  einzulei- 
ten. Allein  mit  der  32sten  Schwangerschaftswoche,  wo  ich 
die  Operation  vornehmen  wollte,  war  durchaus  keine  be- 
stimmte Lage  der  Frucht  zu  erkennen  und  eben  so  wenig 
14  Tage  später.  Ich  beschränkte  mich  daher  darauf,  der 
Schwängern  bei  vieler  Bewegung  eine  höchst  einge- 
schränkte Diät  anzuempfehlen.  Schwarzbrod,  Hülsenfrüchte, 
Kartoffeln,  schwere  Pfannekuchen  u.  s.  w.  wurden  verbo- 
ten und  dazu  bis  zu  Ende  der  Schwangcrschft  Bittersalz  in 
abführenden  Gaben  gegeben.  Dadurch  gelang  es  mir,  dies- 
mal vermittelst  der  Zange  ein  lebendes  Knäbchen  zur  Welt 
zu  fördern.  Das  Kind  war  ausgetragen,  doch  dürftig  und 
mager. 

Wie  wenig  aber  dieselben  Momente  unter  andern  Um- 
ständen Einfluss  auf  die  Ernährung  der  Frucht  haben,  hatte 
ich  einige  Tage  später  Gelegenheit  zu  beobachten:  Eine 
kleine  43  Jahre  alte  schwache  und  magere  Frau,  welche 
den  ganzen  Winter  über  an  Husten  gelitten  und  anderwei- 
tig gekränkelt  hatte,  dabei  tagtäglich  schwere  körperliche 
Arbeiten  zu  verrichten  und  mit  vielen  Arbeitssorgen  zu 
kämpfen  halte,  wurde  von  mir  mit  grösster  Schwierigkeit 
von  einem  14  Pfund  schweren  Knaben  durch  die  Zange 
entbunden.  Nachdem  der  Kopf  bereits  entwickelt  war, 
mussten  noch  beide  Arme  gelöst  werden,  und  selbst  hier- 
nach war  der  Durchgang  der  Hüften  mit  Schwierigkeit  ver- 
bunden. 

Bochold.  Dr.  Frentrup. 


Gedruckt  bei  J.  PeUch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 

Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1 , bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3-J  Thtr.  bestimmt,  wofür  sämmtliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  H ir tchtcald. 

J\3  21.  Berlin,  den  20'*"  Mai  1848. 


Uebcr  den  Knochenbrand  der  Kiefer  bei  den  Phosphorzündholz- Ar- 
beitern. Vom  Geh.  Med.-Rath  Dr.  Jdngkcn.  Fälle  von  /n- 
lermillens  comilala.  Vom  Dr.  Spengler.  — Kritischer  Anzeiger. 

Uebcr  den  Knochenbrand  der  Kiefer  bei  den 
Arbeitern  in  den  Phosphorzündbolz-Fabriken. 

Mitgetheilt 

vom  Gelt.  Med. -Rath  Professor  Dr.  Jüngken  in  Berlin  #). 

Die  Bcurtheilung  der  Krankheiten  unter  den  Fabrik- 
arbeitern, insofern  dieselben  von  den  einzelnen  Fabrications- 
zweigen  und  den  damit  verbundenen  Schädlichkeiten  ab- 
hängig sind,  gehört  zu  den  schwierigsten  Aufgaben,  welche 
• man  in  denjenigen  Ländern,  in  welchen  die  Industrie  die 
höchste  Entwickelung  erreicht  hat,  namentlich  in  England 
und  Belgien,  für  so  bedeutend  erachtet,  dass  zur  Lösung 
solcher  Fragen  Commissionen  ernannt  werden,  welche  durch 
jahrelange  Beobachtungen  in  den  fraglichen  Fabriken  den 
Gegenstand  zu  erörtern  haben.  Der  Weg  einer  gründ- 
lichen Erforschung  und  Untersuchung  ist  aber  nicht  immer 

*)  Die  Substanz  dieser  Abhandlung  ist  in  ein  Gutachten  der  Kö- 
niglich wissenschaftlichen  Deputation  für  das  Medicinalwescn , deren 
Mitglied  der  Herr  VerL,  übergegangen.  C. 

Jahrgang  1848.  21 


deijenige,  welcher  von  der  Mehrzahl  beliebt  wird,  die  gern 
ihr  Urtheil  nach  den  nächsten  Erscheinungen  zu  formiren 
strebt,  ohne  auf  eine  gründliche  Erörterung  einzugehn. 
Erscheinungen  der  Art  kommen  auch  im  ärztlichen  Stande 
vor,  wo  mitunter  das  Streben  und  Haschen  nach  dem  Neuen 
und  Auffälligen  mit  Umgehung  einer  gründlichen  Untersu- 
chung und  umsichtigen  Erörterung  unverkennbar  hervor- 
tritt. Eine  solche  Bewandniss  scheint  es  bis  jetzt  mit  der 
Beurtheilung  des  Knochenbrandes  der  Kiefer  bei  den  Ar- 
beitern in  den  Phosphorzündholz-Fabriken  zu  haben.  Der 
Umstand,  dass  das  genannte  Uebel  in  den  in  Bede  stehen- 
den Fabriken  häufig  beobachtet  wird,  dass  cs  durch  diese 
erst  die  Aufmerksamkeit  in  weitern  Kreisen  erregte,  ver- 
anlasste  Aerzte  und  Laien,  zum  Theil  auf  wenige  Erfah- 
rungen gestützt,  auch  sofort  die  Krankheit  der  Einwirkung 
der  Phosphordämpfe  zuzuschreiben  und  ihr  etwas  specifi- 
kes  beizugeben.  Allerdings  bleibt  es  eine  auffällige  Er- 
scheinung, dass  die  Krankheit  häufig  unter  den  Arbeitern, 
welche  sich  mit  der  Fabrication  der  Phosphorzündhölzer 
beschäftigen,  vorkommt;  aus  diesem  Umstande  kann  aber 
an  und  für  sich  noch  keineswegs  der  Beweis  entnommen 
werden,  dass  sie  das  Product  der  Wirkung  der  Phosphor- 
dämpfe auf  die  Knochen  ist.  Vielmehr  drängt  sich  die 
Frage  auf,  ob  sie  nicht  durch  andre  Schädlichkeiten  erzeugt 
werden  könne,  denen  die  Arbeiter  in  jenen  Fabriken  aus- 
gesetzt  sind? 

Es  besteht  diese  Krankheit  ihrem  Wesen  nach  in  ei- 
ner Nccrosis  der  Kiefer,  einem  Absterben,  Brand  derselben, 
welcher  bald  partiell,  bald  total  die  Kiefer  ergreift.  Die 
Erscheinungen,  welche  bald  längere,  bald  kürzere  Zeit  der 
Krankheit  vorangehn  und  ihren  Ausbruch  begleiten,  sind 
die  einer  Periostitis  am  Kiefer.  Der  abgestorbene  Knochen 
wirkt  auf  die  Nachbargebilde  wie  ein  fremder  Körper;  er 
reizt  dieselben,  ruft  Entzündung  und  Eiterung  hervor,  wel- 
che letztere  nach  Massgabe  des  Umfangs  des  mortiGcirlen 
Knochens  oft  sehr  bedeutend  wird,  und  die,  ohnehin  durch 
die  Schmerzen,  welche  der  Krankheit  theils  vorhergingen, 


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323 


theils  sie  begleiten,  schon  geschwächten  Kräfte  der  Kran- 
ken, leicht  erschöpft,  zumal  wenn  das  Uebel  bei  Personen 
von  einer  cachektischen  KürperbeschafTcnheit  oder  bei  sol- 
chen vorkomml,  welche  mit  kranken  Lungen  begabt  sind, 
bei  denen  es  meist  ein  hektisches  Fieber  zur  Folge  hat. 
Die  abgestorbenen  Knochen  findet  man  mit  Osteophyten 
besetzt.  Die  übrigen  Erscheinungen  gehören  der  Entzün- 
dung der  Knochenhaut,  so  wie  der  der  Schleimhäute  an, 
ofl  bestehn  sie  selbst  in  anginösen,  und  bei  umfangreichen 
Necrosen  am  Oberkiefer,  in  cephalischen  Zufällen. 

Die  Necrose  der  Kiefer  ist  früher  beobachtet,  noch 
bevor  die  Fabrication  der  Phosphorzündhölzer  existirte,  so 
wie  sie  auch  gegenwärtig  noch  ausser  jenen  Fabriken  vor- 
kommt. Wo  dies  der  Fall  ist,  entwickelt  sie  sich  entweder 
aus  mechanischen,  oft  ganz  zufälligen  Verletzungen  der 
Kiefer,  bei  denen  diese  eine  Erschütterung  erleiden,  z.  B. 
durch  einen  Stoss,  Schlag,  Wurf  gogen  dieselbe,  und  ent- 
steht besonders  dann  leicht,  wenn  sich  die  Kiefer  zur  Zeit 
einer  solchen  Verletzung  in  einem  krankhaften  gereizten 
Zustande  befanden.  Auf  diese  Weise  kommt  sie  bisweilen 
auch  nach  dem  Ausziehn  von  Zähnen,  zumal  von  Backzäh- 
nen vor,  welche  sehr  festsassen,  zur  Zeit  des  Bestehens 
eines  entzündlichen  Leidens  des  Periostei  oder  des  Kno- 
chens selbst,  wobei  Theile  dos  Alveolarrandcs  abgebrochen 
wurden,  und  der  Kiefer  eine  Erschütterung,  Dröhnung,  erlitt. 

Oder  sie  ist  eine  Folge  heftiger  Entzündung  der  Kno- 
chenhaut an  den  Kiefern,  wie  sie  z.  B.  bisweilen  bei  hef- 
tiger Parulis  rheumalica  beobachtet  wird,  zumal  wenn  diese 
mit  erhitzenden,  reizenden  Mitteln  behandelt  wurden;  oder 
wenn  zu  einer  heftigen  Periostitis  am  Kiefer  noch  eine 
mechanische  Verletzung  hinzutritt,  wie  dies  bisweilen  in 
Folge  einer  unzeitig  angewendeten  h'unslhülfe  wahrgenom- 
men wird.  So  kann  das  Ausziehn  eines  Zahns  zur  Zeit 
einer  heftigen  Periostitis  am  Kiefer,  wozu  der  Kranke  durch 
die  Lebhaftigkeit  des  Schmerzes  getrieben  wird,  in  der 
Hoffnung,  dass  dieser  mit  dem  schadhaften  Zahne  schwin- 
den werde,  im  Gegenlheil  die  Kuochenhautentzündung  in 

21  * 


324 


einem  solchen  Grade  steigern,  dass  ein  Absterben  des  Kie- 
fers von  bald  grösstem  bald  geringem  Umfange  die 
Folge  ist.  Ja  die  Erscheinungen  können  selbst  eine  solche 
Höhe  erreichen,  dass  der  ganze  Kiefer  der  leidenden  Seite 
in  seiner  Totalität  abstirbt.  Kiefer  - Necrosen  von  so  be- 
deutendem Umfange  haben  die  heftigsten  Zulalle  zur  Folge. 
An  dem  Oberkiefer  ist  eine  totale  Necrose  desselben  stets 
von  cephalischen  Erscheinungen  begleitet  und  nimmt  einen 
tödtlichen  Ausgang.  An  dem  Unterkiefer  führt  das  Abster- 
ben einer  ganzen  Kieferhälfte  profuse  Eiterung  herbei,  die 
zumal  bei  schwächlichen  Individuen  dem  Leben  Gefahr 
droht  und  selbst  tödtlich  werden  kann. 

Die  auf  das  Absterben  der  Kiefer  folgenden  Erschei- 
nungen modiOciren  sich  nach  dem  Umfange  und  dem  Sitze 
des  Brandes  an  demselben.  So  weit  der  Kiefer  brandig 
ist,  lösen  sich  die  Weichgebilde  unter  Erscheinung  eines 
Eiterungsprocesses,  von  dem  sie  mehrfach  durchbohrt  wer- 
den, vom  todten  Knochen  ab;  die  ihn  umkleidenden  Schleim- 
häute erkranken,  werden  aufgelockert,  exulcerirt,  oft  schwam- 
mig aufgetrieben,  und  dieser  Zustand  kann  sich  bis  zu  dem 
weichen  Gaumen  ausbreiten,  wenn  bis  dahin  der  Gaumen- 
theil  des  Kiefers  mortificirt  ist.  Alle  Ulcerationsprocesse 
in  den  Schleimhäuten  bieten  ähnliche  Erscheinungen  dar, 
die  mehr  von  der  Natur  der  Schleimhäute,  als  von  den  ih- 
rem Erkranken  zum  Grunde  liegenden  Ursachen  abhängig 
sind.  Die  Geschwürsbildungen,  welche  beim  Kieferbrande 
in  den  Schleimhäuten  wahrgenommen  werden,  tragen  nichts 
Eigenthümliches  an  sich. 

Bildet  sich  der  Knochenbrand  mehr  an  dem  obern 
Theile  des  Oberkiefers,  oder  nimmt  er  denselben  ganz  ein, 
dann  findet  man  auch  das  Auge  der  leidenden  Seite  mit- 
ergrifTen;  der  Augapfel  wird  aus  seiner  natürlichen  Lage 
verdrängt,  der  Raum  in  der  Orbita  beengt  und  die  Con- 
junctiva  und  Augapfelhäute  erscheinen  entzündet.  Nimmt 
der  Knochenbrand  mehr  den  hintern  Theil  der  Kiefer  ein, 
dann  treten  lebhafte  anginöse  Zufälle  hervor. 

' Anlage  zur  Entwickelung  des  Kieferbrandes  findet  man 


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325 


bei  Personen  mit  cariösen  Zähnen,  mit  Caries  an  den  Al- 
veolarrändern selbst,  bei  solchen,  welche  oft  Jahre  lang 
vorher  bereits  an  Zahnflsteln  in  den  Alveolarrändern,  wel- 
che oft  an  Zahngeschwüren,  Parulis  gelitten  haben;  bei 
Personen  von  mehr  schwächlicher  Constitution  und  einem 
reizbaren  Hautsystem,  welches  klimatisch  - atmosphärische 
und-  Temperatur-Veränderungen  nicht  gehörig  zu  ertragen 
vermag,  und  welche  daher  häufig  rheumatischen  Afiectionen  und 
namentlich  rheumatischen  Zahnschmerzen  unterworfen  sind. 

Was  das  Vorkommen  der  Osteophyten  an  den  bran- 
digen Kiefern  betrifft,  so  erscheinen  dieselben  nicht  bloss 
an  diesen,  sondern  sie  kommen  überhaupt  bei  der  Necrosü 
vor,  an  welchem  Knochen  dieselbe  auch  ihren  Silz  haben 
mag;  sie  können  demnach  nicht  als  eine  dem  Kieferbrande 
eigenthümliche  Erscheinung  betrachtet  werden. 

Bedeutende  und  umfangreiche  Eiterungsprocesse  über- 
haupt, zumal  aber  wenn  sie,  wie  bei  der  Nccrose  der  Kie- 
fer, in  der  Nähe  der  edelsten  Organe  erscheinen,  können 
für  schwache  und  leidende  Körper  leicht  lebensgefährlich 
werden  und  einen  frühzeitigen  Untergang  derselben  herbei- 
führen. Dagegen  kann  bei  sonst  gesunden  und  hinreichend 
kräftigen  Individuen  bei  dem  Kieferbrande,  mit  Verlust  des 
abgestorbenen  Knochens,  selbst  wenn  dieser  von  einem 
grossem  Umfange  ist,  dennoch  eine  vollständige  Heilung 
erzielt  werden.  Dergleichen  Heilungen  sind  selbst  in  Fäl- 
len gelungen,  wo  die  ganze  Hälfte  des  Unterkiefers  abge- 
storben war.  Der  Heilprocess  ist  aber  stets  ein  langsamer 
und  verzögert  sich  Monate  und  Jahre;  allmälig  löst  sich 
durch  Eiterung  der  mortificirte  Knochen  ab  und  wird  dann 
entweder  ganz  oder  Stückweise  ausgestossen , worauf  sich 
allmälig  die  Höhle  mit  gesunden  Granulationen  füllt , und 
endlich  vernarbt.  An  der  Stelle  des  verlornen  Kiefers  bleibt 
eine  feste,  dem  sehnigten  Gewebe  ähnliche,  eingezogene 
Narbe  zurück,  die  dem  Leidenden  gestattet,  mässig  feste 
Gegenstände  zu  beissen.  Dagegen  ist  der  Ausgang  stets 
ein  tödtlicher,  wenn  ein  ganzer  Oberkiefer  brandig  ge- 
worden ist.  (Schlacs  folgt) 


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326 


Beobachtungen  von  Inter mittcntes  comitatae. 

Mitgetheilt 

vom  Dr.  L.  Spengler,  Herzogi.  Nassauischem  Medicinal- 
Accessist  zu  Eltville. 


Man  hat  in  der  letzten  Zeit  an  mehrern  Orten  die 
Beobachtung  gemacht,  dass  die  früher  daselbst  so  häufig 
herrschenden  Wechselfieber  nicht  mehr  in  so  grosser  Zahl 
Vorkommen;  auch  im  Rheingau  hat  man  bemerkt,  dass  seit 
mehrern  Jahren  eine  eigentliche  Epidemie  nieht  mehr 
herrschte,  während  man  sonst  alljährlich  eine  grosse  Masse 
zu  gleicher  Zeit  besonders  in  einzelnen  Orten  zu  behan- 
deln hatte.  Freilich  ganz  verschwunden  ist  deshalb  die  In- 
termittens  nicht;  das  ganze  Jahr  hindurch  kommen  einzelne 
Fälle  vor,  aber  bei  weitem  erreicht  die  Krankheit  jene  Ex- 
tensität nicht  mehr.  Desto  auffallender  ist  es  1)  dass  mit 
der  Abnahme  der  intermittirenden  Krankheiten  der  Typhus 
sehr  an  Ausbreitung  gewonnen  und  sich  sogar  an  mehrern 
Orten  zu  bedeutenden  Epidemien  ausgebildet  hat;  2)  dass 
unter  den  seltnem  Intermittensfällen  auch  grade  die  selt- 
nem Arten  und  bösartigem  Formen  Vorkommen.  Und  wenn 
Lietmu  meint,  dass  die  topische  Intermittens  während  des 
Bestehens  einer  Wechselfieberepidemie  seltner  als  zu  an- 
dern Zeiten  Vorkommen,  und  dass  das  Wcchselfieber  die 
epidemische  Form  der  Intermittens  sei,  und  die  sporadische 
als  topische  Intermittens  erscheine,  so  muss  ich  ihm  durch 
nachfolgende  Fälle  ganz  beistimmen.  In  den  nachstehenden 
Zeilen  will  ich  deshalb  einige  interessante  sporadische  Krank- 
heitsfälle aus  solchen  Orten,  wo  früher  häufige  Epidemien 
vorkamen,  des  Nähern  mittheilen. 

1.  Intermittens  apoplectica. 

Ein  sehr  kräftiger  junger  Mann  von  untersetzter  Sta- 
tor, etwa  30  Jahre  alt,  M.  M.  v.  E.,  Metzger  seines  Ge- 
schäfts, der  noch  nie  krank  gewesen  war,  ging,  sich  sehr 


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327 


wohl  fühlend,  eines  Frühlings  - Sonntags  Morgens  in  die 
Kirche,  fiel  aber  mitten  im  Gesang  plötzlich  um,  und  wurde 
besinnungslos  nach  Haus  getragen.  Ich  fand  ihn  in  seinem 
Bette  unbeweglich  und  bewusstlos  mit  herabhängenden  Ex- 
tremitäten und  röchelnder,  langsamer,  schnaubender  Respi- 
ration. Der  Puls  war  hart  und  voll,  langsam.  Livider  Tor- 
por des  Gesichts,  injioirte  Augen,  heftiges  Pulsiren  der 
Kopfarterien.  Das  linke  Augenlid  hing  erschlafft  herunter, 
der  linke  Mundwinkel  war  verzogen,  die  Augen  reagiren 
nicht  gegen  das  Licht,  die  Pupillen  sind  erweitert,  die  Nase 
ist  unempfindlich  gegen  scharfe  Gerüche  z.  ß.  von  ver- 
brannten Federn;  aufZurufen  hört  der  Kranke  nicht.  Nie- 
mand konnte  hier  das  Bild  einer  Apoplexia  tanguinea  ver- 
kennen. Ich  liess  die  Medianveno  öffnen,  Eis  auf  den  Kopf 
legen,  und  zweistündlich  2 Gran  Caloinel  reichen.  Schon 
gegen  das  Ende  der  Venäsection  schlug  der  Kranke  die 
Augen  auf,  warf  einen  dankenden  Blick  auf  seine  Umge- 
bung, wollte  sprechen,  aber  die  Zunge  war  ihm  gelähmt, 
so  dass  er  nur  einzelne  unarticulirte  Töne,  und  dies  nur 
sehr  schwer,  hervorhringen  konnte.  Beim  Hervorstrecken 
der  Zunge  war  sie  ganz  nach  der  linken  Seite  gerichtet. 
Des  Abends  war  das  Bewusstsein  völlig  wiedergekehrt,  al- 
lein die  Zunge  war  noch  gelähmt,  so  wie  es  sich  jetzt  auch 
deutlich  zeigte,  dass  der  linke  Fuss  es  war.  Er  fühlte  sich 
kälter  an,  ein  Gefühl  von  Kälte  in  demselben  giebt  der 
Kranke  an;  auch  ist  dieser  Fuss  unempfindlicher  gegen 
Stechen  und  Kneipen.  Stuhlgang  war  reichlich  erfolgt.  Der 
Kopf  ist  heiss,  schwer,  eingenommen.  Am  andern  Tage 
fühlte  sich  der  Kranke  wohler,  die  Zunge  wird  etwas  freier, 
und  mit  Mühe  und  unter  Stottern  kann  Pat.  den  Vorfall  er- 
zählen: dass  es  ihm  in  der  Kirche  auf  einmal  schwarz  vor 
den  Augen  geworden  sei,  dass  er  von  dieser  Zeit  an  nichts 
mehr  wisse,  als  bis  er  beim  Aderlass  die  Augen  geöffnet 
und  die  Umstehenden  erkannt  habe;  es  sei  ihm  gewesen, 
als  werde  ihm  eine  schwere  Last  vom  Herzen  genommen, 
und  mit  Vergnügen  habe  er  das  Blut  fliessen  sehn.  Die 
Lähmung  des  linken  Fusscs  blieb. 


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Am  Morgen  des  3ten  Tages  wurde  ich  in  aller  Eile 
zu  dem  Patienten  gerufen.  Er  liegt  in  demselben  Zustande, 
worin  ich  ihn  des  Sonntags  gefunden,  und  ein  Recidiv  an- 
nehmend liess  ich  ihm  zwölf  Blutegel  an  die  Schläfen  und 
hinter  die  Ohren  setzen.  Nach  zwei  Stunden  war  der 
Kranke  wieder  bei  Besinnung.  Diesmal  war  der  Anfall 
nicht  so  ganz  ohne  alle  Vorboten  eingetreten;  es  ging  ein 
unbestimmtes  Gefühl  von  Unwohlsein  und  Gähnen  voraus. 
Der  Kranke  erholte  sich  eben  so  schnell,  als  vom  ersten 
Anfalle.  Wiewohl  keine  Wechselfieber  zur  Zeit  herrschten, 
so  lag  doch  der  Gedanke  nahe,  einen  larvirten  Intermittens 
gegenüber  zu  stehn.  Manche  Encephalopathien  zeigen  über- 
haupt einen  intermittirenden  Rythmus  in  ihren  Erscheinun- 
gen, und  selbst  in  diesen  Fällen  ist  das  antilypose  Speci- 
ficum  ein  Mittel,  das  den  Arzt  selten  in  seinen  Erwartun- 
gen täuscht.  Da  in  meinem  Falle  jicricultim  in  mora,  so 
reichte  ich  dem  Kranken  jetzt  zweistündlich  2 Gran  Chinin. 
Schwerfälligkeit  der  Zunge,  Lähmung  und  Unempfindlich- 
keit des  Fusses  blieben  sich  gleich.  — Freitags  um  die- 
selbe Stunde  bekam  der  Kranke  abermals  einen  Anfall;  es 
schwand  jedoch  das  Bewusstsein  nicht,  sondern  nur  die 
Sprache  war  durch  Lähmung  der  Zunge  vollständig  aufge- 
hoben. Nach  diesem  Anfall,  der  im  Ganzen  vier  Stunden 
dauerte,  trat  Schweiss  ein,  und  zeigte  sich  Stdimenlum  la- 
teritium  in  dem  bisher  dunkelrothen  Urin.  Das  Chinin 
wurde  fortgesetzt,  da  die  Diagnose  einer  Intermittens  klar 
auf  der  Hand  lag  nnd  der  Tcrtianlypus  deutlich  ausgespro- 
chen war.  Einen  über  den  andern  Tag  bekam  Pat.  noch 
seinen  Anfall,  der  jedoch  nie  mit  einem  Frost,  ja  nicht 
einmal  mit  Frösteln  anfing,  sondern  nur  Schwerfälligkeit 
der  Zunge  zum  Vorläufer  hatte,  mit  Stottern  begann  und 
völlige  Unfähigkeit  zur  Bewegung  der  Zunge  und  zur 
Sprache  zur  Folge  hatte.  Die  darauf  folgende  Hitze  war 
stets  unbedeutend.  Jetzt  auch  konnte  ich  Empfindlichkeit 
der  Wirbelsäule  bemerken.  Unter  dem  steten  Fortgebrauche 
von  Chinin  wurden  die  Anfälle  stets  schwächer,  und  Pat. 
war  in  14  Tagen  vollkommen  von  seinem  Fieber,  der  Läh- 


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320 


mnng  der  Zunge  und  der  Extremität  ohne  deutliche  Crisen 
hergestellt,  ln  mehrern  Jahren,  die  seit  dieser  Zeit  ver- 
flossen, ist  kein  Recidiv  eingetreten.  Später  behandelte  ich 
denselben  Mann  an  Bandwurm,  der  ebenfalls  allerlei  ner- 
vöse Störungen,  ja  zuweilen  Convulsionen  verursachte,  wes- 
halb der  Kranke  zwei  Mal  die  WaicrucA’sche  Bandwürmern* 
durchgemacht  hat.  Seit  Abgang  des  Bandwurms  erfreut  er 
sich  des  erwünschtesten  Wohlergehens. 

2.  / ntermittens  asthmatica. 

jC.  S.,  eine  Frau  von  mehr  als  60  Jahren  auf  einer  Rhein  - 
insei  wohnend,  leidet  schon  seil  Jahren  an  asthmatischen 
Beschwerden  und  Krämpfen  des  Unterleibs,  gegen  die  sie 
lange  Tinct.  Lobei.  inflat.  mit  Vorlheil  nahm.  Im  Frühjahr 
1847  erlitt  sie  plötzlich  einen  so  heftigen  Krampfanfall  mit 
so  bedeutender  Athemnoth,  dass  sie  als  ohnmächtig  vom 
Felde  nach  Hause  getragen  wurde,  und  ihre  Umgebung  sie 
dem  Ersticken  nahe  glaubte.  Ich  traf  ungefähr  zwei  Stun- 
den nachher  bei  der  Kranken  ein  und  fand  sie  in  der 
fürchterlichsten  Angst,  mit  hervorgetriebenen,  roth  injicir- 
ten,  rollenden  Augen,  mit  geröthetem  Gesicht,  entsetzlicher 
Athemnoth,  unter  beständigem  Hin-  und  Herwerfen  mit 
frequentem,  kleinen  Puls,  vorn  rother,  hinten  etwas  beleg- 
ter trockner  Zunge,  heftigem  Durst,  brennender,  trockner 
Haut.  Die  Percussion  war  normal  und  die  Auscultation  er- 
gab Ueberfüllung  der  Bronchien  mit  Schleim.  Der  Stuhl 
war  angehalten.  Verordnung:  ein  Emeticum  aus  Ipecac. 
und  Tart.  stib.  zur  Entleerung  der  Bronchien.  Denn  seit 
Hyrtl  die  zwei  neuen  Muskeln  broncho-  und  pleuro-otopha- 
geus  entdeckt  hat,  ist  es  anatomisch  - physiologisch  bewie- 
sen, wie  Brechmittel  durch  diese  Muskeln  zur  Entleerung 
der  mit  Schleim  erfüllten  Bronchien  beitragen  müssen.  Nach 
der  Wirkung  des  Brechmittels  trat  sichtliche  Erleichterung 
der  Beklemmung  und  der  Angst  ein,  es  erfolgte  reichlicher 
Schweiss,  und  nach  mehrern  Stunden  fühlte  sich  die  Kranke 
sehr  erleichtert,  obwohl  der  Puls  sehr  frequent  blieb  und 
der  Bronchialcatarrh  fortdauerte,  so  dass  die  methodus  sic 


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dieta  antrphlogittica  et  derivativa  angewendet  wurde.  Des 
andern  Tags  fühlte  sich  dio  Kranke  sehr  schwach  und 
elend,  hastete  dicke  Klumpen  und  schaumige  Massen  aus, 
und  fieberte  fort.  Am  dritten  Tage  kam  zur  selben  Zeit 
ein  ganz  ähnlicher  Anfall  als  am  ersten  Tag,  nur  dass  sich 
die  Oppression  der  Brust  nicht  so  vollständig  löste,  als  das 
erste  Mal.  Die  Kranke  wurde  noch  hinfälliger,  und  die 
Percussion  und  Auscultation  ergab  jetzt  rechts  oben  Ver- 
dichtung des  Lungengewebes,  es  erschien  bronchiales  Ath- 
men,  und  die  Sputa  waren  blutig.  Die  heruntergekommene 
Kranke  hätte  eine  Blutentziehung  nicht  ertragen,  und  da 
überhaupt  die  Venäsection  ein  durch  die  Wiener  Schule 
zweideutiges  Mittel  bei  Pneumonien  geworden,  zumal  bei 
altern  Individuen,  so  beschränkte  ich  mich  bezügfich  der 
Lungenentzündung  auf  eine  exspcctative  Behandlung  und 
gab  innerlich  Chinin.  Die  Schule  lehrt  zwar,  man  müsse 
erst  die  Complication  bei  Intermittens  bokämpfen ; allein 
wenn  man  bedenkt,  dass  solche  sogenannte  Coinplicationen 
nur  Localisationen  des  Intermittensprocesses  sind,  so  wird 
es  nicht  gelingen,  durch  Antiphlogose  solche  Entzündungen 
zu  beseitigen.  Erst  mit  dem  Intermiltensprocess  wird  auch 
die  Complication  weichen,  da  beide  ja  nur  ein  und  dieselbe 
Krankheit  sind.  Ueberdies  darf  man  in  solchen  Fällen  keine 
Zeit  mit  der  ohnedies  fruchtlosen  Behandlung  der  Compli- 
cation als  solcher  verlieren,  da  der  nächste  Anfall  dem 
Leben  ein  Ende  machen  kann.  — In  unserm  Falle  war  die 
Diagnose  einer  Intermittens  nun  klar,  Spinalschmerz  und 
vergrösserte  Milz  waren  jetzt  deutlich  wahrnehmbar.  Die 
Pneumonie  nahm  ihren  Fortgang  und  am  5ten  Tage  trat 
zu  gewohnter  Zeit  ein  Intermiltensanfall  ein,  der  aber  dies- 
mal durch  ein  kurzes  Frösteln  sich  andeutete.  Haupter- 
scheinung hlieb  aber  dia  ungemeine  Brustbeklemmung  und 
Angst.  Der  Anfall  endete  nach  4 Stunden  mit  Schweiss. 
An  diesem  Tage  erschien  auch  Sediment  im  Harne.  Das 
Fieber,  das  die  Pneumonie  begleitete,  dauerte  fort;  die 
Sputa  wurden  häufiger,  geballt,  die  Expectoration  freier. — 
Am  7ten  Tage  nochmals  ei«  gelinder  Anfall  mit  beginnea- 


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331 


dem  Frost  und  darauf  folgender  Hitze.  Fortgebrauch  des 
Chinins  in  Pillen,  wie  ich  es  stets  verordne,  weil  dies  das 
beste  Geschmackscorrigens  ist.  Am  Oten  Tage  blieb  der 
typische  Anfall  aus.  Die  Pneumonie  löste  sich,  wie  ge- 
wöhnlich, Schleimrasseln  trat  an  die  Stelle  des  bronchialen 
Athmens;  der  Spinalschmerz  hört  auf;  das  Fieber  ist  ge- 
schwunden, der  Appetit  kehrt  wieder  und  unter  restauri- 
render  Diät  ist  die  Kranke  nach  3 Wodien  vollkommen 
geheilt,  und  ist  jetzt  nach  länger  als  einem  Jahre  ganz  von 
allen  Asthmaanfällen  frei 

Will  man  diesen  Fall  eine  Intermittens  pneumonica  (ein 
fatales  Wort!)  nennen,  so  wäre  es  allerdings  zum  Theil 
gerechtfertigt,  allein  inlermitürende  Lungenentzündung giebt 
es  nicht,  ln  Folge  der  Intermittensneurose  bildet  sich  gern 
ein  Congestivzusland  des  besonders  leidenden  Organs; 
aus  diesem  kann  sich  unter  günstigen,  uns  jedoch  ganz  un- 
bekannten Verhältnissen  eine  Entzündung  entwickeln,  wo- 
durch denn  eine  eigne  Complication  des  Wechselfiebers 
eintritt.  Ist  aber  die  Entzündung  einmal  aufgetreten,  so 
macht  sie  ihren  regelmässigen  Verlauf.  Sehr  häufig  sieht 
man  diesen  Congeslivzustand  bei  der  sogenannten  Ophthal- 
motyposis.  — Am  besten  dürfte  man  unsern  Fall  als  In- 
tcrmittms  astkmatica  cum  camplicatione  pneumoniae  bezeich- 
nen. Auffallend  ist  es,  dass  durch  diese  eigenthümliche 
Intermittens  das  Asthma  bis  jetzt  wenigstens -ganz  geho- 
ben ist. 

• , ' ...t 

3.  Intermittens  diaphoretica, 

A.  U.  in  B. , ein  kräftiger  Mann  in  den  besten  Jahren, 
klagte  im  Frühjahr  1844  seit  einiger  Zeit  über  sogenann- 
ten verdorbenen  Magen,  über  Appetitlosigkeit,  faden  Ge- 
schmack im  Munde,  Aufslossen,  liebelsein,  Stuhlverstop- 
fung, Völle  hu  Leib;  er  hatte  stets  eine  belegte  Zunge, 
Kopfweh,  fühlte  Abgeschlagonheit  und  Mattigkeit  in  allen 
Gliedern,  wodurch  er  sehr  von  Kräften  kam;  Puls  ein  fre- 
quenter; des  Nachts  stets  Schwede.  Gegen  diesen  Gas- 
tricismus  werden  vergeblich  Emetica,  Laxantia  während  14 


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Tagen  angewandt.  Die  Schweisse  werden  länger,  erschöp- 
fendender, und  der  Kranke,  der  bis  jetzt  immer  noch  her- 
umging, war  genöthigl,  sich  zu  Bett  zu  legen.  Ein  locales 
Uebel  konnte  nicht  entdeckt  werden,  das  diesen  Gastricis- 
mus  unterhielte;  die  Milz  schien,  so  weit  es  die  Untersu- 
chung zuliess,  an  keiner  Volumszunahme  zu  leiden,  doch 
konnte  dies  nicht  mit  aller  Bestimmtheit  ermittelt  werden, 
da  der  ausgedehnte,  straffe  Unterleib  und  das  dicke  Fett- 
polster der  Bauchdecken  die  Exploration  erschwerten.  Die 
Hautfarbe  wurde  erdfahl,  fast  icterisch,  ohne  dass  irgend 
ein  Zeichen  eine  Erkrankung  der  Leber  vermuthen  Hess, 
wodurch  das  Aussehn  des  Kranken  sehr  übel  wurde.  Der 
Gastricismus  wich  keinem  Mitte),  eben  so  wenig  wie  die 
Schweisse  den  innerlich  gereichten  Säuren,  den  säuern 
Waschungen,  der  Salvia,  dem  Boletus  Lands.  Es  wurde 
nun  zum  Tartar,  stib.  in  refract.  dos.  geschritten,  um  die 
Cruditäten  zum  Turgesciren  zu  bringen  und  beweglich  zu 
machen.  Es  erfolgte  häufiges  Erbrechen  und  reichliche 
OefTnung,  allein  die  Affeclion  der  Gastrointestinalschleim- 
baut blieb  nach  wie  vor.  Die  Schweisse  jedoch  liesseir 
diese  Nacht  nach.  Den  nächsten  Tag  erholte  sich  der 
Kranke  etwas,  die  gastrisch-biliösen  Erscheinungen  blieben 
aber  immer  dieselben.  In  der  nächsten  Nacht  traten  aber- 
mals so  profuse  Schweisse  ein,  dass  der  Kranke  drei  Hem- 
den wechseln  musste.  Und  nun  wiederholten  sich  diese 
Schweisse  eine  über  die  andre  Nacht,  auch  zeigte  sich  jetzt 
die  Wirbelsäule  empfindlich,  somit  war  die  Diagnose  einer 
Intermittens  leicht.  Es  wurde  Chinoidin  trotz  der  gastri- 
schen Erscheinungen  gegeben;  denn  diese  Complication  ist 
ebenfalls  nur  eine  Localisation  des  Intermiltensprocesses 
und  wird  so  lange  nothwendig  unterhalten,  als  die  eigent- 
liche Krankheit,  die  Intermittens,  dauert.  Hier  lehrt  eben- 
falls die  Schule,  zuerst  die  gastrischen  Erscheinungen  zu 
bekämpfen  und  das  Chinin  nicht  in  den  mit  Cruditäten  an- 
gefüllten Magen  hinein  zu  schicken.  Allein  nur  was 
die  Ursache  der  gastrischen  Störungen  heilt,  wird  auch 
diese  heilen,  denn  sie  sind  nur  abhängige,  secundäre  Er- 


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scheinungen  des  Wechselfiebers.  Man  reiche  deshalb  trotz 
aller  gastrischen  Symptome  frühzeitig  Chinin;  diese  werden 
mit  dem  Fieber  verschwinden,  während  sie  die  antigastri- 
sche Methode  nur  hartnäckiger  und  intensiver  macht.  — 
Nach  dem  steten  Gebrauch  des  Chinins  während  acht  Tage 
waren  die  Schweissanfälle  nach  und  nach  ausgeblieben  und 
verschwunden,  und  der  Kranke  ging  unter  restaurirender 
Diät  und  massigem  Weingebrauch  einer  völligen  Convales- 
cenz  entgegen. 

Nie  hatte  Pat.  während  seiner  ganzen  Krankheit  einen 
Frost-  oder  Hitzeanfall  gehabt.  Sogleich  brach  derSchweiss 
aus  allen  Poren.  Und  wenn  es  auch  häufig  vorkommt,  dass 
gastrische  Erscheinungen  die  Typosis  begleiten,  so  ist  doch 
ein  so  langes  und  hartnäckiges  Vorausgehn  des  Gastricis- 
mus  höchst  bemerkenswerth.  Die  antigastrische  Methode 
hätte  noch  so  lange  fortgesetzt  werden  können,  ohne  Er- 
folg zu  haben,  während  die  Darreichung  von  Chinoidin  so 
schnell  die  so  lange  bestandne  Aflection  gehoben  hat. 

4.  Intermittens  dämoniaca. 

Ein  etwas  schwächlicher,  doch  sonst  wohlgebauter,  mit 
sehr  mässigen  Geisteskräften  begabter  Knecht  des  H.  6.  zu 
E.  litt  seit  einiger  Zeit  an  Schlaflosigkeit,  ungeheurer  Un- 
ruhe, Angst  und  Niedergeschlagenheit.  Nachdem  er  sich 
14  Tage  mit  diesem  Zustande  gequält  hatte,  suchte  er 
Hülfe  bei  mir.  Er  erzählte,  dass  er  des  Nachts,  gegen 
Mitternacht  hin,  plötzlich  aus  dem  Schlafe  erwache  und  von 
ungeheurer  Angst  befallen  werde,  weil  er  allerlei  schreck- 
hafte Träume  gehabt,  deren  Bilder  er  sich  auch  im  Wachen 
nicht  entschlagen  könne.  Bald  nach  dem  Erwachen  klagte 
er  über  eine  auraähnliche  Empfindung,  die  vom  Leib  nach 
dem  Kopf  aufsteige  und  diesen  umnebele  und  einnehme; 
dann  sei  es  ihm,  als  ob  Jemand  Fremdes  Besitz  von  ihm 
genommen  und  Gewalt  über  ihn  habe;  sein  Körper  komme 
ihn  sehr  schwer  und  der  Umfang  desselben  ungemein  gross 
vor;  er  sei  dann  ganz  wach,  denn  er  sehe  seine  Frau  ru- 
hig neben  sich  schlafen.  Darauf  belästigen  ihn  verschiedne 


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Sinnestäuschungen , besonders  ein  brenzlicher,  stinkender 
Geruch;  er  hört  allerlei  Töne,  sieht  Gestalten,  die  ihm  dro- 
hen, fluchen,  ihn  tadeln,  martern  und  misshandeln  wollen. 
Die  Angst  des  Kranken  steigert  sich  dann;  nachdem  diese 
Scene  ungefähr  2 — 3 Stunden  gedauert,  ist  der  Kranke  wie 
in  Schweiss  gebadet,  schläft  ermattet  ein  und  erwacht  am 
Morgen  aus  diesem  unerquicklichen  Schlafe  mit  wüstem 
Kopfschmerz.  Aberglaube  und  Trägheit  des  Denkens  rei- 
fen die  Idee,  dass  er  besessen  sei  und  von  einem  bösen 
Gebt  beherrscht  werde,  wogegen  er  vergeblich  betet  und 
fastet.  Umsonst,  regelmässig  ein  um  die  andre  Nacht  wird 
er  vom  bösen  Geist  heimgesucht.  Der  Kranke  verfällt  in 
tiefe  Schwermut!),  und  sein  Gesicht  hat  einen  stupiden  Aus- 
druck, Die  Intervallen  sind  ganz  frei  und  der  Kranke  er- 
zählt, dass,  wenn  er  auch  nicht  an  dergleichen  glaube,  er 
doch  ein  um  die  andre  Nacht  vom  bösen  Feind  befallen 
werde,  der  mit  ihm  sein  Wesen  treibe. 

Bei  der  Untersuchung  fand  ich  den  Kranken  sehr  ab- 
gemagert, und  in  der  Wirbelsäule  war  eine  schmerzhafte 
Stelle,  dem  ersten  und  zweiten  Rückenwirbel  entsprechend, 
Druck  auf  dieselbe  verursacht  Funkensehn  und  Ohrenklin- 
gen. Ich  liess  dem  Kranken  Brechweinsteinsalbe  auf  diese 
Stelle  einreiben,  sprach  ihm  Mulh  zu  und  gab  ihm  2 stünd- 
lich 2 Gran  Chinin.  Die  Erscheinungen  dauerten  noch 
beinah  14  Tage  fort,  indem  sie  sich  im  Tertiantypus  wie- 
derholten; aber  unter  dem  steten  Fortgebrauch  äusserikh 
des  Brech Weinsteins,  innerlich  des  Chinins  verschwanden 
nach  und  nach  die  Anfälle,  indem  sie  Anfangs  weniger 
lang  dauerten,  dann  an  Intensität  verloren,  und  später  end- 
lich ganz  ausblieben.  Hätte  ich  damals  die  Wirkung  des 
Schwefeläthers  gegen  Intermiltens  schon  gekannt,  wie  ich 
sie  später  erprobt  habe  (cfr.  meine  Mittheilungen  darüber 
in  der  neuen  med.  chir.  Zig.  1847),  so  würde  ich  ihn  je- 
denfalls liier  angewendet  haben.  Der  Mensch  geht  nun 
wieder  seiner  Arbeit  nach  wie  vor  ruhig  nach. 

Es  gehört  dieser  Fall  zu  einer  kleinen  Reihe  seltner 
Fälle,  in  denen  an  Orten,  wo  Interraittens  endemisch  bt,  cin- 


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335 


zelne  Individuen  Statt  an  der  gewöhnlichen  intermittirenden 
Neurose,  gleich  von  vorn  herein  von  einem  intermittirenden 
Gehirnleiden  befallen  werden,  das  sich  in  regelmässigen  An- 
fällen von  Irrsein  ausspricht.  Nicht  ist  hier  das  Wechsel- 
fieber  die  Ursache,  sondern  die  endemische  Wechsellieber- 
ursache  ist  auch  die  Ursache  des  Irrseins.  Die  Irritation 
des  Rückenmarks  hat  sich  auf  das  Gehirn  fortgesetzt  als 
wahre  Cerebralirritation. 

Wenn  wir  im  Allgemeinen  stolz  sein  dürfen  auf  die 
Therapie  des  Wechselfiebers,  so  ist  doch  nicht  immer  unsre 
Diagnose  so  sicher  als  unsre  Heilung.  Wie  schwer  war 
in  den  beiden  ersten  Fällen  die  wahre  Natur  der  Krank- 
heit zu  enträthseln!  und  doch  war  es  so  wichtig,  denn  der 
nächste  Anfall  hätte  das  Leben  mit  dem  Tode  bedroht. 
Grade  diese  sporadischen  Fälle  sind  die  wichtigsten,  weil 
sie  am  schwersten  zu  diagnosticiren  und  dabei  doch  am 
gefährlichsten  sind.  Die  Spinalirritation,  die  hier  in  allen 
Fällen  zwar  zu  finden  war,  ist  nicht  jedesmal  ein  Zeichen 
von  intermittirendem  Charakter  der  Krankheit,  und  fehlt 
selbst  in  den  ausgeprägtesten  Formen.  Und  die  Volums- 
zunahme  der  Milz  zu  erkennen,  erfordert  oft  eine  zu  sub- 
tile Untersuchung,  und  selbst  diese  führt  nicht  immer  zum 
Resultat,  da  eine  Milzanschweilung  oft  nach  einem  oder 
zwei  Anfällen  noch  nicht  constatirt  werden  kann,  und  dann 
doch  schon  die  Diagnose  so  nöthig  ist.  ln  einem  solchen 
Fehler,  oder  muss  man  sagen,  der  Unmöglichkeit  der  Dia- 
gnose glaubt  Lietzau,  dass  auch  die  Ursache  der  epidemi- 
schen Apoplexie  liege,  indem  er  diese  für  Iarvirte  Jnter- 
mittenles  apopleclkae  hält.  Grade  für  diese  Falle  wäre  ein 
sichres  diagnostisches  Zeichen  sehr  wünschenswert!].  Hof- 
fen wir,  dass  exacte  Forschungen  in  den  Wechselfieberge- 
genden uns  ein  solches  lehren! 


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Kritischer  Anzeiger 

neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Taschenbuch  der  Physiologie  des  Menschen  von  Moritz 
Frävkel,  Dr.  Erlangen  1847.  VI  u.  294  S.  12.  A.  u.  d.  T. 
Taschenencyclopädie  der  medic.  Wissenschaften  herausg. 
von  Dr.  v.  Behr  u.  Dr.  Minding.  II.  Bdchn.  Physiologie. 

(Eignes  und  Selbsterforschtes  wird  man  hier  nicht  er- 
warten und  nicht  finden.  Das  Ganze  ist  so  concis  gehal- 
ten, dass  die  Artikel  nicht  einmal  ausgeschrieben,  sondern 
nur  mit  d.  bezeichnet  sind.  Es  erinnert  an  ein  naclige- 
schriebencs  Collegienheft  in  Ton  und  Haltung,  ohne  dass 
wir  behaupten,  dass  es  ein  solches  sei.) 

Offene  Briefe  mit  unleserlichen  Adressen  (ist  das  witzig? 
Ref.)  vom  Verfasser  der  vertraulichen  Briefe  an  einen 
deutschen  Staatsmann  über  Verwaltung,  Lehr  weise, 
Vertretung  und  Ausübung  der  Med&in.  Aus  den 
Papieren  eines  Verstorbenen  (!).  Kassel  1847.  152  S.  8. 

(Der  gute  „Verstorbene”  wird  jetzt  bei  den  Seeligen 
wohl  Besseres  zu  thun  haben,  als  die  hundertmal  durch- 
sprochenen  Reformpläne  über  Civil-  und  Militair-Medicinal- 
Wesen  zum  hundertunderstenmale  zu  besprechen.  In  die- 
ser Materie  ist  nun  wirklich  Alles  gesagt  und  wir  haben 
zu  viel  Respect  vor  unsern  Lesern,  um  sie  noch  weiter 
damit  zu  unterhalten.  Deutschland  hat  in  wenigen  Wochen, 
ja  in  wenigen  Tagen,  sich  neue,  durch  und  durch  alles 
durchdringende  und  umwälzende  Staatsverfassungen  gege- 
ben. Die  Medicinalrcform  ist  trotz  Jahrelanger  Wehen 
noch  nicht  geboren!  Hoffen  wir,  dass  die  neuen  Reform- 
minister in  den  meisten  deutschen  Ländern  auch  hierin 
endlich  mit  kräftiger  Hand  so  sicher  als  rasch  vorschreiten 
werden.) 


Gedruckt  bei  J.  Pelich. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  ain  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1J  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3?  Tlilr.  bestimmt,  wofür  sämmdiche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Ilir  schtcald. 


JYi  22.  Berlin,  den  27 ,en  Mai  1848. 


Ueber  den  Knochenbrand  der  Kiefer  bei  den  Phosphorzündhulz- Ar- 
beitern. Vom  Geh.  Medic, -Halb  I)r.  Jüngkcn.  (Schluss.)  — 
Kall  von  Spondyltirthrocace  lumbalit.  Vom  l)r.  Hellmuth.  — 
Vermischtes.  (Fall  von  tüdllich  gewordner  Syphilis.  — Riss  der 
untern  Hohlvenc.) 

Ueber  (len  Knochenbrand  der  Kiefer  bei  den 
Arbeitern  in  den  Phosphorzündholz-Fabriken. 

Milgetheilt 

vom  Geh.  Med. -Rath  Professor  Dr.  Jüngken  in  Berlin. 

(Schluss). 


Was  das  in  Rede  stehende  Kieferleiden  bei  den  Ar- 
beitern in  den  Phosphorzündholz-Fabriken  betrifft,  so  ver- 
dienen zunächst  die  Arbeiter  selbst,  welche  in  diesen  Fa- 
briken Beschäftigung  suchen,  eine  nähere  Beachtung.  Da 
die  Arbeit  eine  leichte  ist  und  weder  Anstrengung  noch 
einen  Aufwand  von  Kräften  erfordert,  so  wenden  sich  der- 
selben meist  Individuen  von  einer  schwächlichen  Korper- 
constitution  zu,  häufig  weiblichen  Geschlechts,  oft  selbst 
Personen  von  cachektischem  Habitus.  Von  den  bisher  be- 
obachteten Fällen  hatte  die  Mehrzahl  der  Erkrankten  schon 
längere  Zeit,  bevor  sie  sich  jener  Beschäftigung  hingab, 
an  schlechten,  namentlich  cariösen  Zähnen  gelitten  und  war 
Jahrgang  1848.  22 


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vielfältig  von  rheumatischen  Leiden,  besonders  rheumati- 
schen Zahnschmerzen  heimgesucht  worden.  Viele  von  ih- 
nen hatten  sich  schon  früher  aus  eben  dieser  Ursache 
wiederholt  Zähne  auszichn  lassen. 

Diese  rheumatischen  Zahnschmerzen,  begleitet  von  ent- 
zündlichen, schmerzhaften  Anschwellungen  der  kranken 
Kieferseite,  die  gewöhnlich  von  den  Laien  mit  dem  Kamen 
der  Zahnrose  bezeichnet  werden,  ihrem  Wesen  nach  in 
einer  Periostitis  am  Kiefer  bestehn,  erschienen  aber  seit 
der  Zeit,  wo  die  Leidenden  mit  der  Anfertigung  von  Phos- 
phorzündhölzern beschäftigt  waren,  häufiger  und  heftiger, 
oft  in  solcher  Stärke,  dass  sie  sich  von  Neuem  zur  Ent- 
fernung eines  kranken  Zahns  veranlasst  sahen.  In  vielen 
Fällen  war  es  kurz  nach  dem  Ausziehn  eines  solchen  kran- 
ken Zahns,  wo  der  Kieferbrand  auftrat.  Die  Erscheinun- 
gen, unter  denen  er  sich  bei  diesen  Arbeitern  manifestirt, 
sind  dieselben,  wie  bei  jeder  andern  Necrosc  der  Kiefer, 
daher  die  oben  geschilderten,  und  es  ist  ein  grosser  Irr- 
thum, der  aus  Unkenntniss  mit  der  Krankheit  überhaupt 
entspringt,  ihnen  etwas  Specifikes  beizulegen.  Auch  bei 
diesem  Kieferbrande  entwickeln*  sich  die  Erscheinungen  aus 
einer  schnell  in  Eiterung  übergehenden  Entzündung  der 
Knochenhaut;  durch  den  mortificirten  Knochen  wird  die 
Eiterung,  als  durch  einen  fremden  Körper  unterhalten  und 
diese  hat  die  Ablösung  der  Weichgebilde  vom  Knochen  und 
ihre  Ulceration  zur  Folge,  welche  nach  dem  Grade,  dem 
Umfange  und  dem  Sitze  des  abgestorbenen  Knochentheiles 
verschiednc  Modifikationen  in  den  örtlichen  und  allgemei- 
nen Symptomen  darbietet. 

Wegen  der  Phosphordämpfe,  welche  sich  bei  der  An- 
fertigung der  Zündhölzer  entwickeln,  sind  die  Arbeiter 
genölhigt,  stets  einen  hinreichend  starken  Luftzug  im  Ar- 
beitszimmer zu  unterhalten;  hierdurch  sind  sie  aber  auch 
fortwährend  einem  Zugwinde  und  somit  der  Veranlassung 
zur  Erkältung  ausgesetzt,  und  in  diesen  wiederholten  Er- 
kältungen dürfte  wohl  hauptsächlich  die  Ursache  der  häu- 
figen entzündlichen  Afl'ectionen  der  Kiefer  und  ihrer  Folgen 


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bei  diesen  ohnehin  meist  schwächlichen  und  zu  solchen 
Leiden  prüdisponirten  Individuen  zn  suchen  sein.  In  meh- 

rem  solcher  Fabriken  bedient  man  sich  zwar  zum  Eintau- 
chen der  Hölzer  in  die  Phosphors  asse  kleiner  eiserner 
Oefen,  allein  damit  ist  für  den  Arbeiter  wenig  gewonnen, 
weil  sie  am  warmen  Ofen  arbeitend,  stärker  erhitzt  wer- 
den und  dennoch  zur  nöthigen  Luftreinigung  des  Luftzuges 
im  Zimmer  nicht  entbehren  können.  Es  bleibt  demnach 
immer  eine  wichtige  Veranlassung  zu  rheumatischen  Ent- 
zündungen, und  solche  Entzündungen,  wenn  sie  sich  öfter 
an  demselben  Theile  wiederholen  und  in  der  Knochenhaut 
eines  Kiefers  ihren  Sitz  haben,  der  durch  cariöse  Zähne, 
Zahnwurzeln  oder  eine  Caries  am  Alveolarrande  prädispo- 
nirt  war,  geben  schon  an  und  für  sich  leicht  die  Veran- 
lassung zum  Knochenbrände,  um  so  mehr  aber,  wenn  noch 
eine  mechanische  Verletzung , wie  das  Ausziehn  eines 
Zahns  hinzutritt,  was  in  vielen  Fällen  Stattfand.  Es  dürfte 
demnach  der  Kieferbrand  bei  den  in  Rede  stehenden  Ar- 
beitern, in  aetiologischer  Beziehung  nichts  Aussergewöhn- 
liches  darbieten. 

Dagegen  könnte  man  freilich  mit  Recht  einwenden, 
wie  es  denn  zugehc,  dass  diese  Krankheit  nicht  in  andern 
Fabriken  vorkomme,  in  denen  die  Arbeiter  bei  weitem 
mehr  noch  als  bei  der  Fabricalion  der  Phosphorzündhölzer 
einem  heftigen  Temperaturwechsel,  so  wie  der  Einwirkung 
eines  Luftzugs  ausgesetzt  sind,  wie  dies  z.  B.  von  den 
Arbeitern  in  den  Hüttenwerken,  in  den  Salzkoten  u.  s.  w. 
gilt.  Allerdings  kommen  auch  bei  diesen  Arbeiten  biswei- 
len Necrosen  der  Kiefer  in  Folge  einer  heftigen  rheuma- 
tischen Periostitis  vor,  nur  gehören  sie  hier  zu  den  selt- 
nen Erscheinungen;  dagegen  erscheinen  bei  dieser  Hasse 
von  Arbeitern  rheumatische  Entzündungen  mit  ihren  man- 
nigfachen Folgen  häufiger  in  andern  Formen  und  an  an- 
dern Theilen  des  Körpers.  Der  Grund  davon  dürfte  haupt- 
sächlich wohl  darin  zu  suchen  sein,  dass  sich  der  schweren 
Arbeit  jener  Fabricationszweige,  pur  Menschen  von  einem 
kräftigen,  robusten  Körperbau  und  einer  gesunden  Körper- 

22* 


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340 


Constitution  widmen  können,  welche  meist  mit  gesunden 
Gebissen  begabt  sind;  daher  bieten  anch  ihre  Kiefer  nicht 
leicht  die  Ablogerungsstelle  dar,  wenn  in  Folge  von  Er- 
kältung rheumatische  Entzündungen  im  Körper  auftauchen, 
und  es  pflegen  sich  diese  mehr  auf  die  Extremitäten  zu 
werfen,  so  dass  man  bei  ihnen  den  Knochenbrand  aus  rheu- 
matischer Periostitis  häufiger  an  diesen  Körperteilen  wahr- 
nimmt. 

Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  dass  das  häufigere 
Vorkommen  des  Kieferbrandes  bei  den  mit  der  Fabrication 
der  Phosphorzündhölzer  beschäftigten  Arbeitern  den  Ver- 
dacht erweckte,  dass  eine  specifik  schädliche  Einwirkung 
der  Phosphordämpfe  auf  die  Kiefer  die  Ursache  davon  sei, 
zumal  sich  viele  ärztliche  Stimmen  für  diese  Ansicht  erho- 
ben haben.  Von  grosser  Wichtigkeit  ist  in  dieser  Bezie- 
hung das  Urtheil  Dupasquier's  in  Lyon  ( Dingler’s  polytech- 
nisches Journal  Bd.  102  S.  313  336  aus  dem  Technologiste 
und  Moniteur  industriel ) der  eine  solche  specifik  nachtei- 
lige Einwirkung  jener  Dämpfe  auf  die  Kiefer  durchaus  in 
Abrede  stellt,  und  es  verdient  dies  Urtheil  um  so  mehr 
Beachtung,  als  sich  Dupasquier  vorzugsweise  und  vielfältig 
mit  Untersuchungen  über  diesen  Gegenstand  beschäftigt  hat, 
und  ebenso  wohl  zu  den  ausgezeichnetsten  und  glaubwür- 
digsten Chemikern  Frankreichs  gezählt  wird,  als  er  in  Lyon 
in  einer  ausgebreitelen  Praxis  als  Arzt  in  grossem  Ansehn 
und  Vertrauen  steht.  Auch  deutsche  Chemiker,  wie  Mit- 
scherlich, theilen  diese  Ansicht. 

Wollte  man  annehmen,  dass  sich  aus  den  Phosphor- 
dämpfen, Phosphor-  oder  phosphorichte  Säure  entwickelt, 
so  würde  dies  immer  nur  in  so  geringer  Menge,  ein  sol- 
ches Minimum  derselben  sein,  dass  für  die  Kiefer  daraus 
kein  Nachteil  erwachsen  könnte,  zumal  diese  Säure  eine 
äusserst  milde  ist  und  der  innere  Gebrauch  derselben  sich 
in  vielen  Fällen  bei  Knochenkrankheiten  als  wohlthuend  er- 
wiesen. Wenn  die  Phosphordämpfe  wirklich  eine  so  nach- 
theilige Wirkung  auf  die  Knochen  ausübten,  als  dies  von 
Vielen  angenommen  wird,  so  muss  es  ja  ohnehin  auffällig 


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341 


erscheinen,  warum  nicht  auch  andre  Knochen  wie  z.  B. 
die  Nasenbeine,  die  Schädelknochen,  die  der  Wirkung  die- 
ser Dämpfe  in  gleichem  Grade,  wie  die  Kiefer  ausgesetzt 
Sind,  auf  ähnliche  Weise  als  diese  davon  ergriffen  werden. 
Es  ist  aber  kein  Beispiel  bekannt,  dass  bei  den  Arbeitern, 
welche  sich  mit  der  Fabrication  der  Phosphorzündhölzer 
abgeben,  der  Brand  an  einem  andern  Knochen  als  an  den 
Kiefern  vorgekommen  sei. 

Wollte  man  aber  der  Ansicht  Raum  geben,  welche 
auch  von  Aerzten  geäussert  ist,  dass  die  Phosphordämpfe 
zunächst  auf  die,  die  Kiefer  umkleidenden  Schleimhäute 
schädlich  einwirklen,  ein  Erkranken  dieser  letztem  zur 
Folge  hätten  und  dadurch  den  Brand  an  den  Kiefern  her- 
beifübrten:  dann  drängt  sich  die  Frage  auf,  wie  es  denn 
zugehe,  dass  die  Schleimhaut  der  Nasenhöhle  davon  ver- 
schont bleibt,  die  doch  mehr  der  Einwirkung  jener  Dämpfe 
ausgesetzt  ist  als  die  der  Mundhöhle,  weil  die  Arbeiter 
wegen  der  üblen  Einwirkung  der  Pbosphordämpfe  auf  die 
Lungen  mehr  mit  geschlossenem  Munde  durch  die  Nase 
zu  alhmen  pflegen  und  zu  dem  Ende  oft  den  Mund  selbst 
mit  einem  Tuche  verwahren.  An  den  Knochen  in  der  Na- 
senhöhle, den  Muscheln  entwickelt  sich  leichter  als  an  ir- 
gend einem  andern  Knochen  der  Brand  und  sie  gehn  aus 
dieser  Ursache  leicht  verloren.  Dennoch  ist  kein  einziges 
Beispiel  bekannt,  dass  in  Folge  der  Anfertigung  der  Phos- 
phorzündhölzer Brand  an  den  Knochen  in  der  Nasenhöhle, 
namentlich  an  den  Muscheln  derselben,  wahrgenommen  und 
dass  diese  dadurch  verloren  gegangen  seien. 

Personen,  welche  sich  mit  der  Fabrication  der  Phos- 
phorzündhölzer abgeben,  haben  in  der  Regel  schon  vorher, 
ehe  sie  sich  diesem  Fabricationszweige  zuwandten,  an  ei- 
ner schlechten,  krankhaften  Beschaffenheit  der  Schleimhaut 
an  den  Alveolarrändern  und  überhaupt  der  Mundhöhle  ge- 
litten. Die  spätere  Ablösung  der  Schleimhaut  vom  Knochen 
und  ihre  Verschwärung  tritt  erst  ein,  nachdem  der  Kiefer 
abgestorben  ist,  und  darf  keineswegs  als  die  Ursache  des 
Brandes  betrachtet  werden. 


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342 


Da  nun  der  Brand,  die  Necrosis,  an  den  Kiefern  we- 
der als  eine  neue  Erscheinung  dastcht,  deren  Auftreten  sich 
erst  von  der  Fabricalion  der  Phosphorzündhölzer  datirt, 
vielmehr  bereits  vorher  beobachtet  ist;  da  ferner  diese 
Krankheit  auch  bei  Personen  vorkommt,  welche  sich  nie- 
mals mit  jener  Fabrication  beschäftigt  haben;  da  die  Krank- 
heit bei  den  genannten  Arbeitern  durchaus  nichts  Eigen- 
tümliches in  ihren  Erscheinungen  darbietet,  vielmehr  ganz 
unter  denselben  Symptomen,  wie  bei  andern  Personen  ver- 
läuft; da  ferner  die  Arbeiter  bei  der  Anfertigung  der  Phos- 
phorzündhölzer, ganz  abgesehn  von  dem  Einflüsse  der 
Phosphordämpfe,  auch  der  Einwirkung  solcher  Schädlich- 
keiten ausgesetzt  sind,  durch  welche  in  der  Mehrzahl  der 
Fälle  der  Kieferbrand  auch  bei  andern  Personen  ausserhalb 
jener  Fabriken  veranlasst  zu  werden  pflegt;  da  eine  spe- 
oifike  Einwirkung  der  Phosphordämpfe  auf  die  Knochen  auf 
keine  Weise  nachgewiesen  ist,  vielmehr  von  gewichtigen 
wissenschaftlichen  Autoritäten  in  Abrede  gestellt  wird,  es 
auch  aus  wissenschaftlichen  Gründen  nicht  wohl  zu  erklä- 
ren ist,  warum  jene  Dämpfe,  wenn  sie  dem  Leben  der 
Knochen  so  nachtheilig  wären,  dieselbe  Wirkung  nicht  auch 
auf  andre  Knochen,  die  ihrem  Einflüsse  ausgesetzt  sind, 
ausüben  sollten;  da  endlich  für  das  häufige  Vorkommen 
dieses  Knochenübels  bei  den  Arbeitern  in  den  Phosphor- 
zündholzfabriken wohl  der  Umstand  sprechen  dürfte,  dass 
dies  vorzugsweise  solche  Individuen  zu  sein  pflegen,  wel- 
che durch  schadhafte  Zähne  nnd  kranke  Alveolarränder 
wie  durch  constitutioneile  Anlage  eine  besondre  Prädispo- 
sition zu  Entzündungen  der  Knochenhaut  an  den  Kiefern 
in  sich  tragen,  so  dürfte  für  jetzt  die  Annahme,  als  sei  das 
in  Rede  stehende  Kieferleiden  der  Wirkung  der  Phosphor- 
dämpfe zuzuschreiben,  mindestens  als  eine  voreilige  zu  be- 
trachten sein.  Es  darf  indess  der  Gegenstand  noch  kei- 
neswegs als  ein  abgeschlossener  betrachtet  werden.  Der 
Umstand,  dass  diese  Krankheit  häufiger  bei  Arbeitern,  wel- 
che sich  mit  der  Anfertigung  der  Phosphorzündhölzer  be- 
schäftigen, als  bei  andern  Personen  vorkommt,  ist  hinrei- 


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343 


chend,  um  zu  fortgesetzten  Beobachtungen  und  Untersu- 
chungen über  die  Natur  der  Ursachen  aufzufordern. 

Bei  dieser  Sachlage  dürfte  es  zur  Zeit  nicht  gerathen 
erscheinen,  durch  polizeiliche  Massregeln  die  Anfertigung 
der  Phosphorzündhölzer  zu  beschränken,  vielmehr  cs  genügen, 
darauf  aufmerksam  zu  machen,  dass  cs  für  Personen  mit 
kranken  Zähnen  und  überhaupt  solchen,  welche  an  krank- 
haften Aflectionen  der  Kiefer  leiden,  oder  gelitten  haben, 
gerathen  sei,  sich  dieser  Beschäftigung  zu  enthalten. 


Fall  von  Spondylarthrocace  lumba/rs  s.  Maluni 

PotLii. 

M i t g e t b e i 1 t 

vom  Dr.  Hellmuth,  pract.  Arzte  in  Berlin. 

Im  April  1844  wurde  mir  ein  zehnjähriger  einem  ar- 
men Tagearbeiter  angehörender  Knabe  vorgestellt,  der  ein 
scrophulöses  Aussehn,  bleiche  Gesichtsfarbe,  einen  matten 
Ausdruck  der  Augen  und  einen  etwas  beschwerlichen  Gang 
halte.  Die  Zunge  war  weisslich  belegt,  der  Appetit  ge- 
ring, der  Puls  langsam,  durchaus  nicht  fieberhaft,  die  Urin- 
absonderung vermindert,  der  Stuhl  mehr  verstopft  und  der 
Schlaf  unruhig.  Patient  klagte  ausserdem  über  den  Leib 
und  über  Schmerz  im  Hüftgelenke.  Der  Leib  war  bedeu- 
tend aufgelrieben,  bei  der  Berührung  schmerzhaft,  und  in 
demselben  liesS  sich  eine  deutliche,  wenngleich  nicht  starke 
Flucluation  wahrnehmen.  Auf  den  rechten  Glutäen  sass 
eine  Faust  grosse,  mehr  abgeplattete,  teigige  Geschwulst 
und  unter  dem  Schenkelbogen  war  eine  wie  ein  halbes 
Hühnerei  geformte,  pralle,  jedoch  reduclible,  nicht  beson- 
ders schmerzhafte  Masse  hervorgetreten.  Da  Pat.  schou 
früher  an  scrophulösen  Zufällen,  Haulausschlägen,  Drüsen- 


344 


anschwellungen  u.  s.  w.  gelitten  hatte,  deren  weitere  Aus- 
bildung und  Verschlimmerung  bei  den  Verhältnissen,  unter 
denen  er  lebte,  nicht  zu  verwundern  war,  und  von  der 
Anamnese  nicht  viel  herauszubringen  war,  so  hielt  ich  den 
gesammten  Krankheitszustand  für  auf  scrophulösem  Boden 
wuchernde,  durch  schlechte  Nahrungsmittel  und  herunter- 
gekommene Verdauung  noch  mehr  entwickelte  Uebel,  und 
zwar  für  Bauchwassersucht,  freiwilliges  Hinken  und  eine 
Complication  mit  einem  Schenkelbruche,  der  bei  den  Kin- 
dern solcher  Leute  um  so  eher  entstehn  kann,  weil  sie 
dieselben  zum  Heben  und  Tragen  übermässiger  Lasten  auf 
eine  unvernünftige  Weise  anhalten.  Da  die  Eltern  zwar 
die  Herstellung  ihres  Sohnes  sehnlichst  wünschten,  sich  aber 
auf  eine  längere  und  umständlichere  Cur  nicht  einlassen 
wollten,  so  verordnete  ich:  Pule,  lltrhat  Digitalis  Gr.  j 
Calom.  Gr.  i — Sulph.  Jur.  Ant.  Gr.  ß — Elaeos  Jump,  g ß 
dreimal  täglich  zu  nehmen,  Ruhe,  Wärme  und  eine  strenge 
Diät.  — Erst  nach  einem  Vierteljahre  bekam  ich  den  Kna- 
ben wieder  zu  sehn,  fand  dessen  Zustand  nicht  wesentlich 
verändert,  nur  war  er  noch  schwächer  auf  den  Füssen  ge- 
worden. Ueber  das  Kreuz  klagte  er  nicht,  und  war  bei 
der  Untersuchung  der  Rückenwirbelsäule  weder  eine  Dif- 
formität,  noch  eine  schmerzhafte  Stelle  aufzufinden.  Die 
Diagnose  war  mir  daher  immer  noch  zweifelhaft,  ich  ver- 
ordnete innerlich  Ol.  Jecor.  Asell.  und  ein  gelindes  Abführ- 
mittel; auf  den  Leib  und  die  Hüfte  eine  Einreibung  aus 
üngt.  Hi/Jr.  ein.  c.  Linim.  vol.  und  später  Ungt.  Hydrarg. 
cm.  et  Ad.  suill.  ää  3 ii  — Kal.  hydroiod.  9 ß.  — Am 
16.  August  gesellte  sich  Fieber  hinzu,  die  Haut  des  Kran- 
ken war  heiss,  der  Durst  gross,  Pat.  klagte  über  heftigen 
Leibschmerz  und  konnte  das  Bett  nicht  verlassen.  Es 
wurde  eine  kühlende  Mixtur  und  später  Calomcl  innerlich, 
das  Ansetzen  von  Blutegeln  an  den  Unterleib  wegen  Span- 
nung und  Empfindlichkeit  desselben,  nnd  die  Anwendung 
von  feuchten,  warmen  Umschlägen  über  diesen  verordnet. 
Da  indess  Schmerz  und  Unruhe  von  Tag  zu  Tag  Zunah- 
men, irgend  ein  destrucliver  Process  im  Unterleibe  ange- 


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nommen  werden  mussle,  die  Eltern  aber  so  viel  wie  mög- 
lich die  Anwendung  neuer  Arzneien  abwehrten,  so  liess 
ich  zur  Minderung  der  Qualen  Morph,  acet.  Gr.  ii  in  Aq. 
Amygd.  am.  | ß toi.  2 — 3 Mal  täglich  zu  10  Tropfen  neh- 
men, worauf  sich  wenigstens  eine  momentane  Betäubung 
und  scheinbare  Ruhe  einstellte,  bis  endlich  am  27.  August 
sich  die  unter  dem  Schenkelbogen  hervorgetretene  Ge- 
schwulst öffnete,  und  ungefähr  1 Quart  Eiter  entleerte, 
welcher,  so  viel  ich  an  den  Ueberbleibseln  bemerken  konnte, 
da  man  ihn  theils  mit  unreinen  Tüchern,  theils  in  einem 
nicht  ganz  leeren  Gefässe  aufgefangen  halte,  wie  gewöhn- 
licher Eiter,  ohne  Beimischung  von  vielem  Blute  oder  an- 
dern Materien  aussah.  Das  wirkliche  Uebel  wurde  nun 
wohl  mit  grösserer  Bestimmtheit  geahnt,  indess  waltete  im- 
mer noch  einiges  Dunkel  über  seinen  wahren  Silz,  da  Pat. 
so  gereizt  war,  dass  er  bei  der  Berührung  eines  beliebi- 
gen Körpertheils  zuckte  und  schrie,  aber  an  der  ganzen 
Wirbelsäule  eine  Difformität  oder  eine  besonders  empfind- 
liche Stelle  nicht  aufgefunden  werden  konnte.  Das  Ein- 
dringen der  Luft  in  den  Eiterheerd  wurde  so  viel  wie 
möglich  verhütet,  dabei  jedoch  der  Ausfluss  der  gewiss  noch 
im  catum  abdominis  befindlichen  oder  sich  neu  ansammeln- 
den Flüssigkeit  möglich  gemacht,  für  die  grösste  Reinlich- 
keit gesorgt,  eine  wenig  reizende  aber  nährende  Diät  em- 
pfohlen; ein  kühlendes,  beruhigendes  Mittel  und  später  bei 
grösserer  Abnahme  der  Kräfte  China  gereicht,  so  dass  sich 
Pat.  6 Wochen  hindurch  so  leidlich  hinschleppte,  bis  es  sfch 
am  15.  October  herausstellte,  dass  eine  Durchbohrung  des 
Darms  Statt  gefunden  haben  müsse,  indem  dem  Kranken 
zur  Linderung  seines  Durstes  Weintrauben  zu  essen  erlaubt 
worden  waren,  und  während  der  Untersuchung  der  Oeff- 
nung  am  Schenkelbogen  mehrere  Weintraubenkörner  aus 
derselben  hervortralen.  Ein  um  so  sicherer  und  schnelle- 
rer Tod  musste  nun  prognosticirt,  und  da  sich  nichts  We- 
sentliches mehr  gegen  das  Uebel  thun  liess,  die  Qual  des- 
selben so  viel  wie  möglich  gemindert  werden.  Am  lfi. 
und  17.  October  quoll  ein  dunkles,  halb  geronnenes  Blut 


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in  grossen  Massen  durch  die  Oeffnung  unter  dem  Schen- 
kelbogen und  durch  den  After  hervor  und  am  18.  October 
starb  Pat.  unter  den  heftigsten  Schmerzen. 

Section.  Bei  der  etwa  36  Stunden  nach  dem  Tode 
vorgenommenen  Section  fand  ich  die  äussere  Haut  blass, 
den  Leib  aufgetrieben ; beim  Druck  auf  denselben  floss  blu- 
tige Jauche  aus  der  äussern  Oeflnung  des  Hohlgeschwürs 
und  aus  dem  After.  Nach  Eröffnung  des  cavun  abdovmnt 
konnte  man  etwa  ein  halbes  Quart  blutiger  Jauche  in  dem- 
selben bemerken,  nach  dessen  vorsichtiger  Entfernung  die 
Eingeweide  der  Reihe  nach  besichtigt  wurden.  Die  Leber 
war  blass  und  etwas  mürbe,  die  Gallenblase  mit  einer  dün- 
nen, wässrigen  Galle  massig  erfüllt;  die  Milz  blass  und  et- 
was schlaff;  der  Magen  enthielt  wenig  SpeisebreL  Die 
Därme  waren  bis  zum  Coecum  normal,  mit  etwas  schleimi- 
ger Flüssigkeit  erfüllt,  die  Häute  derselben  blutleer;  das 
Coecum  selbst  mit  der  valvula  coli  zeigte  nichts  Abnormes, 
nur  war  es  mit  blutiger  Jauche  angefüllt;  der  proc.  vermi- 
formis dagegen  war  ungefähr  in  der  Mitte  seiner  Länge 
perforirt,  und  zeigte  daselbst  eine  erbsengrosse,  von  einem 
schmalen,  blauschwarzen  Rande  umgebene  Oeffnung.  In 
dem  ganzen  sonst  normalen  Dick-  und  Mastdarme  fand  sich 
dieselbe  mehrerwähnte  blutige  Jauche  in  geringerer  Quan- 
tität vor.  Die  Harnorgane  waren  normal,  das  Zellgewebe 
und  die  Muskeln  in  der  rechten  Beckenhöhle  leicht  zer- 
rcissbar,  matschig,  faulig  zerstört  und  endlich  der  vordere 
Theil  des  vierten  Lendenwirbels  von  Bindern  entblösst, 
porös  und  morsch,  so  dass  man  ihn  mit  der  Sonde  leicht 
durchdringen  konnte,  während  der  Dornfortsatz  desselben 
fest  und  in  seiner  Lage  von  aussen  am  Kreuze  zu  fühlea 
war.  Die  Zerstörung,  Durchfressung  oder  überhaupt  künst- 
liche Eröffnung  eines  grossem  Blutgefässes  konnte  nicht 
aufgefunden  werden. 

Epicrise.  Obiger  Fall  hat  meine  Aufmerksamkeit  in 
dreifacher  Beziehung  erregt.  Erstens  wegen  der  Dunkel- 
heit der  Diagnose,  zweitens  wegen  der  Perforation  des 
Blinddarmanhanges,  deren  Ursache  und  Wirkung  mehrere 


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Besonderheiten  darbot,  und  endlich  drittens  wegen  der  im 
ganzen  Dickdarme  enthaltnen  und  durch  den  After  ausge- 
flossenen blutigen  Jauche. 

ad  1)  Die  Dunkelheit  der  Diagnose  wurde  hauptsäch- 
lich durch  den  fast  gänzlichen  Mangel  der  localen  äussern, 
gewöhnlich  bei  dieser  Krankheit  sich  vorlindenden  Erschei- 
nungen bedingt.  Eine  Didbrmilöt  der  Wirbelsäule,  ein  Her- 
vorragen des  respectivcn  Dornfortsatzes,  ein  Zusammensin- 
ken  des  Rückgrathes  war  bis  zuletzt  nicht  zu  bemerken, 
so  wie  Pat.  weder  von  selbst  noch  bei  der  Berührung  und 
Untersuchung  über  Schmerz  am  Kreuz  klagte,  sondern  stets 
nur  Leibweh  angab,  und  möchte  sich  dieser  Mangel  der 
örtlichen  Symptome  vielleicht  dadurch  erklären  lassen,  dass 
das  Uebel  seinen  Silz  in  den  untersten  Regionen  der  Wir- 
belsäule, wo  diese  einen  festem  Stützpunct  durch  das  von 
den  Beckenknochen  eingeschlossene  Kreuzbein  findet,  und 
die  Körper,  Fortsätze  und  Bänder  bei  weitem  stärker  und 
dauerhafter  sind,  gehabt,  und  die  cariöse  Zerstörung  von 
Aussen  nach  Innen  vorgedrungen  ist.  Die  einzigen  auf  ein 
Leiden  der  Wirbelsäule  hindcutenden  Symptome  waren  die 
immer  zunehmende  Schwäche  in  den  Beinen,  das  anfangs 
wenig,  zuletzt  ganz  gehinderte  Gehen  und  der  erst  später 
erkannte  symptomatische  Abscess,  da  die  übrigen  Erschei- 
nungen sich  auch  auf  andre  Weise  erklären  liessen.  End- 
lich wurden  Diagnose  und  Cur  durch  die  Armuth  und  Nach- 
lässigkeit der  Angehörigen  erschwert,  welche  das  Kind  ein 
Vierteljahr  ohne  jede  ärztliche  Hülfe  liessen,  und  auch  spä- 
ter noch  so  viel  wie  möglich  hindernd  in  den  Weg  traten, 
indem  sie  nur  symptomatische  Mittel  verlangten.  Die  Ur- 
sache des  Uebels  schien  in  einer  scrophulösen  Anlage,  die 
durch  die  Lebensweise  des  Knaben  bedeutend  ausgebildet 
worden,  begründet  zu  sein;  jedoch  konnte  ich  nicht  erfah- 
ren, ob  Pat.  das  von  Sanson  als  die  häufigste  Veranlassung 
zu  Spondylarlhrocace  angegebene  Laster  der  Onanie  ge- 
trieben habe. 

ad  2)  Die  Perforation  des  processus  vermiformis  an- 
langend, muss  es  einigermassen  wunderbar  erscheinen,  dass 


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der  doch  gewiss  vom  Lendenwirbel  ausgehende,  über  an- 
dere Theile  der  rechten  Seite  des  Unterleibes  fortschrei- 
tende Zerstörungsprocess  sich  grade  den  Wurmfortsatz  aus- 
gesucht, und  eine  kaum  erbsengrosse  OefTnung  in  demsel- 
ben bewirkt  haben  solle,  um  in  den  Darm  zu  gelangen. 
Zugegeben  auch,  der  Wurmfortsatz  habe  dem  vierten  Len- 
denwirbel am  nächsten  gelegen,  da  derselbe  überhaupt  eine 
mehr  oder  weniger  veränderliche  Stellung  einnimmt,  so 
würde  man  viel  eher  eine  grössere,  ungleichere  Zerfres- 
sung  vermuthet  haben.  Es  ist  daher  nicht  unwahrschein- 
lich, dass  hier  ein  ähnlicher  Vorgang  Statt  gefunden  habe, 
wie  Dr.  Adolph  Volz  in  Haeser's  Archiv  f.  die  gesammte 
Medicin  Bd.  IV  1843  Hfl.  3 S.  305  u.  f.  beschreibt,  und 
durch  einen  fremden  Körper  in  die  Höhle  des  processut 
vermiformis  die  Wände  desselben  durchbohrt  und  die  Oeff- 
nung  bewirkt  worden  sei,  welcher  Fall  entweder  als  eine 
mit  der  ganzen  Krankheit  in  nahem  Zusammenhänge  ste- 
hende, oder  als  eine  mehr  oder  weniger  von  derselben 
unabhängige  Complication  angesehn  werden  könnte.  — Das 
Weitere  dieser  Betrachtung  lallt  mit  dem  Folgenden  zu- 
sammen und  soll  deshalb  mit  diesem  zugleich  angeführt 
werden. 

ad  3)  Aus  der  Seclion  ging  hervor,  dass  die  im  Dick- 
darme enthaltne  und  bereits  seil  zwei  Tagen  durch  den 
After  aus  demselben  entleerte  blutige  Jauche  ihre  Quelle 
nicht  im  Darme  selbst  gehabt  haben  könne,  indem  die 
Schleimhaut  des  Dickdarms  und  des  ganzen  Darmcanales 
blass  und  blutleer,  aber  sonst  unverändert  gefunden  wor- 
den war,  dass  also  diese  Flüssigkeit  aus  dem  cavum  abdo- 
minis , in  welchem  nach  dem  Tode  noch  ein  halbes  Quart 
derselben  bemerkt  wurde,  durch  das  Loch  im  processut 
vermiformis  in  Massen  hineingetreten,  und  durch  den  Dick- 
darm hindurch  aus  dem  After  wieder  hinausgeleitet  wor- 
den sei,  was  insofern  merkwürdig  erscheint,  als  die  Per- 
foration im  Wurmfortsatz  nur  unbedeutend  war,  und  die 
Klappe  desselben,  so  wie  die  peristallische  Bewegung  des 
Darms  doch  auch  den  Eintritt  der  blutigen  Flüssigkeit  noch 


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mehr  hätte  verhindern  sollen,  welche  ausserdem  durch  die 
Oeflnung  am  Schenkelbogen  einen  ziemlich  freien  Abfluss 
hatte.  Wundern  muss  man  sich  hierbei,  woher  diese  hef- 
tigen Blutungen  ihren  Ursprung  genommen,  da  die  Verlet- 
zung eines  grossem  Blutgefässes  durchaus  nicht  aufgefun- 
den werden  konnte,  und  wie  trotz  derselben,  ausser  allen 
übrigen  Leiden  des  Kranken,  das  Leben  sich  noch  2 volle 
Tage  erhalten  habe. 


Vermischtes. 


1.  Fall  von  tödtlich  gewordner  Syphilis. 

Dorothea  M.,  eine  Person  von  mittlerer  Grösse,  schwäch- 
licher Constitution  und  phlegmatischem  Temperament,  gab 
an  bis  zum  fünfundzwanzigsten  Jahre  dauernd  gesund  ge- 
wesen zu  sein.  In  dieser  Zeit  wurde  sie  an  die  Mitte  des 
rechten  Schienbeins  gestossen,  worauf  sich  eine  nussgrosse 
Geschwulst  und  aus  dieser  ein  Geschwür  entwickelte,  wel- 
ches erst  nach  Verlauf  eines  halben  Jahres  heilte.  Zwei 
Jahre  später,  im  Januar  1845,  stiess  sich  Patientin,  durch 
eine  niedrige  Thür  gehend,  an  die  rechte  Seite  der  Stirn, 
so  dass  die  Haut,  bis  auf  den  Knochen  losgeschlagen,  Vier- 
groschenstück gross,  herunterhing.  Auch  diese  Stelle  wan- 
delte sich  in  ein  Geschwür  um,  welches,  nach  halbjähriger 
Misshandlung  durch  Hausmittel  aller  Art,  Patientin  zwang, 
ärztliche  Hülfe  in  Anspruch  zu  nehmen.  Sie  gestand,  im 
September  1843  einen  Ausfluss  aus  den  Genitalien  gehabt 
zu  haben,  welcher  sich  von  selbst  wieder  verlor,  gab  an, 
im  Januar  1845  nach  einem  Coitus  die  Periode  verloren 
zu  haben,  welche  seit  ihrem  siebzehnten  Jahre  stets  regel- 
mässig gewesen  war.  — Auf  der  rechten  Seite  der  Stirn, 
zwei  Zoll  über  dem  Arcus  supraciliaris , lag  der  Knochen 
Zweigroschenstück  gross  entblösst,  war  schwarz  und  rauh. 


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350 


Die  Ränder  des  Geschwürs  erschienen  callös,  nach  innen 
gerichtet,  zwei  bis  drei  Linien  tief  unterminirt,  sonst  aber 
dem  Knochen  adhärirend.  Der  Eiter  war  reichlich,  gelb- 
lich, consistent;  der  Schmerz  im  Vorderhanpt  massig  und 
nahm  zur  Nacht  zu.  An  der  rechten  Tibia  befand  sich 
eine  Exostose  von  einem  Zoll  Länge  und  einem  halben  Zoll 
Breite,  welche  nicht  schmerzte.  Patientin  war  schwanger. 
Die  Berg' sehe  Cur  wurde  begonnen  und  durchgeführt  und 
täglich  | Gran  Morphium  gereicht.  Oertlich  wurde  Chlor 
angewendet.  Am  20.  Juli  1845  zeigte  sich  das  Knochen- 
stück beweglich  und  Pulsation  des  Gehirns  wurde  wahrge- 
nommen. Am  18.  October  wurde  Pat.  von  einem  ziemlich 
starken  gesunden  Knaben  entbunden,  welcher  jedoch  spä- 
ter starb.  Kurz  darauf  wurde  das  Knochenstück  losgestos- 
sen  und  entfernt;  die  Ränder  des  Geschwürs  waren  gerö- 
thet,  der  Eiter  ziemlich  gut.  Die  Carics  war  also  auf  die- 
ser Stelle  zur  Necrosis  geworden.  — Nach  einiger  Zeit 
zeigte  sich  über  dem  linken  Tuber  frontale  eine  Beule;  sie 
fluctuirte,  wurde  geöffnet,  verwandelte  sich  in  ein  Geschwür, 
welches  mit  dem  zuerst  beschriebenen  communicirte  und 
viel  Eiter  entleerte.  Am  16.  Februar  zeigte  sich  an  der 
Pfeilnalh,  wo  sie  mit  dem  Stirnbein  zusammenstösst,  eine 
flucloirende  Geschwulst;  beim  Druck  auf  dieselbe  entleerte 
sich  aus  dem  Geschwüre  links  Eiter.  Bei  Oeffnung  dersel- 
ben entleerte  sich  eine  gelbe,  dicke,  stinkende  Flüssigkeit. 
Bei  einer  nochmaligen  genauen  Untersuchung  zeigten  sich 
an  der  Portio  vaginalis  Uteri  syphilitische  Geschwüre,  wel- 
che aus  dem  bei  der  Entbindung  entstandnen  Risse  hervor- 
gegangen  waren.  Im  Verlaufe  des  Februar  und  März  machte 
die  Kranke  eine  Jodcur  durch.  Während  dieser  Zeit  ent- 
standen viele  neue  kleine  Geschwüre.  Mehrfach  stiessen 
sich  kleine  Knochenstücke  ab  und  das  zuerst  beschriebene 
Geschwür  vernarbte  vollkommen.  Pat.  klagte  jetzt  durch- 
aus nicht  über  Schmerz,  es  entwickelte  sich  aber  eine  Fe- 
bris  lenta  und  trotz  aller  angewendeten  Arzneimittel  und 
einer  zweckmässig  geordneten  Diät  erlag  sio  dem  Fieber 
und  starb  am  3.  April  1846.  Bei  der  Section  zeigte  sich 


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der  Körper  sehr  abgemagert.  Die  Organe  der  Unterleibs- 
höhle atrophisch,  das  Herz  klein  und  blutleer,  die  Lungen 
tuberculös.  Der  ganze  behaarte  Theil  des  Kopfes  war  mit 
.Geschwüren  bedeckt,  die  Kopfhaut  mit  dem  darunterliegen- 
den Knochen  und  dieser  mit  der  harten  Hirnhaut  fest  ver- 
wachsen, die  letztere  aber  an  keiner  Stelle  durchbrochen. 
Das  Gehirn  war  blutleer,  sonst  normal  beschaffen,  eben  so 
die  Pia  maler  und  Arachnoidca.  Auf  dem  Felsenbeine  rech- 
terseits  deutete  eine  bohnengrosse,  missfarbige  Stelle  der 
hier  leicht  löslichen  Dura  mater  beginnende  Caritx  des 
Schläfenbeins  an,  welche  Vermuthung  sich  auch  bei  genaue- 
rer Untersuchung  bestätigte.  Ausser  dieser  kleinen  Stelle 
war  nur  der  abgesägte  Theil  des  Schädels,  also  die  Schä- 
deldecke, von  der  Zerstörung  ergriffen,  aber  hier  auf  eine 
furchtbare  Weise.  Alle  Stadien  der  Orter  und  Necrose 
waren  deutlich  ausgesprochen ; die  Dtpbü  beinahe  gänzlich 
verschwunden,  und  die  äussere  und  innere  Cortical-Substanz 
wie  ziselirt.  Bei  näherer  Untersuchung  zeigten  sich  28 
durch  die  Necrose  losgestossenc  grössere  und  kleinere 
Knochenstöcke.  — Bemerkenswerth  erscheint,  dass  diese 
von  syphilitischem  Gift  ganz  durchdrungene,  schon  an  Ca- 
rter syphilitica  leidende  Person  empGng  und  ein  ganz  ge- 
sundes, ziemlich  kräftiges  Kind  gebar  und  in  den  letzten 
Monaten  ihrer  furchtbaren  Krankheit  beinahe  gar  nicht  über 
Schmerz  klagte.  Ihre  geistigen  Fähigkeiten  und  Sinnes- 
functionen blieben  bis  zum  Tode  ungestört. 

Breslau.  Hodann,  Hospitalwundarzt. 


2.  Riss  der  untern  Hohlvene. 

Vor  etwa  fünf  Jahren  kam  ein  etwas  schwerhöriger 
Tuchfabricant,  der  von  Meschede  nach  Brilon  wollte,  nahe 
bei  Westwig  einem  Fuhrmannc  mit  einem  Karren  entgegen. 
Da  auf  der  Strasse  viel  Schnee  lag  und  der  Reisende  we- 
gen des  ihm  entgegen  schlagenden  Schneegestöbers  sich 
nach  vorn  gebückt  durch  den  Schnee  abmühte,  hörte  er 
das  Fuhrwerk  nicht  und  rannte  mit  dem  Leibe  gegen  den 
einen  Stellbaum  des  Karren.  Sogleich  bekam  er  heftige 


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Schmerzen,  hiess  aber  den  Fuhrmann  als  schuldlos  fortfah- 
ren und  machte  sich  halb  ohnmächtig  in  das  300  Schritte 
entlegne  Westwig.  Hier  konnte  er  nicht  weiter  und  liess 
mich  rufen,  um  von  mir  meine  Meinung  zu  hören.  Er  . 
klagte  über  Schmerzen  im  Unterleibe,  die  beim  Druck  nicht 
vermehrt  wurden,  über  heftigen  alle  5 Minuten  wiederkeh- 
renden wehenartigen  Drang  auf  Stuhl  und  Urin  und  sehr 
heftigen  Durst;  der  Puls  war  klein  und  unterdrückt,  etwa 
100  Schläge  in  der  Minute.  Bei  bedeutender  Beängstigung 
und  sichern  Vorgefühl  vom  Tode  klagte  er  bald  über  ein 
Gefühl  von  Kälte,  bald  von  Wärme  u.  s.  w.  Ich  liess  zur 
Ader  und  gab  antiphlogistische  und  beruhigende  Mittel,  je- 
doch ohne  Erfolg.  Pat.  hatte  überdies  den  Glauben,  die  v 
Verletzung  sei  weniger  Schuld1  als  das  Mescheder  Bier,  wo- 
von er  2 Gläser  voll  getrunken  hatte,  denn  darnach  bekomme 
er  sehr  leicht  Strangurie.  Es  wurde  aber  sein  Puls  von 
Stunde  zu  Stunde  kleiner  und  schneller,  die  Extremitäten 
wurden  kalt  und  die  genannten  Symptome  immer  heftiger, 
so  dass  Pat.  nur  fortwährend  aus  dem  Bette  aufs  Nachtge- 
schirr lief.  Ich  liess  den  Dr.  Ruer  aus  Meschede  zur  Con- 
sultation  bitten,  allein  derselbe  erschien  bei  der  grössten 
Eilfertigkeit  doch  zu  spät,  denn  Pat.  war  schon  vor  1^  Stunden 
auf  folgende  Weise  verschieden: 

Er  war  noch  vor  5 Minuten  ausser  dem  Bette,  das  Nacht- 
geschirr fordernd;  allein  seine  Kräfte  waren  schon  so  schwach, 
dass  er  sich  nicht  mehr  hallen  konnte.  Im  Belle  wünschte 
er  nun  höher  gelegt  zu  werden;  ich  fasste  ihn  unter  beide 
Arme,  um  ihm  zu  helfen  und  in  demselben  Augenblicke,  bei 
voller  Besinnung  sprechend,  war  er  todt,  wie  durch  eine 
Kugel  getroffen,  7 Stunden  nach  der  Verletzung.  — Wir 
waren  beiderseits  der  Meinung,  dass  er  an  einer  innern 
Verblutung  gestorben  sei;  welches  Organ  aber  verletzt  sei, 
konnte  nicht  vorher  bestimmt  werden.  Bei  der  Obduclion 
fand  sich  ein  1 Zoll  langer  Riss  in  der  untern  Hohlvene, 
grade  da,  wo  sie  durch  das  foramen  quadrilaicrum  diaphrag- 
matü  geht.  Wundarzt  I.  CI.  Voss. 


Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 


für  die 


gesammte 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 


Diese  Wochenschrift  erscheint  jedcstnnl  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nü- 
thigen  Registern  ist  nuT  3*  Thlr.  bestimmt,  wofür  säminlliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sio  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  H ir tchtcald. 


JVi  23.  Berlin,  den  3<en  Juni  1848. 

\/  Folgen  der  Päderastie.  Von  ** *.-=$^Uebcr  den  Unterschied  des  Ty- 
phut  abdom.  vom  Typhus  exanthemat.  Vom  Oberarzt  Dr.  E ic fa- 
ll olz.  — Kritischer  Anzeiger. 


Folgen  der  Päderastie  *). 


Wenn  ich  früher  von  den  Ausartungen  des  Geschlecbts- 
triebes  hörte  und  als  Studirender  die  Worte:  Onanie,  Pä- 
derastie, Sodomiterei  mir  in  Handbüchern  aufsliessen,  so 
glaubte  ich,  letztere  beiden  Abirrungen  des  Naturtriebes 
seien  nur  geschichtlich  noch  verzeichnet  und  ihr  wirkliches 
Vorkommen  gehöre  der  Zeit  der  Fabel,  der  Zeit  der  Ent- 
artung alter  Völker  an.  Allein  ihre  Existenz  ist  evident, 
noch  jetzt  sind  sie  Gegenstand  der  Criminaluntersuchungen. 
Wenn  aber  das  Landrecht  Strafen  für  diese  Laster  bestim- 
men konnte,  so  mussten  offenbar  die  für  die  übrige  mensch- 
liche Gesellschaft  daraus  erwachsenden  Nachtheile  dieser 
naturwidrigen  Befriedigung  des  Geschlechtstriebes  die  Mo- 
tive des  Gesetzgebers  dazu  sein,  und  er  berücksichtigte 
gewiss  nicht  nur  die  moralischen,  sondern  auch  die  phy- 

*)  Der  Herr  Vf.  hat  mir  brieflich  leinen  Namen  und  Charakter 
genannt,  aber  hier  ungenannt  zu  bleiben  den  Wunsch  ausgesprochen. 
Die  Motive  zu  diesem  Wunsche  lind  so  vollgültig,  dass  ich  demsel- 
ben gern  willfahre.  C. 

Jahrgang  1848.  23 


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354 


sischen,  die  namentlich  bei  der  Päderastie  für  den  gemiss- 
brauchten  Theil  entstehn  können. 

In  den  Büchern  jedoch,  welche  mir  zu  Gebote  stan- 
den, habe  ich  mich  vergebens  bemüht,  irgend  einen  Ab- 
schnitt über  die  Folgen  der  Päderastie  zu  finden.  Mir  von 
fern  her  andre  zu  verschreiben,  hielt  ich  für  überflüssig, 
da  es  zu  nichts  nutzen  konnte,  Notizen  abzuschreiben,  die 
zum  Belag  nicht  nöthig.  I)a  aber  ein  zweiter  ähnlicher 
Fall  sich  nicht  leicht  aullfinden  lassen  dürfte,  in  welchem 
die  Ursache  der  enlstandnen  Krankheit  mit  so  grosser 
Wahrscheinlichkeit  aus  dem  Gebrauch  zu  dieser  so  unna- 
türlichen Befriedigung  erschlossen  werden  dürfte,  so  er- 
laube ich  mir,  hier  folgende  Krankengeschichte  mitzutheilen. 

A.  war  in  Stadt  und  Umgegend  des  in  Rede  stehen- 
den Lasters  der  Päderastie  verdächtig,  und  B.  in  Diensten 
desselben.  Letztrer  erkrankt  plötzlich,  indem  Krampfanfalle 
sehr  heftiger  Art  ihn  heimsuchen,  die  von  Zeit  zu  Zeit 
wiederkehren. 

Patient  war  ein  kräftiger,  gesund  aussehender  Mann, 
von  mittlerer  untersetzter  Statur.  Er  ist  jetzt  46  Jahre. 
Von  Kindheit  an  erfreute  er  sich  des  besten  Wohlbefindens. 
In  seiner  Familie  waren  Krämpfe  irgend  einer  Art  seines 
Wissens  nie  beobachtet  worden,  so  dass  der  Verdacht  auf 
Erblichkeit  ganz  schwinden  musste.  Er  ist  seit  sieben  Jah- 
ren verheirathet  und  zeugte  in  dieser  Ehe  fünf  Kinder,  von 
denen  die  letzten  vier,  nach  Ausbruch  seiner  Krämpfe  ge- 
boren, schon  in  den  ersten  Monaten  wieder  starben. 

Diese  Krampfanfälle  traten  Anfangs  zu  ganz  unbe- 
stimmter Zeit  auf,  regelten  sich  aber  später  genau  nach  den 
Mondphasen,  so  dass  seine  Frau  stets  bei  Zuziehung  des 
Kalenders  die  Tage  des  Erscheinens  derselben  mit  ziem- 
licher Bestimmtheit  auszurechnen  vermochte.  Man  zog  ei- 
nen Arzt  zu  Rathe,  und  die  noch  vorhandnen  Recepte  zei- 
gen die  Anwendung  der  Artemisia,  Valeriana  u.s.  w.,  über- 
haupt der  sogenannten  Nervina .*  Derlei  Mittel  gebrauchte 
er  ein  ganzes  Jahr  hindurch  ohne  Veränderung  seines  Zu- 
standes. Ein  zweiter  Arzt  wiederholte  diese  Mittel  mit  Ya- 


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riationen  und  schloss  seine  Behandlung  mit  dem  Gebrauch 
des  Chinium  sulphuricum.  Nun  pausirte  Pat.  längere  Zeit 
und  wieder  an  einen  Arzt  sich  wendend  gebrauchte  er  die 
Kupferpräparate:  das  Cuprum  sulphur.  ammoniat.  und  das 

Cuprum  oxydat.  Dessenungeachtet  blieben  die  Anfälle  nach 
wie  vor,  änderten  nichts  an  ihrer  Heftigkeit  noch  an  ihrem 
Typus* 

Meine  benachbarte  Wohnung  wurde  endlich  die  Ur- 
sache, dass  auch  ich  in  einem  Anfalle  zu  ihm  gerufen 
wurde.  Da  ich  keinem  Arzte  zumuthen  kann,  einem  dia- 
gnosticirten  Worte  wie  Epilepsia  unbedingten  Glauben  zu 
schenken,  so  will  ich,  was  ich  sah,  hier  getreu  mittheilen. 

Ich  sah  den  Kranken  zum  ersten  Male;  er  lag  auf  dem 
Rücken,  seine  Kleidungsstücke  waren  von  den  Angehöri- 
gen geöffnet,  um  beengenden  Druck  zu  vermeiden;  das 
Gesicht  blauroth,  die  Vena  jugularis  geschwollen ; Zucken 
der  Gesichtsmuskeln,  die  Pupille  nach  Eröffnung  der  Au- 
genlider erweitert,  aber  gegen  Lichtreiz  unempfindlich,  der 
Bulbus  etwas  nach  innen  und  oben  verdreht;  der  Mund 
auf  die  Seite  verzogen,  die  Lippen  mit  weissem  Schaum 
bedeckt,  clonische  und  tonische  Krämpfe  an  den  Extremi- 
täten abwechselnd  bemerkbar.  Der  Puls  gross  und  voll, 
58  Schläge  in  der  Minute  zählend.  Auf  Stiche  mit  der 
Nadel  in  die  Haut  erfolgte  keine  Reaction,  wohl  aber  be- 
merkte man  eine  solche  beim  Anspritzen  kalten  Wassers. 
Das  Bewusstsein  fehlte.  Es  war  seit  den  letzten  24  Stun- 
den der  fünfte  Anfall,  während  sonst  der  zweite  oder  dritte 
und  schwächere  die  Scene  zu  schliessen  pflegte,  — Ich 
liess  kalte  Umschläge  über  den  Kopf  legen  und  entschloss 
mich  sogar  zur  Oeffnung  einer  Vene.  Nach  dem  Aderlass 
—■ • ich  weiss  nicht,  ob  ich  ihn  jetzt  noch  rechtfertigen 
würde  — hörten  die  Krämpfe  sofort  auf.  Der  letzte  An- 
fall hatte  12  Minuten  gedauert.  Pat.  schlief  nun  ruhig  ein, 
ein  starker  Schweiss  folgte,  er  erwachte  nach  einigen 
Stunden  mit  Kopfschmerzen,  und  fühlte  sich  sehr  matt  und 
angegriffen. 

Die  schon  erzählten  praeterila  waren  das  Ergebniss 

23  * 


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meines  Krankenexamens,  und  ohne  Hoffnung  auf  je  wieder- 
kehrende Genesung,  da  ja  sein  Leiden  schon  seit  fünf  Jah- 
ren bestand,  wünschte  man  doch,  auch  ich  möchte  noch 
einen  Versuch  machen. 

Wie  ich  schon  andeutete,  war  A.  des  Lasters  der  Pä- 
derastie verdächtig,  und  B.,  in  dessen  Diensten,  galt  allge- 
mein als  das  dazu  gebrauchte  instrumenium  voluplatis.  Al- 
lein derartige  Gerüchte  hört  man  und  überhört  sie,  ohne 
Werth  darauf  zu  legen.  Bei  B,  war  indessen  keine  Ver- 
anlassung zu  seinem  Leiden  aufzufinden,  die  nur  mit  eini- 
ger Wahrscheinlichkeit  die  Entstehung  begünstigt  haben 
konnte;  aber  der  Gedanke  an  jenes  Laster  machte  mich 
schaudern  und  ich  schwieg,  wenn  ich  auch  mit  dem  Vor- 
sätze zu  fragen  sein  Zimmer  betreten.  Die  Gerüchte,  die 
in  Umlauf,  waren  auch  der  Frau  des  B.  zu  Ohren  gekom- 
men und  diese  richtete  endlich  an  mich  die  Frage  über  die 
mögliche  Entstehung,  die  ich  selbst  zu  Ihun  bisher  mich 
gescheut.  Sie  erzählte  mir,  wie  sich  B.  öfter  dahin  aus- 
gesprochen, dass  sein  Leiden  nur  von  A.  herrühren  könne 
und  dass  er  manchmal  Aeusserungen  gethan,  die  ihr  erst 
später  verständlich  geworden. 

Es  hielt  mir  jetzt  nicht  schwer,  das  Geständniss  des 
Mannes  selbst  zu  erhalten  und  es  mögen  Einzelnheiten 
noch  zur  Vervollkommnung  der  Krankengeschichte  dienen. 
Seit  acht  Jahren  hatte  B.  zur  Befriedigung  dieses  Lasters 
gedient,  Anfangs  ohne  Nachlheil  für  seine  Gesundheit,  spä- 
terhin aber  hatte  er  jedesmal  ein  eigenthümliches  Gefühl 
darnach  wahrgenommen,  grade  als  wenn  es  ihn  „kalt  über- 
liefe”; dies  hatte  kaum  einige  Secunden  angehalten,  war 
aber  jedesmal  nach  derartigem  Coitus  wiedergekehrt , bis 
es  denn  endlich  zum  Ausbruch  der  Krämpfe  gekommen, 
die  sich  aber  nicht  unmittelbar  nach  diesem  Beischlaf,  son- 
dern erst  24  bis  36  Stunden  später  einstellten.  Eine  aura 
epileptica  wurde  nicht  von  ihm  wahrgenommen,  einem 
leichten  Schwindel  folgte  schnell  der  Anfall.  — Hatte  er 
den  Coitus  mit  seiner  Frau  begangen,  was  nur  alle  14 
Tage  geschehn  sein  sollte,  so  bemerkte  er  auch  dieses  an- 


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gegebene  Gefühl,  cs  ist  aber  dadurch  eine  schnellere  Rük- 
kehr  der  Krämpfe  nie  bedingt  gewesen. 

Wenn  es  mir  Anfangs  nicht  unwahrscheinlich  zu  sein 
schien,  dass  dieses  typische  Leiden  vielleicht  eine  febris 
iniermillens  larvata  sein  könne,  obgleich  Wechselfieber  hier 
nicht  sehr  häufig  Vorkommen,  und  die  Dauer  des  Leidens 
dagegen  sprach,  wenn  ich  endlich  auch  schon  diese  Ver- 
muthung  in  der  Verordnung  des  Ckinium  sulphuricum  ver- 
wirklicht sah,  so  glaube  ich  dennoch  mich  gerechtfertigt 
zu  sehn,  dass  ich  dessenungeachtet  noch  die  Solutio  arse- 
nicalis  zur  Anwendung  brachte.  Aber  vergebens.  — Jetzt 
wo  ich  nun  alle  praetcrita  so  kannte,  wie  ich  sie  erzählt 
habe,  handelte  cs  sich  um  die  Anordnung  einer  einiger- 
massen  rationellen  Cur.  Es  schien  mir  der  Mastdarm  der 
Theil  sein  zu  müssen,  dem  besondre  Berücksichtigung  zu 
schenken.  Bei  Neigung  zur  Verstopfung  war  doch  eine 
grosse  Reizbarkeit  desselben  da,  denn  die  Einführung  einer 
Spritze,  eines  Fingers  verursachte,  wie  sich  Pat.  ausdrückte, 
einen  kitzelnden  Schmerz,  und  die  Zusammenziehung  des 
rectum  und  sphmeter  war  grösser,  als  ich  sie  wohl  sonst 
bei  Versuchen,  die  ich  zum  Vergleich  anstellte,  gefunden 
habe.  Es  schien  mir  daher  nöthig  zu  sein,  diese  Reizbar- 
keit herabzuslimmen,  und  ich  verordnetc  aus  diesem  Grunde 
täglich  ein  Klystier  von  kaltem  Wasser  zu  zwei  bis  drei 
Unzen,  Hess  einige  Tage  vor  dem  muthmasslichen  Aus- 
bruch der  Anfälle,  wobei  mir  die  Berechnung  der  Frau 
sehr  zu  Statten  kam,  dem  kalten  Wasser  5 Tropfen  der 
Tmct.  Opn  und  einen  Gran  des  Ar  gerat,  nitr.  fus.  zu  set- 
zen, ging  mit  Beibehalt  der  Einspritzungen  zu  Sitzbädern 
über  und  beseitigte  eintretende  Verstopfung  durch  Pillen 
aus  Extr.  Rhei  camp,  bereitet.  — Diese  Behandlung  wurde 
12  Wochen  fortgesetzt,  und  jetzt  ist  der  siebente  Monat, 
dass  die  Anfälle  ausgeblieben  sind. 

A.  ist  nach  halbjährigem  Krankenlager  an  den  Symp- 
tomen der  Gehirnerweichung  gestorben,  und  B.  wirft  sich 
jetzt  dem  Branntwein  in  die  Arme. 


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Kann  ein  Unterschied  zwischen  dem  Typhus  ab- 
dominalis und  dem  Typhus  exanthematicus  wis- 
senschaftlich gerechtfertigt  werden  ? 

Mitgelheilt 

vom  Oberarzt  Dr.  Eichholz  in  Potsdam. 


Die  Krankheitsgattung  Typhus  hat  vielleicht  wie  keine 
andre  in  neuerer  Zeit  die  aufmerksamsten  Forschungen  der 
Pathologen  erfahren,  ohne  dass  dieselben  jedoch  ein  ge- 
nügendes und  vollständiges  Resultat  zur  Folge  gehabt  hät- 
ten. Während  manche  Aerzte  überhaupt  von  einer  Unter- 
scheidung zwischen  Nervenüeber  und  Typhus  Nichts  wissen 
wollen,  gehn  Andre,  welche  beide,  wenn  auch  nicht  als 
Gegensätze,  so  doch  als  wesentlich  verschieden  von  einan- 
der auflassen,  wiederum  in  zwei  Richtungen  auseinander: 
die  einen  nehmen  überhaupt  nur  einen  Typhus  an  und  er- 
klären die  sowohl  in  deu  Erscheinungen  als  auch  im  Lei- 
chenbefunde hervortretende  Verschiedenheit  durch  die  An- 
nahme einer  durch  irgend  welche  Umstände  herbeigeführ- 
ten wechselnden  Localisation  eines  an  sich  gleichen  Prin- 
cips;  die  andern  dagegen  setzen  dem  Typhus  eianthemati- 
cus,  der  dann  vorzugsweise  von  ihnen  Typhus  genannt 
wird,  das  Typhoidalfieber  oder  den  Typhus  abdominalis  ent- 
gegen und  rechnen  bei  dieser  Entgegensetzung  den  Ty- 
phus exanthematicus  zu  den  acuten  Ausschlagskrankheiten, 
während  der  Typhus  abdominalis  bald  unter  die  Blutcrasen, 
bald  unter  die  Nervenkrankheiten  im  eigentlichen  Sinne,  d.  h. 
die,  deren  primärer  Sitz  wirklich  im  Centralnervensystem 
wurzelt,  eingereiht  wird.  So  glaubt  Davidson,  indem  er 
den  T.  exanth.  und  das  Typhoidfieber  identificirt,  in  ihnen 
nur  Varietäten  derselben  Species  zu  erkennen;  die  Symp- 
tome seien,  mögen  die  Darmdrüsen  ergriffen  werden  oder 
nicht,  in  beiden  gleich,  und  Darmgeschwüre  fänden  sich 
unter  10  Typhusleichen  gewiss  Ein  Mal,  wiewohl  die  Peyer- 


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sehen  Drüsen  häufiger  nur  erhabeno  und  opake  Flecke  bil- 
deten. Im  Widerspruche  hiermit  stehn  die  Erfahrungen, 
welche  Cohen  und  Marcinskowski  wiederholcnllich  in  Epi- 
demien des  exauthemalischen  Typhus,  welche  sie  in  den 
Gefängnissen  Posen’s  zu  beobachten  Gelegenheit  hatten, 
gemacht  haben;  hier  fehlten  die  Darmgeschwüre  beständig, 
nicht  einmal  die  erhabenen  und  opaken  Flecke,  von  denen 
Davidson  spricht,  wurden  gefundon;  der  Darm  fand  sich 
nur  blutreich,  die  Schleimhaut  aufgelockert,  hin  und  wieder 
aufgezehrt  und  abgeführt.  Valleix  dagegen,  der  den  eng- 
lischen Aerzlen  und  somit  auch  Davidson  den  Vorwurf 
macht,  dass  sie  bei  Auffassung  der  Krankheitserscheinungen 
nicht  genug  ins  Einzelne  dringen,  unterscheidet  den  Typhus 
von  ähnlichen  Krankheiten,  namentlich  vom  Typhoid  1) 
durch  die  charakteristische  Eruption,  2)  durch  die  fast  völ- 
lige Abwesenheit  der  Affection  der  hohem  Sinne,  3)  durch 
die  verhällnissmässige  Geringfügigkeit  der  Hirnsymptome 
und  4)  durch  die  Abwesenheit  der  Unterleibssymptome  im 
Beginn  der  Krankheit,  ihre  geringe  Zahl  und  Intensität. 

Beschränkt  man  sich  lediglich  darauf,  die  Identität  oder 
Verschiedenheit  beider  Krankheitsformen  entweder  aus  ei- 
nem quantitativen  Unterschiede  in  den  Krankhcitserschei- 
hungen,  so  wie  aus  der  Verschiedenheit  der  Reihenfolge, 
in  welcher  diese  auftreten,  oder  auch  aus  einem  nur  quan- 
titativen Unterschiede  in  dem  Ergebnisse  der  Scctionen  ab- 
zuleiten, so  möchte  der  Beweis  für  die  Richtigkeit  der  ei- 
nen oder  andern  Ansicht  wohl  schwerlich  mit  genügender 
Sicherheit  geliefert  werden  können.  Bringt  man  dagegen 
bei  der  in  Rede  stehenden  Frage  andre  und  zwar  allge- 
meinere Verhältnisse  in  Anschlag,  so  möchte  sich  die  Wage 
mehr  auf  die  Seite  derjenigen  neigen,  welche  zwischen 
beiden  Krankheiten  einen  strengen  Unterschied  gemacht 
wissen  wollen.  Wenn  nun  auch  Davidson  mit  scheinbarem 
Rechte  sagt,  dass  eine  einzige  ergriffene  Drüse  ebensogut 
wie  eine  Pocke  die  Diagnose  zu  begründen  im  Stande  sei, 
und  dass  die  opaken  J’eyer  sehen  Drüsen  den  directen  Ue- 
bergang  zu  den  raassenreichern  pldques  im  Abdominalty- 


360 


phas  bilden,  so  ist  doch  hierbei  nicht  zu  übersehn,  dass 
zwischen  dem  regelmässigen  Erscheinen  und  dem  eben  so 
regelmässigen  Verlaufe  des  Ausschlags,  wie  es  im  Typhus 
exanthematicus  mit  eben  so  viel  Uebereinstimmung  wie  in 
den  andern  acuten  exanlhematischen  Krankheiten  beobach- 
tet wird  und  zwischen  dem  bei  Weitem  seltneren,  nicht  an 
so  bestimmte  Tage  gebundenen  und  oft  nur  in  einigen  we- 
nigen Flecken  bestehenden  Hervorbrechen  der  Eruption  im 
T.  abdominalis  ein  Unterschied  zu  machen  sei.  Wollen 
auch  französische  Beobachter,  namentlich  Chomel  und  Louis 
sehr  constant  ein  Exanthem  im  T.  abdom.  beobachtet  haben, 
so  glückte  es  den  deutschen  Aerzten  in  der  neusten  Zeit 
weniger,  und  Heidenhain  hat  es  nur  in  einzelnen  Fällen, 
aber  nie  vor  der  zweiten  Woche  Vorkommen  sehn,  so  dass 
er  dasselbe  keineswegs  als  ein  charakteristisches,  patho- 
gnomonisches  Zeichen  anerkennen  kann.  Er  fügt  mit  vielem 
Rechte  hinzu,  dass  es  in  keinem  continuiriichen  Fieber  mit 
heisser  Haut  schwer  fallen  dürfte,  6 bis  8 und  mehr  rothe 
Fleckchen  zu  finden,  ohne  dass  man  darin  ein  vollständiges 
Exanthem  erblicken  kann,  dem  eine  besondre  Bedeutung 
beizulegen  wäre.  Wie  verschieden  verhält  sich  dagegen 
der  Ausschlag  beim  exanthematischen  Typhus!  wie  er  meist 
regelmässig  an  einem  bestimmten  Tage  gleich  dem  in  an- 
dern unzweifelhaft  exanthematischen  Krankheiten  hervor- 
bricht, wie  er  in  regelmässigem  Gange  von  oben  nach  un- 
ten fortschreitet  und  nur  ausnahmsweise  Abweichungen  von 
demselben  beobachtet  werden! 

Was  ferner  die  erwähnte  Anschwellung  der  Peyer- 
schen  Drüsen  anbetriflt,  so  kann  ihr  Erscheinen  auf  der 
Darmschleimhaut  jetzt  nicht  weiter  auflallen,  seitdem  Roki- 
tansky, indem  er  dieselbe  zu  den  croupösen  Entzündungen 
oder  dem  exsudativen  Processe  auf  der  Darmschleimhaut 
rechnet,  gefunden  hat,  dass  diese  Anschwellung  in  ver- 
schiednen  Krankheitsprocessen  beobachtet  wird  als  Reflex 
oder  locale  Ausprägung  eines  Allgemeinleidens,  abgesehn 
davon,  dass  die  Schleimhaut  auch  selbstständig  auf  diese 
Weise  mit  den  Erscheinungen  von  Diarrhöe  erkranken  kann. 


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361 


Volt  nennt  den  morbus  mucosus  von  Roederer  und  Wagler 
die  ausgeprägteste  typhoide  Form  des  gastro  - enterischen 

Fiebers;  er  findet  eine  so  genaue  Uebereinstimmung  in  den 
Abbildungen,  welche  die  genannten  Aerzte  gegeben  haben, 
mit  den  von  Rokitansky  beschriebenen  und  vom  ihm  ( Volz ) 
unter  anderm  auch  im  Keuchhusten  und  den  Masern  beob- 
achteten Veränderungen  in  den  Drüsenplattcn,  dass  man 
ihnen  Gewalt  anthun  müsste,  wenn  man  sie  mit  den  typhö- 
sen pldques  identifleiren  wollte.  Es  möchte  hieraus  wohl 
hervorgehn,  dass  die  von  Davidson  hervorgehobene  Schwel- 
lung der  Peyer 'sehen  Drüsen,  wie  er  sie  im  Typhus  ge- 
funden hat,  und  welche  auch  von  Andern  im  englischen 
ansteckenden  Fleckfieber  sowie  im  französischen  Cercbros- 
pinaltyphus  beobachtet  sind,  einmal  von  den  massenreiche- 
ren, über  die  Grenze  der  Drüscnplatte  hinausgehenden  und 
stets  mit  Schwellung  der  Mesenterialdrüsen  verbundenen 
Per/ er’ sehen  pldques  im  T.  abdom.  hinsichtlich  der  Bedeu- 
tung gänzlich  zu  trennen  sind,  andrerseits  aber  auch,  dass 
ihr  Erscheinen  oftmals  nur  secundär,  vielleicht  durch  Diar- 
rhöe bedingt  sei. 

Also  weder  aus  dem  Exanthem,  noch  auch  aus  den 
erwähnten  Veränderungen  auf  der  Darmschleimhaut  möchte 
mit  Fug  und  Recht  eine  Identität  zwischen  beiden  Krank- 
heitsformen  hergeleitet  werden  können. 

Einen  weitern  Anhallspunct  für  die  Verschiedenheit 
beider  Krankheitsformen  finde  ich  ferner  in  dem  ausschlies- 
senden  Verhältnisse,  welches  zwischen  ihnen  in  Epidemien 
sowohl  als  auch  in  Gegenden,  denen  eine  endemische 
Krankheitsconstitution  zukommt,  beobachtet  wird.  Es  muss 
noch  der  Beweis  geliefert  werden,  dass  bei  einer  Epidemie 
des  T.  exanthemat.  wirkliche  Fälle  von  T.  abdom.  mit  un- 
terlaufen. Dieser  Beweis  aber  müsste,  soll  er  überzeugend 
sein,  stringenter  geführt  werden,  als  es  bis  jetzt  meist  der 
Fall  gewesen  ist;  man  darf  bei  demselben  etwa  gefundne 
exulcerirte  Drüsen  in  der  Darmschleimhaut  nicht  sogleich 
für  typhöse  Geschwüre  halten.  Was  die  endemische  Con- 
stitution mancher  Gegenden  anbetrilR,  so  ist  es  erfahrungs- 


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382 


gemäss,  dass  in  manchen  Localitäten  der  Typhus  fast  aus- 
schliesslich unter  der  Form  des  Fleckfiebers,  in  andern  un- 
ter der  des  T.  abdom.  auftrilt.  Iloudin  fand  hierher  ge- 
hörig, dass  Localitäten,  in  denen  durch  dieselben  Momente, 
welche  endemische  Wechselfieber  veranlassen,  ein  tiefer 
modificirender  Einfluss  auf  den  Organismus  geübt  wird,  sich 
durch  relative  Seltenheit  der  Lungenphthise  und  des  Ty- 
phoids auszeichnen,  und  dass  umgekehrt  Localitäten,  in  de- 
nen Lungenphthise  und  das  Typhoidfieber  eine  hervorra- 
gende Stelle  einnehmen,  durch  die  Seltenheit  und  Milde 
der  am  Orte  erworbenen  Wechselfieber  auflallen.  Hierin 
liegt  freilich  bis  dahin  noch  nicht  der  Beweis  für  die  Ver- 
schiedenheit des  Typhus  und  Typhoids;  allein  fügt  man 
hinzu,  dass  in  Gegenden,  wo  Wechselfieber  endemisch  herr- 
schen, exantbematische  Typhen  gern  in  weiter  Verbreitung 
anftreten,  so  möchte  man  geneigt  sein,  das  ausschliessende 
Verhältniss,  welches  man  zwischen  Wechselfiebern  einer- 
seits, Lungentuberculose  und  Typhoidfieber  andrerseits  be- 
obachtet hat,  auch  auf  den  T.  exanthem.  auszudehnen.  Ein 
Besuch  nach  den  zur  Zeit  vom  exanthematischen  Typhus 
heimgesuchten  Gegenden  Schlesiens,  welcher  die  eigentliche 
Veranlassung  zu  diesem  Aufsatze  abgab,  hat  mich  gelehrt, 
dass  im  Rybnicker  und  Plesser  Kreise  Lungentuberculose 
und  Abdominaltyphus  seltne  Krankheiten  sind,  während  da- 
gegen das  Wechselfieber  in  endemischer  Verbreitung  herrscht. 
Wäre  der  beiden  Krankheitsformen  zu  Grunde  liegende  de- 
letäre Stoff  identisch,  so  würde  man  ein  solches  ausschlies- 
sendes  Verhältniss  nicht  gut  erklären  könuen;  im  Gegen- 
theil,  weil  beide  Krankheitsformen  sich  ausschliessen,  muss 
man  eine  Verschiedenheit  des  miasmatischen  Princips  an- 
nehmen, und  eben  aus  dieser  Verschiedenheit  resultirt  dann 
die  verschiedne  Form  der  Krankheit. 

Ein  dritter  Anhaltspunct  endlich  für  die  Verschieden- 
heit beider  Krankheitsformen  ergiebt  sich  aus  der  Anstek- 
kungsfähigkeit.  Dass  beide  sich  in  miasmatischer  Weise 
verbreiten  können,  haben  die  Epidemien,  welche  von  ihnen 
beobachtet  sind,  hinlänglich  bewiesen;  allein  eine  contagiosa 


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- 363 


Verbreitung  durch  einen  an  ein  palpables  Vehikel  gebund- 
nen  Ansteckungsstoff  kann  gewiss  nur  dem  T.  exanthemat. 
beigelegt  werden.  Man  würde  daher  dem  T.  abdom.,  wenn 
er  in  epidemischer  Verbreitung  auftritt,  nur  eine  miasma- 
tische, dem  T.  ex anthemat.  dagegen  ein  miasmatisch -conta- 
giöses  Fortschreiten  beilegen  dürfen,  ein  fernerer  und,  wie 
mir  scheint,  wesentlicher  Unterschied  zwischen  beiden 
Krankheitsfonnen.  Wenn  auch  die  Frage  über  die  Conta- 
giosität  des  lleotyphoids  in  Frankreich  ebenso  streitig  ist, 
wie  in  Deutschland,  so  ist  doch  nicht  zu  verkennen,  dass 
die  Contagionisten  nirgends  Beweise  geliefert  haben,  wel- 
che nicht  auch  auf  nndre  Weise  gedeutet  werden  könnten. 
Heidenhain,  welcher  die  Frage  nach  der  contagiösen  Ver- 
breitung im  Allgemeinen  in  Zweifel  lässt,  sagt,  dass  er  in 
seiner  eignen  Praxis  nie  Erkrankungen  an  typhösem  Fieber 
gesehn  habe,  deren  Ursache  nothwendig  auf  ein  Contagium 
hätte  zurückgeführt  werden  müssen;  ja  selbst  nach  den 
von  andern  Pathologen,  die  mehr  geneigt  seien,  Contagien 
als  Ursacho  anzuschn,  zu  Grunde  gelegten  Criterien  habe 
sich  das  typhöse  Fieber  in  der  von  ihm  bewohnten  Gegend 
immer  als  nicht  contagiös  gezeigt.  Wenn  auch  im  Aus- 
schlagstyphus die  Fortpflanzung  des  Contagiums  durch  Im- 
pfung bis  jetzt  nicht  gelungen  ist,  so  mag  hieran  wohl 
hauptsächlich  der  Umstand  Schuld  sein,  dass  man  diese 
Versuche  wogen  der  Gefährlichkeit  der  Folgen  nur  selten 
angestelll  hat,  und  dass  man,  ebensowenig  wie  bei  den 
Masern  und  Scharlach,  deren  Impfung,  namentlich  des  letz- 
tem, auch  sehr  oft  nicht  gelingt,  bis  jetzt  noch  nicht  weiss, 
welches  Vehikel  den  concentrirtesten  Ansteckungsstoff  ent- 
hält. Die  Impfungen  mit  dem  Pocken-Contagium  und  dem 
syphilitischen  Gifte  müssen  schon  deshalb  besser  gelingen, 
theils  weil  man  das  geeignetste  Vehikel  hier  kennt,  theils 
weil  dasselbe  ein  flüssiger,  der  Resorption  fähiger  Stoff  ist. 
Andrerseits  nahm  Papis  aus  den  frieselarligen  Bläschen  ei- 
nes an  schwerem  Abdominaltyphoid  leidenden  Kranken  die 
seröse  Feuchtigkeit  und  impfte  sich  dieselbe  mittelst  einer 
Nadel  in  drei  Stichen  auf  den  Vorderarm,  allein  die  Impf- 


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364 


wunden  heilten  wie  einfache  Stiche,  ohne  irgend  eine  Folge 
zu  haben.  Hier  war  die  eine  Bedingung  eines  glücklichen 
Erfolges  der  Impfung,  nämlich  die  Resorptionsfahigkeit  des 
Vehikels,  gegeben,  allein  derselbe  blieb  aus,  weil  die  andre 
und  zwar  die  unerlässliche  Bedingung,  das  Contagium  näm- 
lich, im  Vehikel  fehlte.  Es  würde  also  dieser  Versuch 
nicht  für  die  Contagiosität  des  Abdominaltyphus  sprechen, 
wenn  man  nicht  zu  bedenken  hätte,  dass  dieser  Versuch, 
so  viel  ich  weiss,  einzig  dasteht,  und  aus  einem  miss- 
glückten Versuche  Nichts  geschlossen  werden  kann.  Was 
die  Erfahrungen  anbetrifft,  welche  die  Contagiosität  des  ex- 
anthematischen  Typhus  beweisen  sollen,  so  sind  sie  in  der 
That  nicht  so  sehr  einer  zweifelhaften  Deutung  unterlegen, 
als  diejenigen,  welche  man  zu  Gunsten  des  Typhoidfiebers 
beigebracht  hat.  Hinsichtlich  der  oberschlesischen  Epidemie 
will  ich  aus  den  mehrfach  cursirenden  Erzählungen  nur 
folgende  hervorheben,  welche  die  Contagiosilätart  in  hohem 
Grade  wahrscheinlich,  man  kann  wohl  sagen,  gewiss  macht. 
Ein  Schmiedemeister,  der  in  einem  Dorfe  wohnt,  welches 
von  der  Epidemie  noch  nicht  ergriffen  war,  halte  die  Erb- 
schaft einer  in  Sorau  am  exanthematischen  Typhus  gestor- 
benen Verwandten  mit  sich  nach  Hause  genommen.  Die- 
selbe bestand  unter  andern  Dingen  auch  aus  dem  Bette,  in 
welchem  die  Verwandte  verstorben  war.  Nachdem  das 
Bett  einige  Tage  lang  zum  Lüften  auf  dem  Heuboden  ge- 
legen halte,  erhielt  es  seinen  Platz  hinter  dem  Ofen,  bis 
nach  einiger  Zeit  der  bis  dahin  vollkommen  gesunde  zwan- 
zigjährige Sohn  dasselbe  benutzte,  und  bald  darauf  ward 
er  vom  Typhus  befallen. 

Mag  man  nun  aber  auch  die  Beweisführung  über  die 
Verschiedenheit  beider  Krankbeitsformen,  wie  sie  eben  ver- 
sucht wurde,  als  richtig  und  überzeugend  anerkennen  oder 
nicht,  das  wenigstens  ist  jedem  Zweifel  entrückt,  dass  der 
T.  exanthem.  zu  den  acuten  Ausschlagskrankheiten  gehört. 
Er  theilt  mit  diesen  die  Durchlaufung  sicherer,  nicht  abzu- 
kürzender Stadien,  er  hat  mit  ihnen  einen  charakteristischen 
Ausschlag  gemein,  und  die  dem  Erscheinen  des  Ausschlags 


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365' 


vorhergehenden  Krankheitssymptome  stimmen  auch  darin 
mit  den  der  übrigen  exanthematischen  Krankheiten  überein, 
dass  sie  meist  in  Systemen  auftreten,  welche  der  Einwir- 
kung eines  deletären  Stoffes  theils  durch  ihre  Lage,  theils 
durch  ihre  Textur  hauptsächlich  ausgesetzt  sind,  ich  meine 
die  Anfänge  der  Rachen-  und  Luftröhrenschleimhaut,  die 
der  Nasen  und  Augen.  Ich  bin  auch  geneigt,  das  vielfach 
beobachtete  Sausen  vor  den  Ohren,  so  wie  die  schon  öfter 
gleich  zu  Anfang  der  Krankheit  sich  einstellende  Schwer- 
hörigkeit von  einer  durch  den  deletären  Stoff  herbeigeführ- 
ten primären  Afi'eclion  des  äussern  Gehörganges,  die  sich 
weiter  nach  innen , nach  der  Paukenhöhle  zu  verbreitet, 
abzuleiten.  Wenigstens  hat  rapjienheim  als  Grund  der 
Schwerhörigkeit  und  Taubheit  im  Typhus  Entzündung  und 
Eiterbildung  in  der  Paukenhöhle  nachgewiesen,  so  dass 
also  dieses  Symptom  mehr  auf  Affection  der  peripherischen 
Gebilde,  als  der  Centraltheile  der  Nerven  beruhen  dürfte; 
und  ist  dies  der  Fall,  so  steht  auch  nichts  der  Annahme 
entgegen,  dass  die  genannte  Affection  durch  dasselbe  Agens 
bedingt  werde,  welches  auch  die  Veränderungen  auf  der 
Rachen-  und  Luftröhrenschleimhaut  hervorbringt.  Nähert 
sich  doch  auch  die  den  äussern  Gehörgang  und  die  Pau- 
kenhöhle auskleidcnde  Membran  den  Schleimhäuten  und 
giebt  gewiss  hinsichtlich  der  Aufnahme  des  Contagiums  die- 
sen Nichts  nach.  Man  würde  dann  die  zuletzt  genannten 
Affectionen  als  die  peripherischen,  den  aber  erst  nach  ei- 
ner bestimmten  Zeit  erscheinenden  Ausschlag  als  die  cen- 
trale Wirkung  des  inüqualen  Reizes  bezeichnen  dürfen. 
Letztre  Ansicht,  deren  Durchführung  hier  unterbleiben  muss, 
giebt  vielleicht  einen  sicherem  Anhaltspunct  zur  Aufstel- 
lung einer  Theorie  der  exanthematischen  Krankheiten,  wel- 
che sicherlich  durch  die  erneute  Einführung  eines  Conla- 
gium  animalum  Nichts  gewonnen  hat. 


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— 366  — 


Kritischer  Anzeiger 

neuer  und  eingesandter  Schriften. 

Die  öffentliche  Gesundheitspflege  und  das  Eigen- 
thum. Kritisches  und  Positives  mit  Bezug  auf  die  Preus- 
sische  Medicinalrerfassungs-Frage.  Vom  Dr.  S.  Neumaim , 
praet.  Arzte  in  Berlin.  Berlin  1847.  VIII  u.  112  S.  8. 

(Das  Schriftchen  ist  mit  Talent  gedacht  und  geschrie- 
ben, und  nicht  ohne  philosophische  Ausführungen  und 
scharfsinnige  Deductionen  abgefasst,  so  dass  es  jedenfalls 
zu  den  beachtenswertbesten  in  dieser  Literatur  gehört. 
Der  rothe  Faden  ist  der  Gedanke,  dass  die  Gesundheit 
das  nothwendige  Eigenthum  des  Besitzlosen  sei,  und  dieser 
das  Recht  habe,  zu  fordern,  dass  der  Staat  auch  dieses 
sein  Eigenthum,  wie  jedes.  Andre,  durch  seine  Medicinal- 
verfassung  schütze.  So  setzt  er  das  Recht  an  die  Stelle 
der  christlichen  Liebe  und  Barmherzigkeit  in  der  Armen- 
Krankenpflege,  und  sucht  für  seine  Ideen  einzunchmen, 
indem  er  sie  anknüpft  an  die  grossen  Leit  - Ideen  unsrer 
Tage.)  

Ausführliches  Recepttaschenbuch  in  alphabetischer  Ord- 
nung für  practische  Aerzte  und  Wundärzte.  Mit  einlei- 
tenden Bemerkungen  über  die  Art  und  Weise  Recepte 
zu  verordnen.  Herausgeg.  von  J.  C.  W.  Waüher,  Dr., 
Professor  u.  s.  w.  in  Leipzig.  Erster  Band  VII  u.  744  S. 
Zweiter  Band  VI  u.  637  S.  12.  Leipzig  1847. 

(Den  Vorwurf  der  Unvollständig keit  wird  man  dieser 
mühsamen  Sammlung  nicht  machen  wollen;  sie  enthält  sage 
3668  Recepte.  Nach  einer  cursoriseh  abgefassten  Recep- 
tirkunst  folgen  die  einzelnen  Mittel  von  A — Z und  dazn, 
nach  einigen  Worten  über  Dosis  und  Form  Reihen  von 
Formeln,  die  Aerzte  und  — Nichtärzte  (Nichlpracliker)  an- 
gegeben haben.  Ref.  hat  nie  recht  den  Nutzen  solcher 
Recepttaschenbücher  begreifen  können.  Sie  müssen  aber 
doch  wohl  Liebhaber  finden,  da  immer  wieder  neue  er- 


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367 


scheinen.  Das  Vorliegende  wird,  wenn  man  die  Gattung 
gelten  lässt,  zu  den  bessern  zu  zählen  sein.) 


Brunnenärztliche  Mittheilungen  über  die  Wahl  der  Jahres- 
zeit beim  Gebrauch  der  Carlsbader  Mineralquellen 
mit  besondrer  Bezugnahme  auf  Frühlingscuren  Ton  Leop. 
Fleckles , Dr.  u.  s.  w.  in  Carlsbad.  Leipzig  1848.  50  S.  8. 

(Der  Vf.  — den  wir  als  sorgsamen  Brunnenarzt  in 
Carlsbad  schätzen,  wenn  er  auch  als  Schriftsteller  weniger 
glücklich  ist,  hat  bereits  früher  die  Vorzüge  der  Cur  in 
Carlsbad  während  des  Herbstes  und  Winters  gepriesen. 
Der  Sommer  bedarf  keiner  Anpreisung.  Hier  hebt  nun 
Herr  F.  die  Vorzüge  einer  Cur  im  Frühling  hervor.  Eine 
fünfte  Jahreszeit  kann  nun  freilich  zu  einer  spätem  Schrill 
keine  Veranlassung  geben.)  ü 


Erster  Bericht  der  Oberhessischen  Gesellschaft  für 
Natur-  und  Heilkunde.  Giessen,  Dec.  1847.  58 S.  8. 

(Die  Gesellschaft  ist  im  J.  1833  gestiftet.  Unter  den 
kleinen  Mittheilungen,  die  die  Brochüre  liefert,  um  ein 
Bild  der  Tbätigkeit  der  Gesellschaft  zu  geben,  ist  die  in- 
teressanteste die  Nachricht  betreffend  das  von  dem  Prof. 
Phoebus  in  Giessen  gestiftete  pharmacologische  Institut,  das 
gewiss  Nachahmung  verdient,  da  bekanntlich  von  ,allem 
Wissen  unsrer  jungen  Aerzte  leider!  grade  dasjenige,  des- 
sen practische  Anwendung  sie  täglich  bedürfen,  die  Kennt- 
niss  der  Arzneimittel  und  ihrer  kunstgemässen  Verordnung 
das  allerschwächste  ist.) 


Handbuch  der  Zahnheilkunde.  Zweiter  Band,  enthaltend 
das  Zahnleben,  mit  besondrer  Berücksichtigung  der  Ca- 
ries,  Operationslehre,  Armamentarium  dentariorum,  Tech- 
nik und  Geschichte.  Von  Joseph  Linderer,  Zahnarzt.  Mit 
27  lilhogr.  Tafeln.  Berlin  1848.  XII  u.  401  S.  8. 

(Dasselbe  Lob,  das  wir  dem  ersten  Bande  zollen 
mussten,  der  auch  bereits  in  zweiter  Auflage  erschienen, 
verdient  auch  dieser  zweite  Theil.  Wir  haben  hier  ein 


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368 


durchaus  wissenschaftliches  Lehrbuch,  das  in  seinem  theo- 
retischen wie  practischen  Theile  ganz  auf  dem  Boden  der 
neusten  Wissenschaft  steht,  und  den  Namen  seines  Verfas- 
sers auf  diesem  Gebiete  dauernd  erhalten  wird.  Der  vor- 
liegende zweite  Band  umfasst  die  Physiologie  des  „Zahn- 
lebens” und  die  ganze  Technik.) 


Das  Feuer  als  Heilmittel  oder  die  Theorie  des  Bren- 
nens in  der  Heilkunde.  Von  Dr.  J.  Hoppe,  Privatdoc.  in 
Bonn  u.  s.  w.  Erste  Abtheil.  356  S.  Zweite  Abtheil. 
XVI  u.  416  S.  8.  Bonn  1847. 

(Der  Vf.  hat  sich  das  Feuer  und  das  Brennen  als  Heil- 
mittel zuin  Thema  der  Forschungen  gewählt,  und  dies 
Thema  so  nach  allen  Richtungen  hin  wissenschaftlich  aus- 
gebeutet,  dass  wir  in  diesem  Werke  nunmehr  einen,  bis- 
her noch  nicht  existirenden,  vollständigen,  physiologischen 
wie  therapeutischen  Codex  dieses  heroischsten  aller  Heil- 
mittel besitzen.  Hunderte  von  Versuchen  an  Thieren  und 
Menschen,  an  lebenden  wie  todten,  an  Weichtheilen  wie  an 
Knochen,  mit  allen  dazu  nutzbaren  Metallen  und  Stoffen, 
sind  hier  mitgetheilt,  und  auf  das  Genauste  beschrieben, 
und  nur  eine  concisere  Behandlung  des  Stoffes  bleibt  zu 
wünschen,  um  das  massenhafte  Material  leichter  übersehn 
und  fassen  zu  können.  Möge  nur  der  Vf.  in  seinem  Feuer- 
eifer am  Krankenbette  in  der  Anwendung  seines  Lieb- 
lingsmittels sich  nicht  zu  weit  fortreissen  lassen.  Bei  sei- 
nem Enthusiasmus  für  die  Operation  des  Brennens  ist  dies 
fast  zu  fürchten.) 


Für  diese  Woehenschrift  passende  Beiträge  werden  nach 
dem  Abschlüsse  jedes  Jahrgangs,  auch  auf  Verlangen  gleich 
nach  dem  Abdruck,  anständig  honorirt,  und  eingesandte 
Bücher,  wie  bisher,  entweder  in  kurzem  Anzeigen  oder  in 
ausführlichen  Recensionen,  sogleich  zur  Kenntniss  der  Le- 
ser gebracht.  Alles  Eiuzusendende  erbittet  sich  der  Ucr- 
ausgeber  nur  portofrei  durch  die  Post,  oder  durch  den 
Weg  des  Buchhandels. 


tiedruckt  bei  J.  Petscb. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

< . . gesainmte 

HEILRUIV  D E. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 

Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  I,  bisweilen  1J  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
tigen Registern  ist  auf  3J  Thlr.  bestimmt,  woför  sämmlliche  Buch- 
handlungen nnd  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Hir  tchwald. 

JXQ  24.  Berlin , den  10,en  Juni  1848. 

Erfahrungen  aus  der  llospitalpraxia  in  Rio  Janeiro.  Vom  Dr.  Lalle- 

maot.’«  Das  neue  Soolbad  Wiltekind  bei  Halle.,  Vom  Dr.  Gräfe. 

Vermischtes.  (Zerreissung  der  Gebärmutter.  4-'  Cuprum  oxydatum 
nigrvm  gegen  Bandwurm.  Wirkung  des  Jodeisens.) 

(Jebersicht  der  in  der  Fremdenslation  der  Mize- 
ricordia  zu  Rio  de  Janeiro  vom  1.  Juli  1846  — 
30.  Juni  1847  behandelten  Krankheitsfälle. 

&I  i t g e t h ,e  i 1 I 

vom  Hospitalarzt  Dr.  fxtUemant  zu  Rio  de  Janeiro. 


In  dem  angegebenen  Zeiträume  wurden  behandelt: 
810  Patienten,  von  denen  691  geheilt  entlassen  wurden, 
83  starben,  7 in  andre  Stationen  abgegeben  wurden,  und 


die  Uebrigen  in 

Rückstand  blieben.  Es  waren 

unter 

ihnen 

Engländer  . . 

. . 242 

Dänen  . . . 

. ; 

. 15 

Amerikaner  . . 

. . 111 

Belgier  . , . 

ts*  • 

. 15 

Deutsche  . . . 

. . 87 

Spanier  . . . 

• , 

. 12 

Franzosen  . . 

. . 54 

Schweizer  , 

. 3 

Portugiesen  . . 

. . 40 

Indianer  ; 

. . 

3 

Italiener  . . . 

. . 30 

Argentiner 

• , 

. 2 

Schweden  . . 

. . 30 

Polen  . ; y 

. 1 

Holländer  . . 

. . 16 

1 

Dazu  kommen  etwa  100  und  einige  30  Mulatten  und 
Jahrgang  1848.  24 


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r+*  " K 

.1  *5  J 4 ► ‘ 


3TO  - 


Neger  and  wenige  Brasilianer,  welche  wegen  Pocken  oder 
colliquativer  Diarrhöe  in  eine  Abteilung  meiner  Station 
aufgeoommen  werden  mussten.  — Ich  muss-  jedoch  hinzu— 
fugen,  dass  durch  ein  Kranksein  von  4 Wochen  (im  Oflo- 
ber  und  November)  ich  verhindert  worden  bin,  eine  ge- 
naue Rechnung  selbst  zu  führen,  so  dass  sich  damals  in 
den  Zahlen  Ungenauigkeiten  cingcschlicken  haben,  die  ich 
auf  keine  Weise  verbessern  kann;  ich  s.  B.  finde  in  mei- 
ner Liste  nur  71  Todte,  während  in  der  Liste  des  Hospi- 
tals mir  83  Todte  zugeschrieben  sind. 

Folgende  Krankheitsformen  waren  die  häufigsten. 

Pocken.  Die  Fälle  von  Pocken  in  der  ersten  Hälfte 
des  Jahres  1846  hatten  im  Ganzen  einen  gutartigen  Cha- 
rakter gezeigt,  denn  von  mehr  als  50  Patienten  waren  nur 
2 gestorben.  Nachdem  im  Juni  und  Juli  gar  keine  Blat- 
tern vorgekommen  waren,  schien  diese  in  Rio  fortwährend 
herrschende  Krankheit  wieder  zuzunehmen,  und  zwar  nicht 
nur  an  Häufigkeit  sondern  auch  Bösartigkeit;  im  December 
kamen  wieder  Wenige  Fälle  von  Poeken  auf  der  Station  vor, 
and  in  den  ersten  5 Monaten . fiqs  laufenden  Jahres  im  Gan- 
zen nur  8,  während  im  Juni  schon  wieder  8 Patienten  ka- 
men, so  dass  es  scheint,  als  Wörden  die  Pocken  wieder 
häufiger  werden. 

Im  Ganzen  wurden  79  Pockenkranke  aufgenommen, 
von  denen  56  genasen,  18  starben  und  die  Gbrigen  in 
Rückstand  blieben.  Auffallend  ist  hier  die  bedeutende 
Sterblichkeit.  Ich  kann  in  der  That,  trotz  einer  Menge  von 
Möglichkeiten  dennoch  nicht  einen  einzigen  bestimmten 
Grund  dieser  grossem  Sterblichkeit  auffübren;  besondere 
kenn  ich  -nicht  sagen,  dass  der  Ausbruch  im  Allgemeinen 
heftiger  geweson  wäre  als  wohl  sonst,  oder  dass  eine  be- 
sondre  Classe  von  Menschen  vorzugsweise  von  den  Blat- 
tern befallen  wäre;  die  grössere  Hälfte  der  Patienten  be- 
stand, wie  immer,  aus  Negern;  die  Gestorbenen  waren  Cafit 
nur  Neger,  und  2.  Indianer,  bei  denen  der  Ausbruch  be- 
deutend heftig  war.  An  der  Behandlungsweise  lag  es  auch 
nicht,  denn  sie  war  ganz  dieselbe  wie  froher,  im  selben 

l>  . , < 


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371 


Saal  wie  sonst.  Gs  scheint  sich  mithin  auch  hier  die  Wahr- 
heit der  Beobachtung  zu  bestätigen,  dass  bei  neuem  Um- 
sichgreifen einer  Epidemie  auch  meist  ihre  Bösartigkeit  zu- 
nimmt. 

Rheumatisches  Fieber  und  chronischer  Rheuma- 
tismus. An  manchen  Fällen  von  chronischem  Rheumatismus, 
von  welchem  besonders  alte  Matrosen  geplagt  werden, 
fehlte  es  auch  dieses  Jahr  nicht;  sic  wurden  mit  Jodkali, 
Aconit,  Colchicum  u.  s.  w.  behandelt,  ohne  dass  sie  sonst 
etwas  Besondrcs  dargeboten  hätten.  Sehr  interessant  war 
dagegen  eine  Epidemie,  welcher  ich  den  Namen  eines  epi- 
demischen rheumatischen  Fiebers  geben  tnöchte,  und  die 
mir  eine  ansehnliche  Reihe  von  Patienten  in’s  Spital  brachte. 
Am  24-  Nov.  kam  der  erste  Patient  in’s  Spital,  im  Dccem- 
ber  kamen  33,  im  Januar  28,  im  Februar  36  u.  s.  w.  Ge- 
naueres habe  ich  vor  einiger  Zeit  über  dieses  Fieber 
zusammengestelli.  — Im  Anfang  schickte  man  mir  ganze 
Schiffsmannschaften  ins  Spital,  z.  B.  die  bedeutend  zahl- 
reiche des  grossen  Holländischen  Ostindienfahrers  Admiral 
Tromy,  der  mit  starker  Havarie  auf  der  Rückreise  von  Ba- 
tavia hier  einlief  und  selbst  einen  Arzt  an  Bord  hatte,  der 
freilich  auch  krank  wurde.  Da  jedoch  das  ganze  Uebel  so 
einförmig  und  leicht  verlief,  und  kaum  einer  Behandlung 
mit  kühlenden  salinischen  Arzneien  bedurfte,  so  liess  ich, 
so  weit  ich  dahin  wirken  konnte,  solche  Patienten  am  Bord 
der  Schiffe  bleiben,  wo  die  Capilainc  sie  ohne  Mühe  und 
irgend  Gefahr  mit  einfachen  Getränken  selbst  behandelten; 
so  war  im  Hafen  eine  ausserordentliche  Menge  von  Patien- 
ten, ohne  dass  irgend  ein  Todesfall  vorkam,  während  ich 
meine  Hospilalbelten  für  ernstere  Krankheitsfälle  verwen- 
den konnte.  Die  Zahl  sämmtlicher  an  chronischem  Rheu- 
matismus und  diesem  epidemischen  Fieber  auf  der  Station 
behandelten  Patienten  belief  sich  auf  172,  von  denen  167 
entlassen  wurden,  2 starben  und  3 im  Spital  blieben;  von 
den  Gestorbenen  war  Einer  ein  sehr  alter  Holländischer 
Mulatte,  der  mit  chronischem  Rheumatismus  kam  und  an 
Durchfall  starb,  der  Andre  ein  hochbejahrter  blinder  Bet- 

24  • 


372 


telncger,  der  über  starke  Gelenkschmerzen  klagte  und  nach 
4 Tagen  an  Entkräftung  starb. 

Pneumonien,  Catarrhe,  Pleuritis.  Von  42  Pa- 
tienten wurden  37  geheilt  und  es  starben  5,  letztre  alle 
an  Lungenschwindsucht  mit  profusem,  eitrigem  Auswurf. 
Von  den  acuten  Fällen,  die  gleich  beim  Beginn  der  Krank- 
heit in’s  Spital  kamen,  starb  kein  Patient.  Salmiak,  Ker- 
mes, Goldschwefel,  Senega,  Scilla  u.  s.  w.  waren  die  haupt- 
sächlichsten Mittel,  so  wie  Aderlässe  und  spanische  Fliegen. 

Herzaffectionen  kamen  ß Mal  vor;  4 Patienten  wur- 
den entlassen,  2 blieben  im  Spital.  Diese  geringe  Anzahl 
von  Herzaffeclionen  könnte  sehr  auffallend  scheinen  für  Je- 
den, der  da  weiss,  dass  Herzkrankheiten  unter  den  Brasi- 
lianern sehr  häutig  sind.  Es  sind  aber  eben  die  Meisten 
meiner  Hospitalpalienten  Ausländer,  bei  denen  weniger  An- 
lage zu  Herzkrankheiten  ist.  Ein  langer,  hagerer,  blasser 
deutscher  Trinker  kam  in’s  Spital  mit  starkem,  weitausge- 
dehntem, undulirendem  Herzschlag  und  bedeutender  Athem- 
nolh,  nebst  leichtem  Oedem  an  den  Füssen;  nach  24 stän- 
digem Gebrauch  von  Digitalis  und  Nitrum  sind  die  Zeichen 
der  diagnosticirten  Herzbeulelwassersucht  bedeutend  ver- 
mindert, doch  hat  sich  ein  vollkommnes  Delirium  tremens 
entwickelt,  welches  nach  3 tägiger  Anwendung  der  Angelica 
mit  Ixtudanum  ebenfalls  nachlässt  und  dann  ganz  aufhört. 
Unter  dem  Gebrauch  von  Senega,  Scilla  und  Goldschwefel 
wird  der  Patient  wiederhergestellt,  und  verlässt  nach  20- 
tägigem  Aufenthalt  das  Spital.  Bei  einem  Americaner  mit 
Herzhypertrophie  ward  nur  einige  Besserung  erzielt  durch 
Digitalis,  bei  einem  Andern  starkes  Herzklopfen  gemildert 
durch  Digitalis  und  Scilla,  und  bei  einem  Norweger,  der 
seine  Gesundheit  an  der  Küste  von  Africa  ruinirt  hatte,  und 
bei  blassem,  cachektischem  Ansehn  Spuren  von  Hydroperi- 
carditis  zeigte,  durch  Salmiak  mit  Senega  eine  höchst  gün- 
stige Verbesserung  des  Zustandes  herbeigeführt,  — ob  aber 
vollkommene  Heilung,  ist  eine  ganz  andre  Frage,  denn  ein 
längerer  Aufenthalt  an  der  Africanischen  Küste  ruinirt  oft 
für  immer  die  Gesundheit.  Um  dieses  Untergrabenwerden 


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373 


der  Gesundheit  zu  beobachten,  brauchen  wir  indess  keines-« 
wegs  bis  zur  Africanischen  Küste  zu  gehn.  Auch  an  der 
Brasilianischen  Küste,  vom  Norden  des  Reichs  bis  über  die 
Breite  vom  Rio  hinaus  treffen  wir  Gegenden,  in  denen  tel- 
lurische  Emanationen  die  Gesundheit  untergraben,  und  eine 
Reihe  von  Erscheinungen  hervorbringen,  die  gewiss  ganz 
passend  unter  dem  Namen  Sumpffieber  zusammengefasst 
werden,  wenn  auch  die  Gegenden,  in  denen  sie  besonders 
Vorkommen,  nicht  grade  direct  Sümpfe  genannt  werden 
können,  sondern  vielmehr  nur  Niederungen  mit  reichlicher 
Bewässerung  sind,  oft  sogar  mit  der  üppigsten  Vegetation, 
so  dass  sie  zum  Bau  des  Zuckerrohrs  und  des  Reises  ganz 
vortrefflich  taugen.  Weiter  unten  werde  ich  einige  Be- 
merkungen über  diese  Fieber  machen.  Hier  genügt  es  zu 
bemerken,  dass  auch  im  angezeigten  Jahre  mancherlei  gas- 
trische Fieber  vorkamen , die  mehr  oder  minder  jenen 
Sumpfeffluvien  zuzuschreiben  sind.  Im  Ganzen  wurden  an 
gastrischen  Fiebern  43  Patienten  behandelt,  von  denen 
2 starben;  dazu  kommen  lfi  intermittircnde  Fieber 
bei  Leuten,  die  alle  aus  feuchten  Niederungen,  zum  Theil 
selbst  von  der  Africanischen  Küste  herübergekommen  wa- 
ren; alle  wurden  geheilt  mit  dein  oben  gemachten  Vorbe- 
halt der  wahrscheinlichen  Rückfälle.  Ohne  Fieberbewegung 
aber  mit  bedeutend  geschwollener  Milz  kamen  ausserdem 
noch  4 Leute,  von  denen  2 geheilt  wurden  und  2 im  Spi- 
tal blieben.  — Bemerkenswerth  ist  es,  dass  unter  den  gas- 
trischen Fiebern  4 Fälle  ganz  zu  einer  Zeit  und  an  ei- 
ner Stelle  des  Krankensaals  in  Typhoidalfieber  übergingen. 
Der  erste  Patient,  bei  dem  dies  der  Fall  war,  war  ein  sehr 
hellblonder,  junger,  blühender,  schwedischer  Matrose,  sein 
Nachbar  links,  ein  Italiener  und  der  zur  Rechten,  ein 
Schwede,  wurden  ebenfalls  vom  Typhoidalfieber  befallen, 
und  zuletzt  noch  ein  Deutscher,  der  nur  durch  den  Zwi-  ' 
schenraum  von  wenigen  Fuss  von  ihnen  getrennt  lag;  die- 
ser letztrc  starb.  — Später  kamen  noch  3 einzelne  Typhoi- 
dalpatienten  vor  von  Colonistenschiffen , von  denen  einer 
unter  colliquativen  Durchfällen  starb , obwohl  schon  eine 


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874 


bedeutende  Besserung  in  der  tief  hcrabgesunkenen  Inner« 
vation  eingetreten  war.  Ein  andrer  deutscher  Colenist  kam 
von  Petropolis  und  starb  am  7ten  Tage  seines  Hospitalanf- 
enthalts  ebenfalls  unter  typhösen  Erscheinungen,  immer 
waren  es  demnach  Ausländer,  und  fast  immer  blonde  Leute, 
bei  denen  sich  der  in  Bio  wirklich  auffallend  seltne  Typhus 
entwickelte. 

An  Dysenterie  und  chronischem  Durchfall  lit- 
ten 67  Patienten.  Während  die  an  Dysenterie  leidenden 
Patienten  alle  geheilt  wurden  mit  Ausnahme  eines  Engli- 
schen Säufers,  welcher  starb,  erlagen  die  an  wässrigem 
Durchfall  Leidenden  fast  Alle  diesem  Uebel;  von  den  67 
angeführten  Patienten  wurden  24  hergestellt,  es  starben  32, 
4 gingen  in  andre  Stationen  über.  Somit  wäre  also  fast 
die  Hälfte  dieser  Patienten  gestorben,  ein  Resultat,  was  al- 
lerdings betrübend  ist,  aber  Niemand  Wunder  nehmen  wird, 
welcher  die  Patienten  bei  ihrem  Kommen  in  die  Station 
siebt.  Die  meisten  Durchfallskranken  sind  wirklich  schon 
Sterbende,  sehr  viele  sah  ich  nur  ein  einzig  Mal  und  man- 
che starben  schon,  ehe  die  für  sie  angeordnete  Arznei  aus 
der  Apotheke  herbeigekommen  war.  Ueber  die  dabei  an- 
gewandten Mittel  habe  ich  schon  in  frühem  Berichten  ge- 
meldet; im  gegenwärtigen  Zeiträume  sah  ich  manchen  gu- 
ten Erfolg  von  der  Calombowurzel  (die  Schreibart  Calombo 
scheint  mir  vor  Colombo  den  Vorzug  zu  haben,  — calombo 
heisst  eine  Knolle,  ein  Knoten);  doch  ist  immer  der  Durch- 
fall in  Rio,  zumal  wie  man  ihn  im  Hospital  zu  behandeln 
bekommt,  recht  eigentlich  eine  fatale  Krankheit 

Acute  Magenentzündungen  kamen  16  Mal  vor,  alle 
16  Patienten  wurden  wieder  hergestellt,  die  grössere  Hälfte 
vou  ihnen  waren  rüstige  Säufer,  welche  eine  Nacht  im 
Freien  geschlafen  hatten.  Eigentümlich  ist  es,  dass  dieses 
Schlafen  Nachts  im  Freien  bei  Trinkern  ganz  besonders 
Dysenterie  oder  Magenentzündung  hervorruft.  — Bei  zwei 
andern  Patienten  mit  Magenentzündung  war  ein  hesondres 
Causalinomeut,  was  ich  hier  anführen  muss.  Beide  Palien- 
ten waren  vom  Belgischen  Schiff  Dyle,  welches  mit  181 


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375 


Colonisten  (Deutschen)  von  Belgien  hier  angekommen  war; 
bei  beiden  Matrosen  war  die  heftige  Magenentzündung  da- 
durch hervorgerufen,  dass  die  zum  Kochen  dienenden  Kup- 
fergelasse schlecht  verzinnt  waren,  so  dass  selbst  der  Ca- 
pitain,  der  Untersteuermann  und  noch  mehrere  von  der 
Mannschaft  von  hartnäckigem  Erbrechen  befallen  wurden; 
bei  den  Colonisten  selbst  scheint  diese  himmelschreiende 
Unvorsichtigkeit  keinen  bedeutenden  Schaden  angerichtet  % 
zu  haben,  wenigstens  ist  mir  nichts  zu  Ohren  gekommen. 
Ueber  andre  mit  französischen  und  belgischen  SchilTen  ge- 
kommene Colonisten  will  ich  weiter  unten  noch  einige  Be- 
merkungen machen.  — Bei  zwei  französischen  SchilTsleuten 
hatte  sich  Magenentzündung  nach  dem  Laden  von  Guano 
eingestellt;  als  sie  in’s  Hospital  kamen,  waren  sie  nach  ih- 
rem Bericht  schon  wieder  in  der  Besserung,  so  dass  sie 
schon  nach  vier  Tagen  das  Hospital  verliessen. 

( Fortsetzung  folgt. ) 


Das  nene  Soolbad  W'ittekiud  bei  Halle. 

Mitgel  heilt 

• l il  • 

vom  Badearzt  Dr.  Gräfe  in  Halle. 

Nach  dem  Schluss  der  zweiten  Saison  des  Soolbades  Wil- 
tekind  zu  Giebichenslein  bei  Halle  a.  S.  werden  dem  ärzt- 
lichen Publicum  folgende  Notizen  über  das  aufblühende  In- 
stitut, seine  Einrichtungen,  Frequenz  und  güustige  Heilre- 
sultate von  Interesse  sein. 

Die  vielfachen  Begünstigungen,  welche  dem  neu  an- 
gelegten Bade  ausser  seiner  mcdicinischen  Wirksamkeit, 
noch  seine  freundliche,  climatisch  gesunde  Lage  im  reizen- 
den romantischen  Saallhale,  so  nahe  am  Vereinigungspuncte 
mehrerer  Eisenbahnen  und  die  nahe  Universitätsstadt  mit 
ihren  reichen  ärztlichen  Hüifsquellen  und  Geist  und  Gemüth 


jooole 


378 


ansprechenden  Genüssen  darboten,  verschafften  demselben 
bald  nach  seiner  Eröffnung  einen  zahlreichen  Besuch  und 
die  freundlichste  Anerkennung  von  allen  Seiten,  so  dass 
in  dieser  ersten  nur  drei  Monate  dauernden  Saison  bei  den 
damals  noch  beschränkten  Baulichkeiten  bereits  über  4200 
Bäder  gegeben  wurden,  deren  günstige  Heilwirkung  viel- 
fache ärztliche  Zeugnisse  bekundeten.  Hierdurch  ermulhigt 
hat  nun  der  Besitzer  das  Unternehmen  iu  unglaublich  kur- 
zer Zeit  aufs  Aeusserste  vervollkommnet  und  die  Anlage 
während  des  Winters  bis  zur  Eröffnung  der  zweiten  Saison 
am  25.  Mai  1847  durch  Aufführung  mehrerer  mit  allen  Er- 
fordernissen und  Bequemlichkeiten  versehenen  Gebäude  er- 
weitert, welche  jetzt  in  zwei  Gruppen,  als  Brunnen-  und 
Maschinenhaus  und  als  eigentliches  Bade-  und  Logirhaus 
in  geschmackvollem,  den  bergigen  Umgebungen  sehr  ent- 
sprechendem Schweizerstyle  von  schönen  Gartenanlagen, 
Promenaden  und  Felsparthien  umgeben,  eine  Trinkhalle,  die 
Räume  für  die  Dampfmaschine,  ein  russisches  Dampfbad, 
ein  Schwefelbad  und  einen  Thurm  für  die  Sool-  und  Was- 
ser-Reservoirs im  ersten,  und  im  andern  Hause  den  Con- 
versationssaal,  andre  derartige  Piegcn,  10  elegante  Bade- 
zeiten, Dienstwohnungen  und  sehr  freundliche  geräumige 
Logis  für  Curgäste  enthalten.  Andre  sehr  erwünschte  Ac- 
quisitionen  wie  z.  B.  die  des  mit  bedeutenden  Wohnräumen 
und  einem  höchst  anmuthigen  schattenreichen  Park  verse- 
henen sogenannten  Reichard (sehen  Grundstücks,  welches 
unmittelbar  an’s  Bad  grenzt,  der  Ankauf  des  östlich  an- 
grenzenden Röderberges,  der  eine  liebliche  Aussicht  auf 
das  Bad  und  seine  nächsten  Umgebungen  gewährt,  die  Ein- 
richtung bequemer  und  freundlicher  Wohnungen  im  Dorfe 
Giebichenstein  selber  und  die  sonstige  geschmackvolle  und 
sorgliche  Ausstattung  aller  nölhigen  und  erforderlichen 
Räume,  zur  Restauration,  für  Lectüre,  Musik  u,  s.  w.,  vor 
Allem  aber  der  herrliche  Frühlingsschmuck  unsrer  lieblii» 
chen  Umgegend  und  die  so  anhaltend  günstigen  Witte- 
rungsverhältnisse während  des  Sommers  führten  eine  grosse 
Anzahl  Curgäste  aus  der  nächsten  Umgebung,  aber  auch 


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377 


aus  den  verschiedensten  Gegenden  unsres  Vaterlandes,  selbst 
aus  fernem  Ausland  hierher,  die  am  Wittekinds-Quell  Hülfe 
und  Erquickung  von  und  nach  ihrem  Leiden  suchten.  Schon 
die  erfreulichen  Resultate,  welche  im  vorigen  Jahre  durch 
die  hiesigen  Soolbädcr  gewonnen  waren,  als  auch  die  in 
einigen  Fällen  während  des  Winters  als  vorzüglich  erprobte 
Heilkraft  des  innerlichen  Gebrauchs  der  W.  Soole,  welche 
nicht  wie  die  meisten  Soolwasser  bei  einem  zum  Erbrechen 
reizenden  salzig -bittern  Geschmack  und  unleidlich  hepati- 
schem Geruch  dem  innern  Gebrauche  widerstrebt,  der 
höchst  wirksame  Gebrauch  und  Zusatz  der  reichhaltigen 
hallischen  Mutterlaugen,  ferner  eine  neue  sehr  zweckmäs- 
sige Anwendung  des  Electro-Magnetismus  in  und  ausser- 
halb der  Soolbäder,  deren  Resultate  baldigst  von  mir  ver- 
öffentlicht werden  sollen,  die  Eröffnung  eines  sehr  zweck- 
mässigen russischen  Sooldampfbades,  Alles  berechtigte  zu 
den  besten  Hoffnungen  für  die  Heilung  der  mannigfachen 
Art  von  Leiden,  die  hier  wirklich  off  lange  und  vergeblich 
gesuchte  Hülfe  und  Erleichterung  fanden.  Vom  26.  Mai 
bis  zum  1.  October  dieses  Jahres  ist  laut  der  ausgegebe- 
nen Listen  die  Zahl  der  Rade-  und  Trinkgästc  auf  662 
Personen  gestiegen,  an  welche  im  Ganzen  9612  Bäder  incl. 
276  Freibäder  gegeben  wurden  und  zwar: 


als  reine  Soolbädcr  . . . 8752 

Soolbäder  mit  Mutterlaugen  . 130 

Eleclro-magnetische  Bäder  . 424 

Eisenbäder  54 

Stahlbäder  106 

Russische  Dampfbäder  . . 146 


welche  letztem  erst  seit  Anfang  Juli  in  Betrieb  gesetzt 
werden  konnten.  Als  Trinkgäste  hielten  sich  im  W.  Bade 
154  Personen  auf,  von  denen  120  den  W.  Salzbrunnen 

und  34  verschiedene  natürliche 
und  künstliche  Mineralbrunnen,  wie  sie  stets  vorrälhig  ge- 
halten wurden,  tranken.  Die  vortheilhafle  Wirkung  des  in- 
nerlichen Gebrauchs  der  Soole  bewährte  sich  in  vielen  spä- 
ter genauer  mitzulheilenden  ärztlichen  Erfahrungen  und 


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378 


worden  von  derselben  verschiedne  Sendungen  nach  aus- 
serhalb gemacht.  Es  ist  diese  Soofe  ihren  physicalischen 
Eigenschaften  nach,  wie  sie  aus  dem  Schoss  der  Erde,  in 
der  Minute  an  7 — 8Cubikfuss  quillt,  eine  vollkommen  helle, 
klare,  farblose,  fast  in’s  Silberwcisse  spielende  Flüssigkeit, 
von  kühlendem  nicht  unangenehm  bitterlich  - salzigem  Ge- 
schmack (in  kleinen  Quantitäten  dem  des  Austerwassers 
ähnlich)  beim  Einschenken  schäumend  und  perlend,  an  der 
Luft  und  in  der  Ruhe  sich  schwer  zersetzend  ohne  einen 
hepatischen  Geruch  oder  Geschmack  anzunehmen;  sie  hat 
bei  10°  R.  ein  spec.  Gewicht  von  1,0244  und  ist  ihre  Ana- 
lyse zu  drei  verschiednen  Malen  durch  den  hiesigen  Pro- 
fessor der  Chemie  Herrn  Dr.  Steinberg  gemacht  worden. 
Bezeichnen  wir  die  erste  im  März  vor.  Js.  gemachte  Ana- 
lyse mit  No.  1 (die  Soole  derselben  war  unten  unmitteibar 
vom  Ausfluss  der  Quelle  geschöpft),  die  zweite  vom  Au- 
gust vorigen  Jahres  mit  No.  II  (die  Soole  derselben  war 
am  Ausfluss  derselben  in  die  Badewannen  entnommen)  und 
die  letzte  zu  Ende  Juli  dieses  Jahres  mit  No.  III  (die  Trink- 
soole,  wie  sie  jetzt  die  Dampfmaschine  zu  Tage  fördert), 
so  ergiebt  sich  folgende  übersichtliche  Zusammenstellung: 
Die  Wittekindsoole  enthält  in  1 Pfd.  zu  32  Lth.  nach 
Analyse  No.  I No.  U Ne.  III 

Schwefelsaurer  Kalk  7,756  Gr.  6,132  Gr.  7,465  Gr. 

Chlorcalcium  3,138  - 3,035  - 4,061  - 

Chlormagnesium  • 4,684  - 3y022  - ’ 6,535  - 

Chlornatrium  238,464  - 236,111  - 230,469  - 

Kohlensaures  Eisen?- 

oxydul  und  Kalk  0,005  - 0,002  - 0,007  - 

254,047  Gr.  248,302  Gr.  249,137  Gr. 
oder  3,308  pCt.  3,  23  pCt.  3,  25pCt. 
wobei  noch  eine  übersichtliche  quantit.  Analyse  der  Jod- 
uwd  Bromhaltigen  so  vielfach  angewandten  Hallischen  Mut- 
terlauge folgen  möge;  es  enthält  diese  wesentlich 
circa  5 pCt.  Chlorkalium 
• 6 i - Chlornatrium 

13  - Chlormagnesium  (incl.  Jod- u.  Brom-Magnes.) 


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379 


5 pCt.  Chlorcalcium. 

Die  meiner  speciellen  Leitung1  und  Beobachtern#  wäh- 
rend der  Saison  1847  übergebenen  Krankheitsfalle,  welche 
6ich  namentlich  günstiger  Heiiresultatc  erfreuten,  gehörten 
zunächst  in  das  Gebiet  der  Scrophulose  und  ihrer  Folge- 
krankheiten,  wie  sie  vornämlich  im  kindlichen  Alter  und  in 
den  Entwickelungsjahren  hervortritt:  scrophulose  Drüsen- 
leiden, derartige  Hautausschläge,  namentlich  hartnäckige 
Porrigo , die  so  langwierigen  scrophulösen  Blennorrhöen 
und  anderweitige  Alterationen  der  Schleimhäute  des  Auges, 
der  Nase,  des  Ohrs,  der  Genitalien,  in  welchen  letztem 
örtliche  Injectioncn  mit  Soole  besonders  erfolgreich  ange- 
wandt wurden;  selbst  Knochen-  und  Gelenkleiden  (Coxal- 
gie,  Tumor  albus  und  Pädarthrocace)  auf  solchem  Boden, 
wobei  der  steigende  Zusatz  (bis  zu  6 — 8 Quart  aufs  Bad) 
unsrer  HaUischen  Mutterlauge  vortreffliche  Dienste  leistete. 
Auch  der  gleichzeitige  innerliche  Gebrauch  der  Soole  ward  • 
in  den  meisten  dieser  Fälle  gewiss  nicht  ohne  wesentlich 
günstigen  Einfluss  in  Anwendung  gezogen,  in  einzelnen 
jedoch,  wo  Verdacht  beginnender  Tuberculose  vorhanden, 
mit  Schlesischem  Ober-Salzbrunnen  vertauscht.  Die  zweite 
und  grössto  Gruppe  der  hier  behandelten  Krankheiten  wa- 
ren rheumatische  Leiden  in  den  verschiedensten  Ge- 
bilden und  Theilen  des  Körpers;  rheumatische  Kopf-  und 
Zahnschmerzen,  womit  sehr  viele,  namentlich  weibliche  Pa- 
tienten behaftet  waren,  rheumatischer  Gesichtsschmerz  (2 
Fälle),  Muskel  - Rheumatismen  u.  s.  w.;  die  erfreulichsten 
Resultate  habe  ich  aber  in  einigen  Fällen  von  sehr  hart- 
näckigen chronischen  Gelenkrheumatismen  und  rheumatischer 
Paralyse  gehabt,  von  denen  ich  später  genauere  Mittheilun- 
gen machen  werde.  Von  der  Gicht  kamen  nur  leichtere 
anomale  Formen  vor,  deren  Beschwerden  und  Schmerzen 
wesentliche  Abhülfe  hier  zu  Theil  wurde,  doch  sehr  inve- 
terirte  Fälle  mit  bedeutender  Ablagerung  gichtischer  Con- 
cremente,  zu  deren  Beseitigung  durch  Mutterlaugenbäder 
uns  von  Teplitz  und  Carlsbad  Patienten  zugewiesen  wur- 
den, hatten  weniger  günstigen  Erfolg,  da  die  ungünstige 


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380 


Witterung  des  September  ihn  bei  so  empfindlichen  Kranken 
namentlich  hinderte;  von  auffallenden  hier  geheilten  chro- 
nischen Hautkrankheiten  sind  in  diesem  Jahre  weni- 
ger Fälle  als  im  vorigen  aufzuweisen;  ich  habe  eine  Pso- 
riasis diffusa , mehrere  gutartige  Porrigo-Arten  und  einzelne 
Eczema  geheilt  entlassen,  doch  weiss  ich,  dass  von  meinen 
Herrn  Collcgen  noch  günstigere  Resultate  durch  den  Mit- 
gebrauch des  Bades  erzielt  sind.  Stahl-  und  Eisensoolbä- 
der  wurden  bei  Dys-  und  Amenorrhoe,  Chlorose  und 
bei  Atonie  und  Schwäche  in  den  Sexualorganen  überhaupt 
mit  gutem  Erfolge  angewandt,  die  blossen  Soolbäder  aber 
auch  sonst  noch  bei  neuralgischen  Affectionen  ver- 
schiedner  Art,  bei  zu  erhöhter  nervöser  Sensibilität  und 
vielfach  zur  Nachcur  bei  Reconvalescenten  von  langwie- 
rigen, schweren,  das  Nervensystem  besonders  ergreifenden 
nachdyscrasischen  und  cachcktischcn  Krankheiten  , so  wie 
» zur  Wiederherstellung  unterdrückter  habitueller  Secretio- 
nen.  Von  Interesse  sind  eine  Reihe  von  mir  gemachter 
Versuche  der  Anwendung  des  Elcctromagnetismus, 
der  nach  Construction  und  Angabe  des  Hrn.  Dr.  Rommers- 
hausen mittelst  eines  Rotationsapparats  in  beständiger  Strö- 
mung durch  einzelne  Soolbäder  geleitet  und  mittelst  Hand- 
und  Fussbäder  an  die  Extremitäten  applicirt,  bei  verschied- 
nen  Krankheiten  des  Nervensystems  und  namentlich  Läh- 
mungen, die  nicht  von  einem  bedeutendem  Leiden  der 
Centralorgane  abhängig  waren,  mit  einzelnen  glücklichen 
Erfolgen  angewandt  wurde , worüber  ich  mir  übrigens  eine 
nähere  Mittheilung  Vorbehalte.  Die  gleichzeitige  Trinkcur 
fand  ihre  Anwendung  bei  innerlichen  und  äussern  Krank- 
heiten mit  scrophulöser  leucophlegmatischer  psorischer  und 
abdomineller  Basis  und  allein  als  solche  bei  Abdominal- 
Plethora,  Hämorrhoidalbeschwerden,  Obstruction  im  Allge- 
meinen, Blutanschoppungen  und  Congestionen  verschiedner 
Art  in  und  zu  einzelnen  Organen. 


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381 


Vermischtes. 


1.  Zerreissung  der  Gebärmutter. 

Eine  35  Jahre  alte  wohlgebaute  Frau,  die  schon  meh- 
rere Male  ohne  Kunsthälfe  aber  unter  Einwirkung  stürmi- 
scher und  kräftiger  Wehen  geboren  hatte,  bekam  bei  ihrer 
diesmaligen  Entbindung  ganz  wie  bei  den  frühem  Geburten 
sehr  heftige  Wehen,  die  sich  bis  kurz  vor  dem  Blasen- 
sprunge gegen  7 Uhr  Morgens  ungewöhnlich  gesteigert 
halten  und  trotz  der  Abmahnungen  von  Seilen  der  Heb- 
amme bis  dahin  von  der  Kreissenden  in  Folge  des  sehr 
nöthigenden  Dranges  stark  verarbeitet  waren.  Dann  aber 
hörten  die  Wehen  gänzlich  auf  und  Leibschmerz  fand  sich 
dagegen  ein.  Ein  Geräusch , als  ob  etwas  im  Leibe  zer- 
platzte, wollte  die  Frau  nicht  bemerkt  haben.  Bei  meiner 
Ankunft  fand  ich  den  Unterleib  bei'  der  Untersuchung 
sehr  schmerzhaft;  dabei  schien  mir  die  Lage  der  unter 
den  Bauchdecken  wahrnehmbaren  Kindestheile  normal  zu 
sein.  Bei  der  innern  Untersuchung  beobachtete  ich  wenig 
Blutfluss,  gute  Vorbereitung  der  Weichtheile,  den  Mutter- 
mund weit  geöffnet  und  dehnbar,  das  Promontorium  mit 
dem  Finger  erreichbar  und  den  Kopf  des  Kindes  auf  dem 
Beckeneingange  stehend;  diese  ganze  Untersuchung  war 
aber  kaum  mit  Schmerzen  verbunden.  Nach  Aussage  der 
Hebamme  war  der  Kindeskopf  früher  schon  tiefer  im  Bek- 
ken  fühlbar  gewesen,  sollte  sich  aber  bei  dem  Aufhören 
der  Wehen  wieder  zurückgezogen  haben.  Das  allgemeine 
Befinden  der  Kreissenden  erschien  augenblicklich  durchaus 
nicht  gefahrdrohend,  auch  war  sie  selbst  dabei  nicht  sehr 
unruhig.  Da  bei  dem  Mangel  der  charakteristischen  Zei- 
chen eines  Gebärmulterrisses  die  Erscheinungen  mehr  auf 
den  Zustand  eines  tonischen  Ulerinkrampfes  hinzudeuten 
schienen,  auch  die  innere  Untersuchung  bis  jetzt  nur  ein 
unvollständiges  Resultat  gegeben  hatte,  so  wurde  der  Zu- 
stand vorab  als  Krampfwehen  behandelt  und  Doeersches 
Pulver  gereicht.  Der  Fall  änderte  und  besserte  sich  nicht. 


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382 


Die  Frau  war  gegen  die  ihr  gegebene  Weisung  vom  Bette 
aufgestanden  und  auf  einer  Bank  sitzend  klagte  sie  nach 
einer  halben  Stunde  noch  fortwährend  bei  stetem  Wehen- 
mangel über  Leibschmerzen,  während  jedoch  der  Bauch 
eine  andre  Form,  das  Kind  eine  Querlage  angenommen  zu 
haben  schien.  Eine  abermalige  innere  Untersuchung  stellte 
nun  den  geschehenen  Gebärmutterriss  an  der  rechten  Seite 
unzweifelhaft  fest,  und  Kind  und  Vlacenia  waren  durch 
denselben  bereits  hindurch  in  den  Unterleib  getreten;  in 
der  Höhle  des  Uterus  aber  wurde  eine  Menge  Darmschlin- 
gen vorgefunden.  Der  Riss  erstreckte  sich  in  gerader 
Richtung  vom  Körper  bis  zum  Halse  des  Uterus  dorthin, 
wo  sich  das  Scheidengewölbe  ansetzt.  Der  Kindeskopf  be- 
fand sich  auf  dem  rechten  Darmbeine  und  eben  daselbst 
auch  die  Flactnia  und  Nabelschnur,  welche  letztre  nicht 
mehr  pulsirte;  die  Füsse  lagen  dagegen  nach  links  vorn 
und  oben  leicht  erreichbar.  Bei  solcher  Lage  des  Kindes, 
bei  der  Grösse  des  Risses  und  bei  beharrlicher  Weigerung 
der  Kreissenden,  den  Baucbschnitt  ausführen  zu  lassen, 
wurde  die  Extraction  des  Kindes  durch  den  Riss  versucht. 
Nachdem  die  vorgefallnen  Darmschlingen  zurückgebracht 
worden,  liess  sich  die  Wendung  des  Kindes  leicht  bewir- 
ken und  ebenso  bot  auch  die  Entwickelung  des  Rumpfes 
keine  Schwierigkeit  dar;  nur  der  Kopr  des  Kindes  wollte 
nicht  folgen,  ungeachtet  zu  dem  Ende  die  Zange  zu  Hülfe 
genommen  war.  Dieserhalb  und  weil  das  Kind  schon  für 
todt  erachtet  wurde,  hielt  ich  die  Perforation  für  ange- 
zeigt und  führte  sie  sogleich  aus.  Der  auf  diese  Weise  zu 
Tage  geförderte  Kopf  war  sehr  gross  und  auch  die  nun 
extrahirte  Nachgeburt  zeigte  bei  einer  \7\  Zoll  langen  Na- 
belschnur eine  bedeutende  Grösse.  Die  Blutung  bei  der 
Operation  war  unbedeutend  und  das  Befinden  der  Wöch- 
nerin erschien  bis  dahin  noch  immer  günstig;  nach  meh- 
rern  Stunden  traten  aber  Blässo  und  Colapsus  des  Gesichts 
ein  und  bei  allgemeiner  Körperkälte,  Delirien,  kaum  fühl- 
barem Pulse,  Ohnmächten  u.  s.  w.  erfolgte  Nachts  der  Tod. 

Dr.  Peimxeut. , ~ 


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383 


2.  Cujrrum  oxi/datum  nigrum  gegen  Bandwurm. 

' tf  i ' ' • . '.j  ,i  i.  \ jiII 

Auf  die  Empfehlung  des  Dr.  Rademacher  in  seiner  be- 
kannten Erfahrungs  - Heillehre  habe  ich  das  von  ihm  als 
Wurmmittel  so  sehr  gepriesene  schwarze  Kupferoxyd  ge- 
gen den  Bandwurm  wiederholt  angewendet  und  wenn  ich 
nach  dem  starken  Abgänge  der  halb  verwesten  Reste  so 
wie  nach  dem  Auf  huren  der  Wurm  - Symptome  urtkeilen 
darf,  mit  dem  besten  Erfolge.  Es  tödtet  den  Wurm  und 
treibt  ihn  nicht,  wie  Rademacher  sagt,  und  man  braucht 
sich  bei  dieser  Cur,  die  nicht  im  Mindesten  angreifend 
wirkt,  daher  auch  in  solchen  Fällen  noch  zur  Anwendung 
kommen  kann,  wo  andre  heroische  Curen  nicht  mehr  am 
Platze  sind,  um  Kopf  und  Schwanz  desselben  nicht  zu 
kümmern. 

Ich  reichte  das  Oxyd  ( Rademacher  giebt  auch  eine 
Tinctura  cupri  acetic. ) Erwachsenen  drei  Mal  und  vier  Mal 
täglich  zu  2 Cr.  pro  dosi  mit  etwas  Zucker.  — Meiner 
Ansicht  nach  verdient  das  Mittel  allgemeine  Empfehlung,  / 

Kreis-Phys.  Dr.  Je  kn. 


3.  Wassersucht  durch  Jodeisen  geheilt. 

Ein  22  Jahre  altes  armes  Mädchen,  von  zarter  scro- 
phulöscr  Constitution,  hatte  in  ihren  Kinderjahren,  beson- 
ders nach  der  Pockenimpfung,  an  einem  bedeutenden  scro- 
phulösen  Kopfausschlage  gelitten,  welcher  sich  erst  im  läten 
Jahre  bei  dem  Eintritt  der  Catamenien  nach  und  nach  ver- 
lor. Yon  dieser  Zeit  an  hatte  sie  sich  wohl  befunden  und 
ihre  Menstruation  bis  zum  22sten  Lebensjahre  regelmässig 
gehabt.  Nun  aber  zog  sie  sich  Erkältungen  zu,  indem  sie 
auf  einer  Wiese  im  kalten  Wasser  badete,  und  mehrere 
Male,  während  sie  sehr  erbiiat  war,  kaltes  Wasser  trank. 
Sie  fing  hierauf  an  zu  kränkeln,  wandte  sich  nach  einigen 
Monaten  an  einen  homöopathischen  Arzt,  der  ihren  Zustand 
als  Hydrops  asciles  erkannte,  und  wurde  von  demselben  2 
Monate  lang  ohne  allen  Erfolg  behandelt.  Es  kam  noch 


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384 


Anasarca  und  Hydrothorax  hinzu,  so  dass  Patientin  gar 
nicht  Hegen  konnte,  im  höchsten  Grade  beängstigt  wurde 
und  fortwährend  nach  freier  Luft  verlangte.  Nachdem  sie 
noch  von  einem  andern  Arzte  mit  kräftigen  Hydragogit 
ohne  Erfolg  behandelt  und  dann  aufgegeben  war,  kam  sie 
in  meine  Behandlung.  Ich  fand  einen  völligen  Hydrops 
torpid ui,  suchte  durch  die  Anwendung  der  Gratiola  und 
der  Lactuca  vtrosa  die  Urinsecretion  zu  fördern  und  wäss- 
rige Ausleerungen  per  alvum  zu  bewirken,  und  nahm  we- 
gen der  Ungeheuern  Auftreibung  des  Bauches  die  Punctio 
abdomhns  vor.  Die  genannten  Mittel  erreichten  ihren  Zweck, 
auch  fühlte  die  Leidende  sich  durch  die  Punction  erleich- 
tert, allein  nach  fl  Wochen  war  der  Bauch  wieder  so  auf- 
getrieben und  die  Kranke  so  beängstigt,  dass  ich  mich  ge- 
nöthigt  sah,  die  Operation  zu  wiederholen.  Ich  fand  darauf 
die  Leber  und  das  Uterinsystem  sehr  bedeutend  aufgetrie- 
ben und  hart.  — Von  der  kräftigen  Wirkung  des  Ferrum 
jodatum  bei  einem  schlaffen  Lymphgefäss  - System  belehrt, 
versuchte  ich  dieses  Mittel  nach  der  zweiten  Paracentese  in 
folgender  Form:  Tmct.  fern  jodati  3 ii  (eine  Drachme  der- 
selben enthält  1 Gran  Jodeisen),  Tinct.  Cort.  Aurant.  3 ii, 
Aq.  flor.  Aurant.  $ iv;  täglich  4 Mal  I Esslöffel  voll  zu 
nehmen.  Die  Wirkung  dieser  Arznei  war  so  ausgezeich- 
net, dass  die  Kranke  sich  von  Tag  zu  Tag  freier  fühlte, 
nach  3—4  Wochen  die  Härte  der  Leber  und  des  Uterin- 
systems verschwunden  war,  und  sich  durchaus  keine  Feuch- 
tigkeit im  Unterleibe  mehr  ansammelte.  Der  Status  kydro- 
pictu  ist  jetzt  schon  seit  längerer  Zeit  vollkommen  ver- 
schwunden und  das  Mädchen  erfreut  sich  einer  recht  blü- 
henden Gesundheit. 

Jüterbogk.  Sanit.-Rath  Dr.  Staust. 


i 


Ged r uikt  bei  J.  Peltch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

g e s a m lute 

HEILKUNDE. 

Herausgeber:  Dr.  Casper. 

Diese  Wochenschrift  erscheint  jctlestnnl  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1}  Bogen.  Der  Preis  de9  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Tlilr.  bestimmt,  wofür  sämmllichc  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind.  ' 

A.  Hir ichtcald. 

J\2  25.  Berlin , den  \Vm  Juni  1848. 

Erfahrungen  aus  der  Hospitalpraxis  in  Rio  Janeiro.  Vom  Dr.  Lalle— 
inant.  (Fortsetzung  ) — Literatur.  (Taussig,  Venedig  und  seine 
climatischcn  Verhältnisse.)  Vom  Dr.  H.  Mit  einer  Nachschrift  von 
Casper. 

Uebersicht  der  in  der  Fremdenstation  der  Mize- 
rieordia  zu  Kio  de  Janeiro  vom  1.  Juli  1846  — 
30.  Juui  1847  behandelten  Krankheitsfälle. 

n 'i(l  yn*j'  * t'.  -j  ■ i •«  .•»  .•  ••  i»,  il  r/ 

M i t g e l h e i I t 

vom  Hospitalarzt  Dr.  Lallemant  zu  Rio  de  Janeiro. 
(Fortsetzung.) 

int  ' • 

Viel  schlimmere  Folgen  solcher  Guanoreisen  zeigten 
sich  dagegen  unter  den  61  Scorbutischen,  die  im  Ver- 
lauf des  angegebenen  Zeitraums  in  die  Station  nufgenom- 
men  wurden;  denn  fast  alle  an  Scorbut  leidende  kamen 
von  Guanoschiffen,  einige  wenige  Wallftschfänger  ausge- 
nommen, die  sich  auf  Americanischen  Schiffen  lange  im 
südlichen  Ocean  umhergetrieben  hatten.  Wenn  man  so 
manche  von  diesen  Guanoschiffsmatrosen  ansieht,  und  ihre 
Erzählungen  anhört,  so  kann  man  sich  des  grössten  Mit- 
leidens nicht  erwehren,  und  nie  kann  ein  genügsamer  Mann 
so  aufgebracht  werden  gegen  diese  auri  sacra  James,  als 
wenn  er  von  armen  Matrosen,  die  zum  Theil  an  jenen  un- 
Jahrgang  1848.  23 


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38a 


wirklichen  Küsten  scheiterten,  das  kümmerliche,  gefährliche 
Leben  erfahrt,  was  ganze  Monate  hindurch  das  Seevolk  an 
den  öden  Klippen  von  Scaliousisland , Scabirdisland,  Guin- 
danabai,  Watchraaus-cape,  und  wie  die  Orte  dort  alle  en- 
ter dem  47— südl.  Breite  heissen  mögen,  fuhren  muss, 
um  die  grösstentheils  erbärmlichen  Fahrzeuge  mit  dem  Vo- 
gelmist zu  beladen.  Zu  all’  den  harten  Entbehrungen,  wo- 
durch die  Gesundheit  auch  des  stärksten  Menschen  unter- 
graben wird,  kommt  noch  die  hinzu,  SchifTbruch  zn  leiden, 
und  an  traurigem  Strand  zu  harren,  bis  ein  befreundetes 
Schiff  die  Gestrandeten  entdeckt  und  mitnimmt;  ich  habe 
kleine  Kerle  von  12  — 15  Jahren  unter  diesen  Armen  ge- 
schn.  So  kamen  am  20.  und  30.  September  von  einem 
Schiffe  8 Scorbulische,  welche  man  an  der  Patagonischen 
Küste  gefunden  hatte;  von  einem  andern  Schiffe  kamen  im 
December  ß,  von  denen  2 höchst  elend  waren.  Im  Anfang 
Januar  kamen  5 Matrosen  in  schlechtem  Zustande  von  ei- 
nem Salpeterschiffe,  welches  von  Valparaiso  kam,  und  un- 
ten am  Cap  Horn  schwer  bavarirt  worden  war,  5 Monate 
brauchte  es,  um  von  Valparaiso  nach  Rio  zu  kommen.  — 
Am  traurigsten  ist  es  jedoch  der  Besatzung  des  englischen 
Schiffs  Augustus  gegangen,  von  der  in  der  Mitte  des  Fe- 
bruar 21  Matrosen  im  Spital  waren;  nach  kurzem  Ausruhn 
von  der  mühevollen  Guanoreise  gingen  sie,  mit  Ausnahme 
eines  Dänen,  der  am  Bord  gedient  halte,  und  der  mir  dem 
Tode  verfallen  schien  wegen  des  hohen  Grades  von  Scor- 
but,  wieder  an  Bord  und  in  See;  nicht  weit  von  der  eng- 
lischen Küste  soll  das  Schiff  mit  Mann  und  Maus  gesunken 
sein;  jener  Däne  hat  aber  seitdem  das  Spital  in  leidlich 
gutem  Zustand  verlassen.  Diese  Guanopatienten  sind  die 
letzten  gewesen ; es  scheint,  als  ob  jene  genannten  Depots 
auch  erschöpft  sind.,  denn  von  den  4 Scorbutischen,  wel- 
che im  Marz  und  Mai  in’s  Spital  kamen,  war  nur  ein  Ein- 
ziger von  einem  Schiffes,  welches  jene  Guanogegenden  be- 
sucht hatte;  da  aber  keine  Ladung  mehr  zusammenzubrin- 
gen war,  batte  die  Mannschaft  das,  was  sie  von  Schiffs- 
wracks am  Strande  gefunden  hatte,  in  Brand  gesteckt  und 


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387 


mit  dum  aus  dor  Asche  gesammelten  Metallresten , als  ei- 
sernen Beizen,  Kupferplattcn  u.  s.  w.  <las  ganze  Schilf  be- 
laden. : ... 

Von  allen  Scorbutischen  starben  indess  nur  zwei,  alle 
andern  verliessen  hergestellt  oder  doch  wenigstens  bedeu- 
tend gebessert  das  Hospital.  Doch  ist  bei  allen  denen,  bei 
welchen  der  Scorbut  nur  einigermassen  entwickelt  ist,  die 
Gesundheit  auf  lange  Zeit,  ja  vielleicht  für  immer  unter- 
graben. — Am  nützlichsten  fand  ich  bei  diesem  Uebel  den 
JPortorf’schen  Syrup  und  flüchtige  Einreibungen,  >venn  man 
nicht  etwa  den  guten,  frischen  Nahrungsmitteln  und  dem 
Ausruhn  nach  so  langer,  harter  Arbeit  die  Besserung  zu- 
chreiben  will. 

Während  die  Mehrzahl  dieser  Seorbutischen  der  eng- 
lischen Nation  angebörten,  waren  bei  weitem  die  Meisten 
unter  den  Syphilitikern  Amerikaner,  oder  vielmehr  von 
Amerikanischen  Schiffen  kommend,  denn  so  wie  das  ganze 
Volk  aus  einem  Haufen  zusammengelaufener  Menschen  be- 
steht, so  sind  auch  die  meisten  Americanischen  Matrosen 
Nichtaraericaner,  meist  Dänen,  Schweden,  und  zwar  fast 
immer  Gesindel,  — und  dieses  mag  grade  der  Grund  zur 
Syphilis  sein.  Im  Ganzen  kamen  55  Syphilitiker,  von  de- 
nen keiner  starb,  Chaaker  und  Bubonen,  oder  jedes  für 
sieb,  kamen  am  meisten  ypjr,  doch  kamen  keine  heftig  lei- 
dende Patienten  unter  ihnen  ins  Spital,  fast  alle  Fälle  wa- 
ren äusserst  milde.  Manche  Matrosen  halten  indess  nicht 
unbedeutend  durch  die  Quecksilbermisshandlung  ihrer  Ca- 
pitaine  gelitten.  Ein  wenn  auch  nicht  hieher  gehöriger 
Fall  war  wirklich  bemerkenswert!»:  Ein  Capitain  prügelt  ei- 
nen Matrosen  aufs  heftigste  durpb,.  so  dass  der  Geschlagene 
in  allen  Knochen  Schmerzen  hat;  um  diese  möglichst  rasch 
zu  heilen,  giebt  der  Capitain  dem  Manne  Calomel  bis  zu 
bedeutender  Saüvation  und  starkem  Lockerwerden  der 
Zähne,  weswegen  er  zu  allem  Seedienst  unfähig  ward  und 
ungefähr  14  Tage  im  Spital  zubringen  musste!  Bemerkens- 
werlh  war  es  auch  dies  Jahr,  dass  das  Vorkommen  von 
Condylomen  sich  fast  ganz  ausschliesslich  an  hellblonde  In- 

25  * 


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388 


dividuen  ton  scrophulösem  Habitus  anschliesst,  bei  dunkle- 
rer Textur  immer  seltner  wird  und  beim  Neger  verschwin- 
det. Wenigstens  müssen  Condylome  bei  Negern  als  pa- 
thologische Raritäten  angesehn  werden. 

An  mehr  oder  minder  stark  entwickelter  Scrophulosis 
litten  8 Patienten,  von  denen  einer,  nachdem  sich  Wasser- 
sucht bei  ihm  entwickelt  hatte,  starb. 

Doch  würde  es  mich  zu  lange  aufhalten,  wenn  ich 
über  eine  lange  Reihe  von  Patienten  berichten  wollte,  wel- 
che mit  europäischen  Uebeln  in  der  Station  waren  und 
nichts  Bemerkenswerthes  darboten;  es  kamen  über  50  Pa- 
tienten mit  chronischen  Beinwunden,  einer  starb,  ein 
Italiener,  der  am  18.  December  mit  einem  bedeutenden 
Beingeschwüre  in  die  Station  kam,  am  folgenden  Tage 
starkes  Fieber  hatte  mit  sehr  starker  Gelbsucht,  am  20. 
Gangrän  an  beiden  Beinen,  und  der  am  21.  Decbr.  in  der 
Frühe  starb.  — Ich  übergehe  hier  eine  Reihe  von  Patien- 
ten, die  an  Hämorrhoiden,  an  Krätze,  an  Furunkeln, 
an  verschiedenartigen  Abscessen,  ferner  mehrere,  welche 
au  den  nächsten  Folgen  der  Betrunkenheit  litten;  es 
kamen  einige  Matrosen  mit  leichten  Verbrennungen, 
entweder  durch  heisses  Wasser  oder  umhersprützendes 
Pech  hervorgebracht.  Diese  führen  mich  auf  eine  Reihe 
von  Patienten,  die  ich  nicht  mit  Stillschweigen  übergehn 
kann. 

Mit  Knochenbrüchen,  Contusionen  und  blutigen  Ver- 
wundungen kamen  57  Leute  ins  Spital,  die  entweder  vom 
Mast  aufs  Schilf  oder  vom  Verdeck  in  den  leeren  Schiffs- 
raum hinabgestürzt  waren,  sich  geschlagen  oder  mit  Mes- 
sern gestochen  hatten,  worin  die  Spanier  und  Italiener  sehr 
stark  sind,  oder  bei  Liebesabentheuern  ungeschickt  gewe- 
sen waren;  letztres  passirt  besonders  oft  bei  Mondschein- 
nächten. Ich  hatte  einmal  in  zwei  aufeinander  folgenden 
Tagen  zusammen  genommen  fl  Verwundete  aufzunehmen, 
welche  im  Mondschein  verschiedenartige  Messerstiche  und 
Prügel  bekommen  hatten. 

Eine  eigentümliche  Art  Ulnarbruch  kommt  öfter  auf 


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380 


Schiffen  vor.  Wenn  ein  wülhender  Capitain  mit  einem  har- 
ten Tau  oder  einer  Handspate  seine  Matrosen  regalirt,  so 
suchen  diese  den  Hieb  mit  aufgehobenem  Vorderarm  ab- 
zupariren , bei  welcher  Gelegenheit  der  Ulnarknochen  am 
meisten  exponirt  ist,  und  sehr  leicht  zerschlagen  wird.  Der 
Fall  kam  mehrfach  auch  in  diesem  Jahre  vor,  doch  ist  der 
Bruch  von  keiner  Bedeutung  und  heilt  leicht,  ohne  dass 
die  Pronation  und  Supination  irgendwie  gestört  wird. 

Folgender  Fall  ist  beinerkenswerlh  wegen  der  bedeu- 
tenden Verletzungen  und  wegen  der  trotzdem  ungestört 
fortschreitenden  und  vollendeten  Heilung.  Ein  zart  con- 
slituirter  Americanischer  Matrose  stürzt  von  der  Bramrah 
eines  grossen  Schiffs  auf  die  Schanzkleidung  herab  und 
bleibt  4 Stunden  ohne  Lebenszeichen  liegen,  dann  schlägt 
er  die  Augen  auf,  ist  aber  sprachlos  und  in  einem  an  So- 
por grenzenden  Zustand.  Man  brachte  ihn  ins  Spital.  Am 
Kopf  rechterseits,  besonders  am  Auge,  zeigten  sich  6ehr 
bedeutende  Contusionen  und  Ecchyraosea;  auf  der  linken 
Seile  des  Thorax  waren  2 Rippen  gebrochen,  ein  schiefer 
Bruch  trennte  den  linken  Oberarmknochen  in  der  Milte; 
an  der  innem  Seite  desselben  Arms  grade  auf  der  Bruch- 
stelle zeigte  sich  eine  massige  Wunde  und  bedeutende  Su- 
gillationen.  Ein  dritter  Bruch,  dessen  ganz  genaue  Bestim- 
mung jedoch  nicht  möglich  war,  der  aber  durch  deutliche 
Crepitation  sich  kund  gab,  war  unmittelbar  am  oder  im  lin- 
ken Kniegelenk;  dasselbe  war  zu  einem  enormen  Volumen 
angeschwollen  und  schien  dem  Patienten  am  meisten  Schmer- 
zen zu  machen,  denn  hier  war  die  einzige  Stelle,  deren 
Berührung  beim  Kranken  ein  Zucken  im  Gesicht  hervor- 
brachte, während  er  sonst  kaum  irgend  Sinneseindrücke 
aufzunehmen  schien;  der  linke  Fuss  war  ebenfalls  bedeu- 
tend geschwollen;  der  Zustand  des  Patienten  Hess  wenig 
Gutes  hoffen.  Eine  massige  Venäsection  war  schon  ange- 
stellt worden,  ehe  ich  den  Patienten  sah.  Ich  verordnete 
eine  salinische  Mixtur  (aus  Nitrum  und  Bittersalz),  Arnica- 
waschungen  der  Kopfcontusionen,  und  Benetzungen  des 
Knies  und  Fusses  mit  Camphorspiritus.  Der  zerbrochene 


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390 


Arm  ward  in  einen  leicht  beweglichen  Verband  gelegt,  da 
er  jeden  Tag  wegen  der  äussern  Wunde  erneuert  werden 
musste;  für  das  zerschmetterte  Knie  schien  mir  ein  wei- 
ches planum  inclinatum  am  geeignetsten.  Eigentümlich 
war  es,  dass  der  Puls  keine  Alteration  zeigte;  am  5ten  und 
fiten  Tage  war  er  etwas  voller,  grade  in  derselben  Zeit,' 
als  Pat.  in  den  Bewegungen  seiner  Augen  und  selbst  sei- 
nes Kopfs  verrielh,  dass  er  die  an  ihn  gerichteten  Fragen 
verstände.  Am  loten  Tage  nach  dem  Sturz  fing  er  leise 
und  sehr  langsam  an  zu  reden,  doch  schien  er  von  dem 
zuletzt  mit  ihm  Vorgefallenen  Nichts  zu  wissen.  Ausser 
jener  kaum  bemerkbaren  Fieberreaclion  am  5ten  und  fiten 
Tage  stellte  sich  auch  nicht  die  allergeringste  Störung  in 
der  Heilung  ein,  und  schon  nach  8 Wochen  konnte  Pat. 
das  Hospital  verlassen;  nur  die  Bewegung  im  linken  Knie 
war  noch  etwas  behindert,  so  wie  auch  das  Gedächtnis« 
nicht  völlig  in  seiner  frühem  Klarheit.  Doch  hinderte  ihn 
dies  nicht,  als  Passagier  nach  den  Vereinigten  Staaten  zu 
gehn,  da  ich  ihn  der  Sorge  des  Americanischen  Consuls 
empfohlen  hatte. 

Einem  Schwedischen  Matrosen  waren  bei  einer  Hava- 
rie durch  eine  herabstürzende  Stange  beide  Oberschenkel 
in  der  Mitte  durchgeschlagen  worden.  Einige  Tage  darauf 
lief  das  Schiff  hier  ein,  und  Pat.  kam  ins  Spital,  als  ich 
grade  krank  war.  Er  wurde  etwas  vernachlässigt  in  mei- 
ner Abwesenheit.  Als  ich  ihn  zuerst  sah,  fand  ich  den 
rechten  Schenkelbruch  mit  bedeutender  Verkürzung  schon 
coüsolidirt,  den  linken  hingegen  noch  beweglich;  ich  legte 
ihn  in  einen  Verband  ohne  Extension,  so  dass  er  mit  dem 
andern  gleiche  Verkürzung  halte;  nach  einigen  Wochen 
war  auch  dieser  Bruch  consolidirt,  und  Pat.  fing  langsam 
Nieder  an  zu  gehn;  er  war  einen  guten  Zoll  kleiner  als 
zuvor;  doch  entging  er  dem  so  lästigen,  im  hohen  Grade 
anstrengenden  Hinken,  was  sich  immer  einstellt  bei  Kno- 
chenbrüchen, wobei  die  Unterextremitäten  verschiedne 
Länge  erhalten.  Hier  hätten  wir  demnach  einen  evidenten 
Fall,  in  welchem  die  Extension  beim  Oberschenkelbruch 


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391 


contraindicirt  war.  — Eine  höchst  lästige  Dysenterie  nö- 
thigte  Pat.  noch  länger  im  Spital  zu  bleiben,  als  die  Kno- 
chenbrüche verlangt  hätten.  Doch  ward  auch  diese  be  - 
seitigt. 

Ein  Franzose,  über  50  Jahre  alt,  sonst  rüstig  und  leb- 
haft, ging  mit  einem  Andern  spazieren.  Mitten  im  Gespräch 
schrie  er  laut  auf  und  konnte  plötzlich  sein  linkes  Bein 
nicht  anselzen;  in’s  Spital  gebracht,  zeigte  er  einen  Queer- 
bruch  des  linken  Oberschenkels  in  der  obern  Hälfte.  Bei 
dieser  bemerkenswerthen  Brüchigkeit  des  Knochens  in  ei- 
nem keineswegs  vorgerückten  Alter  war  es  merkwürdig, 
dass  der  Bruch  dennoch  schnell  consolidirte;  doch  war  Pat. 
im  Ganzen  64  Tage  im  Hospital. 

Von  den  oben  aufgeführten  57  Verwundeten  starben 
3 Patienten,  und  zwar  2 von  ihnen  nach  erhaltenen  Kopf- 
contusionen;  doch  möchte  ich  bei  beiden  unbedingt  das 
Saufen  als  Todesursache  angeben.  Einer  war  ein  Ameri- 
caner,  den  man  eines  Morgens  mit  heftigen  Kopfcontqsio- 
nen  auf  einem  Düngerhaufen  am  Ufer  gefunden  hatte;  er 
musste  vor  allen  Dingen  abgewaschen  werden,  ich  habe 
selten  einen  Menschen  so  scheusslich  aussehend  gesehn. 
Erst  nach  24  Stunden  verlor  sich  der  sehr  intensive  Brannt- 
weinsgestank seines  Mundes,  doch  kam  der  Mensch  eigent- 
lich gar  nicht  wieder  zu  sich,  sondern  starb  unter  Delirien 
und  Zittern  der  Hände.  — Der  zweite  war  ein  sehr  be- 
rüchtigter Hamburger  Schneider,  ein  grosser  Säufer,  den 
man  betäubt  und  mit  heftigen  Kopfcontusionen  in  der  Strasse 
gefunden  hatte.  Es  stellte  sich  heftige  Fieberreaction  bei 
ihm  ein;  in  seinen  heftigen  Delirien  kämpfte  er  mit  dem 
Teufel  und  schrie  furchtbar.  Nach  einigen  Tagen  trat 
Nachlass  ein,  doch  entstand  darauf  Durchfall  und  allgemeine 
Wassersucht,  woran  er  nach  3 monatlichem  Aufenthalt  im 
Spital  starb. 

Der  dritte  Todte  war  ein  Spanier,  der  8 Stunden  nach 
einem  Messerstich  starb.  Er  hatte  an  Bord  eines.  Schiffs 
einem  Cameraden  erst  eine  Flasche  gegen  den  Hinterkopf 
geschlagen  und  dann  ihm  das  linke  Ohr  halb  abgerissen; 


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vor  Schmerz  stiess  der  Andre  mit  einem  Messer  ihm  in 
den  Bauch,  aus  welcher  Stichwunde  nur  wenig  Blut  floss, 
doch  trat  augenblicklicher  Collapsus  ein.  Beide  wurden 
in’s  Spital  gebracht,  der  Geslochne  war  todtenblass,  mit 
sehr  kleinem,  kaum  zählbarem  Puls;  8 Stunden  nach  dem 
Gefecht  starb  er  an  der  Seite  seines  Gegners.  Der  Stich 
war  2 Zoll  rechts  vom  Nabel  durch  die  Bauchdecken  schief 
nach  innen  gegangen,  halte,  ohne  irgendwie  die  Gedärme 
zu  verletzen,  2 Mal  das  Gekröse  durchbohrt  und  die  grosse 
Bauchvene  grade  über  dem  Vereinigungspunct  der  beiden 
hypogastrischen  Venen  der  Länge  nach  einen  Zoll  lang 
aufgeschnitten.  Ein  ungeheurer  Bluterguss  fand  sich  in  der 
Bauchhöhle. 

Andre  Stich-  und  Schnittwunden  übergehe  ich  hier, 
nur  eines  Engländers  will  ich  erwähnen,  der  sich  mit  ei- 
nem Rasirmesser  den  Hals  abschnitt,  so  dass  der  Schnitt 
oberhalb  des  Kehlkopfvorsprungs  bis  an  den  Schlund  kam. 
Nach  13  Tagen  war  Alles  wieder  verheilt. 

Von  grossem  blutigen  Operationen  kam  nur  Eine  vor; 
ich  musste  einem  Colonisten  von  Petropolis  wegen  bedeu- 
tender Caries  der  Tibia  und  der  Fussgelenkknochen,  woran 
er  schon  seit  vielen  Jahren  gelitten  batte,  das  Bein  unter 
dem  Knie  abnehmen.  Der  tief  gesunkene  Kräflezustand 
des  Patienten  hob  sich  auffallend  rasch  nach  der  Amputa- 
tion; doch  halte  Pat.  in  den  ersten  Tagen  noch  das  volle 
Gefühl  seines  kranken  Fusses,  ja  sogar  einzelner  Zehen; 
dann  schien  es  ihm,  als  ob  das  Bein  immer  kürzer  würde, 
zuletzt,  als  ob  der  Fuss  gleich  unter  dem  Knie  wäre;  seit- 
dem verschwand  aber  jedes  Gefühl  des  amputirten  Gliedes. 
Einem  Hamburger  Matrosen  trennte  ich  die  zweite  Zehe 
des  linken  Fusses  aus  dem  Zehenfussgelenk  wegen  einer 
chronischen  Verrenkung  zwischen  den  beiden  ersten  Pha- 
langen und  einer  darauf  entslandnen  sarcomalosen  Dege- 
neration, welche  höchst  schmerzhaft  war  und  den  Menschen 
dienstunfähig  machte.  Nach  15  Tagen  konnte  er  wieder 
an  Bord  gehn. 

Fälle  von  Luxationen  kamen  nur  2 Mal  vor:  der  Ulna 


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im  Ellenbogen  und  des  humerus  in  der  Schulter.  Die  Ein- 
richtungen waren  nicht  schwierig. 

Beinah  fabelhaft  könnte  es  erscheinen,  dass  in  einer 
Stadt,  wo  kein  besondres  Hospital  für  Augenkranke  ist, 
unter  819  Patienten  jeder  Art  und  Nation  nur  4 sich  be- 
fanden, welche  wegen  A u g en  en tzündung  allein  und 
vorzugsweise  das  Spital  aufsuchten.  Ich  will  keineswegs 
damit  sagen,  dass  nicht  auch  bei  einigen  andern  Krankhei- 
ten die  Augen  mit  gelitten  hätten,  wie  es  z.  B.  bei  so 
manchen  Pockenkranken  der  Fall  war,  so  wie  auch  bei 
vielen  Leuten,  die  mit  Contusionen  gekommen  waren;  selbst 
bei  jenem  epidemischen  rheumatischen  Fieber  kamen  sehr 
leichte  Ophthalmien  vor,  doch  waren  alle  diese  nie  der 
Grund,  warum  die  Patienten  in’s  Spital  eintraten.  Jene  4 
Patienten,  welche  wegen  Augenübel  in’s  Spital  kamen,  lit- 
ten an  einer  heftigen  catarrhalen  Augenentzündung,  Einer 
an  einer  rhcumalisch-catarrhalen,  Einer  mit  sehr  entwickel- 
ter scrophulöscr  Diathesis  an  Hornhautentzündung,  und  der 
vierte  endlich  an  einer  syphilitischen  Iritis.  Diese  geringe 
Zahl  von  Augenkrankheiten  scheinen  im  Widerspruch  zu 
stehn  mit  so  vielen  Blinden,  die  man  auf  den  Strassen  sieht. 
Allerdings  sieht  man  viele  blinde  Bettler  — NB.  wenn  sie 
wirklich  Alle  blind  sind.  Doch  glaube  ich,  bleibt  nicht 
leicht  ein  Blinder  zu  Hause,  sondern  jeder  sucht  bei  der 
ganz  merkwürdigen  Mildherzigkeit  der  Brasilianer  aus  sei- 
nem Leiden  Vortheil  zu  ziehn,  um  so  mehr,  da  das  Bet- 
teln in  Rio  keineswegs  irgend  etwas  Entehrendes  an  sich 
hat.  Alles,  was  also  blind  ist,  bettelt  auch  darauf  in  den 
Strassen  umher,  meist  ohne  Führer,  denn  an  gefährlichen 
oder  auch  nur  beschwerlichen,  hindernden  Stellen  wird  ein 
Brasilianer  nicht  leicht  einen  Blinden  allein  lassen,  sondern 
ihn  bei  der  Hand  nehmen  und,  z.  B.  bei  einem  Steinhau- 
fen, einem  Wagen,  einem  Baugerüst  vorbeiführen.  Bei 
dieser  vollkommnon  Freiheit  des  Betteins  und  dessen  reich- 
lichem Ertrag  conserviren  sich  viele  von  diesen  Blinden 
sehr  gut;  ich  kenne  eine  Menge  von  ihnen  schon  so  lange 
ich  in  Rio  bin.  Daher  scheint  die  Zahl  der  Blinden  gewiss 


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grösser,  als  sie  wirklich  ist.  Zudem  muss  man  bedenken, 
dass  man  im  Allgemeinen  auf  Augenkrankheiten  wenig 
Rücksicht  nimmt,  und  so  lange  eine  Ophthalmie  vernach- 
lässigt, bis  das  Uebel  unheilbar  ist.  Somit  bedarf  es  kei- 
neswegs einer  grossen  Anzahl  von  Augenkrankheiten,  um 
eine  Reihe  von  Blinden  zu  liefern.  Vielmehr  würde  grade 
Rio  im  Verhältniss  zu  vielen  andern  Städten  von  gleicher 
Grösse  eine  unendlich  kleine  Anzahl  von  Augenkrankheiten 
aufzuweisen  haben,  besonders  deswegen,  weil  alle  jene 
dyscrasischen  Ophthalmien,  als  scrophulöse,  arthritische, 
rheumatische  so  ungemein  selten  sind.  Wie  wenig  Horn- 
hauttrübungen sieht  man  in  Rio  unter  den  Brasilianern,  und 
wie  häufig  ist  nicht  grade  dieses  so  fatale  Augenübel  in 
der  nördlichen  Hälfte  von  Europa! 

(Schluss  folgt.) 


Literatur. 

(Allgemeine  Pathologie.) 

Venedig  von  Seite  seiner  climatischen  Verhält- 
nisse mit  besondrer  Berücksichtigung  seines  Einflusses 
auf  Scropheln  und  Lungenkrankheiten  von  Dr. 
Tautsig , pract.  Arzte  in  Florenz.  Venedig  1847.  XII 
u.  122  S.  8. 

Zu  den  Städten  des  südlichen  Europas,  deren  Clima 
schon  von  den  alten  Aerzten,  besonders  aber  von  mehrem 
des  vorigen  Jahrhunderts,  als  heilsam  bei  Scropheln  und 
Lungentuberkeln  vielfach  empfohlen  worden,  gehört  auch 
Venedig,  dessen  eigentümliche  Lage  demselben  einen  von 
andern  Gegenden  ganz  verschiodnen  Charakter  aufprägen 
muss.  Die  so  eben  erschienene  Schrift  des  Verfassers,  der 
acht  Jahre  in  Venedig  practicirte,  geht  näher  auf  diesen 
Gegenstand  ein,  und  da  in  derselben  die  Erfahrungen  des 
Verf.  über  die  climatischen  Verhältnisse  der  dort  herrschen- 


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den  Krankheiten  u.  s.  w.  niedergolegt  sind,  so  glaube  ich, 
eine  allen  praclischen  Aerztcn  willkommene  Arbeit  zu  un- 
ternehmen, wenn  ich  die  hauptsächlichsten  Resultate  aus 
den  Beobachtungen  des  verdienstvollen  Yerf.  hervorhebe.  . 

Im  ersten  physicalisch- geographischen  Theile  handelt 
derselbe  von  der  Lage  und  Entstehung  der  Stadt  und  dem 
Chrakter  der  Einwohner  und  macht  besonders  auf  die  Be- 
schaffenheit der  Atmosphäre  aufmerksam , die  eine  Secat- 
mosphäre  ist,  da  vielfältige  Untersuchungen  ergaben,  dass 
die  Lagunen  Meerwasser  führen.  Daher  schreibt  sich  ihre 
Heilkraft  bei  Brastaffectionen.  Hierzu  kommt  aber  noch 
die  Gleichmässigkeit  der  Temperatur,  die  bei  weitem  höher 
anzuschlagen  ist,  als  eine  sehr  hohe  aber  stets  wechselnde. 
Die  Nord-  und  Nordostwinde,  die  nur  kurzo  Zeit  des  Jah- 
res wehen,  werden  im  Winter  stets  von  milden  Südwinden 
unterbrochen,  und  gewähren  im  Sommer  den  Yortheil,  die 
grosse  Hitze  zu  mildern.  Was  den  Einwurf  anbelangt,  dass 
die  Stadt  von  allen  Seiten  vom  Wasser  umgeben,  sehr 
feucht  sein  müsse,  so  hat  schon  Thouvenel  gezeigt,  dass 
Mailand  und  selbst  Padua  viel  feuchter  sind,  und  zweitens 
sind  die  sich  aus  dem  Seewasser  erhebenden  Dämpfe  durch 
ihre  Beimischung  von  Salzsäure  wahrscheinlich  weit  weni- 
ger schädlich  als  die  aus  Flüssen  aufsteigenden. 

In  Venedig  herrschen  keine  endemischen  Krankheiten 
und  unter  den  sporadischen  nehmen  die  Wechselfieber,  die 
im  Frühjahre  und  noch  häutiger  im  Herbste  oft  als  Ivter- 
mittentrs  larvatat  und  perniciosat  auflreten,  die  erste  Stelle 
ein.  Sie  unterscheiden  sich  aber  von  denen  in  andern 
Theilen  Italiens  grnssirenden  dadurch,  dass  sie  nicht  durch 
miasmatische  Ausdünstungen  hervorgerufen  werden,  sondern 
mehr  in  der  grossen  Verschiedenheit  der  Temperatur  zur 
Tages-  und  Nachtzeit  ihren  Grund  haben.  Daher  sind  auch 
Recidivc  selten,  Anschwellungen  der  Leber  und  Milz  wer- 
den fast  gar  nicht  beobachtet  und  auch  der  Ouartantypus 
gehört  zu  den  Seltenheiten.  Dagegen  kommen  Sumpfwech- 
selfieber  häufig  auf  den  umgebenden  Insein  vor.  Nächst 
den  intermittirenden  Fiebern  werden  in  den  Sommermona- 


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ten  gastrische  sehr  oft  beobachtet  und  im  Herbste  gehören 
catarrhalisch-rheumatische  AfTectionen  zu  den  herrschenden. 
Die  typhösen  Fieber  machen  aber  nur  einen  geringen  Theil 
der  vorkommenden  Krankheiten  aus;  und  acute  Exantheme 
zeigen  sich  nur  von  Zeit  zu  Zeit  epidemisch,  erreichen  aber 
selten  den  Grad  der  Wichtigkeit,  wie  in  kaltem  Gegenden. 
In  der  letzten  Zeit  des  Aufenthalts  des  Verf.  herrschte  der 
in  Verona  und  Vicenza  endemisch  vorkommende  Friesei 
in  Venedig  sporadisch. 

Entzündliche  AfTectionen  treten  nie  mit  solcher  Inten- 
sität auf,  wie  in  den  benachbarten  Städten,  und  die  der 
Brustorgane  weichen  gewöhnlich  massigen  Blutentziehungen; 
dies  scheint  in  der  niedrigen  Lage  der  Gegend,  in  der 
Entfernung  von  Gebirgen  und  der  Gleichmässigkeit  der 
Temperatur  seinen  Grund  zu  haben.  Jedoch  möchte  ich 
mich  mit  dem  Verf.  nicht  darin  einverstanden  erklären,  dass 
er  auch  die  vorherrschende  nervöse  Reizbarkeit,  auf  die 
er  im  Ganzen  zu  viel  Gewicht  legt,  hierher  zählt. 

Das  häufige  Vorkommen  von  NervenafFectionen  scheint 
ihm  zumal  von  Mangel  an  Thätigkeit  und  körperlicher  Be- 
wegung, so  wie  von  dem  allgemein  verbreiteten  Genüsse 
des  Kaffees  und  den  späten  Nachtwachen  herzurühren.  Wenn 
er  aber  das  vorherrschende  nervöse  Element  auch  als  die 
Ursache  des  seltnen  Auftretens  von  Lungentuberkeln  ange- 
sehn  wissen  will,  so  scheint  er  mir  sich  auf  das  vage  Ge- 
biet der  Hypothese  zu  begeben.  Warum  wollen  wir  uns 
nicht  vielmehr  auf  die  Erfahrung  stützen,  die  uns  vielfache 
Beweise  liefert,  dass  eine  gleichmässige  Temperatur  und 
zumal  die  eigenthümliche  Beschaffenheit  der  Atmosphäre  der 
Bildung  der  Tuberkeln  nicht  günstig  ist. 

Eine  häufige  Ursache  zu  chronischen  Krankheiten  und 
jähen  Todesfällen  soll  das  öftre  Vorkommen  der  Verknö- 
chorung  in  den  Arterien  abgeben.  Schon  die  altern  Aerzte, 
wie  Santorini,  haben  diesen  Gegenstand  einer  besondern 
Aufmerksamkeit  gewürdigt,  doch  bedarf  er  noch  einer  ge- 
nauem Prüfung;  hauptsächlich  sind  die  ursächlichen  Mo- 
mente zu  erforschen,  unter  denen  dem  Verf.  zufolge  der 


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307 


Missbrauch  geistiger  Getränke  eine  besondre  Berücksichti- 
gung verdient.  Da  eigentliche  Gichtanfälle  zu  den  Selten- 
heiten gehören,  so  könnte  man  auch  hierin  den  Grund  der 
überwiegenden  kalkartigcn  Ablagerung  in  den  Gelassen  suchen. 

Unter  die  chronischen  Hautausschläge  gehören  einige 
herpetische  Formen,  die  mit  dem  Namen  Salzfluss  ( Salso ) 
belegt  werden,  zu  den  häufigsten. 

Das  Clima  Venedigs  ist  mehr  ein  conservirendes,  was 
daraus  hervorgeht,  dass  ein  hohes  Lebensalter  sehr  oR, 
selbst  bei  kranken,  namentlich  an  chronischen  Afleclionen 
der  Respirationsorgane  Leidenden  beobachtet  wird. 

Im  Ganzen  scheint  aber  der  Vegetationsprocess  nicht 
so  energisch  vor  sich  zu  gehn,  wie  in  den  nächsten  Orten 
des  Festlandes.  Daher  vermisst  man  das  blühende  Aussehn 
jugendlicher  Individuen,  welches  in  dem  nahen  Vicenza, 
Mailand  u.  s.  w.  auflallt.  Ebenso  scheint  auch  die  Consum- 
lion  nicht  so  rasch  fortzuschreiten  wie  anderwärts,  wovon 
die  lange  Lebensdauer  selbst  kränkelnder  Individuen  den 
Beweis  liefert. 

Ausserdem  zeigt  sich  nun  aber  das  Clima  besonders 
heilsam  in  der  Scrophulosis  und  der  damit  in  Verbindung 
stehenden  Tubcrkelbildung.  Zwar  wird  durch  den  Aufent- 
halt in  Venedig  die  vorhandne  Disposition  zu  diesen  krank- 
haften Zuständen  nicht  gehoben,  aber  der  raschen  Entwick- 
lung Einhalt  gethan  und  die  mild-gleichmässige  Tempera- 
tur, die  geringe  Geneigtheit  des  Organismus  zu  Entzündun- 
gen halten  die  Tuberkeln  längere  Zeit  im  cruden  Zustande, 
wo  es  der  Heilkraft  der  Natur  nicht  selten  gelingt,  ihre 
Entwicklung  rückgängig  zu  machen.  Die  tägliche  Erfah- 
rung zeigt,  dass  Individuen,  die  in  ihrer  Jugend  die  erns- 
testen Besorgnisse  wegen  bestehender  Lungentuberkeln 
erregten,  im  spätem  Lebensalter  rüstiger  wurden  und  bis- 
weilen ein  hohes  Alter  erreichten. 

Wegen  des  Vorherrschens  des  nervösen  Elements  ist 
aber  bei  chronischen,  mehr  passiven  Schleimflüssen,  wie 
Leucorrhöe,  beim  Asthma  und  andern  Magenleidcn  der  Auf- 
enthalt in  Venedig  nicht  rathsam  und  selbst  Scrophulöse 


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sollten,  der  Ansicht  des  Vfs.  nach,  nicht  Jahre  lang,  sondern 
nur  einige  Monate  ununterbrochen  dort  verweilen. 

Vergleicht  man  überhaupt  die  Sterblichkeit  in  Italien 
mit  der  in  andern  Ländern,  so  erhält  man  keine  so  güns- 
tigen Resultate,  als  man  in  Folge  des  gepriesenen  Climas 
erwarten  sollte;  denn  in  Italien  ist  das  Morlalitätsverhältniss 
wie  30  : 1 , während  cs  sich  in  England  wie  4t>  : 1 , in 
Frankreich  wie  42  : 1,  in  Preussen  wie  37  : i,  in  Oeslreich 
wie  33  : 1 herausgestellt  hat.  Obgleich  nun  hieraus  her- 
vorgehl, dass  in  Italien  die  Sterblichkeit  im  Allgemeinen 
grösser  ist  wie  in  andern  Ländern,  so  lässt  sich  doch  kei- 
neswegs hieraus,  wie  der  Vf.  mit  Recht  bemerkt,  auf  die 
Salubrilät  des  Landes  ein  Schluss  ziehen. 

„Die  Sterblichkeit”,  fügt  er  hinzu,  „ist  das  Resultat 
aller  verschiednen  Einflüsse  irgend  einer  Gegend  auf  die 
Lebensfähigkeit  seiner  Bewohner.  Der  Grad  dieser  Einflüsse 
wechselt  nach  der  Verschiedenheit  de6  Climas  und  obschon 
die  Natur  den  Menschen  die  Fähigkeit  verlieb,  in  jedem 
China  leben  zu  können,  scheint  sic  doch  die  individuelle 
Kraft  der  Bewohner  der  geographischen  Lage  ihrer  Heimalh 
angemessen  zu  haben.  Jedes  Clima  ist  demnach  ein  gutes, 
insofern  sich  die  Einflüsse  von  Aussen  mit  dem  Widerstand 
des  Organismus  das  Gleichgewicht  halten,  ln  strengem 
Chmaten  verlangt  dieser  zu  leistende  Widerstand  eine  grös- 
sere Anstrengung  des  dort  lebenden  Individuums  und  diese 
Hebung  im  Widerstande  macht  den  übrigens  gesunden  Kör» 
per  desto  rüstiger,  während  das  Gegenlheil  von  Beiden  bei 
Südländern  im  Allgemeinen  der  Fall  ist”.  Hieraus  ergiebt 
sibh,  weshalb  Nordländer  im  Ganzen  kräftiger  sind  und  ein 
höheres  Aller  erreichen;  daraus  folgt  aber  noch  gar  nicht, 
dass  ein  nördliches  Clima  vorteilhafter  sei  und  oft  zeigt 
es  sich  bei  krankhaften  Zuständen  nachtheilig,  wo  die  Milde 
des  südlichen  seine  heilsame  Wirkung  ausübt. 

Besonders  ist  die  Sterblichkeit  im  Kindesaller  in  Ve- 
nedig grösser  als  in  manchen  andern  Städten  und  dem  Grund 
dafür  sucht  der  Vf.  vorzugsweise  in  dem  Mangel  an  Pflege 
zumal  in  der  nicht  hinlänglich  beachteten  Einwirkung  der 


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Kälte  im  kindlichen  Alter.  Dagegen  ist  auffallender  Weife 
die  Zahl  derer,  die  ein  höheres  Alter  als  80  Jahre  errei- 
chen, ziemlich  gross  und  wer  einmal  das  siebzigste  über- 
schritten hat,  hat  eine  grosse  Wahrscheinlichkeit,  das  Grei- 
senaller  zu  erreichen.  — Schliesslich  spricht  der  Vf,  noch 
von  den  Missbrauchen,  die  einen  nachtheiligen  Einfluss  auf 
die  Gesundheit  ausüben,  sowie  den  schädlichen  Folgen  des 
häufigen  Genusses  des  Kaffees,  der  geistigen  Getränke  und 
teilt  dann  für  Neuankömmlinge  diätetische  Regeln  mit. 

Dieser  kurze  Auszug  wird,  glaube  ich,  genügen,  dar- 
zulhun,  dass  diese  Schrift  für  alle  Diejenigen,  die  sich  ge- 
nauer mit  der  medicinischen  Geographie  and  der  Verkei- 
lung der  Krankheiten  über  den  Erdboden  beschäftigen,  einen 
schätzenswerthen  Beitrag  zu  den  bereits  vorhandenen  lie- 
fert. Dr.  H. 


Nachdem  ich  in  meinen  „Denkwürdigkeiten”  durch  ge- 
naue thatsächliche  (statistische)  Nachweise  gezeigt  zu  haben 
glaube,  wie  wenig  wissenschaftlich  noch  factisch  begründet 
die  zur  Mode  gewordne  Lehre  vom  Nutzen  südlicher  (ita- 
lienischer) Climate  für  Lungensüchtige  sei,  die  einzig  und 
allein  die  englischen  Aerzte  für  ihre  reiselustigen,  wohlha- 
benden und  za  Haus  gelangweilten  Kranken  erfunden  ha- 
ben, musste  mir  eine  neue  Schrift  von  einem  in  Italien  le- 
benden Arzte,  die  den  „Einfloss  des  venetianischen  Climas 
auf  Lungenkranke”  auf  dem  Titel  zu  schildern  verheisst, 
von  grösstem  Interesse  sein.  Was  aber  war  die  Ausbeute 
in  Beziehung  auf  diesen  Punct?  Einzig  und  allein  folgende 
Stelle  S.  90:  „Lungenkranke  erhalten  sich  hier  oft(l)  wun- 
derbar lange.  Fhderigo  zählt  mehrere  (1!)  beachtenswerte 
Fälle  dieser  Art  auf,  und  ich  selbst  batte  mehrcremale  (fff) 
Gelegenheit,  mich  zu  überzeugen,  dass  Tuberkelleidende  hier 
vorkamen,  die,  obschon  die  Krankheit  frühzeitig  begonnen, 
doch  die  gewöhnliche  Dauer  des  Menschenlebens  (!!)  er- 
reichten”. In  den  paar  angefügten  statistischen  Tabellen  ist 
auch  nicht  mit  Einem  Worte  der  Phthisen  Erwähnung  ge- 
schehn,  — Ich  überlasse  es  dem  Leser  zu  beurteilen,  wel- 


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400 


chen  Werth  eine  solche  allgemeine  Phrase  in  einer  so  hoch- 
wichtigen Angelegenheit  hat,  und  werde  eine  grosse  Beru- 
higung empfinden,  wenn  vorläufig,  bis  eindringlichere  Be- 
weise meine  Ansicht  widerlegt  haben  werden,  deutsche 
Aerzte  in  betreffenden  Fällen  ihre  Tuberkelkranken  fein  bei 
den  Ihrigen  lassen,  sie  nicht  ihren  Gewohnheiten,  der  Pflege 
der  Familie,  der  Liebe  ihrer  Gatten  und  Kinder  u.  s.  w. 
entziehn,  ihnen  nicht  mit  oft  grosser  pecuniärer  Aufopfe- 
rung eine  Reise  in  ein  fernes  Land  vorschreiben,  das  im 
Allgemeinen,  so  entzückend  es  für  Gesunde,  so  wenig  com- 
fortabel  für  Kranke  überhaupt  ist,  nur  um  — die  unglücklichen 
Kranken  nur  noch  rascher  ihren  Rest  Lunge  consumiren 
und  sie  an  der  Pyramide  des  Cestus  in  Rom,  oder  auf 
dem  elegisch-schönen  Cypressen-Kirchhofe  in  Nizza,  oder 
auf  dem  neuen,  prachtvollen  Campo  Santo  am  Posilipp  in 
Neapel  begraben  zu  lassen! 

Möchte  doch  einer  der  vielen  jungen  deutschen  Aerzte, 
die  alljährlich  nach  Italien  reisen,  dies  wichtige  Thema  auf- 
nehmen, und  an  Ort  und  Stelle,  in  Pisa,  Nizza,  Venedig. 
Rom,  Neapel,  gründliche,  viele  Jahre  umfassende,  sta- 
tistische Forschungen  mit  Sorgfalt  und  Umsicht  anstelien, 
Neue  Berichte  der  Art  würden  ihrem  Verfasser  dauernden 
Ruhm  eintragen,  denn  es  handelt  sich  hier,  wie  überall  wo 
von  Forschungen  die  Lungentuberculose  betreffend,  die  Rede, 
von  einer  der  allerwichligsten  Angelegenheiten  der  Mensch- 
heit, von  einer  Krankheit,  der  je  der  fünfte  bis  sechste  al- 
ler Todten  gehört,  und  die  sonach  weit  furchtbarer  ist,  als 
einzelne  durchgehende  mörderische  Seuchen, 

Wie  gern  will  ich  mich  — nicht  durch  Phrasen,  wie 
die  der  vorliegenden  Schrift  — durch  solche  gründlich- 
thatsächliche  Beweise  widerlegen  lassen.  Bis  dahin  aber 
schwöre  man  vorläufig  nicht  weiter  in  terba  — Ctarkii,  und 
lasse,  ich  wiederhole  es,  seine  Kranken  fein  zu  Hause.  Man 
wird  viel  Unheil  verhüten,  wie  ich  aus  reichen  Erfahrun- 
gen, in  Deutschland  und  bei  einem  viermaligen  Aufenthalte 
in  Italien  gesammelt,  versichern  kann. 

Casper. 


Gedruckt  bei  J.  Petsch. 


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WOCHENSCHRIFT 

für  die 

gesammte 

HEILK  UN  DE. 

Herausgeber:  I)r.  Casper. 

Diese  Wochenschrift  erscheint  jedesmal  am  Sonnabende  in  Lieferungen 
von  1,  bisweilen  1J  Bogen.  Der  Preis  des  Jahrgangs  mit  den  nö- 
thigen  Registern  ist  auf  3J  Thlr.  bestimmt,  wofür  sämmlliche  Buch- 
handlungen und  Postämter  sie  zu  liefern  im  Stande  sind. 

A.  Ilir schicald. 

JVS  26.  Berlin , den  ‘24,en  Juni  1848. 

Erfahrungen  aus  der  Hospitalpraxis  in  Rio  Janeiro.  Vom  ür.  Lallc- 
niant.  (Schluss.)  — Fälle  von  organischer  Leberkraukheil.  Vom 
Sanit.-Ralh  Dr.  Steinthal.  — Krit.  Anzeiger. 

Uebersicht  der  in  der  Frenulcnslafion  der  Mize- 
• ricordia  zu  Rio  de  Janeiro  vom  1.  Juli  1846  — 
30.  Juni  184?  behandelten  Krankheitsfälle. 

Mitgetheilt 

vom  Hospitalarzt  Dr.  iMllemant  zu  Rio  de  Janeiro. 
(Schluss). 


Ich  muss  jetzt  noch  einen  Blick  auf  eine  Reihe  von 
Frauen  und  Kindern  werfen,  welche  nicht  mit  einbegriffen 
sind  in  meiner  Aufzählung,  aber  dennoch  von  mir  behan- 
delt wurden.  Bei  der  grossen  Humanität  der  Hospitalsad- 
ministration ward  immer  sogleich , wenn  sich  deutsche 
Frauen  mit  Kindern  von  den  kürzlich  angekommenen  Colo- 
nistenschiflen  krank  einfanden,  ein  besondres,  freilich  nur 
beschränktes  Zimmer  eingerichtet,  wo  dieselben  zusammen 
bleiben  konnten  und  von  mir  behandelt  wurden.  — Grade 
in  dem  oben  angegebenen  Zeitraum  war  dieses  mehrere 
Mal  der  Fall,  und  es  wäre  ungerecht  von  mir,  wenn  ich 
nicht  der  grossen  Bereitwilligkeit  und  Menschenfreundlich- 

JahrgaDg  1848.  26 


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kcit  von  Seiten  der  Hospitalsverwaltung  ganz  besonders 
hier  Erwähnung  thäte,  wenn  auch  leider  so  Manche  von 
diesen  unglücklichen  Auswandrern  eben  dadurch  auch  nur 
eine  leichtere  Todesstunde  halten.  Denn  es  steht  diese 
Brasilianische  Humanität  im  schreiendsten  Widerspruche  mit 
dem  Verfahren  so  mancher  Europäischen  Schiflsrheder  und 
Menschenanwerber,  oder  so  mancher  rohen  Capitaine,  dass 
einem  wirklich  die  Haare  zu  Berge  stehn  können , beson- 
ders wenn  man  sieht,  dass  die  in  Rio  ansässigen  Deutschen 
selbst  sich  sogar  blutwenig  um  das  arme  ausgewanderte 
Volk  bekümmern.  Humanität  habe  ich  auch  hier  fast  nur 
von  Brasilianern  erlebt,  und  wenn  auch  Manches,  was 
für  die  Colonisten  geschah,  nicht  zweckmässig  war,  so  war 
doch  die  Menschlichkeit  unverkennbar  dabei.  — Wie  aber 
mit  solchen  Auswanderern  unterwegs  von  einzelnen  Schifls- 
capitaincn  umgegangen  wird,  konnte  man  an  mchrern 
Schiffstransporten  im  vorigen  Herbste  sehn.  Von  dem  schon 
oben  genannten  Schiffe  Pyle  kam  eine  Reihe  von  Weibern 
und  Kindern,  die  wirklich  inniges  Mitleid  eintlössen  muss- 
ten, alle  klagten  aufs  Bitterste  über  die  Behandlung  auf  der 
Seereise;  bei  4 Patienten  entwickelte  sich  Typhus,  bei  meh- 
rern  Kindern  scrophulöse  Atrophie,  bei  2 andern  Weibern 
Wassersucht.  Am  schändlichsten  aber  sind  die  Colonisten 
behandelt  worden,  welche  mit  der  französischen  Brigg  Vir- 
ginie  von  Dünkirchen  kamen.  Im  eigentlichsten  .Sinne  des 
Worts  hat  der  Capitain  die  Leute  hungern,  ich  möchte  sa- 
gen verhungern  lassen;  von  180  Menschen  waren  16  ge- 
storben, und  eine  Menge  von  den  lebendig  angekommenen 
beinahe  sterbend,  wie  denn  auch  mehrere  von  ihnen  in  den 
ersten  Tagen  im  Spital  starben.  Unter  diesen,  die  so  in 
Folge  des  Hungers  gleich  Anfangs  im  Spital  starben,  war 
z.  B.  Jacob  Ney,  der  8 Kinder  bülflos  hinterliess,  ferner 
Jacob  Stumm,  dem  schon  1 Kind  auf  der  Reise  gestorben 
war,  und  der  mit  seiner  Frau  nebst  einem  andern  kranken 
Kinde  ins  Spital  kam;  letztres  starb  mit  dem  Vater  und  es 
blieb  nun  eine  alte  Mutter,  2 Geschwister,  die  Frau  und  2 
andre  Kinder  des  Verstorbenen  hülflos.  Zwei  andre  Wei- 


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ber  starben  schon  nach  24  Stunden  im  Spital;  eine  andre 
hatte  2 Kinder  auf  der  Reise  verloren.  Wenn  man  diese 
Jammergestalten  so  daliegen  sah,  und  nun  die  bittern  Kla- 
gen vernahm,  die  bei  Allen  ganz  gleichlautend  waren  und 
auf  beispiellose  Gemeinheit  des  Capitains  und  höchst  dürf- 
tige Ausrüstung  des  SchifTs  hinausliefen,  so  konnte  man 
wirklich  allen  Glauben  an  Menschlichkeit  aufgeben.  Dieser 
Fall  mit  der  Virginie  machte  grosses  Aufsehn;  als  man  den 
Capitain  zur  Rechenschaft  ziehn  wollte,  hatte  er  sich  ein 
Attest  von  einem  hiesigen  bekannten  französischen  Arzte 
geben  lassen,  dass  alle  jene  Todes-  und  Krankheitsfälle 
keineswegs  von  Verhungerung,  sondern  von  andern  Ursa- 
chen herrührten!  Und  dies  geschah  unter  der  Flagge  einer 
der  Nationen,  welche  gegen  die  Sclavenschiffe  so  gewaltig 
kreuzen ! 

Einer  grossen  Menge  von  diesen  Colonisten  ist  es  nun 
aber  auch  auf  Brasilianischem  Boden  schlecht  gegangen, 
freilich  ohne  dass  man  eben  Jemandem  speciell  die  Schuld 
geben  konnte.  Da  sie  von  Niemand  angeworben  waren, 
so  nahm  sich  auch  Niemand  ihrer  an,  und  es  wäre  den 
Leuten  sehr  schlecht  gegangen,  wenn  nicht  die  Regierung 
sich  auch  diesmal  der  Angekommenen  angenommen  und  sie 
an  zwei  versebiednen  Orten  der  Stadt  so  gut  es  gehn 
wollte,  untergebracht  hätte.  Einer  dieser  Orte  war  indess 
nur  ein  offnes  Dach,  so  dass  die  Leute  jeglicher  Ungunst 
der  Witterung  ansgesetzt  waren.  Dies  mag  der  Hauptgrund 
gewesen  sein,  warum  der  damalige  Inspector  vom  hiesigen 
Zollhaus,  Satumino  de  Souza  e Olireira,  der  seitdem  Mi- 
nister geworden  ist,  sich  der  Leute  annahm,  und  ihnen  von 
seinen  Landbesitzungen  bei  Macahe  in  der  Nähe  vom  Cap 
frio  einzelne  Stücke  verkaufte,  und  so  den  Anfang  zu  ei- 
ner deutschen  Colonie  machte.  Aber  ehe  noch  irgend  et- 
was an  Ackerbau  dort  gethan  werden  konnte,  brach  ein 
Fieber  dort  aus,  es  starben  schnell  über  50  Menschen,  die 
Meisten  wurden  krank,  Viele  flüchteten  sich  von  dort  nach 
den  Gebirgen  und  mehrere  von  ihnen  kamen,  da  der  dort 
angestellte  deutsche  Arzt  sich  ebenfalls  entfernte,  nach  Rio 

26* 


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404 


und  in’s  Spital,  und  auf  den  ersten  Blick  sah  man  ihnen 
an,  dass  ihre  Gesundheit  von  Surnpfmiasmen  gelitten  hatte. 

Schon  seit  vielen  Jahren  ist  es  in  Brasilien,  besonders 
in  den  Küstenstrichen  der  Tropen  bemerkt  worden,  dass 
nach  einer  Reihe  von  gleich  aufzuzählenden  Ursachen  sich 
weithin  herrschende  Fieber  von  synocbalem,  remittirendem 
oder  intermittirendem  Typus  entwickeln,  mehr  oder  minder 
gefährlichen  Charakter  annehmen,  und  die  Gesundheit  auf 
lange  Zeit,  ja  manchmal  für  immer  untergraben.  Sie  kom- 
men immer  in  niedrigen,  keineswegs  aber  immer  morasti- 
gen Gegenden  vor,  zumal  in  solchen,  welche  für  die  Cul- 
tur  des  Zuckerrohrs  und  des  Reis  geeignet  sind,  überhaupt 
reiche  Vegetation  hervorbringen.  Solche  Gegenden  giebt 
es  nun  in  Menge  auf  dem  weilen  Küstenstriche  des  Brasi- 
lianischen Continents,  insbesondre  aber  sind  viele  Districte 
in  der  Provinz  Rio  selbst,  in  welchen  sich  Sumpffieber  ent- 
wickeln, z.  B.  die  ganze  Gegend,  welche  sich  von  der  wei- 
ten Bucht  von  Rio  bis  zu  den  Gebirgen  erstreckt,  und  noch 
viel  mehr  Producte  liefern  könnte,  wenn  nicht  so  manch- 
mal die  Einwohner  decimirt  würden,  wie  es  z.  B.  im  Jahre 
1829  der  Fall  war,  und  cs  grade  in  dem  gegenwärtigen 
Jahre  wieder  der  Fall  ist. 

Die  nächsten  Ursachen  sind  nun  einmal  der  Ackerbau 
selbst.  Es  giebt  Gegenden,  welche  ganz  leidlich  gesund 
sind,  so  lange  man  nicht  die  Vegetation  in  Masse  ausrotlet, 
um  Pflanzungen  anzulegen.  So  lange  einige  wenige  An- 
bauer kleine  Stücke  des  Bodens  entblössen,  um  etwas  Reis, 
etwas  Zuckerrohr,  etwas  Mandioc  zu  pflanzen,  so  lange 
bilden  sich  keine  bedeutende  Exhalationen,  und  die  Pflanzer 
befinden  sich  leidlich  wohl.  Werden  indess  von  Vielen  zu 
gleicher  Zeit  und  in  gleicher  Gegend  grössere  Pflanzungs- 
versuche gemacht,  so  entwickelt  sich  da,  wo  sonst  Gesund- 
heit herrschte,  ein  miasmatisches  Fieber;  die  ganze  Ge- 
gend, der  ganze  Boden  scheint  in  Fäulniss,  in  Gährung 
überzugehn,  und  in  diesem  gewaltigen  Gährungsprocess 
der  Erdoberfläche  geht  der  Mensch  selbst  mit  zu  Grunde. 
So  ging  es  den  Deutschen  in  oder  bei  Macahe  ebenfalls. 


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Die  Gegend  war  nicht  wegen  Ungesundheit  verrufen,  viel- 
mehr bestehn  dort  seit  längerer  Zeit  Anpflanzungen,  und 
man  hat  sich  nicht  über  bedeutende  Krankheiten  beklagt. 
Kaum  aber  fingen  die  Deutschen  dort  an  zu  arbeiten,  so 
brach  jenes  Sumpflieber  mit  einer  solchen  Heftigkeit  aus, 
dass  die  Brasilianischen  Anwohner  selbst  von  der  Fremd- 
artigkeit dieser  Erscheinung  zurückgeschreckt  wurden  und 
unsre  Landsleute  eben  deswegen  noch  einsame